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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Mit den offenen Armen, welche die Spruchbäuerin dem neuen Ankömmling entgegenstrecken sollte, war es nun so eine Sache. Die alte Frau riß zwar Mund und Augen auf vor Überraschung; wer aber behaupten würde, dieselbe sei eine angenehme gewesen, hätte gelogen. Sie stand vor etwas Unbegreiflichem: ihr Sohn war von zu Hause fortgegangen, um im Fichtenschlag nach dem Rechten zu sehen; statt dessen kam er schon nach einer knappen Stunde wieder heim und führte ihr als neue, von ihm eingestellte Dienstmagd ein Mädchen zu, welches sie im ersten Augenblick als der Wiesenbäuerin Kreszenz erkannte. Was hatte das zu bedeuten? Die Sache war zu rund für ihr einfaches Begriffsvermögen.

Gleichwohl kam kein Wort des Tadels oder der Weigerung über ihre Lippen; sie wußte, daß sie dadurch nur dem Ansehen des Bauern geschadet hätte. In guten bäuerlichen Kreisen gilt ja noch immer der patriarchalische Grundsatz, daß der Anwesensbesitzer unumschränkter Herr in seinem 80 Hause ist, weshalb etwaige Wünsche anderer, sogar von Eltern und Familienangehörigen sich seinen Anordnungen zu beugen haben. Die Bäuerin sagte daher nur etwas wundrigen Tones:

»So so! Eine neue Magd bringst mit! Hast 'leicht glaubt, unsere jetzigen vierzehn Mädeln sind nicht g'nug?«

»Für draußen im Feld und auf der Wiesen langen s' reichlich, Mutter; dort haben wir keinen anderen Dienstboten mehr nötig. Aber die Kreszenz da, die hab' ich extera für Dich 'dungen. Du beklagst Dich ja schon alleweil, daß Dir die Zimmer von denen Eisenbahnern so viel z'schaffen machen, da soll s' halt Dir dabei an d' Hand gehen.«

Die Frau hatte zwar noch vieles zu fragen, denn das unvorhergesehene Erscheinen der bisher im Wiesenbauernhof untergebrachten Waise in ihrem Haus blieb ihr nach wie vor unerklärlich. Da sie aber im Beisein der Fremden keine vertrauliche Aussprache mit Stephan beginnen konnte, zügelte sie vorläufig ihre Wißbegierde, indem sie sich nunmehr an Kreszenz wandte.

»So steht also die G'schicht!« sagte sie, »nur mir zur Aushilf' hat Dich der Bauer eing'stellt. Nun alsdann sag' ich halt Grüß Gott zu Dir und heiß' Dich willkommen. Hast denn schon z' Morgen 'gessen, Kreszenz? – Ja? Sonst hätt' ich Dir 81 z'erst eine Suppen 'kocht, bevor ich Dir Dein Kammerl anweisen tu'. Weil D' aber schon 'gessen hast, können wir gleich auffigeh'n. Nimm halt Dein Packl und komm' mit.«

Stephan war mit der Begrüßung, welche seine Mutter dem Mädchen hatte zuteil werden lassen, für's erste ganz zufrieden. Er konnte sich hineindenken in das Empfinden der alten Frau, welche plötzlich einem unverhofften Ereignis gegenüberstand und nun vor Neugier brannte, dafür eine Erklärung zu bekommen.

Wie er seine Mutter kannte, zählte er auch darauf, daß dem ziemlich kühlen Willkomm, den Kreszenz gefunden, schon wärmere Umgangsformen folgen würden, sobald die Frau nur erfahren hatte, unter welchen Umständen er das Mädchen, von aller Welt verlassen, unter Gottes freiem Himmel antraf. Seine Hoffnung täuschte ihn auch nicht. Ihr gutes Herz gewann die Oberhand über alle Bedenken, wie etwa die Wiesenbäuerin die Einstellung einer von ihr entlassenen Magd aufnehmen würde, um so mehr, da sie keine Kenntnis davon besaß, daß Kreszenz eigentlich nur wegen Lenes Eifersucht entfernt worden war. Andernfalls wäre sie wohl stutzig geworden. Sie wußte nämlich, daß die Eifersucht scharfe Augen hat und manches sieht, was den Blicken unbefangener Dritten verborgen bleibt. Deshalb würde 82 sie sicher auch nachgegrübelt haben, was denn die Magd angestellt hätte, um Lenes Eifersucht zu erwecken. Daß dieselbe durch eine Handlung ihres eigenen Sohnes verursacht sein könnte, wäre ihr dabei niemals in den Sinn gekommen; schon der Gedanke an eine solche Möglichkeit war ja für ihre festgewurzelten Anschauungen eine Absurdität.

Die Spruchbäuerin glaubte daher fest und steif, ihr Stephan habe die verstoßene Waise nur aus Mitleid auf dem Wege aufgelesen und in sein Haus geführt. Und da sie nun einerseits ihrem Sohn nicht an Barmherzigkeit nachstehen wollte, während andrerseits Kreszenz ihr Versprechen hielt und der alten Frau in der Hausarbeit bestens zur Seite stand, hatte sich zwischen letzterer und der Magd schon in wenigen Tagen ein Verhältnis herausgebildet, das der Herzenswärme durchaus nicht entbehrte, sondern an den innigen Verkehr einer Mutter mit der Tochter erinnerte.

Nach den vielen Demütigungen, die sie in der Familie des Wiesenbauern erlitten, nach den unzähligen Schimpf- und Schmähworten, die sie dort stündlich hatte hinunterwürgen müssen, kam sich Kreszenz jetzt vor wie im Himmel. Sie dankte Gott tausendmal für die gnädige Wendung ihres Geschicks, durch welche er ihr eine neue Heimstätte bereitet hatte, und tat alles, um sich die 83 Zufriedenheit des Hausherrn und der Bäuerin zu sichern.

Darf man sich darüber wundern, daß die Waise infolgedessen Stephan als Werkzeug der Vorsehung betrachtete und zu ihm aufsah wie zu einem höheren Wesen? Kann es überraschen, daß sie ihm anfangs nur aus Dankbarkeit jeden Wunsch an den Augen abzulesen trachtete, daß sich aber bald ein viel mächtigeres Gefühl noch dazu gesellte? Wie in Stephans Brust das ursprüngliche Erbarmen mit der mißhandelten Lehrerstochter sich plötzlich in flammende Liebe verwandelte, so erblühte in dem unberührten reinen Herzen des Mädchens aus der Dankbarkeit die zarte Blume der ersten Liebe, die Glück begehrte und bereit war, Glück zu gewähren. Und wie Stephan der wahren Art seiner Empfindung sich erst im Moment bewußt wurde, als er in Gefahr stand, die in die Fremde hinausgestoßene Magd für immer zu verlieren, so hielt auch Kreszenz ihr Gefühl für den jungen Mann nur für lautere Dankbarkeit, bis ein entsetzlicher Vorfall auch ihr plötzlich die Erleuchtung brachte. – 84

 


 

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