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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Am Abend dieses Tages saßen die Wiesenbäuerin und ihre Tochter in der Küche einander gegenüber am großen Tisch neben dem Herd und hielten eine angelegentliche Zwiesprache. Das Thema mußte herzergreifend sein; denn wäre Lene dafür bezahlt worden, so hätte sie auch nicht ärger flennen und schluchzen können. Aber die Tränen brachten ihr keine Erleichterung; die heißen Tropfen fielen vielmehr wie ätzendes Gift in ihr Inneres, weil sie von loderndem Zorn und grimmigem Haß hervorgelockt waren und deshalb das Mädchen stets zu neuen Ausbrüchen leidenschaftlicher, maßloser Heftigkeit aufstachelten.

»Ich weiß, was ich weiß,« stöhnte sie, »und was meine Augen g'seh'n haben, das betrügt mein Herz nicht.«

»Aber, Lene!« wandte die Bäuerin ein, »Du irrst Dich. So 'was laßt sich ja gar nicht ausdenken; es ist rein unmöglich.«

»Unmöglich – warum?«

49 »Na, so überleg' doch ein bißl! Der Spruchbauer, der reichste Grundb'sitzer weit umundum, sollt' sich mit einem Mädel befassen, das keinen Pfennig und keinen Heller im Vermögen hat? Das ärmer ist wie eine Kirchenmaus? Was fallt Dir denn ein? Da muß wahrhaftig die ganze Christenheit darüber lachen!«

»Für andere Leut' kann's schon 'was z'lachen sein,« schluchzte Lene, »nur ich möcht' mir gleich alle Haar' ausraufen.«

»Es ist gar kein Z'sammenstand nicht.«

»Was fragt der Spruchbauer viel nach dem Z'sammstand? Der fragt nach gar nichts. Wenn dem Gischpel, dem halbnarrischen, 's Radl laufend wird, heirat' er den Fetzen vom Fleck weg, nur damit er den Schattendorfern einen Possen antut und uns eine Fremde 'reinsetzt in die G'meind'. So 'was kann man dem schon zutrau'n. Auf mich aber deuten die Leut' alsdann mit den Fingern. Huhuhuhhh!«

Lene weinte in die neue, mit farbigen Blumen bedruckte Schürze hinein, die sie, seit sie von der Wiese heimgekommen war, noch nicht abgelegt hatte, die dicksten Zähren.

»Leicht hat der Stephan mit der Kreszenz nur ein wengl seinen Spaß 'trieben,« suchte die von diesem Anblick gerührte Mutter das Mädchen zu trösten.

50 »Nein, nein,« erwiderte sie entschieden, »das war kein Spaß nicht, sondern sein hainbuchener Ernst. O, ich hab ihn g'nau beobacht'; nimmer aus den Augen hat er's g'lassen, die Hex', die verdächtige. G'wiß hat s' ihm 'was an'tan, daß er z'guter letzt an ihr hängen bleiben muß, ob er will oder er will nicht. Und drum, Mutter, sag' ich dir das einzige: hilf mir, hilf Deinem 'kränkten Kind! Sonst geh' ich in den Dorfteich, wo er am allertiefsten ist, oder ich kratz' derer Kreatur ihrige scheinheiligen Augen aus.«

»Ja, wie soll ich Dir denn helfen? Was verlangst denn von mir?« fragte die Bäuerin, welche nicht recht wußte, worauf Lene abzielte, aber doch gerne deren Schmerz gelindert hätte. »Wenn's in meinen Kräften steht, alsdann soll's geschehen.«

»So jag' den Schlampen aus dem Haus, – aber gleich heunt noch, gleich jetzt!«

»Wenn es sich um nichts anders handelt, als daß ich das Mädel fort'schick', alsdann hättest kein so Geplärr und keine solchene Lamentation anz'fangen brauchen. Das kann leicht g'scheh'n. Die Kreszenz ist nicht da als Magd auf'dungen und sie hat dessentwegen auch keine Kündigungszeit. Der kann ich Feierabend geben, sobald 's mir paßt. Ihre Muttern ist freilich einmal meine beste Kamerädin gewesen, und sie selber hab ich firmen lassen. Aber wenn Dir ein G'fallen g'schieht 51 damit und wenn D' anders kein' Ruh' nicht gibst, alsdann in Gott'snamen, – fort mit ihr und aussi aus dem Haus!«

Das Herzeleid Lenes war plötzlich versiegt und hatte sich in hellen Jubel verwandelt. Stürmisch fiel sie ihrer Mutter um den Hals und überschüttete dieselbe mit Zärtlichkeiten, und diese Liebesbeweise waren für die Bäuerin etwas so seltenes und ungewohntes, daß sie ganz gerührt davon wurde. Es kam darum der alten Frau kaum zum klaren Bewußtsein, daß sie versprochen hatte, der armen Waise ein schweres Unrecht zuzufügen. Die leisen Vorwürfe aber, welche ihr Gewissen dennoch dagegen erhob, brachte sie mit dem Einwand zum Verstummen, daß dem Glück des eigenen Kindes das Wohlergehen eines fremden doch immerhin nachzustehen hätte.

»Ach Mutterl, Du goldig's Mutterl, wie bist Du gut!« rief Lene ein um das anderemal. »Ich dank' Dir von ganzem Herzen. Kein seliger Mensch auf derer Welt hat so ein gut's Mutterl, wie ich ein's hab'. – Jetzt bitt' ich Dich nur noch da drum: stamper' die falsche Schlangen, die hinterlistige, gleich heunt noch fort!«

»Das geht halt doch nicht,« sagte die Bäuerin; »heunt ist es schon spät abends und in Nacht und Nebel kann ich das Mädel unmöglich aus dem 52 Hof 'nausschaffen, wo s' nicht einmal ein Obdach hat. Aber morgen – –«

»Meinetwegen; also morgen in der Früh' da muß das scheinheilige G'schöpf seine sieben Zwetschgen z'sammpacken, und dann wird's meine Weg' nimmer kreuzen. Alsdann hab ich nichts mehr z'fürchten von ihr.« –

Nachdem Lene derart ihren Willen durchgesetzt, verließ sie, ein Lächeln grausamer Befriedigung auf den schmalen Lippen, die Küche. Und im Fortgehen flüsterte sie vor sich hin:

»Gelt Kreszenz, dir hab' ich ein Spanl g'steckt?! Ich wett' drauf, daß dir der Spruchbauer keine Eßkörb' mehr nachtragen wird auf unsere Wiesen.« – – 53

 


 

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