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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 9
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Siebentes Kapitel.

Das Wild ist los;
Folgt Eurer Lust.

Shakespeare.

 

Der rauhe und uncultivirte Boden des Landes, die vielen Verstecke, die große Entfernung von ihrer Heimath und die Leichtigkeit, womit sie sich bei ihrer unbestrittenen Beherrschung des Meeres nach den verschiedenen Punkten des Kriegsschauplatzes begeben konnten – alles dieses hatte die Engländer abgehalten, sich bei ihren Bemühungen, die empörten Colonien zu Paaren zu treiben, einer starken Cavalleriemacht zu bedienen.

Nur ein Regiment regulärer Reiterei war im Verlaufe des Krieges von dem Mutterlande abgeschickt worden. Dagegen wurden an verschiedenen Orten, wie es gerade mit den Plänen der königlichen Befehlshaber zusammenstimmte oder dem Bedürfniß der Zeit angemessen war, Legionen und Freicorps errichtet. Diese waren nicht selten aus Leuten zusammengesetzt, welche in den Colonien ausgehoben worden waren; bisweilen verwendete man aber auch Züge aus den Linienregimentern dazu, und der Soldat mußte Muskete und Bajonet bei Seite legen, um den Säbel und Karabiner führen zu lernen. Ein großer Theil der Hülfstruppen wurde in dieser Weise umgewandelt und namentlich waren es die hessischen Jäger, aus welchen man ein Corps schwerer und unbehülflicher Reiterei gemacht hatte.

Einer solchen Macht gegenüber standen die kühnsten Geister Amerika's. Die Officiere der meisten Cavallerieregimenter des Continentalheeres waren Männer von Stande aus dem Süden. Der kühne und begeisterte Muth der Befehlshaber hatte sich hier selbst den Gemeinen mitgetheilt, die mit großer Sorgfalt und Umsicht für den Dienst, welchen sie zu verrichten hatten, ausgewählt worden waren.

Der ganze Eroberungskrieg der Engländer beschränkte sich auf den Besitz einiger der größeren Städte oder auf Märsche in Gegenden, wo es bereits an allem Kriegsbedarf fehlte, indeß die leichten Truppen ihrer Feinde das ganze Innere des Landes durchstreiften.

Die Amerikanische Armee hatte mit beispiellosen Mühseligkeiten zu kämpfen. Da sie aber im Besitz der Macht war und sich in den Kampf für eine Sache verwickelt sah, welche jede Strenge rechtfertigte, so sorgten die Officiere der Reiterei achtsam für die Bedürfnisse des Heeres, wie denn auch ihre Mannschaft gut beritten und die Pferde wohl genährt, folglich für den Dienst äußerst brauchbar waren. Vielleicht konnte die ganze Welt keine bravere unternehmendere und unwiderstehlichere Corps leichter Reiterei aufweisen, als sich zu der Zeit, von welcher wir schreiben, unter den Truppen des Continents befanden.

Dunwoodie's Mannschaft hatte oft ihre Tapferkeit gegen den Feind erprobt und saß nun voll muthigen Verlangens im Sattel, wieder einmal den Gegnern entgegengeführt zu werden, welche sie selten erfolglos bekämpft hatte. Ihre Wünsche wurden bald gestillt, denn ihr Führer hatte sich kaum auf's Pferd geschwungen, als bereits eine feindliche Abtheilung um den Fuß eines Hügels, welcher die Aussicht nach Süden begränzte, herumkam. Wenige Minuten reichten hin, den Major die Waffengattung des Gegners unterscheiden zu lassen. Er erkannte in dem einen Zuge die grünen Jacken der Kühjungen und in dem andern die ledernen Sturmhauben und die Holzsättel der Jäger. Ihre Anzahl mochte ungefähr der unter seinem Commando stehenden gleichkommen.

Als der Feind auf dem freien Platze in der Nähe von Harvey Birch's Wohnung anlangte, machte er halt und stellte sich in Reihen, augenscheinlich um sich für den Angriff vorzubereiten. Gleichzeitig zeigte sich auch im Thale eine Abtheilung Fußvolk, welche sich gegen die Ufer des bereits erwähnten Flüßchens vordrängte.

Major Dunwoodie zeichnete sich nicht weniger durch Besonnenheit und Umsicht, als durch unerschrockenen Muth in der Stunde der Gefahr aus. Er erkannte sogleich seinen Vortheil und eilte, ihn zu benützen. Er ließ die Mannschaft, welche unter seinem Befehl stand, sich langsam zurückziehen, als der junge Deutsche, der die feindliche Reiterei commandirte, in der Besorgniß, einen leichten Sieg zu verlieren, das Zeichen zum Angriff gab. Es gab wenig kühnere Truppen, als die Kühjungen, die nun mit einer Zuversicht, welche ihren Grund in dem Rückzuge des Feindes und in dem Bewußtseyn, im Rücken gedeckt zu seyn, hatte, zur Verfolgung heransprengten. Die Hessen folgten langsamer aber in besserer Ordnung. Jetzt begannen die Trompeten der Virginier ihre muntere Weisen und wurden von der Mannschaft im Hinterhalte auf eine Art erwiedert, welche bis zu dem Herzen des Feindes drang. Dunwoodie's Schaar machte in vollkommener Ordnung eine Schwenkung, öffnete sich, und als das Zeichen zum Angriff gegeben war, tauchten Lawton's Reiter aus ihrem Verstecke auf, voran ihr Führer, der den Säbel über seinem Haupte schwang und seine Commandoworte mit einer Stimme rief, welche sogar das kriegerische Schmettern der Trompeten übertönte.

Der Angriff war zu schnell für die verwirrten Abtheilungen des Feindes. Sie zerstreuten sich nach allen Richtungen und eilten so geschwind aus dem Feld, als ihre West-Chester-Rosse sie zu tragen vermochten. Nur wenige wurden verwundet, aber die, welche den Waffen ihrer racheentbrannten Landsleute begegneten, überlebten den Streich nie, um erzählen zu können, woher er kam. Der härteste Schlag traf die armen Unterthanen des deutschen Tyrannen. An den strengsten Gehorsam gewöhnt traten diese Unglücklichen dem Angriffe tapfer entgegen, aber sie zerstoben vor den muthigen Rossen und den kräftigen Armen ihrer Gegner, wie Spreu vor dem Winde. Viele von ihnen wurden buchstäblich niedergeritten und Dunwoodie sah das Feld bald von dem Feinde gereinigt. Die Nähe des Fußvolks hinderte jedoch die Verfolgung, und die wenigen Hessen, welche unbeschädigt entkamen, suchten Schutz hinter seiner Linie.

Die schlaueren Flüchtlinge zerstreuten sich in kleinen Banden und gelangten auf verschiedenen Abwegen wieder zu ihrer alten Station vor Harlaem. Bei diesem Rückzug hatten Vieh, Eigenthum und Personen viel zu leiden, denn die Zerstreuung eines Corps Kühjungen war nur die Verbreitung eines Uebels.

Es läßt sich nicht erwarten, daß bei einem in solcher Nähe spielenden Auftritt die Einwohner des Landhauses ohne Antheil an dem Ausgang desselben blieben. In der That waren dabei die Gefühle Aller, von der Küche bis zum Besuchszimmer, in der gespanntesten Erregung. Angst und Schrecken hatten die Damen verhindert, länger Zuschauerinnen zu bleiben: sie fühlten aber deßhalb nicht weniger. Franciska verharrte in der oben berührten Lage und sandte glühende unzusammenhängende Gebete für das Wohl ihrer Landsleute zum Himmel, obgleich in dem Innersten ihrer Seele statt ihres Volkes das anmuthige Bild Peyton Dunwoodie's stand. Ihre Tante und Schwester waren weniger ausschließend in ihren Gebeten, aber Sara begann, als die Schrecken des Krieges ihren Sinnen nähere traten, weniger Freude an dem gehofften Siege zu fühlen.

Die Bewohner von Herrn Wharton's Küche bestanden aus vier Personen – nämlich aus Cäsar, seinem Weibe, seiner Enkelin, einem glänzend schwarzen Mädchen von zwanzig Jahren, und dem bereits genannten Knaben. Die Schwarzen bildeten den Rest eines Negerstammes, welcher von Whartons Vorfahren mütterlicher Seite, den Abkömmlingen der früheren holländischen Kolonisten, den Gütern einverleibt worden war. Zeit, Ausartung und Tod hatten sie bis zu dieser kleinen Anzahl vermindert, und der Knabe, ein Weißer von Farbe, war von Miß Peyton dem Haushalte beigefügt worden, um sich seiner als eines Ausläufers bedienen zu können. Nachdem Cäsar die Vorsicht angewendet hatte, sich hinter den Schirm einer Mauerecke zu begeben, um gegen eine sich verirrende Kugel sicher zu seyn, sah er mit Vergnügen dem Scharmützel zu. Die Schildwache in der Vorhalle stand nur wenige Fuß von ihm entfernt und ging in den Geist der Jagd mit allem Feuer eines erprobten Schweißhundes ein. Sie bemerkte die Nähe des Schwarzen und seine vorsichtige Stellung mit geringschätzendem Lächeln und pflanzte sich in der Richtung des Feindes hin, die unbewehrte Brust unerschrocken jeder möglichen Gefahr blosgebend.

Als der Dragoner so Cäsars Sicherungsmaaßregeln eine Weile mit unaussprechlicher Verachtung zugesehen hatte, begann er mit großer Kälte:

»Du scheinst für die Sicherheit Deiner liebenswürdigen Person sehr besorgt zu seyn, Meister Schwarzfell.«

»Eine Kugel treffen farbigen Mann so gut als weißen,« brummte der Schwarze, ärgerlich und warf einen sehr zufriedenen Blick auf seine Verschanzung.

»Gesetzt, ich machte den Versuch –« erwiederte der Dragoner indem er bedächtlich eine Pistole aus dem Gürtel zog und auf den Neger richtete. Cäsars Zähne klapperten bei dieser Bewegung des Soldaten, obgleich er nicht glaubte, daß es so ernstlich gemeint sey. In diesem Augenblick fing Dunwoodie's Abtheilung an, sich zurückzuziehen, und die königliche Reiterei begann ihren Angriff.

»Da, Mister leicht Reiter,« sagte Cäsar hastig, da er den Rückzug der Amerikaner für Ernst nahm; »warum Ihr Rebellen nicht fechten? – Sieh – sieh, wie König Georgs Leute Major Dunwoodie machen davon laufen. Wohl guter Herr; aber er nicht lieben zu fechten gegen die Reg'ler.«

»Gott verdamme deine Regulären,« rief der Andere heftig: »warte nur einen Augenblick, Schwarzer, und Du kannst den Rittmeister Jack Lawton hinter jenem Hügel hervorbrechen und diese Kühjungen zerstreuen sehen, wie einen Schwarm Wildgänse, die ihren Führer verloren haben.«

Cäsar hatte vermuthet, Lawtons Trupp habe aus denselben Gründen, welche ihn veranlaßt hatten, die Mauer zwischen sich und das Schlachtfeld zu bringen, den Schirm des Hügels aufgesucht; aber die Wirklichkeit entsprach bald der Prophezeiung des Reiters, und der Schwarze mußte bestürzt die gänzliche Verwirrung der königlichen Reiterei mit ansehen.

Die Schildwache hatte ihre Freude über den Sieg seiner Kameraden durch lautes Jauchzen an den Tag gelegt, welches bald seinen Gefährten; dem die unmittelbare Bewachung Heinrich Wharton's übertragen war, an das offene Fenster des Besuchszimmers brachte.

»Sieh, Tom, sieh,« rief der vergnügte Reiter, »wie Capitän Lawton die hessischen Lederkappen fliegen macht – und jetzt hat der Major das Pferd ihres Führers getödtet – zum Teufel, warum haut er nicht den Deutschen zusammen und rettet das Pferd?«

Einige Pistolen wurden auf die fliehenden Kühjüngen abgefeuert und eine matte Kugel zerbrach einige Fuß von Cäsar eine Glasscheibe. Der Schwarze kroch in der Stellung, die man dem großen Versucher unseres Geschlechtes zu geben pflegt davon, um im Innern des Gebäudes Schutz zu suchen, und begab sich unmittelbar in das Wohnzimmer.

Der Hofraum vor den Locusten war gegen die Straße hin durch eine dichte Hecke gedeckt und die Pferde der beiden Dragoner standen aneinandergekoppelt in dieser Einzäunung, des Aufbruchs ihrer Herren harrend.

In diesem Augenblick sprengten zwei Kühjungen, welchen der Rückzug zu den Ihrigen abgeschnitten war, mit wüthender Hast durch den Thorweg, in der Absicht, nach dem Walde hinter dem Landhause zu entwischen.

Die siegreichen Amerikaner hatten die flüchtigen Deutschen bis zu der Schußlinie der feindlichen Infanterie verfolgt, und die beutelüsternen Krieger, in dem einsamen Hofe keine unmittelbare Gefahr für sich fürchtend, gaben einer Versuchung nach, welcher nur wenige in ihrem Corps zu widerstehen vermochten, – nämlich der Gelegenheit, zu wohlfeilen Pferden zu kommen. Mit einer Kühnheit und Gegenwart des Geistes, welche nur die Früchte einer langen Vertrautheit mit ähnlichen Scenen seyn konnten, eilten sie fast unwillkührlich auf ihre beabsichtigte Beute zu. Sie waren eben im Begriff, die Zügel der Pferde zu trennen, als der Reiter in der Vorhalle seine Pistolen abfeuerte und mit gezogenem Säbel zu ihrer Rettung herbeistürzte.

Der Eintritt Casars in das Zimmer hatte den im Hause befindlichen Dragoner veranlaßt, seinen Gefangenen fester in's Auge zu fassen, aber die neue Unterbrechung zog ihn wieder an das Fenster. Er beugte sich mit dem Körper weit vor und bemühte sich, durch fürchterliche Flüche, Drohungen und Geberden die Plünderer von ihrem Raube wegzuschrecken; Der Augenblick war verführerisch. Dreihundert von des Capitäns Kameraden waren in dem Bereich einer Meile von dem Landhaus, herrenlose Pferde liefen in allen Richtungen umher – Heinrich Wharton ergriff daher die nichts ahnende Schildwache bei den Füßen und warf sie durch das Fenster kopfüber in den Hof. Cäsar verschwand aus dem Zimmer und legte einen Bolzen vor die äußere Thüre.

Der Fall des Soldaten war nicht tief, und als er wieder auf den Füßen stand, wendete er einen Augenblick seine Wuth gegen den Gefangenen. Das Fenster in dem Angesichte eines solchen Feindes zu ersteigen, war jedoch unmöglich, und als er durch die Thüre gehen wollte, fand er den Eingang verriegelt.

Sein Kamerad rief ihn nun laut um Hülfe an, und alles andere vergessend, eilte der überlistete Reiter zu dessen Beistand. Eines der Pferde war bald gerettet, aber das andere hing bereits an dem Sattel des einen Kühjungen, und alle vier zogen sich nun unter gegenseitigen wüthenden Säbelhieben und weithin schallenden Flüchen hinter das Gebäude zurück. Cäsar öffnete die Thüre, und rief, auf das zurückgebliebene Pferd deutend, welches ruhig das welke Gras im Hofe abfraß –:

»Laufen – nun – laufen – Massa Harry – laufen.«

»Ja,« rief der Jüngling und schwang, sich in den Sattel – »jetzt ist's in der That Zeit, sich davon zu machen, mein ehrlicher Bursche!« Er winkte hastig seinem Vater zu, welcher in sprachloser Angst an dem Fenster stand und die Hände segenspendend gegen sein Kind ausstreckte.

»Gott segne dich, Cäsar, – grüße die Mädchen,« fügte er bei, und jagte mit der Schnelligkeit des Blitzes aus dem Thorwege.

Der Afrikaner folgte ängstlich seinen Bewegungen, als er die Landstraße gewann, sah, wie er rechts abbeugte, an dem Fuße einiger Felsen, welche an der Seite senkrecht anstiegen, in wüthender Hast fortsprengte und endlich hinter einem Vorsprung, welcher ihn dem Blicke entzog, verschwand.

Der entzückte Cäsar schloß die Thüre, legte einen Riegel nach dem andern vor und drehte den Schlüssel, bis er sich nicht mehr bewegen ließ, indeß er die ganze Zeit über von dem glücklichen Entkommen seines jungen Herrn mit sich selbst redete.

»Wie gut er reiten – ich selbst es ihn lehren – grüßen junge Lady – Miß Fanny würde nicht lassen küssen alten farbigen Mann eine rothe Wange.«

Als das Schicksal des Tages entschieden war und die Zeit zum Begraben der Todten herannahte, fand man hinter den Locusten zwei Kühjungen und einen Virginier unter der Zahl der Erschlagenen.

Zum Glücke für Heinrich Wharton beobachteten die spähenden Augen des Mannes, der ihn gefangen genommen, gerade durch ein Taschenfernrohr die Infanteriereihen, welche ihre Stellung an dem Ufer des Flüßchens noch beibehielten, indeß der Rest der Hessischen Jäger unter ihren Schirm zu kommen suchte. Whartons Pferd war von der besten Race Virginiens; es trug ihn mit der Schnelligkeit des Windes durch das Thal, und das Herz des Jünglings begann bereits, in der Freude der gelungenen Flucht heftiger zu schlagen, als der laute Ruf einer wohlbekannten Stimme an sein erschrecktes Ohr schlug:

»Brav gemacht, Capitän! Sparen Sie die Peitsche nicht und wenden Sie sich links, ehe Sie über den Bach setzen!«

Wharton wendete überrascht das Haupt und sah auf einem Felsenvorsprung, von welchem aus das Thal in einer Vogelperspektive zu überschauen war, seinen früheren Führer, Harvey Birch, sitzen. Der Krämer hatte den Pack, welcher an Umfang viel verloren hatte, zu seinen Füßen liegen, und winkte dem Jüngling freudig zu, als dieser unter ihm vorbeiflog. Der englische Capitän befolgte den Rath dieses geheimnißvollen Wesens, und da er bald einen Waldweg fand, welcher nach der das Thal durchschneidenden Landstraße führte, so sprengte er in dieser Richtung weiter und war bald seinen Freunden gegenüber. In der nächsten Minute hatte er die Brücke hinter sich und hielt dann sein Roß vor seinem alten Bekannten, dem Obristen Wellmere an.

»Capitän Wharton!« rief der Befehlshaber der englischen Truppen überrascht, – »im Hausrock und auf dem Pferde eines Rebellen-Dragoners! Kommen Sie aus den Wolken in diesem Anzug und in dieser Weise?«

»Gott sey Dank,« rief der Jüngling tief aufathmend, »ich bin gerettet und den Händen meiner Feinde entkommen. Noch vor wenigen Minuten war ich ein Gefangener und mit dem Galgen bedroht.«

»Mit dem Galgen, Capitän Wharton? Sicher würden es diese Verräther an ihrem König nicht gewagt haben, mit kaltem Blute einen zweiten Mord zu begehen. Ist es nicht genug, daß sie André getödtet haben? Warum hätte man Sie mit einem ähnlichen Schicksal bedrohen sollen?«

»Unter dem Vorwande eines ähnlichen Vergehens,« sagte der Capitän und theilte der Gruppe Zuhörer in kurzen Worten die Art seiner Gefangennehmung, die Gründe seiner Befürchtungen und die Weise seines Entkommens mit. Während er erzählte, hatten sich die flüchtigen Deutschen hinter der Infanterieabtheilung gesammelt und Obrist Wellmere rief laut:

»Ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen, mein wackerer Freund. Gnade ist ein Wort, welches diese Verräther nicht kennen. Sie sind daher doppelt glücklich, unbeschädigt ihren Händen entronnen zu seyn. Machen Sie sich bereit, mir beizustehen; »Sie sollen bald eine edle Genugthuung haben.«

»Ich glaube nicht, Obrist Wellmere, daß irgend Jemand persönliche Beleidigung von einer Mannschaft zu befürchten hat, welche unter Major Dunwoodie's Commando steht,« erwiederte der junge Wharton mit einem leichten Glühen des Gesichts; »sein Character ist eines solchen niedrigen Benehmens nicht fähig. Eben so wenig halte ich es jedoch für zweckmäßig, Angesichts der virginischen Reiterei, welche jetzt von dem errungenen Vortheil entflammt seyn muß, über den Bach zu setzen und in das offene Feld zu rücken.«

»Glauben Sie in der That, daß sie Ursache haben, sich auf die Zerstreuung der Irregulären und der trägen Hessen etwas zu Gute zu thun?« sagte der andere mit verächtlichem Lächeln. »Sie sprechen ja von der Sache, als ob Ihr gepriesener Herr Dunwoodie, denn Major ist er nicht, die Leibwachen Ihres Königs geschlagen hätte.«

»Und ich muß mir die Erlaubnis nehmen, zu sagen, Obrist Wellmere, daß, wenn die Leibwachen meines Königs auf jenem Felde stünden, sie auf einen Feind treffen würden, den sie nicht ohne Gefahr verachten dürften. Mein gepriesener Dunwoodie, Sir, ist als Cavallerie-Officier der Stolz von Washington's Armee,« versetzte Heinrich mit Wärme.

»Dunwoodie – Dunwoodie?« wiederholte der Obrist langsam; »ich muß diesen Herrn schon früher irgendwo getroffen haben.«

»Man hat mir gesagt, Sie hätten ihn einmal einen Augenblick zu Neu-York in dem Hause meiner Schwestern gesehen,« entgegnete Wharton mit einem lauernden Lächeln.

»Ach, ich erinnere mich eines solchen jungen Menschen; und hat der allermächtigste Kongreß dieser aufrührerischen Colonien einem derartigen Helden die Führung seiner Soldaten anvertraut?«

»Fragen Sie dort den Führer der Hessischen Reiterei, ob er den Major Dunwoodie wohl dieses Vertrauens für würdig hält.«

Obrist Wellmere entbehrte jenes Stolzes nicht, welcher den Muth des Mannes im Angesicht der Feinde zu heben geeignet ist. Er hatte in Amerika lange Zeit Dienste gethan, ohne je mit andern als neugeworbenen Truppen oder den Milizen des Landes zusammenzutreffen. Diese fochten allerdings hin, und wieder furchtlos, aber eben so oft zogen sie es auch vor, ohne ein Gewehr abgedrückt zu haben, davon zu laufen. Auch war der Obrist zu sehr geneigt, nach dem Aeußeren zu urtheilen, und hielt es daher für unmöglich, daß Leute, deren Gamaschen so reinlich, deren Tritte so regelrecht und deren Schwenkungen so genau waren, geschlagen werden konnten; zudem mußte ihnen ja, da sie Engländer waren, der Sieg vornweg gewiß seyn. Obrist Wellmere war noch nicht oft im Felde gewesen, sonst würden diese Ansichten, die er aus der Heimath mitgebracht hatte und die durch den Dünkel des Garnisonslebens noch vermehrt worden waren, viel früher verschwunden seyn. Er horchte daher auf die warme Gegenrede des Capitän Wharton mit einem hochmüthigen Lächeln und fragte dann:

»Sie wollen doch nicht, mein Herr, daß wir uns vor diesen gepriesenen Reitern zurückziehen, ohne etwas gethan zu haben, um ihnen einen Theil des Ruhmes, welchen sie nach Ihrer Annahme gewonnen haben, wieder abzunehmen?«

»Ich wollte Sie nur auf die Gefahr aufmerksam machen, Obrist Wellmere, der Sie entgegen zu gehen im Begriffe sind.«

»Gefahr ist ein Wort, das dem Soldaten nicht ziemt,« fuhr der brittische Befehlshaber mit einem höhnischen Lächeln fort.

»Und eines, welches das sechzigste Regiment so wenig scheut, als irgend ein anderes Corps im Dienste des Königs,« rief Heinrich Wharton heftig. »Geben Sie nur Befehl zum Angriff und lassen Sie unsere Thaten sprechen.«

»Nun erkenne ich wieder meinen jungen Freund,« sagte Wellmere besänftigend. »Wenn Sie uns übrigens vor dem Beginne des Kampfes etwas mitzutheilen haben, was uns bei dem Angriff in irgend einer Weise nützlich werden könnte, so wollen wir es anhören. Sie kennen die Stärke der Rebellen. Sind vielleicht noch einige im Hinterhalt?«

»Ja,« erwiederte der junge Mann, noch immer über des Andern Hohn entrüstet; »am Rande dieses Waldes, rechts von Ihnen, liegt eine kleine Abtheilung Fußvolk; die Reiter sind sämmtlich vor Ihnen.«

»Sie sollen mir nicht lange bleiben,« rief Wellmere, indem er sich an die paar Officiere in seiner Nähe wandte. »Meine Herren, wir wollen in Masse über den Strom setzen und uns in der jenseitigen Ebene aufstellen, sonst sind wir nicht im Stande, diese tapferen Yankees in den Bereich unserer Musketen zu locken. Capitän Wharton, ich nehme ihren Beistand als Adjutant in Anspruch.«

Der Jüngling schüttelte mißbilligend den Kopf zu einer Bewegung, welche sein gesunder Verstand als vorschnell mißbilligte, schickte sich jedoch munter an, in dem bevorstehenden Kampfe seine Pflicht zu thun.

Während dieser Unterredung, welche in geringer Entfernung von den brittischen Reihen und Angesichts der ganzen Amerikanischen Reiterei abgehalten wurde, hatte Dunwoodie seine zerstreuten Truppen wieder gesammelt, die wenigen Gefangenen in Sicherheit gebracht und sich auf das Feld zurückgezogen, wo seine Leute bei der ersten Erscheinung des Feindes ausgestellt gewesen waren. Zufrieden mit den bereits errungenen Vortheilen, und in der Meinung, die Engländer würden zu klug seyn, um ihm Gelegenheit zu geben, sie noch mehr zu schwächen, war er im Begriff, die Wegweiser von ihrem Posten zurückzuziehen und einige Meilen weiter rückwärts an einem günstigen Orte für die Nacht Quartier zu machen, indem er zu Bewachung der feindlichen Bewegungen bloss ein ansehnliches Observationscorps in der Ebene zurückzulassen beabsichtigte. Capitän Lawton horchte nur mit Widerwillen auf die Gründe seines Befehlshabers, und hatte eben sein Fernglas an's Auge gebracht um zu sehen, ob sich keine Gelegenheit zu einem vorteilhaften Angriffe darbiete, als er plötzlich ausrief:

»Was ist das? Ein blauer Rock unter jenen scharlachenen Herrschaften? So wahr ich es zu erleben hoffe, mein altes Virginien wieder zu sehen – es ist mein maskirter Freund vom Sechzigsten, der schöne Capitän Wharton, welcher meinen zwei besten Leuten entwischt ist!«

Er hatte noch nicht ausgeredet, als der von den genannten beiden Helden Übriggebliebene bei seinem Corps anlangte, indem er sein eigenes Pferd und die der gefallenen Kühjungen mit sich brachte. Er meldete den Tod seines Kameraden und die Flucht des Gefangenen. Da dem Getödteten die unmittelbare Bewachung des jungen Wharton anvertraut worden war und der andere über die Verteidigung der Pferde, welche vorzugsweise unter seiner Aufsicht standen, nicht getadelt werden konnte, so hörte ihn der Rittmeister zwar mit Unmuth, aber ohne Zorn an.

Diese Nachricht brachte eine gänzliche Veränderung in Major Dunwoodie's Planen hervor. Es wurde ihm auf einmal klar, daß seine eigene Ehre durch das Entweichen seines Gefangenen gefährdet sey. Er nahm daher den Befehl zu Abberufung der Wegweiser zurück, ritt an die Seite seines Capitäns, und beachtete eben so sorgfältig als der ungestüme Lawton jede Gelegenheit, welche einen erfolgreichen Angriff gegen den Feind hoffen ließ.

Kaum zwei Stunden früher hatte Dunwoodie den Zufall, welcher ihm Heinrich Wharton als Gefangenen zuführte, für den härtesten Schlag gehalten, der ihn je getroffen; und jetzt ersehnte er eine Gelegenheit, unter Gefahr des eigenen Lebens seines Freundes wieder habhaft zu werden. Alle anderen Rücksichten verloren sich unter dem Sporne des gekränkten Stolzes und bald hätte er wohl mit Lawton an Verwegenheit gewetteifert, wäre nicht in diesem Augenblick Wellmere mit seiner Mannschaft über ben Bach in die Ebene gerückt.

»Da,« rief der entzückte Rittmeister, indem er auf diese Bewegung mit dem Finger deutete – »da geht John Bull in die Mausefalle und noch dazu mit weit offenen Augen.«

»Er wird doch nicht seine Leute in dieser Ebene aufstellen?« erwiederte Dunwoodie lebhaft; »Wharton muß ihm von dem Hinterhalt gesagt haben. Aber wenn er es thut –«

»So wollen wir ihm kein Dutzend gesunde Häute in seinem Bataillon lassen,« unterbrach ihn der Andere, indem er sich in den Sattel schwang.

Die Wahrheit wurde bald deutlich, denn die englischen Truppen rückten im Blachland etwas vor und entwickelten sich mit einer Regelmäßigkeit, welche ihnen an einem Musterungstage in ihrem Hyde-Park Ehre gemacht haben würde.

»Macht euch fertig – zu Pferd!« schrie Dunwoodie.

Das letztere Wort wurde von Lawton mit einer Donnerstimme wiederholt, so daß es bis zu Cäsar's Ohren gelangte, welcher an dem offenen Fenster des Landhauses stand. Der Schwarze bebte furchtsam zurück, denn er hatte sein ganzes Vertrauen zu Lawton's Furchtsamkeit verloren und sah ihn beständig vor seiner Seele, wie er mit hochgeschwungenem Säbel aus dem Hinterhalte hervorbrach.

Als die brittische Linie langsam und in der größten Ordnung vorrückte, eröffnete die Wegweiser-Abtheilung ein tüchtiges Feuer, welches besonders die zunächst stehende Abtheilung der königlichen Truppen hart bedrängte. Wellmere folgte dem Rathe des Veteranen, der ihm zunächst im Range stand, und sandte zwei Compagnien ab, um das Amerikanische Fußvolk aus seinem Versteck zu vertreiben. Die Bewegung verursachte eine leichte Verwirrung und Dunwoodie benutzte diesen günstigen Augenblick zum Angriff. Man hätte nicht leicht einen für die Bewegungen der Reiterei geeigneteren Grund finden können und das Eindringen der Virginier war unwiderstehlich. Sie hatten dabei vorzüglich das dem Wald gegenüber liegende Ufer im Auge, um dem Feuer ihrer verborgenen Freunde auszuweichen und erreichten ihre Absicht vollständig. Wellmere, welcher an der Spitze seines linken Flügels stand, wurde durch die ungestüme Wuth der Angreifer niedergeworfen und nur die zeitige Herbeikunft Dunwoodie's schützte ihn gegen den tödtlichen Hieb eines Dragonersäbels. Der Major half ihm auf, setzte ihn auf ein Pferd und übergab ihn der Bewachung seiner Leute. Dem Officier, welcher den Angriff auf die Wegweiser angerathen hatte, war auch die Ausführung desselben anvertraut worden, doch genügte für diese irreguläre Abtheilung schon eine Bedrohung. In der That war auch ihr Dienst zu Ende und sie zog sich am Saume des Waldes hin, um wieder zu ihren Pferden zu kommen, welches im obern Theile des Thales unter einer Bewachung zurückgelassen worden waren.

Die linke Linie der Britten würde von den Amerikanern überflügelt, so daß der Angriff von vorn und hinten geschah, wodurch die Niederlage dieser Abtheilung vollständig wurde. Als aber der zweite Befehlshaber bemerkte, welche Wendung das Treffen nahm, so drehte er rasch seine Mannschaft und empfing die vorbeisprengenden Dragoner mit einem tüchtigen Musketenfeuer. Heinrich Wharton hatte sich freiwillig diesem Trupp angeschlossen, um die Wegweiser vertreiben zu helfen. Da traf plötzlich eine Kugel seinen linken Arm, wodurch er veranlaßt wurde, die Zäume mit der andern Hand zu fassen, und als die Dragoner vorbeijagten, die Luft mit ihrem Schlachtrufe und ihrem schmetternden Trompetentönen erfüllend, entriß, sich das Pferd, welches der junge Mann ritt, dem Zügel, eilte nach und befand sich mit seinem Reiter, der mit dem verwundeten Arme das wilde Thier nicht zu bändigen vermochte, bald an Capitän Lawton's Seite. Der Dragoner begriff im Augenblick die komische Lage seines neuen Kameraden: er hatte jedoch nur noch Zeit, ehe er in die Linie der Engländer eindrang, ihm laut zuzurufen –

»Das Pferd kennt die gerechte Sache besser, als sein Reiter, Capitän Wharton, Sie sind willkommen in den Reihen der Freiheit.«

Demungeachtet säumte Lawton nicht, als der Angriff vorüber war, seinen Gefangenen wieder in sicheren Gewahrsam zu bringen, und übergab ihn, da er seine Verwundung bemerkte, der Nachhut.

Die Virginischen Reiter theilten ihre Gunstbezeugungen an die Abtheilung der königlichen Infanterie, welche nun großentheils ihrer Gnade preisgegeben war, mit nicht sehr höflichen Händen aus. Auch Dunwoodie beeilte sich, als er bemerkte, daß der Rest der Hessen sich wieder in die Ebene gewagt hatte, Jagd auf sie zu machen, holte ihre ärmlichen schlecht genährten Pferde bald ein und zerstreute in Kurzem die Ueberbleibsel dieses Geschwaders.

Inzwischen war es einem großen Theil der Engländer gelungen, unter dem Schutze des Pulverdampfes und der Verwirrung, welche auf dem Schlachtfelde herrschte, hinter die Linie ihrer Landsleute zu kommen, welche noch in bester Ordnung parallel mit dem Saume des Waldes stand, mit dem Feuern aber inne gehalten hatte, weil sie besorgen mußte, den Freund zugleich mit dem zu treffen. Die Flüchtlinge erhielten den Befehl, im Walde selbst und unter dem Schutze der Bäume eine zweite Linie zu bilden. Diese Vorkehrung war noch nicht ganz beendet, als Capitän Lawton einem jungen Mann, welcher eine andere Abtheilung der in der Ebene zurückgebliebenen Reiterei commandirte, zurief, die noch undurchbrochene Reihe der Engländer anzugreifen. Der Vorschlag wurde eben so schnell angenommen, als er gemacht worden war, und die Schaar stellte sich zu diesem Zweck in Schlachtordnung. Der Eifer des Führers verhinderte indeß die geeigneten Vorbereitungen, um den Erfolg zu sichern, und die Pferde wurden bei ihrem Ansprengen durch eine verheerende Musketensalve in Verwirrung gebracht. Beide, sowohl Lawton als sein jüngerer Kamerad, stürzten unter dem Kugelregen. Zum Glück für den Ruhm der Virginier kehrte in diesem verhängnißvollen Augenblick Major Dunwoodie auf den Wahlplatz zurück; er sah die Unordnung seiner Truppen, zu seinen Füßen den im Blute sich wälzenden Georg Singleton, einen Jüngling, welcher ihm durch viele trefflichen Eigenschaften theuer war, und Lawton vom Pferde gestürzt und zur Erde gestreckt. Das Auge des jugendlichen Kriegers sprühte Feuer. Er ritt zwischen der Schwadron und dem Feinde auf und nieder und rief mit einer Stimme, welche Aller Herzen traf, seine Dragoner zu ihrer Pflicht zurück. Seine Gegenwart und seine Worte wirkten wie ein Zauberschlag. Der Schlachtlärm schwieg; schnell bildete sich eine geschlossene Linie; der Ruf zum Angriff erscholl; ihren Führer an der Spitze fegten die Virginier quer durch die Ebene mit einem Ungestüm, welchem nichts widerstehen konnte, und in einem Augenblicke war das Feld vom Feinde gereinigt. Was nicht getödtet war, suchte den Schutz der Wälder. Dunwoodie zog sich nun langsam aus dem Bereiche des Musketenfeuers, welches die unter den Bäumen versteckten Engländer fort unterhielten, zurück und begann das schmerzliche Geschäft, seine Todten und Verwundeten zu sammeln.

Der Wachtmeister, welcher den Auftrag erhalten hatte, den Capitän Wharton nach einem Orte zu bringen, wo er wundärztlichen Beistand finden konnte, beeilte sich, denselben auszuführen, um so bald als möglich wieder auf den Kampfplatz zurückzukommen. Sie hatten noch nicht die Mitte der Ebene erreicht, als der Capitän einen Mann bemerkte, dessen Außenseite und Beschäftigung seine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch nahm. Sein Kopf war kahl und unbedeckt, indeß eine wohlgepuderte Perücke halb aus den Taschen seiner Beinkleider heraussah. Er hatte den Rock ausgezogen und die Hemdärmel bis an die Ellenbogen zurückgestreift. Seine Kleider waren mit Blut befleckt und Gesicht und Hände trugen dieselben Kennzeichen seines Gewerbes. Er hatte eine Cigarre im Mund, in seiner Rechten einige sonderbar geformte Instrumente und in der Linken den Rest eines Apfels, welcher gelegentlich die vorerwähnte Cigarre ablöste. Er stand in Betrachtung verloren vor einem Hessen, welcher bewußtlos zu seinen Füßen lag. In geringer Entfernung befanden sich drei bis vier Wegweiser, welche, auf ihre Musketen gelehnt, mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem Kampfplatze hinblickten, und an der Seite des Arztes stand ein Mann, den die Werkzeuge, die er in der Hand hielt, und die blutigen Kleider als einen Gehülfen desselben bekundeten.

»Hier, mein Herr, ist der Doctor,« sagte Heinrichs Begleiter sehr kaltblütig; »er wird in einem Augenblick Ihren Arm bepflastert haben.« Dann winkte er den Wegweisern näher, flüsterte ihnen, auf den Gefangenen zeigend, einige Worte zu und jagte dann in tollem Rennen wieder seinen Kameraden zu.

Wharton näherte sich der sonderbaren Gestalt und wollte eben, da er nicht bemerkt zu werden schien, den Beistand des Mannes ansprechen, als dieser sein Schweigen durch ein Selbstgespräch unterbrach:

»Ja, diesen Mann hat Capitän Lawton getödtet. Ich weiß das so gewiß, als ob ich selbst den Streich hätte führen sehen. Wie oft habe ich mir nicht Mühe gegeben, ihn zu lehren, wie man einen Hieb führen kann, der den Feind unschädlich macht, ohne sein Leben zu vernichten. Es ist grausam, das menschliche Geschlecht so unnöthiger Weise zu vertilgen, und zudem machen Streiche wie diese jeden Beistand der Kunst fruchtlos und alles Licht der Wissenschaft zu Schanden.«

»Wenn es Ihre Zeit gestattet, mein Herr,« sagte Heinrich Wharton, »so möchte ich für eine leichte Verletzung Ihre Hülfe in Anspruch nehmen.«

»Ah!« rief der Andere auffahrend und den Bittsteller vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend, »Sie kommen von dem Feld da unten; es wird dort viele Arbeit geben?«

»In der That,« antwortete Heinrich, indem er das Anerbieten des Wundarztes, ihm den Rock ausziehen zu helfen, annahm; »es ist ein unruhiger Tag; ich kann es Ihnen versichern.«

»Unruhig?« wiederholte der Wundarzt, mit dem Auskleiden beschäftigt; »Ihre Nachricht macht mir viele Freude, mein Herr, denn so lange man unruhig ist, muß noch Leben da seyn, und wo Leben ist, hat man, wie Sie wissen, noch Hoffnung; doch hier ist meine Kunst zu Ende. Ich brachte einmal einem Patienten das Gehirn wieder hinein; aber dieser Mann da, glaube ich, muß wohl todt gewesen seyn, ehe er mir zu Gesicht kam. Es ist ein seltener Fall, mein Herr, ich muß es Ihnen doch zeigen – es ist gleich dort bei dem Zaune, wo Sie die vielen Körper bei einander bemerken. – Ah! die Kugel ist um den ganzen Knochen herumgegangen, ohne ihn zu zerbrechen. Sie dürfen sich Gluck wünschen, in die Hände eines alten Praktikers gefallen zu seyn, sonst hätten Sie dieses Glied leicht verlieren können.«

»Wirklich?« sagte Heinrich mit einiger Unruhe; »ich hielt die Verletzung nicht für so ernsthaft.«

»O, die Wunde hat nicht so viel zu sagen, aber Sie haben einen gar hübschen Arm für eine Operation, so daß ein Neuling recht wohl hätte in Versuchung gerathen können.«

»Zum Teufel!« rief der Capitän, »kann es denn Jemanden ein Vergnügen machen, ein Mitgeschöpf zu verstümmeln?«

»Herr,« sagte der Wundarzt mit Ernst, »eine wissenschaftlich ausgeführte Amputation ist eine sehr schöne Operation, und ohne Zweifel hätte ein jüngerer Mann versucht werden können, in der Eile des Geschäfts die Eigenthümlichkeiten des Falles zu übersehen.«

Die weitere Unterhaltung wurde durch die Erscheinung der Dragoner, die sich langsam nach ihrem früheren Standorte zurückzogen, und durch die Bitten leicht verwundeter Soldaten unterbrochen, welche heranritten, um sich von dem Arzte geschwind verbinden zu lassen.

Die Wegweiser übernahmen Wharton's Bewachung und mit schwerem Herzen trat der junge Mann den Rückweg zu seines Vaters Landhaus an.

Die Engländer hatten durch die wiederholten Angriffe ungefähr ein Drittel ihres Fußvolkes verloren. Die Uebrigen sammelten sich wieder in dem Walde; und da Dunwoodie sah, daß sie eine zu feste Stellung genommen hatten, um mit Erfolg angegriffen werden zu können, ließ er eine starke Abtheilung unter Kapitän Lawton zurück, mit dem Befehle, ihre Bewegungen zu beobachten und jede Gelegenheit zu ergreifen, um sie vor ihrer Wiedereinschiffung zu beunruhigen.

Der Major hatte Nachricht erhalten, daß eine andere Abtheilung in der Richtung des Hudson vorrücke, und seine Pflicht forderte, daß er sich bereit hielt, ihre Absicht gleichfalls zu vereiteln. Kapitän Lawton erhielt daher seine Befehle mit der strengen Einschärfung, nichts gegen den Feind zu unternehmen, wenn sich nicht die Aussicht eines günstigen Erfolgs darböte. Die Verletzung dieses Officiers bestand nur aus einem Streifschuß an dem Kopf, welcher ihn betäubt hatte, und er schied mit der lachenden Erklärung von dem Major, daß, wenn er sich wieder vergäße, alle glauben dürften, er sei tiefer getroffen worden. So zogen beide ihre Straße.

Die Britten hatten nur leichte Mannschaft, ohne Bagage, und dabei die Weisung, gewisse Vorräthe, von denen kund geworden war, daß sie für die amerikanische Armee gesammelt würden, zu vernichten. Sie zogen sich nun durch den Wald nach den Höhen, hielten sich längs des Gebirgskammes, wo sie von der Reiterei nichts zu befürchten hatten, und begannen in dieser Weise ihren Rückzug nach den Booten.

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