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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 8
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Sechstes Kapitel.

– Laß den Erob'rer seines Ruhms
Sich brüsten. – Wer des Herzens heißes Wallen
Mit Mannheit gegen Schönheitszauber stählt,
Zwar dessen Bande fühlt, jedoch nicht fällt,
Der ist der bravste, größte Held von Allen.

Moore.

 

Die Frauen der Wharton'schen Familie hatten sich an einem Fenster versammelt, da sie bei dem eben erzählten Auftritte auf's Lebhafteste betheiligt waren.

Sara betrachtete die Annäherung ihrer Landsleute mit einem Lächeln verächtlicher Gleichgültigkeit, denn sogar das Aeußere von Leuten, welche sie sich in die unheilige Sache der Empörung verwickelt dachte, konnte in ihr nur Geringschätzung erwecken. Miß Peyton blickte, auf das Schauspiel mit stolzer Freude, die in der Betrachtung ihren Grund hatte, daß die im Hofraume sich tummelnden Braven zu den Kerntruppen ihres heimatlichen Bodens gehörten, während Franciska mit so ungeteiltem Interesse zusah, daß ihr für keinen andern Gedanken Raum blieb.

Die beiden Haufen hatten sich noch nicht vereinigt, als ihr rasches Auge bereits einen einzelnen Reiter aus der ihn umgebenden Mannschaft herausgefunden hatte. Es kam ihr vor, als ob selbst das Roß dieses jugendlichen Kriegers sich bewußt sey, daß es die Last keines gewöhnlichen Mannes trage; denn seine Hufe berührten die Erde nur leicht und sein luftiger Tritt war der gezügelte Gang des kampfbegierigen Vollbluts.

Der Dragoner saß mit einer Festigkeit und Leichtigkeit im Sattel, welche bewies, wie sehr er sich, selbst und das Roß in seiner Macht habe, und seine hohe, volle und sehnigte Gestalt vereinigte in sich das schönste Ebenmaaß der Behendigkeit und Kraft. An diesen Officier erstattete Lawton seinen Bericht, worauf sie beide, Seite an Seite über das Feld dem Landhause zuritten.

Franciska's Herz klopfte in heftigen Schlägen, als der Befehlshaber des Geschwaders einen Augenblick anhielt und das Gebäude mit einem Auge betrachtete, dessen dunkles Feuer selbst in der Entfernung sichtbar war. Ihre Farbe wechselte, und als sich der junge Mann aus dem Sattel schwang, sah sie sich einen Augenblick genöthigt, wegen des Bebens Ihrer Glieder zum Sessel ihre Zuflucht zu nehmen.

Der Officier gab dem Rittmeister rasch einige Befehle, eilte in den Hofraum und näherte sich dem Landhause. Franciska erhob sich von ihrem Stuhle und verschwand aus dem Zimmer. Der Dragoner stieg die Treppen der Halle hinauf und war kaum bei der äußern Thüre angelangt, als sie sich zu seinem Einlasse öffnete. Franciska hatte die Stadt sehr jung verlassen und war dadurch verhindert worden, im Einklang mit der Gewohnheit des Tages ihre angeborenen Reize auf dem Altare der Mode zum Opfer zu bringen. Ihr reiches goldenes Haar fiel ungezwungen in den natürlichen Locken der Kindheit über ihre Schultern und beschattete ein Gesicht, auf welchem der vereinte Zauber der Gesundheit, Jugend und Natur blühte; – ihr Auge war sprechend, wenn auch ihre Zunge schwieg; ihre zierlichen kleinen Hände waren ineinander verschlungen und gaben, da sie die untere Fläche derselben mit dem Ausdrucke der Erwartung nach vorn kehrte, ihrer Erscheinung eine Lieblichkeit und ein Interesse, die ihren Liebhaber einen Augenblick in stummer, schweigender Bewunderung an die Stelle fesselten.

Franciska führte ihn schweigend in ein unbesetztes Zimmer, dem gegenüber, in welchem die Familie versammelt war, legte, dann unbefangen ihre beiden Hände in die des Kriegers und rief:

»Ach, Dunwoodie, wie glücklich macht es mich, in mehrfachem Betracht, Sie hier zu sehen. Ich habe Sie hieher geführt, um Sie auf das Wiedersehen eines unerwarteten Freundes, den Sie in jenem Zimmer treffen werden, vorzubereiten.«

»Welchem Grunde ich es immer zu danken haben mag,« entgegnete der Jüngling, indem er ihre Hände an seine Lippen drückte, ich fühle mich nicht weniger glücklich, Sie allein zu sehen. Franciska, die Prüfung, welche Sie mir aufgelegt haben, ist grausam. Krieg und Entfernung können uns vielleicht bald auf immer scheiden.«

»Wir müssen uns der Gewalt der Notwendigkeit fügen. Aber es ist jetzt nicht der Augenblick für eine solche Sprache. Ich habe Ihnen andere und wichtigere Dinge mitzutheilen.«

»Was kann von größerer Wichtigkeit sein, als Sie durch ein unauflösliches Band an mich zu ketten? Franciska, Sie sind kalt gegen mich – gegen mich, aus dessen Seele weder der Dienst des Tages noch die Unruhe der Nacht Ihr Bild auch nur einen Augenblick zu verbannen im Stande war.«

»Theurer Dunwoodie,« sagte Franciska, und hielt ihm, fast zu Thränen bewegt, ihre Hand entgegen, indeß die Röthe ihrer Wangen allmählig wieder zurückkehrte, »Sie kennen meine Gefühle. Ist dieser Krieg zu Ende, so mögen Sie meine Hand für immer hinnehmen; aber ich kann nie einwilligen, mich durch ein engeres Band, als das, welches schon zwischen uns besteht, an Sie zu knüpfen, so lange Sie meinem einzigen Bruder in den Waffen gegenüber stehen. Ja, in dem gegenwärtigen Augenblick erwartet dieser Bruder Ihren Ausspruch, ob er zur Freiheit zurückkehren, oder einem wahrscheinlichen Tode entgegen gehen soll.«

»Ihr Bruder?« rief Dunwoodie und fuhr todesblaß zurück; –

»Ihr Bruder?« Erklären Sie sich deutlicher – welcher fürchterliche Sinn liegt in Ihren Worten verborgen?«

»Hat Ihnen Capitän Lawton nicht mitgetheilt, daß er selbst heute Morgen Heinrich in Verhaft genommen hat?« fuhr Franciska mit kaum hörbarer Stimme fort, wobei sie ihrem Geliebten mit einem Blicke der tiefsten Bekümmerniß in's Auge sah.

»Er sagte mir, er habe einen verkleideten Capitän des sechzigsten Regiments angehalten, ohne mir jedoch seinen Namen oder den Ort, wo die Verhaftung vorfiel, zu nennen,« entgegnete der Major in dem gleichen Tone und suchte, den Kopf auf seine Hände stützend, den Sturm der Gefühle in seinem Innern vor seiner Gefährtin zu verbergen.

»Dunwoodie! Dunwoodie!« rief Franciska, indem alle ihre frühere Zuversicht sich in den schreckhaftesten Besorgnissen verlor, »was bedeutet diese Unruhe?« Als der Major langsam das Gesicht, welches, den Ausdruck der tiefsten Bekümmerniß zeigte, wieder erhob, fuhr sie fort: »Gewiß, Gewiß – Sie können Ihren Freund – meinen Bruder – Ihren Bruder – nicht einem schmählichen Tode preisgeben.«

»Franciska!« rief der junge Mann im schmerzlichsten Seelenkampfe – »was kann ich thun?«

»Was Sie thun können?« entgegnete sie mit einem wilden Blick auf ihn; »könnte der Major Dunwoodie seinen Freund – den Bruder seiner Verlobten, in die Hände des Feindes liefern?«

»O, sprechen Sie nicht so unfreundlich mit mir, theuerste Miß Wharton – meine liebe Franciska! Ich würde jeden Augenblick für Sie – für Heinrich – in den Tod gehen; – aber ich darf meine Pflicht nicht vergessen – kann meine Ehre nicht in die Schanze schlagen. Sie selbst würden die Erste seyn, welche mich um einer solchen Handlung willen verachtete.«

»Peyton Dunwoodie!« sagte die todtenbleiche Franciska mit feierlichem Ernste, »Sie haben mir gesagt – Sie haben mir geschworen, daß Sie mich liebten –«

»Ich thue es noch,« unterbrach sie der Krieger mit Wärme; – sie aber winkte ihm, zu schweigen und fuhr mit einer von Furcht bebenden Stimme fort:

»Glauben Sie, ich könne mich in die Arme eines Mannes werfen, dessen Hände von dem Blute meines einzigen Bruders befleckt sind?«

»Franciska, Ihre Worte schneiden mir tief in's Herz –« Dunwoodie hielt einen Augenblick inne, um seine Gefühle zu bekämpfen, und fuhr mit einem erzwungenen Lächeln fort? »aber wir quälen uns im Grunde vielleicht mit unnöthigen Besorgnissen, und Heinrich ist wohl, je nach dem Erfund der Umstände, nur als ein Kriegsgefangener zu betrachten, in welchem Falle ich ihn auf sein Ehrenwort frei geben kann.«

Es gibt kein täuschenderes Gefühl als die Hoffnung, und es scheint das glückliche Vorrecht der Jugend zu seyn, alle Freuden, welche sich von ihr ausbeuten lassen, zu kosten. Ein offenes Herz ist am wenigsten geneigt, Anderen zu mißtrauen, und wir nehmen gerne an, daß die Dinge sich in Wirklichkeit so verhalten, wie sie nach unsern Gedanken seyn sollten.

Die verzagende Schwester entnahm diese aufblitzenden Hoffnungen mehr aus dem Auge, als aus den Worten des jungen Kriegers. Das Blut strömte wieder in ihre Wangen und sie rief mit Lebhaftigkeit:

»O, daran zu zweifeln ist ja nicht der mindeste vernünftige Grund vorhanden. Ich wußte es ja – ich wußte es, Dunwoodie, daß Sie uns in der Stunde unserer größten Noth nicht verlassen würden.« Die Macht ihrer Gefühle gewann die Oberhand, und das geängstigte Mädchen machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft.

Die Pflicht, diejenigen zu trösten, welche uns theuer sind, ist eines der köstlichsten Vorrechte der Liebe, und obgleich Major Dunwoodie nur wenig Trost in der Vermuthung, die sich ihm im Augenblicke darbot, fand, so war es ihm doch unmöglich, das liebliche Wesen zu enttäuschen, welches sich, als er die Spuren ihrer Gefühle von ihren Wangen wischte, an seine Schulter lehnte und in der Zuversicht, ihren Bruder gerettet und unter dem Schutze ihres Geliebten zu wissen, wieder neu auflebte.

Als sich Franciska hinreichend gesammelt hatte, um ihre Empfindungen zu beherrschen, eilte sie in das andere Zimmer voran, um ihrer Familie die frohe Kunde mitzutheilen, welche bei ihr bereits zur zuversichtlichen Ueberzeugung geworden war.

Dunwoodie folgte widerstrebend und mit unheilvollen Ahnungen; aber wenige Augenblicke brachten ihn in den Kreis seiner Verwandten, und er hatte aller seiner Entschlossenheit aufzubieten, um diese schwere Prüfung mit Festigkeit zu bestehen.

Die Begrüßung der jungen Männer war herzlich und offen – von Heinrich Whartons Seite geschah sie sogar mit einer Ruhe, als ob gar nichts vorgefallen sey, was seine Fassung hätte stören können.

Der schreckliche Gedanke, bei der Verhaftung seines Freundes in irgend einer Weise mitwirken zu müssen, die Gefahr für das Leben des Capitäns Wharton und Franciska's herzzerreißende Erklärungen hatten jedoch in der Brust des Majors Dunwoodie eine Unruhe erzeugt, welche er sich vergebens zu verbergen mühte.

Die Aufnahme von Seiten der übrigen Familie war herzlich und aufrichtig, sowohl aus alter Achtung, als in Berücksichtigung früherer Verpflichtungen, wozu noch die Hoffnungen kamen, welche sich deutlich genug in den Augen des ihm zur Seite stehenden errötenden Mädchens aussprachen. Nachdem er mit jedem Familienglied die üblichen Begrüßungen ausgetauscht hatte, winkte er der Wache, welcher der vorsichtige Lawton die Obhut über den Gefangenen anvertraut hatte, das Zimmer zu verlassen. Dann wandte er sich an Capitän Wharton und begann mit Milde seine Nachforschung.

»Erzähle mir, Heinrich, welche Bewandtniß es mit der Verkleidung hat, in welcher Capitän Wharton Dich gefunden haben will, und erinnere Dich – erinnere Dich – Capitän Wharton – daß Deine Antworten ganz freiwillig sind.«

»Ich habe mich der Verkleidung bedient, Major Dunwoodie,« erwiderte der englische Officier mit Würde, »um mich in den Stand zu setzen, meine Verwandten zu besuchen, ohne daß ich Gefahr liefe, in Kriegsgefangenschaft zu gerathen.«

»Du legtest sie aber nicht früher an, als bis Du Lawton's Reiter kommen sahest?«

»O nein,« unterbrach ihn Franciska lebhaft, indem sie in der Angst um ihren Bruder alles Andere vergaß; »Sara und ich haben sie ihm angezogen, als die Dragoner erschienen. Nur unsere Ungeschicklichkeit ist Schuld, dass er entdeckt wurde.«

Dunwoodie's Züge strahlten, als er einen, zärtlichen Blick auf die Sprecherin werfend, ihre Auseinandersetzung vernahm.

»Wahrscheinlich also einige von Euern Kleidungsstücken, welche bei der Hand waren und im Drange des Augenblicks benützt wurden?«

»Nein,« sagte Wharton mit Würde; »ich habe in diesen Kleidern die Stadt verlassen. Ich habe sie mir zu dem Zweck, für welchen sie verwendet wurden, beschaffen lassen und beabsichtigte, mich ihrer heute bei meiner Rückkehr wieder zu bedienen.«

Die erblassende Franciska eilte erschreckt von ihrem Bruder und ihrem Geliebten weg, zwischen welche die Gluth ihrer Gefühle sie geführt hatte, als die schreckliche Wahrheit in ihrer Seele aufdämmerte, und sank auf einen Stuhl, von dem aus sie die jungen Männer mit wirren Blicken betrachtete.

»Aber die Vorposten – die Truppen in den Ebenen?« fügte Dunwoodie bei, indem, er sich erbleichend abwendete.

»Auch an ihnen kam ich in meiner Verkleidung vorbei. Ich bediente mich dabei dieses Passes, welchen ich kaufte, und der, da er Washington's Namen trägt, vermuthlich ein nachgemachter ist.«

Dunwoodie nahm ihm rasch das Papier aus der Hand und betrachtete eine Weile schweigend die Unterschrift. Da gewann endlich allmählig der Soldat über den Menschen die Oberhand, und mit einem forschenden Blick auf den Gefangenen stellte er die Frage:

»Capitan Wharton, woher haben Sie dieses Papier?«

»Das ist eine Frage, welche, wie ich glaube, Major Dunwoodie kein Recht zu stellen hat.«

»Verzeihung, mein Herr! meine Gefühle haben mich zu einer Unziemlichkeit verleitet.«

Herr Wharton, welcher mit dem lebhaftesten Antheil zuhörte, hatte seine Gefühle soweit bekämpft, daß er einzuwenden vermochte: »Gewiß, Major Dunwoodie, das Papier kann von keinem Belang seyn. Solcher Kunstgriffe bedient man sich täglich im Kriege.«

Dieser Name ist nicht nachgemacht,« sagte der Dragoner mit leiser Stimme, indem er die Schriftzüge untersuchte. »Gibt es noch unentdeckten Verrath unter uns? Washington's Vertrauen ist mißbraucht worden, denn der erdichtete Name und der Paß selbst sind von verschiedener Hand geschrieben. Capitän Wharton, meine Pflicht gestattet es mir nicht, Sie auf Ehrenwort frei zu lassen. Sie müssen mich nach den Hochlanden begleiten.«

»Ich erwartete nichts anderes, Major Dunwoodie.«

Dunwoodie wandte sich langsam zu den Schwestern und Franciska's Gestalt hielt auf's Neue seinen Blick gefesselt. Sie hatte sich von ihrem Sitz erhoben und stand wieder mit gefalteten Händen und bittender Stellung vor ihm. Da er sich unfähig fühlte, seine Gefühle länger zu bemeistern, bediente er sich schnell eines Vorwandes für eine vorübergehende Entfernung und verließ das Zimmer. Franciska folgte ihm, und, gehorsam dem Winke ihres Auges, trat der Krieger wieder in das Zimmer, in welchem sie ihre erste Besprechung gehalten hatten.

»Major Dunwoodie,« sagte Franciska in kaum hörbarer Stimme, als sie ihm zu sitzen winkte; die Leichenblässe ihrer Wangen war dem lebhaftesten Scharlach gewichen, welcher nach und nach ihr ganzes Antlitz überflog; – sie kämpfte einen Augenblick mit sich selber und fuhr dann fort: »ich habe Ihnen bereits zugestanden, daß ich Sie schätze, und ich will dieses selbst jetzt, wo Sie mich auf's schmerzlichste betrüben, nicht verhehlen. Glauben Sie mir, mein Bruder hat sich keines weiteren Vergehens, als der Unklugheit, schuldig gemacht. Unser Vaterland kann keinen Nichtswürdigen erzeugen.« Sie hielt wieder eine Weile inne, wobei ihr fast der Athem verging; sie erblaßte, ward wieder roth und fügte endlich mit hastiger schwacher Stimme bei: »Ich habe versprochen, Dunwoodie, Ihr Weib zu werden, sobald der Frieden im Vaterlande wieder hergestellt seyn wird. Lassen Sie meinen Bruder auf sein Ehrenwort frei, und ich will heute noch mit Ihnen an den Altar treten, sie in's Lager begleiten und als Gattin eines Soldaten alle Entbehrungen eines Soldaten tragen lernen.«

Dunwoodie ergriff die Hand, welche das erröthende Mädchen in der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle gegen ihn ausstreckte und drückte sie einen Augenblick an seine Brust; dann erhob er sich von seinem Sitze und ging im furchtbarsten Seelenkampfe im Zimmer auf und ab.

»Franciska, ich beschwöre Sie – nichts weiter, wenn Sie mir nicht das Herz brechen wollen.«

»Sie weisen also das Anerbieten meiner Hand zurück?« sagte sie, mit Würde sich erhebend, obgleich ihre blasse Wange und die bebenden Lippen den heftigen Widerstreit ihrer Empfindungen bekundeten.

»Sie zurückweisen? Habe ich sie nicht mit Bitten und Thränen gesucht? – War sie nicht das Ziel aller meiner irdischen Wünsche? Aber sie unter solchen Umständen anzunehmen, würde uns beide entehren. Wir wollen jedoch das Beste hoffen. Heinrich muß frei gesprochen werden – vielleicht wird er nicht einmal vor Gericht gestellt. Sie dürfen überzeugt seyn, daß ich alle meine Kräfte zu seinen Gunsten aufbieten werde, und – glauben Sie mir, Franciska – ich bin nicht ohne Einfluß bei Washington.«

»Jenes unglückselige Papier, jener Mißbrauch seines Vertrauens, auf welchen Sie anspielten, wird ihn gegen die Sache meines Bruders verhärten. Wenn Drohungen oder Bitten seinen strengen Gerechtigkeitssinn hätten beugen können, würde André wohl hingerichtet worden seyn?«

Als Franciska diese Worte kaum ausgesprochen hatte, verließ sie in hoffnungsloser Verzweiflung das Zimmer.

Dunwoodie blieb eine Minute in dumpfer Betäubung stehen; dann folgte er ihr in der Absicht, sich zu rechtfertigen und ihre Besorgnisse zu zerstreuen. Als er in den Vorsaal trat, welcher die beiden Zimmer von einander trennte, begegnete ihm ein kleiner zerlumpter Knabe, welcher einen Augenblick seine Uniform musterte, ihm dann ein Stückchen Papier in die Hand drückte und unmittelbar darauf wieder durch die äußere Thüre des Gebäudes verschwand. Sein verwirrter Gemüthszustand und die Flüchtigkeit dieser Erscheinung ließen den Major kaum Zeit, zu bemerken, daß der Bote ein gering gekleideter Bauerjunge war, und daß er eines der Spielzeuge, wie man sie in den Städten zu kaufen pflegt, in der Hand hatte, welches er mit dem vergnügten Bewußtsein, für die Ausrichtung des verlangten Dienstes gut belohnt worden zu seyn, zu betrachten schien. Der Soldat richtete sein Auge auf das Blatt in seinen Händen. Es war ein schmutziger Fetzen mit fast unleserlichen Schriftzügen, aus denen er mit einiger Mühe die Worte herauszubringen vermochte:

»Die Regulären sind in der Nähe, Reiterei und Fußvolk.«

Vor einigen Jahren starb zu Bedford in West-Chester ein Gutsbesitzer, Namens Elisha H –. Dieser Mann war einer von Washington's zuverläßigsten Spionen. Es gehörte zu H – s Vertragsbedingungen, daß man nie durch dritte Personen mit ihm verkehre, weil die Gefahr zu groß war. Auch war es ihm gestattet, in Sir Henry Clinton's Dienste zu treten, und Washington hatte eine so große Zuversicht zu seiner Vaterlandsliebe und Verschwiegenheit, daß er ihm oft minder wichtige militärische Bewegungen anvertraute, um ihn in den Stande zu setzen, durch die Mittheilung derselben an den englischen General in dessen Vertrauen noch höher zu steigen. In dieser Weise setzte er seine Dienstleistungen geraume Zeit fort, und der Zufall führte ihn einmal gerade in einem Augenblicke nach dem damals von den Engländern besetzten Neu-York, als eine Truppenabtheilung im Begriffe war, nach einem kleinen Hafen bei Bedford (seiner Heimath) aufzubrechen, wo die Amerikaner eine Proviantniederlage hatten. Es war H – ein Leichtes, die Stärke und die Bestimmung der zu diesem Dienst commandirten Mannschaft zu erfahren, aber er war in Verlegenheit, wie er dem Befehlshaber zu Bedford die geeigneten Mitteilungen machen solle, ohne seinen wahren Charakter gegen einen Dritten zu verraten. Die Zeit reichte nicht, Washington aufzusuchen, und unter diesen Umständen entschloß er sich endlich, dem Amerikanischen Commandanten ein Schreiben zugehen zu lassen, in welchem er ihm die Gefahr und die Zeit, um welche der Angriff zu erwarten stand, mittheilte. Er wagte es sogar, diese Note, welche er vorsichtigerweise mit verstellter Hand geschrieben hatte, mit den Anfangsbuchstaben seines Namens E. H. zu unterzeichnen, weil er glaubte, daß dadurch seiner Warnung mehr Gewicht gegeben werde, denn es war ihm wohl bekannt, daß er von seinen Landsleuten beargwöhnt werde. Da sich seine Familie in Bedford befand, so ließ sich das Schreiben mit Leichtigkeit besorgen. Es kam in guter Zeit an, während H – selbst in Neu-York zurückblieb.

Der Amerikanische Commandant that, was jeder verständige Officier in einem ähnlichen Falle gethan haben würde. Er sandte Washington das Schreiben durch einen Courier und erbat sich Verhaltungsbefehle, indem er zugleich seine kleine Mannschaft in Bereitschaft setzte, dem Angriff nach Kräften zu widerstehen.

Das Hauptquartier der Amerikanischen Armee war damals in den Hochlanden. Glücklicherweise traf der Bote Washington auf einer Beobachtungsrunde am Anfange derselben. Das Schreiben wurde ihm übergeben und als er es im Sattel gelesen hatte, schrieb er nur mit dem Bleistift darunter: »Glauben Sie alles, was Ihnen E. H. mittheilt. Georg Washington.« Die Note wurde dem Courier mit der Einschärfung zurückgegeben, auf Leben und Tod zu reiten.

Der Courier erreichte Bedford, die Britten bereits ihren Angriff gemacht hatten. Der Commandant las die Antwort und steckte sie in die Tasche. Die Amerikaner wurden geschlagen und ihr Führer getödtet. Man fand bei ihm H-s Schreiben mit der von Washington beigefügten Zeile.

Des andern Tags wurde H– vor Sir Henry Clinton gerufen. Nach mehreren allgemeinen Fragen gab letzterer plötzlich seinem Spion die Note und fragte ihn, ob er die Handschrift kenne und wer dieser E.H. sey. »Es ist Elias Hadden, der Spion, welchen Sie gestern zu Powles Hook hängen ließen.« Diese besonnene Antwort, verbunden mit der Thatsache, daß den Tag vorher ein Spion gehangen worden war, dessen Name dieselben Anfangsbuchstaben hatte, und H–s Ruhe retteten ihn. Sir Henry Clinton entließ ihn und sah ihn nachher nie wieder. Dunwoodie erschrack und verließ, alles über den Pflichten des Soldaten vergessend, plötzlich das Landhaus. Als er so in aller Hast auf die Reiterschaar zueilte, bemerkte er eine Vedette, welche von den fernen Bergen mit verhängten Zügeln einhersprengte. Einige Pistolenschüsse wurden schnell nach einander abgefeuert, und im nächsten Augenblick ließen die Trompeten des Corps ihre belebenden Töne erklingen, welche zu den Waffen riefen. Als der Major den freien Platz erreichte, wo die Schwadron sich gelagert hatte, traf er alles in lebhafter Bewegung. Lawton saß bereits im Sattel und blickte in kampflustiger Erwartung auf das entgegengesetzte Ende des Thales, wobei er den Trompetern in Tönen, welche nur wenig schwächer, als die ihrer Instrumente waren, zurief:

»Nur zugeblasen, Jungen, und laßt diese Engländer wissen, daß die Virginische Reiterei zwischen ihnen und dem Ziele ihres Marsches ist.«

Die Vedetten und Streifwachen kamen nun angesprengt und erstatteten hastig nach einander dem commandirenden Officier Bericht, der mit einer Ruhe und Entschiedenheit, welche auf sichern Gehorsam rechnen ließen, seine Befehle ertheilte. Nur ein einzigesmal, als er sein Pferd wendete, um in den Vordergrund der Ebene zu reiten, wagte es Dunwoodie, einen Blick auf das Landhaus zu werfen, und sein Herz schlug schneller als gewöhnlich, als er an dem Fenster des Zimmers, wo er mit Franciska gesprochen hatte, eine weibliche Gestalt mit ringenden Händen bemerkte. Die Entfernung war zu groß, um ihre Züge zu unterscheiden, aber der Krieger zweifelte nicht, daß es seine Gebieterin sey. Bald aber war die Blässe seiner Wangen und der gramvolle Blick entschwunden. Als er gegen den beabsichtigten Wahlplatz hinritt, begann ein kriegerisches Feuer aus seinen sonnverbrannten Zügen zu strahlen, und seine Dragoner, welche in dem Gesichte ihres Führers den sichersten Propheten ihres Schicksals fanden, sahen wieder das gewohnte Leuchten der Augen und die glühende Begeisterung, deren Zeugen sie so oft bei dem Beginne einer Schlacht gewesen waren. Durch den Anschluß der Vedetten und der mitherstreifenden Mannschaft wuchs die Reiterei nahe zu bis auf zweihundert Köpfe an. Auch war noch eine kleine Anzahl Leute da, welche man gewöhnlich als Wegweiser benutzte, in Fallen der Gefahr aber der Mannschaft einverleibte, wo sie dann den Dienst der Infanterie verrichteten. Dunwoodie ließ diese absitzen und die Hindernisse wegräumen, welche die Bewegungen der Reiterei stören konnten, was durch die Vernachlässigung der Feldwirtschaft, welche der Krieg veranlaßte, vergleichungsweise zu einer leichten Aufgabe wurde, da die langen Reihen fester und dauerhafter Mauern, welche nun alle Theile des Landes durchziehen, vor vierzig Jahren noch nicht bekannt waren. Die leichten und losen Steinaufwürfe der damaligen Zeit waren mehr durch das Reinigen der Felder gebildete Schutthaufen, als dauerhafte Gränzen, und erforderten die anhaltende Aufmerksamkeit des Landbebauers, um sie gegen die Wuth der Stürme und die Einflüsse des Winterfrostes zu bewahren. Einige davon, unmittelbar um Herrn Wharton's Güter, waren mit mehr Sorgfalt angelegt; aber diejenigen, welche weiter unten das Thal durchschnitten, waren jetzt fast durchgängig nur Trümmer, über welche die Virginischen Rosse mit der Leichtigkeit des Windes wegsetzten. Hin und wieder stand wohl noch eine kurze Linie aufrecht; da aber keine derselben den Grund, auf welchem Dunwoodie zu schlagen gedachte, durchkreuzte, so brauchten blos die leichteren Einzäunungen niedergeworfen zu werden. Die Verrichtung ging schnell und wirksam vor sich, und die dabei beschäftigte Mannschaft zog sich an den ihr für den Beginn des Gefechtes angewiesenen Posten zurück.

Major Dunwoodie hatte von seinen Kundschaftern jede nöthige Mittheilung über den Feind erhalten, um in den Stand gesetzt zu seyn, seine Vorkehrungen zu treffen. Der Thalgrund war eine Ebene, die zu beiden Seiten leicht gegen das Gebirg anstieg und zwischen inne eine natürliche Wiese bildete, welche sich an den Ufern eines kleinen Flusses hinzog, durch dessen Gewässer sie oft überschwemmt und befruchtet wurde. Das kleine Wasser konnte an allen Stellen seines Laufes leicht durchwatet werden, und der einzige Ort, wo er den Bewegungen der Cavallerie hemmend in den Weg trat, war, wo es sein Bette von Westen nach der Ostseite des Thales wendete, weil dort seine Ufer steiler und weniger zugänglich waren. An dieser Stelle wurde jedoch der Fluß von der Heerstraße mittelst einer rohgearbeiteten hölzernen Brücke gekreuzt, was denn auch weiter unten, eine halbe Meile oberhalb der Locusten, wieder der Fall war.

Das Gebirg auf der östlichen Seite des Thales war abschüssig und beschränkte letzteres hin und wieder durch Felsenvorsprünge fast um die Hälfte seiner gewöhnlichen Breite. Einer dieser Ausläufer befand sich nur in kurzer Entfernung in dem Rücken der Dragoner, und Dunwoodie beauftragte den Capitän Lawton, sich mit zwei Zügen hinter demselben aufzustellen. Der Officier gehorchte, mit einer Art mürrischen Widerwillens, welcher jedoch einigermaßen durch das Vorgefühl der Wirkung gemildert wurde, die sein plötzliches Hervorbrechen auf den Feind machen mußte. Dunwoodie kannte seinen Mann und hatte den Rittmeister für diesen Dienst ausgewählt, einmal, weil er seine Tollkühnheit im Kampfe fürchtete, und dann, weil er wußte, daß man sich im Falle der Noth auf ihn verlassen konnte. Capitän Lawton war jedoch nur im Angesichte des Feindes vorschnell, denn bei allen andern Gelegenheiten beobachtete er die vollkommenste Umsicht und Selbstbeherrschung, die er nur bisweilen, wenn es anzubinden galt, vergaß. Links an dem Felde, auf welchem Dunwoodie dem Feind zu begegnen beabsichtigte, lag ein dichter Wald, welcher das Thal auf die Entfernung einer Meile begränzte. Dahin zog sich nun das Häufchen der Wegweiser zurück und nahm seine Stellung am Saume des Gehölzes, so daß sie in den Stand gesetzt waren, ein wirksames Feuer auf die vorrückende Kolonne des Feindes zu eröffnen.

Es läßt sich nicht annehmen, daß alle diese Vorbereitungen von den Bewohnern des Landhauses unbemerkt blieben. Im Gegentheil waren alle Gefühle, welche die menschliche Brust bestürmen können, bei den Zeugen dieser Scene in reger Thätigkeit. Nur Herr Wharton blickte hoffnungslos auf den Ausgang des Kampfes. Wenn die Engländer siegten, so wurde sein Sohn allerdings befreit; aber was mußte dann sein eigenes Schicksal seyn? Er hatte bisher mitten unter den drängendsten Verhältnissen seinen neutralen Charakter bewahrt. Der Umstand, einen Sohn in der königlichen oder, wie man es nannte, in der regulären Armee zu haben, hätte beinahe den Einzug seiner Güter veranlaßt, der nur durch seine eigene Klugheit und durch die Verwendung eines einflußreichen Verwandten, der eine hohe Stelle in der Republik bekleidete, vermieden wurde. Er war im Herzen eifrig königlich gesinnt, und als Franciska im letzten Frühjahr nach ihrer Rückkehr aus dem Amerikanischen Lager ihm erröthend die Wünsche ihres Liebhabers mittheilte, war ihm die Einwilligung, welche er zu der Verbindung seiner Tochter mit einem Rebellen gab, eben so sehr durch die zunehmende Notwendigkeit, sich eines Beschützers unter den Republikanern zu versichern, als durch die Sorge für das Glück seines Kindes abgedrungen worden. Wurde sein Sohn nun befreit, so mußte er mit ihm in der öffentlichen Meinung als ein Verschwörer gegen sein Vaterland gelten; und blieb Heinrich in der Gefangenschaft, so stand diesem ein Kriegsgericht bevor, dessen Folgen noch fürchterlicher seyn konnten. Herr Wharton liebte seine Schätze, noch mehr aber seine Kinder, und er starrte daher mit einer Ausdruckslosigkeit in seinem Gesichte auf die draußen statthabenden Bewegungen, welche die Schwäche seines Charakters auf's bezeichnendste verrieth.

Ganz anderer Art waren die Gefühls seines Sohnes. Capitän Wharton war zwei Dragonern zur Bewachung übergeben worden, von denen der eine mit gemessenem Schritt in der Säulenhalle auf und ab ging, während der andere angewiesen war, mit dem Gefangenen in dem gleichen Zimmer zu bleiben. Der junge Mann sah mit einer Bewunderung, welche mit ängstlichen Besorgnissen für seine Freunde gemischt waren, den Bewegungen Dunwoodie's zu. Am wenigsten behagte ihm der Hinterhalt, in welchem Lawton's Abtheilung aufgestellt war, deren Führer man von dem Fenster des Landhauses aus zu Fuß vor der Front seiner Abtheilung auf und ab gehen sah, um seine Ungeduld abzukühlen. Heinrich Wharton warf einige hastige forschende Blicke umher, um irgend ein Mittel zur Befreiung zu erspähen, aber stets begegnete er den Augen seiner Schildwache, welche mit der Achtsamkeit eines Argus auf ihn geheftet waren. Er wünschte mit dem Feuer der Jugend, an dem ruhmvollen Kampfe Theil zu nehmen, und doch sah er sich gezwungen, einen mißvergnügten Zuschauer des Schauspiels abzugeben, in welchem er selbst so gerne handelnd aufgetreten wäre. Miß Peyton und Sara fuhren fort, die Vorbereitungen mit verschiedenen Gefühlen zu betrachten, unter denen die Besorgniß über des Capitäns Schicksal das hervorstechendste war, bis sich der Augenblick des Blutvergießens zu nähern schien; dann erst zogen sie sich mit der Furchtsamkeit ihres Geschlechts nach einem innern Zimmer zurück. Nicht so Franciska; – sie eilte nach dem Gemache, wo sie Dunwoodie verlassen hatte und verfolgte von einem der Fenster jede seiner Bewegungen mit der innigsten Theilnahme. Die Schwenkungen der Züge und andere todbringenden Vorbereitungen blieben alle unbeachtet; sie sah nur ihren Geliebten, indeß in ihrem Innern Bewunderung mit dem Gefühle der tödtlichsten Angst wechselte. In einem Augenblick strömte ihr das Blut zum Herzen, wenn sie den jungen Krieger, seine Leute ermuthigend und belebend, durch die Reihen reiten sah; und in dem nächsten erstarrte es bei dem Gedanken, daß gerade diese Tapferkeit, welche sie so sehr schätzte, ein Grab zwischen ihr und dem Gegenstand ihrer Betrachtung öffnen könne. Sie blieb am Fenster, bis sie nicht mehr hin zu schauen vermochte.

In einem Felde links von dem Landhause und unfern der Nachhut des Geschwaders befand sich eine kleine Gruppe, welche sich mit ganz anderen Dingen als die, welche um sie vorgingen, zu beschäftigen schien. Sie bestand aus zwei Männern und einem Mulattenknaben. Die hervorstechendste Person dieser Gesellschaft war ein Mann, dessen Magerkeit seine hohe Gestalt noch übermäßiger erscheinen ließ. Er trug eine Brille, war unbewaffnet und unberitten, und schien seine Aufmerksamkeit zwischen einer Cigarre, einem Buche und den Ereignissen in der Ebene zu theilen. Franciska faßte den Entschluß, diesen Leuten ein Billet zur Besorgung an Dunwoodie zugehen zu lassen. Sie schrieb daher eilig mit dem Bleistift: »Kommen Sie zu mir, Peyton, wenn es auch nur auf einen Augenblick wäre;« und Cäsar tauchte aus der Kellerküche auf, vorsichtig hinter dem Gebäude vorbei schleichend, um der Wache in der Vorhalle nicht zu begegnen, welche mit der Höflichkeit eines gemeinen Reiters geboten hatte, daß Niemand von der Familie das Haus verlassen solle. Der Schwarze überlieferte das Schreiben dem Herrn, mit der Bitte, es an den Major Dunwoodie zu bestellen. Der Mann, an welchen sich Cäsar wandte, war der Chirurg der virginischen Reiterei, und die Zähne des Afrikaners klapperten, als er auf dem Boden die verschiedenen Instrumente erblickte, welche für den Fall einer Operation in Bereitschaft lagen. Der Doctor selbst schien seine Vorkehrungen mit vielem Vergnügen zu betrachten, als er bedachtsam die Augen von seinem Buche aufschlug, um das Billet dem Knaben zur Besorgung an den commandirenden Officier zu übergeben, und vertiefte sich dann wieder, in seine Lectüre. Cäsar zog sich langsam zurück, während die dritte Person, die ihrer Kleidung nach ein untergeordneter Gehülfe des Arztes seyn mochte, die kaltblütige Frage an ihn stellte: »ob er sich ein Bein abnehmen lassen wolle?« Diese Frage schien den Schwarzen an das Vorhandenseyn dieser Glieder zu erinnern, und er machte einen so wackeren Gebrauch von denselben, daß er die Vorhalle in demselben Augenblick erreichte, in welchem Major Dunwoodie in kurzem Galopp ansprengte. Die kräftige Schildwache richtete sich auf dem Posten, zog den Säbel und salutirte mit militärischem Anstand, als der Officier vorbeiging; kaum aber war die Thüre geschlossen, so wandte sie sich gegen den Neger und sprach in scharfem Tone:

»Höre, Schwarzer, wenn Du das Haus wieder ohne mein Vorwissen verlässest, so werde ich Dir eines Deiner Ohren mit diesem Rasirmesser abbarbieren.«

So an einem anderen Gliede bedroht, zog sich Cäsar eilig nach seiner Küche zurück und brummte Einiges vor sich hin, wobei die Worte »Schinder und rebellischer Schurke« den Haupttheil des Selbstgespräches bildeten.

»Major Dunwoodie,« sagte Franciska zu ihrem eintretenden Liebhaber, »ich habe Ihnen vielleicht Unrecht gethan. Wenn ich hart erschien –«

Die innere Bewegung des geängstigten Mädchens gewann die Oberhand, und sie brach in Thränen aus.

»Franciska!« rief der Krieger mit Wärme, »Sie sind nie hart, nie ungerecht, als wenn Sie an meiner Liebe zweifeln.«

»Ach, Dunwoodie,« fuhr das schluchzende Mädchen fort, »Sie sind im Begriff, Ihr Leben in der Schlacht auf's Spiel zu setzen. Erinnern Sie sich, daß es ein Herz gibt, dessen Glück auf Ihrem Leben beruht. Ich weiß, Sie sind tapfer; seyen Sie vorsichtig –«

»Um Ihretwillen?« fragte der entzückte Jüngling.

»Um meinetwillen;« erwiederte Franciska mit kaum hörbarer Stimme und sank an seine Brust.

Dunwoodie drückte sie an sein Herz und wollte eben seine Gefühle aussprechen, als der Ruf einer Trompete aus dem südlichen Ende des Thales erklang. Einen Kuß der Liebe auf ihre nicht widerstrebenden Lippen drückend, riß sich der Krieger von der Geliebten los und eilte nach dem Kampfplatz.

Franciska warf sich auf ein Sopha, begrub ihr Haupt in seinen Kissen und den Shawl über ihr Gesicht werfend, um so wenig als möglich von dem Schlachtlärm zu hören, blieb sie in dieser Lage, bis das Rufen der Streiter, das Knallen des Gewehrfeuers und der donnernde Hufschlag der Pferde aufgehört hatten.

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