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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 7
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Fünftes Kapitel.

Durch Taroß Moor und Solway's Sand
War blindlings ihm der Weg bekannt;
Durch kühne Sprünge, schlaue Runden
Entrann er Percy's besten Hunden.
Durch unsre Ströme, breit genug –
Schon oft sein muthig Roß ihn trug.
Ihm war es gleich, Tag oder Nacht,
Decembers Schnee und July's Pracht;
Nacht oder Tag, nichts macht ihm Noth,
Ob Mitternacht, ob Morgenroth.

Walter Scott.

 

Alle Glieder der Wharton'schen Familie legten diese Nacht ihre Häupter mit der bangen Vorahnung auf die Pfühle, daß ihre gewöhnliche Ruhe auf irgend eine Weise unterbrochen werden möchte. Die Gemüthsaufregung ließ die Schwestern kein Auge schließen und am andern Morgen stunden sie auf, ohne der Erfrischung des Schlafes genossen zu haben.

Als sie hastig von den Fenstern ihres Schlafgemachs das Thal überschauten, erblickten sie jedoch nichts, als die gewöhnliche Heiterkeit der Landschaft. Sie erglänzte von der sich entfaltenden Pracht eines jener milden und lieblichen Tage, welche hin und wieder zur Zeit des fallenden Laubes eintreten und, um ihrer Häufigkeit willen, den Amerikanischen Herbst den schönsten Jahreszeiten anderer Länder an die Seite stellen. Wir haben keinen Frühling; denn hier macht die Vegetation ihre Entwicklung im Sprunge, während sie unter den gleichen Breitengraden der alten Welt in's Leben zu kriechen scheint. Und wie herrlich ist erst ihr Scheiden! September, October – selbst noch der November und December sind Monate, in welchen man sich des Genusses freier Luft erfreuen darf, und wenn sie auch ihre charakteristischen Stürme haben, so sind diese von kurzer Dauer und lassen eine heitere Atmosphäre und einen wolkenlosen Himmel zurück.

Da sich nichts entdecken ließ, was die Freude und die Harmonie eines solchen Tages möglicherweise hätte stören können, so gingen die Schwestern in das Gesellschaftszimmer hinunter, mit der erneuerten Zuversicht, daß die Sicherheit ihres Bruders nicht gefährdet sey und ihr häusliches Glück wohl keine Störung zu besorgen habe.

Die Familie hatte sich früh zum Frühstücke versammelt und Miß Peyton war mit einem Anflug jener bis auf's Kleinlichste sich erstreckenden Genauigkeit, welche sich so gerne bei Jungfernwirthschaften einschleicht, scherzweise darauf bestanden, daß die mangelnde Gegenwart ihres Neffen keine Störung in der von ihr eingeführten Hausordnung machen solle. Die Gesellschaft saß daher bereits um den Tisch, als der Capitän eintrat, obgleich der noch unberührte Kaffee bewies, daß seine Abwesenheit von keinem seiner Verwandten unberücksichtigt geblieben war.

»Ich denke, ich habe besser gethan,« rief er, indem er nach den gewöhnlichen Morgenbegrüßungen einen Stuhl zwischen seinen Schwestern nahm, »mir ein gutes Bett und ein so reichliches Frühstück zu sichern, statt mich der Gastfreundschaft des berufenen Corps der Kühjungen anzuvertrauen.«

»Wenn Du schlafen konntest,« sagte Sara, »so bist Du glücklicher als Franciska und ich gewesen. Jedes Geräusch der Nachtluft schlug mir wie die Annäherung des Rebellenheeres an das Ohr.«

»Ach,« erwiederte der Capitän lachend, »ich gebe zu, daß ich auch ein wenig unruhig gewesen bin – aber wie war es mit Dir –« er wandte sich dabei an seine jüngere, augenscheinlich begünstigtere Schwester und klopfte sie auf die Wange, »hast Du die Wolken für flatternde Fahnen und Miß Peyton's Aeolsharfe für die Musik einer Rebellen-Armee gehalten?«

»Nein, Heinrich,«, entgegnete das Mädchen mit einem zärtlichen Blick auf ihren Bruder, »so sehr ich mein Vaterland liebe, so würde mir doch die Annäherung seiner Truppen in einem solchen Augenblick großen Kummer machen.«

Der Capitän gab keine Antwort, erwiederte jedoch die Liebe, welche aus dem Auge der Schwester sprach, durch einen Blick brüderlicher Zärtlichkeit und drückte ihr schweigend die Hand, als plötzlich Cäsar, welcher an der Angst der Familie treulich Theil genommen und mit dem Grauen des Tages sich von seinem Lager aufgemacht hatte, um von einem der Fenster ein wachsames Auge auf die Umgebung zu werfen, mit einem Gesichte, dessen Farbe sich der eines Europäers näherte, ausrief:

»Laufen – Massa Harry – laufen – wenn er lieben alt Cäsar, laufen – hier kommen Rebellenreiterei.«

»Laufen?« wiederholte der brittische Offizier, indem er seinen ganzen militärischen Stolz aufbot. »Nein, Meister Cäsar, das Laufen ist mein Handwerk nicht.« Mit diesen Worten ging er bedächtlich auf das Fenster zu, an welches sich die Familie bereits in der größten Bestürzung gedrängt hatte.

In der Entfernung von mehr als einer Meile ließen sich ungefähr fünfzig Dragoner blicken, welche auf einem der seitlichen Zugänge gegen das Thal herunter zogen. Neben dem an der Spitze des Trupps befindlichen Officier war die Gestalt eines Mannes in ländlicher Tracht zu erkennen, welcher in die Richtung des Landhauses deutete. Eine kleinere Abtheilung trennte sich nun von dem Geschwader und bewegte sich rasch auf den Ort ihrer Bestimmung zu.

Als sie die Straße, welche in der Thalebene fortlief, erreicht hatten, wendeten sie ihre Pferde gegen Norden. Die Wharton's blieben in athemlosen Schweigen an ihre Stelle gefesselt und bewachten jede Bewegung der Reiter. Diese bildeten, als sie Birchs Wohnung erreicht hatten, schnell einen Kreis um dessen kleines Besitzthum und im Augenblick war sein Haus von einem Dutzend Schildwachen umringt.

Zwei oder drei Dragoner stiegen nun ab und verschwanden; nach einigen Minuten kamen sie jedoch wieder in den Hof, und hinter ihnen Katy, aus deren heftigen Gesticulationen sich erkennen ließ, daß es sich nicht um Kleinigkeiten handle. Nach einer kurzen Besprechung mit der geschwätzigen Haushälterin langte die Hauptabtheilung des Trupps an; der vorangeschickte Haufen saß wieder auf und nun bewegten sie sich in Masse mit großer Eile auf die Locusten zu.

Bis jetzt hatte Niemand in der Familie Geistesgegenwart genug gehabt, Vorkehrungen für die Sicherheit des Capitän Wharton zu treffen; aber die Gefahr war jetzt zu drängend, um einen längeren Verzug zu gestatten und so schlug man nun in der Eile verschiedene Mittel, ihn zu verbergen, vor, die jedoch alle von dem Stolze des jungen Mannes, als seines Charakters unwürdig, zurückgewiesen wurden. Es war zu spät, sich in die nahegelegenen Wälder zu flüchten, da er unvermeidlich bemerkt und, wenn ihm von den Reitern nachgesetzt wurde, nothwendig eingeholt werden mußte.

Endlich warfen ihm seine Schwestern mit zitternden Händen seine frühere Verkleidung wieder über, deren einzelne Stücke Cäsar sorgfältig bei Händen behalten hatte, im Falle irgend eine Gefahr auftauchen sollte.

Man war kaum mit dieser Vorkehrung eilig und unvollkommen zu Stande gekommen, als bereits die Dragoner mit Sturmesschnelle in den Hof und Garten hereinsprengten und das Haus des Herrn Wharton umzingelten.

Es blieb nun nichts übrig, als dem bevorstehenden Verhör mit so viel Unbefangenheit, als die Familie an den Tag zu legen im Stande war, entgegen zu gehen. Der Führer des Trupps stieg ab und näherte sich, von einigen seiner Leute begleitet, der äußern Thüre des Gebäudes, welche Cäsar nur langsam und wiederstrebend zu dem Empfange des unwillkommenen Gastes öffnete. Die Frauen hörten den schweren Fußtritt des Reiters, als er dem Schwarzen zu der Thüre des Gesellschaftszimmers folgte, immer näher und näher kommen, und ihr Blut drängte sich aus dem Antlitz nach dem Herzen mit einem Schauder, welcher ihnen fast alle Besinnung benahm.

Ein Mann, dessen kolossale Gestalt seine Riesenkraft verkündigte, trat in's Zimmer, lüpfte den Hut und grüßte die Familie mit einer Höflichkeit, welche mit seiner äußern Erscheinung nicht eben im Einklang zu stehen schien. Sein schwarzes, nach der damaligen Mode mit Puder bestreutes Haar hing wirre über die Augenbrauen herunter und sein Gesicht barg sich fast ganz in einem dichten ungestallten Backenbart. Doch war der Ausdruck seines Auges, so durchdringend er auch war, nicht böse, und die Stimme, obgleich tief und kräftig, nichts weniger als unangenehm. Franciska wagte es, einen furchtsamen Blick auf die eintretende Gestalt zu werfen, und erkannte mit einem Male den Mann, von dessen Scharfblick, Harvey Birch's Warnung zufolge, so viel zu befürchten stand.

»Sie haben keine Ursache zur Unruhe, meine Damen,« sagte der Officier und hielt einen Augenblick inne, während dessen er die bleichen Gesichter um sich her betrachtete – »mein Geschäft wird sich auf einige Fragen beschränken; wenn diese offen beantwortet werden, so können Sie uns sogleich ihre Wohnung wieder verlassen sehen.«

»Und was mögen das für Fragen seyn, Sir?« stammelte Herr Wharton, indem er sich von seinem Stuhl erhob und ängstlich die Antwort erwartete.

»Hat sich ein fremder Herr während des Sturmes bei Ihnen aufgehalten?« fuhr der Dragoner mit einiger Theilnahme fort, indem er in gewissem Grade die Beängstigung des Vaters mitzufühlen schien.

»Dieser Herr – hier – beehrte uns während des Regens mit seiner Gesellschaft und ist noch nicht abgereist.«

»Dieser Herr?« wiederholte der Andere, indem er sich gegen Capitän Wharton wandte und ihn eine Weile betrachtete, bis der Ausdruck der Besorgniß auf seinen Zügen in den eines spöttischen Lächelns überging. Er näherte sich dem Jüngling mit einem Anstrich komischer Würde und fuhr mit einem tiefen Bücklinge fort:

»Ich bedaure, mein Herr, daß es Sie so sehr an dem Kopf friert.«

»Mich?« rief der Capitän überrascht, »es friert mich nicht an dem Kopf.«

»Nun, ich vermuthete das wenigstens, weil Sie so schöne schwarze Locken mit dieser häßlichen alten Perücke bedecken. Es scheint aber, ich habe mich geirrt, und ich bitte daher um gefällige Verzeihung.«

Herr Wharton stöhnte laut; die Damen aber, welche nicht wußten, wie weit sich der Scharfblick ihres Gastes erstreckte, verharrten bebend in starrem Stillschweigen. Der Capitän selbst bewegte seine Hand unwillkührlich nach dem Kopfe und gewahrte, daß die zitternde Hast seiner Schwestern einiges von seinem natürlichem Haar unbedeckt gelassen hatte. Der Dragoner beobachtete die Bewegung mit andauerndem Lächeln, schien sich aber alsbald wieder zu sammeln und fuhr, gegen den Vater gewendet fort:

»Ich muß also hieraus entnehmen, mein Herr, daß innerhalb der letzten Woche kein Herr, Namens Harper, hier gewesen ist?«

»Herr Harper?« wiederholte der andere und fühlte eine Last seiner Brust entnommen – »ja, – ich habe sein ganz vergessen; aber er ist wieder abgereist; und wenn etwas Verdächtiges in seinem Charakter war, so ist uns dieses ganz unbekannt geblieben – mir war er vollkommen fremd.«

»Sie haben nur wenig von seinem Charakter zu besorgen,« antwortete der Dragoner trocken: »er ist also abgereist – wie – wann – und wohin?«

»Er schied wie er kam,« sagte Herr Wharton, welcher aus dem Benehmen des Reiters wieder neue Hoffnung schöpfte, »zu Pferd, gestern Abend und schlug den Weg gegen Norden ein.«

Der Officier hörte ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu; sein Gesicht begann allmälig von einem vergnügten Lächeln zu strahlen und sobald Herr Wharton seine lakonische Antwort beendet hatte, drehte er sich auf der Ferse um und verließ das Zimmer. Die Wharton's schlossen aus dieser Bewegung, es sey seine Absicht, dem Gegenstand seiner Ausforschungen selbst nachzuspüren. Sie bemerkten, daß der Dragoner im Vorhofe mit seinen beiden Lieutenants eine ernste, aber anscheinend erfreuliche Unterredung hielt. In wenigen Augenblicken waren an einige von dem Geschwader Befehle gegeben und Reiter verließen auf verschiedenen Pfaden das Thal in voller Hast.

Die Ungewißheit der im Hause Befindlichen, welche mit gesteigertem Interesse diesem Auftritte zusahen, war bald zu Ende, denn der schwere Tritt des Dragoners verkündigte bereits seinen zweiten Besuch. Er verneigte sich wieder beim Eintritte in das Zimmer höflich, ging auf Capitan Wharton zu und sprach mit komischer Würde:

»Da mein Hauptgeschäft abgethan ist, mein Herr, so möchte ich um die Erlaubniß bitten, die Eigenschaft dieser Perücke näher untersuchen zu dürfen.«

Der brittische Officier ahmte die Weise des Andern nach, als er bedächtlich seinen Kopf enthüllte und die Perücke mit der Bemerkung auslieferte:

»Ich hoffe, mein Herr, sie wird nach Ihrem Geschmack seyn.«

»Ich kann das, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, nicht sagen,« erwiederte der Dragoner. »Mir ist Ihr dunkles Haar, aus welchem Sie mit so vielem Fleiß den Puder gekämmt zu haben scheinen, viel lieber. Aber das muß ein tüchtiger Hieb gewesen seyn, den Sie unter diesem ungeheuer schwarzen Pflaster verbergen.«

»Sie scheinen ein so guter Beobachter zu seyn, daß ich Ihre Meinung darüber hören möchte, mein Herr,« sagte Heinrich, indem er den Tafft entfernte und die unbeschädigte Wange zeigte.

»Auf mein Wort, Ihr Aeußeres verbessert sich rasch,« fuhr der Officier fort, den unbeugsamen Ernst in seinen Zügen bewahrend. »Wenn ich Sie nur überreden könnte, diesen alten Ueberrock mit jenem blauen Kleide dort an Ihrer Seite zu vertauschen, so wäre mir, glaube ich, nie eine angenehmere Umwandlung vorgekommen, seit ich selbst aus der Lieutenants-Uniform in die eines Capitäns gekrochen bin.«

Der junge Wharton that mit großer Fassung, was von ihm verlangt wurde, und stand nun als ein sehr schöner und gutgekleideter junger Mann da. Der Dragoner blickte ihn einen Moment mit dem possierlichen Wesen, welches ihm eigenthümlich war, an und fuhr dann fort:

»Eine neue Erscheinung auf dem Schauplatze. Sie wissen, es ist gebräuchlich, daß Fremde eingeführt werden. Ich bin Capitän Lawton von der Virginischen Reiterei.«

»Und ich, mein Herr, bin Capitän Wharton, von Seiner Majestät sechzigstem Infanterie-Regiment,« erwiederte Heinrich mit einer steifen Verbeugung, in der er seine frühere Weise wieder annahm.

Lawton's Züge änderten sich plötzlich und die angenommene scherzhafte Geziertheit verschwand. Er betrachtete die Gestalt des Capitän Wharton, welcher in seiner vollen Würde und mit stolzem Verschmähen jeder weiteren Verheimlichung vor ihm stand, und rief mit großem Ernste: »Capitän Wharton, ich bedaure Sie von ganzem Herzen!«

»O, dann,« rief der Vater in äußerster Seelenangst, »wenn Sie ihn bedauern, warum ihn in Ungelegenheit bringen? – Er ist kein Spion, und nichts als der Wunsch, seine Freunde wieder einmal zu sehen, veranlaßte ihn, sich in seiner Verkleidung so weit von der regulären Armee zu entfernen. Lassen Sie ihn uns, und es gibt keine Belohnung, keine Summe, die ich nicht mit Freuden zahlen will.«

»Herr, Ihre Angst für Ihren Freund entschuldigt diese Sprache,« sagte Lawton stolz; »aber Sie vergessen, daß ich ein Virginier und ein Mann von Ehre bin.« Gegen den jungen Mann gekehrt fuhr er fort: »Wußten Sie nicht, Capitän Wharton, daß unsere Vorposten bereits seit mehreren Tagen weiter unten stehen?«

»Ich wußte es nicht, bis ich auf sie traf, und dann war es zu spät zum Rückzug,« sagte Wharton düster. »Ich kam, wie mein Vater bereits bemerkte, heraus, um meine Verwandte zu besuchen, da ich erfahren hatte, Ihre Truppen seyen zu Peekshill und in der Nähe des Hochlandes, sonst hätte ich gewiß das Wagestück nicht unternommen.«

»Alles dieses mag ganz richtig seyn; aber die Geschichte mit André hat uns gelehrt auf der Hut zu seyn. Wenn Verrätherei bis zu dem Grade der Stabsoffiziere reicht, Capitän Wharton, so ziemt es den Freunden der Freiheit, ihre Vorsicht nicht schlummern zu lassen.«

Heinrich verbeugte sich bei dieser Bemerkung in zurückhaltendem Schweigen, aber Sara wagte es, noch etwas zu Gunsten ihres Bruders hervorzubringen. Der Dragoner hörte ihr mit höflicher Beachtung und augenscheinlichem Mitleiden zu; um sich jedoch der Verlegenheit fruchtloser Gesuche zu entziehen, antwortete er sanft:

»Ich bin nicht der Befehlshaber der Mannschaft, Madame. Major Dunwoodie wird entscheiden, was mit ihrem Bruder geschehen soll. In jedem Fall wird ihm eine freundliche und anständige Behandlung zu Theil werden.«

»Dunwoodie?« rief Franciska mit einem Gesichte, in welchem sich die Gluth der Rose mit der Blässe der Furcht um die Oberhand stritt; – »Gott sey Dank! dann ist Heinrich gerettet!«

Lawton betrachtete sie mit dem gemischten Ausdruck von Mitleid und Verwunderung, schüttelte dann bedenklich den Kopf und fuhr fort:

»Ich hoffe das, und mit Ihrer Erlaubniß wollen wir die Sache seiner Entscheidung überlassen.«

Franciska's Farbe ging von der Blässe der Furcht in die Gluth der Hoffnung über. Ihre Besorgnisse um ihren Bruder waren in der That sehr vermindert; doch bebten ihre Glieder, ihr Athem wurde kurz und unregelmäßig und ihr ganzes Aeußere zeigte die unverkennbaren Merkmale eines außerordentlichen Kampfes. Ihr zur Erde gesenkter Blick erhob sich gegen den Dragoner und sank dann wieder unbeweglich gegen den Fußteppich – sie hatte augenscheinlich die Absicht, etwas zu sagen, ohne im Stande zu seyn, es hervorzubringen. Miß Peyton beobachtete diese Bewegungen ihrer Nichte genau, trat dann, mit weiblicher Würde vor und fragte:

»Dann, mein Herr, haben wir wohl das Vergnügen, den Major Dunwoodie nächstens in unserer Gesellschaft zu sehen?«

»Er kann jeden Augenblick hier seyn, Madame,« antwortete der Dragoner, indem er den bewundernden Blick von Franciska abwandte. »Bereits sind Expressen auf dem Weg, ihm unsere Stellung mitzuteilen, und diese Kunde wird ihn unverzüglich in das Thal führen, wenn nicht allenfalls gewisse andere Rücksichten vorhanden sind, welche ihm einen Besuch besonders unangenehm machen könnten.«

»Wir werden uns immer glücklich schätzen, den Major Dunwoodie bei uns zu sehen.«

»O! ohne Zweifel; er ist aller Welt Liebling. Darf ich daher wohl bitten, zu erlauben, daß meine Leute absteigen und einige Erfrischung zu sich nehmen, da sie einen Theil seiner Schwadron ausmachen?«

Es lag etwas in dem Benehmen des Reiters, um dessen willen Herr Wharton ihm die Unterlassung dieser Bitte gerne vergeben hätte; doch die eigene versöhnliche Stimmung des Hausbesitzers ließ an keine Gegenrede denken, und außerdem wäre es nutzlos gewesen, eine Einwilligung zu verweigern, die, wie er glaubte, wahrscheinlich erzwungen worden wäre. Er machte daher aus der Noth eine Tugend und gab die geeigneten Befehle, den Wünschen des Capitän Lawton entgegen zu kommen.

Die Officiere wurden eingeladen, an dem Frühstück der Familie Theil zu nehmen, und nachdem außen die nöthigen Vorkehrungen getroffen waren, wurde der Einladung unbedenklich Folge geleistet. Der umsichtige Parteigänger hatte keine der für seine Lage so notwendigen Vorsichtsmaaßregeln verabsäumt. Auf den fernen Hügeln ließen sich Patrouillen blicken, die ihre Kameraden schützend umkreisten, während letztere in Mitte der Gefahr sich einer Sorglosigkeit hingaben, welche nur in der Wachsamkeit der dienstthuenden Mannschaft und in einer durch Gewohnheit erlangten Abhärtung ihren Grund haben konnte.

Herr Wharton's Tisch hatte sich nur um drei Gäste vermehrt, und diese waren Männer, welche unter der durch den anhaltenden strengen Dienst erworbenen rauhen Außenseite die gefälligen Sitten der besseren Stände bargen. Diese Störung des häuslichen Familiencirkels trug daher durchaus das Gepräge des strengsten Anstandes. Die Damen überließen die Tafel ihren Gästen, welche fortfuhren, ohne Ziererei der Gastfreundschaft des Herrn Wharton die gebührende Ehre anzuthun.

Endlich unterbrach Capitän Lawton auf einen Augenblick seine gewaltigen Angriffe auf die Buchweizenkuchen, um den Herrn des Hauses zu fragen, ob sich nicht zu Zeiten ein Hausirer, Namens Birch, in dem Thal aufhalte.

»Nur zu Zeiten, glaube ich, Herr,« erwiederte Herr Wharton vorsichtig; »er ist selten hier – ich möchte sogar sagen, daß ich ihn nie zu Gesicht bekomme.«

»Das ist doch sonderbar,« sagte der Reiter und warf dabei einen aufmerksamen Blick auf den verlegenen Wirth; »er ist doch Ihr nächster Nachbar, und da sollte man denken, er müßte bei Ihnen fast wie zu Hause seyn. Auch den Damen mag das etwas unbequem kommen, denn ich zweifle nicht, daß jener Mousselin im Fenstersitz zweimal so viel gekostet hat, als Birch dafür gefordert haben würde.«

Herr Wharton drehte sich verwirrt um und sah einige von den neuen Einkäufen durch das Zimmer zerstreut.

Die zwei Lieutenants mühten sich, ihr Lächeln zu verbergen; der Capitän aber griff mit einem Eifer wieder zu dem Frühstück, daß man hätte glauben können, er fürchte, nie wieder ein weiteres zu sich zu nehmen. Die Nothwendigkeit aber, neuen Vorrath aus Dina's Bereich herbeizuschaffen, gestattete bald einen neuen Ruhepunkt, welchen Lawton benützte.

»Ich hätte gewünscht, die ungeselligen Gewohnheiten dieses Meister Birch zu unterbrechen, und habe deßhalb diesen Morgen bei ihm angerufen,« sagte er. »Wenn ich ihn zu Hause gefunden hätte, so würde ich ihn an einer Stelle aufgehoben haben, wo er sich in der besten Gesellschaft des Lebens hätte erfreuen können – wenigstens für eine kurze Zeit.

»Und wo wäre das gewesen, Sir?« fragte Wharton, welcher die Notwendigkeit, etwas zu erwiedern, einsah.

»Auf der Wachstube,« entgegnete der Reiter trocken.

»Was ist denn das Vergehen des armen Birch?« fragte Miß Peyton, indem sie dem Dragoner die vierte Tasse Kaffee reichte.

»Arm?« rief der Capitän; »wenn er arm ist, so muß König Georg seine Leute schlecht bezahlen.«

»Ja, in der That,« sagte einer der Lieutenants, »Seine Majestät ist ihm ein Herzogthum schuldig.« »Und der Congreß einen Strick,« fuhr der commandirende Officier fort, indem er auf's Neue wieder den Kuchen zuzusprechen anfing.

»Es thut mir leid,« sagte Herr Wharton, »daß einer meiner Nachbarn das Mißfallen unserer Regierung auf sich gezogen haben soll.«

»Wenn ich ihn erwische,« rief der Dragoner, indem er einen andern Kuchen mit Butter bestrich, »so soll er mir an dem Aste einer seiner Namensverwandten Birch, Birke. baumeln.«

»Er würde eine der Locusten, welche an seiner Thüre stehen, nicht übel zieren,« fügte einer der Lieutenants bei.

»Lassen wir's jetzt beruhen,« fuhr der Capitän fort; »ich will ihn kriegen, noch ehe ich Major bin.«

Da die Officiere es ernstlich zu meinen schienen und sich einer Sprache bedienten, wie sie bei Leuten von so rauhem Gewerbe, zumal wenn ihnen eine Absicht fehlgeschlagen hat, gewöhnlich ist, so hielten es die Wharton's für das Geeignetste, das Gespräch abzubrechen. Es war Niemanden von der Familie unbekannt, daß Harvey Birch als verdächtig aufgegriffen und von der Amerikanischen Armee hart bedrängt worden war. Sein Entkommen aus ihren Händen, wie auch seine wiederholten Verhaftungen hatten öfters einen Gegenstand der Unterhaltung für das ganze Land gebildet, um so mehr, da zu geheimnißvolle Umstände dabei unterliefen, um so leicht vergessen zu werden. In der That beruhte auch der Groll Capitän Lawton's gegen den Hausirer auf keinem andern Umstand, als auf dem unerklärlichen Verschwinden des Letzteren aus dem Gewahrsam von zweien seiner zuverlässigsten Dragoner.

Es waren nämlich noch keine zwölf Monate verflossen, seit man Birch um das Hauptquartier des commandirenden Generals hatte schleichen sehen, und zwar zu einer Zeit, wo jeden Augenblick wichtige Bewegungen zu erwarten stunden. Als dieser Umstand dem Officier, welcher mit der Bewachung der Zugänge zu dem amerikanischen Lager beauftragt war, gemeldet wurde, schickte er sogleich den Capitän Lawton ab, um dem Krämer nachzusetzen.

Mit allen Pässen des Gebirgs vertraut und in der Erfüllung seiner Pflicht unermüdlich, gelang es dem Dragonerführer endlich, nach vieler Anstrengung seinen Zweck zu erreichen. Die Streifpartie hatte bei einem Bauernhofe Halt gemacht, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen, und der Gefangene war von ihm selbst in ein Zimmer eingeschlossen und der Obhut obgenannter beiden Soldaten übergeben worden. Alles, was später bekannt wurde, war, daß man in der Nähe der Schildwachen ein Weib bemerkt hatte, welche sich eifrig mit häuslichen Verrichtungen beschäftigte, und insbesondere sehr aufmerksam auf die Bedürfnisse des Capitäns war, bis dieser sich ernstlich in Bearbeitung seines Abendessens vertieft hatte.

Nachher waren weder Weib noch Hausirer zu finden. Der Pack war allerdings noch da, aber geöffnet und beinahe leer, und eine kleine Thüre, die ein anliegendes Zimmer mit dem, in welchem der Krämer gefangen saß, in Verbindung brachte, stand offen.

Capitän Lawton konnte diesen Betrug nie vergeben. Sein Haß gegen die Feinde war kein besonders gemäßigter, aber dieser Vorfall galt ihm zugleich als eine Verhöhnung seines Scharfsinnes, welche er sich tief zu Herzen nahm. Er verharrte in unheilschwangerem Schweigen und brütete über dieser List seines Gefangenen, während er zugleich das Geschäft, in welchem er eben begriffen war, mechanisch fortsetzte, als nach einer Weile, die wohl hinreichte, um ein behagliches Mal zu sich zu nehmen, auf einmal der kriegerische Ton einer Trompete an die Ohren der Gesellschaft schlug und mit ihrer erschreckenden Melodie das Thal erfüllte. Der Reiter erhob sich plötzlich von der Tafel und verließ mit dem Rufe: »Geschwind, meine Herren, auf's Pferd; da kömmt Dunwoodie!« in Begleitung seiner Officiere und in größter Eile das Zimmer.

Mit Ausnahme der Wachen, welchen Capitän Wharton's Beaufsichtigung übertragen war, saßen alsbald alle Dragoner auf und eilten ihren Kameraden entgegen.

Der vorsichtige Führer hatte keine der Vorkehrungen außer Acht gelassen, welche in einem Kriege, wo sich die Sprache, das Aeußere und die Tracht der kämpfenden Parteien so sehr glichen, doppelt nöthig waren. Als er jedoch der seiner Mannschaft um's Doppelte überlegenen Reiterschaar nahe genug war, um die Gesichtszüge unterscheiden zu können, drückte Lawton seinem Pferde die Sporen in die Weiche und war in einem Augenblick an der Seite seines Befehlshabers.

Der Platz vor dem Landhause war bald wieder von der Reiterei besetzt, und unter den gleichen Vorsichtsmaaßregeln wie früher beeilten sich die neuangekommenen Truppen, an dem für ihre Kameraden bereiteten Mahle Theil zu nehmen.

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