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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 6
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Viertes Kapitel.

»Es ist des Fremden Blick und Gang,
Die Haltung und der Stimme Klang;
Sein Wuchs so männlich schlank und kühn,
Wie einer Festung Batterien,
Und mit des Helden Kraft erscheint
Die leichte Anmuth mild vereint.
In seinen majestät'schen Zügen
Des Kriegs und Wetters Spuren liegen. –
Doch müßt des Auges Würd' ihr schauen;
Flöh' ich vor Feinden, voll Vertrauen
Fleht hier ich Hülfe, in Gefahr
Des Retters sicher ganz und gar –
Doch wenn sein Blick dem Schuld'gen droht,
Er muß ihn fürchten, mehr als Tod.« –
»Genug!« rief die Prinzessin hier,
»'s ist Schottlands Hoffen, Stolz und Zier.«

Walter Scott.

 

Als der Hausirer sich entfernt hatte, verhielt sich die kleine Gesellschaft einige Minuten schweigend. Herr Wharton hatte genug gehört, um noch mehr beunruhigt zu werden, ohne daß die Befürchtungen wegen seines Sohnes erleichtert worden wären. Der Capitän wünschte Harpern in der Ungeduld seines Herzens an jeden andern Platz, nur nicht an den, welchen er mit solcher anscheinenden Gemüthsruhe einnahm, während Miß Peyton mit der sanften Gefälligkeit ihres Wesens, welche noch ein wenig durch das innerliche Vergnügen, einen so großen Theil von des Hausirers Spitzen zu besitzen, gehoben wurde, die Anordnung ihres Frühstückgeräthes vollendete. Sara war geschäftig, mit ihren Einkäufen aufzuräumen, wobei ihr Franciska, mit Vernachlässigung ihrer eigenen Erwerbungen, freundlich an die Hand ging, als der Fremde plötzlich das Stillschweigen durch die Worte unterbrach:

»Wenn sich Capitän Wharton meinetwegen scheut, seine Verkleidung abzulegen, so wünsche ich, ihm seinen Irrthum zu benehmen. Wenn ich Gründe hätte, ihn zu verrathen, so könnten sie unter den gegenwärtigen Umständen nicht in Betracht kommen.«

Die jüngere Schwester sank todtenbleich vor Schrecken auf ihren Stuhl. Miß Peyton ließ die Theekanne, welche sie eben vom Tisch genommen hatte, fallen, und Sara saß, ohne die in ihrem Schooße liegenden Einkäufe zu beachten, in sprachloser Ueberraschung. Herr Wharton stand betäubt, aber der Capitän sprang nach einer augenblicklichen Bestürzung in die Mitte des Zimmers und rief, indem er die einzelnen Stücke seiner Maske wegschleuderte:

»Ich glaube Ihnen von ganzem Herzen, und diese lästige Verkappung soll nicht länger fortdauern. Aber ich muß gestehen, daß ich nicht begreife, wie Sie mich erkennen konnten.«

»Sie sehen in Ihrer wahren Gestalt viel besser aus, Capitän Wharton,« sagte Harper mit einem leichten Lächeln. »Ich möchte Ihnen rathen, sich in Zukunft nie wieder so zu verhüllen. Das dort reicht hin, Sie zu verrathen, wenn es auch an anderen Anlässen zur Entdeckung mangelte.« Bei diesen Worten deutete er auf ein Gemälde über dem Kamingesims, welches den brittischen Officier in der Uniform seines Regiments darstellte.

»Ich hatte mir geschmeichelt,« rief der junge Wharton lachend, »daß ich auf der Leinwand besser aussähe, als in meiner Vermummung. Sie sind ein guter Beobachter, Herr!«

»Die Noth machte mich dazu,« entgegnete Harper, indem er sich von seinem Sitze erhob.

Franciska trat ihm, als er im Begriffe war, sich zu entfernen, in den Weg, ergriff seine Hand und sprach mit Ernst, während ihre Wangen im reichsten Purpur glühten:

»Sie können, Sie werden meinen Bruder nicht verrathen.«

Harper betrachtete einen Augenblick die liebenswürdige Sprecherin in schweigender Bewunderung, drückte dann ihre Hände an seine Brust und entgegnete mit feierlicher Würde: »Ich kann, ich werde nicht.« Er ließ hierauf ihre Hände los, legte die seinige auf ihr Haupt und fuhr fort: »Wenn der Segen eines Fremden Ihnen von Nutzen seyn kann, so empfangen Sie ihn.« Dann wandte er sich ab, machte eine tiefe Verbeugung und zog sich mit einem Zartgefühl, welches von den Zurückbleibenden gebührend anerkannt wurde, auf sein Zimmer zurück.

Auf die ganze Familie hatte das edle und feierliche Benehmen des Reisenden einen tiefen Eindruck gemacht und Alle, mit Ausnahme des Vaters, fanden in der Erklärung desselben eine große Beruhigung. Man suchte einige von des Capitäns abgelegten Kleidungsstücken hervor, die unter anderem Hausrath aus der Stadt mitgebracht worden waren; und der junge Wharton, der nun seine unbequeme Maske abgeworfen hatte, fing jetzt erst an, sich des Besuches zu freuen, welchen er mit so viel persönlicher Gefahr unternommen hatte. Herr Wharton begab sich auf sein Zimmer, um seine gewöhnlichen Geschäfte zu besorgen, und die jungen Damen, welche nun bei ihrem Bruder allein waren, plauderten mit ihm ohne Unterlaß über Dinge, die irgend ein besonderes Interesse für sie hatten. Selbst Miß Peyton wurde von dem Geiste ihrer jungen Nichten angesteckt, und so saßen sie wohl eine Stunde und gaben sich in sorgloser Zuversicht dem Vergnügen einer ungestörten Unterhaltung hin, ohne irgend an eine Gefahr, die über ihren Häuptern schweben mochte, zu denken. Die Stadt und die dortigen alten Freunde blieben dabei nicht lange vergessen; denn Miß Peyton, welche die innerhalb ihres Weichbilds verlebten angenehmen Stunden noch recht wohl im Gedächtniß hatte, erkundigte sich bald unter anderem auch nach ihrem alten Bekannten, dem Obristen Wellmere.

»O!« rief der Capitän scherzend, »der ist noch immer so hübsch und galant, wie er von jeher war.«

Wenn ein Weib auch nicht wirklich liebt, so hört sie doch selten ohne Erröthen den Namen des Mannes, den sie lieben möchte, oder mit dem sie die müßige Plaudersucht des Tages in eine nähere Verbindung gebracht hat. Ein Gleiches war auch bei Sara der Fall, welche lächelnd die Augen zur Erde senkte und von einem Purpur glühte, der ihre angeborenen Reize keineswegs verminderte. –

Capitän Wharton achtete nicht des Antheils, welchen seine Schwester zu erkennen gab, und fuhr fort: »Er ist bisweilen schwermüthig; wir necken ihn oft dabei und sagen, er müsse verliebt seyn.«

Sara erhob ihr Auge wieder zu ihrem Bruder, sah sich dann langsam in der übrigen Gesellschaft um und begegnete dabei dem schalkhaften Blicke ihrer Schwester, welche mit lebhaftem Lachen ausrief:

»Ach, der arme Mann! Ist er in Verzweiflung?«

»Ei, wie sollte er das? Er, der älteste Sohn eines reichen Mannes, hübsch und Obrist?«

»In der That, gewichtige Gründe, um bei Vernunft zu bleiben,« sagte Sara mit erzwungenem Lächeln, »namentlich das letztere.«

»Laß Dir sagen,« erwiederte der Capitän ernsthaft, »eine Obristlieutenantstelle bei der Garde ist eine recht hübsche Sache.«

»Und Obrist Wellmere ein sehr hübscher Mann,« fügte Franciska bei.

»Ach, Fanny,« entgegnete die Schwester, »Obrist Wellmere hat nie Deine Gunst besessen; er ist zu loyal gegen seinen König, um nach Deinem Geschmack zu seyn.«

Franciska versetzte rasch: »Und ist Heinrich nicht auch loyal gegen seinen König?«

»Kommt, kommt!« sagte Miß Peyton. »Keinen Streit über den Obristen – ich nehme ihn in meinen Schutz.«

»Fanny hat die Majors lieber,« rief der Bruder und zog sie auf sein Knie.

»Unsinn,« sagte das erröthende Mädchen und war bemüht sich dem Arme des lachenden Capitäns zu entwinden.

»Es nimmt mich Wunder,« fuhr der letztere, fort, »daß Peyton, als er für die Befreiung meines Vaters Sorge trug, sich nicht auch zugleich Mühe gab, meine Schwester in dem Rebellenlager zu behalten.«

»Das hätte seine eigene Freiheit gefährden können,« sagte das Mädchen lächelnd und nahm wieder ihren Sitz ein; »und ihr wißt ja, daß Dunwoodie für die Freiheit kämpft.«

»Freiheit!«, rief Sara, »eine saubere Freiheit, wenn man Einen Herrn gegen fünfzig vertauscht.«

»Schon das Recht, seine Herren zu vertauschen, ist eine Freiheit.«

»Und zwar eine, welche ihr Frauenzimmer bisweilen gerne ausübt,« entgegnete der Capitän.

»Ich glaube, wir lieben die Freiheit, diejenigen zu wählen, welche den ersten Platz einnehmen sollen; nicht wahr, Tante Jeanette?« versetzte das Mädchen lachend.

»Ich?« versetzte Miß Peyton erstaunt; »was weiß ich von solchen Dingen, Kind? Da mußt Du jemand anders fragen, wenn Du über derartige Angelegenheiten Aufschluß erhalten willst.«

»Ach, Du willst uns glauben machen, Du seyest nie jung gewesen; aber was soll ich von all den Erzählungen halten, welche ich von der schönen Jeanette Peyton gehört habe?«

»Unsinn, Liebe; baarer Unsinn,« sagte die Tante, indem sie ein Lächeln zu unterdrücken suchte; »es ist thöricht, Alles zu glauben, was man hört.«

»Unsinn nennst Du es?« rief der Capitän heiter; »noch zu dieser Stunde ist Miß Peyton General Montrose's Trinkspruch, wie ich erst in dieser Woche noch an Sir Heinrichs Tafel selbst gehört habe.«

»Ach, Heinrich, Du bist so unartig, wie Deine Schwestern. Um Euern Thorheiten ein Ziel zu setzen, will ich euch meine bei uns verfertigten Stoffe zeigen, wenn man so kühn seyn darf, sie neben Birch's Herrlichkeiten sehen zu lassen.«

Die jungen Leute erhoben sich in der besten Laune von der Welt, um ihrer Tante zu folgen. Als sie jedoch die Treppen hinangingen, um die Vorrathskammer zu besuchen, wo Miß Peyton die Produkte ihrer häuslichen Industrie aufbewahrte, konnte letztere sich nicht entbrechen, ihren Neffen zu fragen, ob General Montrose noch immer so viel an der Gicht leide, als dieß zur Zeit ihrer näheren Bekanntschaft der Fall gewesen sey.

Es ist eine traurige Wahrnehmung, die wir bei vorrückendem Alter machen, daß selbst diejenigen, welche wir am meisten lieben, nicht von den Gebrechen desselben verschont bleiben. So lange das Herz frisch ist und die Aussicht in die Zukunft nicht durch die Flecken getrübt wird, die den Erfahrungen der Vergangenheit ankleben, sind unsere Gefühle am heiligsten, und wir legen unseren Freunden gerne alle Eigenschaften und eitle Tugenden bei, welche wir selbst gerne besäßen und die wir verehren gelernt haben. Die Achtung, welche wir für sie hegen, scheint ein Theil unseres Wesens zu seyn, und die Liebe, welche uns an unsere Verwandten knüpft, trägt ein Gepräge von Reinheit, welche im spätern Leben selten unbeeinträchtigt bleibt. Die Familie des Herrn Wharton erfreute sich für den ganzen Rest des Tages eines Glückes, wie sie es seit lange nicht gefühlt hatte – eines Glückes, das bei den jüngern Gliedern aus der Freude der innigsten Zuneigung und dem Austausch der uneigennützigsten Zärtlichkeit entsprang.

Harper erschien erst wieder beim Mittagsmahle und zog sich, sobald abgetragen wurde, unter dem Vorwande einiger Geschäfte auf sein Zimmer zurück. Ungeachtet des durch sein Benehmen erweckten Vertrauens fühlte sich die Familie doch durch seine Abwesenheit erleichtert; denn Capitän Wharton's Besuch war sowohl wegen der kurzen Frist seines Urlaubs, als wegen der Gefahr einer Entdeckung nur auf wenige Tage beschränkt.

Alle Furcht vor den Folgen war jedoch der Freude des Wiedersehens gewichen. Herr Wharton hatte zwar im Verlaufe des Tages ein paarmal seine Zweifel über den Charakter des unbekannten Gastes laut werden lassen und die Vermuthung geäußert, daß durch sein Mitwissen doch wohl eine Entdeckung seines Sohnes herbeigeführt werden könnte; aber dieser Gedanke wurde von allen seinen Kindern ernstlich zurückgewiesen, und selbst Sara vereinigte sich mit Bruder und Schwester, um der Biederkeit, welche sich in der ganzen äußern Erscheinung des Reisenden aussprach, das Wort zu reden.

»Die Außenseite ist oft trügerisch, meine Kinder,« entgegnete der verzagte Vater. »Wenn Leute, wie Major André, sich zum Betruge brauchen lassen, so wäre es thöricht, in unserem Falle auf das Aeußere bauen zu wollen.«

»Betrug?« fiel der Sohn rasch ein. »In der That, Sir! Sie vergessen, daß Major André im Dienste seines Königs handelte und daß die Gebräuche des Kriegs jenen Schritt rechtfertigten.«

»Und rechtfertigte der Kriegsbrauch nicht auch seinen Tod, Heinrich?« fragte Franciska mit gedämpfter Stimme, da sie das, was sie für die Sache ihres Vaterlandes hielt, nicht verlassen wollte und doch ihr Mitgefühl an dem Unglücke des Mannes nicht zu unterdrücken vermochte.

»Nie!« rief der junge Mann, indem er rasch von seinem Stuhle aufsprang und mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab ging; »Franciska, Du kränkst mich! Angenommen, es wäre mein Schicksal, gerade jetzt in die Hände der Rebellen zu fallen; Du könntest wohl auch meiner Hinrichtung das Wort reden – vielleicht zu Washington's Grausamkeit frohlocken?«

»Heinrich!« entgegnete Franciska feierlich und bebte vor innerer Bewegung, indeß ihr Gesicht bleich, wie der Tod, wurde – »Du kennst mein Herz wenig!«

»Verzeih, meine liebe Schwester, meine kleine Fanny,« versetzte der Jüngling reumüthig, drückte sie an die Brust und küßte die Thränen weg, welche ihr, ohngeachtet aller Entschlossenheit aus den Augen quollen.

»Ich weiß wohl, es ist thöricht, auf Deine raschen Worte zu achten,« sagte Franciska, indem sie sich seinen Armen entwand, und ihr thränenfeuchtes Auge mit einem Lächeln zu ihm erhob: »aber Vorwürfe von denen, welche wir lieben, sind schmerzlich, Heinrich; besonders – wo wir – wo wir glauben – wo wir wissen« – die Blässe ihres Antlitzes wich dem Feuer der Rose, als sie mit zur Erde gesenktem Blicke und leiser Stimme hinzufügte »daß wir sie nicht verdienen.«

Miß Peyton erhob sich von ihrem Stuhle, setzte sich auf einen andern in der Nähe ihrer Nichte, und sprach, indem sie freundlich ihre Hand ergriff: »Du solltest Dir das Ungestüm Deines Bruders nicht so zu Herzen gehen lassen. Du kennst ja das Sprichwort, daß die Jungen unbändig sind.«

»Du könntest auch grausam sagen, wenn Du mein Benehmen dabei zum Maaßstab nehmen willst,« erwiederte der Capitän und setzte sich auf die andere Seite seiner Schwester; »aber wenn wir auf den Tod André's zu sprechen kommen, so sind wir alle äußerst empfindlich. Ihr habt ihn nicht gekannt; aber er war ein ungemein braver, ehrenwerther und geachteter Mann.« Franciska lächelte sanft und schüttelte den Kopf, ohne etwas weiter zu sagen: ihr Bruder aber fuhr, als er diesen Ausdruck ihrer Ungläubigkeit bemerkte, fort: »Du bezweifelst es und findest seinen Tod wohl gar gerecht?«

»Ich bezweifle seinen Werth nicht im mindesten,« entgegnete das Mädchen ruhig, »und will glauben, daß er ein besseres Schicksal verdiente. Aber ich kann in Washington's Benehmen nichts Ungeeignetes finden. Ich kenne zwar die Gebräuche des Krieges nur wenig, und möchte lieber noch weniger davon wissen; aber mit welchen Hoffnungen auf Erfolg könnten die Amerikaner kämpfen, wenn sie von alle den Grundsätzen, welche lange Gewohnheit festgestellt hat, nur deshalb keinen Gebrauch machten, weil sie nicht in dem Interesse der Britten liegen?«

»Was brauchen sie überhaupt zu kämpfen?« rief Sara ungeduldig. »Zudem sind ja doch alle ihre Handlungen ungesetzlich, weil sie Rebellen sind.«

»Die Frauen sind nur Spiegel, welche die vor ihnen stehenden Bilder zurückgeben,« rief der Capitän in guter Laune. »In Franciska sehe ich den treuen Wiederschein des Majors Dunwoodie, und in Sara –«

»Den des Obristen Wellmere,« fiel die jüngere Schwester lachend ein, obgleich sie wie Scharlach erröthete. »Ich muß gestehen, ich verdanke dem Major meine Betrachtungsweise, nicht wahr, Tante Jeanette?«

»Ich glaube in der That, Du hast etwas von seiner Logik, Kind?«

»Nun ja, ich gebe mich schuldig; und Du, Sara, hast die gelehrten Abhandlungen des Obristen Wellmere auch nicht vergessen.«

»Ich hoffe, ich werde das Recht nie vergessen,« sagte Sara, deren glühende Wangen mit denen ihrer Schwester wetteiferten, und erhob sich unter dem Vorwande, die Hitze des Feuers vermeiden zu wollen.

Den Rest des Tages über ereignete sich nichts von Belang; aber gegen Abend berichtete Cäsar, er habe in Harper's Zimmer flüsternde Stimmen vernommen. Das Gemach, welches der Reisende bewohnte, befand sich in dem äußersten Flügel des Gebäudes, in einer dem Gesellschaftszimmer der Familie ganz entgegengesetzten Richtung, und es schien, als hätte Cäsar, um der Sicherheit seines jungen Herrn willen, ein regelmäßiges Spionirsystem eingeführt. Diese Nachricht war für alle Glieder des Hauses beunruhigend; aber der Eintritt Harper's selbst, dessen wohlwollender und redlicher Blick auch in der Zurückhaltung, welche er beobachtete, nicht zu verkennen war, entfernte, mit Ausnahme Herrn Wharton's, aus jeder Brust den Zweifel. Die Kinder des Hauses und Miß Peyton glaubten, Cäsar müsse sich getäuscht haben, und der Abend entwich vollends ohne weitere Störung.

Am Nachmittag des folgenden Tages war die ganze Gesellschaft im Besuchzimmer um Miß Peyton's Theetisch versammelt, als sich auf einmal das Wetter änderte. Die dünnen Wolken, welche nur in kleiner Entfernung über den Bergspitzen zu schweben schienen, trieben mit erstaunlicher Schnelligkeit von Westen nach Osten, obschon der Regen noch mit aller Macht an die gegen Abend gelegenen Fenster des Hauses schlug, in welcher Richtung auch der Himmel mit schwarzem Gewölke behangen war. Franciska betrachtete dieses Schauspiel mit dem sehnsüchtigen Wunsche der Jugend, dem Ueberdrusse des Eingesperrtseyns entrinnen zu können, als auf einmal, wie durch einen Zauberschlag, alles still wurde. Das Sausen des Windes hatte nachgelassen; die Wuth des Sturmes war vorüber, und mit einer raschen Wendung gegen das Fenster begegnete ihrem vergnügten Blicke der herrliche Strahl der Sonne, welche den nahen Wald beleuchtete. Der Baumschlag erglänzte unter den wechselnden Tinten des Octoberlaubes und strahlte von den nassen Zweigen den reichsten Glanz eines amerikanischen Herbstes zurück. In einem Augenblick hatten sich alle Bewohner des Hauses nach der gegen Süden sich öffnende Säulenhalle gedrängt. Die Luft war mild duftend und erfrischend, und gegen Osten hingen am Horizont dunkle sich häufende Wolken, ähnlich den sich zurückziehenden Massen eines geschlagenen Heeres. In kleiner Entfernung über dem Gebäude jagten noch die leichten Dünste mit wunderbarer Geschwindigkeit gegen Osten, während im Westen die Sonne sich Bahn gebrochen hatte und die heitere, neu erfrischte Landschaft mit ihren scheidenden Strahlen übergoß. Solche Augenblicke sind nur dem amerikanischen Klima eigen, und man erfreut sich derselben um so mehr, je rascher ein Gegensatz hervortritt, in welchem man mit Entzücken den Uebergang aus dem Getümmel wild bewegter Elemente zu der Stille eines ruhigen Abends so anmuthig, wie der sanfteste Juni-Morgen, schaut.

»Welch eine großartige Scene!« sagte Harper mit gedämpfter Stimme; »wie herrlich, wie furchtbar erhaben. Möge bald eine solche Ruhe dem Kampfe folgen, in den mein Vaterland verstrickt ist, und ein gleich herrlicher Abend den Tag seiner Drangsale schließend.«

Nur Franciska, welche ihm am nächsten stand, vernahm diese Worte. Sie blickte verwundert auf den Sprecher und sah, wie er mit entblößtem Haupte, aufrecht und die Augen gegen den Himmel erhebend, dastand. In seinem Antlitz war die Ruhe, welche ihm eigenthümlich zu seyn schien, nicht mehr zu erkennen, sondern es lag ein gewisser Ausdruck von Begeisterung auf demselben und eine leichte Röthe hatte die ernsten Züge überflogen.

»Von einem solchen Mann haben wir keine Gefahr zu befürchten,« dachte Franciska; »diese Gefühle leben blos in der Brust des Tugendhaften.«

Die Betrachtungen der Gesellschaft wurden jetzt durch die plötzliche Erscheinung des Hausirers unterbrochen. Er hatte den ersten Strahl der Sonne benützt, um zu dem Landhause zu eilen. Unbekümmert, ob sein Pfad trocken oder naß sey, die Arme hin und her schwingend und den Kopf um einige Zolle gegen den Körper vorwärts neigend, näherte sich Harvey mit seinem eigenthümlichen Gange und mit dem raschen weitausgreifenden Schritte eines wandernden Waarenhändlers der Halle.

»Ein schöner Abend,« sagte der Krämer, nachdem er die Gesellschaft, ohne die Augen aufzuschlagen, begrüßt hatte; »ganz warm und angenehm für die Jahreszeit.«

Herr Wharton stimmte dieser Bemerkung bei und erkundigte sich freundlich nach der Gesundheit seines Vaters. Harvey hörte dies, verharrte aber eine Weile in schwermüthigem Schweigen, und erst als die Frage wiederholt wurde, antwortete er mit einer Stimme, in welcher sich ein leichtes Beben nicht verkennen ließ: »Es geht schnell mit ihm zu Ende; Alter und Ungemach werden das Ihrige thun.«

Der Hausirer wandte sein Gesicht von den Beobachtern ab, und nur Franciska bemerkte das schwimmende Auge und die bebenden Lippen des Mannes, der jetzt zum zweitenmal in ihrer Achtung stieg.

Das Thal, in welchem Herr Wharton seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, zog sich von Nordwest nach Südost, und das Landhaus lag an dem Abhange eines Hügels, von dem es seiner Länge nach in derselben Richtung begränzt wurde. Eine kleine durch das Zurücktreten des entgegengesetzten Hügels gebildete Oeffnung und die Abdachung des Bodens zum Niveau der Fluthhöhe gestatteten über den fernen, am Ufer befindlichen Wäldersaum eine Aussicht nach dem Sund. Den Küsten von Neu-York und Connecticuts gegenüber liegt eine Insel, welche mehr als 40 Stunden lang ist. Der Meeresarm, welcher sie von dem Festland trennt, heißt in dieser Gegend vorzugsweise »der Sund,« obschon man derartige Zwischenströmungen überhaupt mit dem technischen Namen Sund bezeichnet. In dem gegenwärtigen Falle wechselt die Breite des Wasserspiegels zwischen 5 und 30 Meilen. Die Oberfläche des Wassers, welches kurz zuvor noch mit ungestümer Wuth an die Küsten geschlagen hatte, verlor bereits sein unheimliches Dunkel in den langen unregelmäßigen Wellenlinien, die einem Sturme zu folgen pflegen, indeß der leichte Hauch des Südwests, ihre Spitzen berührend, mit seinen schwachen Kräften zur Beruhigung des Meeres beitrug. Man konnte jetzt einige dunkle Punkte unterscheidend, welche gelegenheitlich auftauchten und dann wieder hinter den sich dehnenden Wellen versanken; sie wurden aber nur von dem Hausirer beachtet. Er hatte sich in einiger Entfernung von Harper in der Halle niedergelassen und schien den Zweck seines Besuches ganz vergessen zu haben. Sein rasches Auge hatte jedoch bald die eben genannten Gegenstände erfaßt und aufmerksam gegen das Wasser hinblickend sprang er mit Lebhaftigkeit wieder auf, änderte seinen Platz, richtete mit unverkennbarem Mißbehagen das Auge auf Harper und sagte dann mit großem Nachdrucke:

»Die Regulären müssen da unten ausgerückt seyn.«

»Warum glaubt Ihr das?« fragte Capitän Wharton hastig. »Gott gebe, daß es wahr sey, denn ich bedarf ihres Schutzes auf meinem Rückwege.«

»Jene zehn Wallfischboote würden nicht so schnell rudern, wenn sie nicht besser, als gewöhnlich bemannt wären.«

»Vielleicht,« rief Herr Wharton in großer Unruhe, »sind es – es können auch Festländer seyn, welche von der Insel zurückkehren.«

»Sie sehen wie Reguläre aus,« erwiederte der Hausirer bedeutungsvoll.

»Aussehen?« wiederholte der Capitän. »Man kann ja nichts als Punkte sehen.«

Harvey achtete dieser Bemerkung nicht, sondern schien das, was er jetzt mit verhaltenem Tone laut werden ließ, vor sich selbst hinzusprechen:

»Sie liefen vor dem Sturme aus – haben diese zwei Tage über an der Insel angelegt – die Reiterei ist auf dem Weg – es wird bald ein Gefecht in unserer Nähe geben.«

Während dieser Worte blickte Birch mehreremale mit augenscheinlichem Unbehagen auf Harper, der jedoch durch keinen Zug in seinem Gesichte irgend einen Antheil an der Sache verrieth. Er betrachtete schweigend die Landschaft und schien sich der Veränderung in der Atmosphäre zu freuen. Als Birch jedoch geendigt hatte, wandte sich der Fremde gegen seinen Wirth und theilte demselben mit, daß seine Geschäfte keine nutzlose Zögerung gestatteten; er wolle daher den schönen Abend benützen und noch einige Meilen weiter reisen. Herr Wharton drückte sein Bedauern aus, einen so werthen Gast zu verlieren; doch war es ihm von zu großer Wichtigkeit, die Abreise des Fremden zu beschleunigen, um nicht zu diesem Zwecke sogleich die nöthigen Befehle zu ertheilen.

Die Unruhe des Hausirers nahm in einer Weise zu, von der sich kein Grund einsehen ließ, und sein Auge eilte immer wieder nach der Tiefe des Thales zurück, als ob er von dieser Seite her eine Unterbrechung erwarte. Endlich erschien Cäsar mit dem edeln Thiere, welches die Last des Reisenden aufnehmen sollte. Der Krämer half dienstfertig die Gurten anziehen, und den blauen Ueberrock sammt dem Mantelsack um den Sattelriemen befestigen.

Als die nöthigen Vorbereitungen getroffen waren, schickte sich Harper an, Abschied zu nehmen. Gegen Sara und die Tante war sein Compliment ungezwungen und freundlich; als er aber zu Franciska kam, hielt er einen Augenblick inne, und sein Gesicht gewann den Ausdruck eines mehr als gewöhnlichen Wohlwollens. Seine Augen widerholten den Segenswunsch, welche früher seine Lippen ausgesprochen hatten, und das Mädchen fühlte ihre Wangen glühen und das Herz rascher schlagen, als er sich von ihr verabschiedete. Zwischen dem Wirthe und dem scheidenden Gaste fand ein Austausch wechselseitiger glatter Höflichkeit statt; aber als Harper dem Capitän Wharton freimüthig die Hand reichte, bemerkte er mit feierlichem Ernste:

»Sie haben einen sehr gefährlichen Schritt unternommen, aus dem schlimme Folgen für Sie erwachsen können. In einem solchen Falle stünde es vielleicht in meiner Macht, meine Dankbarkeit für die Güte, welche mir Ihre Familie angedeihen ließ, zu bethätigen.«

»Gewiß, mein Herr,« rief der Vater, welchen die Besorgnisse wegen der Sicherheit seines Sohnes alle zarteren Rücksichten vergessen ließen, »Sie werden von der Entdeckung, zu welcher Ihr Aufenthalt in meinem Hause Veranlassung gab, keinen Gebrauch machen.«

Harper kehrte sich rasch gegen den Sprecher, und der Ernst, der allmählig seine Züge wieder umfangen hatte, wich einem milderen Ausdrucke, als er erwiederte:

»Ich habe in Ihrem Hause nichts erfahren, mein Herr, was ich nicht schon vorher gewußt hätte; aber es ist besser für die Sicherheit Ihres Sohnes, daß ich von seinem Besuche Kenntniß habe, als wenn dieß nicht der Fall wäre.«

Er verbeugte sich gegen die ganze Gesellschaft und, ohne den Hausirer anders zu beachten, als daß er ihm für seine gefällige Dienstleistung dankte, bestieg er sein Roß, ritt mit Gewandtheit und Anmuth durch das kleine Thor und verschwand bald hinter dem Hügel, welcher das Thal gegen Norden beschirmte.

Die Augen des Krämers folgten der sich entfernenden Gestalt des Reiters, so lange sie sichtbar war. Als sie sich aus seinen Blicken verlor, athmete er tief auf, als ob eine schwere Sorge seiner Brust entnommen sey. Die Whartons hatten inzwischen schweigend über diesen Besuch und den Charakter ihres unbekannten Gastes nachgedacht, als sich endlich der Vater Birch mit der Bemerkung näherte:

»Ich bin noch Euer Schuldner, Harvey, für den Tabak, welchen Ihr mir aus der Stadt mitzubringen so gefällig wart.«

»Wenn er nicht so gut seyn sollte, als der frühere,« erwiederte der Hausirer, indem er noch einen letzten, zögernden Blick in die Richtung warf, welche Harper angeschlagen hatte, »so liegt die Schuld an dem Seltenwerden dieses Artikels.«

»Ich finde ihn gut,« fuhr der Andere fort; »aber Ihr habt vergessen, mir den Preis zu sagen.«

Die Züge des Krämers erlitten einen Wechsel und gingen von dem Ausdruck ernster Bekümmerniß in den seiner natürlichen Schlauheit über, als er antwortete:

»Es ist schwer, einen Preis zu bestimmen. Ich glaube, ich muß das Ihrer eigenen Großmuth überlassen.«

Herr Wharton holte eine ziemliche Hand voll mit dem Bilde Carls III. versehener Münzen aus seiner Tasche und reichte davon Birch drei Stücke zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen hin. Harvey's Auge blinzte, als er die Belohnung sah und, eine ziemliche Quantität des besprochenen Artikels im Munde hin und her schiebend, streckte er ruhig seine Hand aus, in welche die Dollars mit ihrem angenehmsten Klang fielen. Aber nicht zufrieden mit der vorübergehenden Musik ihres Falles, ließ der Hausirer noch ein Stück nach dem andern auf den Treppensteinen der Halle klingen, ehe er sie in einen großen hirschledernen Beutel versorgte, den er den Augen der Zuschauer mit einer Schnelligkeit wieder zu entziehen wußte, daß Niemand zu sagen vermochte, an welchem Theile seines Körpers er ihn verborgen hatte.

Als dieser wesentliche Punkt des Geschäftes zu seiner Zufriedenheit abgethan war, erhob sich der Krämer von seinem Sitz auf dem Boden der Halle und näherte sich der Stelle, wo Capitan Wharton seine Schwestern unter dem Arm hatte, die mit zärtlicher Theilnahme auf seine Unterhaltung lauschten.

Die Aufregung über die vorausgegangenen Ereignisse hatte einen solchen Aufwand von Tabak, der dem Munde des Krämers stets nöthig war, erfordert, daß er sich zuerst nach neuem Kraut umsehen mußte, ehe er seine Aufmerksamkeit einem Geschäfte von minderer Wichtigkeit weihen konnte. Als dies geschehen war, fragte er abgebrochen:

»Capitän Wharton, wollen Sie diese Nacht abreisen?«

»Nein;« sagte der Capitan lakonisch, und blickte mit Zärtlichkeit auf die beiden Schwestern, welche in seinen Armen hingen. »Wollt Ihr, Meister Birch, daß ich eine solche Gesellschaft jetzt schon verlasse, da ich mich derselben vielleicht nie wieder zu erfreuen habe?«

»Bruder!« sagte Franciska, »über solche Dinge zu scherzen, ist grausam.«

»Ich vermuthe nur,« fuhr der Hausirer ruhig weiter, »daß jetzt, da der Sturm vorüber ist, die Schinder sich in Bewegung setzen könnten. Sie würden besser thun, Ihren Besuch abzukürzen, Capitän Wharton.«

»O,« rief der brittische Officier, »diese Schufte lassen sich zu jeder Stunde mit einigen Guineen abfinden, wenn ich mit ihnen zusammentreffen sollte. Nein, nein, Meister Birch; ich will noch bis morgen hier bleiben.«

»Geld konnte den Major André nicht retten,« entgegnete der Handelsmann trocken.«

Beide Schwestern wandten sich nun unruhig gegen den Capitan, und die ältere bemerkte: »Du würdest doch besser thun, Harvey's Rath zu befolgen, lieber Bruder; denn sey versichert, seine Meinung in solchen Angelegenheiten ist nicht zu verachten.«

»Ja,« fügte die jüngere bei, »wenn Dir, wie ich vermuthe, Meister Birch bei Deinem Hieherkommen an die Hand gegangen ist, so fordert es Deine Sicherheit und unser aller Glück, lieber Heinrich, daß Du jetzt auf ihn hörest.«

»Ich kam allein heraus und werde mich auch wieder hineinfinden,« sagte der Capitän mit Entschiedenheit. »Unser Verkehr ging nicht weiter, als mir meine Verkleidung zu besorgen und mich wissen zu lassen, wann die Küste sauber sey; in letzterer Hinsicht habt Ihr Euch aber geirrt, Meister Birch.«

»Sie haben Recht,« entgegnete der Hausirer mit einiger Theilnahme; »desto mehr Grund ist aber nun vorhanden, in dieser Nacht zurückzukehren. Der Paß, welchen ich Ihnen gab, wird Ihnen nur einmal dienen.«

»Könnt Ihr mir keinen andern machen?«

Die blasse Wange Harvey's zeigte eine ungewöhnliche Röthe, aber er blickte zur Erde und schwieg, bis der junge Mann mit noch größerer Bestimmtheit beifügte:

»Ich werde diese Nacht noch hier bleiben, komme was da will.«

»Capitän Wharton,« sagte der Krämer mit bedeutsamem Nachdruck, »nehmen Sie sich vor einem langen Virginier mit einem dichten Backenbart in Acht; er ist hart hinter Ihnen, wie ich weiß, und sogar der Teufel kann ihn nicht hintergehen; – mir selbst ist es blos ein einziges Mal gelungen.«

»Er mag sich vor mir in Acht nehmen,« entgegnete Wharton hochmüthig. »Ich entbinde Euch übrigens aller weiteren Verantwortlichkeit, Meister Birch.«

»Wollen Sie mir das schriftlich geben?« fragte der vorsichtige Hausirer.

»Herzlich gern,« rief der Capitän mit Lachen; »Cäsar! – Tinte, Feder und Papier, damit ich meinem treuen Diener, Harvey Birch, mobilem Handelsmann und so fort – einen Abschied schreiben kann.«

Das erforderliche Schreibmaterial wurde herbeigeschafft, und der Capitän schrieb unter Scherzen das gewünschte Certificat in Worten, wie sie ihm die Laune des Augenblickes eingab. Der Krämer nahm es in Empfang, legte es sorgfältig an die Seite der Bildnisse seiner katholischen Majestät, machte einen Kratzfuß gegen die Familie und schied, wie er gekommen war. Man sah ihn bald in der Ferne durch die Thüre seiner armseligen Wohnung schleichen.

Der Vater und die Schwestern des Capitäns waren zu erfreut, den jungen Mann noch länger in ihrer Mitte behalten zu können, um eine Besorgniß auszusprechen oder überhaupt der Befürchtung Raum zu geben, daß seine Lage schlimme Folgen mit sich führen möchte. Als man sich jedoch zum Abendessen begab, erregte eine besonnenere Ueberlegung in dem Capitän andere Gedanken. Da er es nicht wagte, die Einfriedigung seines väterlichen Besitzthums zu überschreiten, so schickte er Cäsarn ab, um eine weitere Besprechung mit Harvey zu verlangen. Der Schwarze kehrte jedoch bald mit der unwillkommenen Nachricht zurück, daß es jetzt zu spät sey. Katy hatte ihm mitgetheilt, Harvey müsse schon meilenweit auf dem Wege nach Norden seyn, »da er, so bald man das Licht angezündet, mit seinem Pack die Heimath verlassen habe.« Es blieb daher dem Capitän nichts übrig, als Geduld zu tragen, bis etwa der Morgen eine Gelegenheit bot, ihn zu einem Entschluß über dem besten Weg, den er einzuschlagen hätte, zu leiten.

»Dieser Harvey Birch mit seinem erfahrenen Auge und seinen bedeutungsvollen Winken, macht mich besorgter, als ich mir selbst gestehen mag,« sagte Capitän Wharton, indem er sich der Gedanken zu entschlagen suchte, an denen die Betrachtung seiner gefährlichen Lage keinen geringen Antheil nahm.

»Wie wird es ihm doch nur möglich, in so schwierigen Zeiten ohne Belästigung im Lande auf und ab zu reisen?« fragte Miß Peyton.

»Warum ihn die Rebellen so leicht durchschlüpfen lassen, ist mehr als ich beantworten kann,« sagte der Capitän nachdenkend; »aber Sir Henry würde nicht zugeben, daß ihm auch nur ein Haar seines Hauptes gekrümmt würde.«

»Wirklich?« rief Franciska lebhaft. »Kennt ihn denn Sir Henry Clinton?«

»Wenigstens scheint es so.«

»Glaubst du, mein Sohn,« fragte Herr Wharton, »man habe von seiner Seite keinen Verrath zu befürchten?«

»Ach – nein; ich habe das überlegt, ehe ich mich ihm anvertraute,« entgegnete der Capitän gedankenvoll. »Er scheint in Geschäftssachen sehr zuverläßig zu seyn. Auch wird ihn wohl die Gefahr für seinen Hals, wenn er in die Stadt zurückkehrt, von einer solchen schurkischen Handlung zurückhalten.«

»Ich glaube,« sagte Franciska, in die zuversichtliche Weise ihres Bruders eingehend, »Harvey Birch ist nicht ohne edle Gefühle; wenigstens hat es bisweilen das Ansehen.«

»O!« rief die Schwester freudig, »er ist ein loyaler Unterthan, und das ist in meinen Augen die erste aller Tugenden.«

»Ich fürchte,« sagte ihr Bruder lachend, »daß bei ihm die Liebe zum Gelde die Liebe zu seinem Könige überwiegt.«

»Dann,« entgegnete der Vater, »bist Du nicht sicher, so lang er Dich in seiner Macht hat, denn keine Liebe wird der Lockung des Geldes widerstehen, wenn die Habsucht mit in's Spiel kömmt.«

»Und doch muß es eine Liebe geben, Vater,« erwiederte der Jüngling, indem er wieder in seine heitere Laune verfiel, »welche Allem widerstehen kann. Nicht wahr, Fanny?«

»Da ist Deine Kerze; Du hältst den Vater über seine gewohnte Stunde auf!«

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