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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 4
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Zweites Kapitel

So lebt er manches schöne Jahr vergnügt,
Ununterbrochen; doch des Schicksals Tücke
Trennt ihren Bund – dem Tod sie früh erliegt,
Und nur Gertrude noch sich an den Vater schmiegt.

Gertrude von Wyoming.

 

Der Vater des Herrn Wharton war in England geboren und stammte aus einer Familie, deren Einfluß auf das Parlament sie in den Stand setzte, einen jüngern Sohn in der Kolonie Neu-York zu versorgen. Der junge Mann hatte sich, wie hundert andere in seiner Lage, für immer in diesem Lande angesiedelt. Er nahm eine Frau, und der einzige Sprößling dieser Verbindung wurde früh nach England geschickt, um die Vortheile der dortigen Schulen zu genießen. Nachdem dieser seine Studien auf einer der Universitäten des Mutterlandes beendigt hatte, gestattete man dem Jüngling, sich im Leben selbst umzusehen, um die Gesellschaft und den in Europa geltenden Ton kennen zu lernen. Als er sich aber zwei Jahre in dieser Weise umhergetrieben hatte, starb sein Vater, wodurch er veranlaßt wurde, in die Heimath zurückzukehren, wo seiner ein geachteter Name und eine ansehnliche Hinterlassenschaft harrte.

Es gehörte zu der Mode jener Zeit, die Söhne gewisser Familien in der englischen Armee oder Flotte, als der gewöhnlichen Stufenleiter des Emporkommens, unterzubringen. Die meisten hohen Stellen in den Colonien waren mit Männern besetzt, welche mit dem Waffendienst ihre Laufbahn begonnen hatten, und es war keine ungewöhnliche Erscheinung, daß ein alter Krieger das Schwert bei Seite legte, um sich auf den Bänken des höchsten Gerichtshofs den Hermelin umzuwerfen.

Im Einklang mit diesen Ansichten hatte auch der ältere Wharton seinen Sohn zum Soldaten bestimmt, aber eine natürliche Weichlichkeit des Charakters, welche sich bereits bei dem Kinde aussprach, war seinen Wünschen in die Quere gekommen.

Der junge Mann brachte ein Jährchen damit zu, die beziehungsweisen Vortheile der verschiedenen Waffengattungen zu erwägen, als ihm durch den Tod seines Vaters die Wahl erspart wurde. Das Behagliche seiner Lage und die Aufmerksamkeiten, welche an einen Jüngling verschwendet wurden, der sich eines der größten Besitztümer in den Colonien zu erfreuen hatte, kreuzten seine ehrgeizigen Plane. Die Liebe gab in der Sache den Ausschlag, und als Herr Wharton Gatte geworden war, fiel es ihm nicht mehr ein, an seine beabsichtigte kriegerische Laufbahn zu denken. So lebte er viele Jahre glücklich im Kreise seiner Familie und geachtet von seinen Landsleuten als ein Mann von Bedeutung und unbescholtenen Sitten, als auf einmal sein ganzes Glück, so zu sagen, mit einem Streich vernichtet wurde. Sein einziger Sohn, der im vorigen Kapitel eingeführte Jüngling, hatte in der Armee Dienste genommen und war kurze Zeit vor dem Anfang der Feindseligkeiten mit den Verstärkungen in sein Geburtsland zurückgekommen, welche das Ministerium in die mißvergnügten Gegenden von Nord-Amerika zu senden für gut hielt. Seine Töchter sollten eben in die Welt eingeführt werden, und ihre Erziehung schien die Benützung aller Hülfsmittel nöthig zu machen, welche das Leben in größeren Städten bietet. Die Gesundheit seiner Gattin nahm schon seit mehreren Jahren ab, und sie hatte kaum Zeit, ihren Sohn an's Herz zu drücken und sich des Beisammenseins ihrer Familie zu erfreuen, als die Revolution ausbrach und sich in leckender Flamme von Georgien bis nach Massachusetts verbreitete. Dieser Schlag war zu heftig für den kränkelnden Zustand der Mutter, welche ihren Sohn in's Feld ziehen sah, um gegen ihre eigenen Familienglieder im Süden zu kämpfen, und sie erlag der Ueberwucht desselben.

In keinem Theile des amerikanischen Festlandes waren die Sitten der Engländer und ihre aristokratischen Begriffe von Adel und Familieneinfluß vorherrschender, als in einem gewissen Bezirke unmittelbar um die Hauptstadt Neu-York. Die Gewohnheiten der früheren holländischen Bewohner hatten sich zwar einigermaßen mit den englischen vermischt, aber doch behaupteten letztere entschieden das Uebergewicht. Die Anhänglichkeit an Großbrittanien wurde noch durch die häufigen Heirathen der Offiziere des Mutterlands in die reicheren und angeseheneren Familien der Nachbarschaft vermehrt, so daß sich bei dem Beginn der Feindseligkeiten durch diesen Zusammenfluß der Umstände die Kolonie fast auf die Seite der Krone hinüberneigte. Einige der ersten Familien erklärten sich jedoch für die Sache des Volkes, nahmen den Bemühungen der ministeriellen Partei gegenüber eine feste Stellung an und führten eine unabhängige republikanische Regierung ein, welcher sie, unterstützt von der Waffenmacht der Konföderation, Ansehen zu verschaffen wußten.

Die Stadt Neu-York mit dem anliegenden Gebiet stand allein nicht unter der Herrschaft des neuen Freistaates, obgleich das königliche Ansehen sich nicht weiter erstreckte, als es durch die Gegenwart der Armee geltend gemacht werden konnte. Unter diesen Umständen bedienten sich die einflußreicheren königlich Gesinnten solcher Maaßregeln, wie sie gerade ihren Charakteren und ihren Verhältnissen angemessen waren. Viele ergriffen zum Schutze der Krone die Waffen und mühten sich, durch Tapferkeit und Anstrengung das, was sie für die Rechte ihres Fürsten hielten, zu sichern und ihre Besitzthümer gegen die Wirkungen des Konfiscationsgesetzes zu vertheidigen. Andere verließen das Land und suchten auf jener Insel, welche sie vorzugsweise ihre Heimath nannten, für die paar Monate der Verwirrung und Kriegsgefahr – denn länger konnte, wie sie sehnlich hofften, der Kampf nicht dauern – eine Zuflucht. Ein dritter und vorsichtigerer Theil blieb aus kluger Berücksichtigung seiner großen Besitzungen und vielleicht auch aus Anhänglichkeit an den Tummelplatz seiner Jugendjahre an der Stätte seiner Geburt. Zu diesen letzteren gehörte auch Herr Wharton. Nachdem er zur Vorsorge gegen künftige Unfälle im Geheimen all sein Geld in der englischen Bank niedergelegt hatte, entschloß sich dieser Ehrenmann, auf dem Schauplatze des Krieges auszuharren und eine strenge Neutralität zu beobachten, um sich unter allen Umständen seinen großen Grundbesitz zu sichern. Er war scheinbar ganz mit der Erziehung seiner Töchter beschäftigt, als ihm ein Verwandter, welcher bei der neuen Regierung eine hohe Stelle begleitete, die vertrauliche Mittheilung machte, daß der Aufenthalt in einer Gegend, wo sich jetzt ein brittisches Lager befände, von seinen Landsleuten nicht viel anders betrachtet werde, als ob er die Hauptstadt des brittischen Reiches zu seinem Wohnort gewählt hätte. Herr Wharton sah bald, daß dieses bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge ein unverzeihlicher Fehler sey, und er entschloß sich sogleich, der Schwierigkeit dadurch zu begegnen, daß er sich auf's Land zurückzog. Er besaß ein Landhaus in der Grafschaft West-Chester, in welchem er seit vielen Jahren die heißen Sommermonate zuzubringen pflegte, weßhalb er es auch immer in einem wohnlichen und für seine Bequemlichkeit geeigneten Stande erhielt. Seine älteste Tochter war bereits in die Cirkel der modernen Damenwelt eingeführt; aber Franciska, die jüngere, bedurfte noch eines ein- oder zweijährigen Unterrichts, um mit dem gehörigen Glanze auftreten zu können – wenigstens war dies die Ansicht von Miß Jeanette Seyton, und da diese Dame, eine jüngere Schwester ihrer hingeschiedenen Mutter, ihr Vaterhaus in der Colonie Virginien verlassen hatte, um mit der ihrem Geschlechte eigentümlichen Aufopferung und Liebe die Obhut über ihre verwaisten Nichten zu übernehmen, so fühlte Herr Wharton wohl, daß ihre Meinung geachtet werden müsse. Im Einklang mit diesem Rathe mußte also die Eitelkeit des Vaters der Wohlfahrt seiner Kinder weichen.

Herrn Whartons Herz war zerrissen, als er von Allem, was seine angebetete Gattin zurückgelassen hatte, sich trennen sollte; doch gehorchte er der Klugheit, welche ihn laut zu Erhaltung seiner zeitlichen Güter aufforderte, und zog sich nach den Locusten Eine in Amerika häufig vorkommende Baumart aus der Familie der Leguminosen, die von der Stellung der Blätter auch den Namen Heuschreckenbaum führt und deren häufiges Vorkommen ohne Zweifel der Gegend den Namen geliehen hat. zurück. Sein schönes Haus in der Stadt wurde inzwischen von der Tante und den Töchtern bewohnt. Das Regiment, zu welchem Capitän Wharton gehörte, bildete ein Theil der ständigen Besatzung der Stadt, und die Ueberzeugung, daß seine von ihm entfernten Töchter, um welche er immer ängstlich bekümmert war, in der Anwesenheit seines Sohnes des nöthigen Schutzes genössen, gereichte dem Vater zu nicht geringem Troste. Aber Capitän Wharton war ein junger Mann und – Soldat. Menschenkenntnis spielte bei ihm nur eine untergeordnete Rolle, und die Vorliebe für seinen Stand ließ ihn glauben, daß ein rother Rock nie ein unehrenhaftes Herz bedecken könne.

Herrn Whartons Haus wurde, wie das einer jeden anderen Familie, welche man der Beachtung würdig hielt, der tongemäße Conversationsplatz müssiger Officiere aus der königlichen Armee. Die Folgen einer solchen Verbindung waren nur für wenige der besuchten Familien glücklich, für mehrere nachtheilig, weil dadurch Hoffnungen rege wurden, welche nie in Erfüllung gehen konnten – und unglücklicherweise für eine nicht geringe Anzahl verderblich. Der bekannte Reichthum des Vaters und vielleicht auch die Gegenwart eines hochsinnigen Bruders ließen zwar für die jungen Damen die letztere Gefahr nicht befürchten; aber es war unmöglich, daß die Huldigungen, welche Miß Sara's schöner Gestalt und lieblichem Antlitz dargebracht wurden, ganz auf unfruchtbaren Boden fielen. Ihr Körper zeigte die frühe Reife des Klimas, und eine sorgfältige Ausbildung ihrer Reize hatte sie unstreitig zur ersten Schönheit der Stadt gemacht. Keine, als vielleicht ihre jüngere Schwester, durfte hoffen, ihr diesen weiblichen Vorrang streitig zu machen. Aber Franciska hatte das bezaubernde Alter von sechszehn Jahren noch nicht ganz erreicht, und der Gedanke einer Nebenbuhlerschaft blieb der Seele beider sich zärtlich liebenden Mädchen fremd. In der That war es auch, außer der Unterhaltung mit Obrist Wellmere, Sara's größtes Vergnügen, die Blüthenknospen der kleinen Hebe zu betrachten, welche in der ganzen Unschuld der Jugend, mit der vollen Gluth einer feurigen Seele und der Schalkhaftigkeit angeborner Laune um sie spielte. War es vielleicht, daß der kleinen Franciska keine von den Artigkeiten, welche ihrer älteren Schwester so reichlich zuflossen, zu Theil wurde, oder hatte es einen anderen Grund – kurz, die Unterhaltungen über kriegerisches Verdienst, welche unter den süßen Herrchen von der Armee, die das Haus besuchten, so oft wiederholt wurden, übten auf die beiden Schwestern einen ganz entgegengesetzten Einfluß. Es gehörte damals zum Ton der brittischen Officiere, von ihren Feinden verächtlich zu sprechen, und Sara nahm die eiteln Prahlereien ihrer Verehrer für Wahrheit. Die ersten politischen Meinungen, welche Franciska's Ohr erreichte, waren daher von Hohnworten über das Benehmen ihrer Landsleute begleitet. Zuerst glaubte auch sie denselben; aber hin und wieder mußte ein General seinen Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen, um selbst Gerechtigkeit zu finden, und endlich wurde es Franciska etwas zweifelhaft, ob es denn auch mit der Unfähigkeit ihrer Landsleute seine Richtigkeit habe. Obrist Wellmere war unter denen, welchen es das meiste Vergnügen machte, ihren Witz über die unglücklichen Amerikaner auszulassen, und Franciska fing bald an, seiner Beredtsamkeit mit Argwohn und bisweilen mit Empfindlichkeit zuzuhören.

Einmal befanden sich an einem drückend heißen Tage die Drei in dem Gesellschaftszimmer von Herrn Wharton's Hause. Der Obrist und Sara saßen auf dem Sopha und gaben unter dem gewöhnlichen nichts sagenden Geplauder dem Spiele ihrer Augen Raum, während sich Franciska an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers mit ihrem Stickrahmen beschäftigte, als Wellmere plötzlich ausrief:

»Wie wird sich die ganze Stadt über die Ankunft der Armee unter General Burgoyne freuen, Miß Wharton!«

»Ach, wie angenehm muß das seyn,« erwiederte die gedankenlose Sara. »Man hat mir gesagt, es seien viele bezaubernde Frauen bei jener Armee. Gewiß wird sie, wie Sie sagten, Leben und Heiterkeit verbreiten.«

Franciska strich die Fülle ihrer goldenen Locken zurück und erhob die Augen, welche von der Gluth ihres Nationalgefühls strahlten, dann lachte sie und fragte mit versteckter Schalkhaftigkeit:

»Ist es so gewiß, daß man den General Burgoyne die Stadt erreichen läßt?«

»Erreichen läßt?« wiederholte der Obrist. »Wer wird ihn wohl daran hindern, meine hübsche Miß Fanny?«

Franciska war gerade in dem Alter, wo Mädchen am eifersüchtigsten auf ihre Stellung in der Gesellschaft sind, da man sie nicht eigentlich zu den Damen rechnen und doch auch nicht als Kinder behandeln kann. Das »hübsche Miß Fanny« klang zu vertraulich, um ihr zu behagen, und sie ließ ihre Augen wieder auf ihre Arbeit sinken, indeß ihre Wangen wie Purpur glühten.

»General Stark hat die Deutschen abgefangen,« antwortete sie, und legte den Finger an ihre Lippe. »Könnte es General Gates nicht für zu gefährlich halten, die Britten frei ausgehen zu lassen?«

»Ach! das waren Deutsche, wie Sie selbst sagen,« rief der Obrist, höchst verdrießlich über die Nothwendigkeit, sich überhaupt darüber aussprechen zu müssen; »bloße Miethtruppen! Aber wenn es sich um die eigentlichen brittischen Regimenter handelt, so werden Sie ganz andere Erfolge sehen.«

»Daran ist gar kein Zweifel,« versetzte Sara, ohne auch nur im mindesten die Empfindlichkeit des Obristen gegen ihre Schwester zu theilen, aber doch bereits in ihrem Herzen den Engländern zu ihren Siegen Glück wünschend.

»Ei, sagen Sie mir doch, Obrist Wellmere,« entgegnete Franciska, indem sie ihre heitere Laune wieder annahm und ihren schelmischen Blick auf den Offizier richtete; »war der Lord Percy von Lexington ein Verwandter von dem, welcher bei Chevy-Chase kämpfte?«

»Ha, Miß Fanny, Sie werden eine Rebellin,« sagte der Obrist, welcher seinen Aerger weg zu lachen versuchte. »Was den Vorfall bei Lexington anbelangt, den Sie hier anzuführen belieben, so war er nichts weiter, als ein kluger Rückzug – so eine Art – von –«

»Durchgehendem Gefecht,« unterbrach ihn das neckische Mädchen, indem sie einen großen Nachdruck auf das erste dieser Worte legte.

»Sicherlich, meine junge Dame –« hier wurde Obrist Wellmere durch das Lachen eines Mannes unterbrochen, welchen er bisher nicht bemerkt hatte.

Neben dem Zimmer, in welchem unsere Drei sich aufhielten, war ein kleines Familiengemach, und der Luftzug hatte die zwischen beiden befindliche Thüre geöffnet. Man erblickte jetzt einen hübschen jungen Mann, welcher in der Nähe des Eingangs saß und dessen lächelndes Gesicht bekundete, daß er der Unterhaltung mit vielem Vergnügen zugehört hatte. Er stand sogleich auf, und als er, mit dem Hute in der Hand, in die Thüre trat, zeigte sich ein schlanker wohlgebildeter Jüngling von dunkler Gesichtsfarbe, mit blitzenden, schwarzen Augen, aus welchen die Heiterkeit noch nicht ganz verwischt war, der den Damen seine Verbeugung machte.

»Herr Dunwoodie!« rief Sara überrascht; »ich wußte nicht, daß Sie im Hause sind. Sie werden es in diesem Zimmer kühler finden.«

»Ich danke Ihnen,« versetzte der junge Mann, »aber ich muß Ihren Bruder aufsuchen, der mich dort in den Hinterhalt legte, wie er es nannte, und seinem Versprechen gemäß schon vor einer Stunde hätte zurück seyn sollen.«

Er verbeugte sich, ohne eine weitere Erklärung zu geben, höflich gegen die Frauenzimmer, zurückhaltend und mit Würde gegen den Obrist und entfernte sich. Franciska folgte ihm in die Halle und fragte ihn hastig mit hohem Erröthen:

»Aber warum – warum verlassen Sie uns, Herr Dunwoodie? – Heinrich muß bald zurückkommen.«

Der Jüngling ergriff eine ihrer Hände, und der ernste Ausdruck des Gesichtes gab einem Blicke der Bewunderung Raum, als er erwiederte:

»Sie haben ihn hübsch abgefertigt, mein liebes Bäschen. Ach, vergessen Sie nie – nie das Land Ihrer Geburt, und erinnern Sie sich stets, daß Sie nicht nur die Enkelin eines Engländers, sondern auch die eines Peyton sind.«

»Oh!« entgegnete das Mädchen lachend, »es würde schwer seyn, so etwas zu vergessen, so lange uns Tante Jeanette alle Augenblicke mit einer Vorlesung über unser Geschlechtsregister beglückt. – Aber warum wollen Sie fort?«

»Ich bin im Begriff, nach Virginien zu gehen, und habe noch viel zu thun.« Während er dieses sagte, drückte er ihr die Hand, blickte, ehe er die Thüre schloß, noch einmal zurück, und rief: »Bleiben Sie Ihrem Lande treu – bleiben Sie eine Amerikanerin.«

Als er sich entfernte, warf ihm das feurige Mädchen einen Kuß nach, kühlte dann mit ihren zarten Händchen ihre glühenden Wangen und eilte auf ihr Zimmer, um ihre Verwirrung zu verbergen.

Zwischen der offenen Spottrede Franciska's und der übel verhehlten Verachtung des jungen Mannes hatte sich Obrist Wellmere in einer sehr unangenehmen Lage gefühlt. Er scheute sich jedoch, wegen solcher Kleinigkeiten in Gegenwart seiner Dame der Empfindlichkeit Raum zu geben, und begnügte sich daher, als Dunwoodie das Zimmer verlassen hatte, mit der höhnischen Bemerkung:

»Sehr viele Freiheit für einen jungen Menschen in seiner Lage; – ein Ladenbursche mit einem Bündel, denke ich?«

Der Gedanke, sich den zierlichen Peyton Dunwoodie als einen Ladenburschen vorzustellen, konnte Sara nie zu Sinne kommen, und sie blickte überrascht um sich, als der Obrist fortfuhr:

»Dieser Herr Dun – Dun –«

»Dunwoodie! O nein – er ist ein Verwandter meiner Tante,« rief die junge Dame, »und ein vertrauter Freund meines Bruders. Sie waren Schulgefährten und trennten sich erst in England, wo der eine zur Armee und der andere auf eine französische Militär-Academie ging.«

»Er scheint sein Geld weggeworfen zu haben,« erwiederte der Obrist, und gab auf diese Weise die üble Laune, welche er zu verbergen bemüht war, zu erkennen.

»Wir wollen das hoffen,« fügte Sara lächelnd bei, »denn man sagt, er wolle sich dem Heere der Rebellen anschließen. Er kam in einem französischen Schiff hier an und ist eben erst ausgewechselt worden. Sie werden ihm wohl bald in den Waffen begegnen.«

»Nun, mag er. – Ich wünsche Washington viele solcher Helden;« dann brach er ab und lenkte das Gespräch auf einen angenehmeren Gegenstand.

Einige Wochen nach diesem Auftritt streckte Burgoynes Armee die Waffen. Herr Wharton, welcher anfing, den Ausgang des Kampfes für zweifelhaft zu betrachten, entschloß sich, seine Landsleute mit sich auszusöhnen und zugleich seinem eigenen Verlangen nachzugeben, indem er die Töchter gleichfalls nach seinem gegenwärtigen Aufenthalt kommen ließ. Miß Peyton begleitete sie und seit dieser Zeit bis zu dem Beginn unserer Erzählung hatte sich die kleine Familie nicht wieder getrennt.

So oft die Hauptarmee eine Bewegung machte, war natürlich Capitän Wharton mit thätig, und ein- oder zweimal war es ihm unter dem Schutze starker Truppenabtheilungen, welche in der Nähe der Locusten operirten, möglich geworden, die Seinigen auf einen Augenblick heimlich zu besuchen. Seit der letzten Zusammenkunft war aber ein Jahr verflossen, und der ungeduldige Heinrich hatte sich, um einen Besuch zu bewerkstelligen, der oben erwähnten Maske bedient. Unglücklicher Weise war an dem gleichen Abend ein unbekannter und ziemlich verdächtiger Gast in dem Hause seines Vaters, welches selten Jemand anders als seine gewöhnlichen Einwohner barg.

»Aber glaubt ihr, daß er Argwohn gegen mich hat?« fragte der Capitän mit Besorgniß, nachdem er Cäsar's Meinung von den Schindern vernommen hatte.

»Wie sollte er,« rief Sara, »da nicht einmal Dein Vater und Deine Schwestern Dich in Deiner Verkleidung erkannten?«

»Es ist etwas Geheimnißvolles in seinem Benehmen. Seine Blicke sind zu spähend für einen gleichgültigen Beobachter,« fuhr der junge Wharton gedankenvoll fort, »und sein Gesicht scheint mir bekannt. Das kürzliche Schicksal Andrés hat viel Aufregung auf beiden Seiten hervorgerufen. Sir Henry droht Rache für seinen Tod und Washington ist so fest, als ob die halbe Welt unter seinen Befehlen stünde. Die Rebellen würden mich gerade jetzt als einen geeigneten Gegenstand für ihre Pläne betrachten, wenn ich so unglücklich seyn sollte, in ihre Hände zu fallen.«

»Aber, mein Sohn,« rief der Vater in großer Unruhe, »Du bist kein Spion; Du bist nicht im Bereich der Linie der Rebellen – der Amerikaner, wollte ich sagen; – es gibt hier nichts auszukundschaften.«

»Das möchte eine Frage seyn,« entgegnete der junge Mann sinnend. »Ihre Vorposten gingen bis zu den Weißen Ebenen herunter, und ich kam in meiner Verkleidung über dieselben hinaus. Es ist wahr, meine Absicht ist unschuldig; aber wird man mir's auch glauben? Matt würde meinen Besuch als den Deckmantel anderer Pläne betrachten. Erinnern Sie sich nur, lieber Vater, welche Behandlung Ihnen selbst vor einem Jahre widerfuhr, weil Sie mir Früchte für den Winter zuschickten.«

»Das geschah in Folge der Anschwärzungen meiner freundlichen Nachbarn,« sagte Wharton, »welche hofften, bei dem Einzug meiner Güter hübsche Ländereien zu billigen Preisen an sich bringen zu können. Peyton Dunwoodie bewirkte aber bald unsere Befreiung, und wir wurden nur einen Monat festgehalten.«

»Wie?« wiederholte der Sohn mit Bestürzung. »Man hat also auch meine Schwestern verhaftet? – Und Du, Fanny, schriebst mir keine Sylbe davon?«

»Ich glaube,« sagte Franciska hocherröthend, »ich erwähnte der gütigen Behandlung, welche uns Dein alter Freund, .Major Dunwoodie zu Theil werden ließ, und daß er des Vaters Freilassung bewerkstelligte.«

»Allerdings; – aber warst Du mit in dem Rebellenlager?«

»Ja,« sagte der Vater freundlich; »Fanny wollte mich nicht allein gehen lassen. Jeanette und Sara besorgten die Wirthschaft in den Locusten, und dieses kleine Mädchen war meine Gefährtin in der Gefangenschaft.«

»Und Fanny kehrte von diesem Schauplatz als eine größere Rebellin, denn je, zurück,« rief Sara unwillig. »Man sollte glauben, das Ungemach, welches ihr Vater erdulden mußte, hätte sie von allen derartigen Grillen heilen können.«

»Was sagst Du zu dieser Beschuldigung, meine schöne Schwester?« erwiederte der Capitän heiter; »hat Peyton Dich gelehrt, Deinen König mehr zu hassen, als er es selber thut?«

»Peyton Dunwoodie haßt Niemand,« sagte Franciska rasch; dann erröthete sie ob ihrer Hastigkeit und fügte bei: »er liebt Dich, Heinrich, wie ich recht wohl weiß, denn er hat es mir oft genug selbst gesagt.«

Der junge Wharton klopfte seine Schwester lächelnd auf die Wange, und fragte sie in neckendem Flüstern: »Sagte er Dir nicht auch, daß er meine kleine Schwester Fanny liebe?«

»Ach, Possen!« sagte Franciska, und die Ueberbleibsel der Abendmahlzeit verschwanden bald auf ihre Anordnung.

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