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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 36
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Vierunddreißigstes Kapitel.

Der Mittelpunkt im Kreis der Flitter
Von Pelzwerk, Edelsteinen, Seide –
Steht er im schlichten Lincolnkleide;
Denn Schottlandsfürst ist dieser Ritter.

Fräulein vom See.

 

Der Anfang des nächsten Jahres wurde von den Amerikanern und ihren Verbündeten mit großen Vorbereitungen zugebracht, um den Krieg zu Ende zu führen. Im Süden führten Greene und Rawdon einen blutigen Feldzug, der zwar den Truppen des Letzteren zu großer Ehre gereichte, am Schlusse aber so sehr zu Gunsten des ersteren umschlug, daß dieser unstreitig für den bessern General erklärt werden mußte.

Neu-York war der Punkt, welcher von den verbündeten Heeren bedroht wurde, und Washington manövrirte in einer Weise, welche immer für die Sicherheit der Stadt fürchten ließ, so daß jede Absendung von Hülfstruppen, die Cornwallis in den Stand setzen konnten, seine errungenen Vortheile zu benutzen, verhindert wurde.

Endlich bei der Annäherung des Herbstes waren alle Zeichen dafür vorhanden, daß die Scene ihrem Schlusse zueile.

Die französischen Streitkräfte näherten sich den brittischen Linien, indem sie durch das neutrale Land zogen und in der Richtung der Königsbrücke mit einem Angriff drohten, wobei starke Abtheilungen der Amerikaner mit ihnen im Einklang manövrirten. Letztere umkreisten die englischen Vorposten, rückten bis nach Jersey vor und schienen die brittische Streitmacht auch von dieser Seite bedrängen zu wollen. Die Operationen trugen zugleich den Charakter einer Belagerung und den eines Sturmes. Sir Henry Clinton aber, der den Plan der Angreifer aus aufgefangenen Briefen von Washington durchschaute, blieb ruhig innerhalb seiner Linien und ließ aus Vorsicht Cornwallis Bitten um Hülfsmannschaft unberücksichtigt.

An einem stürmischen Septemberabend war eine große Anzahl Officiere an der Thüre eines Gebäudes versammelt, das im Mittelpunkte der zu Jersey gelagerten amerikanischen Truppen lag. Das Alter, die Uniform und das würdevolle Benehmen der meisten dieser Krieger bekundete ihren hohen Rang. Besonders war Einer unter der Gruppe, den die Verehrung und der Gehorsam, welche ihm allenthalben gezollt wurden, als den ersten bezeichneten. Seine einfache Kleidung trug dennoch die gewöhnlichen Abzeichen einer hohen militärischen Stellung. Er saß auf einem edeln Thiere, von brauner Farbe, und eine Gruppe junger Männer in blankeren Uniformen schien diensteifrig seine Befehle zu erwarten. Wer mit diesem Offizier sprach, lüpfte den Hut, und wenn er selbst zu reden begann, so lagerte auf jedem Gesichte der Ausdruck einer gespannten Aufmerksamkeit, welche nicht blos von den Regeln der militärischen Etiquette geboten zu seyn schien. Endlich nahm der General selbst den Hut ab und verbeugte sich mit Würde gegen seine Umgebung. Der Gruß wurde erwiedert und die Versammlung zerstreute sich: nur der Officier blieb mit seinem Bedienten und einem Adjutanten auf der Stelle. Er saß ab, trat einige Schritte zurück und besichtigte eine Weile sein Pferd mit Kennerblicken, dann warf er seinem Adjutanten einen raschen, ausdrucksvollen Blick zu und begab sich, von diesem Officiere begleitet, in das Innere des Gebäudes.

Nachdem er in ein augenscheinlich für seine Aufnahme zugerüstetes Zimmer getreten war, setzte er sich und verharrte geraume Zeit in der gedankenvollen Haltung eines Mannes, der gewöhnt ist, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen. Während dieses Schweigens stand der Adjutant in Erwartung der Befehle da. Endlich erhob der General die Augen, und fragte in dem sanften, gefälligen Tone, der seinem Wesen anzugehören schien:

»Ist der Mann, den ich zu sehen wünschte, angekommen, Sir?«

»Er erwartet Eurer Excellenz Befehl.«

»Ich will ihn hier empfangen, und allein, wenn's gefällig ist.«

Der Adjutant entfernte sich mit einer Verbeugung.

Nach einigen Minuten ging die Thüre wieder auf; eine Gestalt glitt in's Zimmer und blieb bescheiden in einiger Entfernung von dem General stehen, ohne zu sprechen. Der Officier saß gegen das Feuer zugekehrt, und war wieder in Gedanken versunken, so daß er den Eintritt der Person nicht bemerkte. Es vergingen noch einige Minuten; dann sprach er leise vor sich hin:

»Morgen müssen wir den Vorhang heben und unsere Pläne kund geben. Möge sie der Himmel beschützen.«

Eine leichte Bewegung des Fremden traf sein Ohr, und eine Wendung des Kopfes belehrte ihn, daß er nicht mehr allein sey. Er deutete schweigend nach dem Feuer, welchem sich die Gestalt näherte, obgleich die Menge ihrer Kleider, welche mehr für eine Vermummung als für die Bequemlichkeit berechnet schien, die Wärme desselben unnöthig machte. Eine zweite sanfte und höfliche Handbewegung wies dem Fremden einen Stuhl an, der jedoch mit bescheidener Anerkennung abgelehnt wurde. Eine weitere Pause folgte, welche geraume Zeit dauerte. Endlich stand der Officier auf, öffnete ein auf dem nahen Tische liegendes Pult und nahm einen kleinen, aber wie es schien, schweren Beutel heraus.

»Harvey Birch,« sagte er, indem er sich gegen den Fremden wandte, »die Zeit ist gekommen, wo unsere Verbindung aufhören muß. Wir müssen uns von jetzt an für immer fremd seyn.«

Der Hausirer ließ die Falten des großen Mantels, welche sein Gesicht verborgen hatten, fallen und blickte eine Weile ernst auf die Züge des Sprechers; dann ließ er den Kopf auf die Brust sinken und erwiederte ehrfurchtsvoll:

»Wie Eure Excellenz befehlen.«

»Es ist nothwendig! Das Amt, welches ich gegenwärtig begleite, hat es mir zur Pflicht gemacht, viele zu kennen, die mir, wie Ihr, als Werkzeuge dienten, um Nachrichten einzuziehen. Euch habe ich mehr als Allen andern vertraut; denn bald bemerkte ich in Euch eine Achtung vor der Wahrheit und eine Festigkeit der Grundsätze, die mich, wie ich mit Freuden anerkenne, nie getäuscht haben. Ihr allein kennt meine geheimen Agenten in der Stadt, und von Eurer Treue hängt nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Leben ab.«

Er zögerte, als ob er darauf sinne, wie er dem Hausirer volle Gerechtigkeit widerfahren lassen könne, und fuhr dann fort:

»Ich glaube, Ihr seyd einer der wenigen, die in einem solchen Dienste treu an unserer Sache gehandelt haben. Ihr galtet für einen Spion des Feindes, ohne ihm weitere Mittheilungen zu machen, als euch erlaubt war. Nur ich, ich allein auf der ganzen Welt, weiß, daß Ihr eine treue Anhänglichkeit an die Freiheiten Amerika's bewiesen habt.«

Während dieser Worte richtete Harvey allmählig den Kopf wieder auf, bis er ganz aufrecht dastand. Ein schwaches Roth flog über seine Wangen, und als der Officier schloß, war eine tiefe Glut über sein ganzes Gesicht ausgegossen; seine Brust hob sich in stolzeren Gefühlen, indeß die Augen bescheiden die Füße des Sprechers suchten.

»Ich erfülle jetzt nur meine Pflicht, indem ich Euch für diese Dienste belohne. Bisher habt Ihr es immer verschoben, eine Vergütung anzunehmen, und die Schuld hat sich bedeutend angehäuft. – Ich möchte Eure Wagnisse nicht zu gering anschlagen; – hier sind hundert Dublonen. Gedenket der Armuth Eures Vaterlandes und meßt es dieser bei, daß Eure Belohnung so gering ausfällt.«

Der Hausirer erhob die Augen zu den Zügen des Sprechers; als dieser ihm aber das Geld hinbot, trat er zurück, als ob er den Beutel zurückzuweisen beabsichtige.

»Ich gebe zu, es ist nur wenig für Eure Dienste und Gefahren,« fuhr der General fort; »aber es ist Alles, was ich geben kann. Wenn der Feldzug zu Ende ist, steht es vielleicht in meiner Macht, noch etwas Weiteres zu thun.«

»Glauben Euer Excellenz, daß ich mein Leben auf's Spiel setzte und meinen Namen der Schande preis gab, um des Goldes willen?«

»Wenn nicht um Gold, weßhalb sonst?«

»Was hat Euer Excellenz in's Feld geführt? Weßhalb setzen Sie täglich und stündlich Ihr kostbares Leben den Gefahren der Schlacht und dem Stricke aus? Was ist viel an mir gelegen, wenn Männer, wie Sie, ihr Alles für das Vaterland wagen? Nein – nein – nein – nicht einen Dollar von Ihrem Golde will ich berühren; das arme Amerika hat Alles nöthig!«

Der Beutel entglitt der Hand des Officiers und fiel zu den Füßen des Krämers nieder, wo er während der übrigen Besprechung unbeachtet liegen blieb. Der General warf einen festen Blick auf das Gesicht seines Gefährten und fuhr fort:

»Manche Gründe konnten mich hiezu bestimmen, die sich auf Euch nicht anwenden lassen. Unsere Stellung ist eine ganz verschiedene. Ich bin bekannt als der Anführer von Armeen, aber Ihr müßt mit dem Makel eines Vaterlandsfeindes in's Grab steigen. Bedenkt, daß der Schleier, der Euern wahren Charakter umhüllt, erst nach Jahren – vielleicht nie gelüftet werden darf.«

Birch ließ das Gesicht wieder sinken, aber es lag kein Nachgeben der Seele in dieser Bewegung.

»Ihr werdet bald alt seyn. Die Blütezeit Eurer Tage ist bereits vorüber. Was habt Ihr dann, Euer Leben zu fristen?«

»Dieses!« sagte der Hausirer und streckte die von der Arbeit gebräunten Hände aus.

»Sie können Euch aber den Dienst versagen; nehmt Euch wenigstens davon einen Nothpfenning für's Alter. Denkt an die Gefahren und Mühseligkeiten, welche Ihr durchgemacht habt. Ich habe Euch bereits gesagt, daß die Ehre von Männern, die in der öffentlichen Achtung hoch stehen, von Euerer Verschwiegenheit abhängt. Wie kann ich ihnen Euere Treue verbürgen?«

»Sagen Sie ihnen,« versetzte Birch näher kommend, wobei er mit dem Fuß unwillkührlich auf den Beutel trat, »sagen Sie ihnen, daß ich das Gold nicht nehmen wollte.«

Die ernsten Züge des Officiers schmolzen zu einem Lächeln des Wohlwollens und seine Hand drückte die des Hausirers.

»Jetzt kenne ich Euch in der That. Zwar dauern dieselben Gründe noch fort, welche mich bisher nöthigten, Euer schätzbares Leben der Gefahr auszusetzen, und mich hindern, Eurem Charakter offene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber im Geheimen kann ich immer Euer Freund seyn. Versäumt es nicht, zu mir Eure Zuflucht zu nehmen, wenn Ihr in Noth oder Elend seyd – so lange mir Gott etwas gibt, will ich es gerne mit einem Manne theilen, der so edel denkt und handelt. Wenn Euch Krankheit oder Mangel heimsuchen und der Friede einmal unsere Mühen gekrönt hat, so sucht die Thüre des Mannes, der so oft unter dem Namen Harper mit Euch zusammen kam; er wird dann nicht erröthen, Euch an seinem heimischen Herde willkommen zu heißen!«

»Ich brauche nur wenig für dieses Leben,« sagte Harvey. »So lange mir Gott Gesundheit und einen ehrlichen Erwerb angedeihen läßt, kann ich in diesem Lande nie Mangel leiden. Aber das Bewußtsein, Euer Excellenz zum Freunde zu haben, ist ein Segen, den ich höher anschlage, als alles Gold der englischen Schatzkammer.«

Der General versank eine Weile in tiefes Sinnen. Dann ging er zu dem Pulte, schrieb einige Zeilen auf ein Blättchen Papier und gab es dem Hausirer.

»Ich muß glauben,« sagte er, »daß die Vorsehung dieses Land zu etwas Großem und Herrlichem bestimmt hat, wenn ein solcher Patriotismus die Herzen seiner geringsten Bürger erfüllt. Einem Gemüthe, wie das Eurige, muß es etwas Schreckliches seyn, mit dem Brandmale eines Feindes der Freiheit in das Grab zu steigen. Aber Ihr wißt, daß manches Leben als Opfer fallen müßte, wenn Euer wahrer Charakter kund würde. Es ist unmöglich, Euch jetzt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber ich kann Euch ohne Furcht dieses Zeugniß anvertrauen. Wenn wir uns ja nicht wieder begegnen sollten, so kann es vielleicht Euern Kindern nützlich werden.«

»Kinder!« rief der Hausirer, »Kann ich die Schmach meines Namens auf eine Familie vererben?«

Der Officier bemerkte die heftige Gemüthserregung des Krämers mit schmerzlicher Theilnahme und machte eine leichte Bewegung nach dem Golde, die jedoch durch den immer noch unveränderten Ausdruck in dem Gesichte seines Gefährten angehalten wurde. Harvey, der seine Absicht bemerkt hatte, schüttelte den Kopf und fuhr gelassener fort:

»Sie haben mir in der That einen Schatz gegeben, und er wird bei mit sicher verwahrt seyn. Es sind Leute am Leben, welche bezeugen können, daß mir Ihr Geheimniß theurer war, als das Leben. Das Papier, von dem ich Ihnen sagte, ich hätte es verloren, verschluckte ich, als ich das letztemal von den Virginiern gefangen genommen wurde. Nur dieses einzige mal habe ich Euer Excellenz getäuscht und es soll auch das letzte mal gewesen seyn. Ja, dieses Blatt ist mir in der That ein theurer Schatz; vielleicht« – fuhr er mit einem trüben Lächeln fort – »erfährt man dann nach meinem Tode, wer mein Freund war – und wenn auch nicht, es wird ja Niemand da seyn, der sich um mich grämte.«

»Erinnert Euch,« sagte der Officier tief ergriffen, »daß Ihr in mir immer einen geheimen Freund habt. Nur öffentlich darf ich Euch nicht anerkennen.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Birch; »ich wußte es, als ich in Ihre Dienste trat. Ich sehe Eure Excellenz wahrscheinlich zum letzten mal. Möge Gott seinen reichsten Segen auf Ihr Haupt herabgießen!«

Er schwieg und bewegte sich nach der Thüre. Die Augen des Generals folgten ihm mit dem Ausdrucke der innigsten Theilnahme. Noch einmal wandte sich der Hausirer um und schien mit einem Blicke voll Ehrfurcht und Schmerz auf den gewinnenden aber gebieterischen Zügen des Generals zu weilen, dann bückte er sich tief und entfernte sich.

Die Armeen Amerika's und Frankreichs wurden nun von ihrem großen Feldherrn gegen den unter Cornwallis' Commando stehenden Feind geführt und beendigten siegreich einen Feldzug, der unter so schwierigen Umständen begonnen hatte. England wurde bald darauf des Krieges überdrüßig und erkannte die Unabhängigkeit der vereinigten Staaten an.

Jahre entschwanden und die Männer, welche an dem Kriege Theil genommen hatten, ebenso auch ihre Nachkommen rühmten sich mit Stolz der Mitwirkung in einem Kampfe, welcher anerkanntermaßen so viel Segen über das Vaterland gebracht hatte. Aber Harvey Birch's Name erstarb mit denen der vielen Agenten, von denen man glaubte, daß sie im Geheim den Rechten ihrer Landsleute entgegen gearbeitet hätten. Sein Bild trat jedoch oft vor die Seele des mächtigen Staatsoberhauptes, welchem allein sein wahrer Charakter bekannt war. Er ließ mehreremale geheime Nachfragen nach dem Schicksale des Krämers anstellen, die nur ein einziges Mal zu einem Resultate führten. Er erfuhr nämlich, daß ein Hausirer von ähnlichem Aussehen, aber anderem Namen, in den neuen Ansiedelungen, die nach allen Richtungen hin auftauchten; sein Geschäft betreibe, und daß er mit der Last der zunehmenden Jahre und mit augenscheinlicher Armuth zu kämpfen habe. Der Tod des Generals verhinderte bald weitere Nachforschungen und es verging eine geraume Zeit, ehe wieder etwas von dem Krämer gehört wurde.

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