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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 35
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

Die Erde möge leicht dir sein,
Freund meiner bessern Tage!
Wer dich gekannt, denkt liebend dein,
Und weiht dir seine Klage.

Hatteck.

 

Während sich die hier mitgetheilten Auftritte und Ereignisse zutrugen, führte Capitän Lawton seine kleine Mannschaft in langsamen und vorsichtigen Märschen von den Kreuzwegen aus dem Feinde entgegen, wobei er die Schwäche der ihm zu Gebot stehenden Streitkräfte durch geschickte Manöver zu bemänteln wußte, und die Gegner in steter Furcht eines Hauptstreichs von Seite der Amerikaner erhielt, ohne sich durch die ihm gelegten Fallen täuschen zu lassen. Die zaudernde Politik des Parteigängers hatte ihren Grund in den gemessenen Befehlen seines Commandanten, denn Dunwoodie wußte, als er sein Corps verließ, wohl, daß der Feind langsam vorrücke, und hatte daher Lawton die Weisung gegeben, denselben so lange zu umkreisen, bis er selbst zurückkäme, und sie durch die Ankunft des Infanterieregiments in den Stand gesetzt würden, den Rückzug der Engländer abzuschneiden.

Der Rittmeister entsprach seinem Auftrage buchstäblich, obgleich er dabei nicht selten von jener Ungeduld beschlichen wurde, welche einen Grundzug in dem Charakter dieses Mannes bildete, wenn es galt, sich bei der Gelegenheit eines Angriffes im Zaume zu halten.

Während dieser Streifzüge führte Betty Flanagan ihren kleinen Karren mit unermüdlichem Eifer zwischen den Felsen von West-Chester herum, wobei sie gelegentlich mit Hollister die Natur der bösen Geister abhandelte und dann wieder sich mit dem Wundarzt über manche Punkte der ärztlichen Praxis herum zankte, – ein Thema, über welches sich zwischen ihnen fast stündlich eine Fehde erhob. Endlich kam der Augenblick, welcher über das Schicksal des Tages entscheiden sollte. Eine Abtheilung der östlichen Milizen brach von ihrem festen Lager auf und näherte sich dem Feinde.

Es war Mitternacht, als sich die Hülfstruppen mit Lawton vereinigten, und letzterer hielt sogleich mit dem Führer der Infanterie eine Berathung. Dieser entschloß sich, nachdem er Lawtons Mitteilungen, welche den Muth des Gegners ziemlich verächtlich behandelten, angehört hatte, die Britten anzugreifen, sobald der anbrechende Morgen ihre Stellung unterscheiden ließ, ohne erst den Beistand Dunwoodie's und seiner Dragoner abzuwarten. Sobald dieser Beschluß gefaßt war, verließ Lawton das Gebäude, wo die Berathung abgehalten worden, und begab sich zu seinem eigenen Commando zurück.

Die wenigen Dragoner, welche unter dem Befehle des Rittmeisters standen, hatten ihre Pferde in der Nähe eines Heuschobers angebunden und ihre eigenen Leichname unter den Schirm desselben gebracht, um sich einige Stunden des Schlafes zu erfreuen, indeß Doctor Sitgreaves, Wachtmeister Hollister und Betty Flanagan ein wenig abseits auf einem trockenen Felsen saßen, auf den letztere einige Bettdecken gebreitet hatte. Lawton streckte seinen riesigen Körper an der Seite des Wundarzts nieder, warf den Mantel um sich, stutzte den Kopf auf eine Hand und schien sich ganz in die Betrachtung des Mondes zu vertiefen, der durch die Wolken hinglitt. Der Sergeant saß aus Respekt vor dem Wundarzt aufrecht, und die Waschfrau erhob jezuweilen den Kopf, wenn es galt, einige ihrer Lieblingsmaximen zu verfechten, worauf sie sich wieder auf eines ihrer Branntweinfässer zurücklehnte und vergeblich einzuschlafen versuchte.

»Also, Sergeant,« fuhr Sitgreaves in einer begonnenen Demonstration fort, »wenn Ihr aufwärts haut, so verliert der Hieb die Zugabe Eurer eigenen Schwere und wirkt daher weniger zerstörend, ohne daß der wahre Zweck des Krieges, den Feind wehrunfähig zu machen, verfehlt würde.«

»Pah! pah! liebes Wachtmeisterchen,« sagte die Waschfrau, indem sie den Kopf von der Decke ausrichtete, »was liegt denn daran, wenn man einen in der Schlacht auf's Leben trifft? Erweisen denn einem die Regler auch Schonung, wenn es an ein Fechten geht? Fragt den Capitän Jack dort, ob das Land seine Freiheit erringen wird, wenn die Jungen nicht mit aller Macht zuhauen. Ich möchte nicht, daß sie dem Whisky ein solche Unehre anthäten.«

»Es läßt sich von einem so unverständigen Weibsbild wie Ihr, Frau Flanagan, nicht erwarten,« versetzte der Wundarzt mit einer Ruhe, welche seine Verachtung gegen Betty nur noch deutlicher aussprach, »daß Ihr die Unterscheidungen des wundärztlichen Wissens begreift; auch versteht Ihr nichts von der Führung des Säbels; es würden Euch also ganze Abhandlungen über den verständigen Gebrauch dieser Waffe weder in der Theorie noch in der Praxis etwas nützen.«

»Was kümmere ich mich um ein solches Geplapper. Nein, das Fechten ist kein Kinderspiel, und man braucht es nicht genau damit zu nehmen, wie man haut oder was man trifft, wenn es nur einem Feind gilt.«

»Wir werden vielleicht einen warmen Tag bekommen, Lawton?«

»Sehr wahrscheinlich,« erwiederte der Rittmeister; »bei diesen Milizen geht es selten ohne ein blutiges Feld ab, sey es nun ihrer Feigheit oder ihres Unverstandes wegen, und der wackere Soldat muß dann für ihr schlechtes Betragen büßen.«

»Ist Ihnen nicht wohl, John?« sagte der Wundarzt und fuhr mit der Hand über den Arm des Kapitäns hinunter, bis sie instinktartig an seinem Pulse festhielt; aber der ruhige Schlag desselben deutete weder auf ein körperliches noch auf ein Seelenleiden.

»Herzweh habe ich, Archibald, über die Thorheit unserer Gewalthaber, welche glauben, daß man Schlachten erkämpfe und Siege erringe durch Bursche, die eine Muskete wie einen Dreschflegel handhaben; Kerle, welche die Augen zumachen, wenn sie einen Drücker berühren, und eine Linie bilden, wie ein Radstück. Unsere Abhängigkeit von solchen Wichten kostet das Land das beste Blut.«

Der Wundarzt horte mit Staunen zu. Nicht der Gegenstand, sondern die Art, wie der Rittmeister sprach, kam ihm überraschend vor. Lawton hatte sonst immer am Vorabende der Schlacht eine Lebhaftigkeit und eine Kampfbegier entwickelt, welche in scharfem Gegensatz zu der bewunderungswürdigen Ruhe stand, die er zu andern Zeiten an den Tag legte. Aber jetzt sprach sich in dem Tone seiner Stimme und in seinem Benehmen eine Verdrossenheit und Zaghaftigkeit aus, welche man an ihm nie zuvor bemerkt hatte.

Der Wundarzt zögerte einen Augenblick, um zu überlegen, wie er diesen Wechsel in dem gewohnten Diensteifer des Reiters zur Förderung seines Lieblingssystems benützen könne, und fuhr dann fort:

»Es würde wohl gut seyn, John, wenn man dem Obristen riethe, eine große Schußweite zu nehmen. Eine matte Kugel macht unfähig –«

»Nein!« rief der Capitän ungeduldig; »laßt die Schufte nur ihre Bärte an den Mündungen der brittischen Musketen verbrennen, wenn sie sich so weit vorwärts treiben lassen. Doch genug davon. Archibald, glauben Sie, daß der Mond auch ein Körper ist, wie unsere Erde, und daß sich dort Geschöpfe befinden, die uns ähnlich sind?«

»Nichts ist wahrscheinlicher, lieber John; wir kennen seinen Umfang und können analoger Weise daraus auf seine Bestimmung schließen. Ob jedoch seine Bewohner in den Wissenschaften so weit vorangeschritten sind, wie wir, oder nicht, das hängt wohl hauptsächlich von der Beschaffenheit ihres geselligen Lebens und gewissermaßen auch von physikalischen Einflüssen ab.«

»Ich kümmere mich nicht um ihre Gelehrsamkeit, Archibald; aber es ist eine wunderbare Macht, die solche Welten schaffen kann, und ihnen ihre Bahnen anweist. Ich weiß nicht, warum, aber es befällt mich ein melancholisches Gefühl, wenn ich diesen Luftkörper betrachte, dessen Schatten man sich als Meere und Land denkt. Er kommt mir vor, wie ein Ruheplatz hingeschiedener Seelen.«

»Trinken Sie ein Schlückchen, Schatz,« sagte Betty, indem sie den Kopf wieder erhob und ihm ihre eigene Flasche anbot, »das Alles kommt von dem Nachtnebel, der den Umlauf des Blutes hindert – und dann ist auch das Geschwätz von den verwünschten Milizen nicht geeignet für ein feuriges Gemüth. Nehmen Sie ein Tröpfchen, Schatz, und Sie werden bis an den Morgen schlafen. Den Rothschimmel habe ich selbst gefüttert, denn ich dachte, es könnte morgen für ihn einen schweren Tag absetzen.«

»Welcher herrliche Himmel über uns,« fuhr der Rittmeister in demselben Tone fort, ohne auf das Anerbieten Betty's, zu achten; »es ist Jammerschade, daß solche Würmer, wie die Menschen, durch ihre niedrigen Leidenschaften dieses göttliche Werk entstalten dürfen.«

»Sie haben Recht, lieber John. Es ist Raum genug da, daß Alle leben und sich im Frieden des Lebens erfreuen könnten, wenn sich jeder mit dem Seinigen begnügen wollte. Doch auch der Krieg hat sein Gutes, da er insbesondere die Wissenschaft der Chirurgie fördert und –«

»Jener Stern dort,« fuhr Lawton, seinen Ideengang verfolgend, fort; »müht sich, seinen Schimmer durch einige treibende Wolken zu senden. Er ist vielleicht auch eine Welt, die vernunftbegabte Wesen wie wir, birgt. Glauben Sie, daß man dort auch etwas von Krieg und Blutvergießen weiß?«

»Wenn ich mich erkühnen darf, eine Meinung zu äußern,« sagte Sergeant Hollister, indem er mechanisch die Hand an seine Mütze legte, »so ist in dem ›guten Buche‹ erwähnt, daß der Herr die Sonne stille stehen hieß, als Josua den Feind angriff, um, wie ich mir die Sache denke, Helle genug zu haben, wenn etwa ein Flügel umgangen, oder eine Finte im Rücken oder ein sonstiges Manöver gemacht werden sollte. Wenn daher der liebe Gott seine Hand dazu bietet, so kann das Fechten keine Sünde seyn. Ich habe mir's aber doch oft nicht gehörig zurecht legen können, daß man damals Wagen statt schwerer Dragoner brauchte, da diese doch in jeder Hinsicht geeigneter sind, eine Infanterielinie zu durchbrechen, und gar leicht um solche Räderfuhrwerke herum kommen und in ihrem Rücken mit Pferden und Allem ein Teufelsspiel anfangen könnten.«

»Ihr habt keinen Begriff von dem Bau dieser alten Streitwagen, Sergeant Hollister, sonst würdet Ihr nicht so irrig darüber aburtheilen,« entgegnete der Wundarzt. »Sie waren mit scharfen Sensen versehen, die über die Räder hervorstanden und die Reihen des Fußvolks durchbrachen, indem sie die einzelnen Glieder in Stücke rissen. Ich zweifle nicht, daß sogar heute noch eine große Verwirrung in die Reihen des Feindes gebracht werden könnte, wenn man den Karren der Frau Flanagan mit ähnlichen Instrumenten ausstattete.«

»Die Mähre würde nicht weit springen, wenn die Regler auf sie feuerten,« brummte Betty unter ihrer Decke hervor. »Als wir die Schufte durch Jersey trieben und es an ein Plündern ging, schlug ich das Vieh beinahe todt; aber der Teufel bringe da nur einen Fuß in Bewegung, so lange die Bestie mit offenen Augen schießen sieht. Der Rothschimmel und Capitän Jack sind gut genug für die Rothröcke; laßt daher nur mich und meine Mähre aus dem Spiel.«

Ein langes Trommelwirbeln auf der Anhöhe, wo die Engländer lagerten, verkündigte, daß man dort wach sey, und unmittelbar darauf vernahm man ein gleiches Signal von Seite der Amerikaner. Das Horn der Virginier ließ seine kriegerischen Töne erschallen, und in wenigen Augenblicken wimmelten die von den beiden feindlichen Parteien besetzten Berge von bewaffneten Männern. Der Morgen dämmerte auf und auf beiden Seiten wurden Vorkehrungen zum Angriff und zur Begegnung desselben gemacht. Die Amerikaner waren der Zahl nach die stärkern, aber die Feinde weit besser disciplinirt und bewaffnet. Die Zurüstungen zum Kampfe dauerten nicht lange und mit dem Aufgang der Sonne rückten die Milizen vor.

Der Boben war für Reiter-Evolutionen nicht günstig, und der einzige Dienst, welchen man den Dragonern erweisen konnte, bestand in der Abwartung des Sieges, den sie dann auf's beste verfolgen sollten. Lawton hatte bald seine Mannschaft im Sattel, übertrug dann den Befehl an den Sergeanten Hollister, und ritt selbst an der Linie des Fußvolkes hin, welches in seiner verschiedenen Uniformirung und unvollständigen Bewaffnung so aufgestellt war, daß es einigermaßen einer Schlachtordnung ähnlich sah. Ein verächtliches Lächeln schwebte um die Lippe des Reiters, während er den Rothschimmel mit geübter Hand durch die Wendungen ihrer Reihen lenkte, und als zum Vorrücken commandirt wurde, bog er um die Flanke des Regiments und folgte demselben dicht hinter dem Rücken. Die Amerikaner mußten in ein kleines Thal hinab und auf der andern Seite einen Berg hinansteigen, um dem Feinde nahe zu kommen.

Abwärts ging es in leidlicher Ordnung, bis sie zum Fuße des Berges kamen, wo die königlichen Truppen in einer schönen Linie vorrückten, indeß die Beschaffenheit des Terrains ihre Flanken deckte. Die Erscheinung der Engländer veranlaßte ein Feuer von Seiten der Miliz, welches guten Erfolg hatte und die Regulären eine Weile zum Wanken brachte. Sie wurden jedoch wieder von ihren Officieren gesammelt und eröffneten nun ein beharrlich unterhaltenes Pelotonfeuer. Es war lebhaft und zerstörend, bis die Engländer mit dem Bajonet vorrückten. Die Milizen hatten nicht genug Disciplin, um diesem Angriff zu widerstehen. Ihre Linie wankte, hielt darin wieder Stand und zersplitterte zuletzt in Compagnien und Bruchstücke von Compagnien, welche nur noch ein ungeordnetes und vereinzeltes Feuer unterhielten.

Lawton sah diesen Operationen schweigend zu und öffnete den Mund nicht eher zum Sprechen, als bis das Feld sich mit Flüchtlingen füllte. Jetzt schien ihm aber in der That der Schimpf, der hier auf die Waffen seines Vaterlandes gehäuft wurde, ein schmerzliches Gefühl rege zu machen. Er spornte den Rothschimmel an die Seite des Berges und rief den Fliehenden mit der vollen Kraft seiner gewaltigen Stimme zu. Auf den Feind deutend, versicherte er, seine Landsleute hätten sich in dem rechten Wege geirrt, und die Mischung von Ironie und Gefahrverachtung, die in seinen Ermahnungen lag, gab Anlaß, daß einige überrascht stehen blieben. Diesen schlossen sich noch mehrere an, und endlich verlangten sie, durch das Beispiel des Reiters und den eigenen Muth angefeuert, noch einmal gegen den Feind geführt zu werden.

»So kommt denn, meine wackeren Freunde!« rief der Rittmeister und wandte den Kopf seines Pferdes gegen die britische Linie, deren Flügel ihnen ganz in der Nähe stand, »vorwärts und behaltet Eure Ladung, bis ihr ihnen die Augbrauen versengen könnt.«

Die Soldaten drangen, nach, dem Beispiele des Dragoners, vor, ohne daß auf sie oder von ihnen gefeuert wurde, bis sie sich dem Feinde auf eine ganz kurze Entfernung genähert hatten. Ein englischer Sergeant, der hinter einem Felsen verborgen war, sprang, erbost über die Kühnheit des Officiers, der sich auf diese Weise ihren Waffen entgegenwagte, hinter seinem Versteck hervor, näherte sich dem Rittmeister auf einige Ellen und schlug an.

»Schieß, und Du bist verloren!« rief Lawton und spornte sein Roß, welches augenblicks auf den Schützen einsprengte.

Diese Bewegung und der Ton der Stimme brachte den Engländer so weit aus der Fassung, daß er, ohne seines Zieles, sicher zu seyn, abdrückte. Der Rothschimmel hüpfte in die Höhe und brach vor den Füßen des Gegners todt zusammen. Lawton richtete sich auf und stand nun Auge in Auge seinem Feinde gegenüber. Letzterer fällte das Bajonet und führte einen verzweifelten Stoß nach dem Herzen des Rittmeisters. Der Stahl ihrer Waffen sprühte Funken und das Bajonet flog fünfzig Fuß weit durch die Luft. Im nächsten Augenblick lag sein Besitzer da als eine zuckende Leiche.

»Vorwärts!« brüllte der Dragoner, als sich eine Abtheilung der Engländer an dem Felsen zeigte und ein volles Feuer eröffnete, – »vorwärts!« wiederholte er und schwang wild den Säbel. Dann stürzte sein riesiger Körper zurück wie eine majestätische Tanne unter dem Streiche der Axt. Aber noch im Fallen fuhr er fort, den Säbel zu schwingen, und noch einmal ließen die tiefen Töne seiner Stimme den Ruf »vorwärts!« vernehmen.

Die vorrückenden Amerikaner machten erschreckt Halt, wandten sich dann und überließen das Feld den königlichen Truppen.

Es lag weder in der Absicht, noch in der Politik des englischen Befehlshabers, den errungenen Vortheil weiter zu verfolgen, da er von der baldigen Ankunft einer starken Abtheilung der Amerikaner unterrichtet war. Er zögerte daher nur so lange, bis er seine Verwundeten gesammelt und ein Viereck gebildet hatte, worauf er seinen Rückzug nach dem Schiffe begann. Zwanzig Minuten nach Lawtons Fall war das Schlachtfeld sowohl von den Engländern als den Amerikanern verlassen.

Wenn die Bewohner des Landes in's Feld aufgeboten wurden, mußten sie sich eben mit dem Beistand wundärztlicher Berather begnügen, wie sie in jener Zeit die niedrige Stufe, auf der die Heilkunst im Innern des Landes stand, zu bieten vermochte. Doctor Sitgreaves hegte daher dieselbe tiefe Verachtung gegen die Wundärzte der Milizen, welche sein Rittmeister gegen die Truppen selbst fühlte. Er ging daher auf dem Feld umher und warf manchen mißbilligenden Blick auf die schlechten Operationen, welche ihm zu Gesichte kamen. Als er aber unter den fliehenden Truppen nirgends seinen Freund und Kameraden entdecken konnte, eilte er zu der Stelle zurück, wo Hollister postirt war, um nachzufragen, ob der Rittmeister zurückgekehrt sey. Die Antwort fiel verneinend aus. Mit tausend beunruhigenden Vermuthungen erfüllt, kehrte der Wundarzt, ohne auf die Gefahren, die für ihn auf dem Wege liegen konnten, Rücksicht zu nehmen, ja sogar ohne an dieselben zu denken, wieder um und eilte mit der größten Geschwindigkeit nach der Stelle, wo wie er wußte, der letzte Kampf gekämpft worden war. Er hatte schon einmal in einer ähnlichen Lage seinen Freund vom Tode gerettet, und seine Geschicklichkeit erfüllte ihn im voraus mit einer geheimen Freude, als er auf einmal Betty Flanagan gewahrte, welche auf der Erde saß und den Kopf eines Mannes in dem Schooß hatte, der dem Umfange des Körpers und der Uniform nach Niemand anders, als der Rittmeister seyn konnte. Beim Näherkommen wurde der Wundarzt nicht wenig beunruhigt durch den Anblick der Waschfrau. Sie hatte ihre kleine schwarze Mütze bei Seite geworfen und das ergrauende Haar flog wirr um ihr Gesicht.

»John! lieber John!« sagte der Doctor zärtlich, während er sich über den Dragoner beugte und das regungslose Handgelenk befühlte, dann aber erschreckt vor der Ahnung der Wahrheit zurückbebte.

»John, lieber John! Wo sind Sie verwundet? – Kann ich Ihnen helfen?«

»Sie sprechen zu einem erstarrten Erdenklos,« sagte Betty, und ihr Körper schauderte, während ihre Hände unwillkührlich in den Rabenlocken des Reiters spielten. »Er will nichts mehr hören und kümmert sich wenig um ihre Sonden und Arzneien. O Elend über Elend! – Was wird jetzt aus der Freiheit werden? Wer wird jetzt die Schlachten kämpfen und den Sieg gewinnen?«

»John!« wiederholte der Wundarzt, der seinen eigenen Sinnen nicht trauen wollte, »lieber John, nur ein Wörtchen; sey es, was es will, nur ein Wörtchen. O Gott, er ist todt! Wäre ich doch lieber mit ihm gestorben!«

»Was hilft nun alles Leben und Fechten?« sagte Betty; »es ist jetzt mit beiden zu Ende, mit ihm und seinem Thier! Sehens Sie, dort liegt das arme Geschöpf und hier ist der Herr! Ich habe das Pferd noch heute mit meinen eigenen Händen gefüttert, und er hat das letztemal aus meiner Küche gegessen. Ach Jammer über Jammer! – daß Capitän Jack leben mußte, um von den Reglern getödtet zu werden!«

»John! mein theurer John!« rief der Wundarzt mit krampfhaftem Schluchzen; »Deine Stunde ist gekommen, und mancher klügere Mann hat Dich überlebt, aber keiner, der besser und tapferer war, als Du. O John! Du warst mir ein wohlwollender und lieber Freund. Es ist zwar nicht philosophisch, sich dem Schmerze hinzugeben; aber um Dich, John, muß ich weinen. Ach wie schwer, wie bitter schwer ist mir's um's 'Herz!«

Der Doctor bedeckte sein Gesicht mit den Händen, überließ, sich einige Minuten dem ungehemmten Ausbruch seiner Gefühle, während die Waschfrau ihrem Jammer durch Worte Luft machte. Dabei zuckte ihr Körper und ihre Finger spielten mit den Kleidern ihres Lieblings.

»Wer wird die Jungen jetzt ermuthigen?« fuhr sie fort. »O Capitän Jack! Capitän Jack! – Du warst die Seele der Schwadron, und wir dachten wenig an Gefahr, wenn Du im Gefechte warest. Ach, er verzog nie den Mund, um mit einer armen Wittwe wegen eines angebrannten Essens, oder wenn es an dem Frühstück fehlte, zu zanken. Da, versuche ein Tröpfchen, Schatz; vielleicht bringt's Dich wieder zum Leben. Ach, er wird nie wieder eines trinken – da ist der Doctor, mein Honigmännchen – derselbe, den Sie immer zum Besten hatten; er weint, als ob die arme Seele für Sie sterben möchte. – Ach, es ist aus mit ihm, er ist hingegangen – und die Freiheit mit ihm.«

Jetzt ließ sich der donnernde Huftritt von Pferden von der Straße her vernehmen, welche sich in der Nähe des Platzes, wo Lawton lag, vorbeizog, und unmittelbar darauf zeigte sich das ganze Corps der Virginier, Dunwoodie an der Spitze. Die Kunde von des Rittmeisters Schicksal war ihm bereits zu Ohren gekommen, und sobald er der Leiche ansichtig wurde, ließ er die Schwadron Halt machen, stieg vom Pferde und näherte sich der Stelle. Lawtons Züge waren nicht im mindesten entstellt, aber die zürnende Falte, welche während des Kampfes seine Brauen umdüstert hatte, war auch im Tode stehen geblieben. Sein Körper lag ruhig, als ob er schliefe. Dunwoodie ergriff die Hand des Hingeschiedenen und betrachtete ihn eine Weile schweigend. Sein dunkles Auge funkelte und die Blässe, welche seine Züge übergoß, machte einem tiefrothen Flecken auf jeder Wange Platz.

»Mit seinem eigenen Säbel will ich ihn rächen,« rief er und versuchte es, Lawtons Hand die Waffe zu entwinden, aber die erstarrte Faust widerstand jeder Anstrengung. »Nun, so magst Du ihn mit in's Grab nehmen! Sitgreaves, tragen Sie Sorge für unsern Freund, indeß ich seinen Tod räche.«

Der Major eilte zu seinem Pferde zurück und führte alsbald seine Krieger zur Verfolgung des Feindes.

So lange Dunwoodie in der vorerwähnten Weise beschäftigt war, hatte Lawtons Leiche offen vor den Augen der ganzen Schwadron gelegen. Er war der Liebling Aller gewesen, und dieser Anblick feuerte die Soldaten auf's Aeußerste an, so daß weder Officiere noch Soldaten jene Besonnenheit behielten, welche zur Sicherung des Erfolgs bei militärischen Operationen nöthig ist. Racheglühend spornten sie ihre Rosse dem Feinde nach.

Die Engländer hatten ein Viereck gebildet, in dessen Mitte sich die nicht besonders zahlreichen Verwundeten befanden, und zogen ohne Aufenthalt auf dem unebenen Boden weiter, als auf einmal die Dragoner ansprengten. Die Reiterei begann ihren Angriff in Reihen, Dunwoodie an der Spitze, der racheentbrannt die feindlichen Glieder zu zerreißen und sie mit einem Schlage auseinander zu sprengen gedachte. Aber der Feind kannte seine eigene Kraft zu gut; er nahm eine feste Stellung und empfing den Angriff mit den Spitzen seiner Bajonette. Die Pferde der Virginier prallten zurück und die hintere Reihe des Fußvolks eröffnete ein so kräftiges Feuer, daß der Major mit einigen seiner Leute stürzte. Die Engländer setzten, sobald sie sich nicht mehr belästigt sahen, ihren Rückzug fort, und Dunwoodie, der zwar schwer, aber nicht gefährlich, verwundet war, untersagte seinen Leuten alle weiteren Versuche, die in der unebenen steinigten Gegend unmöglich erfolgreich ausfallen konnten.

Eine traurige Pflicht blieb noch zu erfüllen. Die Dragoner zogen sich mit ihrem verwundeten Führern und der Leiche Lawtons langsam durch die Berge zurück. Sie begruben den Rittmeister unter den Wällen eines in den Hochlanden gelegenen Forts und übergaben den Major der zärtlichen Pflege seiner bekümmerten Gattin.

Es verflossen viele Wochen, bis Dunwoodie so weit hergestellt war, daß er weiter gebracht werden konnte. Wie oft segnete er während dieser Zeit den Augenblick, der ihm ein Recht an die Dienste seiner liebenswürdigen Wärterin gegeben hatte. Sie weilte mit liebevoller Sorgfalt an seinem Lager, vollzog alles eigenhändig, was der unermüdliche Sitgreaves anordnete, und gewann immer mehr in der Liebe und Verehrung ihres Gatten. Ein Armeebefehl Washingtons sandte die Truppen bald in die Winterquartiere und Dunwoodie erhielt mit dem Range eines Obristlieutenants die Erlaubniß, sich nach seiner Pflanzung zu begeben, um daselbst der Wiederherstellung seiner Gesundheit abzuwarten. Capitän Singleton begleitete ihn, und die ganze Familie zog sich aus dem Treiben des Krieges in die Ruhe und den Ueberfluß der Dunwoodie'schen Besitzungen zurück. Ehe sie jedoch Fishkill verließen, ging ihnen von unbekannter Hand ein Schreiben zu, welches sie von Heinrichs glücklichem Entkommen und Wohlbefinden benachrichtigte, und ihnen zugleich kund that, daß der von jedem Ehrenmann in der königlichen Armee verachtete Obrist Wellmere das Festland verlassen habe, um nach England zurückzukehren.

Es war ein glücklicher Winter für Dunwoodie und um Franziskas Lippen begann auf's neue ihr liebliches Lächeln zu spielen.

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