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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 31
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Fort, Gilpin, mit Perück und Hut!
Wir sind schon durch die Stränge!
Wem hätt's geträumet, daß so gut
Uns dieser Streich gelänge?

Cowper.

 

Die Straße, welche der Krämer und der englische Capitän einschlagen mußten, um den Schirm der Berge zu gewinnen, konnte auf eine halbe Meile hin von der Thüre des Gebäudes aus, welches Wharton noch kürzlich als Gefängniß gedient hatte, übersehen werden, da sie eben so lange über die fruchtbare Ebene hin lief, welche sich bis an den Fuß des fast senkrecht aufsteigenden Gebirges erstreckte; dann beugte sie rasch rechtsum und folgte nun den natürlichen Krümmungen, welche in's Innere des Hochlandes führten.

Um den angeblichen Unterschied des Standes anschaulich zu machen, ritt Harvey seinem Begleiter nur um eine kleine Strecke vor und behielt den bedächtigen und würdevollen Schritt bei, der für seine Rolle paßte. Zur Rechten lagen die Zelte des bereits erwähnten Infanterieregiments, und unsere Wanderer konnten die Schildwachen dieses Lagers mit gemessenen Tritten am Saume der Berge auf und ab schreiten sehen.

Heinrichs erster Gedanke war allerdings, sein Thier zur größten Eile anzutreiben, und so sich auf einmal in Sicherheit zu bringen, um der quälenden Ungewißheit seiner Lage ein Ende zu machen. Ein Versuch des jungen Mannes zu diesem Zweck wurde jedoch sogleich von dem Hausirer angehalten.

»Was beginnen Sie?« rief er, indem er sein eigenes Pferd quer in den Weg seines Gefährten lenkte; »wollen Sie uns beide zu Grunde richten? Bleiben Sie in der Rolle eines Schwarzen, der seinem Herrn folgt. Haben Sie nicht ihre Vollblutrosse gesattelt und gezäumt vor dem Hause im Freien stehen sehen? Wie lange glauben Sie, daß der elende holländische Gaul im Galopp fortmachen wird, wenn die Virginier uns nachsetzen sollten? Jede Fußbreite, die wir, ohne Lärm zu erregen, zurücklegen können, zählt für einen Tag in unserem Leben. Reiten Sie nur hübsch hinter mir d'rein, und sehen Sie ja um keinen Preis zurück. Sie sind schlau, wie die Füchse, ja, und blutgierig wie die Wölfe.«

Heinrich zügelte mit Widerwillen seine Ungeduld und folgte der Weisung des Hausirers. Seine Phantasie ängstigte ihn jedoch ohne Unterlaß mit dem eingebildeten Rufe seiner Verfolger, obgleich Birch, welcher unter dem Scheine einer Besprechung mit seinem Begleiter öfters zurück sah, ihm versicherte, daß Alles in ihrem Rücken ruhig und friedlich sey.

»Aber,« sagte Heinrich, »Cäsar kann unmöglich lange unentdeckt, bleiben. Würden wir nicht besser thun, die Pferde ausholen zu lassen? Während sie über den Grund unserer Eile Betrachtungen anstellen, können wir die Waldecke erreichen.«

»Ach! Sie kennen diese Bursche wenig, Capitän Wharton,« erwiederte der Hausirer. »Gerade jetzt sieht uns ein Sergeant nach, als ob er dächte, daß nicht Alles richtig sey; der Spürhund bewacht mich wie ein auf der Lauer liegender Tiger. Er schien schon Unrath zu wittern, als ich auf dem Block stand. Nun treiben Sie Ihren Gaul an – wir müssen die Thiere ein wenig ausholen lassen, denn er legt die Hand an den Sattelknopf. Wenn er aufsteigt, so ist's um uns geschehen. Auch die Fußsoldaten können uns noch mit ihren Musketen erreichen.«

»Was thut er jetzt?« fragte Heinrich, und ließ seinem Pferde den Zügel, indem er zugleich die Fersen in die Seiten des Thieres setzte, um es jeden Augenblick zum Sprunge bereit zu haben.

»Er wendet sich von seinem Rosse ab und sieht anderswo hin; nun einen sanften Trab – nicht so schnell – nicht so schnell. Geben Sie doch auf die Schildwache Acht, die dort vor uns im Felde steht! Sie hat ein scharfes Auge auf uns.«

»Was kümmert uns der Infanterist,« sagte Heinrich ungeduldig; »er kann höchstens nach uns schießen, aber die Dragoner können uns wieder aufgreifen. Gewiß, Harvey, ich höre den Hufschlag von Pferden hinter uns auf der Straße. Seht Ihr nichts Besonderes?«

»Hm!« versetzte der Hausirer, »'s gibt allerdings etwas Besonderes hinter dem Gebüsch, links von Ihnen. Drehen Sie den Kopf ein wenig, so werden Sie es auch bemerken und vielleicht eine Nutzanwendung daraus ziehen.«

Heinrich machte rasch von dieser Erlaubnis, seitwärts zu sehen, Gebrauch und das Blut gerann ihm bis zum Herzen, als er gewahrte, daß sie an einem Galgen vorbeiritten, welcher unstreitig zu seiner eigenen Hinrichtung errichtet worden war. Er wandte das Gesicht mit unverhülltem Entsetzen von diesem Anblick ab.

»Ein ernster Ermahner, klug zu seyn,« sagte der Hausirer in der sententiösen Weise, in welcher er sich oft auszudrücken pflegte.

»Wahrlich, ein schrecklicher Anblick!« rief Heinrich und verhüllte die Augen mit der Hand, als ob er das Bild eines Gespenstes von sich ferne halten wolle.

Der Hausirer wandte sich jetzt ein wenig im Sattel und sprach mit bitterem und wehmüthigem Nachdruck:

»Und jetzt, Capitän Wharton, sehen Sie ihn, indeß der volle Schein der niedergehenden Sonne auf Sie fällt und Ihnen die Luft rein und frisch von den Bergen entgegenweht. Mit jedem Schritte, den Sie thun, lassen Sie diesen verhaßten Galgen weiter hinter sich. Jede dunkle Höhle, jeder Felsblock des Gebirgs bietet Ihnen einen Versteck gegen die Rache Ihrer Feinde. Aber ich habe den Galgen schon ausgeschlagen gesehen, wo sich kein Zufluchtsort darbot. Ich war zweimal in Kerkern begraben, wo ich in Ketten und Banden Nächte der Qual durchlebte und in dem grauenden Morgen nur den Zeugen eines schmachvollen Todes erwarten durfte. Alle Feuchtigkeit meines Körpers schien in dem über die Glieder rinnenden Schweiße zu entweichen, und wenn ich mich an das Loch wagte, welches mir durch die Eisenstangen Luft zuströmen ließ – wenn ich einen Blick auf das Lächeln der Natur werfen wollte, das Gott selbst seinen geringsten Geschöpfen bescheert, so stand die schreckliche Gestalt des Galgens vor meinen Augen, wie das böse Gewissen vor der zerrissenen Seele des Sterbenden. Viermal bin ich in ihren Händen gewesen, ohne dieses letztemal; aber – zweimal – dachte ich, mein Stündlein sey gekommen. Das Sterben kommt uns immer schwer an, Capitän Wharton; aber die letzten Augenblicke, allein und unbemitleidet hin zu bringen – Niemand mehr zu wissen, der an dem Geschicke eines Menschen Theil nähme, für welchen sich jetzt die ganze Erdenbahn schließt – denken zu müssen, daß man in wenigen Stunden die Dunkelheit, welche man im Hinblick auf die Zukunft lieb gewonnen hat, verlassen und an's Licht des Tages treten solle, um Augen zu begegnen, die einen von allen Seiten anstarren, als wäre man ein wildes Thier – und dann von Allem hinweggenommen zu werden unter dem Scherz und Hohn seiner Mitgeschöpfe – das, Capitän Wharton – in der That, das heißt erst sterben!«

Heinrich horchte erstaunt auf, als er seinen Begleiter diese Worte mit einer Heftigkeit aussprechen hörte, welche er nie zuvor an demselben bemerkt hatte. Beide schienen der Gefahr und ihrer Rollen vergessen zu haben.

»Wie? Seyd Ihr je dem Tode so nahe gewesen?«

»Bin ich nicht seit drei Jahren das gehetzte Wild dieser Berge?« versetzte Harvey. »Einmal stand ich sogar schon unter dem Galgen, und ich verdankte nur einem Angriff der Königlichen Truppen meine Rettung. Kamen sie nur eine Viertelstunde später, so war ich eine Leiche. Ich stand mitten unter gefühllosen Männern und gaffenden Weibern und Kindern, wie ein fluchwürdiges Ungeheuer. Ich wollte zu Gott beten, aber da wurden meine Ohren mit der Geschichte meiner Verbrechen gequält; ich sah mich unter der Menge nur nach einem einzigen Gesicht um, das mir einiges Mitleid schenkte, aber ich fand keines – ach, nicht ein einziges; – Alle verwünschten mich als einen Elenden, der sein Vaterland für Gold verkaufe. Die Sonne schien meinen Augen schöner als je – es war ja das letztemal, daß ich sie sehen sollte. Die Fluren lachten so freundlich und die ganze Natur erschien mir wie in einem himmlischen Lichte. Ach, wie süß war das Leben in jenem Augenblicke! Es war eine fürchterliche Stunde, Capitän Wharton, – eine Stunde, wie Sie nie eine erlebt haben. Sie haben Freunde, die mit Ihnen fühlen, aber ich hatte Niemand, als einen Vater, der um meinen Tod getrauert haben würde, wenn er ihn erfahren hätte. In meiner Nähe jedoch war kein Mitleid, kein Trost, um meine Qual zu sänftigen. Alles schien mich verlassen zu haben. Ich dachte sogar, Er hätte vergessen, daß ich noch lebe.«

»Wie? Ihr fürchtetet sogar, daß Gott Euch verlassen haben könnte, Harvey?«

»Gott vergißt seine Diener nicht,« erwiederte Birch mit Ehrfurcht und einem wahren Ausdruck von Andacht, welche er bisher nur seiner Rolle wegen zur Schau getragen hatte.

»Wen versteht Ihr denn unter dem Er

Der Hausirer gab sich im Sattel die steife und aufrechte Haltung, welche zu seiner Verkleidung paßte. Das Feuer, welches eine kleine Weile seine Züge verklärt hatte, verschwand und machte den feierlichen Linien einer regungslosen Demuth Platz; dann fuhr er in einem Tone, als ob er den Neger belehrte, fort:

»Im Himmel gibt es keinen Unterschied der Farben, Bruder; deßhalb trägst auch Du in Deiner Seele jenen köstlichen Beruf, von welchem Du drüben Rechenschaft ablegen mußt.« Er fügte mit leiser Stimme bei: »dieß ist die letzte Schildwache am Wege. Sehen Sie sich nicht um, so lieb Ihnen Ihr Leben ist.«

Heinrich gedachte seiner Lage und nahm schnell wieder die demüthige Haltung seines angeblichen Charakters an. Die unerklärliche Begeisterung in den Worten des Hausirers war bald unter dem Eindrucke der unmittelbaren eigenen Gefahr vergessen und mit der Erinnerung an das Entscheidungsvolle des gegenwärtigen Augenblicks kehrte in Heinrich's Seele auch wieder die Unruhe ein, welche er für eine Weile verloren hatte.

»Was seht Ihr, Harvey?« rief er, als er den Hausirer mit bedenklicher Aufmerksamkeit nach dem Hause, welches sie verlassen hatten, zurückblicken sah; »was seht Ihr vor dem Hause?«

»Etwas, das für uns nichts Gutes bedeutet,« erwiederte der angebliche Priester: »Werfen Sie die Maske und die Perücke weg; Sie werden alsbald alle Ihre Sinne nöthig haben – werfen Sie sie in den Weg; es ist Niemand vor uns, den ich fürchte, aber hinter uns sind welche, die uns zu einem schrecklichen Wettrennen Anlaß geben werden.«

»So sey es denn,« rief der Capitän und warf die Zugehör seiner Verkleidung auf die Straße; »laßt uns unsere Zeit auf's Beste benützen. Wir brauchen noch eine volle Viertelstunde bis an die Ecke; warum nicht auf einmal darauf losrennen?«

»Bleiben Sie besonnen, Capitän; sie sind im Aufruhr, aber sie werden nicht ohne einen Officier aufsitzen, wenn sie uns nicht fliehen sehen – jetzt kommt er – er geht nach den Ställen; reiten Sie etwas rascher! ein Dutzend ist im Sattel, aber der Officier hält noch, um die Gurten fester anzuziehen – sie halten uns für einen leichten Fang; er sitzt auf – Jetzt reiten Sie, Capitän Wharton, auf Tod und Leben! Halten Sie sich dicht hinter mir! Wenn Sie mich verlassen, so sind Sie verloren!«

Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung. Sobald Harvey sein Pferd in Galopp setzte; folgte ihm Capitän Wharton, welcher sein armseliges Thier auf das Aeußerste antrieb, auf der Ferse. Birch hatte sich sein Roß selbst ausgelesen, und obgleich es den wohlgenährten Vollblütern der Dragoner weit nachstand, so war es doch viel besser als der kleine Klepper, welchen man zu Cäsar Thompson's Sendung für gut genug gehalten hatte. Etliche Sätze überzeugten den Capitän, daß er weit hinter seinem Begleiter zurückbleiben müsse, und ein furchtsamer Blick nach hinten belehrte den Flüchtling, daß seine Feinde in vollem Rennen nachsetzten. In diesem Gefühle der Verlassenheit, welche das Elend doppelt schmerzlich empfinden läßt, rief Heinrich dem Krämer zu, ihn nicht im Stiche zu lassen. Harvey hielt sogleich an und ließ nun den Gefährten an seiner Seite reiten. Der dreieckige Hut und die Perücke waren dem Hausirer bei dem ersten stärkeren Anrennen seines Pferdes vom Kopfe geflogen, und die kurze Entfernung der Dragoner ließ das laute Lachen derselben, als sie diese Demaskirung gewahrten, bis zu den Ohren der Flüchtlinge dringen.

»Wäre es nicht besser, wenn wir die Pferde verließen,« sagte Heinrich, »und über das Feld nach den Bergen zu kommen suchten? – die Verzäunung wird unsere Verfolger aufhalten.«

»Das ist der Weg zum Galgen,« entgegnete der Hausirer; »diese Kerle machen drei Schritte, bis wir zwei machen, und würden sich um die Verzäunung nicht mehr kümmern, als wir uns um diese Fahrleisen. Wir haben nur noch eine kleine Viertelstunde bis zu der Ecke, und hinter dem Gehölz spaltet sich der Weg. Bis sie dann unsere Spur aufgefunden haben, gewinnen wir einen kleinen Vorsprung.«

»Aber dieser erbärmliche Gaul ist bereits fertig,« rief Heinrich, indem er mit dem Zaumende auf das Thier losschlug, ein Geschäft, worin ihn Harvey mit einer tüchtigen Reitpeitsche unterstützte; »er hält es keine halbe Meile mehr aus.«

»Eine Viertelmeile wird zureichen, eine Viertelmeile wird zureichen,« sagte der Hausirer; »eine einzige halbe Viertelstunde wird uns retten, wenn Sie meinen Anweisungen Folge leisten.«

Etwas beruhigt durch das besonnene, zuversichtliche Benehmen seines Gefährten, trieb Heinrich schweigend sein Pferd vorwärts. Sie waren bald an der ersehnten Ecke, und als sie um das niedrige Gebüsch derselben mit verdoppelter Hast herumschwenkten, bemerkten sie ihre Verfolger, welche auf der Straße zerstreut einher jagten. Mason und der Sergeant waren besser beritten, als die übrigen, und daher auch den Flüchtlingen viel näher auf der Ferse, als selbst der Krämer für möglich gehalten hätte.

Am Fuße der Berge und eine Strecke weiter hinauf durch das dunkle Thal, welches in's Gebirge einschnitt, hatte man, als der Hochwuchs zum Zwecke der Feuerung gefällt worden war, die jungen Schößlinge zu einem dichten Unterholz aufschießen lassen. Als Heinrich diesen Versteck gewahrte, drängte er den Hausirer wieder zum Absteigen, um durch dieses Gebüsch in den Wald zu kommen – ein Ansinnen, gegen welches aber der entschiedenste Widerspruch eingelegt wurde. Die bereits erwähnte Spaltung des Weges fand in kleiner Entfernung von der Ecke unter einem sehr spitzigen Winkel statt, und die beiden Ausläufer zogen sich so gekrümmt hin, daß man nur eine kleine Strecke auf einmal übersehen konnte. Der Hausirer schlug den Pfad zur Linken ein, blieb aber nur eine kleine Weile auf demselben und huschte dann an einer offenen Stelle im Gebüsch zu dem rechts liegenden hinüber, auf welchem er sein Pferd gegen eine vor ihren Augen liegende steile Anhöhe zu trieb. Dieses Manöver rettete sie. Die Dragoner folgten, als sie zu der Gabel kamen, der Fährte und kamen ein ziemliches über die Stelle hinaus, wo die Flüchtlinge auf den andern Pfad eingebogen hatten, ehe sie das Aufhören der Hufspuren bemerkten. Als Heinrich und der Hausirer ihre müden und athemlosen Thiere den Berg hinantrieben, vernahmen sie den lauten Zuruf der vorderen Reiter an ihre nachkommenden Kameraden, sie sollten den Weg zur Rechten einschlagen, und der Capitän machte aufs Neue den Vorschlag, abzusteigen und in's Dickicht zu schlüpfen.

»Noch nicht! noch nicht!« sagt« Birch leise; »der Weg fällt von der Höhe wieder gerade so ab, wie er aufwärts gegangen ist; wir wollen zuerst die Höhe gewinnen.«

Diese war bald erreicht, und beide warfen sich nun von ihren Pferden, worauf Heinrich unverzüglich in das dichte Unterholz kroch, welches die Seite des Berges auf einige Entfernung über ihnen bedeckte. Harvey zögerte noch einen Augenblick und gab jedem der Thiere einige kräftige Peitschenhiebe, die sie Hals über Kopf, den Weg auf der andern Seite der Anhöhe hinunterjagten; dann folgte er dem Beispiele seines Gefährten.

Der Krämer schlüpfte mit einiger Vorsicht in das Gebüsch, und vermied es, so viel als möglich, auf seinem Wege ein Geräusch zu machen oder die Zweige zu zerbrechen. Er hatte jedoch hohe Zeit gehabt, sich zu schirmen, denn kaum hatten sich die Zweige hinter ihm geschlossen, als ein vorauseilender Dragoner die Steige hinansprengte, und, wie er auf der Höhe angelangt war, den übrigen mit lauter Stimme zurief:

»Ich habe in diesem Augenblick eines ihrer Pferde an dem Berge hin laufen sehen.«

»Vorwärts, die Sporen eingesetzt, Jungen,« schrie Mason; »dem Engländer gebt Pardon, aber den Hausirer haut nieder und macht ihm den Garaus.«

Heinrich fühlte, wie sein Gefährte bei diesem Ausruf mit heftigem Zittern seinen Arm umklammerte, und vernahm unmittelbar darauf den Hufschlag von einem Dutzend Pferden, welche mit einem Feuer und einer Eile vorbeisprengten, woraus sich deutlich entnehmen ließ, wie wenig Sicherheit ihnen ihre abgetriebenen Mähren hätten verschaffen können.

»Nun,« sagte der Hausirer, indem er sich aus dem Versteck erhob, um zu recognosciren, und einen Augenblick unschlüssig da stand, »alles, was wir jetzt vor uns bringen, ist reiner Gewinn, denn während wir hinansteigen, gehen sie hinab. Wir müssen jedoch rührig seyn.«

»Aber werden sie uns nicht folgen, oder diesen Berg umzingeln?« versetzte Heinrich, aufstehend und das mühsame, aber rasche Klettern seines Begleiters nachahmend; »erinnert Euch, daß sie eben so gut Beine als Pferde haben, und wir im andern Falle in den Bergen zu Grunde gehen werden.«

»Fürchten Sie nichts, Capitän Wharton,« erwiederte der Krämer mit Zuversicht, »ich hatte es freilich nicht hierher abgesehen, aber die Noth hat mich zu einem sicheren Steuermann im Gebirge gemacht. Ich will sie irgendwo hinführen, wohin kein Mensch uns zu folgen wagen wird. Sehen Sie, die Sonne ist bereits über die Spitzen der westlichen Berge hinunter, und in zwei Stunden geht der Mond auf. Wer, glauben Sie, wird uns weiter verfolgen in einer Novembernacht unter diesen Felsen und Abstürzen?«

»Horcht!« rief Heinrich, »die Dragoner rufen sich zu; sie vermissen uns bereits.«

»Kommen Sie zu der Spitze dieses Felsens, und Sie können sie sehen,« sagte Harvey, und setzte sich, als sie dort angelangt waren, kaltblütig nieder, um auszuruhen. »Sie sehen uns jetzt auch – bemerken Sie, wie sie mit den Fingern auf uns weisen? Da hat einer sogar seine Pistole nach uns abgefeuert; aber nicht einmal eine Muskete würde so weit tragen.«

»Sie werden uns nachsetzen,« rief Heinrich ungeduldig; »laßt uns weiter gehen.«

»Sie denken nicht an so etwas,« entgegnete der Hausirer, und pflückte einige Brombeeren ab, welche neben ihm auf dem mageren Boden wuchsen, und kaute sie gemächlich sammt den Blättern, um den trockenen Gaumen zu erfrischen. »Was können sie hier mit ihren schweren Stiefeln, ihren Sporen und langen Säbeln für, Sprünge machen? Nein, nein – sie werden umkehren und das Fußvolk herausschicken, nicht aber die Pferde durch diese Schluchten treiben, wo sie sich nur mit Furcht und Zittern im Sattel halten können. Kommen Sie nur mit mir, Capitän Wharton; wir haben noch einen beschwerlichen Weg vor uns, aber ich bringe Sie an einen Ort, wo sich Niemand in dieser Nacht hinwagen wird.«

Mit diesen Worten erhoben sich beide, und waren bald unter den Felsen und Höhlen des Gebirges verschwunden.

Die Vermuthung des Krämers war richtig. Mason und seine Leute jagten den Berg hinab, um, wie sie glaubten, ihre Opfer zu verfolgen, als sie aber im Thale anlangten, fanden sie nichts, als die Pferde der Flüchtlinge. Eine Weile verging mit Durchsuchen des nahen Gebüsches und mit Aufsuchen der Fährte auf einem Boden, wo die Pferde noch fortkommen konnten, als auf einmal einer der Soldaten den Hausirer und Heinrich auf dem bereits erwähnten Felsen entdeckte.

»Er ist durch!« knirschte Mason, und ließ wüthende Blicke nach Harvey schießen; »er ist durch, und wir haben die Schmach. Beim Himmel, Washington wird uns nicht einmal mehr die Bewachung eines verdächtigen Tory anvertrauen, wenn wir diesen Schuft so mit dem Corps spielen lassen. – Und da sitzt der Engländer auch, und sieht mit einem gnädigen Lächeln auf uns herunter – es ist mir, als ob ich es sähe. Nun, nun, Bursche, ich gestehe, Du hast da einen ganz behaglichen Sitz, und das ist immerhin besser, als in der Luft zu tanzen; aber Du bist noch nicht über dem Harlaem-Fluß, und ich will Dir, so wahr ich Soldat bin, den Wind ablaufen, ehe Du Sir Henry erzählen kannst, was Du gesehen hast.«

»Soll ich Feuer geben und den Hausirer aufjagen?« fragte einer der Dragoner, eine Pistole aus dem Halfter ziehend.

»Wohl, scheuche mir die Vögel von der Stange; wir wollen sehen, wie sie ihre Flügel brauchen.« Der Soldat feuerte und Mason fuhr fort: »Beim Sanct Georg, ich glaube, die Schufte verlachen uns! – Doch jetzt nach Hause, oder sie werfen uns gar Steine nach den Köpfen, und dann thun die königlichen Zeitungen mit dem Berichte dicke, daß zwei Royalisten ein ganzes Rebellenheer in die Flucht geschlagen hätten. Sie haben vordem schon ärgere Lügen aufgetischt.«

Die Dragoner folgten verdrießlich ihrem Officiere, der während des Heimritts über die Maaßregeln nachsann, die in einer solchen Verlegenheit einzuschlagen seyn dürften. Die ganze Abteilung langte in der Dämmerung vor dem Gebäude an, an dessen Thüre eine große Anzahl von Officieren und Soldaten versammelt war, um gegenseitig die übertriebensten Berichte von dem Entkommen des Spions preis zu geben oder mit anzuhören. Die beschämten Dragoner theilten ihre unangenehmen Nachrichten in der ärgerlichen Weise getäuschter Menschen mit, und die meisten Officiere versammelten sich um Mason, um die Schritte, welche in der Sache gethan werden mußten, zu besprechen. Miß Peyton und Franciska standen athemlos an dem Kammerfenster über den Häuptern der Rathschlagenden, und waren unbemerkte Zeugen aller ihrer Verhandlungen.

»Etwas muß geschehen, und zwar schleunig,« bemerkte der Commandant des vor dem Hause lagernden Regiments; »dieser englische Officier ist ohne Zweifel ein Werkzeug bei dem Hauptstreiche, den der Feind kürzlich auf uns zu führen beabsichtigte; außerdem steht bei seiner Flucht unsere Ehre auf dem Spiel.«

»Laßt uns die Wälder durchsuchen,« riefen mehrere zugleich; »und morgen haben wir beide wieder.«

»Gemach, gemach, meine Herren,« entgegnete der Obrist: »es ist unmöglich, während der Dunkelheit in diesen Bergen fortzukommen, wenn man nicht die gangbaren Pfade kennt. Nur die Reiterei kann bei dieser Sache Dienste thun, und ich vermuthe, Lieutenant Mason wird Anstand nehmen, ohne den Befehl seines Majors auszurücken.«

»Allerdings dürfte ich das nicht wagen,« erwiederte der Dragonerofficier mit ernstem Kopfschütteln, »wenn nicht Sie die Verantwortlichkeit auf sich nehmen. Aber Major Dunwoodie kömmt in zwei Stunden zurück, und wir können die Nachricht noch vor Tagesanbruch durch das Gebirg verbreiten. Wenn man zwischen den beiden Flüssen Patrouillen streifen läßt und dem Landvolk eine Belohnung verspricht, so können sie unmöglich entkommen, es müßte ihnen denn gelingen, die Abtheilung zu erreichen, welche dem Vernehmen nach sich an dem Hudson befindet.«

»Ein sehr annehmbarer Vorschlag,« rief der Obrist, »der sicher gelingen wird. Schicken Sie aber einen Boten an Dunwoodie, damit er sich nicht an der Fähre aushalte, bis es zu spät ist, obschon ich vermuthe, daß diese Ausreißer die Nacht über in den Bergen liegen bleiben werden.«

Mason ließ sich diesen Vorschlag gefallen, und sandte einen Courier mit der wichtigen Meldung von Heinrichs Flucht an Dunwoodie, indem er ihm zugleich dringend die Nothwendigkeit seiner Gegenwart vorstellte, um die Verfolgungsmaaßregeln zu leiten. Als dieses geschehen, trennten sich die Officiere.

Miß Peyton und ihre Nichte trauten kaum ihren Sinnen, als sie zum erstenmal die Nachricht von Capitän Wharton's Flucht vernahmen. Beide hatten sich so zuversichtlich auf den Erfolg von Dunwoodie's Verwendung verlassen, daß sie diesen Schritt ihres Verwandten für äußerst unklug hielten; aber es war nun zu spät, die Sache zu ändern. Das Gespräch der Officiere ließ ihnen die erhöhte Gefahr Heinrichs, wenn er wieder ergriffen würde, im schwärzesten Lichte erscheinen, und sie zitterten vor dem Umfang der Vorkehrungen, welche zu seiner Habhaftwerdung ergriffen werden sollten. Miß Peyton tröstete sich jedoch wieder, und suchte ihre Nichte aufzuheitern, indem sie es wahrscheinlich zu machen versuchte, daß die Flüchtlinge mit unablässigem Eifer ihren Lauf verfolgen und den neutralen Grund erreichen würden, ehe die Reiterei die Nachricht von ihrem Entkommen hinab gebracht hätte. Dunwoodie's Abwesenheit schien ihr überaus wichtig, und die arglose Dame sann ängstlich auf irgend einen Plan, der ihren Verwandten abhalten und so ihrem Neffen eine möglichst lange Frist gewinnen möchte. Franciska's Betrachtungen waren jedoch ganz anderer Art. Sie konnte nicht länger zweifeln, daß die Gestalt, welche sie auf dem Berge bemerkt, Birch gewesen sey, und fühlte sich überzeugt, daß ihr Bruder, statt zu den unten befindlichen Streitkräften der Engländer zu fliehen, die Nacht in jener geheimnißvollen Hütte zubringen würde.

Franciska und ihre Tante hielten mit einander eine lange und lebhafte Berathung, bis die gute Jungfrau, wiewohl ungerne, den Vorstellungen ihrer Nichte nachgab. Sie umarmte das Mädchen, küßte ihre kalten Wangen, und gestattete ihr unter heißen Segenswünschen, dem Zuge der Geschwisterliebe zu folgen und ihren Gang anzutreten.

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