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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 29
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Habt Ihr für Claudio keine Gegenordre?
Und muß er also morgen sterben?

Maaß für Maaß.

 

Der Gefangene brachte, nach Anhörung seines Todesurtheils, noch einige Stunden im Schooße seiner Familie zu. Herr Wharton beweinte das unglückliche Geschick seines Sohnes in hoffnungsloser Verzweiflung, und die aus ihrer Ohnmacht erwachte Franciska fühlte eine Seelenqual, gegen welche die Bitterkeit des Todes ein leichter Schmerz gewesen wäre. Miß Peyton allein bewahrte noch einen Hoffnungsstrahl oder doch so viel Geistesgegenwart, um angeben zu können, welche Schritte unter solchen Umständen wohl die geeignetsten seyn möchten. Die verhältnißmäßige Besonnenheit der guten Tante entsprang übrigens keineswegs aus einem Mangel an Theilnahme für das Schicksal ihres Neffen, sondern gründete sich auf ein gewisses unbewußtes Vertrauen zu Washington's Charakter. Er war mit ihr in der gleichen Colonie geboren und obschon ihr näherer Verkehr nur kurz gedauert hatte, da er frühzeitig in Kriegsdienste trat und sie häufig unter der Familie ihrer Schwester weilte, in der sie später für die Dauer verblieb und die Stelle der Mutter ersetzte, so kannte sie doch seine häuslichen Tugenden und wußte wohl, daß die starre Unbeugsamkeit, welche seine öffentlichen Handlungen bezeichnete, seinem Privatcharakter fremd war. Er galt in Virginien für einen beharrlichen, aber gerechten und milden Herrn, und sie fühlte einen gewissen Stolz, wenn ihre Gedanken den Landsmann mit dem Führer der Armeen, der großenteils Amerika's Geschick in seinen Händen hielt, in Verbindung brachten. Sie wußte, daß Heinrich das Verbrechen, wegen dessen er zum Tod verurtheilt wurde, nicht begangen hatte, und konnte daher in der Einfalt ihrer edeln Seele nichts von den Anwendungen und Auslegungen eines Gesetzes begreifen, welches Strafe verhängte, ohne daß das Verbrechen wirklich stattgefunden hatte. Aber ihre zuversichtlichen Hoffnungen sollten ein schleuniges Ende nehmen. Gegen Mittag rückte ein Milizenregiment aus seinen Quartieren an den Ufern des Flusses auf den Platz vor dem Hause, welches die Familie unserer Heldin bewohnte, und schlug bedächtig seine Zelte auf, zugestandenermaßen in der Absicht, bis zum kommenden Morgen hier zu bleiben, um der Hinrichtung eines englischen Spions einen feierlichen Nachdruck zu geben.

Dunwoodie war mit der Vollziehung seines Auftrags zu Ende und durch keinen Dienst mehr gehindert, zu seiner Schwadron zurückzukehren, welche ungeduldig seine Ankunft erwartete, um gegen den Feind geführt zu werden, der, wie man wußte, langsam, stromaufwärts zog, um eine Fouragierpartie im Rücken, zu decken. Er war von einer kleinen, unter Masons Führung stehenden Anzahl Dragoner aus Lawton's Zuge, deren Zeugniß zur Ueberführung des Gefangenen nöthig werden konnte, herbegleitet worden. Capitän Wharton's eigenes Geständniß hatte jedoch ein Zeugenverhör von Volkes wegen In Amerika findet die Ausübung der Gerichtsbarkeit im Namen »des guten Volkes u.s.w.« statt, da die Souveränität desselben Grundsatz ist. unnöthig gemacht. Da der Major dem Jammer von Heinrichs Verwandten ausweichen wollte, um nicht dem Einfuß desselben zu unterliegen, so verwendete er die ihm übrige Zeit zu einem Spaziergang in der Nähe der Wohnung, um seinen bangen Sorgen Luft zu machen. Er hoffte, wie Miß Peyton, einigermaßen auf Washington's Gnade; dann stiegen ihm aber wieder schreckliche, trostlose Zweifel in der Seele auf. Er kannte die Regeln des Dienstes und war mehr daran gewöhnt, den General als Befehlshaber, als in der Eigenschaft eines mitfühlenden Menschen zu betrachten. Es war erst kürzlich ein schreckliches Beispiel gegeben worden, welches den vollen Beweis lieferte, wie sehr Washington über die Schwäche erhaben war, aus Weichherzigkeit ein Menschenleben zu schonen. Wahrend er so mit raschen Schritten in dem Baumgut auf und nieder ging und bald unter quälenden Zweifeln fast erlag, bald wieder einem vorübergehenden, belebenden Hoffnungsstrahle Raum gab, näherte sich Mason, vollkommen sattelfertig ausgerüstet.

»In der Vermuthung, die neuen Nachrichten von unten seyen Ihnen außer Acht gekommen, Sir, habe ich mir die Freiheit genommen, die Mannschaft unter die Waffen treten zu lassen,« sagte der Lieutenant kaltblütig, indem er mit dem in der Scheide befindlichen Säbel die Köpfe der umherstehenden Distelstauden abhieb.

»Welche Nachrichten?« rief der Major, aus seinem Sinnen auffahrend.

»Hm, daß John Bull in West-Chester mit einem Train von Wagen ausgezogen ist, und wenn er diese gefüllt, so werden wir uns wohl durch diese verwünschten Berge zurückziehen müssen, um Fourage zu finden. Diese englischen Vielfraße sind so in York Island eingeschlossen, daß sie, wenn sie sich einmal herauswagen, selten so viel Stroh zurücklassen, um das Bett einer Yankee-Erbin mit dem nöthigen derartigen Material zu versehen.«

»Wo, sagten Sie, daß der Eilbote sie verlassen habe? Die Nachricht ist mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen.«

»Auf den Höhen über Sing-Sing,« versetzte der Lieutenant mit nicht geringer Verwunderung. »Die Straße unten sieht wie ein Heumarkt aus und alle Schweine fangen an zu lamentiren, wenn sie das Korn an ihrer Nase vorbei nach der Königsbrücke führen sehen. Georg Singleton's Ordonnanz, welche die Nachricht brachte, sagt, daß unsere Pferde Beratschlagungen hielten, ob sie nicht ohne ihre Reiter hinabgehen und sich noch einmal satt fressen sollten, da es zweifelhaft sey, ob sie je wieder einen vollen Magen kriegten. Wenn man die Bursche mit ihrem Raube frei ausgehen läßt, so werden wir nicht im Stande seyn, bis Weihnachten auch nur ein Schwein aufzutreiben, das fett genug wäre, um es in feinem Specke zu braten.«

»Bleiben Sie mir mit dem Unsinne von Singleton's Ordonnanz vom Leibe, Herr Mason,« rief Dunwoodie ungeduldig, »und lehren Sie ihn, die Befehle seiner Vorgesetzten abzuwarten.«

»Ich bitte in seinem Namen um Verzeihung, Major Dunwoodie,« erwiederte Mason. »Wir glaubten beide, es sey General Heath's Befehl, den Feind anzugreifen und ihm aufzusitzen, wo er sich immer aus seinem Nest herauswage.«

»Nicht vorlaut, Lieutenant Mason,« sagte der Major, »oder es könnte mir einfallen, Ihnen zu zeigen, daß Sie nur von mir Befehle zu empfangen haben.«

»Ich weiß es, Major Dunwoodie – ich weiß es, und ich bedaure, das Ihr Gedächtniß so schlecht ist, um sich nicht zu erinnern, wie ich nie einen Augenblick gezögert habe, denselben zu gehorchen.«

»Verzeihen Sie, Mason,« rief Dunwoodie, indem er seine beiden Hände ergriff; »ich weiß, Sie sind ein braver, folgsamer Soldat; denken Sie nicht mehr an meine üble Laune. Aber diese Angelegenheit – Hatten Sie jemals einen Freund?«

»Nein, nein,« fiel der Lieutenant ein; »vergeben Sie mir meinen gutgemeinten Diensteifer. Ich kannte die Befehle und fürchtete nur, daß meinen Vorgesetzten eine Rüge treffen könnte. Aber bleiben Sie – wenn sich Einer nur das mindeste gegen das Corps verlauten läßt, so wird jeder Säbel von selbst aus der Scheide fliegen. Außerdem geht es bei ihnen immer noch aufwärts und es ist ein langer Weg von Croton Bis zur Königsbrücke. Komme, was da will, jedenfalls werden wir ihnen auf der Ferse seyn, ehe sie wieder nach Hause kommen.«

»Ach, wäre doch der Courier wieder aus dem Hauptquartiere zurück!« rief Dunwoodie. »Diese Ungewißheit ist unerträglich.«

»Ihr Wunsch ist erfüllt,« entgegnete Mason hastig; »da kömmt er eben, und reitet, als ob er gute Botschaft bringe. Gott gebe, daß dem so ist; denn ich kann nicht sagen, daß ich einen besondern Gefallen daran habe, einen braven jungen Burschen tanzen zu sehen, ohne festen Boden zur Unterlage.«

Dunwoodie hörte sehr wenig von dieser gefühlvollen Erklärung, denn ehe Mason nur zur Hälfte damit fertig geworden war, hatte er bereits über die Verzäunung gesetzt und den Boten angehalten.

»Was für Neuigkeiten?« rief der Major, als der Soldat sein Pferd Halt machen ließ.

»Gute!« entgegnete der Reiter und gab ihm, da er bei einem so bekannten Officier, wie Major Dunwoodie, keinen Anstand nehmen zu müssen glaubte, das Papier in die Hand, indem er beifügte: »Sie können sich selbst davon überzeugen.«

Dunwoodie nahm sich keine Zeit zum Lesen, sondern flog mit der Schwungkraft des Entzückens in das Gemach des Gefangenen. Die Schildwache kannte ihn, und ließ ihn ohne Widerrede eintreten.

»Ach, Peyton!« rief Franciska, als er im Zimmer anlangte; »Sie sehen aus wie ein Bote vom Himmel! Bringen Sie die Nachricht von seiner Begnadigung?«

»Hier, Franciska – hier, Heinrich – hier, liebe Cousine Jeanette,« rief der junge Mann, als er mit zitternden Händen das Siegel erbrach – »hier ist das Schreiben an den Capitän der Wache selbst. Doch hört –«

Alle horchten in ängstlicher Erwartung; aber der Blitzstrahl vernichteter Hoffnung mußte ihren Jammer noch erhöhen, als sie die Gluth des Entzückens, welche aus des Majors Antlitz leuchtete, dem Ausdrucke des heftigsten Schreckens Platz machen sahen. Das Papier enthielt den Spruch des Kriegsgerichts, dem unten nur die einfachen Worte beigefügt waren:

»Genehmigt – Geo. Washington.«

»Er ist verloren – er ist verloren!« schrie Franciska und sank in die Arme ihrer Tante.

»Mein Sohn! mein Sohn!« schluchzte der Vater; »im Himmel ist Gnade, wenn es keine mehr auf Erden gibt. Möge Washington nie der Gnade entbehren, die er meinem unschuldigen Kinde weigert!«

»Washington!« hallte es von Dunwoodie's Lippen wieder, der in dumpfem Entsetzen um sich starrte. »Ja, es ist Washington's Unterschrift; es ist seine Hand; dieser, sein Name steht hier, um die schreckliche Vollziehung zu bestätigen.«

»Grausamer, grausamer Washington!« rief Miß Peyton, »wie sehr hat Vertrautheit mit Blutvergießen Dein Wesen verändert!«

»Schmähen Sie ihn nicht,« sagte Dunwoodie. »Hier hat der General und nicht der Mensch gehandelt; ich setze mein Leben zum Pfande, daß er den Schlag schmerzlich mitfühlt, den er führen muß.«

»Ich habe mich in ihm getäuscht,« rief Franciska. »Er ist nicht der Retter seines Landes, sondern ein kalter, schonungsloser Tyrann. O Peyton, Peyton! wie unwahr haben Sie mir seinen Charakter geschildert!«

»Stille, theure Franciska – stille, um Gottes willen; bedienen Sie sich keiner solchen Sprache. Er ist nur der Hüter des Gesetzes.«

»Du hast Recht, Dunwoodie,« sagte Heinrich, als er sich von dem Schlage, welcher so plötzlich den letzten Hoffnungsstrahl erstickt hatte, allmählich wieder erholte, und nun von seinem Stuhle aufstand, um seinem Vater Beistand zu leisten. »Ich bin am meisten bei der Sache betheiligt und schmähe ihn nicht, denn Er hat mir jede Nachsicht, welche ich fordern konnte, zu Theil werden lassen. Ich will nicht am Rande des Grabes ungerecht seyn und kann mich nicht über Washington's unbeugsame Gerechtigkeit wundern, da eure Sache erst kürzlich noch durch Verrath so schwer bedroht war. Es bleibt mir nun nichts mehr übrig, als mich auf das Geschick vorzubereiten, welches mich so bald ereilen soll. An Dich, Dunwoodie, geht meine erste Bitte.

»Nenne sie,« sagte der Major, kaum fähig zu sprechen. Heinrich wandte sich um, zeigte auf die in Thränen versunkene Gruppe und fuhr fort:

»Sey der Sohn dieses alten Mannes; sey ihm eine Stütze in seiner Schwäche und schütze ihn gegen jede Schmach,, welche ihm aus dem Brandmal, das auf mir haftet, erwachsen könnte. Er hat nicht viele Freunde unter den Gewalthabern dieses Landes; laß ihn wenigstens Deinen einflußreichen Namen darunter zählen.«

»Es sey.«

»Und dieses unschuldige, hülflose Geschöpf,« fuhr Heinrich fort, indem er auf Sara deutete, welche in stumpfer Theilnahmlosigkeit da saß – »ich hoffte, Gelegenheit zu finden, Rache für ihr Elend zu, nehmen;« – die Gluth tiefer Bewegung überflog seine Züge – »aber solche Gedanken sind vom Uebel – ich fühle, daß ich kein Recht mehr dazu habe. Unter Deiner Obhut, Peyton, wird sie Schutz und Mitgefühl finden.«

»Sie soll es,« flüsterte Dunwoodie.

»Diese gute Tante hat bereits Ansprüche an Dich, ich unterlasse es daher, sie Dir zu empfehlen; aber hier,« er nahm Franciska bei der Hand und betrachtete ihr Antlitz voll zärtlicher Liebe – »hier ist die auserlesenste Gabe von Allem. Nimm sie an Dein Herz und halte sie so theuer, als es ihre Tugend und Unschuld verdient.«

Der Major streckte hastig die Hand aus, um das köstliche Gut zu empfangen; aber Franciska schrack bei seiner Berührung zurück und verbarg ihr Gesicht an der Brust der Tante.

»Nein,, nein, nein,« flüsterte sie – »Niemand kann je einen Werth für mich haben, der zu meines Bruders Untergange die Hand bot.«

Heinrich blickte noch eine Weile voll zärtlichen Mitleids auf sie, ehe er ein Gespräch wieder ausnahm, das ihm, wie alle fühlten, so recht aus der Seele ging.

»Ich war also im Irrthum. Ich glaubte, Peyton, daß Dein Werth, Deine edle Hingebung für eine Sache, die man Dich verehren gelehrt hat. Deine Güte gegen unseren gefangenen Vater, Deine Freundschaft für mich – kurz, Dein ganzer Charakter von meiner Schwester verstanden und geschätzt werde.«

»Oh – freilich,« hauchte Franciska, indeß sie ihr Antlitz noch tiefer an dem Busen ihrer Tante begrub.

»Ich glaube, lieber Heinrich,« sagte Dunwoodie, »dieser Punkt wäre im gegenwärtigen Augenblick besser unberührt geblieben.«

»Du vergißt,« erwiederte der Gefangene mit einem matten Lächeln, »wie viel ich noch zu thun habe, und wie wenig Zeit mir dazu gelassen ist.«

»Ich fürchte,« fuhr der Major erröthend fort, »daß Miß Wharton einige Ansichten über mich gewonnen hat, welche ihr die Erfüllung Deiner Bitte beschwerlich machen könnten – Ansichten, die sich wohl nicht mehr ändern lassen.«

»Nein, nein, nein,« rief Franciska rasch; »Sie sind gerechtfertigt, Peyton – die letzten Worte der Sterbenden haben alle meine Zweifel beseitigt.«

»Edle Isabella!« sprach Dunwoodie leise; »demungeachtet, Heinrich – schone jetzt Deiner Schwester, ja, schone auch meiner.«

»Ich muß zu meiner eigenen Beruhigung sprechen,« erwiederte der Bruder, indem er Franciska sanft aus den Armen ihrer Tante nahm. »In einer Zeit, wie diese, kann ich nicht zwei so liebenswürdige Wesen ohne Beschützer lassen. Ihre Wohnung ist zerstört und der Kummer wird sie bald –« er blickte auf seinen Vater – »ihres letzten Freundes berauben. Kann ich ruhig sterben, wenn ich an die Gefahren denke, welchen sie ausgesetzt werden?«

»An mich denkst Du nicht?« sagte Miß Peyton, welche bei dem Gedanken, in einem solchen Augenblicke eine Hochzeit zu feiern, zurückschauderte.

»Nein, meine liebe Tante, ich denke wohl an Dich, bis es bei mir mit aller Erinnerung aus seyn wird; aber Du denkst nicht an das Gefahrvolle solcher Zeitumstände. Die gute Frau, welche hier im Hause wohnt, hat bereits einen Boten nach einem Mann Gottes fortgeschickt, um mir den Hingang in eine andere Welt zu erleichtern. – Franziska, wenn Du mich im Frieden sterben sehen willst, wenn Du wünschest, daß ich mich beruhigt fühlen und alle meine Gedanken auf das Jenseits richten könne, so laß jenen Priester Dich mit Dunwoodie verbinden.«

Franciska schüttelte den Kopf und schwieg.

»Ich verlange keine Freude – keine Aeußerungen von Glück, das Du nicht fühlst und nicht fühlen kannst, ehe Monate verflossen sind; aber erwirb Dir ein Recht auf seinen einflußreichen Namen – gib ihm einen unbestrittenen Anspruch auf Deinen Schutz –«

Das Mädchen gab auf's neue ein nachdrückliches Zeichen der Verneinung.

»Um dieser ihrer Vernunft beraubten Leidenden willen –« er deutete auf Sara – »um Deinetwillen – um meinetwillen – Meine Schwester –«

»O, stille, Heinrich, oder Du wirst mir das Herz brechen,« rief das bewegte Mädchen; »nicht um alle Welten könnte ich in einem solchen Augenblicke die feierlichen Gelübde ablegen, welche Du von mir verlangst. Es würde mich für mein ganzes Leben elend machen.«

»Du liebst ihn nicht,« sagte Heinrich vorwurfsvoll. »Ich will Dich nicht weiter zu einem Schritte drängen, welchem Deine Neigungen entgegenstehen.«

Franciska erhob die eine Hand, um ihr Antlitz zu verbergen und sagte, indem sie die andere gegen Dunwoodie ausstreckte, mit Ernst:

»Du bist jetzt ungerecht gegen mich – vorhin warst Du es gegen Dich selber.«

»So versprich mir,« sagte Wharton nach einer Weile schweigenden Nachsinnens, »daß Du, sobald die Erinnerungen an mein Schicksal milder geworden sind, meinem Freunde diese Hand durch's Leben reichen willst, und ich bin zufrieden.«

»Ich verspreche es,« sagte Franciska, ihre Hand aus Dunwoodie's zurückziehend, was letzterer schonungsvoll geschehen ließ, sogar ohne sie an die Lippen gedrückt zu haben.

»Nun denn, meine gute Tante,« fuhr Heinrich fort, »willst Du mich jetzt eine kleine Weile mit meinem Freunde allein lassen? Ich habe ihm noch einige traurige Aufträge anzuvertrauen und möchte Dir und meiner Schwester den Schmerz ersparen, sie mit anzuhören.«

»Die Zeit reicht immer noch zu, Washington noch einmal aufzusuchen,« sagte Miß Peyton, indem sie sich gegen die Thüre bewegte und dann mit hoher Würde zu sprechen fortfuhr: »Ich will selbst zu ihm gehen. Sicherlich muß er eine Frau aus seiner eigenen Colonie anhören! – auch sind wir ein wenig mit seiner Familie verwandt.«

»Warum wollen wir nicht zu Herrn Harper unsere Zuflucht nehmen?« sagte Franciska, indem sie sich jetzt zum erstenmal der Abschiedsworte ihres Gastes wieder erinnerte.

»Harper?« wiederholte Dunwoodie und wandte sich mit Blitzesschnelle zu ihr; »was ist mit ihm? Kennen Sie ihn?«

»Es ist eine eitle Hoffnung,« sagte Heinrich, ihn bei Seite ziehend; »Franciska umfaßt jeden, auch den leichtesten Lichtstrahl mit der Zärtlichkeit einer Schwester. Gehe jetzt, meine Liebe, und laß mich bei meinem Freunde allein.«

Aber Franciska las einen Ausdruck in Dunwoodie's Auge, welcher sie an die Stelle fesselte. Nach einem kurzen Kampfe mit ihren Gefühlen fuhr sie fort:

»Er hat sich zwei Tage unter unserem Dache aufgehalten – er war bei uns, ehe Heinrich verhaftet wurde.«

»Und – und – kanntet ihr ihn?«

»Nein,« versetzte Franciska und haschte nach Luft, als sie den ungemeinen Antheil bemerkte, welchen ihr Geliebter an diesem Umstände nahm; »wir kannten ihn nicht; er kam des Nachts als ein Fremder zu uns und blieb, so lange die Wuth des Sturmes anhielt. Aber er schien an Heinrich Antheil zu nehmen, und versprach ihm seine Freundschaft.«

»Was?« rief der Jüngling erstaunt; »kannte er denn Ihren Bruder?«

»Gewiß; – durch seine Veranlassung geschah es, daß Heinrich seine Verkleidung ablegte.«

»Aber,« entgegnete Dunwoodie, und die Ungewißheit bleichte seine Züge, »er kannte ihn nicht als einen Officier aus der königlichen Armee.«

»Freilich kannte er ihn als solchen,« rief Miß Peyton, »und hieß ihn eben deßwegen vorsichtig seyn.«

Dunwoodie nahm das verhängnißvolle Papier wieder zur Hand, das noch immer an der Stelle lag, wo es ihm entfallen war, und betrachtete die Schriftzüge auf's genaueste. Es schien ihm etwas die Sinne zu verwirren. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, während aller Augen in ängstlichem Zweifel auf ihn gerichtet waren. Sie scheuten sich jedoch, der Hoffnung auf's neue Raum zu geben, da sie schon einmal so schrecklich getäuscht worden waren.

»Was sagte er? Was versprach er?« fragte endlich Dunwoodie mit fieberischer Ungeduld.

»Er bot Heinrich für den Fall der Noth seinen Beistand an, und versprach, die Gastfreundlichkeit des Vaters an dem Sohne zu vergelten.«

»Sagte er das, als er bereits wußte, daß Heinrich ein brittischer Officier sey?«

»Freilich; es geschah gerade mit Hinweisung auf diese Gefahr.«

»Daun,« rief der Major laut, indem er seinem Entzücken Raum gab; »dann seyd ihr geborgen, – dann will ich ihn retten; ja, Harper wird nie sein Versprechen vergessen.«

»Aber hat er auch die Macht dazu?« sagte Franciska; »wird es ihm gelingen, Washington's unbeugsames Herz zu rühren?«

»Ob er es kann?« rief der Jüngling; »wenn er's nicht kann, – ha, wenn er's nicht kann, wer sollte es sonst können? – Greene und Heath und der junge Hamilton sind nichts gegen diesen Harper. Aber« – er eilte auf Franciska zu und drückte ihre Hand krampfhaft – »wiederholen Sie es mir – Sie sagen, Sie hätten sein Versprechen?«

»Gewiß, gewiß, Peyton; – sein feierliches, wohl überlegtes Versprechen, nachdem er von allen Umständen Kunde hatte.«

»So dürft Ihr ruhig seyn,« entgegnete Dunwoodie freudig, indem er die Geliebte einen Augenblick an die Brust drückte. »Ihr könnt ruhig seyn, denn Heinrich ist gerettet.«

Er hielt sich nicht mit weiteren Erklärungen auf, sondern stürzte aus dem Zimmer und ließ die Familie in stummer Verwunderung zurück. Bald vernahmen sie die Huftritte seines Rosses, während er mit der Schnelligkeit eines Pfeiles fortjagte.

Eine geraume Zeit nach der plötzlichen Abreise des jungen Mannes unterhielt sich die geängstigte Familie über die Wahrscheinlichkeit seines Erfolges. Die Zuversicht, mit welcher Dunwoodie gesprochen, hatte auch seine Zuhörer einigermaßen mit gleichem Vertrauen beseelt. Jedes fühlte, daß Heinrichs Aussichten wieder etwas heller wurden, und mit der zurückkehrenden Hoffnung erwachte auch neuer Lebensmuth, der sich Bei Allen, mit Ausnahme Heinrichs, bis zur Freude steigerte. Freilich war auch die Lage des Letzteren zu schrecklich, um auf eine so unsichere Zusage zu bauen, und erst vor wenigen Stunden hatte er empfinden müssen, um wie viel schmerzlicher die Ungewißheit ist, als eine bestimmte Entscheidung des herbsten Geschickes. Bei Franciska war es anders. Mit allem Vertrauen der Liebe lebte sie der getrosten Ueberzeugung, welche ihr Dunwoodie's Versicherung einflößte, ohne sich selbst mit Zweifeln zu ängstigen, zu deren Beseitigung sie keine Mittel besaß. Sie hielt ihren Geliebten für fähig, Alles zu vollführen, was in menschlichen Kräften lag, rief sich jedes Wort, das Harper ausgesprochen hatte, jeden Zug seines wohlwollenden Gesichtes in's Gedächtniß zurück und überließ sich der ganzen Glückseligkeit neu erwachter Hoffnung.

Miß Peyton's Freude war besonnener; auch nahm sie häufig die Gelegenheit wahr, es ihrer Nichte zu verweisen, daß sie sich einer so schwindelnden Freude hingäbe, ehe sie die Gewißheit der Verwirklichung ihrer Erwartungen besitze. Aber das leichte Lächeln, das die Lippen dieser Dame umschwebte, widersprach gar sehr der von ihr empfohlenen Nüchternheit der Gefühle.

»Ei, liebe Tante,« erwiederte Franciska scherzend auf einen ihrer häufigen Verweise, »willst Du, daß ich die Freude über Heinrichs Rettung unterdrücken soll, da Du es doch selbst so oft für unmöglich erklärt hast, daß die Männer, welche in unserem Vaterlande Macht haben, einen unschuldigen Menschen opfern könnten?«

»Ja, ich hielt es für unmöglich, mein Kind, und denke auch noch so. Aber man muß den Ausdruck der Freude, wie den des Kummers zu mäßigen wissen.«

Franciska dachte an die Worte Isabellens und wandte sich mit Thränen des Dankes im Auge zu ihrer trefflichen Tante.

»Du hast Recht,« erwiederte sie; »aber es gibt Gefühle, über die die Vernunft nichts vermag. Ach, dort sind die Ungeheuer, welche gekommen sind, um Zeugen von dem Tode eines ihrer Mitmenschen zu seyn. Da marschiren sie auf dem Felde hin, als ob das Leben nichts als ein militärisches Schauspiel sey.«

»Es hat auch für die Miethlinge keine viel höhere Bedeutung,« sagte Heinrich, indem er seine Lage zu vergessen suchte.

»Du siehst darauf hin, meine Liebe, als ob Du einem solchen militärischen Schauspiele doch einiges Interesse abgewinnen könntest,« sagte Miß Peyton, als sie bemerkte, daß ihre Nichte mit fester und gespannter Aufmerksamkeit aus dem Fenster blickte. Aber Franciska gab keine Antwort.

Man konnte von dem Fenster, wo sie stand, den Engpaß, den sie bei ihrer Reise durch das Hochland zurückgelegt hatten, leicht erkennen, und gerade vor ihren Augen lag der Berg, auf dessen Gipfel sich die geheimnißvolle Hütte befand. Er war an der Seite zackig und unfruchtbar, und ungeheure, dem Anscheine nach unzugängliche Felsenblöcke zeigten sich zwischen den verkümmerten, entblätterten Eichen, welche zerstreut auf der Oberfläche wuchsen. Der Fuß des Berges lag kaum eine halbe Meile von der Wohnung entfernt, und der Gegenstand, welcher Franciska's Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war eine Männergestalt, welche hinter einem Felsen von auffallender Form hervorkam und plötzlich wieder verschwand. Diese Bewegung wurde mehrere Male wiederholt, als ob der Flüchtling, denn ein solcher schien er dem Aeußeren nach zu seyn, beabsichtige, die Bewegungen der Soldaten auszukundschaften und sich über den Stand der Dinge auf der Ebene Gewißheit zu verschaffen. Ungeachtet der Entfernung kam Franciska augenblicklich auf die Meinung, daß es Birch sey. Vielleicht entsprang dieser Eindruck theilweise aus der Gestalt und dem Aeußern des Mannes, noch mehr aber trug der Gedanke dazu bei, daß sie diesen Gegenstand schon früher auf der Spitze des Berges erblickt habe. Sie hielt sich für überzeugt, daß es die nämliche Gestalt sey, obgleich der gegenwärtigen Erscheinung etwas fehlte, was sie in den früheren, für den Pack des Hausirers genommen hatte. Harvey war in ihrer Phantasie so sehr mit den geheimnißvollen Auftreten Harper's verknüpft, daß sie unter Umständen von geringerer Bedeutung als die, welche sie seit ihrer Ankunft bedrängten, ihren Verdacht für sich behalten haben würde. Franciska saß nun in schweigendem Nachdenken über diese zweite Erscheinung da, und mühte sich, dem Faden der Verbindung nachzuspüren, welche möglicherweise zwischen diesem außerordentlichen Manne und dem Glücke ihrer eigenen Familie bestehen mochte. Er hatte augenscheinlich Sara gegen den Vollzug einer Unthat geschützt, deren Opfer sie bereits theilweise geworden war, und nie hatte er sich feindlich gegen die Interessen ihres Hauses bewiesen.

Nachdem sie so geraume Zeit in der vergeblichen Erwartung, die Gestalt werde wieder erscheinen, auf den Punkt geblickt hatte, wo sie ihrer zuletzt ansichtig geworden war, wandte sie sich wieder zu den Ihrigen im Zimmer. Miß Peyton saß bei Sara, welche jetzt wieder einige leichte Zeichen – gleich als bemerke sie, was um sie vorging – von sich gab, obgleich ihre Theilnahmlosigkeit an Freude oder Schmerz fortdauerte.

»Es scheint mir, meine Liebe, Du hast Dich diese Zeit über mit den Manövern eines Regiments recht vertraut gemacht,« sagte Miß Peyton. »jedenfalls keine üble Neigung für das Weib eines Soldaten.«

»Ich bin noch nicht das Weib eines solchen,« sagte Franciska, bis zur Stirne erröthend, »und wir haben wenig Grund, eine zweite Hochzeit in unserer Familie zu wünschen.«

»Franciska!« rief ihr Bruder, indem er von seinem Sitze aufsprang und in heftiger Aufregung im Zimmer auf und abging, »ich bitte Dich, berühre diese Saite nicht wieder. So lange mein Schicksal noch auf der Wage schwebt, möchte ich Friede haben mit allen Menschen.«

»Nun, dieses Schweben hat ein Ende,« rief Franciska gegen die Thüre eilend; »da kommt Peyton mit der Freudenpost Deiner Begnadigung.«

Sie hatte kaum ausgesprochen, als die Thüre aufging und der Major hereintrat. Sein Aeußeres verkündete weder einen günstigen noch einen ungünstigen Erfolg, wohl aber trug es das entschiedene Gepräge des Verdrusses. Er nahm die Hand, welche Franciska in der Ueberfülle ihres Herzens gegen ihn ausstreckte, ließ sie aber schnell wieder fahren, und warf sich in sichtlicher Ermüdung auf einen Stuhl.

»Es ist Dir nicht gelungen,« sagte Wharton mit klopfendem Herzen, obwohl mit anscheinender Fassung.

»Haben Sie Harper getroffen?« rief Franciska leichenblaß.

»Nein; während ich in einem Nachen über den Fluß setzte, muß er in einem andern auf diese Seite herübergefahren seyn. Ich kehrte ohne Verzug um und verfolgte seine Spur mehrere Meilen weit in's Hochland; aber am westlichen Passe habe ich sie auf eine unerklärliche Weise verloren. Ich komme nun wieder zu euch, um euch zu beruhigen; jedenfalls werde ich ihn diese Nacht sehen und für Heinrich Frist erlangen.«

»Haben Sie Washington gesehen?« fragte Miß Peyton.

Dunwoodie blickte sie einen Augenblick mit zerstreuten Sinnen an und erwiederte mit einiger Zurückhaltung:

»Der Obergeneral hat das Hauptquartier verlassen.«

»Aber Peyton,« rief Franciska mit wiederkehrendem Schrecken, »wenn sie einander nicht träfen, so wird's zu spät. Harper wird allein nichts thun können.«

Dunwoodie wandte den Blick langsam nach ihrem Antlitz und weilte einen Augenblick auf ihren ängstlichen Zügen; dann fuhr er, noch immer in Gedanken, fort:

»Sie sagen, daß er Heinrich seinen Beistand versprochen hat?«

»Gewiß, – und zwar ganz aus eigenem Antrieb, als Vergeltung der ihm zu Theil gewordenen Gastfreundlichkeit.«

Dunwoodie schüttelte den Kopf und wurde ernster.

»Das Wort ›Gastfreundlichkeit‹ gefällt mir nicht – es hat einen gar leeren Klang. Es muß ein besserer Grund vorhanden seyn, um Harper zu binden, und ich fürchte ein Mißverständniß. Erzählen Sie mir doch den ganzen Vorgang noch einmal.«

Franciska entsprach dieser Aufforderung mit ängstlicher Hast. Sie erzählte umständlich, wie er in den Locusten ankam, wie er aufgenommen wurde, und was sich weiter begab, wobei sie so sehr in's Einzelne ging, als es ihr Gedächtniß irgend gestattete. Als sie auf das Gespräch anspielte, welches zwischen ihrem Vater und dem Gaste stattgefunden, lächelte der Major, ohne jedoch sein Schweigen zu unterbrechen. Sie gab dann die näheren Umstände von Heinrichs Ankunft und von den Ereignissen des folgenden Tages. Am längsten verweilte sie bei dem Auftritte, wo er ihrem Bruder rieth, die Verkleidung abzulegen, und wiederholte mit bewunderungswürdiger Genauigkeit seine Bemerkungen über das Gefahrvolle des Schrittes, welchen er gewagt hatte. Auch erwähnte sie der merkwürdigen Aeußerung, welche er gegen Heinrich fallen ließ, nämlich: »daß Harper's Wissen um diesen Besuch ihren Bruder sicherer stelle, als er es ohne dasselbe seyn würde.« Dann sprach Franciska mit der Wärme jugendlicher Bewunderung von seinem wohlwollenden Benehmen gegen sie und führte umständlich die Abschiedsworte auf, welche er an die ganze Familie gerichtet hatte.

Dunwoodie hörte ihr im Anfange mit ernster Aufmerksamkeit und im Verlaufe mit großer Befriedigung zu. Als sie von sich selbst in Beziehung auf den Gast sprach, lächelte er heiter, und als sie schloß, rief er mit Entzücken aus:

»Wir sind geborgen! wir sind geborgen!«

Aber er wurde unterbrochen, wie wir in dem nächsten Kapitel sehen werden.

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