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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 28
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Gestählt von Kriegesmüh' sind diese Glieder,
Und nimmer hat die Wange Furcht gebleicht;
Doch deine Schreckensmähr' entnervt mein Inn'res,
Schlägt mir auf einmal alle Mannheit nieder.
Glut ringt in mir mit kaltem Fieberschauer,
Und Thränen kind'scher Sorgen feuchten mir
Die Furchen, alter Wunden harsche Male.

Duo.

 

Heinrich Wharton's Freunde hatten sich so sehr auf seine Unschuld verlassen, daß sie unfähig waren, die ganze Gefahr seiner Lage einzusehen. Als jedoch der Augenblick der Gerichtssitzung herannahete, nahmen selbst die Besorgnisse des jungen Mannes zu, und nachdem er den größten Theil der Nacht mit seiner bekümmerten Familie zugebracht hatte, erwachte er am folgenden Morgen aus einem kurzen und unruhigen Schlummer zu einem deutlicheren Bewußtseyn seiner Lage und zum Ueberblick der Mittel, welche ihm zu Gebote stehen mochten, um sein Leben zu retten. Die Hinrichtung Andre's hatte wegen seines Ranges, der Wichtigkeit der von ihm angesponnenen Ränke und der kräftigen Verwendung, welche zu seinen Gunsten eingelegt wurde, ein größeres Aufsehen erregt, als bei ähnlichen Ereignissen des Krieges gewöhnlich seyn mochte. Es war jedoch Dunwoodie und dem Gefangenen nicht unbekannt, daß häufig Spione aufgegriffen wurden, gegen welche in unzähligen Fällen ein summarisches Verfahren und schneller Vollzug der Strafe eingeleitet wurde, weßhalb beide, solchen Vorgängen zu Folge, wenig Tröstliches in den Vorbereitungen zum Kriegsgerichte fanden. Demungeachtet aber gelang es ihnen, den ganzen Umfang ihrer Besorgnisse vor Miß Pepton und Franciska zu verbergen. In dem Außengebäude, des Maierhauses, in welchem sich der Gefangene befand, lag ein starker Posten und mehrere Schildwachen bewachten die Zugänge zu der Wohnung. Eine weitere Wache stand vor dem Zimmer des britischen Officiers. Auch war bereits der Gerichtshof zusammengetreten, welcher die Umstände zu untersuchen hatte und aus dessen Entscheidung Heinrich's Schicksal beruhte.

Endlich kam der entscheidende Augenblick. Die bei der Untersuchung betheiligten Personen waren versammelt. Franciska überwältigte ein erstickendes Gefühl, als sie ihren Sitz in der Mitte der Familie einnahm und ihre Augen über die Gruppe der Anwesenden gleiten ließ. Die Richter, drei an der Zahl, saßen in ihre Uniformen gekleidet, neben einander und beobachteten einen Ernst, wie er der gegenwärtigen Gelegenheit und ihres Ranges würdig war. Der mittlere war ein in den Jahren schon vorgerückter Mann, dessen ganzes Aeußere bas Gepräge eines frühe begonnenen und thatenreichen kriegerischen Lebens kund gab. Er war der Präsident des, Gerichts und Franciska heftete nach einer schnellen und unbefriedigten Musterung seiner Kollegen ihre Blicke auf seine wohlwollenden Züge, welche ihr als die Vorboten der Begnadigung ihres Bruders erschienen. In dem Gesichte des Veteranen lag ein einnehmender, leidenschaftsloser Ausdruck, welcher das Mädchen, im Gegensatz zu der strengen Würde und Ruhe der Andern, auf's lebhafteste ansprach. Seine Haare waren soldatisch in die Höhe gestrichen und seine Kleidung stand ganz im Einklang mit den Regeln des Dienstes, welchen er zu üben hatte; aber seine Finger spielten mit einer Art krampfhafter und unwillkührlicher Bewegung mit dem Portepee seines Säbels, welcher ihm theilweise als Lehne diente und der, wie der Mann selber, ein Ueberbleibsel aus älteren Zeiten zu seyn schien. Die Bewegung seines Innern war nicht zu verkennen, obgleich der militärische Anstand, welchen er an den Tag legte, dem Ausdrucke des Mitleids in seinen Zügen eine ehrfurchtgebietende Würde beimischte. Die beiden andern Richter waren Officiere aus den östlichen Truppen, welche die Festungen der westlichen Spitze und die anliegenden Gebirgspässe besetzt hielten. Es waren Männer im Mittage des Lebens, bei welchen das Auge vergeblich den Ausdruck irgend einer Leidenschaft oder Gemütsbewegung suchte, die man als Merkmale menschlicher Schwäche hätte betrachten können. Ihr Aeußeres trug den Stempel einer zwar milden, aber ernsten und umsichtigen Zurückhaltung, fern von aller zurückschreckenden Härte, obgleich es nicht geeignet war, Hoffnungen und Mitgefühle zu ermuthigen. Kurz, es waren Männer, in welchen sich nur der kalte berechnende Verstand aussprach, dessen Urtheil sie alle ihre Gefühle zu unterwerfen gelernt hatten.

Vor diese Schiedsrichter seines Schicksals wurde Heinrich unter Bedeckung bewaffneter Soldaten geführt. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille folgte seinem Eintritte, und Franciska's Blut erstarrte, als sie den ernsten Charakter des ganzen Verfahrens bemerkte. In den Vorbereitungen war nur wenig Gepränge, welches auf ihre Phantasie Eindruck machen konnte, aber das Zurückhaltende und Methodische der ganzen Scene zeigte in der That an, daß der Zweck derselben ein Spruch über Leben und Tod sey. Zwei von den Richtern saßen in ruhigem Ernste da und hefteten forschende Blicke auf den Gegenstand ihrer Untersuchung, indeß ein krampfhaftes Muskelspiel in den Gesichtszügen des Präsidenten eine Unruhe zu erkennen gab, welche wenig für seine Jahre und das gegenwärtige Geschäft zu passen schien. Es war Obrist Singleton, der erst Tags zuvor Isabellen's Schicksal erfahren hatte, demungeachtet aber jetzt im Begriffe stand, ein Amt zu vollziehen, dessen Ausübung das Vaterland von ihm forderte. Das Schweigen und die Erwartung in Aller Augen rief ihm endlich den Zweck der gegenwärtigen Verhandlung in's Gedächtniß, und er begann in dem Tone eines Mannes, der zu befehlen gewöhnt ist:

»Bringt den Gefangenen hervor!«

Die Schildwachen senkten die Spitzen ihrer Bajonete gegen die Richter, und Heinrich Wharton trat mit festen Tritten in die Mitte des Zimmers. Alles stand jetzt in ängstlicher Erwartung. Franciska wandte sich einen Augenblick in dankbarer Bewegung ab, als ihr das tiefe und beklommene Athmen Dunwoodie's an's Ohr schlug, dann aber sammelten sich alle ihre Gefühle in dem einen – der zärtlichsten Bekümmerniß um ihren Bruder. Im Hintergrunde standen die Glieder der Familie, welcher das Haus, wo Gericht gehalten wurde, angehörte, und hinter diesen befand sich eine Reihe wie Ebenholz glänzender Gesichter, die von vergnügter Verwunderung strahlten. Unter den letzteren konnte man auch die verwitterten Züge Cäsar Thompsons erkennen.

»Ihrer Angabe nach,« fuhr der Präsident fort, »sind Sie Heinrich Wharton, Capitän im sechzigsten Infanterie-Regiment Seiner Majestät des Königs von England?«

»Ja.«

»Ihre Offenheit gefällt mir, Sir; sie ist ein Beweis von dem Ehrgefühle eines Soldaten und wird nicht verfehlen, auf Ihre Richter einen günstigen Eindruck zu machen.«

»Es dürfte am Orte seyn,« sagte einer der Beisitzer, »dem Gefangenen kund zu thun, daß er nicht verbunden ist, mehr zu antworten, als ihm nöthig dünkt. Obgleich wir hier zu einem Kriegsgericht versammelt sind, so folgen wir doch in diesem Betracht den Grundsätzen aller freien Regierungen.«

Ein beifälliges Nicken von Seiten des schweigenden Mitglieds bekräftigte diese Bemerkung, und der Präsident ging umsichtig in der Untersuchung weiter, wobei er die schriftlichen Angaben, welche er bei Händen hatte, zu Rathe zog.

»Es liegt gegen Sie die Klage vor, daß Sie, ein feindlicher Officier, am 29. Oktober in einer Verkleidung die Vorposten der Amerikanischen Armee in den Weißen Ebenen passirt hätten, wodurch sie sich feindseliger Absichten gegen das Interesse Amerika's verdächtig gemacht und der Strafe eines Spions ausgesetzt haben.«

Der Sprecher hatte das Wesentliche der Anklage in sanftem, aber festem und würdevollem Tone vorgetragen. Die Beschuldigung war so einfach, der Thatbestand so bestimmt, der Beweis so augenfällig und die Strafe lag so sehr in der Natur der Sache, daß eine Rettung unmöglich, schien. Heinrich aber erwiederte mit ernstem Anstand:

»Es ist allerdings wahr, daß ich in einer Verkleidung an Euren Vorposten vorbei kam? aber –«

»Halt!« fiel der Präsident ein; »die Gesetze des Krieges sind schon an sich streng genug; Sie haben nicht nöthig, denselben zu Ihrer Verurtheilung noch Vorschub zu leisten.«

»Der Gefangene kann seine Erklärung zurücknehmen, wenn er will,« bemerkte ein anderer Richter. »Nur wenn er an seinem Bekenntnisse festhält, kann es als voller Beweis seiner Schuld gelten.«

»Ich nehme nichts zurück, was wahr ist,« versetzte Heinrich mit Stolz.

Die zwei ungenannten Richter hörten ihm mit ruhigem Schweigen zu und keine Spur von Freude mischte sich in den Ernst ihrer Züge. Der Präsident schien jedoch neuen Antheil an dem Auftritte zu nehmen.

»Ihre Gesinnung ist edel, Sir,« sagte er; »ich beklage nur, daß ein so junger Krieger sich durch die Anhänglichkeit an seinen König so weit irre leiten ließ, um zu Zwecken des Betrugs die Hand zu bieten.«

»Des Betrugs?« wiederholte Wharton; »ich hielt es für angemessen, mich auf diese Weise vorzusehen, um nicht in die Hände der Feinde zu fallen.«

»Ein Soldat, Capitän Wharton, soll dem Feind nie anders, als, offen und mit den Waffen in der Hand begegnen. Ich habe, zwei Königen von England gedient, wie ich jetzt meinem Vaterlande diene, aber nie näherte ich mich dem Feinde anders, als in dem Lichte der Sonne und mit der offenen Ankündigung, daß ein Feind da sey.«

»Sie haben die Freiheit, Ihre Gründe anzugeben, warum Sie das von unserer Armee besetzte Gebiet in Verkleidung betraten,« sagte der andere Richter mit einem leichten Zucken der Lippen.

»Ich bin der Sohn des alten Mannes, der hier vor Ihnen steht,« fuhr Heinrich fort. »Ihn zu besuchen, habe ich mich in Gefahr begeben. Außerdem stehen Eure Truppen selten so weit unten, und der Name, welchen dieses Terrain trägt, spricht schon das Recht für beide Parteien aus, sich nach Belieben auf demselben zu bewegen.«

»Die Benennung ›neutraler Bodens‹ ist durch kein Gesetz anerkannt und hat ihren Grund in der Lage des Landes. Aber eine Armee bringt ihre Rechte mit, wo sie immer hin kömmt, und das erste ist das des eigenen Schutzes.«

»Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir;« erwiederte der Jüngling, »aber ich fühle, daß mein Vater Ansprüche an meine Liebe hat, und ich würde mich noch größeren Gefahren unterziehen, sie ihm in seinen alten Tagen zu beweisen.«

»Eine sehr achtbare Gesinnung,« rief der Veteran. »Meine Herren, die Sache gewinnt ein besseres Licht. Ich gestehe, sie sah im Anfang schlimm aus; aber Niemand kann ihn tadeln, wenn er seinen Vater zu sehen wünschte.«

»Können Sie beweisen, daß dieß Ihre einzige Absicht war?«

»Ja – hier,« sagte Heinrich, dem nun ein Strahl der Hoffnung auftauchte – »hier ist der Beweis – mein Vater, meine Schwester, Major Dunwoodie – Alle wissen es.«

»Dann in der That,« versetzte sein unbeweglicher Richter, »sind wir vielleicht im Stande, Sie zu retten. Es möchte wohl gut seyn, Sir, in dem Verhöre fortzufahren.«

»Gewiß,« sagte der Präsident mit Lebhaftigkeit. »Der ältere Herr Wharton mag vortreten und sich den Eid abnehmen lassen.«

Der Vater nahm sich mit Gewalt zusammen, wankte vorwärts und that den nöthigen Formalitäten des Gerichts Genüge.

»Sie sind der Vater des Gefangenen?« fragte Obrist Singleton mit gedämpfter Stimme, nachdem er aus Rücksicht für die Aufregung des Zeugen eine Weile inne gehalten hatte.

»Er ist mein einziger Sohn.«

»Und was wissen Sie von seinem Besuche in Ihrer Wohnung am verwichenen 29. Oktober?«

»Er kam, wie er Ihnen bereits sagte, um mich und seine Schwestern wieder zu sehen.«

»Geschah, das in einer Verkleidung?« fragte der andere Richter.

»Er trug nicht die Uniform seines Regiments.«

»Er wollte auch seine Schwestern sehen?« sagte der Präsident in großer Bewegung: »haben Sie Töchter, Sir?«

»Ich habe zwei – beide sind in diesem Hause.«

»Trug er eine Perücke?« fiel der Officier ein.

»Er hatte, glaube ich, etwas der Art auf dem Kopfe.«

»Und wie lange ist er von Ihnen getrennt gewesen?« fragte der Präsident.

»Ein Jahr und zwei Monate.«

»Trug er einen weiten großen Ueberrock von grobem Zeug?« fragte der Officier, indem er in das Papier blickte, welches die Anklagepunkte enthielt.

»Er hatte einen Ueberrock an.«

»Und Sie glauben, daß er aus keinem andern Grunde herauskam, als um Sie zu besuchen?«

»Mich und meine Töchter.«

»Ein muthiger Junge,« flüsterte der Präsident seinem schweigenden Collegen zu. »Ich sehe nichts besonders Arges in diesem Einfall; er ist zwar unbesonnen, zeugt aber von einem liebevollen Herzen.«

»Wissen Sie gewiß, daß Ihr Sohn nicht mit irgend einem Auftrag von Sir Henry Clinton kam, und daß dieser Besuch nicht zum Deckmantel anderer Pläne diente?«

»Wie kann ich das wissen?« entgegnete Herr Wharton unruhig. »Würde Sir Henry mich in einem solchen Geschäft zum Vertrauten machen?«

»Wissen Sie etwas von diesem Passe?« er zeigte dabei auf das Papier, welches Dunwoodie bei Heinrich Wharton's Verhaftung zu sich genommen hatte.

»Nichts – auf Ehre nichts!« rief der Vater, indem er vor der Schrift, als wäre sie verpestet, zurückfuhr.

»Bei Ihrem Eide?«

»Nichts.«

»Haben Sie noch andere Zeugen? Die gegenwärtige Aussage spricht nicht zu Ihren Gunsten, Capitän Wharton. Sie sind unter Umständen aufgegriffen worden, durch welche Ihr Leben verwirkt ist. Der etwaige Beweis Ihrer Unschuld lastet auf Ihnen. Nehmen Sie sich Zeit zum Nachdenken und lassen Sie sich nicht aus der Fassung bringen.«

Es lag eine fürchterliche Ruhe in dem Benehmen dieses Richters, welche den Gefangenen erbleichen machte. In dem Mitgefühle des Obristen Singleton konnte er die Gefahr leicht aus den Augen verlieren, aber die unzugängliche, gefaßte Weise der beiden Andern enthielt eine schlimme Vorbedeutung für sein Schicksal. Er schwieg und warf einen bittenden Blick auf seinen Freund. Dunwoodie verstand die Aufforderung und bot sich selbst als Zeugen an. Nachdem er beeidigt war, beeilte er sich, mitzutheilen, was er wußte. Seine Aussage änderte in dem Stand der Dinge nichts Wesentliches, und Dunwoodie fühlte auch, daß dieses nicht seyn konnte, da ihm selbst nur wenig bekannt war, und dieses Wenige eher dazu beitrug, Heinrich's Lage noch mehr zu gefährden, als sie zu verbessern. Seine Erzählung wurde ruhig angehört, und ein bedeutsames Kopfschütteln von Seite des schweigenden Mitglieds des Gerichts bekundete nur zu deutlich den Erfolg, welchen sie hervorgebracht hatte.

»Sie glauben also, daß der Gefangene keine andere, als die von ihm angegebene Absicht mit seinem Besuche verband?« sagte der Präsident, als er geendet hatte.

»Keine andere, ich bürge mit meinem Leben dafür,« rief der Major mit Feuer.

»Wollen Sie das beschwören?« fragte der unbewegliche Richter.

»Wie kann ich das? Gott allein prüft die Herzen; aber ich kenne diesen Herrn von Kindheit auf, und Betrug war stets seinem Charakter fremd. Er ist darüber erhaben.«

»Sie sagen, daß er entkam und mit den Waffen in der Hand wieder gefangen wurde?« sagte der Präsident.

»Es ist so; auch wurde er im Kampfe verwundet. Sie bemerken, daß er im gegenwärtigen Augenblick noch seinen Arm nicht recht gebrauchen kann. Würde er sich wohl in einen Kampf eingelassen haben, Sir, in welchem er wieder in unsere Hände fallen konnte, wenn er nicht ein reines Gewissen gehabt hätte?«

»Würde André wohl von einem Schlachtfeld gewichen seyn. Major Dunwoodie, wenn ihm etwas Aehnliches bei Tarry-Town begegnet wäre?« fragte der umsichtige Inquirent. »Liegt der Durst nach Ruhm nicht im Wesen der Jugend?«

»Nennen Sie das einen Ruhm?« rief der Major; – »ein schmählicher Tod und ein gebrandmarkter Name?«

»Major Dunwoodie,« entgegnete der Andere mit seinem eisernen Ernste, »Sie haben edel gehandelt. Ihre Pflicht war schwer und streng; Sie haben sich derselben treu und ehrenvoll entledigt. Wir dürfen jedoch nicht weniger thun.«

Während der Untersuchung herrschte unter allen Anwesenden die lebhafteste Theilnahme. Die meisten der Zuhörer, deren Gefühl Grundsätze von dem Thatbestand nicht zu unterscheiden wußte, waren der Meinung, daß Alles vergebens sey, wenn Dunwoodie nicht die Herzen der Richter zu bewegen vermöge. Cäsar drängte seine unförmliche Gestalt vorwärts, und seine Züge, die so verschieden von dem leeren neugierigen Ausdrucke der übrigen Schwarzen waren und den tiefen Kummer seiner Seele zu erkennen gaben, zogen die Aufmerksamkeit des stummen Richters auf sich. Das erstemal öffnete er den Mund zur Rede und sprach:

»Laßt den Schwarzen vortreten.«

Es war zu spät zum Rückzüge, und Cäsar fand sich einer Reihe von Rebellen-Officieren gegenüber, ehe er wußte, was in seinen Gedanken die Oberhand hatte. Die Andern überließen das Verhör dem, welcher die Aufforderung erlassen hatte, und der nun nach vorgängiger Ueberlegung fortfuhr:

»Du kennst den Gefangenen?«

»Ich wohl müssen,« erwiederte der Schwarze mit derselben Kürze.

»Gab er Dir die Perücke, als er sie bei Seite legte?«

»Ich sie nicht brauchen,« brummten Cäsar; »ich selbst noch haben sehr gutes Haar.«

»Hat man Dir Briefe oder Botschaften zu besorgen übergeben, so lange Capitän Wharton sich in dem Hause Deines Gebieters befand?«

»Ich thun, was man mich heißen,« entgegnete der Schwarze.

»Aber was hat man Dich geheißen, zu thun?«

»Einmal das, ein andermal was Anderes.«

»Genug,« sagte Obrist Singleton mit Würde. »Wir haben das freie Zugeständniß eines Mannes von Ehre, was wollen wir weiter von diesem Sclaven? Capitän Wharton, Sie sehen ein, daß die Sachen unglücklich für Sie stehen. Haben Sie noch ein weiteres Zeugniß anzuführen?«

Heinrich blieb nur noch wenig Hoffnung. Sein Vertrauen auf Rettung war fast entschwunden, und, in unbestimmter Erwartung eines Beistandes von Seite der schwesterlichen Liebe, warf er einen ernsten Blick auf die bleichen Züge Franciska's. Sie erhob sich und schwankte auf die Richter zu. Dann wich die Blässe ihrer Wangen einer hohen Gluth und sie richtete sich in leichter und sicherer Haltung auf. Ihre Hand strich die üppigen Locken von ihrer schneeigen Stirne und ließ ein Bild der Schönheit und Unschuld schauen, dessen Anblick sogar noch ernstere Wesen hätte rühren können. Der Präsident bedeckte einen Moment seine Augen, als ob der wilde Blick und die sprechenden Züge des Mädchens ihm das Bild einer anderen in's Gedächtnis riefen. Aber die Bewegung war nur vorübergehend er faßte sich wieder und sprach, mit einem Ausdrucke, welcher seine geheimen Wünsche verrieth –

»Ihnen also hatte Ihr Bruder vorläufig die Absicht mitgetheilt, Ihrer Familie einen geheimen Besuch abzustatten?«

»Nein! – nein!« sagte Franciska, und drückte die Hand an die Stirne, als ob sie sich mühe, ihre Gedanken zu sammeln; »er hat mir nichts gesagt – wir wußten nichts von seinem Besuche, bis er ankam. Aber ist es denn nöthig, edeln Männern auseinander zu setzen, wie ein Kind sich in Gefahr begeben kann, um einen alten Vater wieder zu sehen, und das in einer Zeit, wie diese, und in einer Lage, wie die unsrige?«

»Aber war dieses denn das erstemal? Hat er früher nie von einer derartigen Absicht gesprochen?« fragte der Obrist, indem er sich mit väterlicher Theilnahme gegen sie vorbeugte.

»Freilich – freilich,« rief Franciska indem sie den Ausdruck des Wohlwollens in seinem Gesichte auffing. »Dieses war der vierte seiner Besuche.«

»Ich wußte es ja!« rief der Veteran, indem er vergnügt die Hände rieb; »zwar ein Wagehals, aber ein warmherziger Sohn – ich stehe euch dafür, meine Herren, ein wackerer Soldat im Feld! In welcher Verkleidung kam er?«

»In keiner, denn damals war keine nöthig; die königlichen Truppen hielten das Land besetzt und sicherten ihm freien Durchgang.«

»Dieß war also der erste Besuch, welchen er ohne die Uniform seines Regiments machte?« fragte der Obrist mit unterdrückter Stimme, wobei er die durchdringenden Blicke seiner Collegen zu vermeiden suchte.

»O gewiß der erste,« rief das Mädchen hastig; – »sein erstes Vergehen, wenn man es ein Vergehen nennen kann.«

»Aber Sie schrieben ihm, – Sie forderten ihn auf, zu kommen? Gewiß, junge Dame, war es Ihr Wunsch, Ihren Bruder wieder zu sehen,« fügte der Obrist ungeduldig bei.

»Daß wir es wünschten und darum beteten – o wie heiß haben wir darum gefleht – ist wahr. Aber eine Correspondenz mit der königlichen Armee hätte unserem Vater gefährlich werden können, und so wagten wir es nicht.«

»Verließ er das Haus, ehe er gefangen genommen wurde, oder hatte er eine Unterredung mit irgend Jemand außer dem Hause?«

»Mit Niemand – mit keinem Menschen, ausgenommen mit unserm Nachbar, dem Hausirer Birch.«

»Mit wem?« rief der Obrist erbleichend und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gebissen.

Dunwoodie stöhnte laut, schlug die Hand an die Stirne und rief in durchdringendem Tone, »er ist verloren,« – dann stürzte er aus dem Zimmer.

»Mit Harvey Birch,« wiederholte Franciska und blickte wild nach der Thüre, durch welche ihr Geliebter verschwunden war.

»Harvey Birch!« hallte es von dem Munde aller Richter wieder. Die zwei unbeweglichen Mitglieder des Gerichts winkten sich mit den Augen zu und warfen forschende Blicke auf den Gefangenen.

»Meine Herren,« sagte Heinrich Wharton, indem er wieder vor seine Richter trat, »es kann Ihnen nichts Neues seyn, daß Harvey Birch im Verdachte steht, als begünstige er die königliche Sache, denn er ist bereits durch Ihre Tribunale zu dem Schicksal verurtheilt worden, welches nun, wie ich sehe, mir bevorsteht. Ich kann daher wohl gestehen, daß er mir die Stücke der Verkleidung verschaffte, in welchen ich an euern Vorposten vorbeikam. Aber bis zum letzten Augenblicke, bis zu meinem letzten Athemzuge werde ich betheuern, daß meine Absichten so rein waren, als die des unschuldigen Wesens, welches hier vor Ihren Augen steht.«

»Capitän Wharton,« sagte der Präsident feierlich, »die Feinde der amerikanischen Freiheit haben mächtige und schlaue Versuche unternommen, unsere Macht zu untergraben. Wir haben, so weit es seine Mittel und seine Erziehung gestatten, keinen gefährlicheren Menschen unter den Reihen unserer Feinde, als diesen Hausirer von West-Ehester. Er ist ein Spion – ränkevoll, verschlagen und scharfblickend, mehr als irgend ein Mann seiner Classe. Sir Heinrich konnte nichts besseres thun, als daß er ihn bei dem nächsten Versuche seinem Officiere an die Seite gab. Er hätte André retten können. In der That, junger Mann, diese Verbindung wird für Ihr Schicksal entscheidend seyn!«

Der edle Unwille, der aus den Zügen des alten Kriegers leuchtete, wurde durch einen Blick vollkommener innerer Ueberzeugung von Seite der beiden andern Richter begleitet.

»Ich habe ihn zu Grunde gerichtet!« rief Franciska und rang entsetzt die Hände. »Wenn Sie uns verlassen, so ist er wirklich verloren!«

»O nicht doch! – liebliche Unschuld – nicht doch!«, sagte der Obrist mit tiefer Bewegung. »Sie richten Niemand zu Grunde, aber uns Alle bringen sie in Verlegenheit.«

»Ist Kindesliebe denn ein so großes Verbrechen?« sagte Franciska mit wilden Blicken. »Könnte Washington – der edle, gerade, unpartheiische Washington, ein so hartes Urtheil aussprechen? Verschieben Sie die Sache, bis Washington alles erfahren hat.«

»Es ist unmöglich,« sagte der Präsident und bedeckte die Augen, als wolle er dem Anblick der reizenden Sprecherin ausweichen.

»Unmöglich? ach, nur eine Woche zögert mit Eurem Spruch. Hier auf meinen Knieen beschwöre ich Euch, wenn Ihr je selbst Gnade zu finden hofft, wo Euch keine irdische Macht mehr helfen kann – laßt ihm nur noch einen Tag Frist.«

»Es ist unmöglich,« wiederholte der Obrist mit fast gebrochener Stimme; »unsere Befehle sind bestimmt und wir haben bereits zu lange gezögert.«

Er wandte sich zwar von der knieenden Bittstellerin ab, konnte oder wollte ihr aber nicht die Hand entwinden, welche sie mit der Gluth des Wahnsinns umklammert hielt.

»Entfernt den Gefangenen,« sagte einer der Richter zu dem Officiere, welchem Heinrich's Bewachung übertragen war. »Obrist Singleton, wollen wir uns jetzt zurückziehen?«

»Singleton? Singleton?« wiederholte Franciska; »dann sind Sie Vater und müssen Mitleid haben mit dem Schmerze eines Vaters. O, Sie können – Sie werden nicht ein Herz verwunden, das schon beinahe gebrochen ist. Hören Sie mich, Obrist Singleton, wie Gott auf ihre Gebete hören möge in Ihrer Sterbestunde – hören Sie mich und retten Sie meinen Bruder!«

»Bringt sie fort,« sagte der Obrist, indem er ihr sanft seine Hand zu entziehen suchte.

Niemand schien jedoch geneigt, zu gehorchen. Franciska war eifrig bemüht, den Ausdruck seines abgewandten Gesichtes zu erforschen und machte seine Bemühungen, sich zu entfernen, fruchtlos.

»Obrist Singleton! wie lange ist es, daß Ihr eigener Sohn in Gefahr und leidend war? Unter dem Dache meines Vaters fand er freundliche Pflege – in meines Vaters Hause fand er Aufnahme und Schutz. O denken Sie an diesen Sohn, den Stolz ihres Alters, den Trost und Schutz Ihrer unmündigen Kinder – und dann sprechen Sie das Schuldig aus über meinen Bruder, wenn Sie können!«

»Was hat Heath für ein Recht, mich zum Henker zu machen,« rief der Veteran heftig aus und erhob sich mit gluthstrahlendem Gesichte und unter einem Seelensturme, der ihm alle Adern schwellen machte. »Aber ich vergesse mich. Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns hinausgehen; diese schmerzliche Pflicht muß erfüllt werden.«

»Gehen Sie nicht – gehen Sie nicht!« schrie Franciska mit dem Tone der Todesangst. »Können Sie einen Sohn von dem Herzen eines Vaters reißen, einen Bruder von der Schwester, ohne eine Regung von Mitgefühl? Sind das die Grundsätze des Vaterlandes, dem ich mit so glühender Liebe anhing? Sind das die Männer, die man mich verehren lehrte? Aber Ihr laßt Euch erweichen – Ihr hört mich – Ihr werdet barmherzig seyn und vergeben.«

»Gehen Sie voran, meine Herren,« sagte der Obrist, indem er nach der Thüre winkte und sich mit militärischer Würde aufrichtete, in der eiteln Hoffnung, seine Gefühle zu beruhigen.

»O gehen Sie nicht – hören Sie mich!« rief Franciska und drückte seine Hand konvulsivisch: »Obrist Singleton, Sie sind Vater – Mitleid – Gnade – Gnade für den Sohn! Gnade für die Tochter. Sie hatten ja auch eine Tochter. An diesem Busen hauchte sie ihren letzten Athem aus; diese Hände schloßen ihre Augen – dieselben Hände, die nun bittend gefaltet sind, leisteten ihr diesen Dienst, und Sie – Sie könnten sie verdammen, dieselbe traurige Pflicht an meinem armen – armen Bruder zu üben?«

Ein gewaltiger Sturm kämpfte jetzt in der Seele des Veteranen, aber er unterlag nicht, obschon sich ein Seufzer aus seiner Brust hob, der seinen ganzen Körper erschütterte. Er blickte eben in stolzem Bewußtseyn seines errungenen Sieges um sich, aber ein zweiter Ausbruch der Gefühle gewann die Oberhand. Sein Haupt, weiß unter dem Schnee von siebenzig Wintern, sank auf die Schultern der verzweifelnden Bittstellerin und sein Säbel, auf so vielen blutigen Schlachtfeldern sein treuer Gefährte, entfiel der kraftlosen Hand.

»Gott segne Sie für das, was Sie an der Armen thaten,« rief er mit lautem Schluchzen.

Lange und ergreifend war die Gewalt der Gefühle, welchen sich der Obrist Singleton jetzt ohne Widerstreben hingab. Als er sich wieder faßte, übergab er die bewußtlose Franciska den Armen ihrer Tante und wandte sich dann, wie ein Mann, der überwunden hat, an seine Collegen.

»Meine Herren,« sagte er, »wir haben jetzt noch unsere Pflicht als Officiere zu erfüllen – unsern Gefühlen als Menschen können wir nachher Raum geben. Was ist ihre Meinung über den gegenwärtigen Fall?«

Einer der Richter übergab ihm eine schriftliche Abstimmung, welche er, während Obrist Singleton mit Franciska beschäftigt war, vorbereitet hatte, und erklärte, daß sie seine Ansicht und die seines Kameraden enthalte.

Es war darin kurz verzeichnet, daß Heinrich Wharton entdeckt worden sey, als er die Linien der amerikanischen Armee als Spion und in Verkleidung überschritten habe; daß deßhalb, den Kriegsartikeln gemäß, sein Leben verfallen sey, und daß das Kriegsgericht ihn zum Tode verurtheile; es gehe demnach der Vorschlag dahin, den Gefangenen vor neun Uhr des folgenden Morgens durch den Strang hinrichten zu lassen.

Es war nicht üblich, Todesstrafen – selbst gegen den Feind – zu verhängen, ohne das Urtheil dem Obergeneral oder in dessen Abwesenheit seinem jeweiligen Stellvertreter zur Bestätigung vorzulegen. Da sich Washington's Hauptquartier zu Neu-Windsor auf dem westlichen Ufer des Hudson befand, so reichte die Zeit wohl zu, von dorther Antwort zu erhalten.

»Das ist eine kurze Frist,« sagte der Veteran, indem er zögernd die Feder ergriff; »nicht einmal einen Tag, um ein so junges Blut für den Himmel vorzubereiten?«

»Die königlichen Officiere gaben Hale Ein amerikanischer Officier dieses Namens wurde innerhalb der britischen Linien entdeckt, als er in einer Verkleidung den Stand der feindlichen Streitkräfte zu erspähen suchte. Er wurde abgeurtheilt und, wie die Sentenz lautete, unmittelbar nach den schleunigst getroffenen Vorbereitungen hingerichtet. Der Sage nach wurde er noch unter dem Galgen wegen des Ranges, den er begleitete, und des Schicksals, welches ihm bevorstand, verhöhnt. »Ein hübscher Tod für einen Officier!« sagte einer von denen, die ihn aufgegriffen hatten. – »Meine Herren, jeder Tod ist ehrenvoll, wenn man für die Sache Amerika's stirbt,« war seine Antwort. Bei André's Hinrichtung weinten seine Feinde; Hale starb unbemitleidet und unter Hohnworten; – und doch war der Eine nur das Opfer des Ehrgeizes, der Andere das einer treuen Hingebung für sein Vaterland. Die Nachwelt wird beiden Gerechtigkeit widerfahren lassen. nur eine Stunde,« erwiederte sein College; »wir haben ihm die gewöhnliche Zeit zugestanden. Aber es steht in Washington's Gewalt, sie zu verlängern oder Pardon zu geben.«

»Dann will ich zu Washington gehen,« rief der Obrist, indem er das Papier mit seiner Unterschrift zurückgab; »und wenn die Dienste eines alten Mannes wie ich, und eines braven Jungen, wie mein Sohn, Ansprüche auf ein günstiges Gehör geben, so kann ich den Jüngling vielleicht noch retten.«

Unmittelbar darauf machte er sich auf den Weg, um seine großmüthigen Entschlüsse zu Wharton's Gunsten zu bethätigen.

Das Urtheil des Kriegsgerichts wurde dem Gefangenen mit der geeigneten Schonung mitgetheilt. Die zurückgebliebenen Richter gaben dem wachhabenden Officier einige Verhaltungsvorschriften, sandten einen Courier mit dem nöthigen Berichte nach dem Hauptquartier ab und bestiegen dann ihre Pferde. Sie ritten mit derselben unbeweglichen Haltung, aber auch mit dem Bewußtseyn der gleichen leidenschaftslosen Rechtlichkeit, welche sie während der Gerichtssitzung an den Tag gelegt hatten, nach ihren Quartieren zurück.

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