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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 26
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Stumm ist Gertrudens Mund; ein Zug jedoch,
Den Liebe, die nicht stirbet, eingegraben,
Strahlt auf dem Antlitz; immer drückt sie noch
Des Theuren Hand an's Herz, das ausgeschlagen.

Gertrude von Wyoming.

 

Die Dragoner hatten in der Eile zwei ineinandergehende Gemächer in einen für die Aufnahme der Damen geeigneten Stand gesetzt, von denen das eine als Schlafzimmer dienen sollte.

Man führte Isabellen auf ihr Verlangen in das letztere und legte sie auf ein armseliges Bette an die Seite der bewußtlosen Sara. Als Miß Pepton und Franciska ihr beizustehen eilten, sahen sie ein Lächeln um ihre bleichen Lippen und eine Ruhe auf ihren Zügen, die sie veranlaßten, sie für unbeschädigt zu halten.

»Gott sey gelobt!« rief die zitternde Tante; »der Knall des Gewehrs und Ihr Zusammensinken ließen mich das Schlimmste vermuthen. Ach, wir haben ja schon Entsetzen genug ausgestanden; Gott sey Dank, daß uns dieses erspart blieb.«

Isabella drückte immer noch lächelnd die Hand an ihre Brust, aber eine Leichenblässe überflog ihre Züge, so daß Franciska das Blut in den Adern erstarrte.

»Ist Georg noch nicht da?« fragte sie; »heißt ihn eilen, damit ich meinen Bruder noch einmal sehe.«

»Ach, es ist, wie ich befürchtete!« jammerte Miß Peyton; »aber Sie lächeln, – gewiß, Sie können nicht, verwundet seyn!«

»Ich fühle mich wohl und glücklich,« flüsterte Isabella; »hier ist Hülfe für jeden Schmerz.«

Sara richtete sich aus ihrer zurückgeneigten Lage auf und betrachtete ihre Gefährtin mit wilden Blicken, dann streckte sie ihre Hand aus und faßte die, mit welcher Isabella ihren Busen bedeckte – sie war mit Blut befleckt.

»Sieh,« sagte Sara, »aber wird es nicht die Liebe wegwaschen? Nimm einen Mann, Mädchen und dann wird ihn Niemand mehr aus Deinem Herzen verdrängen, es müßte denn seyn« – sie beugte sich über Isabellen und fuhr flüsternd fort: »Du fändest dort eine Andere vor Dir. Dann stirb und gehe in den Himmel – im Himmel wird nicht mehr gefreit.«

Die schöne Irre verbarg ihr Gesicht in den Kleidern und sprach die ganze Nacht über kein Wort mehr. In diesem Augenblicke trat Lawton ein. So sehr er an Gefahren jeder Art und an alle Schrecken eines Bürgerkriegs gewöhnt war, so konnte er die vor ihm liegende Scene doch nicht ohne tiefe Bewegung mit ansehen. Er beugte sich über Isabella's gebrochene Gestalt und sein düsterer Blick verrieth den Sturm seiner Seele.

»Isabella,« sagte er endlich, »ich weiß, daß Sie einen Muth besitzen, der über die Kraft Ihres Geschlechtes hinausgeht.«

»Sprechen Sie,« erwiederte sie ruhig; »wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so sprechen Sie ohne Scheu.«

Der Rittmeister wandte das Gesicht ab und entgegnete: »Noch Niemand hat eine Verwundung, wie diese überlebt.«

»Ich fürchte den Tod nicht,« versetzte Isabella; »ich danke Ihnen, daß Sie mich so richtig beurteilten– aber ich habe es vom ersten Augenblick an gefühlt.«

»Das sind keine Auftritte für eine so zarte Gestalt,« fuhr der Capitän fort: »es ist schon hinreichend, daß England unsere Jünglinge auf's Schlachtfeld ruft; aber wenn solche Blumen das Opfer des Krieges werden, so entsinkt mir der Muth des Soldaten.«

»Hören Sie mich, Capitän Lawton!« sagte Isabella und richtete sich mühsam aus, ohne die angebotene Hülfe anzunehmen; – »von zarter Jugend auf bis zur gegenwärtigen Stunde waren Garnisonen und Lager mein Aufenthalt. Ich habe gelebt, um die Mußestunden eines betagten Vaters zu erheitern; und glauben Sie, ich hätte diese Tage der Gefahr und Entbehrung mit einem bequemeren Leben vertauschen mögen? Nein, ich erfreue mich in den letzten Augenblicken der Beruhigung, daß ich alles gethan habe, was ein Weib in meiner Lage zu thun im Stande ist.«

»Wer könnte wohl verzagt seyn, wenn er der Zeuge eines solchen Muthes gewesen? Ich habe Hunderte von Kriegern ihr Leben opfern sehen, aber ich kannte keinen mit einer stärkeren Seele.«

»Es ist nur die Seele,« sagte Isabella; »die Schwäche meines Geschlechtes hat mir die theuersten Vorrechte versagt. Sie, Kapitän Lawton, hat die Natur gütiger bedacht. Sie haben einen Arm und ein Herz, um sie der heiligen Sache des Vaterlandes zu weihen, und ich weiß, daß sie bis zum letzten Augenblicke treu bleiben werden. Und Georg – und –« sie hielt inne; ihre Lippe bebte und ihr Auge suchte die Erde.

»Und Dunwoodie?« fügte der Rittmeister bei; – »wollen Sie von Dunwoodie sprechen?«

»Nennen Sie ihn nicht,« sagte Isabella, indem sie zurücksank und ihr Gesicht in den Kissen barg. »Gehen Sie, Lawton – bereiten Sie den armen Georg auf diesen unerwarteten Schlag vor.«

Der Reiter blickte noch eine Weile mit düsterer Theilnahme auf die Leidende, deren convulsivisches Zusammenschaudern durch die leichte Decke bemerklich war, und entfernte sich, um seinem Freunde entgegen zu gehen. Das Zusammentreffen Singletons mit seiner Schwester war schmerzlich, und Isabella gab einen Augenblick dem Ausbruch ihrer weicheren Gefühle nach; aber als ob sie wüßte, daß ihre Stunden gezählt seyen, rief sie als die Erste ihre Fassung zurück. Auf ihre dringende Bitte ließ man sie mit dem Capitän und Franciska allein. Die wiederholten Anerbietungen ärztlichen Beistands von Seite des Doctors wurden beharrlich zurückgewiesen, und er sah sich endlich veranlaßt, mißmuthig abzuziehen.

»Richtet mich auf,« sagte das sterbende Mädchen, »und laßt mich noch einmal in ein Gesicht blicken, welches ich liebe.«

Franciska willfahrte schweigend, und Isabella richtete das Auge mit schwesterlicher Zärtlichkeit auf Georg.

»Es ist bald vorüber, lieber Bruder einige Stunden noch, und der Vorhang ist gefallen.«

»Du darfst nicht sterben, Isabella, meine Schwester, meine einzige Schwester,« rief der Jüngling mit einem Ausbruche von Schmerz, den er nicht zu bewältigen vermochte; »mein Vater! mein armer Vater –«

»Der Gedanke an ihn macht mir den Stachel des Todes schmerzlich – aber er ist ein Soldat und ein Christ. Miß Wharton, ich wollte mit Ihnen von einer Sache reden, welche Sie näher berührt, so lange ich noch Kraft dazu habe.«

»O nicht doch,« sagte Franciska mit Zartheit; »fassen Sie sich und lassen Sie nicht den Wunsch, mir zu gefallen, ein Leben gefährden, das – so – so Vielen theuer ist.« Die Aufregung erstickte beinahe ihre Worte, denn die Andere hatte eine Saite berührt, welche in ihrem innersten Herzen wiedertönte.

»Armes, gefühlvolles Mädchen!« sagte Isabella mit einem Blicke der zärtlichsten Theilnahme; »aber die Welt liegt noch offen vor Dir, und warum sollte ich das Bischen Seligkeit trüben, das sie zu geben vermag. Träume immerhin fort, liebliche Unschuld, und möge Gott den Tag eines bittern Erwachens ferne halten!«

»Ach, es ist mir schon jetzt wenig geblieben, dessen ich mich freuen könnte,« sagte Franciska, indem sie ihr Antlitz in ihrem Gewande verhüllte; »ach, es ist ja alles dahin, was ich am meisten liebte.«

»Nein,« fiel Isabella ein, »Sie haben noch einen Grund, das Leben zu lieben, der gewaltig im Herzen des Weibes ringt – eine Täuschung, die nur mit dem Leben erlischt.« – Sie hielt erschöpft inne und ihre Zuhörer harrten in athemlosem Schweigen, bis sie sich etwas erholt hatte. Dann faßte sie die Hand Franciska's und fuhr weicher fort: »Miß Wharton, wenn eine Seele lebt, die mit der Dunwoodie's verwandt und seiner Liebe würdig ist, so ist es die Ihrige.«

Eine Glutröthe überflog Franciska's Antlitz, und sie erhob die von unwillkührlichem Entzücken strahlenden Augen zu dem Gesichte der Sprecherin. Aber der Anblick dieses zerstörten Wesens rief ihre edleren Gefühle zurück und wieder ließ sie ihr Haupt auf die Decke des Bettes sinken. Isabella beobachtete ihre Bewegungen mit dem getheilten Ausdrucke des Mitleids und der Bewunderung.

»Das ist die stumme Sprache der Gefühle, die mir jetzt entschwunden sind,« fuhr sie fort; – »ja, Miß Wharton, Dunwoodie ist ganz der Ihrige.«

»Sey gerecht gegen Dich selber, theure Schwester!« rief der Jüngling; »laß keine« schwärmerische Großmuth Dich veranlassen, Deines Charakters zu vergessen.«

Sie vernahm seine Worte, und heftete einen Blick inniger Liebe auf ihn; dann schüttelte sie langsam das Haupt und fuhr fort:

»Nicht Schwärmerei, sondern die Wahrheit gebietet mir, zu sprechen. O wie viel habe ich in einer Stunde erlebt! Miß Wharton, ich bin unter einer heißen Sonne geboren, und meine Gefühle haben ihre ganze Glut eingesogen; ich habe nur für die Leidenschaft gelebt.«

»Sprich nicht so – sprich nicht so, ich beschwöre Dich,« rief der bewegte Bruder. »Denke daran, daß Du Deine Liebe einem alten Vater weihtest, und wie uneigennützig und zärtlich Deine Liebe zu mir war!«

»Ja,« sagte Isabella, und ein zufriedenes Lächeln beleuchtete mit mildem Strahle ihre Züge, »das ist wenigstens ein Rückblick, den ich getrost mit in's Grab nehmen darf.«

Sie versank jetzt in ein tiefes Sinnen, in welchem sie weder ihr Bruder noch Franciska zu unterbrechen wagten. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sie sich wieder und fuhr fort:

»Ach, die Selbstsucht verläßt mich nicht einmal im letzten Augenblicke. Miß Wharton, die Liebe zu meinem Vaterlande und seiner Freiheit war meine früheste Leidenschaft und –«

Sie hielt wieder inne und Franciska glaubte, daß jetzt in dem zusammensinkenden Schauder der Kampf des Todes seine Rechte geltend mache; sie kam aber wieder zu sich und fuhr fort:

»Warum sollte ich noch zögern am Rande des Grabes? Dunwoodie war meine zweite und letzte. Aber« – sie bedeckte das Gesicht mit den Händen – »es war eine Liebe, welche keine Erwiederung fand.«

»Isabella!« rief ihr Bruder aufspringend und verstört in dem Gemache auf und ab gehend.

»Sieh', wie abhängig wir werden von der Herrschaft des irdischen Stolzes; es ist für Georg eine schmerzliche Entdeckung, daß ein ihm theures Geschöpf Gefühle hegt, die mächtiger sind, als Natur und Erziehung.«

»Reden Sie nicht weiter,« flüsterte Franciska, »Sie thun uns Beiden wehe – sprechen Sie nicht weiter, ich flehe darum.«

»Ich muß sprechen, um Dunwoodie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und aus dem selben Grunde sollst Du mich anhören, lieber Bruder. Dunwoodie hat mich weder durch Wort und That zu der Vermuthung veranlaßt, daß er mir etwas anderes als ein Freund zu seyn wünsche, – ja und in der letzten Zeit mußte ich sogar die schmerzlich demüthigende Bemerkung machen, daß er meiner Gegenwart auswich.«

»Er hat es gewagt, das zu thun?« rief Singleton heftig.

»Ruhig, mein Bruder und höre weiter,« fuhr Isabella fort, indem sie ihre letzten Kräfte zusammenraffte. »Hier steht die unschuldige Ursache, welche ihn rechtfertigt. Wir beide sind mutterlos; aber diese Tante – diese milde, offenherzige, achtsame Tante hat Ihnen zum Siege verholfen. O wie viel verliert das Mädchen, wenn sie die Hüterin und Beschützerin ihrer sorglosen Jugend verliert! Ich habe Gefühle kund gegeben, welche Sie zu unterdrücken gelernt haben. Kann ich nach all diesem noch zu leben wünschen?«

»Isabella! meine arme Isabella! Du redest irre.«

»Nur noch ein Wort – denn ich fühle, dieses Blut, welches immer so rasch floß, nimmt eine Richtung, wohin es die Natur nicht leiten wollte. Das Weib muß sich aussuchen lassen, wenn es geschätzt werden will; sein Leben besteht aus verschlossenen Gefühlen. O wie glücklich sind die, die diese Beherrschung frühe erlernt haben und von Heuchelei frei blieben! Nur ein solches Mädchen kann das Glück eines Mannes – kann Dunwoodie's Glück machen.«

Ihre Stimme versagte, und sie sank stumm in das Kissen zurück. Singletons Angstruf versammelte die übrige Gesellschaft um das Sterbebette, aber der Tod lagerte bereits auf ihren Zügen. Ihre Kräfte reichten eben noch zu, um Georgs Hand zu fassen und sie an ihre Brust zu drücken; dann sank die ihrige – noch eine Zuckung – und sie hatte ausgeathmet.

Franciska Wharton hatte geglaubt, das Schicksal habe durch die Gefährdung des Lebens ihres Bruders und die Verwirrung des Verstandes ihrer Schwester das Aergste über sie verhängt; aber der Trost, den ihr die Sterbende gab, lehrte sie, daß noch ein anderer Kummer schwer auf ihrer Seele laste. Sie sah auf einmal in der Sache klar und fühlte ganz die männliche Zartheit in Dunwoodie's Benehmen. Alles vereinigte sich, ihre Achtung gegen ihn zu erhöhen und an die Stelle der Trauer, welche sie über den Verlust eines Mannes empfand, den sie ihrer Achtung unwürdig geglaubt, trat der Schmerz, ihm durch ihr eigenes Benehmen wehe gethan – vielleicht gar ihn zur Verzweiflung getrieben zu haben. Hoffnungsloses Verzagen liegt jedoch nicht in der Natur der Jugend, und Franciska empfand sogar mitten in ihrem Kummer eine geheime Wonne, welche ihrer Seele einen neuen Aufschwung verlieh.

Die Sonne brach an dem Morgen, welcher dieser trostlosen Nacht folgte, mit ungetrübtem Glanze hervor und schien der kleinen Sorgen derjenigen, die von ihren Strahlen beleuchtet wurden, zu spotten. Lawton hatte sich frühe sein Pferd satteln lassen, und stand eben im Begriffe aufzusitzen, als ihr erstes Glühen die Spitzen der Berge säumte. Er hatte bereits seine Befehle gegeben und schwang sich schweigend in den Sattel; dann warf er einen mißmuthigen Blick auf den kleinen Raum, der es dem Schinder möglich gemacht hatte zu entkommen, ließ seinem Rothschimmel die Zügel und ritt langsam dem Thale zu.

Auf der Straße herrschte eine Todtenstille und keine Spur von den Scenen der Nacht trübte die Lieblichkeit eines herrlichen Morgens. Der grelle Gegensatz zwischen Natur und Menschen erfüllte die Seele des Kriegers ganz, und furchtlos ritt er an den gefährlichsten Stellen vorbei, ohne sich um die etwaigen Folgen zu kümmern oder seine Meditationen zu unterbrechen, bis das edle Roß, das sich in der frischen Morgenluft recht behaglich fühlte, die unter Sergeant Hollister's Obhut stehenden Pferde wiehernd begrüßte.

Hier zeigten sich allerdings genug beklagenswerte Ueberreste einer schreckensvollen Mitternacht; aber der Rittmeister betrachtete sie mit der Ruhe eines Mannes, dem ein solcher Anblick nichts Neues ist, und ohne die Zeit mit nutzlosen Verwünschungen zu verlieren, ging er unverzüglich zu seinem Zwecke über.

»Habt Ihr etwas bemerkt?« fragte er die Ordonnanz.

»Nichts, auf was man hätte Jagd machen können, Sir,« erwiederte Hollister; »nur einmal saßen wir auf, als uns der entfernte Knall eines Gewehrs zu Ohren kam.«

»Gut,« sagte Lawton düster. »Ach, Hollister, ich wollte das Thier, auf dem ich reite, darum geben, wenn Ihr mit Eurem Arme zwischen dem Elenden, welcher diesen Schuß that, und jenen verwünschten Felsen gestanden wäret, die über jedes Stückchen Boden hereinhängen, als ob sie jede Hufe Landes um die Weide beneideten.«

»Bei Tage und Mann gegen Mann gebe ich keinem Andern etwas nach, aber ich kann nicht sagen, daß ich besonders darauf versessen bin, mit solchen anzubinden, denen weder Stahl noch Blei etwas anhaben kann.«

»Welche einfältige Grille spuckt in Eurem abergläubischen Hirne, Dechant Hollister?«

»Ich gestehe, ich habe kein besonderes Verlangen nach der schwarzen Gestalt, die sich seit dem Tagesgrauen am Saume des Waldes dort hin- und herbewegt. Ich sah sie auch die Nacht über zweimal über den vom Feuer erhellten Raun schleichen, ohne Zweifel nicht in guter Absicht.«

»Meint Ihr den schwarzen Ball dort, am Fuße jenes Felsenahorns? – in der That, er bewegt sich.«

»Aber 's ist keine irdische Bewegung,« sagte der Sergeant, indem er mit ängstlicher Scheue hinblickte; »er gleitet dahin, ohne daß irgend einer von der Wache seine Füße gesehen hätte.«

»Und wenn er Flügel hätte, so muß ich ihn haben,« rief Lawton. »Bleibt stehen, bis ich wieder zurückkomme.« Er hatte kaum ausgesprochen, als der Rothschimmel bereits über die Ebene hinflog und der Versicherung seines Herrn Ehre machen zu wollen schien.

»Diese verdammten Felsen!« rief der Reiter, als er den Gegenstand seiner Verfolgung auf die Berge zueilen sah; aber war es aus Unkenntniß oder aus Schreck – kurz, die Gestalt ließ den Schirm, welchen sie boten, unbenützt und flüchtete sich in die Ebene.

»Jetzt habe ich Dich, Mensch oder Teufel!« brüllte Lawton und riß den Säbel aus der Scheide. »Halt und ergib Dich!«

Dieser Aufforderung wurde scheinbar Folge geleistet; denn bei dem gewaltigen Tone von Lawton's Stimme sank die Erscheinung zusammen, und ließ nichts als einen formlosen schwarzen Klumpen ohne Leben und Bewegung erkennen.

»Was ist denn das?« rief Lawton, während er ihn mit dem Säbel von der Seite anstieß; »ein Gala-Anzug der guten Miß Peyton, der um seinen Geburtsort herum wandert und sich vergeblich nach seiner trostlosen Gebieterin umsieht?«

Er lehnte sich in den Steigbügeln vorwärts, hob das seidene Gewand mit dem Säbel in die Höhe und entdeckte jetzt unter demselben einen Theil von der Gestalt des ehrwürdigen Geistlichen, welcher den Abend vorher von den Locusten aus in seinem Ornate die Flucht ergriffen hatte.

»In der That, Hollister hatte wohl Ursache zu seiner Ungeberdigkeit: ein Feldcaplan ist immer ein Schrecken für die Reiterei.«

Der Geistliche hatte jetzt seine verstörten Sinne hinreichend gesammelt, um zu erkennen, daß er es mit einem bekannten Gesichte zu thun habe; und einigermaaßen durch seinen an den Tag gelegten Schrecken und die unziemliche Stellung, in der er gefunden worden, außer Fassung gebracht, versuchte er es, sich aufzurichten und die geeigneten Erläuterungen zu geben. Lawton hörte seine Entschuldigung mit guter Laune an, ohne ihr gerade viel Glauben beizumessen, und nach einer kurzen Besprechung über den Stand der Dinge im Thal, stieg er höflich ab und ging mit dem Caplan zu Fuß nach der Wache zurück.

»Ich bin so wenig mit der Uniform der Rebellen bekannt, daß ich in der That nicht im Stande war, zu unterscheiden, ob die Leute, welche, wie Sie sagen, die Ihrigen sind, zu der Gaunerbande gehörten, oder nicht.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Sir,« erwiederte der Rittmeister, und biß sich in die Lippen. »Es ist nicht das Geschäft eines Dieners Gottes, sich um den Schnitt der Uniformen zu kümmern. Die Fahne, unter der Sie dienen, wird von uns Allen anerkannt.«

»Ich diene unter der Fahne Seiner allergnädigsten Majestät, des Königs Georgs III.,« erwiederte der Priester, indem er sich den kalten Schweiß von der Stirne wischte; »aber der Gedanke, scalpirt zu werden, ist gar wohl geeignet, alle Mannheit eines Neulings, wie ich, niederzuschlagen.«

»Scalpirt zu werden?« wiederholte Lawton und hielt einen Augenblick an, dann faßte er sich wieder und fuhr mit Gelassenheit fort – »Wenn Sie auf die leichte virginische Dragoner-Schwadron Dunwoodie's anspielen, so kann ich Ihnen versichern, daß sie im Allgemeinen außer der Haut auch noch ein Bischen vom Schädel mitnimmt.«

»Oh, ich habe keine Furcht vor Herren mit Ihrem Aeußern,« sagte der Geistliche schmunzelnd. »Aber die Eingeborenen sind es, vor denen ich allen Respect fühle.«

»Die Eingebornen? Ich habe die Ehre, auch darunter zu gehören, wie ich Ihnen versichern kann.«

»Nein, ich bitte, mich recht zu verstehen – ich meine die Indianer, die nichts weiteres kennen, als Raub, Mord und Zerstörung.«

»Und nebenbei sich Scalpe holen.«

»Ja, Sir, auch scalpiren,« fuhr der Priester fort und warf einen verdächtigen Blick auf seinen Begleiter; – »die kupferfarbigen wilden Indianer.«

»Und erwarteten Sie, diese ehrenwerthen Leute mit ihren Ringen durch die Nase auf dem neutralen Grunde anzutreffen?«

»Gewiß, es heißt in England, daß das Innere davon wimmle.«

»Heißt Ihr das das Innere von Amerika?« rief Lawton, wieder stehen bleibend, indem er dem andern mit einer Ueberraschung in's Gesicht starrte, welche sich kaum nachbilden lassen würde.

»Ohne Zweifel, Sir; ich weiß es nicht anders, als daß ich in dessen Innerem bin.«

»Geben Sie einmal Acht,« sagte Lawton, indem er gegen Osten zeigte. »Bemerken Sie die breite Wasserfläche, deren jenseitige Gränze dem Auge unerreichbar ist? Dort liegt jenes England, das ihr für würdig haltet, die halbe Welt zu beherrschen. Können Sie das Land Ihrer Geburt sehen?«

»Es ist unmöglich, etwas zu sehen, was dreitausend Meilen entfernt liegt,« erwiederte der Geistliche, der, über diese Frage verwundert, seinen Gefährten mit argwöhnischen Blicken maß, ob es auch mit dessen gesunden Sinnen seine Richtigkeit habe.

»Sie haben Recht. Aber wie beklagenswerth ist es, daß die Kraft des Menschen seinem Ehrgeiz nicht gleich kömmt. Wenden Sie jetzt Ihr Auge nach Westen. Bemerken Sie das weite Wasserbecken, das sich zwischen Amerika und China hinzieht?«

»Ich sehe nichts als Land,« sagte der Priester zitternd; »Wasser kann ich keines erblicken.«

»Es ist unmöglich, etwas zu sehen, was dreitausend Meilen entfernt ist!« wiederholte Lawton, indem er seinen Spaziergang wieder fortsetzte. »Wenn Sie die Wilden fürchten, so können sie Ihnen in den Reihen Ihres Königs eher begegnen. Rum und Gold haben ihre Loyalität bewährt.«

»Ich bin also, höchst wahrscheinlich getäuscht worden,« sagte der Mann des Friedens, indem er einen verstohlenen Blick auf die colossale Gestalt und das bärtige Gesicht seines Begleiters warf; »aber die Gerüchte, mit denen man sich in unserer Heimath trägt, und die Ungewißheit, mit einem Feinde wie Sie zusammen zu treffen, machten, daß ich bei Ihrer Annäherung die Flucht ergriff.«

»Das war nicht sehr vernünftig gehandelt,« sagte der Rittmeister, »indem mein Rothschimmel Ihnen auf der Ferse war, und Sie hätten leicht aus der Scylla in die Charybdis fallen können, denn in diesen Wäldern und Felsen sind die Feinde verborgen, welche Sie zu fürchten haben.«

»Die Wilden?« schrie der Mann Gottes und eilte instinktartig dem Rittmeister voraus.

»Etwas Schlimmeres, als die Wilden – Menschen, welche unter dem Deckmantel des Patriotismus das Land mit ihren Raubzügen heimsuchen, deren Gier unersättlich ist, und deren Grausamkeit sogar den Scharfsinn der Indianer überbietet – Kerle, deren Lippen von Freiheit und Gleichheit tönen, indeß ihre Herzen von Habsucht und Galle überfließen – Menschen, die unter dem Namen der Schinder bekannt sind.«

»Ich habe bei der Armee von ihnen sprechen hören,« sagte der entsetzte Geistliche, »und habe sie für die Ureingeborenen gehalten.«

»Sie thaten den Wilden Unrecht.«

Beide waren nun bei dem Posten des Sergeanten Hollister angelangt, der mit Verwunderung in dem Gefangenen seines Rittmeisters einen friedlichen Diener des Wortes erkannte. Auf Lawton's Befehl gingen nun die Dragoner alsbald an's Werk, die werthvolleren Gegenstände in Sicherheit zu bringen und fortzuschaffen, indeß der Capitän mit seinem ehrwürdigen Gesellschafter, welcher mit einem muthigen Pferde versehen wurde, nach den Quartieren der Mannschaft zurückkehrte.

Da nach Singleton's Wunsche die irdischen Ueberreste seiner Schwester nach dem Posten gebracht werden sollten, welchen ihr Vater commandirte, so traf man zeitig die für diesen Zweck geeigneten Vorkehrungen. Die verwundeten Engländer wurden der Aufsicht des Kaplans übergeben, und gegen Mittag sah Lawton alle Zurüstungen so weit beendet, daß er sich mit seiner kleinen Mannschaft nach einigen Stunden wahrscheinlich im alleinigen und ungestörten Besitze der Kreuzwege befinden mochte.

Während er so in verdrießlichem Schweigen am Thorwege lehnte und den Schauplatz betrachtete, wo er in der letzten Nacht auf den Schinder Jagd gemacht hatte, schlug der Hufschlag eines Pferdes an sein Ohr und unmittelbar darauf sprengte ein Dragoner aus seinem eigenen Zuge mit einer Eile des Weges daher, welche einen Auftrag von der größten Wichtigkeit vermuthen ließ. Das Roß schäumte und der Reiter schien von dem scharfen Ritte ziemlich angegriffen zu seyn. Ohne ein Wort zu sprechen, gab er ein Schreiben in Lawton's Hand und entfernte sich, um sein Pferd im Stalle zu versorgen. Der Rittmeister erkannte die Handschrift des Majors und überflog die folgenden Zeilen:

»Ich freue mich, Ihnen mittheilen zu können, daß Washington Befehl gegeben hat, die Familie in den Locusten nach den Hochlanden zu bringen, wo es ihr gestattet seyn wird, sich der Gesellschaft des Capitäns Wharton zu erfreuen, für dessen Aburtheilung ihr Zeugniß erwartet wird. Sie werden derselben diesen Befehl, und zwar, wie ich von Ihnen voraussetzen darf, mit der geeigneten Schonung mittheilen. Die Engländer ziehen stromaufwärts; sobald Sie daher die Wharton's in Sicherheit wissen, werden Sie aufbrechen und zu Ihrer Schwadron stoßen. Es wird scharf hergehen, wenn wir mit ihnen zusammentreffen, da ihnen Sir Henry, wie berichtet wurde, einen tüchtigen Soldaten zum Führer gegeben hat. Die Rapporte gehen jetzt an den Commandanten zu Peekskill, da sich Oberst Singleton gegenwärtig im Hauptquartier befindet, um in dem Kriegsgericht über den armen Wharton den Vorsitz zu führen. Es sind neue Befehle ergangen, den Hausirer, sobald wir seiner habhaft werden, unverzüglich aufzuknüpfen; sie sind aber nicht von dem Obergeneral unterzeichnet. Geben Sie den Damen eine kleine Bedeckung mit und werfen Sie sich sobald als möglich in den Sattel. Ihr

aufrichtiger
Peyton Dunwoodie.«

Diese Mittheilung brachte eine gänzliche Veränderung in den Vorkehrungen zu Stande. Da der Grund zu Isabellens Weiterschaffung durch die Abwesenheit des Vaters wegfiel, so fügte sich Singleton, wiewohl ungerne, in die alsbaldige Beerdigung seiner Schwester. Man wählte hierzu ein einsames anmuthiges Plätzchen in der Nähe der Felsen, und traf die weiteren Anstalten, wie sie eben von Zeit und Ort gestattet wurden. Mit dem Leichenbegängnisse vereinigten sich noch mehrere neugierige oder teilnehmende Nachbarn, und Miß Peyton nebst Franciska weinten aufrichtige Thränen an ihrem Grabe. Die kirchlichen Ceremonien wurden von demselben Geistlichen verwaltet, der vor Kurzem eine, von dieser so sehr verschiedene Amtshandlung zu verrichten im Begriffe stand, und Lawton senkte das Haupt und fuhr mit der Hand über die Augen, als die Worte gesprochen wurden, welche das Fallen der ersten Erdscholle begleiteten.

Die Mittheilung aus Dunwoodie's Brief gab den Wharton's wieder neues Leben, und Cäsar wurde mit seinen Pferden noch einmal in Anspruch genommen. Das gerettete Eigenthum nahm ein zuverlässiger Nachbar in Verwahrung, und nun setzte sich die Familie mit der fortwährend besinnungslosen Sara unter dem Geleite von vier Dragonern und mit allen amerikanischen Verwundeten in Bewegung. Unmittelbar darnach brach auch der englische Geistliche mit seinen Landsleuten aus, die nach dem Fluß gebracht wurden, wo ein Fahrzeug zu ihrer Ausnahme bereit lag. Lawton sah Alle mit Freuden ziehen, und sobald letztere ihm aus dem Gesicht waren, ließ er in's Horn stoßen. In einem Augenblicke war Alles in Bewegung. Die Mähre der Frau Flanagan wurde wieder in den Karren gespannt; Doctor Sitgreaves unförmliche Gestalt paradirte auf dem Rücken eines Pferdes, und der Rittmeister saß im Sattel, sich höchlich über seine endliche Erlösung freuend.

Nun erscholl das Signal zum Abmarsch. Lawton warf noch einen wilden finstern Blick nach der Stelle, wo sich der Schinder versteckt hatte, und einen andern voll Trauer nach Isabellens Grabe, und ritt dann, von dem Wundarzt begleitet, in trübe Gedanken versunken, vor dem Zuge her. Sergeant Hollister und Betty bildeten den Nachtrab, und überließen es dem frischen Südwinde, durch die offenen Thüren und die zerbrochenen Fenster des Hotels Flanagan zu pfeifen, wo kurz vorher noch das Lachen des Frohsinns und die Scherze der kühnen Soldaten wiedergehallt hatten.

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