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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 25
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Und nun ist all ihr Zauber hin,
Kein Lächeln mehr in ihren Blicken.
Daß Rosen, ach, nicht ewig blühn,
Nur kurze Stunden uns entzücken!
Die Zeit enteilt,
Die Trauer weilt;
Wie schnell verfliegt der Jugend Scene,
Und mit ihr der Bewundrer Heer.
Ach, und ist denn nicht Einer mehr,
An den sich ihre Seele lehne?

Cynthias Grab.

 

Das Landhaus war bis auf die vom Rauch geschwärzten Mauern niedergebrannt, die nun aller ihrer Hallen und Verzierungen beraubt, als ein trauriges Denkmal des Friedens und der Sicherheit dastanden, welche vor Kurzem noch in ihrem Innern herrschten. Das Dach mit dem übrigen Holzwerk war in die Kellerräume gestürzt und aus der Asche leckte noch hin und wieder eine bleiche flackernde Flamme, deren Wiederschein durch die Fenster sichtbar wurde. Die zeitige Flucht der Schinder hatte die Dragoner in den Stand gesetzt, einen großen Theil der Geräthschaften zu retten, die jetzt haufenweise in dem Hofe umherlagen und den Eindruck der Verwüstung vollendeten. Wenn hie und da ein helleres Licht emporschoß, konnte man auf dem Hintergrunde des Gemäldes die unbeweglichen Gestalten Hollisters und seiner Gefährten auf ihren Pferden sammt Betty's Thiere erkennen, das die Zügel abgestreift hatte und ruhig an der Landstraße grasete. Die Marketenderin selbst stand in der Nähe des Postens, welchen der Sergeant behauptete und sah mit unglaublicher Ruhe den Vorgängen zu. Mehr als einmal gab sie ihrem Gefährten zu verstehen, daß man nun, da das Gefecht vorüber sey, den Zeitpunkt zum Plündern wahrnehmen müsse; aber der Veteran verwies sie auf seine Ordre und rührte sich nicht von der Stelle. Endlich wagte sich Betty, als sie den Capitän mit Sara um die Ecke kommen sah, unter die Krieger. Lawton legte Sara auf ein Sopha, das von zwei Dragonern aus dem Gebäude gerettet worden war, übergab sie der Sorgfalt der Damen und entfernte sich. Miß Peyton und ihre Nichte flogen mit einer Eile, welche sie alles Andere über der Rettung der theuren Verwandten vergessen ließ, herzu, um Sara aus den Händen des Capitäns zu empfangen, aber das stiere Auge und die glühende Wange der Armen rief ihnen schnell die schmerzliche Vergangenheit in's Gedächtniß.

»Sara, mein Kind, meine liebe Nichte,« sagte die Tante und schlang ihre Arme um die leblose Braut, »Du bist gerettet, und möge Gottes Segen auf dem Manne ruhen, der das Werkzeug dazu wurde.«

»Sieh,« sagte Sara, indem sie die Tante sanft bei Seite drückte und auf die glostenden Trümmer deutete, »die Fenster sind beleuchtet – meiner Ankunft zu Ehren. Eine Braut wird stets so empfangen. Er hat mir gesagt, es müsse so seyn. Hört – hört nur, wie sie die Glocken läuten.«

»Ach, hier ist keine Braut, kein frohes Jauchzen, nichts als Wehe,« rief Franciska in einem Tone, der fast so verwirrt, wie der ihrer Schwester klang. »O wollte Gott, Du gehörtest wieder uns und Dir selber!«

»Still, thörichtes junges Weib,« sagte Sara mit mitleidigem Lächeln; »nicht alle können zu gleicher Zeit glücklich seyn. Du hast wohl keinen Bruder oder Gatten, Dich zu trösten; aber Du bist hübsch und kannst noch einen finden; aber –« fuhr sie fort und dämpfte ihre Stimme zu einem Flüstern, »sieh Dich vor, daß er nicht schon ein anderes Weib hat – ach, es kann schrecklich enden, wenn er Dich als die Zweite heirathen sollte.«

»Der Schlag hat ihren Verstand verwirrt,« rief Miß Peyton; – »mein Kind, meine schone Sara ist wahnsinnig!«

»Nein, nein,« rief Franciska, »sie spricht nur im Fieber; ihr Kopf ist licht – sie muß – sie wird wieder genesen.«

Die Tante ergriff mit Freuden den in diesem Winke angedeuteten Hoffnungsstrahl und sandte sogleich Katy fort, um den Doctor Sitgreaves zum Beistand aufzufordern. Sie traf den Wundarzt eben in seinem Amte beschäftigt, wie er jede Beule und Schramme untersuchte, deren Geständniß er von den störrigen Dragonern zu erpressen vermochtet. Einer Aufforderung, wie sie Katy überbrachte, wurde natürlich augenblickliche Folge geleistet, und ehe noch eine Minute verging, war der Arzt an Miß Peyton's Seite.

»Der heitere Anfang dieser Nacht hat ein trauriges Ende genommen, Madame,« bemerkte er mit beruhigender Stimme; »aber der Krieg bringt viel Unheil, obgleich er unstreitig die Sache der Freiheit fördert und die Wissenschaft der Chirurgie erweitert.«

Miß Pepton vermochte nicht zu antworten und deutete nur in der heftigsten Gemüthsbewegung auf ihre Nichte.

»Sie liegt im Fieber,« begann Franciska. »Sehen Sie das starre Auge und die Gluth ihrer Wangen.«

Der Wundarzt betrachtete eine Weile aufmerksam die äußeren Symptome der Kranken und nahm dann schweigend ihre Hand. Sitgreaves harte ausdruckslose Züge ließen selten eine tiefere Erregung blicken; alle seine Leidenschaften schienen unter einem starren Regelzwange zu stehen und nicht oft gab sein Gesicht die Gefühle seines Herzens zu erkennen. Im gegenwärtigen Augenblicke jedoch entdeckten die forschenden Blicke der Tante und der Schwester schnell die Bewegung seines Innern. Nachdem er seine Finger eine Minute an den schönen, bis an den Ellenbogen entblösten und mit Kleinodien bedeckten Arm gelegt hatte, ließ er ihn fallen, fuhr mit der Hand über die Augen und wandte sich bekümmert ab.

»Hier ist kein Fieber – es ist ein Fall, verehrte Dame, in dem nur Zeit und Pflege etwas ausrichten können. Diese können vielleicht mit Gottes Beistand eine Heilung zu Stande bringen.«

»Und wo ist der Elende, der diese Blüthe zerknickt hat?« rief Singleton, indem er den Beistand seines Bedienten abwehrte und sich in dem Stuhle, an den ihn seine Schwäche gebannt hatte, aufzurichten versuchte. »Was nützen uns die Siege über unsere Feinde, wenn sie sogar als Ueberwundene uns noch solche Wunden schlagen können?«

»Glaubst Du wohl, thörichter Junge,« sagte Lawton mit einem bittern Lächeln, »sie dächten daran, daß es auch fühlende Herzen in den Colonien gebe? Was ist Amerika anders, als ein Trabant der Sonne Englands, welcher sich nach ihren Bewegungen richten und ihr folgen muß, wohin sie will, und nur deßhalb scheint, damit das Mutterland durch seinen Glanz noch mehr verherrlicht werde? Du hast wahrlich vergessen, daß ein Colonist sich's zur hohen Ehre rechnen muß, wenn er von der Hand eines Albion-Sohnes zu Grunde gerichtet wird.«

»Ich habe nicht vergessen, daß ich ein Schwert trage,« sagte Singleton, indem er erschöpft in seinen Stuhl zurücksank. »Aber war denn kein Arm da, diese holde Dulderin zu rächen – die Leiden eines grauen Vaters zu mildern?«

»Es fehlt weder an Armen, noch an Herzen in einer solchen Sache, Sir,« erwiederte Lawton, sich in die Brust werfend, »aber der Zufall ist oft den Verruchten günstig. Beim Himmel, ich wollte meinen Rothschimmel darum geben, könnte ich den Schuft vor meine Waffe kriegen!«

»Nein, liebes Capitänchen, von dem Pferd dürfen Sie sich in keinem Fall trennen,« sagte Betty; »so eins ist nicht gleich wieder zu haben, zumal, wenn es ein bischen knapp im Beutel hergeht. Das Beest ist sicher auf den Beinen und setzt wie ein Eichhörnchen.«

»Weib, fünfzig Pferde und wären's die besten, die je an den Ufern des Potomac aufgefüttert wurden, wollte ich mit Freuden hingeben um einen Streich auf einen Schurken.«

»Kommen Sie,« sagte der Wundarzt, »die Nachtluft ist George oder diesen Damen nicht zuträglich, und es ist unsere Pflicht, sie irgendwo hinzubringen, wo man ihnen ärztlichen Beistand leisten und für Erfrischungen sorgen kann. Hier gibt es nichts als rauchende Trümmer und die schädlichen Ausdünstungen der Sümpfe.«

Gegen diesen vernünftigen Vorschlag ließ sich nichts einwenden, und Lawton gab Befehl, die ganze Gesellschaft nach den Kreuzwegen zu bringen.

In der Zeit, von der wir schreiben, gab es in Amerika nur wenige und nicht besonders geschickte Chaisen-Verfertiger, und jeder Wagen, der nur im mindesten Anspruch auf einen solchen Titel machte, war ein Erzeugniß der Londoner Fabriken. Als Herr Wharton die Stadt verließ, war er einer der Wenigen, welche über eine eigene Equipage zu gebieten hatten, und dieselbe schwerfällige Carosse, welche vordem so ehrfurchtgebietend durch die Windungen der Königin-Straße rollte, oder mit düsterer Würde auf der weiteren Bahn von Broadway hinfuhr, hatte Miß Pepton und ihre Nichten nach den Locusten gebracht. Dieser Wagen stand noch ungestört an der Stelle, welche ihm bei seiner Ankunft angewiesen worden war, und das Alter der Pferde schützte vornweg diese Lieblinge Cäsars vor den rücksichtslosen Griffen umherstreifender Soldatenabtheilungen. Mit schwerem Herzen ging der Schwarze an's Geschäft, um diese Equipage für den Gebrauch der Damen in Stand zu setzen, wobei er von einigen Dragonern freundlich unterstützt wurde. Es war ein unbequemes Fuhrwerk, dessen verblichene Auskleidung sammt dem abgeschossenen Kutschbocküberzug und den in allen Farben spielenden Polstern die Kunst- und Geschmacklosigkeit einer Zeit bezeichneten, welche ein solches Kabinetsstück für ein Prachtexemplar erklären konnte. »Der ruhende Löwe« des Wharton'schen Wappen war sichtlich auf das eines Kirchenfürsten gemalt, und die Mitra, welche bereits durch ihre amerikanische Maske durchzuscheinen begann, bezeichnete den Rang des früheren Eigenthümers. Auch Miß Singleton's Chaise war mit den Ställen und Außenbauten, wo sie stand, der Wuth des Feuers entgangen, da Lawton's rasches Erscheinen allen weiteren Unfug der Freibeuter verhinderte, welche sonst sicherlich die wohlbestellten Ställe nicht unheimgesucht gelassen hätten.

Man ließ auf der Brandstätte eine Wache unter dem Commando Hollisters zurück, der, nachdem er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es sich hier um Feinde mit Fleisch und Blut handle, seinen Posten mit bewunderungswürdiger Ruhe festhielt, und sich mit der größten Umsicht gegen jeden Ueberfall deckte. Er zog sich mit seiner kleinen Mannschaft ein wenig aus der Nähe der Ruinen, wodurch er selbst in Dunkel gehüllt wurde, indeß das fortdauernde Leuchten der Brandstätte genug Helle um sich warf, um jeden etwa sich nähernden Plünderer entdecken zu lassen.

Mit diesen umsichtigen Anordnungen zufrieden, traf Capitän Lawton die geeigneten Vorkehrungen zum Aufbruch. Miß Peyton, ihre zwei Nichten und Isabelle wurden in die Kutsche gebracht, indeß Betty's Karren, reichlich mit Betten und Decken versehen, die Ehre hatte, die Person des Capitän Singleton aufzunehmen. Doctor Sitgreaves erhielt bei Herrn Wharton einen Platz in Miß Singleton's Chaise. Es ist unbekannt, was aus den übrigen Hausangehörigen in dieser verhängnißvollen Nacht wurde, da mit Ausnahme Cäsars und der Haushälterin Niemand von der Dienerschaft mehr aufgefunden werden konnte. Nachdem die Gesellschaft auf diese Weise versorgt war, gab Lawton das Zeichen zur Abreise. Er selbst blieb noch eine Weile allein in dem Hofe zurück und sonderte einiges Silbergeräth und andere Gegenstände von Werth aus, die möglicher Weise seine eigenen Leute in Versuchung führen konnten. Als er nichts mehr fand, von dem er eine allzugroße Anfechtung für ihre Ehrlichkeit besorgte, warf er sich mit der ritterlichen Absicht in den Sattel, den Zug im Rücken zu decken.

»Halt, halt!« schrie auf einmal eine weibliche Stimme, »will man mich allein den Händen dieser Mörderbande überlassen? Der Löffel ist geschmolzen, glaube ich; aber ich will Ersatz haben, wenn es noch Recht und Gerechtigkeit in diesem unglücklichen Lande gibt.«

Lawton wandte den Blick nach der Richtung, wo diese Töne herkamen, und bemerkte eine aus den Trümmern auftauchende Weibergestalt, die unter der Last eines Bündels keuchte, welches an Umfang dem bekannten Packe des Krämers wenig nachstand.

»Wer ist's, der da wie ein Phönix aus der Asche steigt?« sagte der Rittmeister. »Ha, bei der Seele des Hippokrates! es ist der leibhaftige Schürzen-Doctor mit der famosen Nadel-Reputation. Nun, gute Frau, was soll dieses Schreien?«

»Was das Schreien soll?« wiederholte Katy, nach Luft schnappend; »ist es nicht Leides genug, einen silbernen Löffel zu verlieren, und soll ich nun allein auf diesem verödeten Platz zurückbleiben, um ausgeplündert oder vielleicht gar ermordet zu werden? Harvey würde nicht so mit mir umgegangen seyn. So lange ich seinen Haushalt führte, hat er mich wenigstens immer mit Achtung behandelt, wenn er auch mit seinen Geheimnissen etwas verschlossen war und mit seinem Gelde nicht umzugehen wußte.«

»So habt Ihr also einmal einen Theil von Birch's Haushalt ausgemacht?«

»Nicht nur einen Theil, sondern das Ganze, kann ich sagen,« erwiederte Katy; »es war Niemand da, als ich, er und der alte Herr. Sie haben den alten Herrn vielleicht gekannt?«

»Ich bin nicht so glücklich gewesen. Wie lange lebtet Ihr in Meister Birch's Familie?«

»Ich erinnere mich der Zeit nicht so genau, aber es muß wohl an die neun Jahre seyn: doch was soll mir das Alles jetzt?«

»Zweifelsohne konnte wenig Gutes bei einer solchen Verbindung herauskommen. Lag nicht etwas Ungewöhnliches in dem Charakter und dem Treiben dieses Meister Birch?«

»Ungewöhnlich ist ein zu mildes Wort für seine Sonderbarkeiten,« sagte Katy, indem sie ihre Stimme dämpfte und umher blickte; »er war ein merkwürdig rücksichtsloser Mensch und kümmerte sich um eine Guinee nicht mehr, als ich mich um ein Gerstenkorn. Aber machen Sie, daß ich wieder auf irgend eine Weise zu Miß Jinitt komme, und ich will Ihnen Wunderdinge von dem erzählen, was Harvey in der ersten und letzten Zeit gethan hat.«

»Wollt Ihr das?« rief der Reiter nach einigem Nachsinnen, »kommt, gebt mir Euern Arm, daß ich ihn über dem Ellenbogen fassen kann – Nun, an Knochen fehlt's Euch nicht, mag das Blut seyn, wie es will.«

Mit diesen Worten gab er der Jungfrau einen raschen Schwung, daß ihr auf einen Augenblick Hören und Sehen verging, und als sie ihre Sinne wieder gesammelt hatte, fand sie sich wohlbehalten, wenn auch nicht bequem, auf dem Hintertheile von Lawton's Pferde.

»So, gute Frau! Ihr habt nun die Beruhigung, so gut beritten zu seyn, als Washington. Das Roß ist sicher auf den Beinen und setzt wie ein Panther.«

»Lassen Sie mich hinunter,« schrie Katy und suchte sich seinen Eisenhänden zu entwinden, obgleich sie wegen des Fallens besorgt war; »das ist nicht die Art, eine ehrbare Frauensperson auf ein Pferd zu setzen; zudem kann ich nicht reiten ohne Kissen.«

»Gemach, gute Frau,« sagte Lawton, »mein Rothschimmel fällt zwar nie vorwärts, aber er schlägt bisweilen hinten aus. Er ist es nicht gewöhnt, daß ihm ein paar Fersen in die Seiten trommeln, wie ein Tambour am Tage der Schlacht. Eine einzige Berührung mit dem Sporn thut auf vierzehn Tage gut, und es ist keineswegs klug, so mit den Füßen zu trampeln, denn er ist ein Thier, das sich nicht gerne antreiben läßt.«

»Lassen Sie mich hinunter, sage ich,« kreischte Katy; »ich werde fallen und den Tod davon haben. Zudem kann ich mich an nichts halten, denn ich habe alle Hände voll.«

»Richtig,« erwiederte der Rittmeister, als er bemerkte, daß er die Haushälterin sammt Bündel und Allem von dem Boden aufgelüpft hatte, »ich sehe, daß Ihr zum Train gehört; aber meine Säbelkuppel wird schon noch zureichen, Eure schlanke Taille zu umfassen.«

Katy fühlte sich durch dieses Compliment zu sehr geschmeichelt, um ferneren Widerstand zu leisten. Der Reiter schnallte sie an seiner Hercules-Gestalt fest, drückte seinem Rosse den Sporn in die Seite und nun flogen sie mit einer Schnelligkeit aus dem Hofe, welche jedes weitere Sträuben fruchtlos gemacht haben würde. Nachdem der Ritt in dieser Weise, welche der Jungfer fast alle Besinnung raubte, einige Zeit fortgegangen war, trafen sie auf den Karren der Waschfrau, der in Berücksichtigung von Capitän Singleton's Zustande langsam über die Steine hinfuhr. Die Ereignisse dieser verhängnißvollen Nacht hatten in dem jungen Krieger eine Aufregung hervorgebracht, welche jetzt einer völligen Abspannung gewichen war, und so lag er, sorgfältig in Betttücher eingehüllt und von seinem Bedienten begleitet, sprachlos und in dumpfem Brüten über die Vergangenheit da. Die Unterhaltung zwischen Lawton und seiner Gefährtin hatte mit dem Beginne des scharfen Rittes ihre Endschaft erreicht; nun aber schlugen sie einen Fußpfad ein, auf welchem sich eher ein Gespräch anknüpfen ließ, und der Rittmeister begann von Neuem:

»Ihr habt also mit Harvey Birch in dem nämlichen Hause gewohnt?«

»Ueber neun Jahre,« sagte Katy tief athemholend und höchlich erfreut, daß das Jagen einmal nachgelassen hatte.

Die Baßtöne des Reiters hatten kaum die Ohren der Waschfrau, welche vorn auf dem Karren saß und ihre Mähre leitete, erreicht, als sie den Kopf umdrehte, um an dem Gespräche Theil zu nehmen.

»Dann, gute Frau, müßt Ihr auch ohne Zweifel wissen, ob er so eine Art von Beelzebub ist oder nicht,« sagte Betty. »Hollister wenigstens behauptet es, und der Wachtmeister ist sonst so einfältig nicht.«

»Das ist eine schändliche Verläumdung,« rief Katy heftig; »nie hat eine gutmütigere Seele, als Harvey, einen Pack getragen; er nimmt für ein Kleid oder eine nette Schürze von einer guten Freundin nicht einen rothen Heller. Das wäre mir mein Beelzebub! Für was würde er denn in der Bibel lesen, wenn er mit dem bösen Feinde Gemeinschaft hätte?«

»Jedenfalls ist er ein ehrlicher Teufel, wie ich immer gesagt habe, denn die Guinee war gut. Der Sergeant hat ihn also wohl in einem falschen Verdacht, obschon es sonst Hollistern nicht gerade an Einsicht gebricht.«

»Er ist ein Narr,« sagte Katy erbittert. »Harvey könnte ein vermöglicher Mann seyn, wenn er weniger gleichgültig wäre. Wie oft habe ich ihm gesagt, wenn er sich mit nichts anderem, als seinem Hausirhandel abgäbe, sein Geld zu Rath hielte, ein Weib nähme, die zu Hause auf seine Sachen Acht hätte – wenn er seinen Verkehr mit den Reglern und sonst noch Einiges aufgäbe, so könnte er ein herrliches Leben führen. Sergeant Hollister müßte dann froh seyn, wenn er ihm das Licht halten dürfte – ja, das müßte er, meiner Treu!«

»Pah!« sagte Betty in ihrer philosophischen Weise, »Ihr wißt wohl nicht, daß Herr Hollister ein Officier ist und im Zuge dem Korneten am nächsten steht. Aber dieser Hausirer gab uns einen Wink von dem Angriff der letzten Nacht, und es ist nicht gewiß, ob Capitän Jack ohne Verstärkung das Feld hätte behaupten können.«

»Was sagt Ihr, Betty?« rief der Rittmeister, indem er sich im Sattel vorbeugte; »Birch hätte Euch von unserer Gefahr Nachricht ertheilt?«

»Kein anderer, Schatz; und was ich für eine Noth hatte, bis die Jungen sich in Bewegung setzten. Ich dachte mir zwar wohl, Sie könnten mit den Kühjungen fertig werden, aber wenn man im Nothfall den Teufel auf seiner Seite hat, so darf man des Sieges gewiß seyn. Ich wundere mich nur, daß bei einem Handel, den Beelzebub angezettelt hat, so wenig geplündert wurde.«

»Ich bin Euch eben so viel für Euern Beistand verpflichtet, als für den Beweggrund dazu.«

»Sie meinen das Plündern? Nun, ich habe nicht früher daran gedacht, als bis ich die Sachen so auf dem Boden herumfahren sah, die einen verbrannt, die andern zerbrochen und wieder andere so gut wie neu. Es wäre doch nicht übel, wenn man auch nur ein einziges Federbett im Corps hätte.«

»Beim Himmel, es war hohe Zeit, daß Hülfe erschien! Wäre mein Rothschimmel nicht schneller als ihre Kugeln gewesen, so dürfte man mir jetzt zur Leiche gehen. Das Thier verdiente, mit Gold aufgewogen zu werden.«

»Sie meinen mit Papiergeld, Schatz? Gold fällt schwer in's Gewicht und ist nicht besonders häufig in unsern Staaten. Wenn der Neger nicht gewesen wäre und den Sergeanten mit seinen kupferrothen Augen und seinem Geträtsche von Geistern geängstigt hätte, so hätten wir zeitig genug kommen können, um alle diese Hunde todt zu schlagen und die übrigen gefangen zu nehmen.«

»Es ist gut so, wie es ist,« sagte Lawton; »doch hoffe ich, daß die Zeit nicht mehr ferne seyn wird, wo diese Elenden ihren Lohn empfangen werden, und wäre es auch nur in der Meinung ihrer Mitbürger, wenn sie ein irdischer Richter nicht mehr sollte ereilen können. Es muß der Tag kommen, an dem Amerika den Patrioten von dem Räuber unterscheiden lernt.«

»Nicht so laut,« sagte Katy; »es gibt Leute, die sich was darauf einbilden, mit den Schindern in Verkehr zu stehen.«

»Sie denken also besser von sich, als andere Leute von ihnen denken,« rief Betty. »Ein Dieb ist und bleibt ein Dieb, mag er nun im Namen des Königs Georg oder im Namen des Kongresses stehlen.«

»Ich dachte mir's wohl, daß es bald Unheil geben werde,« sagte Katy. »Die Sonne ging gestern hinter einer schwarzen Wolke unter und der Haushund winselte, obgleich ich ihm sein Futter mit eigenen Händen gereicht hatte. Auch ist es noch keine Woche, daß mir von Tausenden angezündeter Kerzen träumte und von Kuchen, die im Ofen verbrannten.«

»Nun,« sagte Betty, »ich bin nicht viel von Träumen heimgesucht. Mit einem guten Gewissen und einem ordentlichen Schlaftränkchen schläft man so ruhig, wie ein Kind. Ich träumte das letzte mal, als mir die Jungen Distelköpfe in das Betttuch gelegt hatten, und da kam es mir vor, als ob Capitän Jack's Bursche mich statt des Rothschimmels striegle; aber es hat weder meiner Haut noch meinem Magen einen Nachtheil gebracht.«

»Sicherlich,« sagte Katy, indem sie sich in einer Weise aufrichtete, daß Lawton in den Sattelzurückgezogen wurde, – »sicherlich hätte es mir nie eine Mannsperson wagen sollen, ihre Hand an mein Bettzeug zu legen. Das ist ein unanständiges und verächtliches Betragen.«

»Pah, pah!« rief Betty, »wenn Ihr hinter einer Schwadron herzöget, würdet Ihr Euch auch einen kleinen Scherz gefallen lassen müssen. Was würde aus den vereinigten Staaten und der Freiheit werden, wenn die Jungen nie ein sauberes Hemd auf den Leib oder ein Tröpflein Schnaps in den Magen bekämen? Fragt da den Capitän Jack, Frau Beelzebub, ob sie fechten würden, ohne reines Weißzeug, um den Sieg darein wickeln zu können.«

»Ich bin eine ledige Person und mein Name ist Haynes,« sagte Katy; »ich muß daher bitten, daß man keine so herabwürdigenden Ausdrücke gegen mich braucht, wenn man mit mir spricht.«

»Ihr müßt Frau Flanagan's Zunge schon etwas zu gut halten, Madame,« sagte der Reiter; »die Tröpflein, von denen sie spricht, lassen sich oft mit Kannen messen, und dann hat sie auch etwas von der Freimüthigkeit der Soldaten angenommen.«

»Pah, Capitän, Schatz!« rief Betty, »was verrücken Sie mit Ihrem Geschwätze dem Weibsbild da den Kopf? Reden Sie, wie sonst – Sie brauchen sich Ihrer Zunge nicht zu schämen, mein Bester. Aber hier herum ist die Stelle, wo der Sergeant halten ließ, weil er glaubte, es machten einige Teufel die Nacht unsicher. Die Wolken sind so schwarz, wie Arnold's Herz und der Henker hole den Stern, der da unter ihnen glitzert. Nun, die Mähre ist an Nachtmärsche gewöhnt und weiß den Weg aufzufinden, wie ein Schweißhund.«

»Der Mond wird nächstens aufgehen,« bemerkte der Rittmeister. Dann rief er einem voranreitenden Dragoner, welchem er einige Aufträge, hinsichtlich Singleton's bequemerem und sicherem Transport ertheilte, sprach dann einige Worte dos Trostes zu seinem Freunde, gab seinem Rosse die Sporen und glitt mit einer Geschwindigkeit an dem Karren vorbei, welche die ganze Fassung der ehrsamen Katy Haynes abermals über den Haufen warf.

»Glück auf den Weg, muthiger Reiter,« rief ihm die Waschfrau nach, als er an ihr vorbeijagte, »und wenn Sie dem Meister Beelzebub begegnen, so reiten Sie rücklings auf ihn zu und zeigen Sie ihm sein Weib, das Sie auf dem Schwanzriemen sitzen haben. Ich denke nicht, daß er lange Halt machen wird, um mit ihr zu plaudern. – Nun, nun, wir haben ihm das Leben gerettet, wie er selber sagte, und so hat es nicht viel zu sagen, wenn auch aus dem Plündern nichts geworden ist.«

Capitän Lawton war mit Betty Flanagan's Weise zu sehr bekannt, um sich lange mit einer Erwiederung aufzuhalten. Sein Pferde jagte trotz der ungewöhnlichen Last mit Windesschnelle die Straße dahin, und die Entfernung zwischen dem Karren der Marketenderin und der Kutsche, welche die Damen führte, wurde in einer Weise zurückgelegt, welche, wenn sie auch den Absichten des Reiters entsprechen mochte, für seine Gefährtin wenig Behagliches hatte. Er holte die Kutsche nicht weit von seinem Quartier ein, und zu gleicher Zeit brach der Mond hinter einer Masse Wolken hervor und beleuchtete die Gegend mit seinen sanften Strahlen.

In Vergleichung mit der einfachen Eleganz und der wohlhabenden Bequemlichkeit, welche die Locusten zur Schau getragen hatten, bot das Hotel Flanagan einen gar armseligen Anblick. Statt der mit Teppichen belegten Fußböden und der mit Vorhängen versehenen Fenster zeigten sich hier weite Risse in den roh gezimmerten Dielen, und die grünen Fensterscheiben waren mehr als zur Hälfte durch geschickt angebrachte Bretter und Papierstreifen ersetzt. Lawton hatte bereits vorher jede mit den Umständen vereinbare Verbesserung vornehmen und durch die vorausgegangenen Soldaten, welche von der Brandstätte auch einige nöthige Hausgeräthschaften mitnahmen, ein Feuer anzünden lassen. Miß Peyton und ihre Gefährtinnen trafen daher bei ihrer Ankunft die Stuben in einem doch einigermaßen wohnlichen Zustande. Sara hatte während der ganzen Fahrt irre geredet und mit dem Witze des Wahnsinns jeden Umstand auf die Gefühle bezogen, welche in ihrer eigenen Seele die vorherrschenden waren.

»Es ist unmöglich auf ein Gemüth einzuwirken, welches ein solcher Schlag betroffen hat,« sagte Lawton zu Isabella Singleton; »die Zeit und Gottes Gnade können es allein wieder herstellen; doch läßt sich noch Einiges für die leibliche Bequemlichkeit Aller thun. Sie sind eine Soldatentochter und somit ist ein Aufenthalt, wie dieser, für Sie nichts Neues; aber helfen Sie mir, diese Fenster gegen den kalten Luftzug verwahren.«

Miß Singleton entsprach diesem Gesuch, und während Lawton von außen beschäftigt war, die zerbrochenen Scheiben zu verstopfen, suchte Isabelle von innen eine Art Vorhang zurecht zu machen.

»Ich höre den Karren,« sagte der Rittmeister, als Erwiederung auf eine ihrer Fragen. »Betty ist im Grunde gutherzig. Glauben Sie mir, der arme Georg wird nicht nur wohlbehalten, sondern auch auf die möglichst bequeme Weise anlangen.«

»Gott lohne ihre Sorgfalt, er lohne sie euch allen,« sagte Isabella mit Wärme. »Ich höre, Doctor Sitgreaves ist ihm entgegen gegangen – aber was glänzt dort im Monde?«

Dem Fenster, an dem beide beschäftigt waren, gerade gegenüber lagen die Wirtschaftsgebäude des Hauses und Lawtons rasches Auge entdeckte schnell den Gegenstand, dessen die Dame erwähnt hatte.

»Es ist das Blinken eines Feuergewehrs,« sagte der Rittmeister und eilte vom Fenster weg nach seinem Rosse, welches noch aufgezäumt an der Thüre stand. Die Bewegung geschah mit Gedankenschnelle, aber ehe er noch einen Schritt gethan hatte, blitzte es auf und eine Kugel sauste ihm am Ohre vorbei. Ein lauter Schrei ließ sich aus dem Hause vernehmen und zu gleicher Zeit saß Lawton im Sattel; das Ganze war das Werk eines Augenblicks.

»Ausgesessen – aufgesessen – mir nach!« brüllte der Rittmeister, und ehe noch die bestürzten Dragoner den Grund des Tumultes begreifen konnten, hatte der Rothschimmel bereits über die Verzäunung gesetzt, welche zwischen Lawton und seinem Feinde lag. Die Jagd ging auf Tod und Leben, aber die Felsen lagen zu nahe und der getäuschte Reiter sah sein beabsichtigtes Opfer in einer der Schluchten verschwinden, die jeder weiteren Verfolgung ein Ziel setzten.

»Bei Washingtons Leben,« brummte Lawton, indem er seinen Säbel in die Scheide steckte, »ich hätte zwei Hälften aus ihm gemacht, wenn er nicht so hurtig auf den Beinen gewesen wäre – aber er wird mir schon wieder in den Wurf kommen!«

Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und kehrte mit der Ruhe eines Mannes, der wohl weiß, daß sein Leben jeden Augenblick als ein Opfer für das Vaterland fallen kann, nach seinem Quartier zurück. Ein ungewöhnlicher Lärm in dem Hause veranlaßte ihn, seinen Ritt zu beschleunigen, und als er an der Thüre anlangte, theilte ihm Katy voller Schrecken mit, daß die Kugel, welche es auf sein eigenes Leben abgesehen hatte, in Miß Singletons Brust gedrungen sey.

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