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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 24
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Nicht sey die Zunge eigner Schmach Verkünder;
Mit süßer Rede wirb und brich die Treue;
Des Lasters Anstrich gleich' der Tugend Boten.

Komödie der Irrungen.

 

Cäsars Renner hatte die vier Meilen von den Locusten bis nach den Kreuzwegen, trotz der mitgetheilten Zwischenvorfälle, in der unglaublich kurzen Zeit von einer Stunde hin und her zurückgelegt. Während dieser Zeit befand sich die in Herrn Wharton's Hause versammelte Gesellschaft nicht in der angenehmsten Lage. Die Herren bemühten sich, die verdrießlichen Augenblicke so viel als möglich zu verkürzen, aber eine erkünstelte Heiterkeit ist wohl am wenigsten geeignet, die Herzen aufthauen zu machen. Braut und Bräutigam haben seit undenklichen Zeiten das Recht, ernst zu seyn, und die meisten der anwesenden Freunde schienen bei dem gegenwärtigen Anlasse ihrem Beispiele folgen zu wollen. Der Obrist legte das Gefühl seines Glückes auf eine eigenthümliche Weise an den Tag, indem sein Gesicht alle Grade der Unbehaglichkeit ausdrückte, während Sara an seiner Seite saß und die Zögerung zu benützen schien, um für die feierliche Ceremonie die nöthige Fassung zu gewinnen. Dieses verlegene Schweigen wurde durch den Doctor Sitgreaves unterbrochen, indem er sich an Miß Peyton wendete, an deren Seite er sich einen Sitz zu verschaffen gewußt hatte.

»Die Ehe, Madame, gilt vor den Augen Gottes und der Menschen als ein ehrenwerther Stand und ist in unserm Zeitalter so zu sagen ganz auf die Gesetze der Natur und der Vernunft zurückgeführt worden. Die Alten haben bei Sanctionirung der Polygamie die Zwecke der Natur ganz aus dem Gesicht verloren und Tausende einem armseligen Zustande preisgegeben. Aber mit den Fortschritten der Wissenschaften lernte man die Weisheit und die Wichtigkeit des Naturgesetzes erkennen, daß der Mann nur Ein Weib haben solle.«

Wellmere warf einen finstern verdrießlichen Blick auf den Wundarzt, um demselben seinen Widerwillen gegen die Fadheit, solcher Bemerkungen zu erkennen zu geben, indeß Miß Peyton nach einigem Zögern, als fürchte sie, einen gefährlichen Boden zu betreten, erwiederte:

»Ich habe bisher geglaubt, Sir, wir hätten diese Einrichtung der christlichen Religion zu verdanken.«

»Ganz richtig, Madame, es ist irgendwo in den Vorschriften der Apostel vorgesehen, daß die beiden Geschlechter in dieser Hinsicht fortan gleiche Rechte haben sollten; denn wie könnte die Polygamie mit der Heiligkeit des Wandels bestehen? Wahrscheinlich wurde diese weise Anordnung von Paulus getroffen, der ein großer Gelehrter war, wobei er vielleicht häufig über diesen wichtigen Gegenstand mit Lucas conferirte, der sich bekanntlich zum practischen Arzte herangebildet hatte.«

Es läßt sich nicht absehen, wie weit dieses Thema Sitgreave's thätige Phantasie noch geführt haben würde, wenn er nicht unterbrochen worden wäre. Lawton, der bisher ein schweigender, aber aufmerksamer Beobachter gewesen war, benützte nämlich den Gegenstand der Unterhaltung plötzlich zu der Frage:

»Sagen Sie mir doch, Obrist Wellmere, wie wird die Bigamie in England bestraft?«

Der Bräutigam fuhr zusammen und erbleichte bis zu den Lippen. Er faßte sich jedoch schnell wieder und antwortete mit einer Leichtigkeit, wie sie einem so glücklichen Manne ziemte:

»Mit dem Tode, – der gerechten Vergeltung eines solchen Verbrechens.«

»Mit Tod und Section,« fuhr der Wundarzt fort. »Es ist selten, daß das Gesetz einen möglichen Nutzen, der sich von einem Uebelthäter noch erzielen läßt, übersieht. Bigamie ist, zumal beim Manne, ein abscheuliches Verbrechen.«

»Mehr noch, als die Ehelosigkeit?« fragte Lawton.

»Gewiß,« versetzte der Wundarzt, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: »wer im ledigen Stande verbleibt, kann sein Leben der Wissenschaft und der Erweiterung seiner Kenntnisse weihen, und es ist nicht nöthig, daß er etwas zur Propagation seiner Species beitrage; aber der Elende, der die natürliche Anlage des Weibes zur Leichtgläubigkeit und zu zarter Hingebung mißbraucht, versündigt sich auf die nichtswürdigste Weise, besonders auch wegen des niedrigen Betrugs, den er dabei anwendet.«

»In der That, Sir, die Damen müssen Ihnen außerordentlich dafür verbunden seyn, daß sie die Thorheit zu ihren natürlichen Anlagen zählen.«

»Capitän Lawton, der animalische Organismus des Mannes ist edler, als der des Weibes. Seine Nerven haben weniger Sensibilität, der ganze Bau ist weniger geschmeidig und nachgiebig. Ist es daher ein Wunder, daß der Hang zum Vertrauen, zur Hingebung mehr in der Natur des Weibes, als in der des Mannes liegt?«

Wellmere schien bei einer so übel gewählten Unterhaltung alle Geduld zu verlieren. Er sprang von seinem Sitze auf und schritt verstört im Zimmer auf und ab. Der Geistliche, welcher Cäsars Rückkehr mit Ungeduld erwartete, hatte Mitleid mit der Lage des Bräutigams und gab dem Gespräch eine andere Wendung, bis die Ankunft des Schwarzen der ganzen Verlegenheit ein Ende machte. Das Billet wurde, dem Doctor Singleton eingehändigt, da Miß Peyton Cäsarn die gemessene Weisung ertheilt hatte, sie in keiner Weise mit seinem Auftrag in Verbindung zu bringen. Es enthielt einen summarischen Bericht über die verschiedenen, von dem Wundarzt gemachten Verordnungen und die Meldung, daß dem Schwarzen der Ring übergeben worden sey. Cäsar lieferte ihn aus, und ein Zug von Melancholie überflog Sitgreaves Stirne, als er einen Augenblick den Reif schweigend betrachtete und dann, ohne auf Zeit und Ort Rücksicht zu nehmen, in folgendes Selbstgespräch ausbrach:

»Arme Anna, Du warst so heiter, wie nur Unschuld und Jugend ein Herz machen können, als dieser Ring gefertigt wurde, um bei Deiner Hochzeit zu dienen; aber ehe die Stunde kam, hat Gott Dich zu sich genommen. Ach, Schwester, wie viele Jahre sind seitdem dahin geschwunden, aber nie konnte ich die Gefährtin meiner Kindheit vergessen.« Ohne zu ahnen, daß seine Worte gehört worden, ging er auf Sara zu, steckte den Ring an ihren Finger und fuhr fort: »Sie, für die er bestimmt war, ruht lange im Grabe, und der Jüngling, dessen Geschenk er war, folgte bald ihrer geheiligten Seele nach. Nehmen Sie ihn, Miß Wharton, und Gott gebe, daß er dazu diene, Sie so glücklich zu machen, als Sie es verdienen!«

Sara fühlte einen Stich durch's Herz, als der Wundarzt in dieser Weise seinen Gefühlen Luft machte; aber Wellmere bot ihr die Hand und führte sie vor den Priester, welcher nunmehr die Trauungsförmlichkeiten begann. Die ersten Worte dieser bedeutungsvollen Handlung veranlaßten eine Todtenstille im Zimmer, und der Geistliche sprach eine feierliche Ermahnung, worauf er das Brautpaar das Gelöbniß der Treue ablegen ließ, ehe er die wirkliche Einsegnung vornahm. Der Ring war jedoch aus Unachtsamkeit und in der Aufregung des Augenblicks an dem Finger geblieben, an welchen ihn der Doctor gesteckt hatte, was eine kleine Unterbrechung veranlaßte, und als der Geistliche im Begriffe war, fortzufahren, zeigte sich plötzlich mitten in der Gesellschaft eine Gestalt, welche auf einmal der ganzen heiligen Handlung Halt gebot.

Es war der Hausirer. Sein Blick war bitter und ironisch, und ein warnend ausgehobener Finger schien dem Diener der Kirche zu verbieten, in der Ceremonie fortzufahren.

»Kann Obrist Wellmere hier kostbare Augenblicke vergeuden, wahrend sein Weib über's Meer ihm entgegen eilt? Die Nächte sind lang und der Mond hell; – einige Stunden werden ihn nach der Stadt bringen.«

Durch diese plötzliche unerwartete Anrede wie entgeistert, verlor Wellmere einen Augenblick seine Besinnung. Sara jedoch wurde durch die Erscheinung des Krämers, so ausdrucksvoll auch seine Züge waren, nicht erschreckt; sie erholte sich schnell von der Ueberraschung dieser Unterbrechung und warf einen ängstlichen Blick auf das Antlitz des Mannes, welchem sie eben ewige Treue geschworen hatte. Aber sie las auf demselben nur die schreckliche Bestätigung der Worte des Krämers; – das Zimmer drehte sich mit ihr im Kreise herum und sie fiel leblos in die Arme ihrer Tante. In der Seele des Weibes liegt ein gewisses instinktartiges Zartgefühl, das alle andern Erregungen der Seele zu überwältigen scheint. Die bewußtlose Braut wurde sogleich entfernt und das Zimmer ausschließlich den Männern überlassen.

Diese Verwirrung machte es dem Hausirer möglich, sich mit einer Schnelligkeit zurückzuziehen, welche jedem Versuch einer Verfolgung Trotz geboten haben würde, während auf Wellmere, der in unheilverkündendem Schweigen da stand, alle Blicke gerichtet waren.

»Es ist falsch – es ist falsch, wie die Hölle!« rief er endlich, indem er die Faust an die Stirne drückte: »Ich habe nie ihre Ansprüche anerkannt, und eben so wenig können mich die Gesetze meines Landes dazu zwingen.«

»Auch nicht das Gewissen und die Gesetze Gottes?« fragte Lawton.

»Wohl, Sir,« sagte Wellmere stolz, indem er sich gegen die Thüre zurückzog – »meine gegenwärtige Lage beschützt Sie. Aber es wird eine Zeit kommen –«

Als er eben das Zimmer verlassen wollte, veranlaßte ihn eine leichte Berührung der Schulter, sich umzusehen. Er begegnete Lawtons Blicken, welcher ihn mit bedeutungsvollem Lächeln bat, ihm zu folgen. Wellmere's Gemüthsstimmung war von der Art, daß er gerne überall hingegangen wäre, wo er die Blicke des Abscheu's und der Verachtung, welche ihm überall begegneten, vermeiden konnte. So gingen sie schweigend mit einander zu den Ställen, wo der Dragoner mit lauter Stimme rief:

»Bringt mir den Rothschimmel heraus.«

Der Bediente erschien mit dem gesattelten Rosse. Lawton warf dem Thiere kaltblütig den Zügel über den Hals, nahm seine Pistolen aus den Halftern und fuhr fort:

»Hier sind Waffen, welche vor diesem Tage manchen ehrenvollen Dienst geleistet haben – ja, und in ehrenwerthen Händen, Sir. Es sind die Pistolen meines Vaters, Obrist Wellmere; sie thaten ihm gute Dienste in den Kriegen gegen Frankreich und haben in meiner Hand für die Freiheit des Vaterlandes mitgefochten. Kann ich demselben einen bessern Dienst leisten, als wenn ich einem Elenden das Lebenslicht ausblase, der im Begriffe war, eine seiner liebenswürdigsten Töchter zu schänden?«

»Sie sollen mir diese Beleidigung büßen,« rief der Andere, indem er die angebotene Waffe ergriff. »Die Blutschuld falle auf das Haupt dessen, der den Kampf veranlaßte.«

»Amen! aber halten Sie einen Augenblick, Sir. Sie sind nun frei und haben Washingtons Paß in der Tasche. Sie sollen zuerst schießen. Wenn ich falle, so ist hier ein Pferd, das sie aller Verfolgung entziehen wird. Ich möchte Ihnen dann rathen, sich ohne alle Zögerung davon zu machen, denn selbst Archibald Sitgreaves würde in einer solchen Sache die Waffen ergreifen – auch würden meine Leute nicht besonders geneigt seyn, Pardon zu geben.«

»Sind Sie fertig?« fragte Wellmere und knirschte vor Wuth mit den Zähnen.

»Komm mit dem Licht hervor, Tom – Feuer!«

Wellmere schoß und die Quaste flog von dem Epaulette des Dragoner-Officiers.

»Nun ist die Reihe an mir,« sagte Lawton und erhob bedächtlich seine Pistole.

»Und an mir,« brüllte eine Stimme – und zugleich wurde dem Rittmeister die Waffe aus der Hand geschlagen. »Bei allen Teufeln in der Hölle, es ist der tolle Virginier! – heran, Jungen und ergreift ihn! Das ist ein Fang, den, wir nicht erwartet haben!«

Obgleich Lawton unbewaffnet war, so raubte ihm doch dieser Ueberfall die Geistesgegenwart nicht. Er fühlte, daß er in Hände gefallen sey, von denen keine Schonung zu hoffen war und strengte daher gegen die vier Schinder, welche zu gleicher Zeit über ihn herfielen, seine riesigen Kräfte auf's äußerste an. Drei dieser Gauner hatten ihn am Halse und an den Armen gepackt, um ihm jeden Widerstand Unmöglich zu machen und ihn mit Stricken zu binden. Es gelang ihm jedoch, einen davon mit einer Gewalt von sich zu schleudern, daß er gegen das Gebäude flog und eine Weile besinnungslos liegen blieb. Aber der vierte ergriff den Dragoner an den Beinen und so unterlag er der Uebermacht, obgleich er im Falle alle seine Angreifer mit zur Erde riß. Der Kampf auf dem Boden war kurz, aber schrecklich. Die Schinder stießen die schrecklichsten Flüche und Verwünschungen aus und riefen umsonst Andere von der Bande, welche in lautlosem Entsetzen dem Ringen zusahen, zum Beistand auf. Man horte das schwere Athmen eines der Kämpfenden, welchem das Sterberöcheln eines Erdrosselten folgte; dann erhob sich einer aus der Gruppe und schüttelte die beiden andern von sich ab. Wellmere und Lawtons Diener hatten sich geflüchtet, der Erstere nach den Ställen, und der Letztere, welcher das Licht mit fortgenommen hatte, um Lärm zu machen. Die Gestalt, welche sich dem Kampfe entrungen hatte, warf sich in den Sattel des unbeachtet gebliebenen Pferdes und jagte mit der Schnelligkeit des Windes der Landstraße zu. Die sprühenden Funken des Hufes ließen in dem Dahineilenden die Gestalt des Rittmeisters erkennen.

»Bei der Hölle, er ist fort!« rief der Führer, heiser vor Wuth und Erschöpfung. »Schießt ihm nach – schießt ihn herunter – oder ihr kommt zu spät.«

Dem Befehl wurde gehorcht und es folgte eine erwartungsvolle Stille, während welcher man vergeblich hoffte, Lawtons schwere Gestalt vom Pferde stürzen zu hören.

»Der stürzt nicht, und wenn er durch und durch getroffen ist,« brummte einer aus der Bande. »Ich habe diese Virginier mit zwei oder drei Kugeln im Leib, ja sogar, wie sie schon todt waren, noch auf dem Pferde sitzen sehen.«

Ein frischer Windstoß trug den Hufschlag des Rosses in's Thal herunter, und an der Eile desselben ließ sich erkennen, daß ein Reiter die Bewegungen des Thieres leite.

»Diese Pferde sind so gut dressirt, daß sie immer stehen bleiben, wenn ihr Reiter fällt,« bemerkte einer der Schinder.

»Dann ist der Kerl in Sicherheit,« rief der Führer und stieß den Schaft seiner Muskete wüthend auf den Boden; – »doch jetzt zu unserm Geschäft, denn nach einer kurzen halben Stunde haben wir den salbadernden Schuft von Sergeanten mit seiner Wache auf dem Hals. Es müßte ein besonderes Glück seyn, wenn ihn nicht der Knall unserer Flinten auf die Beine gebracht hätte. Schnell an eure Posten, und werft Feuer in die Zimmer. Rauchende Trümmer sind eine geeignete Sühne für Mißhandlungen.«

»Was fangen wir mit diesem Erdenklos an? rief ein Anderer, als er an den leblosen Körper stieß, welcher noch auf der Stelle lag, wo ihn Lawtons Umarmung niedergestreckt hatte. »Ich denke, ein bischen Reiben könnte ihn wieder zu sich bringen.«

»Laß ihn liegen,« sagte der Führer ungestüm; »wäre er nur halbwegs ein Mann gewesen, so hätte ich jetzt diesen schuftigen Dragoner in meiner Gewalt. Dringt in's Haus, sage ich, und werft Feuer in die Zimmer. Wir wollen nicht umsonst hier gewesen seyn – es gibt hier Geld und Silbergeschirr genug, um euch alle zu Herren zu machen. Die Rache habt ihr als Zugabe.«

Die Hoffnung auf Beute ermuthigte die Bande, welche nunmehr ihren Gefährten, der bereits wieder einige Lebenszeichen von sich gab, im Stiche ließ und tumultuarisch in das Haus einbrach. Wellmere benützte die Gelegenheit, sein Pferd heimlich aus dem Stalle zu holen, und erreichte unbemerkt die Landstraße. Er überlegte einen Augenblick, ob er nach dem Standquartier der Dragoner reiten und sich bemühen solle, etwas zur Rettung der Familie beizutragen, oder ob es nicht gerathener sey, die Freiheit, die er der Auslösung des Geistlichen verdankte, zu benützen und die königliche Armee aufzusuchen. Schaam und das Bewußtseyn seiner Schuld ließen ihn das Letztere wählen und er schlug seinen Weg nach Neu-York ein, ängstlich besorgt, einem wüthenden Weib zu begegnen, das er während seines letzten Aufenthalts in England geheiratet, deren Ansprüche er aber, sobald seine Leidenschaft gesättigt war, nie anzuerkennen beschlossen hatte.

In der Unruhe und Verwirrung des Augenblickes war Lawtons und Wellmere's Entfernung unbeachtet geblieben, und Herr Whartons Zustand forderte sowohl den Trost des Geistlichen, als den Beistand des Wundarztes. Erst der Knall der Flinten weckte in der Familie die Ahnung einer neuen Gefahr und es stund kaum einige Augenblicke an, als der Freibeuter-Häuptling mit noch einem von der Bande in's Zimmer trat.

»Ergebt euch, ihr Diener des Königs Georg,« brüllte der Führer, indem er Sitgreaves die Muskete auf die Brust hielt; »oder ich will euern Adern ein bischen Tory-Blut abzapfen.«

»Gemach – gemach, mein Freund,« sagte der Wundarzt; »Ihr seyd zweifelsohne geschickter, Wunden zu schlagen, als sie zu heilen. Die Waffe, mit welcher Ihr so unvorsichtig umgeht, ist dem animalischen Leben ungemein gefährlich.«

»Ergib dich, oder Du sollst ihren Inhalt kosten!«

»Wie und weßhalb soll ich mich ergeben? Ich gehöre nicht zu der streitbaren Mannschaft. Die Capitulationsartikel müssen mit Capitän Lawton abgeschlossen werden, obgleich ich glaube, daß das Ergeben keine Sache ist, in welcher Ihr ihn besonders willfährig finden werdet.«

Der Schinder hatte unterdessen die Gruppe gemustert und sich überzeugt, daß von derselben wenig Widerstand zu befürchten war. Begierig, an dem Raube Theil zu nehmen, ließ er seine Muskete sinken und machte sich mit einigen seiner Leute an das Silbergeschirr, welches er in Säcke stecken ließ. Das Landhaus bot nun einen eigenthümlichen Anblick dar. Die Damen waren um Sara versammelt, die noch immer besinnungslos in einem der Zimmer lag, in welches die Habgier der Plünderer noch nicht gedrungen war. Herr Wharton saß in einem Zustande völliger Geistesschwäche da und horchte auf die nichtssagenden Trostsprüche des Geistlichen, ohne etwas davon zu begreifen. Singleton lag erschöpft und antheillos auf dem Sopha, während der Wundarzt ihm mit Stärkungsmitteln beisprang, und mit einer Kaltblütigkeit, die im schärfsten Gegensätze zu dem ganzen Tumulte stand, den Verband untersuchte. Cäsar und der Bediente des Kapitäns Singleton hatten sich in den Wald, der hinten an das Landhaus stieß, geflüchtet, und Katy rannte in geschäftiger Hast im Gebäude umher, um ein Bündel werthvoller Gegenstände zusammenzuraffen, von dem sie jedoch mit der gewissenhaftesten Ehrlichkeit alles ausschloß, was nicht wirklich und wahrhaftig ihr Eigenthum war.

Wir kehren jedoch nach den Kreuzwegen zurück. Der Veteran hatte seine Leute kaum aufsitzen lassen, als die Waschfrau ein brennendes Verlangen verspürte, an dem Ruhm und den Gefahren dieses Feldzuges Theil zu nehmen. Wir wagen es nicht, zu entscheiden, ob die Furcht, allein zu bleiben, oder der Wunsch, ihrem Liebling in Person zu Hülfe zu eilen, sie zu diesem kühnen Entschluß begeisterte – genug, als Hollister den Befehl zum Aufbruch gab, ließ sich die laute Stimme Betty's also vernehmen:

»Haltet ein Bischen, liebes Wachtmeisterchen, bis ein Paar von den Jungen meinen Karren herausgebracht haben; ich ziehe dann gleich mit Euch. Es könnte Verwundete geben, und da ist es gar bequem, wenn man sie auf dem Karren heimbringen kann.«

Obgleich dem Sergeanten der Aufschub eines Dienstes, der ihm so wenig behagte, wie gerufen kam, so äußerte er doch einiges Mißvergnügen über diese Störung.

»Nichts als eine Kanonenkugel soll mir einen meiner Bursche von dem Pferd herunterholen,« sagte er; »aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß wir es in einem Geschäfte, welches der böse Feind erfunden hat, mit ehrlichen Kanonen und Musketen zu thun kriegen werden. Wenn Ihr also wollt, Betty, so könnt Ihr mitkommen, aber den Karren können wir entbehren.«

»Ei, lieber Wachtmeister, das ist jedenfalls erlogen von Euch,« sagte Betty, die etwas ungebührlich vom Einfluß ihres Getränkes beherrscht wurde. »Sind es nicht kaum zehn Tage, daß Capitän Singleton von seinem Pferde geschossen wurde? ja, und Capitän Jack dazu; und lag er nicht rücklings auf dem Boden, das Gesicht nach oben, schrecklich anzusehen? Haben ihn nicht die Jungen für todt gehalten, und Reißaus genommen und den Reg'lern den Sieg gelassen?«

»Das ist gleichfalls erlogen,« rief der Sergeant heftig, »und das sage ich jedem, der zu behaupten wagt, wir hätten den Kürzern gezogen.«

»Nun, ein Bischen doch, – ich meine nur ein Bischen,« sagte die Waschfrau; »aber Major Dunwoodie brachte Euch wieder herum und dann schmiertet Ihr den Reg'lern aus. Der Capitän aber fiel doch, und ich denke, es gibt keinen bessern Reiter weit und breit; es mag daher der Karren ganz am rechten Orte seyn. Da, kommt herunter, ihr Zwei; spannt mir geschwind die Mähre vor, und es soll euch morgen an Whisky nicht fehlen. Legt mir auch ein Stück von Jenny's Haut unter das Kummet, es wird der Bestie auf den rauhen Wegen von West-Chester gut bekommen.«

Nach ertheilter Zustimmung des Wachtmeisters war Betty's Equipage bald in den Stand gesetzt, die begeisterte Dame aufzunehmen.

»Wir können nicht wissen, ob wir von vorn oder von hinten angegriffen werden,« sagte Hollister; »es mögen daher Eurer Fünfe voran reiten; die Uebrigen decken den Rückzug nach der Kaserne, im Falle wir zu hart gedrängt werden sollten. Es ist etwas Schreckliches für einen unstudirten Mann, Elisabeth, in einem solchen Dienst zu commandiren. Ich wollte, es wäre einer der Officiere da; doch der Herr wird mir beistehen.«

»Pah, seyd Ihr auch ein Soldat?« sagte die Wäscherin, sobald sie sich's auf ihrem Karren bequem gemacht hatte. »Der Teufel wird euch nicht gleich holen. Marsch, hurrah, hop hop, und laßt die Mähre traben, oder der Capitän Jack wird Euch für Euern Beistand wenig Dank wissen.«

»Obgleich ich wenig davon verstehe, wie man mit bösen Geistern umgeht oder umherwandelnde Todte zur Ruhe bringt, Frau Flanagan, so habe ich doch nicht den ganzen alten Krieg und fünf Jahre in diesem neuen mitgemacht, um nicht zu wissen, daß man die Bagage decken muß. Trägt nicht Washington selber immer Sorge für die Bagage? Ich brauche nicht von so einem Anhängsel des Lagers den Dienst zu lernen. Thut, wie wir Euch befohlen! – Richtet Euch, Jungen!«

»Nun, – so treibt's, wie Ihr wollt. Der Neger ist bereits unten, und der Capitän wird Euch für Eure Trägheit Dank wissen!«

»Seyd Ihr überzeugt, daß der, welcher die Ordre brachte, auch wirkliche ein schwarzer Mensch war?« sagte der Sergeant, indem er sich zwischen die beiden Abtheilungen hinein schob, wo er mit Betty plaudern und zugleich schneller bei der Hand seyn konnte, wenn es galt, zum Vorrücken oder zum Rückzug zu commandiren.

»Nein – ich bin von gar nichts überzeugt, Schatz. Aber warum geben die Burschen ihren Gäulen nicht die Sporen und marschiren im Trab? Meine Mähre ist gewaltig unruhig und man wird nicht warm in diesem verwünschten Thale, wenn es so langsam geht, wie bei einem Leichenzuge oder bei einem Wagen voll alter Lumpen, die der Congreß zu seinem Continentalgeld braucht.« Das von dem Congreß eingeführte Papiergeld wurde gewöhnlich Continentalgeld genannt. Der Ausdruck ›Continental‹ wurde auf die Armee, den Kongreß, die Kriegsschiffe, kurz auf Alles, was mit der neuen Regierung in Verbindung stand, im Gegensatz zu der Insel-Lage des Mutterlandes angewendet.

»Eile mit Weile – alles mit Vorsicht, Frau Flanagan. Uebereilung macht nicht den guten Officier. Wenn man es mit einem Geist zu thun hat, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß der Angriff in einer Ueberraschung bestehen wird. In der Dunkelheit läßt sich nicht viel mit den Pferden anfangen, und ich habe einen Charakter zu verlieren, gute Frau.«

»Einen Charakter zu verlieren? Und hat das Capitän Jack nicht auch? ja, und das Leben dazu?«

»Halt!« rief der Wachtmeister, »was schleicht dort links an dem Fuß des Felsen hin?«

»Wahrscheinlich nichts, wenn es nicht etwa Capitän Jack's Geist ist, der Euch erschrecken will, weil Ihr nicht schneller reitet.«

»Betty, Eure Leichtfertigkeit macht Euch zu einer sehr ungeeigneten Theilnehmerin an einer solchen Expedition. Reite Einer von Euch hin, um den Platz zu recognosciren. – Säbel heraus! – Nachhut vorwärts! an die Front angeschlossen!«

»Pah!« schrie Betty, ich weiß nicht, was bei Euch größer ist, der Narr oder die Memme. Aus dem Weg, Jungen; ich will meine Mähre im Augenblick dort haben. Ich fürchte keinen Geist.«

Inzwischen war einer aus der Mannschaft mit der Nachricht zurückgekommen, daß ihrem Vorrücken kein Hinderniß im Wege stehe, und die Dragoner setzten bedächtlich ihren Zug fort.

»Muth und Klugheit sind die köstlichsten Eigenschaften eines Soldaten, Frau Flanagan,« sagte der Sergeant. »Wenn die eine fehlt, so ist die andere so gut als gar nichts.«

»Klugheit ohne Muth, meint Ihr wohl? Das ist gerade auch meine Meinung, Sergeant. Seht nur, wie diese Bestie an den Zügeln zerrt.«

»Geduld, gute Frau! – Horch, was ist das?« sagte Hollister, der bei dem Knalle von Wellmere's Pistole die Ohren spitzte, »ich will darauf schwören, das ist eine menschliche Pistole und dazu eine von unserem Regiment. Nachhut vor, dicht an die Front! Frau Flanagan, ich muß Euch zurücklassen!«

Der Wachtmeister hatte, als er einen so bekannten Ton vernahm, seine ganze Energie wieder gewonnen, und stellte sich mit einem Ausdruck militärischen Stolzes, den jedoch die Waschfrau in der Dunkelheit nicht bemerken konnte, an die Spitze seiner Mannschaft. Der Nachtwind trug nun das Geknatter einer vollen Musketensalve an ihre Ohren und der Sergeant rief: »Vorwärts, Galopp!«

Bald darauf vernahm man auf der Straße den Huftritt eines einzelnen Pferdes, welches mit einer Eile jagte, als gälte es Tod und Leben. Hollister ließ seine Leute Halt machen und ritt eine Strecke voraus, um dem Reiter zu begegnen.

»Halt! Wer da?« brüllte Hollister.

»Ha, Hollister, seyd Ihr's?« tief Lawton, »immer bereit und immer auf Eurem Posten! Aber wo sind Eure Leute?«

»Dicht hinter mir und bereit, Ihnen durch Dick und Dünn zu folgen,« sagte der Veteran freudig, als er sich auf einmal aller Verantwortlichkeit entbunden sah und nun nichts sehnlicher wünschte, als gegen den Feind geführt zu werden.

»Recht so!« entgegnete der Rittmeister und ritt auf die Uebrigen zu. Er sagte ihnen einige ermuthigende Worte und, ihn an der Spitze, jagten sie bald mit Sturmes Eile in's Thal hinunter. Das elende Pferd der Marketenderin blieb natürlich zurück, und Betty, so von der Jagd ausgeschlossen, lenkte ihren Karren von der Straße ab, indem sie für sich hinmurmelte:

»Da hat man's. Man weiß es doch im Augenblick, wenn Capitän Jack bei ihnen ist; – weg sind sie, wie die Negerjungen, wenn's zu einem Tanz geht. Nun, ich will die Mähre an diesen Zaunpfahl binden und zu Fuß hinunter gehen, um die Hetze mit anzusehen. Es wäre nicht vernünftig, das Thier den Kugeln auszusetzen.«

Unter Lawton's Anführung hatten die Dragoner alle Furcht und Bedenklichkeit verloren. Sie wußten zwar nicht, ob ihr Angriff den Kühjungen oder einer andern Abtheilung der königlichen Armee gelte, aber sie kannten den ausgezeichneten Muth und die persönliche Tapferkeit ihres Führers, ein Umstand, der immer hinreicht, um auf die gedankenlose Masse der Armee einzuwirken. Als sie an dem Thorgitter der Locusten anlangten, ließ der Rittmeister Halt machen, um die Vorbereitungen zum Angriff zu treffen. Er saß ab und hieß acht Mann seinem Beispiele folgen, worauf er sich mit folgenden Worten an Hollister wendete:

»Ihr könnt hier bleiben und die Pferde hüten. Wenn Jemand zu entwischen versucht, so nehmt ihn fest oder haut ihn nieder, und –«

In diesem Augenblicke brachen die Flammen durch die Fenster und das Cederngebälk des Daches und verbreiteten ein helles Licht durch die Dunkelheit der Nacht.

»Vorwärts,« brüllte der Rittmeister, »vorwärts! Keinen Pardon, bis den Schurken ihr Recht widerfahren ist.«

Die gewaltige Stimme des Reiterführers machte jedes Herz mitten in dem Grausen der Zerstörung erstarren. Der Schinderhäuptling ließ seinen Raub fallen und stand einen Augenblick in regungslosem Schrecken. Dann eilte er gegen ein Fenster und stieß den Riegel zurück. In diesem Augenblick drang Lawton mit geschwungenem Säbel in's Zimmer.

»Stirb, Hund!« rief der Rittmeister und spaltete einem der Räuber den Schädel bis zu den Zähnen; der Bandenführer sprang jedoch in den Hof und entkam seiner Rache. Der Schreckensruf der Frauen brachte Lawton wieder zur Besinnung, und die dringende Bitte des Geistlichen bewog ihn, auf die Rettung der Familie zu denken. Ein weiteres Mitglied der Bande fiel in die Hände der Dragoner und wurde zusammengehauen, aber die übrigen hatten in Zeiten die Flucht ergriffen.

An Sara's Seite beschäftigt, hatten weder Miß Singleton noch die Damen des Hauses das Eindringen der Schinder bemerkt, aber jetzt loderten die Flammen mit einer Wuth um sie her, welche den baldigen Einsturz des Hauses befürchten ließ. Erst das Angstgeschrei Katy's und des Bedienten der Miß Singleton, verbunden mit dem Lärm und dem Getümmel des anliegenden Zimmers brachte Miß Peyton und Isabella zum Bewußtseyn der Gefahr.

»Gütige Vorsehung,« rief die erschreckte Tante – »welche fürchterliche Verwirrung im Hause! ach, es wird nicht ohne Blutvergießen abgehen!«

»Es ist Niemand da, der fechten könnte,« erwiederte Isabella, noch blässer als Miß Peyton. »Sitgreaves Charakter ist ein friedlicher, und gewiß würde sich Capitän Lawton nicht so weit vergessen, einen nutzlosen Widerstand zu leisten.«

»Das südliche Temperament ist rasch und feurig,« fuhr die Tante fort, »und Ihr Bruder hat den ganzen Tag, so schwach er auch ist, erregt und glühend ausgesehen.«

»Guter Himmel!« rief Isabella, die sich nur mit Mühe an Sara's Lager aufrecht hielt, »er ist von Natur sanft wie ein Lamm, aber ein Löwe, wenn er gereizt wird.«

»Wir müssen eine Vermittlung versuchen. Unsere Gegenwart wird den Tumult beschwichtigen und vielleicht das Leben irgend eines Mitgeschöpfs retten.«

Mit diesem Vorsatz, der ihrem Geschlechte und ihrer Natur so angemessen schien, ging Miß Peyton in der ganzen würdevollen Haltung verletzten weiblichen Gefühls nach der Thüre und Isabella folgte. Das Zimmer, nach welchem man Sara gebracht hatte, lag in einem Flügel des Gebäudes und stand mit der Haupthalle durch einen langen und dunkeln Gang in Verbindung. Er war jetzt hell, und am Ende desselben sah man einige Gestalten mit einer Hast vorbeieilen, welche die Art ihrer Beschäftigung nicht erkennen ließ.

»Wir wollen hingehen,« sagte Miß Peyton mit einer Festigkeit, die ihr Gesicht Lügen strafte; »sie müssen doch unser Geschlecht achten.«

»Sie werden es,« rief Isabella und ging voran.

Franciska blieb allein bei ihrer Schwester. Die tiefe Stille des Zimmers wurde jedoch bald durch ein lautes Krachen in den obern Räumen unterbrochen, und durch die offene Thüre schoß ein glänzender Lichtstrahl, welcher die Gegenstände mit der Helle des Mittags beleuchtete. Sara richtete sich in ihrem Bette auf, starrte wild umher und drückte ihre beiden Hände an die Stirne, als ob sie sich auf etwas besinnen wollte.

»Dieß also ist der Himmel – und Du bist einer seiner lichten Geister. O wie herrlich ist dieser Glanz! Ich dachte mir's wohl, das Glück, das mir kürzlich zu Theil wurde, sey zu groß für die Erde. Aber wir werden uns wiedersehen – ja – ja – wir werden uns wieder sehen.«

»Sara! Sara!« rief Franciska erschreckt; »meine Schwester – meine einzige Schwester – O, lächle nicht so fürchterlich! Erkenne mich, oder Du brichst mir das Herz.«

»Still!« sagte Sara, indem sie den Finger erhob; »Du wirst ihn in seiner Ruhe stören – gewiß, er wird mir in's Grab folgen. Glaubst Du wohl, daß zwei Weiber in dem Grabe Platz haben? Nein – nein – nein – eine – eine – nur eine.«

Franciska ließ ihr Haupt in den Schooß der Schwester sinken und weinte im fürchterlichsten Seelenkampfe.

»Kannst Du auch weinen, süßer Engel?« fuhr Sara in weichen Tönen fort. – Dann ist auch der Himmel nicht frei von Schmerz. – Aber wo ist Heinrich? Sie haben ihn hingerichtet und er muß auch da seyn. Vielleicht kommen sie miteinander. O, wie freudig wird das Wiedersehen seyn!«

Franciska sprang auf und ging im Zimmer auf und ab. Sara's Auge folgte ihr in kindischem Anstaunen ihrer Schönheit.

»Du siehst meiner Schwester gleich; aber alle guten und reinen Geister sind sich ähnlich. Sage mir, warst Du je verheirathet? Ließest Du Dir je die Liebe zu Vater, Bruder und Schwester durch einen Fremden stehlen? Wenn Du das nicht thatest, so bedaure ich Dich, Arme, obgleich Du im Himmel bist.«

»Sara – sey ruhig, sey ruhig – ich bitte Dich, rede nicht weiter,« rief Franciska aus gepreßtem Herzen und eilte an das Bett der Schwester; »oder Du tödtest mich!«

Ein zweites furchtbares Krachen erschütterte das Gebäude in seinen Grundvesten. Das Dach war eingestürzt und die Flammen verbreiteten ihre Strahlen über die ganze Gegend, die in schauerlicher Beleuchtung durch die Fenster sichtbar war. Franciska flog auf eines derselben zu und sah unter dem wirren Menschenhaufen im Vorhofe ihre Tante und Isabella stehen, welche verstört auf das brennende Gebäude deuteten, und die Dragoner zu beschwören schienen, hinein zu gehen. Zum erstenmal wurde ihr jetzt die Gefahr deutlich. Sie stieß einen Schreckensruf aus und flog mit wirren Sinnen den Gang entlang.

Eine dicke erstickende Rauchwolke hinderte ihre Flucht, und sie blieb stehen, um Athem zu holen. Da faßten sie auf einmal zwei Hände; ein Mann nahm sie auf die Arme und trug sie in einem Zustande völliger Besinnungslosigkeit durch die fallenden Funken und den dampfenden Qualm in's Freie. Aber kaum hatte sich Franciska wieder erholt und in ihrem Lebensretter den Capitän Lawton erkannt, als sie sich auf die Knie niederwarf und in schrecklicher Angst ausrief:

»Sara, Sara, Sara! Retten Sie meine Schwester, und Gottes Segen lohne Sie dafür.«

Ihre Kräfte schwanden und sie sank besinnungslos in's Gras. Der Rittmeister winkte Katy zu ihrem Beistande herbei und eilte wieder in das Hans zurück. Die Flammen hatten bereits das Holzwerk der Vorhallen und der Fenster ergriffen, und das ganze Gebäude war in Rauch eingehüllt. Selbst der muthige, ungestüme Lawton zögerte einen Augenblick bei dem Anblicke der Gefahr; dann aber drang er durch Glut und Qualm, tappte, da er die Thüre verfehlt hatte, eine Minute herum und stürzte dann wieder in den Hof hinaus. Sobald er ein wenig frische Luft geathmet hatte, machte er einen neuen Versuch, aber mit gleich ungünstigem Erfolg. Das drittemal traf er auf einen Mann, der unter der Last eines menschlichen Körpers daherkeuchte. Es war weder Zeit, noch Ort, Untersuchungen anzustellen; er ergriff daher beide mit riesiger Kraft und trug sie durch den Rauch. Aber bald erkannte er zu seinem Staunen in seiner Bürde den Wundarzt, welcher den Leichnam eines der Schinder zu retten versucht hatte.

»Archibald!« rief er, »warum, um Gottes willen, schleppen Sie diesen Schurken wieder an's Licht? Seine Thaten schreien bis in den Himmel hinauf!«

Die Gefahr, welche er so eben ausgestanden, hatte Sitgreave's Sinne zu sehr verwirrt, als daß er schnell hätte antworten können. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne, suchte seine Lungen von den eingeathmeten Dünsten zu befreien und sagte dann mit kläglicher Stimme:

»Ach, es ist Alles vorbei. Wäre ich zeitig genug gekommen, um die Blutung aus der Jugularis zu stillen, so hätte er gerettet werden können, aber die Hitze beförderte die Hämorrhagie, und jetzt ist's in der That aus mit seinem Leben. Sind noch andere Verwundete da?«

Diese Frage ging in den Wind, denn Franciska war bereits nach der entgegengesetzten Seite des Gebäudes zu ihren Freunden gebracht worden und Capitän Lawton auf's neue in dem Rauch verschwunden.

Die Flammen hatten inzwischen den erstickenden Qualm großentheils zerstreut und es wurde dem Dragonerführer möglich, die Thüre aufzufinden, aus welcher ihm ein Mann, mit der bewußtlosen Sara auf den Armen, entgegentrat. Sie hatten kaum Zeit, den Hof zu erreichen, als das Feuer aus allen Fenstern brach und das ganze Gebäude in ein Flammenmeer verwandelte.

»Gott sey gepriesen, rief der Retter Sara's; »ein solcher Tod wäre etwas Schreckliches gewesen!«

Der Rittmeister wandte seinen Blick von dem Gebäude auf den Sprecher und erkannte in demselben mit Staunen statt eines seiner Leute den Hausirer.

»Ha! der Spion!« rief er. »Beim Himmel, Du umkreisest mich wie ein Gespenst.«

»Capitän Lawton,« sagte Birch, indem er sich erschöpft an den Zaun lehnte, nach welchem sie sich vor der Hitze zurückgezogen hatten, »ich bin wieder in Ihrer Gewalt, denn ich kann jetzt weder fliehen noch Widerstand leisten.«

»Die Sache Amerika's ist mir theurer, als mein Leben,« sagte Lawton, »aber es kann von seinen Kindern nicht verlangen, daß sie Ehre und Dankbarkeit vergessen sollen. Fliehe, unglücklicher Mann, fliehe, so lang Du noch nicht bemerkt wirst, oder es steht nicht mehr in meiner Macht, Dich zu retten.«

»Gott schütze Sie und gebe Ihnen Sieg gegen Ihre Feinde,« sagte Birch und ergriff die Hand des Dragoners mit einer Eisenkraft, welche seine hagere Gestalt nicht vermuthen ließ.

»Halt!« sagte Lawton; »nur noch em Wort – Bist Du wirklich, was Du scheinst? – Könntest Du – bist Du –«

»Ein englischer Spion,« unterbrach ihn Birch und suchte mit abgewandtem Gesichte seine Hand loszumachen.

»So geh, Elender,« sagte der Reiterführer und ließ seine Hand fahren. »Entweder Geiz oder Verblendung hat eine edle Seele zu Grunde gerichtet.«

Die Flammen des brennenden Hauses beleuchteten die Gegend weithin, und die letzten Worte waren kaum Lawton's Lippen entfallen, als er bereits die hagere Gestalt des Krämers über den erhellten Raum hingleiten und in das jenseitige Dunkel tauchen sah.

Das Auge des Dragoners ruhte einen Augenblick auf der Stelle, wo der geheimnißvolle Mann verschwunden war, dann kehrte er sich zu der bewußtlos daliegenden Sara, hob sie auf den Arm und trug sie wie ein schlafendes Kind fort, um sie der Obhut der Ihrigen zu übergeben.

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