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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 23
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel.

O Heinrich, wenn du um mich wirbst,
Leist' ich dir Widerstand?
Wenn, Theurer, du mein Herz gewannst,
Verweigr' ich dir die Hand?

Der Eremit von Warkworth.

 

Der Promotus von Edinburgh fand seinen Patienten sehr gebessert und völlig fieberfrei. Isabella, deren Wangen jetzt wo möglich noch bleicher, als bei ihrer Ankunft waren, wachte mit zärtlicher Sorgfalt an dem Krankenbette, und die Damen des Landhauses vergaßen der gastlichen Obliegenheiten nicht, obgleich sie von Sorge und Kummer schwer gedrückt waren. Franciska fühlte sich zu ihrem trostlosen Gast mit einer unwiderstehlichen Theilnahme hingezogen, die sie sich nicht zu erklären vermochte. Sie hatte Dunwoodie's und Isabellens Schicksal unwillkührlich in ihrer Phantasie verkettet und empfand es mit der romantischen Glut einer großen Seele, daß sie ihrem früheren Geliebten am treuesten diene, wenn sie dem Gegenstande seiner zartesten Neigungen mit Liebe entgegen komme. Isabella nahm ihre Aufmerksamkeit dankbar hin, aber keine von beiden erlaubte sich irgend eine Anspielung auf die geheime Quelle ihres Kummers. Da Miß Peytons Gesichtskreis selten über den Bereich der sichtbaren Welt hinausging, so schien ihr Heinrich Wharton's Lage ein zureichender Grund für die blassen Wangen und das thränenfeuchte Auge ihrer Nichte, und wenn Sara weniger Sorge als ihre Schwester verrieth, so ermangelte die unerfahrene Tante nicht, auch hiefür einen Grund zu finden. Die Liebe erscheint tugendhaften Frauen stets als ein heiliges Gefühl, welches Allem, was in seine Sphäre kömmt, eine Weihe ertheilt. Obgleich Miß Peyton sich die Gefahr, welche ihren Neffen bedrohte, aufrichtig zu Herzen nahm, so sah sie doch wohl ein, daß die Unruhe des Krieges der Liebe nicht förderlich sey, und daß Augenblicke, welche die Gunst des Zufalls gewährte, nicht unbenützt vorübergehen dürften.

So vergingen einige Tage ohne irgend eine Störung in dem gewohnten Treiben, der Bewohner des Landhauses und der in den Kreuzwegen cantonirenden Mannschaft. Der Muth der Ersteren wurde durch die Ueberzeugung von Heinrichs Unschuld und die Zuversicht zu Dunwoodie's erfolgreichen Bemühungen in dieser Angelegenheit aufrecht erhalten, während Letztere ungeduldig der Nachricht von einem Treffen und dem Befehle zum Aufbruch, welcher stündlich erwartet wurde, entgegen sah. Aber Lawton hoffte auf beides vergebens. Briefe des Majors meldeten, daß der Feind, als er von der Niederlage und dem Rückzüge der Abtheilung, welche gleichzeitig operiren sollte, benachrichtigt worden sey, eine rückgängige Bewegung gemacht und sich hinter den Werken des Forts Washington sicher gestellt habe, wo er sich nunmehr unthätig verhalte; daß man übrigens jeden Augenblick gewärtig seyn müsse, er werde einen Schlag führen, um für den widerfahrenen Schimpf Rache zu nehmen. Zugleich wurde dem Rittmeister auf's neue Wachsamkeit eingeschärft und dem Briefe ein Compliment über Lawton's Eifer und unbezweifelte Tapferkeit beigefügt.

»Außerordentlich schmeichelhaft, Major Dunwoodie,« brummte der Dragoner, indem er das Schreiben auf den Boden warf und in der Stube auf und abschritt, um seine Ungeduld zu beschwichtigen. »Sie haben für diesen Dienst gar geeignete Hüter ausgelesen. Laß doch sehen – ich habe da für die Interessen eines gebrechlichen, unschlüssigen, alten Mannes Sorge zu tragen, von dem man nicht weiß, ob er zu uns oder zu dem Feinde gehört; – dann vier Weiber; – nun, drei davon wären so übel nicht, aber sie scheinen nicht besonders erbaut von meiner Gesellschaft; und die vierte – sie mag brav genug seyn, aber sie hat ihre Vierzig auf dem Rücken; zwei oder drei Schwarze; eine geschwätzige Haushälterin, die von nichts, als von Gold und verächtlichen Krämern, von Zeichen und Vorbedeutungen schnattert; und endlich der arme Georg Singleton. Nun, den laß ich gelten, ein leidender Kamerad hat Ansprüche auf den Soldaten – und so will ich mich eben gutwillig fügen!«

Nach diesem Selbstgespräch setzte sich der Rittmeister auf einen Stuhl und fing an zu pfeifen, um sich zu überreden, daß ihm die ganze Sache gleichgültig sey. Während er dabei nachlässig seinen gestiefelten Fuß hin und her schlenkerte, warf er das Gefäß um, welches seinen ganzen Branntweinvorrath enthielt. Dieser Unfall wurde sogleich wieder gut gemacht, als aber Lawton den hölzernen Krug wieder an seinen Platz stellte, sah er neben demselben ein Billet auf der Bank liegen. Er riß es auf und las:

»Der Mond wird erst nach Mitternacht aufgehen –
eine geeignete Zeit bis dahin für Thaten der Finsterniß.«

Der Rittmeister konnte sich in der Hand nicht irren; es war augenscheinlich dieselbe, welche ihn bei Zeiten vor dem lauernden Meuchelmorde gewarnt hatte. Er sann lange über die Bedeutung dieser beiden Mittheilungen und die Gründe nach, welche den Hausirer veranlassen konnten, einen unversöhnlichen Feind in dieser Weise zu begünstigen. Lawton wußte, daß er ein feindlicher Spion war, denn es war eine vor dem Kriegsgericht erwiesene Thatsache, daß er dem englischen Oberbefehlshaber über eine wenig gedeckte Abtheilung amerikanischer Truppen Nachricht zugeführt hatte. Allerdings waren die Folgen dieses Verraths zufällig durch einen Befehl von Washington verhindert worden, welcher das Regiment kurze Zeit vor der Ankunft der Engländer, welche es abzuschneiden gedachten, zurückzog; aber das Verbrechen blieb dasselbe.

»Vielleicht,« dachte der Parteigänger, »will er mich für den Fall einer neuen Gefangenschaft zu seinem Freunde machen. Jedenfalls hat er einmal mein Leben geschont, wo es ihm ein Leichtes war, mich zu tödten, und bei einer andern Gelegenheit hat er es gerettet. Ich will mir Mühe geben, eben so großmüthig zu seyn, als er, und Gott bitten, daß er nie meine Pflicht mit meinen Gefühlen in Widerstreit gerathen lasse.«

Der Rittmeister konnte aus dem Zettel nicht darüber klug werden, ob die angedeutete Gefahr das Landhaus oder seine eigene Leute bedrohe. Endlich neigte er sich mehr zu der letzteren Ansicht und entschloß sich daher, in der Dunkelheit nicht auszureiten. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Reiterführer der bevorstehenden Gefahr entgegen sah, wäre wohl jedem Bewohner einer friedlichen Gegend in einer Zeit der Ruhe und Ordnung unbegreiflich vorgekommen. Aber die Betrachtungen des Officiers betrafen mehr die geeigneten Vorkehrungen, den Feind in eine Falle zu locken, als seinen Nachstellungen zu entgehen; sie wurden übrigens bald durch die Ankunft des Wundarztes unterbrochen, der von seinem täglichen Besuche in den Locusten zurückkam. Sitgreaves brachte dem Capitän Lawton eine Einladung von Miß Peyton, welche ihn ersuchen ließ, diesen Abend bei Zeiten das Landhaus mit seiner Gegenwart zu beehren.

»Ha!« rief der Rittmeister; »dann haben sie sicher auch einen Brief erhalten.«

»Nichts scheint mir wahrscheinlicher,« versetzte der Wundarzt; »es ist ein Caplan von der königlichen Armee im Landhaus, der die verwundeten Britten auslösen soll und einen Befehl von Obrist Singleton zu ihrer Freilassung mitgebracht hat. Ein tollerer Einfall läßt sich übrigens nicht denken, als sie jetzt fortschaffen zu lassen.«

»Ein Geistlicher, sagen Sie? – Ist er ein tüchtiger Trinker – so ein rechter Lagerfaullenzer – ein Bursche, der eine Hungersnoth im Regiment erzeugen kann? Oder sieht er wie ein Mann aus, dem es Ernst mit seinem Berufe ist?«

»Ein recht achtbarer, ordentlicher Herr und keineswegs der Unmäßigkeit ergeben, so viel sich aus seinem Aeußern schließen läßt, entgegnete der Wundarzt; »ein Mann, der in der That seine Gratias auf eine recht regelmäßige und geeignete Weise vorbringt.«

»Bleibt er die Nacht über dort?«

»Zuverlässig; er wartet auf die Auswechselung; aber tummeln Sie sich, John; wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich will nur noch vorher bei zwei oder drei Engländern, welche morgen mit fort sollen, eine Aderlässe vornehmen, um einer möglichen Entzündung vorzubeugen, und bin im Augenblicke wieder da.«

Capitän Lawton hatte bald seine Gallauniform angezogen, und als sein Gefährte bereit war, schlugen sie mit einander den Weg nach dem Landhause ein. Dem Rothschimmel hatten einige Tage der Ruhe so gut bekommen, als seinem Herrn, und Lawton wünschte sehnlichst, als er sein muthiges Roß an dem früher erwähnten Felsenpasse anhielt, daß sein hinterlistiger Feind, beritten und bewaffnet, wie er selbst, ihm entgegentreten möchte. Aber weder ein Feind noch eine sonstige Störung hielt sie in ihrem Ritte auf, und sie erreichten die Locusten, als die Sonne eben die letzten scheidenden Strahlen in das Thal warf und die Spitzen der entlaubten Bäume vergoldete.

Der Rittmeister erfaßte jedes nicht ungewöhnlich verhüllte Verhältnis mit dem ersten Blicke, und so sagte ihm das, was er beim Eintritt in's Haus bemerkte, mehr, als Doctor Sitgreaves durch die Beobachtungen eines ganzen Tages erfahren hatte. Miß Peyton hieß ihn mit einem Lächeln willkommen, welches außer den Gränzen gewöhnlicher Höflichkeit lag und augenscheinlich mehr aus den Gefühlen des Herzens, als aus den Vorschriften der Etiquette entsprang. Franciska wankte in tiefer Bewegung und mit thränenfeuchten Augen umher, indeß Herr Wharton in einem Sammetrocke, der sich in den ersten Gesellschaftszirkeln hätte zeigen dürfen, zum Empfang seiner Gäste bereit stand. Obrist Wellmere trug die Uniform eines Officiers der königlichen Haustruppen, und Isabella Singleton saß in dem Besuchszimmer, in das Gewand der Freude gekleidet, die jedoch der Schatten in ihren Zügen Lügen strafte, während ihr Bruder mit glühenden Wangen und dem Ausdrucke des bewegtesten Antheils im Blicke an ihrer Seite stand, so daß man in ihm kaum einen Patienten erwartet hätte. Da er schon seit drei Tagen das Zimmer verlassen durfte, so vergaß Doctor Sitgreaves, welcher in stumpfer Verwunderung um sich blickte, ihm wegen seiner Unvorsichtigkeit Vorwürfe zu machen. Capitän Lawton benahm sich bei dieser Scene mit der vollen Würde eines Mannes, dessen Geistesgegenwart sich nicht leicht durch Neuigkeiten außer Fassung bringen läßt. Seine Complimente wurden mit dergleichen Artigkeit erwiedert, und nachdem er mit den verschiedenen anwesenden Personen einige Worte gewechselt hatte, näherte er sich dem Wundarzt, der sich in einer Art verwirrten Staunens in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte, um seine Sinne wieder zu sammeln.

»John,« flüsterte der Wundarzt neugierig, »was wollen denn diese Festlichkeiten besagen?«

»Daß Ihre Perücke und mein schwarzer Kopf sich besser ausnehmen würden, wenn etwas Mehl aus Betty Flanagan's Küche darauf gestreut wäre. Aber es ist nun zu spät, und so müssen wir eben in unserer jetzigen Bewaffnung in's Treffen.«

»Geben Sie Acht; – da kömmt der Feldcaplan im vollen Ornate, eines Doctor Divinitatis. Was mag das zu bedeuten haben?«

»Eine Auswechselung,« sagte der Rittmeister. »Die Verwundeten Amor's treten zusammen, um mit dem Gotte ihre Rechnungen abzuschließen, indem sie sich durch das Gelöbniß gegenseitiger Treue gegen seine Pfeile sicher stellen.«

Der Wundarzt legte den Finger an seine Nase und begann nun den Fall zu begreifen.

»Ist es nicht eine himmelschreiende Schmach, daß so ein Sonnenscheinheld aus den Reihen des Feindes herkommen und uns die schönste Pflanze, die auf unserem Boden wuchs, wegstehlen darf?« brummte Lawton, »eine Blume, die so ganz geeignet wäre, die Brust eines Mannes zu schmücken?«

»Wenn der Ehemann sich nicht besser macht, als der Patient, so fürchte ich, John, daß die Dame ihre Noth mit ihm haben wird.« »Sey's drum,« sagte der Reiter unmuthig, »sie hat gewählt unter den Feinden ihres Vaterlandes, und so mag sie denn die guten Eigenschaften der Fremdlinge erproben.«

Die Unterhaltung wurde durch Miß Peyton unterbrochen, welche den Beiden mittheilte, daß sie eingeladen worden seyen, um die Vermählung ihrer ältesten Nichte und des Obristen Wellmere mitzufeiern. Die Herren verbeugten sich, und die gute Tante fuhr in Folge des ihr inwohnenden Anstandsgefühls fort, zu erzählen, daß die beiderseitige Bekanntschaft sich von früherer Zeit her schreibe und ihre Liebe keineswegs ein Werk der letzten Tage sey. Lawton verbeugte sich hierauf noch förmlicher; der Wundarzt aber, welcher immer eine Freude daran fand, mit der Jungfrau zu plaudern, erwiederte:

»Das menschliche Herz ist bei verschiedenen Individuen verschieden beschaffen. Bei dem einen sind die Eindrücke lebhaft und vorübergehend, bei dem andern mehr tief und dauernd. Es gibt auch in der That Philosophen, welche einen Zusammenhang zwischen den physischen und geistigen Kräften des Lebens annehmen; aber ich, für meinen Theil, Madame, glaube, daß die einen mehr unter dem Einflusse der Gewohnheit und der Liebe zur Geselligkeit stehen, während die andern ganz und gar den eigentümlichen Gesetzen der Materie unterworfen sind.«

Nach dieser Bemerkung kam die Reihe an Miß Peyton, sich zu verbeugen, worauf sie sich mit Würde zurückzog, um die Braut in die Versammlung einzuführen. Die Stunde rückte heran, in welcher nach amerikanischer Sitte die Ehegelöbnisse ausgetauscht werden mußten, und Sara folgte ihrer Tante, unter den mannigfaltigsten Gemüthserregungen erglühend, in das Besuchszimmer. Wellmere eilte ihr entgegen, um die Hand, welche sie ihm mit abgewandtem Gesichte hinbot, zu fassen, und jetzt schien sich der englische Obrist zum erstenmal auf die wichtige Rolle zu besinnen, welche er bei den bevorstehenden Ceremonien zu spielen hatte. Bisher war sein Benehmen zerstreut und unruhig gewesen; jetzt aber schien alles, bis auf das Bewußtseyn seines Glückes, bei dem lieblichen Anblicke, der vor seinen Augen in strahlender Herrlichkeit auftauchte, verschwunden zu seyn. Alle erhoben sich von ihren Sitzen, und der Geistliche hatte bereits sein Formular aufgeschlagen, als Franciska's Abwesenheit bemerkt wurde. Miß Peyton entfernte sich, um die jüngere Nichte aufzusuchen, und fand sie auf ihrem Zimmer in Thränen zerfließend.

»Komm, meine Liebe, die heilige Handlung erwartet uns,« sagte die Tante, indem sie zärtlich ihren Arm um den ihrer Nichte schlang; »suche Dich zu fassen, damit der Wahl Deiner Schwester die gebührende Ehre widerfahre.«

»Ist er – kann er ihrer würdig seyn?«

»Wie sollte er nicht?« erwiederte Miß Peyton; »ist er nicht ein Mann von Stande? – ein tapferer, wenn auch unglücklicher Krieger? Gewiß, meine Liebe, er scheint alle Eigenschaften zu besitzen, welche ein Weib glücklich machen können.«

Franciska hatte ihren Gefühlen Luft gemacht, und gab sich nun alle Mühe, sich so weit zu sammeln, daß sie in der Versammlung erscheinen konnte. Um jede durch diese Zögerung veranlaßte Verlegenheit zu beseitigen, richtete der Geistliche einige Fragen an den Bräutigam, von welchen übrigens eine durchaus nicht zu seiner Zufriedenheit beantwortet wurde. Wellmere sah sich nämlich zu dem Geständnisse genöthigt, daß er sich mit keinem Ring vorgesehen habe: ein Umstand, welchen der heilige Mann für ein canonisches Hinderniß der Einsegnung der Ehe erklärte. Die Berufung auf Herrn Wharton hinsichtlich der Richtigkeit dieser Entscheidung wurde bejahend beantwortet, wie denn auch wohl das Gegentheil erwiedert worden wäre, wenn der Geistliche die Frage in einer Weise gestellt hätte, um auf ein anderes Resultat zu führen. Der Eigenthümer der Locusten hatte durch den Schlag, welcher ihn in dem kürzlichen Unfalle seines Sohnes betroffen, die wenige Geisteskraft, welche er im allgemeinen besaß, völlig verloren, und seine Zustimmung zu dem Einwurfe des Caplans wurde daher eben so leicht erlangt, als seine Einwilligung zu Wellmere's übereilter Freierei. Während die Gesellschaft sich so in peinlicher Verlegenheit befand, traten Miß Peyton und Franciska ein. Der Wundarzt der Dragoner näherte sich der ersteren und bemerkte, indem er ihr einen Stuhl bot:

»Es scheint, Madame, daß ungünstige Umstände den Obristen verhindert haben, sich mit denjenigen Decorationen zu versehen, welche das Herkommen und die Kirche als unerläßlich vorschreibt, wenn man in den Stand der heiligen Ehe treten will.«

Miß Peyton warf einen ruhigen Blick auf den betroffenen Bräutigam, und da es ihr vorkam, als ob er sich, so gut als es Zeit und Gelegenheit erlaubte, hinreichend herausgeputzt hätte, so sah sie wieder fragend auf den Sprecher zurück.

Der Wundarzt verstand ihren fragenden Blick und beeilte sich, ihm zu willfahren.

»Man ist,« bemerkte er, »im Allgemeinen der Meinung, daß das Herz auf der linken Seite des Körpers liege, und daß die Verbindung der Glieder dieser Seite mit dem, was man den Sitz des Lebens nennen kann, weit inniger ist, als die der entgegengesetzten Organe. Dieß ist jedoch ein Irrthum, der nur aus einer völligen Unbekanntschaft mit dem organischen Bau des ganzen animalischen Gewebes entspringen konnte. Dieser unrichtigen Meinung zufolge hält man dafür, daß der vierte Finger der linken Hand eine Eigenschaft in sich berge, welche keinem anderen Ausläufer der Handwurzel zukomme, weßhalb er denn auch der Ordnung gemäß während des Trauungsactes mit einem Ring umgeben wird, als ob man damit die Liebe an die Ehe fesseln wolle, die doch am besten durch die Anmuth des weiblichen Charakters gesichert wird.«

Bei diesen Worten legte der Doctor seine Hand ausdrucksvoll an's Herz, und verbeugte sich, als er schloß, fast bis zur Erde.

»Ich weiß nicht, Sir, ob ich Sie recht verstehe,« versetzte Miß Peyton, deren schlechte Fassungsgabe der Leser durch den Bombast des Operateurs hinreichend entschuldigt erachten wird.

»Ein Ring, Madame – ein Ring fehlt für die Copulationsceremonie.«

Die Dame begriff, so bald sich der Chirurg deutlich ausgesprochen hatte, im Augenblick die unangenehme Lage des Brautpaars. Sie warf einen Blick auf ihre Nichten, und bemerkte mit einigem Mißvergnügen in den Zügen der jüngern eine geheime Schadenfreude, während Sara von einer Schamröthe übergossen war, welche die achtsame Tante wohl zu deuten wußte. Sie hätte sich jedoch um alles in der Welt keinen Verstoß gegen die Gesetze der weiblichen Etiquette erlaubt. Die Damen alle erinnerten sich im ersten Augenblick, daß der Trauring der seligen Mutter und Schwester unter ihrem übrigen Schmucke friedlich in einem verborgenen Gewölbe lag, welches man in frühern Tagen hatte anfertigen lassen, um solche Kostbarkeiten den Klauen raublustiger Freibeuter zu entziehen, welche die Gegend unsicher machten. Nach diesem geheimen Aufbewahrungsorte hatte man das Silbergeschirr und sonstige werthvolle Gegenstände geflüchtet, und dort lag auch der bis zu diesem Augenblick vergessene Ring in nächtlicher Ruhe. Es war jedoch seit undenklichen Zeiten Sache des Bräutigams, dieses zur Trauung unumgängliche Erforderniß herbeizuschaffen und Miß Peyton hätte um keinen Preis einen Schritt gethan, durch welchen dem üblichen Vorrecht ihres Geschlechts bei dieser feierlichen Gelegenheit zu nahe getreten worden wäre – wenigstens in keinem Falle, ohne daß dieser Verletzung des Anstandes durch eine gehörige Dosis von Verlegenheit und Unlust die gebührende Sühne zu Theil wurde. Keine der Frauenzimmer machte daher von diesem Umstand Gebrauch, die Tante aus Rücksichten des weiblichen Schicklichkeitsgefühls, die Braut aus Scham, und Franciska, weil ihr jede Verlegenheit willkommen war, welche das Gelübde ihrer Schwester verzögerte. Es blieb dem Doctor Sitgreaves vorbehalten, das peinliche Schweigen zu unterbrechen.

»Wenn, Madame, ein einfacher Ring, welcher einmal meiner Schwester gehörte –« er hielt an und fuhr nach einigen Räuspern wieder fort – »wenn, Madame, ein Ring von der genannten Beschaffenheit zu dieser Ehre zugelassen werden kann, so bin ich in dem Besitze eines solchen: auch läßt er sich leicht aus meinem Quartier in den Kreuzwegen herbeischaffen, und ich zweifle nicht, daß er dem Finger, für welchen er nöthig ist, passen wird. Es ist eine auffallende Aehnlichkeit zwischen – hm – meiner seligen Schwester und Miß Wharton, sowohl in der Größe als in dem anatomischen Bau, und bei allen edleren Geschöpfen lassen sich stets dieselben Verhältnisse durch die ganze animalische Oeconomie bemerken.«

Ein Blick von Miß Peyton erinnerte Obrist Wellmere an seine Pflicht; er sprang vom Stuhle auf und versicherte dem Wundarzt, daß er ihm durch nichts eine größere Verbindlichkeit auflegen würde, als wenn er diesen Ring holen ließe. Der Wundarzt verbeugte sich mit einer Miene von Wichtigkeit und entfernte sich, um sein Versprechen durch Absendung eines Boten in Vollzug zu setzen. Die Tante ließ ihn gehen; da es ihr aber nicht behagte, einen Fremden in ihr Hausregiment eingreifen zu sehen, so folgte sie ihm auf dem Fuße und traf die Vorkehrung, daß statt des Bedienten des Doctors, welcher sich freiwillig zu diesem Dienste angeboten hatte, Cäsar mit der Botschaft beauftragt wurde. Demzufolge erhielt Katy Haynes die Weisung, den Schwarzen in das leere Wohnzimmer zu holen, wohin sich Miß Peyton mit dem Wundarzte begab, um die nöthigen Befehle zu ertheilen.

Die Einwilligung zu dieser schnellen Vereinigung von Sara und Wellmere, zumal in einer Zeit, wo das Leben eines Familienangehörigen in so großer Gefahr stand, floß aus der Vermuthung, daß der ungeordnete Zustand des Landes ein späteres Zusammentreffen der Liebenden unmöglich machen konnte, und von Herrn Wharton's Seite auch aus der geheimen Furcht, daß der Tod seines Sohnes seinem eigenen Leben ein frühes Ziel stecken könnte und er dann seine übrigen Kinder ohne Beschützer zurücklassen müßte. Miß Peyton hatte zwar zu dem Wunsche ihres Schwagers, die zufällige Anwesenheit des Geistlichen zu benützen, ihre Zustimmung gegeben; sie hielt es aber nicht für nöthig, die beabsichtigte Hochzeit ihrer Nichte, selbst wenn es die Zeit erlaubt hätte, in der Nachbarschaft ausposaunen zu lassen, und glaubte daher, daß sie dem Neger und ihrer Haushälterin ein tiefes Geheimniß mittheile.

»Cäsar,« begann sie mit einem Lächeln, »Du sollst nun erfahren, daß Deine junge Gebieterin, Miß Sara, diesen Abend mit dem Obristen Wellmere vermählt werden wird.«

»Ich denken, ich es sehen voraus,« sagte Cäsar kichernd; »alt schwarz Mann kann sagen, wenn eine junge Lady seyn verliebt.«

»Wirklich, Cäsar? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du nur halb so viel Beobachtungsgabe besäßest. Da Du aber bereits weißt, für welchen Anlaß man Deiner Dienste bedarf, so gib auf den Auftrag dieses Herrn Acht und sieh zu, daß Du ihn auf's Pünktlichste ausrichtest.«

Der Schwarze wandte sich mit ruhiger Unterwürfigkeit gegen den Wundarzt, welcher folgendermaßen anfing:

»Cäsar, Deine Gebieterin hat Dich bereits mit dem wichtigen Ereignisse bekannt gemacht, welches in diesem Hause gefeiert werden soll: aber es fehlt an einem Ringe für den Finger der Braut, ein Erforderniß, welches aus uraltem Herkommen beruht und von mehreren Zweigen der christlichen Kirche bei ihren Trauungsförmlichkeiten beibehalten wurde, wie denn auch bei der Installation der Prälaten der Ring als ein Sinnbild der Vermählung mit der Kirche dient, was Dir hoffentlich klar seyn wird.«

»Vielleicht, wenn Massa Doctor es noch einmal sagen,« unterbrach ihn der alte Neger, dessen Gedächtniß gerade da am meisten sich zu verwirren anfing, als der Andere seine Berufung auf Cäsars Fassungsgabe vorbrachte; »ich denken, es dießmal merken zu können.«

»Es ist unmöglich, Honig von den Steinen zu sammeln, Cäsar, und ich will mich daher in dem Wenigen, was ich Dir zu sagen habe, kurz fassen. Reite nach den Kreuzwegen und gib dieses Schreiben dem Sergeanten Hollister oder der Frau Elisabeth Flanagan, worauf man Dir das zur Trauung Nöthige einhändigen wird; dann kehre spornstreichs wieder hieher zurück.«

Der Brief des Wundarzts, welcher dem Boten übergeben wurde, war in folgenden Worten abgefaßt:

»Wenn das Fieber den Kinder verlassen hat, so gebt ihm zu essen. Laßt dem Watson noch drei Unzen Blut heraus. Seht nach, ob das Weib Flanagan keinen ihrer Branntweinkrüge im Spitale hat stehen lassen. Legt dem Johnson einen frischen Verband an und entlaßt den Smith zum Dienst. Schickt mir durch den Ueberbringer dieses den Ring, der an der Kette der Uhr hängt, welche ich Euch als Zeitmesser für die richtige Abreichung der Arzneien dort gelassen habe.

Archibald Sitgreaves, M.D.
Wundarzt bei den Dragonern.«

»Cäsar,« sagte Katy, als sie mit dem Schwarzen allein war, »steckt den Ring, welchen Ihr erhaltet, in Eure linke Tasche, denn sie ist dem Herzen am nächsten. In keinem Fall versucht es, ihn an Eure Finger zu stecken – das brächte Unglück.«

»An den Finger stecken?« fiel der Neger ein und streckte die knochigen Handgelenke aus, »glaubt Ihr, Miß Sally's Ring gehen an alt Cäsar's Finger?«

»Es ist gleichgültig, ob er geht oder nicht geht,« sagte die Haushälterin, »aber es hat was Schlimmes zu bedeuten, wenn der Trauring nach der Hochzeit an den Finger eines Andern gesteckt wird, und es ist gewiß eben so gefährlich, wenn man es vorher thut.«

»Ich sagen Euch, Katy, ich nicht daran denken, ihn zu thun an mein Finger.«

»So macht, daß Ihr fortkommt, Cäsar, und vergeßt die linke Tasche nicht. Wenn Ihr an dem Kirchhof vorbei kommt, so nehmt den Hut ab, und kommt überhaupt bald wieder zurück, denn gewiß gibt es nichts Geduldprüfenderes, als mit der Copulation hingehalten zu werden, wenn eine Person einmal darauf versessen ist, zu heirathen.«

Nach dieser Ermahnung verließ Cäsar das Haus und saß bald fest im Sattel. Er war von Jugend auf, wie Alle seiner Race, ein eifriger Freund des Reitens, aber unter der Last von sechzig Wintern hatte sein afrikanisches Blut einigermaßen von der angeborenen Wärme verloren. Die Nacht war finster und der Wind sauste winterlich schneidend durch das Thal. Als Cäsar bei dem Kirchhof anlangte, entblößte er mit abergläubischer Scheu das graue Haupt und warf manchen ängstlichen Blick um sich, jeden Augenblick befürchtend, daß ihm ein übernatürliches Wesen in den Weg trete. Es war noch hell genug, um jetzt ein Geschöpf von mehr irdischem Stoffe sich von den Gräbern wegschleichen zu sehen, welches sich augenscheinlich gegen die Straße zu bewegte. Philosophie und Vernunft streiten vergeblich mit früheren Eindrücken und der arme Cäsar entbehrte selbst dieser gebrechlichen Verbündeten. Aber er saß fest auf einem von Herrn Wharton's Kutschenpferden, klammerte sich instinktartig an den Hals des Thieres und ließ den Zügel schießen. Hügel, Wälder, Felsen, Zäune und Häuser flogen mit der Schnelligkeit des Blitzes an ihm vorüber, und der Schwarze begann eben, sich auf das Ziel und den Zweck seines Rennens zu besinnen, als er auf dem Platze anlangte, wo die Wege sich schnitten und das Hotel Flanagan in seiner baufälligen Armseligkeit vor ihm stand. Der Anblick eines lustig brennenden Feuers sagte dem Neger zuerst, daß er bei einer menschlichen Wohnung angelangt sey, zugleich aber stieg ihm auch die ganze Furcht vor den blutigen Virginiern auf. Seine Pflicht mußte jedoch erfüllt werden: er stieg daher ab, band das schäumende Roß an einen Zaun, und näherte sich mit leisen Tritten dem Fenster, um Kundschaft einzuziehen.

Vor einem lodernden Feuer saßen hier Sergeant Hollister und Betty Flanagan, und erquickten sich beiderseitig an einem guten Trunke.

»Ich sage Euch, lieber Wachtmeister,« sagte Betty, indem sie den Krug absetzte, »'s ist ganz unvernünftig, zu denken, daß es etwas anderes als der Hausirer war, gewiß und wahrhaftig; wo war denn der Schwefelgestank, die Flügel und der Pferdefuß? Außerdem, Sergeant, ist es nicht reputirlich, einer ehrsamen Wittwe nachzusagen, sie hätte Beelzebub zum Schlafkameraden gehabt.«

»Das ist gleichgültig, Frau Flanagan, wenn Ihr Euch nur jetzt seinen Fängen und Krallen zu entreißen sucht,« erwiederte der Veteran und bekräftigte diese Bemerkung mit einem tüchtigen Zuge.

Cäsar hatte genug gehört, um sich zu überzeugen, daß ihm von diesem Paare aus wenig Gefahr drohe. Da seine Zähne bereits vor Kälte zu klappern begannen, so erschien ihm die Behaglichkeit in der Stube gar zu einladend, und er näherte sich vorsichtig der Thüre, an welcher er demüthig anklopfte. Die Erscheinung Hollisters mit gezogenem Säbel und die rauhe Frage, wer außen sey, trugen keineswegs dazu bei, die verwirrten Sinne des armen Schwarzen wieder in Ordnung zu bringen, aber die Furcht selbst lieh ihm die Kraft, seine Botschaft auszurichten.

»Tritt näher,« sagte der Sergeant mit einem prüfenden Blick auf den Neger, als dieser durch den Glanz des Feuers beleuchtet wurde, »tritt näher und gib Deine Depesche ab. Hast Du die Parole?«

»Ich nicht denken, zu wissen was das sey,« sagte der Schwarze am ganzen Leibe zitternd, »obgleich Massa, der mich senden, mir gab viel Dinge zu sagen, die ich nicht verstehen.«

»Wer sagst Du, hätte Dir diesen Auftrag gegeben?«

»Nu, es seyn gewesen der Doctor; er mir sagen, zu reiten Galopp, wie man immer thun, wenn Doctor schicken.«

»So, Doctor Sitgreaves also; der kennt die Parole selbst nie. Nun, wenn es Capitän Lawton gewesen wäre, Schwarzer, so würde er Dich nicht in die Nähe einer Schildwache geschickt haben, ohne Dir die Parole zu geben. Es gehörte Dir eigentlich eine Pistolenkugel durch den Schädel, aber das wäre grausam, denn obgleich Du ein Schwarzer bist, so bin doch ich keiner von denen, welche glauben, die Neger hätten keine Seelen.«

»Sicher hat ein Neger, so gut eine Seele, als ein Weißer,« sagte Betty; »komm her, alter Mann, und wärme Dein klapperndes Gerippe an diesem Feuer. Ich wette, ein Guinea-Neger hat die Wärme eben so gern, als ein Soldat seinen Branntwein.«

Cäsar gehorchte schweigend, und ein auf der Bank liegender Mulattenknabe wurde aufgeboten, das Schreiben des Wundarztes nach dem Quartier der Verwundeten zu tragen.

»Da,« sagte die Waschfrau, indem sie Cäsarn ein Pröbchen von dem Stoffe, der ihrem Gaumen am meisten zusagte, einhändigte; »laß Dir's belieben, armer Schlucker; es wird Deine schwarze Seele in ihrem miserabeln Körper aufthauen und Dir neue Lebensgeister für den Heimwege geben.«

»Ich sage Euch, Elisabeth,« sagte der Wachtmeister, »daß die Seelen der Neger gerade so sind, wie die unsrigen. Wie oft hörte ich den guten Herrn Whitfeld sagen, daß es im Himmel keinen Unterschied der Farben gebe. Wir haben daher allen Grund, zu glauben, daß die Seele dieses Schwarzen so weiß sey, als unsere eigene, oder sogar die des Major Dunwoodie.«

»Gewiß es so seyn,« rief Cäsar ein wenig mürrisch, als sein Muth durch Frau Flanagan's Getränk sich wieder belebte.

»Eine gute Seele ist er jedenfalls, der Major,« versetzte die Waschfrau, »eine freundliche Seele – ja, und eine tapfere Seele dazu. Ich denke, Ihr werdet auch dieser Meinung seyn, Wachtmeister?«

»Was das anbelangt,« versetzte der Veteran, »so gibt es Einen, der sogar über Washington steht, wenn es gilt, die Seelen zu richten. Aber das muß ich sagen, Dunwoodie ist ein Ehrenmann, der nie sagt: ›geht, Bursche‹, sondern immer: ›kommt, Jungen‹, und wenn einem armen Burschen ein Sporn, ein Sprungriemen oder sonst etwas am Lederwerk fehlt, so läßt er es nicht an klingender Münze gebrechen, den Schaden wieder gut zu machen – und dieß noch obendrein aus seinem eigenen Beutel.«

»Warum bleibt Ihr denn müßig hier, wenn das, was ihm das Theuerste ist, von Gefahr bedroht wird?« ließ sich auf einmal eine schreckhaft abgebrochene Stimme vernehmen. »Zu Pferd, zu Pferd! und folgt Euerm Capitän – und das schnell, oder Ihr kommt zu spät.«

Diese unverhoffte Unterbrechung brächte eine augenblickliche Verwirrung unter den Zechern hervor. Cäsar floh instinktartig nach dem Heerde, wobei er sich einer Hitze aussetzen mußte, die einen Weißen gebraten haben würde. Sergeant Hollister machte rechtsum und ergriff den Säbel, dessen Klinge im Nu vom Lichte des Feuers erblinkte; als er aber in dem Eindringling den Hausirer erkannte, der in der offenen, zu einem Hintergebäude führenden Thüre stand, so prallte er nach der Richtung des Schwarzen zurück, da die militärische Taktik ihn wohl die Vortheile einer Kräfteconcentration kennen gelehrt hatte. Betty allein hielt bei ihrem Tische Stand. Sie füllte den Krug auf's Neue mit dem Stoffe, der bei den Soldaten unter dem Namen Choke dog (Hundewürger) bekannt war, und hielt ihn dem Hausirer entgegen. Zugleich richtete sie die schon seit einiger Zeit vor Liebe und Branntwein schwimmenden Augen auf den Krämer und rief ihm gutmüthig zu:

»Meiner Treu, Ihr seyd willkommen, Herr Hausirer, oder Herr Birch, oder Herr Beelzebub, oder wie Ihr sonst heißen mögt. Jedenfalls seyd Ihr ein ehrlicher Teufel und ich hoffe, daß Euch meine Röcke gute Dienste geleistet haben. Kommt her, Bester, und schürt mir das Feuer; Sergeant Hollister wird Euch nichts zu leide thun, denn er fürchtet, Ihr könntet's ihm später eintränken – ist's nicht so, mein liebes Wachtmeisterchen?«

»Weiche von mir, Satan!« schrie der Veteran und drückte sich noch näher an Cäsar, wobei er abwechselnd bald das eine und bald das andere Bein in die Höhe hob, je nachdem gerade eines besonders von der Hitze gesengt wurde. »Fahre ab im Frieden! Hier ist Niemand, der Dir dienen will, und Deine Bemühungen um das Weib sind vergeblich, denn die zärtliche Hand der Gnade wird sie gegen Deine Krallen schützen.« Die Stimme des Sergeanten versagte, aber seine Lippen fuhren fort, sich zu bewegen, und ließen nur hin und wieder die abgebrochenen Worte einer Gebetformel vernehmen.

Das Gehirn der Waschfrau war in einem so wirren Zustande, daß sie nicht ganz begreifen konnte, was ihr Verehrer meinte. Plötzlich aber fuhr ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf, welcher sie in Worte ausbrechen ließ.

»Geht es irgend jemanden etwas an, wenn mich der Mann sucht, he? Bin ich nicht eine ehrsame Wittwe und mein eigener Herr? Und Ihr wollt von Zärtlichkeit sprechen, Sergeant, und doch kann ich allerwege nichts davon sehen! Ihr sollt wissen, daß Herr Beelzebub hier unumwunden sein Begehren aussprechen darf, und gewiß und wahrhaftig; ich will ihn anhören.«

»Weib,« sagte der Hausirer, »schweig, und Ihr, thörichter Mann, besteigt Euer Pferd, waffnet Euch, sitzt auf und jagt, was Ihr wißt und könnt, Eurem Capitän zu Hülfe, wenn Ihr Euch anders der Sache, welcher Ihr dient, würdig machen und nicht Schmach auf den Rock häufen wollt, den Ihr tragt.« Der Krämer entschwand den Augen des betroffenen Kleeblatts mit einer Schnelligkeit, welche ungewiß ließ, nach welcher Richtung er sich geflüchtet hatte.

Als Cäsar die Stimme eines alten Bekannten hörte, tauchte er aus seinem Winkel auf und kam furchtlos bis zu der Stelle hervor, wo Betty zwar in einem Zustande gänzlicher Geistesverwirrung, aber dennoch ritterlich das Feld behauptet hatte.

»Ich wünschen, Harvey anhalten,« sagte der Schwarze; »wenn er reiten den Weg hinab, so ich gern haben seine Gesellschaft; – ich nicht denken, Johnny Birch etwas thun seinem eigenen Sohn.«

»Armer, einfältiger Wicht!« rief der Veteran, als er nach einem tiefen Athemzuge seine Sprache wieder fand; »glaubst Du, daß diese Erscheinung Fleisch und Blut hatte?«

»Harvey ist nicht viel Fleisch,« versetzte der Schwarze, »aber ein sehr hübscher Mann.«

»Pah, liebes Wachtmeisterchen,« schrie die Wäscherin, »sprecht doch einmal vernünftig und erinnert Euch an das, was Euch der Mann gesagt hat. Ruft Eure Burschen heraus und seht ein bischen nach Capitän Jack. Bedenkt, Schatz, daß er Euch heute sagte, Ihr solltet auf den ersten Wink zum Aufsitzen bereit seyn.«

»Ja, aber nicht, wenn mich der Arge dazu auffordert. Laßt Capitän Lawton, den Lieutenant Mason oder den Cornet Skipwit nur ein Wort sagen, und Niemand ist schneller im Sattel, als ich.«

»Ha, ha, Wachtmeister, wie oft habt Ihr nicht gegen mich groß gethan, daß sich das Corps vor keinem Teufel fürchte.«

»Das hat vollkommen seine Richtigkeit, sobald wir am hellen Tage in Reihe und Glied stehen. Aber es ist eben so gottlos als tollkühn, den Satan zu versuchen, und noch obendrein in einer Nacht, wie diese. Hört Ihr den Wind durch die Bäume sausen? und horch, ich vernehme das Geheul der bösen Geister mitten durch!«

»Ich ihn sehen« sagte Cäsar, und seine Augen glotzten übernatürlich aus ihren Höhlen hervor.

»Wo,« fiel der Sergeant ein, indem er die Hand unwillkührlich wieder an den Griff seines Säbels legte.

»Nein – nein,« sagte der Schwarze, »ich sehen, Johnny Birch kommen aus sein Grab – Johnny umgehen, ehe er begraben.«

»Ach, dann muß er in der That ein schlimmes Leben geführt haben,« sagte Hollister. »Der selige Geist darf ruhen bis zur allgemeinen Heerschau, aber Gottlosigkeit läßt die Seele weder in diesem, noch in dem kommenden Leben rasten.«

»Aber was soll aus Capitän Jack werden?« rief Betty unmuthig. »Ist es Eure Ordre, daß Ihr Alles vergessen und auf keine Warnung hören sollt? Ich hätte eine gute Lust, meinen Karren einzuspannen und hinunterzufahren, um dem Capitän zu erzählen, daß Ihr Euch vor Beelzebub und vor einem todten Manne fürchtet und daß er von Euch keinen Beistand zu erwarten habe. Es soll mich dann Wunder nehmen, wer morgen die Ordonnanz des Zuges seyn wird. Hollister heißt sie dann in keinem Falles.«

»Nein, Betty, nein,« sagte der Sergeant, indem er der Marketenderin vertraulich die Hand auf die Schulter legte, »wenn einmal in dieser Nacht Pferde gebraucht werden müssen, so kann es durch den geschehen, der die Mannschaft unter sich hat und ihr mit gutem Beispiel vorangehen soll. Der Herr sey uns gnädig und sende uns Feinde mit Fleisch und Blut.«

Ein weiteres Glas bestärkte den Veteranen in seinem Entschlusse, der nur durch die Furcht vor dem Mißfallen seines Rittmeisters hervorgebracht wurde, und er schickte sich alsbald an, die zwölf Mann, welche unter seinem Commando geblieben waren, aufzubieten. Der Knabe kam mit dem Ring zurück und Cäsar verwahrte ihn sorgfältig in der Westentasche zunächst seinem Herzen, worauf er sein Pferd bestieg, die Augen schloß, sich an der Mähne festhielt und in einem Zustand völliger Unempfindlichkeit fortritt, bis das Thier an der Thüre des warmen Stalles hielt, aus dem es noch so spät aufgescheucht worden war.

Die Bewegungen der Dragoner gingen weniger schnell von Statten, denn sie wurden mit so vieler Vorsicht abgemessen, als die Befürchtung eines Ueberfalls von Seiten des bösen Feindes in eigener Person zu rechtfertigen schien.

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