Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 20
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel.

Ein Daniel kommt, zu richten! ja, ein Daniel! –
Wie ehr' ich dich, o weiser junger Richter!

Der Kaufmann von Venedig.

 

Die Schinder folgten dem Capitän Lawton bereitwillig nach den Quartieren, in welchen der Zug des Rittmeisters lag. Dieser Officier hatte bei allen Gelegenheiten so viel Eifer für die Sache, welcher er diente, gezeigt, er beachtete im Angesichte des Feindes persönliche Gefahr so wenig, und seine hohe Gestalt und seine strengen Züge trugen so viel dazu bei, ihn furchtbar zu machen, daß er gewissermaßen der renommirteste Mann seines Corps war. Allerdings nahm man irriger Weise seine Unerschrockenheit für Wildheit und seinen ungezügelten Eifer für natürlichen Hang zur Grausamkeit. Andererseits hatten aber einige Acte der Milde, oder – um es geeigneter auszudrücken – einer nicht buchstäblichen Gerechtigkeitspflege dem Major Dunwoodie den Ruf einer ungeeigneten Nachsicht erworben, wie es überhaupt selten ist, daß der Tadel oder der Beifall der Menge dem Verdienste angemessen ausfällt.

In der Gegenwart des Majors fühlte sich der Anführer der Bande unter dem Einflüsse einer Beengung, welche den Lasterhaften, der anerkannten Tugend gegenüber, stets befällt; aber als er das Haus verlassen hatte, glaubte er auf einmal, sich unter dem Schutze eines gleichgesinnten Geistes zu befinden. Es lag ein Ernst in Lawtons Benehmen, welcher die meisten von denen, die den Mann nicht genauer kannten, irre führte, und unter seinem Zuge war ein Sprichwort im Schwunge: »Wenn der Rittmeister lacht, so hat er's auf eine Strafe abgesehen.« Der Räuberführer rückte seinem Geleiter näher und begann ein vertrauliches Gespräch. –

»Es ist immer gut, wenn man seine Freunde von den Feinden zu unterscheiden weiß« sagte der halb privilegirte Freibeuter.

Auf diese einleitende Bemerkung antwortete der Capitän nur durch einen unverständlichen Laut, welchen sich der Andere als eine Zustimmung deutete.

»Ich vermuthe, Major Dunwoodie steht bei Washington sehr in Gunsten?« fuhr der Schinder in einem Tone fort, der eher einen Zweifel, als eine Frage ausdrückte.

»Manche glauben so.«

»Viele Freunde des Congresses in dieser Gegend,« fuhr der Mann fort, »wünschen, daß die Virginische Reiterei von einem andern Officier commandirt würde. Was mich anbelangt, so könnte ich unserer Sache manchen wichtigen Dienst leisten, gegen den die Einbringung des Krämers eine Kleinigkeit wäre, wenn ich nur hin und wieder durch einen Zug Reiter gedeckt würde.«

»Wirklich? Zum Beispiel?«

»Es ließe sich in der Sache für den Officier eben so gut ein ordentlicher Schnitt machen, wie für uns, die wir sie ausführten,« sagte der Schinder mit einem vielsagenden Blicke.

»Aber wie?« fragte Lawton etwas ungeduldig und beschleunigte seine Schritte, um den Uebrigen weit genug vorauszukommen, damit das Gespräch nicht behorcht würde.

»Ei, in der Nähe der königlichen Linien, sogar unter ihren Kanonen ließe sich mancher gute Fang thun, wenn wir stark genug wären, um de Lancey's Das Partheigänger-Corps, welches den Namen der Kühjungen trug, wurde von dem Obrist de Lancey commandirt. Dieser Edelmann, denn ein solcher war er von Geburt und Erziehung, machte sich bei den Amerikanern durch seine raffinirte Grausamkeit verhaßt, obgleich es nicht erwiesen ist, daß er wirklich im den wilden Handlungen der rohen Kriegsführung seiner Leute mitschuldig war. – Obrist de Lancey gehörte einer Familie an, welche großen Einfluß in den amerikanischen Colonien hatte und sein Onkel war als Gouverneur von Neu-York gestorben. Er darf nicht mit andern dieses Namens und dieser Familie verwechselt werden, da mehrere solche in der königlichen Armee dienten. Sein Vetter, der Obrist Oliver de Lancey, war zu der Zeit unserer Erzählung Generaladjutant der britischen Streitkräfte in Amerika und der Nachfolger des unglücklichen André. Die Kühjungen wurden bisweilen auch Refugee genannt, weil sie ihre Zuflucht zu dem Schutz der Krone genommen hatten. Leute abzuhalten, und unsern Rückzug so decken könnten, daß wir den Weg nach der Königsbrücke frei behielten.«

»Ich dachte, die Refugees nähmen dieses Wild schon für eigene Rechnung.«

»Ein Bischen thun sie das wohl, aber sie müssen auf ihre eigenen Leute zu viele Rücksicht nehmen. Ich bin zweimal unten gewesen und habe im Einverständniß mit ihnen operirt. Das erstemal benahmen sie sich ehrlich, aber das zweitemal überfielen sie uns, jagten uns fort und behielten die Beute für sich.«

»Das war in der That sehr unfreundschaftlich gehandelt. Es wundert mich nur, daß sich ein ehrlicher Mann mit solchen Schuften einlassen mag.«

»Es ist immer nöthig, mit einigen von ihnen in gutem Vernehmen zu bleiben, wir könnten sonst aufgehoben werden; aber ein Mann ohne Ehre ist weniger, als ein Vieh. Glauben Sie, daß man dem Major Dunwoodie trauen darf?«

»Ihr meint, hinsichtlich seiner Grundsätze von Ehre?«

»Gewiß; Sie wissen, man hatte von Arnold eine gute Meinung, bis der königliche Major aufgegriffen wurde.«

»Ei, ich glaube nicht, daß Dunwoodie sein Commando verkaufen würde, wie Arnold zu thun wünschte. Auch glaube ich nicht, daß man ihn bei einem so delicaten Geschäft, wie Ihr es im Schilde führt, allzutief in die Karten blicken lassen darf.«

»Das ist just meine Ansicht,« erwiederte der Schinder mit einer gewissen Selbstzufriedenheit, welche das innere Vergnügen, einen Charakter so gut beurtheilt zu haben, nicht verkennen ließ.

Mittlerweile waren sie bei einem Bauernhause von etwas besserem Aussehen angekommen, dessen ziemlich weitläufige Außengebäude für die damalige Zeit sich in einem recht erträglichen Zustande befanden. Die Reiter waren in den Scheunen vertheilt, während die Pferde in den langen Schuppen standen, die den Hofraum gegen den kalten Nordwind schützten. Letztere fraßen ruhig und waren vollständig gesattelt und aufgezäumt, so daß nur noch die Zügel eingelegt werden durften, um bei dem ersten Zeichen zum Aufbruch fertig zu seyn. Lawton entschuldigte sich für einen Augenblick und trat in sein Quartier. Bald kehrte er aber mit einer gewöhnlichen Stalllaterne zurück und leuchtete nach einem großen Baumgute voran, welches die Gebäude von drei Seiten umgab. Die Bande glaubte, es geschehe in der Absicht, den interessanten Gegenstand noch weiter und besser besprechen zu können, ohne daß man Gefahr liefe, behorcht zu werden, und folgte dem Rittmeister in tiefem Schweigen.

Der Schinderhäuptling näherte sich dem Capitän und nahm das abgebrochene Gespräch wieder auf, wobei er den Andern tiefer in seine Plane einzuweihen und sich selbst als einen klugen Kopf darzustellen beabsichtigte.

»Glauben Sie, daß die Colonien am Ende doch noch den Sieg über den König davon tragen werden?« fragte er mit der geheimnißvollen Miene eines Politikers.

»Den Sieg davon tragen?« wiederholte der Capitän auffahrend – dann nahm er sich wieder zusammen und fuhr fort: »Ohne Zweifel werden sie das. Wenn's die Franzosen nicht an Geld und Waffen fehlen lassen, so können wir die königlichen Truppen in sechs Monaten aus dem Lande jagen.«

»Nun, ich hoffe auch, daß es bald geschehe; dann werden wir eine freie Regierung haben, welche uns, die wir für sie gefochten haben, auch belohnen wird.«

»Oh!« rief Lawton, »Eure Ansprüche sind unbestritten; und diese elenden Tories, welche zu Haus im Frieden leben und für ihre Güter Sorge tragen, sollen mit verdienter Verachtung behandelt werden. Ich denke, Ihr habt keinen eigenen Grund und Boden?«

»Noch nicht – aber es müßte schlimm zugehen, wenn ich nicht einen eigenen Heerd fände, ehe es zum Frieden kommt.«

»Recht so; denkt auf Euern eigenen Vortheil und Ihr denkt auf den Vortheil des Vaterlandes: verfolgt den Zweck Euerer Dienste, lacht die Tories aus, und ich wette meine Sporen gegen einen rostigen Nagel, Ihr werdet's wenigstens bis zum Distriktsschreiber bringen.«

»Glauben Sie nicht, daß Pauldings Der Autor hat hier auf einen Gegenstand angespielt, der ein zu locales Interesse hat, um der Mehrzahl der Leser gegenwärtig zu seyn. – Bekanntlich wurde André von drei Landleuten angehalten, welche wegen der Raubzüge des Feindes auf Kundschaft lagen. Der Führer dieses kleinen Häufleins hieß Paulding. Die Uneigennützigkeit, mit welcher sie die Anerbietungen ihres Gefangenen zurückwiesen, ist geschichtliche Thatsache. Leute rechte Thoren waren, weil sie dem königlichen Generaladjutanten nicht durchhalfen?« sagte der Mann, der jetzt bei dem freimüthigen Benehmen des Rittmeisters alle Vorsicht bei Seite legte.

»Thoren?« rief Lawton mit bitterem Lachen, »ja wohl Thoren! König Georg hatte sie besser bezahlt, denn er ist reicher. Sie wären für ihr ganzes Leben gemachte Herren geworden. Aber Gott sey Dank, es ist ein durchdringender Geist in dem Volke, der an's Wunderbare gränzt. Leute, die nichts haben, handeln, als ob die Schätze Indiens von ihrer Treue abhingen; denn nicht Alle sind Schurken wie ihr, sonst wären wir schon lange wieder Englands Sclaven.«

»Wie?« rief der Schinder, indem er zurückfuhr und die Muskete auf des Rittmeisters Brust anschlug, »bin ich verrathen, und stehen Sie mir als Feind gegenüber?«

»Elender!« brüllte Lawton, und sein Säbel klirrte in der stählernen Scheide, als er dem Kerl die Muskete damit aus der Hand schlug. »Versuch' es nochmal, Dein Gewehr auf mich anzulegen und ich haue Dich bis zum Nabel auseinander!«

»Sie wollen uns also nicht bezahlen, Capitän Lawton?« sagte der Schinder und zitterte an allen Gliedern, denn gleichzeitig sah er eine Abtheilung berittener Dragoner anrücken, welche die ganze Bande schweigend umringte.

»Oh, Dich zahlen; ja, Du sollst Deinen Lohn in vollem Maaß erhalten. Hier ist das Geld, das Obrist Singleton für die Einbringer des Spions gesendet hat« – er warf den Gaunern mit Verachtung einen Beutel voll Guineen vor die Füße. »Aber legt die Waffen nieder, ihr Schurken, und seht, ob das Geld richtig gezählt ist.«

Die eingeschüchterte Bande that, wie ihr befohlen wurde, und während sie dem angenehmeren Theile des Aufrufs begierig Folge leistete, nahmen einige von Lawton's Leuten heimlich die Flintensteine aus ihren Musketen.

»Nun,« schrie der ungeduldige Capitän – »ist's recht so? Habt Ihr eure versprochene Belohnung?«

»Das Geld ist ganz richtig,« sagte der Führer, »und nun wollen wir, mit Ihrer Erlaubniß, nach Hause gehen.«

»Halt! soweit hätten wir unser Versprechen gelöst. Nun kommt aber ein Act der Gerechtigkeit. Wir haben Euch für das Einfangen des Spions bezahlt, aber jetzt wollen wir Euch auch für das Sengen, Rauben und Morden züchtigen. Ergreift sie, Jungen, und gebt jedem von ihnen, nach dem Gesetze Moses – vierzig weniger einen.«

Dieser Befehl traf keine tauben Ohren. Im Augenblicke waren die Schinder ausgekleidet und mit Pferdehalftern an eben so viele Apfelbäume befestigt, als nöthig waren, um jeden der Rotte gehörig zu versehen. Dann blitzten die Säbel und mit Zauberschnelle waren fünfzig Zweige von den Bäumen abgehauen. Von diesen wurden die biegsamsten ausgewählt und es fanden sich bald bereitwillige Dragoner zur Führung dieser Waffe. Capitän Lawton gab seinen Leuten die menschenfreundliche Weisung, die Vorschrift des mosaischen Gesetzes nicht zu übersteigen, und nun begann in dem Obstgarten eine babylonische Verwirrung. Das Schreien des Bandenführers ließ sich leicht von dem seiner Leute unterscheiden, ein Umstand, der vielleicht der Ermahnung Lawton's an den Stockmeister zuzuschreiben war, daß man es hier mit einem Officier zu thun habe, dem eine ungewöhnliche Ehre gebühre. Die Execution ging recht artig und rasch von Statten und es fiel keine weitere Unregelmäßigkeit dabei vor, als daß keiner der Zuchtmeister eher zu zählen anfing, als bis er sein Instrument in einem Dutzend oder mehr Hieben versucht hatte, um, wie sie sich ausdrückten, den rechten Fleck ausfindig zu machen. Sobald diese summarische Abfertigung zur Zufriedenheit erledigt war, befahl Lawton seinen Leuten, den Schindern ihre Kleider zu geben und dann wieder aufzusitzen, da sie eigentlich bestimmt waren, landabwärts zu patrouilliren.

»Ihr seht, mein Freund,« sagte Lawton, als er sich zum Abzuge anschickte, zu dem Häuptling der Schinder, »ich kann Euch im Nothfalle bedecken. Wenn wir oft zusammentreffen, so sollt Ihr stets mit Wunden bedeckt werden, die zwar nicht sonderlich ehrenvoll, aber nichts desto weniger recht wohl verdient sind.«

Der Kerl antwortete nicht. Er nahm seine Muskete wieder auf und trieb seine Kameraden zu schleunigem Aufbruch an. Als alle fertig waren, marschirten sie finster auf einige Felsen in der Nähe zu, welche von dichtem Gehölz überhangen waren. Der Mond ging eben auf und ließ die Gruppe der Dragoner deutlich unterscheiden. Da wandte sich die ganze Bande plötzlich um, schlug an und drückte die Gewehre ab. Die Dragoner bemerkten die Bewegung und hörten das Knacken der Schlösser. Sie erwiederten diesen vergeblichen Versuch mit einem schallenden Gelächter und der Rittmeister rief ihnen zu:

»Ah, ihr Schurken, ich kannte Euch wohl und habe Euch daher die Flintensteine wegnehmen lassen.«

»Ihr hättet mir auch den in der Tasche nehmen sollen,« brüllte der Führer und feuerte im nächsten Augenblick sein Gewehr ab.

Die Kugel streifte Lawton's Ohr, der jedoch, nur den Kopf schüttelte und lachend rief: »Um ein Haar gefehlt, ist so gut als um eine Meile.« Einer der Dragoner hatte die Vorbereitungen des Schinders gesehen, den die übrige Bande nach dem Fehlschlagen ihres Racheversuchs allein zurückließ, und drückte eben seinem Pferde die Sporen in die Seite, um ihm nachzusetzen, als der Kerl feuerte. Die Entfernung nach den Felsen war nur unbedeutend und die Schnelligkeit des Pferdes zwang den Führer, das Geld und die Muskete im Stich zu lassen, um seinem Feinde zu entkommen. Der Soldat kehrte mit seiner Beute wieder um und brachte sie seinem Capitän; aber Lawton wies sie zurück und sagte dem Reiter, er solle sie behalten, bis der Schuft in Person erscheine, um sein Eigenthum zurück zu fordern. Es wäre jedoch kein leichtes Geschäft für eine der damals in den neuen Staaten bestehenden Gerichtsbehörden gewesen, die Rückerstattung des Geldes in Vollzug zu setzen, denn es wurde bald darauf von Sergeant Hollister an die Mannschaft von Lawton's Zuge in gleichen Portionen vertheilt. Die Patrouille zog ab, und der Rittmeister kehrte langsam zu seiner Wohnung zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Da fiel ihm plötzlich eine Gestalt auf, welche sich langsam unter den Bäumen fortbewegte und die Richtung nach dem Walde einschlug, in der die Schinder sich zurückgezogen hatten. Er wandte sein Pferd, ritt vorsichtig näher und erkannte zu seinem großen Erstaunen die Waschfrau, welche sich zu dieser ungewohnten Stunde an einem solchen Platze befand.

»Was, Betty? Wandelt Ihr im Schlaf, oder träumt Ihr mit offenen Augen?« rief der Reiter. »Fürchtet Ihr nicht dem Geist der alten Jenny auf ihrem Lieblingsweideplatz zu begegnen?«

»Ach, Sie sind's, Capitän Jack!« erwiederte die Marketenderin in dem Dialekte ihrer Heimath und taumelte in einer Weise, welche es ihr schwer machte, den Kopf auszurichten, »'s ist weder Jenny, noch ihr Geist, was ich suche, sondern nur einige Kräuter für die Verwundeten. Sie haben eine besondere Kraft, wenn man sie beim aufgehenden Monde holt, und das trifft jetzt just zu. Sie wachsen dort unter dem Felsen, und ich muß eilen, sonst verliert der Zauber seine Wirkung.«

»Närrin, Ihr würdet besser thun, in Euer Bett zu gehen, als unter diesen Felsen herumzuwandern; wenn Ihr von einem herabfielet, würdet Ihr Arme und Beine brechen. Zudem haben sich die Schinder auf diese Höhen geflüchtet, und wenn Ihr ihnen in die Hände gerathet, so möchten sie leicht für die gesunden Hiebe, die sie eben von mir erhalten haben, an Euch Rache nehmen. Kehrt lieber um, Alte, und bringt Euern Schlaf zu Ende; wir brechen morgen auf.«

Betty achtete nicht auf diesen Rath und setzte ihren schwankenden Spaziergang gegen die Anhöhe fort. Als Lawton die Schinder berührte, hielt sie einen Augenblick an, dann aber ging sie wieder weiter und verschwand bald unter den Bäumen.

Als der Capitän in sein Quartier zurückkam, fragte ihn die Schildwache an der Thüre, ob ihm Mistreß Flanagan begegnet sey und fügte bei, sie sey hier vorbeigekommen, habe die Luft mit Drohungen gegen ihre Quälgeister im »Hotel« erfüllt, und nach dem Rittmeister gefragt, um bei ihm Abhülfe ihrer Beschwerden zu suchen. Lawton hörte den Mann mit Verwunderung an, und ein neuer Gedanke schien in ihm aufzuleuchten. Er ging nach dem Obstgarten zurück, kehrte aber Bald wieder um, ging dann einige Minuten in raschen Schritten vor der Thüre des Gebäudes auf und ab, worauf er hastig in's Haus trat, sich in den Kleidern auf ein Bett warf und bald in einen tiefen Schlaf versank.

Inzwischen hatte die Freibeuterbande glücklich die Spitze des Gebirgs erreicht, wo sie sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten und in den Tiefen des Waldes Verstecke suchten. Als sie jedoch sahen, daß keine Verfolgung mehr zu befürchten war, die in der That auch von der Reiterei nicht gut zu bewerkstelligen gewesen wäre, wagte es der Führer, die Rotte durch ein Pfeifchen zu versammeln, und in kurzer Zeit war die entmuthigte Mannschaft wieder auf einem Punkte beisammen, wo sie von dem Feinde wenig zu besorgen hatten.

»Nun,« sagte einer der Burschen, während die andern ein Feuer anzündeten, um sich gegen die schneidend kalte Nachtluft zu schützen, »mit unsern Geschäften in West-Chester wäre es jetzt zu Ende. Die Virginische Reiterei wird uns bald heiß genug aufsitzen, so daß es nicht gut bleiben ist.«

»Ich muß sein Blut sehen,« brummte der Führer, »und wenn mich der nächste Augenblick das Leben kosten sollte.«

»Oh, Du bist ein gar männlicher Held hier außen in den Wäldern,« schrie der Andere mit wildem Lachen. »Warum hast Du, der Du Dich so sehr mit Deinem guten Zielen brüstest, Deinen Mann auf dreißig Ellen gefehlt?«

»Der Reiter machte mich irre, sonst hätte mir der Capitän Lawton auf dem Platze verenden sollen. Außerdem schauderte ich vor Frost, so daß ich keine stete Hand mehr hatte.«

»Sage lieber vor Furcht, dann ist's doch keine Lüge,« versetzte sein Kamerad höhnisch. »Ich für meinen Theil glaube, daß es mich nie wieder frieren wird. Mein Rücken brennt mich; als ob tausend glühende Bratröste auf ihm lägen.«

»Und Du willst Dir feiger Weise eine solche Behandlung gefallen lassen und wohl gar den Stock küssen, der Dich geschlagen hat?«

»Das Stockküssen dürfte kein leichtes Geschäft seyn. Der meinige zerflog auf meinen Schultern in so kleine Stücke, daß es schwer halten würde, eines aufzufinden, welches groß genug wäre, um geküßt werden zu können; aber ich will doch lieber nur die halbe Haut verlieren, als die ganze und die Ohren obendrein. Und das wird unser Loos seyn, wenn wir diesen tollen Virginier wieder in Versuchung führen. Ich wollte ihm lieber gutwillig so viel von meiner Haut abtreten, daß er sich ein Paar Stiefelriemen drauß machen lassen könnte, wenn er mich nur mit dem Ueberreste durchschlüpfen ließe. Wenn Du aber gewußt hättest, wo man am besten durchkommt, so hättest Du Dich an den Major Dunwoodie gehalten, der nicht halb so viel von unserer seinen Aufführung weiß.«

»Schweig, Du alberner Schwätzer!« brüllte der erboste Führer; »Dein Gewäsche wäre im Stande, den vernünftigsten Menschen toll zu machen. Ist es nicht genug, ausgeplündert und geprügelt worden zu seyn? Sollen wir uns noch durch Dein Narrengeschwätz quälen lassen? Hilf den Proviant auspacken, wenn noch etwas im Schnappsack ist, und probire, ob Dir damit nicht das Maul gestopft wird.«

Dieser Aufforderung wurde Folge geleistet, und die ganze Bande schickte sich unter Stöhnen und Verkrümmungen, welche in dem wunden Zustande der Rücken ihren Grund hatten, an, ein spärliches Mahl zu bereiten. Ein großes Feuer von trockenem Holze brannte in einer Felsenöffnung, und endlich fingen sie an, sich von der Verwirrung ihrer Flucht zu erholen und die zerstreuten Sinne wieder zu sammeln. Als der Hunger beschwichtigt war und Viele ihre Kleider bei Seite gelegt hatten, um die beschädigten Theile besser pflegen zu können, begann die Rotte, auf Vergeltungsmaaßregeln zu sinnen. In dieser Weise wurde eine Stunde hingebracht und verschiedene Vorschläge gemacht, welche aber alle, da ihr Erfolg von persönlichem Muthe abhing, wegen der damit Verbundenen großen Gefahr wieder verworfen wurden. Bei der großen Wachsamkeit des Corps war an eine Ueberraschung nicht zu denken, und die Hoffnung, den Capitän Lawton einzeln abzufangen, war gleichfalls vergeblich, da der Reiter sich seinen Dienst unablässig angelegen seyn ließ und so schnell in seinen Bewegungen war, daß eine derartige Begegnung nur durch einen ungemein günstigen Zufall herbeigeführt werden konnte. Zudem war es noch äußerst ungewiß, ob ein solches Zusammentreffen einen für sie günstigen Ausgang hoffen ließ, denn die Schlauheit des Rittmeisters war allbekannt, und auf West-Chesters rauhem und felsigem Boden konnte der furchtlose Parteigänger bekanntermaaßen verzweifelte Sprünge machen, wie denn auch steinerne Mauern nur geringe Hindernisse für die Angriffe der südlichen Reiterei waren. Allmählich nahm die Unterhaltung nun eine andere Richtung, bis sich die Bande über einen Plan vereinigte, der sie rächen und zugleich ihre alten Gelüste befriedigen sollte. Das ganze Vorhaben wurde auf das genaueste erwogen, alle Zeit festgesetzt und die Art der Ausführung bestimmt – kurz, alle vorläufigen Verabredungen zu ihrem schurkischen Unternehmen waren vollständig genommen, als sie auf einmal durch eine laute Stimme aus ihren Berathungen aufgeschreckt wurden.

»Hierher, Capitän Jack! – Hier sitzen die Schurken um ein Feuer herum und essen! – hierher, und schlagt die Spitzbuben todt, wo ihr sie findet! – Geschwind, steigt ab, und laßt sie eure Pistolen kosten!«

Dieser schreckliche Anruf reichte hin, die ganze Philosophie der Bande über den Haufen zu werfen. Sie sprangen auf, stürzten tiefer in den Wald und zerstreuten sich, da sie bereits über einen Sammelplatz für ihre beabsichtigte Expedition überein gekommen waren, nach allen vier Himmelsgegenden. Man hörte noch gewisse Töne und verschiedene Stimmen, welche sich zuriefen; da aber die Gauner gut zu Fuße waren, so verschwanden auch diese bald in der Entfernung.

Bald darauf tauchte Betty Flanagan aus der Dunkelheit auf und nahm ganz kaltblütig von dem, was die Schinder zurückgelassen hatten, Besitz; es bestand namentlich aus Lebensmitteln und verschiedenen Kleidungsstücken. Die Waschfrau setzte sich bedächtlich nieder und tafelte anscheinend mit großer Zufriedenheit. Sie saß dann wohl eine Stunde, den Kopf auf die Hand gestützt, in tiefem Sinnen verloren, da; dann raffte sie einige von den Kleidern, wie sie ihr gerade zu behagen schienen, zusammen und zog sich in den Wald zurück. Das Feuer warf noch seinen glimmenden Strahl auf die benachbarten Felsen, bis der letzte Funke dahinstarb und Finsterniß wieder die einsame Stelle bedeckte.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.