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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 2
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Einleitung.

Glücklicherweise ist der Mensch eben so geneigt, für die Tugend Sympathie zu fühlen, als sich den ansteckenden Einflüssen des Lasters hinzugeben. Ohne diesen Umstand, welcher dem alles Edlere erstickenden Hange, sich seinen Leidenschaften zu überlassen, als Zügel dient, möchten wohl die Wünsche der Besseren und Weiseren, daß das Reich der Gerechtigkeit und Menschenliebe immer festeren Fuß fassen werde, aller Hoffnung auf Erfüllung entbehren.

Von allen edeln Gefühlen ist die Liebe zum Vaterlande das am allgemeinsten ansprechende. Jeder bewundert den Mann, der sich für das Wohl der Gemeinschaft, welcher er angehört, zum Opfer bringt, und verdammt den Andern schonungslos, welcher, sey es unter nichtigen Vorwänden oder durch den Drang der Verhältnisse getrieben, seinen Arm oder seine geistigen Kräfte zum Nachtheile des Landes gebraucht, das einen natürlichen Anspruch auf seine Treue hat. Die stolzesten Namen, die schönsten Hoffnungen sind in den Staub gesunken, wenn der Makel des Verraths an ihnen haftete. Man spricht mit Bewunderung von dem Römer, welcher die noch innigeren Bande des Blutes um des Vaterlandes willen hintansetzte, während Coriolans Muth und Kriegesglück den Unwillen über seinen Treubruch nicht vergessen läßt. In dem wahren Patriotismus liegt eine Reinheit, die den Menschen über alle unedlen Einflüsse der Selbstsucht erhebt und überdieß der Natur der Sache nach Diensten, welche der Familie oder der Verwandtschaft geleistet werden, niemals inwohnen kann. Sie zeigt den Glanz einer innern Erhebung, welcher sich kein Schatten von persönlichem Interesse beimischt.

Der Verfasser der gegenwärtigen Erzählung lernte vor vielen Jahren einen ausgezeichneten Mann kennen, welcher sowohl um der eben genannten Eigenschaft willen, die er in den düstersten Tagen der amerikanischen Revolution entfaltete, als auch wegen der hohen Aemter, welche er während jener inhaltschweren Periode bekleidete, merkwürdig ist. Ich sprach einmal mit ihm über die Wirkungen, welche eine große politische Aufregung in den Charakteren hervorbringe und über die veredelnde Richtung, welche die einmal kräftig erweckte Vaterlandsliebe jedem Volke gibt. Da seine Jahre, die von ihm geleisteten Dienste und seine Menschenkenntniß ihn am ehesten befähigten, in einer solchen Unterhaltung den leitenden Faden zu führen, so hatte er vorzugsweise das Wort. Er sprach zuerst über die eigentümliche neue und würdige Richtung, welche das gewaltige Ringen des Volkes während des Krieges von 1776 den Ideen und Handlungen von Massen, deren Zeit vorher ganz von den gemeinsten Sorgen des Lebens hingenommen gewesen war, vorgezeichnet hatte, und beleuchtete sodann seine Ansichten durch eine Anekdote, deren Wahrheit er als selbst mithandelnde Person bezeugen konnte.

Der Streit zwischen England und den Vereinigten Staaten von Amerika trug viele Züge eines Bürgerkriegs, ohne daß man ihn im strengen Sinne einen solchen nennen konnte. Obgleich das Amerikanische Volk dem Englischen nie eigentlich und verfassungsmäßig unterworfen war, so standen doch die Bewohner beider Länder unter einem gemeinschaftlichen Könige. Als die Amerikaner in Gesammtmasse den Gehorsam aufkündigten, und die Engländer sich bereit finden ließen, ihren Souverain bei dem Versuch, seine Gewalt wieder zu erringen, zu unterstützen, so entwickelte der Kampf bald alle entscheidenden Merkmale eines Bürgerkriegs. Eine große Anzahl europäischer Einwanderer, welche sich damals in den Colonien niedergelassen hatten, traten auf die Seite der Krone, und in vielen Distrikten gab ihr Einfluß, vereint mit dem der Amerikaner, welche dem angestammten Herrscherhause ihre Treue bewahren wollten, der königlichen Sache ein entschiedenes Uebergewicht. Amerika war damals zu jung und bedurfte zu sehr der Herzen und Hände, um derartige Zersplitterungen, so unbedeutend sie auch seyn mochten, mit Gleichgültigkeit anzusehen. Dieses Uebel wurde noch durch die Gewandtheit der Engländer, mit der sie aus solchen inneren Zwistigkeiten Nutzen zu ziehen wußten, vermehrt und mußte doppelt ernst betrachtete werden, als der Versuch gemacht wurde, in den Provinzen selbst Truppen auszuheben, welche in Verbindung mit den Europäischen die jungen Freistaaten zur Unterwerfung zwingen sollten. Der Congreß ernannte daher ein geheimes Haupt-Committee, welchem die ausdrückliche Aufgabe gesetzt war, diese Absicht zu vereiteln. In diesem Committee führte Herr – –, der Erzähler dieser Anekdote, den Vorsitz.

Bei Ausübung der ihm übertragenen neuen Pflicht hatte Herr – – Gelegenheit, einen Agenten zu verwenden, dessen Dienst sich wenig von dem eines gewöhnlichen Spions unterschied. Man kann sich denken, daß der Mann in der Gesellschaft eine Stellung einnahm, welche ihn am ehesten geeignet machte, in einer so zweideutigen Rolle aufzutreten. Er war arm und was die gewöhnlichen Zweige des Unterrichts anbelangt, unwissend, aber von Natur besonnen, listig und furchtlos. Diesem Manne wurde der Auftrag ertheilt, auszukundschaften, in welchem Theile des Landes die Agenten der Krone ihre geheimen Machinationen spielen ließen, um Mannschaft anzuwerben; er mußte sich an die Plätze verfügen, scheinbar um diese Werbungen zu unterstützen – im Dienste der Sache, welcher er sich zu weihen vorgab, eifrig erscheinen und überhaupt allem aufzubieten, um sich so viel als möglich in den Besitz der Geheimnisse des Feindes zu setzen. Diese theilte er natürlich dem Committee mit, welches dann Sorge trug, durch alle ihm zu Gebot stehenden Mittel den Plänen der Engländer entgegen zu arbeiten, was auch oft mit gutem Erfolge geschah.

Es versteht sich von selbst, daß ein derartiger Dienst mit großer persönlicher Gefahr begleitet war. Zu der Besorgniß, daß seine wahre Absicht entdeckt werden könnte, gesellte sich auch noch die, in die Hände der Amerikaner selbst zu fallen, welche derartige Vergehungen bei Landeseingeborenen unabänderlich viel strenger heimsuchten, als bei den Europäern, derer sie habhaft werden konnten. In der That wurde auch Herrn – –s Agent mehreremale von den jeweiligen Machthabern aufgegriffen und einmal sogar von seinen erbitterten Landsleuten zum Strange verurtheilt. Nur ein schleuniger geheimer Befehl an seinen Gefängnißwärter rettete ihn von einem schmählichen Tode. Man ließ ihn entwischen; und diese scheinbare – und in der That auch wirkliche – Gefahr trug viel dazu bei, ihm seine Rolle bei den Engländern zu erleichtern: Von den Amerikanern wurde er in seiner kleinen Sphäre als ein kühner und eingefleischter Tory betrachtet. In dieser Weise fuhr er während der ersten Jahre des Kampfes fort, trotz der Gefahren, die ihn stündlich umringten, und obschon er beharrlich der Gegenstand unverdienter Verwünschungen war, seinem Vaterlande heimlich Dienste zu leisten.

Im Jahr – – wurde Herrn – – ein wichtiges und ehrenvolles Amt an einem europäischen Hofe übertragen. Ehe er seinen Sitz im Kongreß verließ, theilte er dieser Versammlung die ebengenannten Thatsachen mit, wobei ihn jedoch die Klugheit veranlaßte, den Namen dieses Agenten noch zu verschweigen, und bat um eine Belohnung für den Mann, welcher sich unter so großer persönlicher Gefahr dem Staate nützlich gemacht hatte. Es wurde zu diesem Ende eine annehmliche Summe ausgeworfen und dem Präsidenten des geheimen Committee's zu geeigneter Besorgung übergeben.

Herr – – traf die nöthigen Maßregeln, seinen Agenten zu einer persönlichen Besprechung zu veranlassen, und kam mit ihm um Mitternacht in einem Walde zusammen. Herr – – lobte den Mann wegen seiner Treue und Gewandtheit, setzte ihm die dringende Nothwendigkeit auseinander, ihre Verbindung jetzt abzubrechen, und bot ihm zuletzt die Belohnung an. Der Andere trat zurück und lehnte es ab, sie anzunehmen. »Das Land bedarf aller seiner Mittel selbst,« sagte er, »und was mich anbelangt, so kann ich arbeiten oder meinen Unterhalt auf andere Weise gewinnen.« Alle Ueberredung war vergeblich, denn der Patriotismus hatte das Uebergewicht in der Seele dieses merkwürdigen Mannes, und Herr – –, der das Gold wieder mitnehmen mußte, schied mit tiefer Hochachtung von seinem Gefährten, der so lange, ohne irgend eine Belohnung anzunehmen, sein Leben gewagt hatte, blos um der Sache willen, welcher sie gemeinschaftlich dienten.

Der Verfasser dieser Blätter weiß zwar, daß der Agent des Herrn – – in späterer Zeit sich eine Entschädigung für seine Leistungen gefallen ließ; es geschah aber erst, als das Land vollkommen in der Lage war, sie geben zu können.

Es ist kaum nöthig, beizufügen, daß eine solche Erzählung, einfach und mit Wärme von einem Manne vorgetragen, der darin eine Hauptrolle spielte, auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck machte. Viele Jahre später wurde ich durch ganz zufällige Umstände, deren Mittheilung unnöthig ist, veranlaßt, eine Novelle zu schreiben, von der ich nicht voraussah, daß sie die erste einer ziemlich langen Reihe werden würde. Dieselben Zufälle, welche den Anlaß zu der Entstehung des Buches gaben, bestimmten auch den Schauplatz und den allgemeinen Charakter der Erzählung. Ersterer wurde in das Ausland verlegt, und in letzterem entwickelte sich ein unreifes Bestreben, fremde Sitten zu beschreiben. Als die Schrift veröffentlicht war, wurde dem Verfasser von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht, daß er, ein Amerikaner von Herz und Geburt, der Welt ein Werk anbiete, welches vielleicht einigermaßen dazu beitragen könnte, die tändelnde Phantasie der jüngeren und unerfahrenen seiner Landsleute zu nähren, und daß er die Bilder dazu gesellschaftlichen Verhältnissen entnommen habe, die von denen, welchen er selbst angehöre, so ganz verschieden seyen. Ob schon nun der Autor weiß, wie viel von dem, was er gethan, rein zufällig war, so fühlte er doch, daß er bei diesem Tadel demüthig seine Schuld bekennen mußte; er entschloß sich daher, als einzige Sühne, welche in seiner Macht stand, sich das Schreiben eines zweiten Buches aufzuerlegen, dessen Gegenstand weder der Welt noch ihm selbst einen Hinterhalt ließe. Er wählte den Patriotismus zu seinem Thema, und es ist für diejenigen, welche diese Einleitung, wie auch die Novelle selbst lesen, kaum beizufügen nöthig, daß er den Helden der eben mitgetheilten Anekdote für das geeignetste Bild betrachtete, die Vaterlandsliebe in ihrer abgesonderten Erscheinung darzustellen.

Seit der ersten Veröffentlichung des »Spions« hat man sich mit Erzählungen von verschiedenen Personen getragen, von welchen man annahm, daß der Schriftsteller sie bei Abfassung seines Romans im Auge gehabt habe. Da Herr – – nie den Namen seines Agenten erwähnte, so kann der Autor sich über die Identität desselben mit dieser oder jener Person nicht weiter auslassen, als es hier schon geschehen ist. Beide, Washington und Sir Henry Clinton, bedienten sich einer ungewöhnlichen Anzahl geheimer Emissäre, wie dieses in einem Kriege, der so vielfach den Charakter eines Bürgerkriegs trug und in welchem die sich bekämpfenden Parteien aus Männern desselben Blutes und derselben Sprache bestanden, kaum anders seyn konnte.

Der Styl des Buches ist in dieser Ausgabe von dem Verfasser von neuem durchgesehen worden, wobei er bemüht war, dasselbe der Gunst, deren es sich bereits erfreuen durfte, noch würdiger zu machen, obschon er gestehen muß, daß in die ganze Anlage der Erzählung Mängel eingewoben sind, bei denen, wie bei einem baufälligen Hause, die Ausbesserung mehr Mühe kosten würde, als wenn man es neu aufrichtete. Zehn Jahre sind für das Meiste, was mit Amerika in Verbindung steht, ein Menschenalter, und unter andern Fortschritten sind die seiner Literatur nicht die unbedeutendsten. Zu der Zeit, in welcher das gegenwärtige Werk geschrieben wurde, ließ sich von der Veröffentlichung einer derartigen Schrift so wenig Erfolg erwarten, daß der erste Band des Spions schon mehrere Monate gedruckt war, ehe der Verfasser einen hinreichenden Grund fühlte, auch nur eine Zeile an dem zweiten zu beginnen. Die Bemühungen, welche auf eine undankbare Lebensaufgabe gewandt werden, sind selten ihres Urhebers werth, so gering auch sonst dessen Verdienste im Allgemeinen anzuschlagen seyn mögen.

Eine glänzendere Aussicht beginnt jetzt für den Freistaat aufzudämmern, der nun im Begriffe steht, jenen Rang unter den Völkern der Erde einzunehmen, welchen ihm die Natur anwies und zu dem alle seine Einrichtungen nothwendig führen müssen. Sollte der Zufall einen Abdruck des gegenwärtigen Vorworts nach zwanzig Jahren einem Amerikaner in die Hände spielen, so wird er bei dem Gedanken lächeln, daß einer seiner Landsleute je Anstand nahm, ein schon so weit gediehenes Werk zu beendigen, bloß weil er besorgte, daß man seinem Lande ein Buch, welches vaterländische Interessen berührt, nicht werde lesen wollen.

Paris, am 4. April 1831.

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