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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 17
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Fünfzehntes Kapitel.

Kleinigkeiten, leicht wie Wind, erscheinen
Der Eifersucht als kräftige Beweise,
Wie Worte aus der Bibel.

Othello.

 

Das Wetter, welches seit dem Sturme mild und heiter gewesen war, änderte sich jetzt plötzlich mit der dem amerikanischen Klima eigentümlichen Schnelligkeit. Im Osten blies der Wind kalt von den Bergen und Schneegestöber verkündigten die Ankunft des November, eines Monats, dessen Temperatur von der Hitze des Sommers bis zur eisigen Kälte des Winters wechselt. Franciska betrachtete von dem Fenster ihres Zimmers aus den langsamen Zug der Leichenprocession mit einer Wehmuth, welche zu tief war, um in dem gegenwärtigen Schauspiele ihren Grund zu haben. Es lag etwas in dieser traurigen letzten Dienstleistung, was im Einklang mit den Gefühlen des Mädchens stand. Als sie umher blickte, sah sie die Bäume sich beugen unter der Gewalt des Sturmes, der mit einem Ungestüm durch das Thal fegte, daß sogar die Gebäude erzitterten; und der Wald, der so spät noch mit seinen verschiedenen Farben im Strahle der Sonne geprangt hatte, verlor beinahe seinen ganzen Reiz, da die Blätter sich von den Zweigen losrissen und stoßweise im Winde dahin wirbelten. In der Entfernung konnte man auf den Höhen einige Dragoner bemerken, welche die Zugänge zu den Quartieren des Corps bewachten und mit dicht angezogenen Mänteln, gegen den Sattelknopf vorgebeugt, dem scharfen Winde trotzten, der so spät noch von den großen Süßwasserseen herwehte.

Franciska sah die hölzerne Behausung des Hingeschiedene im Dämmerlichte des Abends verschwinden – ein Anblick, der das Düstere der Scene noch erkältender machte. Capitän Singleton schlief unter der Aufsicht seines Bedienten, während seine Schwester sich bereden ließ, von ihrem Zimmer Besitz zu nehmen, um die Ruhe nachzuholen, welche ihr durch die Nachtreise verkümmert worden war. Miß Singleton's Gemach stand mit dem der beiden Schwestern durch eine besondere Thüre sowohl, als durch den gemeinschaftlichen Hausgang in Verbindung. Die Thüre war etwas geöffnet und Franciska näherte sich ihr in der wohlwollenden Absicht, sich von dem Zustande ihres Gastes zu überzeugen; sie bemerkte jedoch zu ihrer großen Ueberraschung, daß die, welche sie schlafend zu finden erwartete, nicht nur wach, sondern in einer Weise beschäftigt war, welche an keine Ruhe denken ließ. Die schwarzen Locken, welche während der Mahlzeit dicht um den Scheitel geschlungen waren, wallten aufgelöst über Schultern und Brust und liehen ihren Zügen einigermaßen einen wilden Ausdruck, während die leichenhafte Blässe der Dame einen seltsamen Gegensatz zu dem tiefschwarzen Auge bildete, das mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ein Gemälde, welches sie in der Hand hielt, geheftet war. Franciska verging der Athem, als eine Bewegung Isabella's sie das Porträt eines Mannes in der wohlbekannten Uniform der südlichen Reiterei erkennen ließ. Sie haschte nach Luft und legte unwillkührlich die Hand auf's Herz, um das Wogen desselben zu bewältigen, denn sie glaubte dieselben Züge zu erkennen, die so tief in ihre eigene Seele eingegraben waren. Franciska fühlte, daß es nicht schicklich sey, in das Heiligthum der Geheimnisse Anderer sich einzudrängen; auch band die Heftigkeit der Aufregung ihre Zunge, und sie zog sich nach einem Stuhle zurück, von dem aus sie die Fremde noch sehen konnte, denn es war ihr unmöglich, die Augen von dem Gesichte derselben abzuwenden. Isabella war zu sehr von ihren eigenen Gefühlen in Anspruch genommen, um die bebende Gestalt der Zeugin ihrer Bewegungen zu bemerken, und drückte das leblose Bild mit einem Feuer an ihre Lippen, welches die heftigste Leidenschaft verrieth. Der Ausdruck auf dem Antlitz der schönen Fremden war so wechselnd und die Uebergänge so rasch, daß Franciska kaum Zeit hatte, sich eine Vermuthung über den Charakter einer Erregung zu bilden, bis diese schon wieder durch eine andere gleich ausdrucksvolle und gleich auffallende verdrängt wurde. Liebe und Gram schienen jedoch die vorherrschenden Züge zu seyn; letzterer sprach sich in großen Tropfen aus, welche in rascher Aufeinanderfolge von ihren Wangen auf das Gemälde fielen und ein Seelenleiden bekundeten, das zu tief lag, als daß es sich in den gewöhnlichen Schmerzäußerungen hätte Luft machen können. Jede Bewegung Isabella's trug das Gepräge der ihrem Wesen eigenthümlichen Ueberspanntheit und jede Leidenschaft übte der Reihe nach in ihrer Brust ein Uebergewicht. Die Wuth des Sturmes, der um das Gebäude pfiff, stand im Einklang mit solchen Gefühlen; sie erhob sich und trat an das Fenster ihres Gemaches. Ihre Gestalt war nun den Augen Franciska's verborgen, und diese wollte eben aufstehen, um sich ihrem Gaste zu nähern, als auf einmal Töne eines durchdringenden Gesanges erklangen, welche sie in athemlosem Schweigen an ihre Stelle fesselten. Die Weise war wild und die Stimme unkräftig, aber die Gluth des Vortrags übertraf Alles, was Franciska je gehört hatte. Sie stand still, und mühte sich, selbst den leisen Ton ihres Athems zu unterdrücken, bis der folgende Gesang geendet war:

Kalt bläst der Wind von Gebirges Höhen
Und kahl steht die Eiche im Land,
Träge die Nebel den Quellen entwehen,
Am Bach glänzt der eisige Rand;
Die ganze Natur sucht der Ruhe Lust –
Doch des Friedens Schlummer flieht meine Brust.

Lange mein Volk schon die Stürme durchtoben.
Doch die Tapferen stehen der Fluth;
Kraftvoll ringet die Freiheit nach oben
Gestählt durch des Führers Muth –
Verbotener Ehrgeiz entfaltet sein Spiel,
Doch ein Herz, das bricht, kennt kein frohes Gefühl.

Draußen liegt Flur und Hain umzogen
Von des Winters erstarrender Wuth,
Doch meiner Pulse rasches Wogen
Sengt südlicher Sonne Gluth.
Da außen trägt Alles sein Eisgewand,
Doch im Herzen lodert verzehrender Brand.

Franciska's ganze Seele war hingerissen von den leisen Tönen des Gesanges, obgleich der Inhalt desselben einen Sinn ausdrückte, der in Verbindung mit gewissen Ereignissen des gegenwärtigen und vorhergehenden Tages in der Seele des warmherzigen Mädchens ein Gefühl von Unruhe zurückließ, welches ihr bisher fremd gewesen war. Als die letzten Laute in dem Ohr des bewundernden Mädchens verklungen waren, trat Isabella vom Fenster zurück, und jetzt zum erstenmal traf ihr Auge auf das blasse Gesicht der Zuhörerin. Ein Glutstrom übergoß zu gleicher Zeit beider Wangen und die gegenseitig sich begegnenden Augen suchten betroffen die Erde; doch gingen die Mädchen auf einander zu und reichten sich die Hände, ehe es eine wagte, der andern in's Gesicht zu blicken.

»Dieser plötzliche Witterungswechsel und vielleicht auch der Zustand meines Bruders haben mich in eine melancholische Stimmung versetzt, Miß Wharton,« sagte Isabella mit leiser bebender Stimme.

»Ich denke, Sie haben wenig für ihren Bruder zu besorgen,« sagte Franziska in derselben verlegenen Weise. »Wenn Sie ihn aber gesehen hätten, als Major Dunwoodie ihn herbrachte –«

Franciska hielt mit einem Gefühl von Scham inne, über das sie sich keine Rechenschaft geben konnte, und als sie ihre Augen erhob, sah sie, wie Isabella ihr Gesicht mit einem Ernste betrachtete, welcher ihr das Blut wieder stürmisch nach den Schläfen trieb.

»Sie haben von Major Dunwoodie gesprochen –« sagte Isabella mit schwacher Stimme.

»Ja; er brachte den Capitän Singleton in's Haus.«

»Kennen Sie Dunwoodie? Haben Sie ihn oft gesehen?«

Francisca wagte es noch einmal, ihrem Gaste in's Antlitz zu sehen; sie begegnete aber wieder den durchbohrenden Blicken Isabellens, welche das Innerste ihrer Seele durchdringen zu wollen schienen.

»Sprechen Sie, Miß Wharton; ist Ihnen Major Dunwoodie bekannt?«

»Er ist ein Verwandter von mir,« sagte Francisca, durch die seltsame Weise ihrer Gefährtin beängstigt.

»Ein Verwandter?« wiederholte Miß Singleton, in welchem Grade? – Sprechen Sie, Miß Wharton, – bei Allem, was Ihnen heilig, sprechen Sie.«

»Unsere Eltern waren Geschwisterkinder,« erwiederte Franciska leise.

»Und er soll Ihr Gatte werden?« fuhr die Fremde mit Ungestüm fort.

Franciska fühlte sich gekränkt und ihr ganzer Stolz erwachte bei diesem unverhüllten Angriff auf ihre Gefühle. Sie ließ ihre Augen mit einigem Selbstgefühl von dem Boden auf die Fragerin gleiten, aber Isabellens blasse Wangen und bebende Lippen bewältigten augenblicklich ihre Empfindlichkeit.

»Es ist so – meine Vermuthung ist gegründet. Sprechen Sie, Miß Wharton; ich beschwöre Sie – haben Sie Mitleid mit meinen Gefühlen und sagen Sie mir – ob Sie Dunwoodie lieben?« Es lag ein rührender Ernst in Miß Singleton's Stimme, der jede Spur von Unwillen aus Franciska's Seele drängte, und die ganze Antwort, welche letztere geben konnte, bestand darin, daß sie ihr glühendes Gesicht mit den Händen bedeckte, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, auf ihren Stuhl zurück sank.

Isabella ging einige Minuten schweigend auf und ab, bis es ihr gelang, den innern Sturm zu bezwingen; dann näherte sie sich der Stelle, wo Franciska noch mit verhülltem Antlitz saß, um die Röthe der Scham vor der Gefährtin zu verbergen, nahm sie bei der Hand und sprach mit augenscheinlich erzwungener Fassung:

»Vergeben Sie mir, Miß Wharton, wenn mich ein unbezwingliches Gefühl eine Unziemlichkeit begehen ließ; der dringende Grund – die schreckliche Ursache –« sie zögerte. Franciska erhob jetzt ihr Antlitz und traf wieder mit Isabellens Blicken zusammen. Sie sanken sich in die Arme und drückten ihre brennenden Wangen aneinander. Die Umarmung währte lange – sie war heiß und aufrichtig – kein Laut wurde gesprochen, und als sie sich trennten, kehrte Franciska ohne weitere Erklärung nach ihrem Zimmer zurück.

Während dieser außerordentliche Auftritt in Miß Singleton's Zimmer vorging, wurden auch in dem Gesellschaftszimmer Dinge von nicht geringer Wichtigkeit verhandelt. Die Verwendung der Reste einer Mahlzeit, wie die von uns beschriebene, war ein Geschäft, welches nicht wenig Mühe und Berechnung erforderte. Zwar hatte sich manches von dem Wildpret in die Taschen von Capitän Lawton's Bedienten verirrt und auch der Gehülfe des Doctor Sitgreaves hatte berechnet, wie ungewiß ein langer Aufenthalt in einem so guten Quartiere sey. Demungeachtet aber war noch mehr übrig geblieben, als die kluge Miß Peyton mit Vortheil zu verwenden wußte. Cäsar und seine Gebieterin hielten daher eine lange und vertrauliche Berathung über dieses wichtige Geschäft, und die Folge davon war, daß Obrist Wellmere ganz der Gastfreundlichkeit Sara Wharton's überlassen blieb. Die gewöhnlichen Gemeinplätze der Unterhaltung waren bald erschöpft und endlich berührte der Obrist mit jener Unbehaglichkeit, welche gewissermaßen unzertrennlich von dem Bewußtseyn eines begangenen Fehlers ist, die Ereignisse des vorigen Tages.

»Wir dachten nicht, Miß Wharton, daß dieser Herr Dunwoodie, als ich ihn zum erstenmale in Ihrem Hause in der Königin-Straße sah, sich zu dem mannhaften Krieger heranbilden würde, als welchen er sich erwiesen hat,« sagte Wellmere, indem er seinen Verdruß unter einem Lächeln zu verbergen suchte.

»Allerdings mannhaft, wenn wir in's Auge fassen, welchem Feinde er es zuvorthat,« sagte Sara mit zarter Berücksichtigung der Gefühle ihres Gefährten. »Es war in der That ein großes Unglück – in jeder Hinsicht – daß Ihnen dieser Unfall begegnete; denn ohne Zweifel würden sonst die königlichen Waffen wie gewöhnlich triumphirt haben.«

»Und doch ist das Vergnügen einer Gesellschaft, wie sie dieser Unfall mir zuführte, durch die« Leiden eines gekränkten Ehrgeizes und eines verwundeten Körpers nicht zu theuer bezahlt,« fügte der Obrist mit besonderer Zärtlichkeit bei.

»Ich hoffe, das letztere ist nicht von großer Bedeutung,« sagte Sara, und beugte sich unter dem Scheine, einen Faden an ihrer Nähterei abzubeißen, vorwärts, um ihr Erröthen zu verbergen.

»In der That, in Vergleichung mit dem ersteren von keiner Bedeutung,« fuhr der Obrist in derselben Weise fort. »Ach, Miß Wharton, in solchen Augenblicken fühlen wir erst recht den Werth der Freundschaft und der Sympathie.«

Wer es nicht selbst erfahren hat, kann sich nicht leicht vorstellen, welche schnelle Fortschritte die Liebe in dem warmen Herzen eines weiblichen Wesens in dem kurzen Zeiträume einer halben Stunde zu machen vermag, besonders wenn es schon vorher von schmachtender Sehnsucht ergriffen ist. Sara fand die Unterhaltung, als sie auf Freundschaft und Sympathie ablenkte, zu ansprechend, um eine Unterbrechung zu wagen; aber sie richtete ihr Auge auf den Obristen und bemerkte, wie das seinige mit einer Bewunderung auf ihren Zügen ruhte, welche deutlicher und zärtlicher sprach, als es Worte nur immer thun konnten.

Ihr vertrauliches Gegenüber wurde erst nach einer Stunde unterbrochen, und obgleich der Obrist nichts ausgesprochen hatte, was von einer erfahrenen Matrone für »entscheidend« erklärt worden wäre, so war doch das Mädchen von den tausend Süßigkeiten, welche er ihr gesagt, so entzückt, daß sie sich mit leichterem Herzen, als je seit der Gefangenschaft ihres Bruders durch die Amerikaner, zur Ruhe begab.

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