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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 15
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Dreizehntes Kapitel.

– – Ich bleibt hier und esse,
Und wär's mein Letztes.

Der Sturm.

 

Der Duft der Zubereitungen, welcher bereits von Capitän Lawton nicht unbeachtet geblieben war, begann das ganze Innere des Landhauses zu erfüllen. Gewisse süße Wohlgerüche, welche aus Cäsars unterirdischem Gebiete aufstiegen, gaben dem Reiter die angenehme Ueberzeugung, daß seine Geruchsnerven, welche bei derartigen Gelegenheiten eben so scharf waren, als seine Augen bei andern, ihre Dienste treulich verrichtet hatten, und um die Wohlthat, die köstlichen Düfte von der ersten Hand zu bekommen, recht zu genießen, pflanzte sich der Dragoner an ein Fenster des Gebäudes, so daß keiner der mit den Specereien des Ostens gewürzten Wohlgerüche seinen Zug nach den Wolken nehmen konnte, ohne zuvor der Nase des Rittmeisters seinen Weihrauch gezollt zu haben. Lawton überließ sich jedoch nicht früher diesem behaglichen Geschäfte, als bis er alle Vorbereitungen getroffen hatte, dem Feste so viel Ehre zu machen, als seine sparsame Garderobe gestattete. Die Uniform seines Corps war eine Einlaßkarte zu den besten Tafeln, und obgleich diese durch treuen Dienst und einen nicht sehr schonsamen Gebrauch etwas abgenutzt war, so hatte ihr doch die Bürste für die gegenwärtige Gelegenheit ein ziemlich respektables Aussehen gegeben. Sein Kopf, welchen die Natur mit rabenschwarzen Haaren ausgestattet hatte, wetteiferte nun mit der Weiße des Schnees, und seine derbknochige Hand, welche dem Säbel so wohl anstand, sah mit einer fast mädchenhaften Zimperlichkeit unter einer Manschette hervor. Weiter gingen übrigens die Verschönerungen des Dragoners nicht, wenn man nicht etwa noch die Stiefel, welche in mehr als sonntäglichem Glanze strahlten, und die Sporen, die im Glanze der Sonne wie der schönste Messing blinkten, dazu rechnen will.

Cäsar ging mit einer Miene von Wichtigkeit durch die Gemächer, welche sogar diejenige, die ihn bei seinem traurigen Morgengeschäfte begleitet hatte, übertraf. Der Schwarze war schon früh von der Botschaft, mit der ihn der Hausirer beauftragt hatte, zurückgekehrt, und, gehorsam dem Befehle seiner Gebieterin, zeigte er sich zu jeder Leistung bereit, welche sein Dienst von ihm forderte. Auch war er in der That so eifrig in Erfüllung desselben, daß er sich nur einige Augenblicke Zeit nahm, um seinem schwarzen Stammverwandten, der Miß Singleton nach den Locusten begleitet hatte, einen Theil der wunderbaren Ereignisse mitzutheilen, welche sich in der letzten merkwürdigen Nacht zugetragen hatten. Durch eine umsichtige Benützung solcher zufälligen freien Momente gelang es jedoch Cäsar, so viele Hauptpunkte seiner Geschichte auszukramen, daß sein Gast Mund und Augen in den weitesten Dimensionen aufsperrte. Der Geschmack am Wunderbaren war jedoch unsern beiden schwarzen Ehrenmännern so tief eingepflanzt, daß es Miß Peyton für nöthig hielt, ihr Ansehen zu gebrauchen, um Cäsar zu veranlassen, den Rest seiner Erzählung auf eine geeignetere Gelegenheit zu verschieben.

»Ach! Miß Jinett«, sagte Cäsar kopfschüttelnd und mit einem Gesichte, welches alle seine Gefühle ausdrückte; »'s war schrecklich gewesen, zu sehen Johnnie Birch gehen auf seinen Füßen, als er schon todt liegen.«

Diese Worte bildeten den Schluß der Unterredung, obgleich der Schwarze zu seiner Beruhigung sich selbst gelobte (was er denn auch redlich hielt), später den wichtigen Gegenstand in ordentlichen Abhandlungen zu beleuchten.

Sobald der Geist in dieser Weise glücklich beseitigt war, gediehen Miß Peytons Geschäfte herrlich, und als die Sonne zwei Stunden nach Mittag zurückgelegt hatte, begann eine förmliche Procession aus der Küche zum Gastzimmer, Cäsarn an der Spitze, der mit der Geschicklichkeit eines Equilibristen einen Truthahn auf den Flächen seiner dürren Hände balancirte.

Nach ihm kam der Bediente des Capitän Lawton, welcher in steifer Haltung und mit gespreizten Beinen, als ob er sein Pferd unter sich hätte, einherschritt und einen duftigen ächt virginischen Schinken, ein Geschenk von Miß Peytons Bruder in Accomac, vor sich her trug. Der Träger dieses würzigen Gerichts faßte das ihm anvertraute Gut mit militärischer Präcision in's Auge, und als er den Ort seiner Bestimmung erreichte, mochte es wohl zweifelhaft erscheinen, ob der Mund des Dieners oder das Fett des Schweinchens einen saftigeren Anblick biete.

Der Dritte in der Reihe war der Bediente des Obristen Wellmere, welcher auf der einen Hand eine Schüssel mit fricassirten Hühnern, auf der andern eine Platte mit Austernpastetchen trug.

Hinter diesem kam der Gehilfe des Doctors Sitgreaves, welcher instinktartig eine ungeheure Terrine ergriffen hatte, da sie den ihm bekannten Gefässen am meisten ähnlich sah: er folgte seinem Vorgänger auf dem Fuße, bis die Brille, welche er als ein Merkmal seines Amtes trug, von den Dämpfen der Suppe so vollständig angelaufen war, daß er, als er in dem Speisezimmer anlangte, seine Last zur Erde setzen und die Gläser entfernen mußte, um seinen Weg durch das aufgehäufte Porcellängeschirr und die Tellerwärmer zu finden.

Dann erschien ein anderer Reiter, welcher den Capitän Singleton zu bedienen hatte; und als ob er seinen Appetit nach dem schwächlichen Zustand seines Herrn abgemessen hätte, begnügte er sich, einem Paar gebratenen Enten das Geleit zu geben, bis ihn endlich ihr verführerischer Wohlgeruch bereuen ließ, eben noch ein Frühstück, das für die Schwester seines Gebieters bestimmt war, neben seinem eigenen verschlungen zu haben.

Der weiße Knabe, welcher zum Hause gehörte, bildete den Nachtrab; er seufzte unter der Last getrockneter Früchte, womit ihn die Köchin in unvorsätzlicher Steigerung überladen hatte.

Dieß waren jedoch bei weitem nicht alle Zurüstungen für das festliche Mahl. Cäsar hatte kaum seinen Vogel, welcher vor einer Woche noch in den Hochlanden herumflatterte und sich wohl wenig davon träumen ließ, daß er so zeitig einen solch' schönen Zug werde anführen dürfen – niedergesetzt, als er sich auch gleich wieder mechanisch auf den Fersen drehte und seine Marschlinie nach der Küche einschlug. Diese Bewegung des Schwarzen wurde nach einander von seinen Gefährten nachgeahmt, woraus unmittelbar eine zweite Procession der gleichen Ordnung begann. In Folge dieser bewunderungswürdigen Einrichtung fanden ganze Flüge von Tauben und Wachteln, Ketten von Rebhühnern uni Schaaren von Plattfischen und Seebarschen ihren Weg zu der übrigen Gesellschaft.

Ein dritter Aufzug brachte annehmbare Quantitäten von Kartoffeln, Zwiebeln, Rüben, Reis, kalter Schaale und den übrigen Beigaben eines guten Diners.

Der Tisch seufzte unter der Masse dieser Gerichte, und Cäsar Betrachtete, nachdem er jede Schüssel, die nicht von ihm selbst aufgestellt war, anders gerückt hatte, die Anordnung mit großer Selbstgefälligkeit, worauf er sich entfernte, um den Festordnern die Mittheilung zu machen, daß sein Geschäft glücklich beendet sey.

Eine halbe Stunde, ehe die eben mitgetheilte Küchenprocession begann, waren die Damen auf dieselbe unerklärliche Weise verschwunden, in welcher die Schwalben bei Annäherung des Winters unsichtbar werden. Ihr Frühling trat aber bald wieder ein, und die ganze Gesellschaft versammelte sich in einem Zimmer, welches das Boudoir genannt wurde, da es mit indianischem Kattun ausgeschlagene Polsterbänke und keine Seitentische enthielt.

Die gütige Wirthin hielt die gegenwärtige Gelegenheit nicht nur für würdig, außerordentliche Küchenvorbereitungen zu machen, sondern fand es auch für passend, sich den Gästen, in deren Bewirthung sie sich glücklich fühlte, in einem geeigneten Anzuge vor zustellen.

Auf ihrem Kopfe prangte eine Haube vom feinsten Schleiertuch, mit einer Bordüre von breiten Spitzen, die sich in einer Weise über das Gesicht herein legten, daß sich ein Bouquet künstlicher Blumen gar zierlich auf ihrer schönen Stirne ausnahm.

Die natürliche Farbe des Haares war unter der Masse von Puder, welche es bedeckte, ganz verschwunden, und nur ein loses Löckchen an den Schläfen hob einigermaaßen das Steife der Frisur und gab dem Antlitz einen Ausdruck weiblicher Weichheit.

Ihr Kleid bestand aus schwerem, veilchenfarbenen Seidenstoff, war tief ausgeschnitten und hatte ein fest anliegendes Leibchen von demselben Zeuge, welches das Ebenmaaß der Form von der Schulter bis zur Hüfte in treuen Zügen hervortreten ließ; weiter nach unten war der Anzug voll reicher Falten und zeigte, daß in dieser Beziehung Sparsamkeit keine Schwäche des Tages war. Eine schmale Garnirung ließ die Kunst der Nähterin recht augenfällig werden und trug dazu bei, der ganzen Gestalt eine majestätische Würde zu geben.

Die hohe Figur der Dame wurde wenigstens noch um einen Zoll durch die Absätze ihrer aus dem Stoffe des Kleides verfertigten Schuhe erhöht.

Die Aermel waren kurz und knapp anliegend, bis sie an den Ellenbogen in breite Manschetten von doppelt und dreifach übereinander gelegtem und mit Dresdener Spitzen besetztem Schleiertuche übergingen, die bei jeder Bewegung des Armes in reichen Falten herunterfielen und die Weiße des schöngeformten Armes und der zierlichen Hand nur noch mehr hervorhoben. Eine dreifache Reihe von Perlen umgab dicht den Hals, und ein Spitzentuch verhüllte den Theil der Brust, welchen die Seide unbedeckt gelassen hatte und den Miß Peyton nunmehr nach vierzigjähriger Erfahrung zu verbergen gelernt hatte.

In diesem Anzuge und mit der aufrechten, würdevollen Haltung, welche so bezeichnend für die Mode jener Zeit war, hätte die Jungfrau wohl eine Schaar moderner Schönheiten verdunkeln können.

Sara's Geschmack hatte gleichen Schritt mit dem Putze ihrer Tante gehalten und ein Kleid, das sich nur in Stoff und Farbe von dem vorhin beschriebenen unterschied, ließ ihre gebieterische Gestalt in gleich vortheilhaftem Lichte erscheinen. Es bestand aus Rosa-Atlas. Auch forderten zwanzig Jahre nicht jene Vorsicht, welche die Klugheit in den Vierzigen anräth, und so verbarg nichts als eine neidische Bordüre ausgesuchter Spitzen einigermaaßen, was der Atlas unverhüllt ließ. Der obere Theil der Brust und die zarte Wölbung der Schulter strahlten in ihrer ganzen natürlichen Schönheit, während der Hals, wie bei der Tante mit einer dreifachen Perlenschnur geziert war, welcher Ohrgehänge aus dem gleichen Gestein entsprachen. Die Haube fehlte und das à la Chinoise frisirte Haar ließ die schneeweiße Marmorstirne in ihrer ganzen Lieblichkeit erscheinen. Einige ungehorsame Locken fielen anmuthig auf den Nacken herab und ein Bouquet künstlicher Blumen leuchtete gleichfalls, einer Krone ähnlich auf ihrem Scheitel.

Miß Singleton hatte ihren Bruder der Aufsicht des Doctor Sitgreaves überlassen, dem es gelungen war, seinen Patienten in einen tiefen Schlaf zu bringen, nachdem er einige der Aufregung des Wiedersehens folgende fieberische Symptome beseitigt hatte. Die Schwester ließ sich durch die aufmerksame Wirthin der Locusten bereden, an dem Feste Theil zu nehmen, und saß an Sara's Seite, von dieser Dame im Aeußern wenig verschieden, nur daß sie den Gebrauch des Puders für ihre rabenschwarzen Locken verschmäht hatte und daß die ungewöhnliche hohe Stirne und das große feurige Auge ihren Zügen einen Ausdruck der Gedankenfülle gaben, welcher durch die Blässe ihrer Wangen noch möglichst erhöht wurde.

Die letzte endlich, aber nicht die geringste in der Entfaltung weiblicher Reize, war Herrn Wharton's jüngere Tochter. Franciska hatte, wie bereits erwähnt wurde, die Stadt vor dem Alter verlassen, in welchem man gewöhnlich in die Kreise der Frauen von Welt eingeführt wird. Einige abenteuerliche Geister hatten bereits angefangen, gegen die verjährte Herrschaft einer beengenden Mode anzukämpfen, und auch das jugendliche Mädchen hatte es gewagt, sich auf das bischen Anmuth zu verlassen, welches die Natur selbst ihr bescheert hatte – aber dieses Bischen war ein Meisterstück. Franciska hatte es zwar im Laufe des Morgens einigemale versucht, auf ihren Putz eine mehr als gewöhnliche Sorgfalt zu verwenden; wenn sie aber ihren Entschluß bethätigen wollte, so blickte sie jedesmal vorher einige Minuten erwartungsvoll gegen Norden, worauf ihr Vornehmen wieder zu Wasser wurde.

Zur anberaumten Stunde trat unsere Heldin in blaßblauem Kleide von demselben Schnitte, wie das ihrer Schwester, in das Versammlungszimmer. Ihr Haar floß in wilden natürlichen Ringeln über ihre Schultern, während die Ueberfülle desselben durch einen langen niedrigen Kamm von lichtem Schildkrott, dessen Farbe sich kaum von dem Goldglanze ihrer Locken unterscheiden ließ, auf den Wirbel des Kopfes festgehalten wurde. Ihr Anzug war ohne Fältchen und Runzel, und schloß sich mit einer solchen Zierlichkeit ihren Formen an, daß man wohl auf die Vermuthung kommen konnte, das schlaue Mädchen habe mehr als eine bloße Ahnung von den Reizen, welche sie zur Schau trug. Ein Kragen von reichen Dresdener Spitzen ließ die Umrisse ihrer Gestalt noch weicher erscheinen. Ihr Kopf war ohne weiteren Schmuck und um ihren Hals schlang sich eine goldene Kette, welche vorn mit einem werthvollen Karniol schloß.

Einmal, aber auch nur einmal, als sie zur Tafel gingen, sah Lawton ein Füßchen aus den Falten ihres Kleides hervorschlüpfen, dessen zierliche Form sich im blauen Atlasschuh mit der Brillantschnalle gar liebliche ausnahm. Der Reiter holte einen tiefen Seufzer, als er sich dachte, wie bezaubernd ein solcher Fuß, wenn er auch nicht für einen Steigbügel paßte, in einer Menuette erscheinen müßte.

Als der Schwarze auf der Schwelle des Zimmers erschien, machte er jene tiefe Verbeugung, welche seit Jahrhunderten die Deutung enthält: »Das Mahl ist bereit.«

Herr Wharton, in einem Tuchkleid mit ungeheuern Knöpfen, näherte sich Miß Singleton mit vielen Förmlichkeiten und verbeugte den gepuderten Kopf fast bis zu der Hand herab, welche er der Dame anbot.

Doctor Sitgreaves bezeugte Miß Peyton die gleiche Huldigung, die aber erst nach einer kleinen Pause angenommen wurde, welche die Jungfrau dazu verwendete, ihre Handschuhe anzuziehen.

Obrist Wellmere wurde von Sara mit einem Lächeln beglückt, als er ihr denselben Dienst leistete; und Franciska bot Capitän Lawton mit mädchenhafter Verschämtheit die Spitzen ihrer zierlichen Finger.

Es ging nicht ohne großen Zeitverlust und einige Verwirrung ab, bis die ganze Gesellschaft, zu Cäsar's großer Freude, unter der geeigneten Beobachtung der Etiquette und des Vorrangs, an der Tafel Platz gefunden hatte. Der Schwarze wußte wohl, daß die Speisen durch das Stehen nicht besser werden, und obgleich er hinreichend im Stande war, das Unangenehme einer kalt gewordenen Mahlzeit zu begreifen, so überstieg es doch großenteils sein Begriffsvermögen, alle die wichtigen Folgen sich klar zu machen, welche aus der strengen Beobachtung einer gewissen Rangordnung für die menschliche Gesellschaft erwachsen.

Die ersten zehn Minuten befanden sich alle, mit Ausnahme des Dragoner-Rittmeisters, in einer recht angenehmen Stimmung, und selbst Lawton würde sich vollkommen glücklich gefühlt haben, wenn ihn nicht eine übermäßige Höflichkeit von Seiten des Wirthes und der Dame Jeanette Peyton von der angenehmen Beschäftigung, sich an seinen Lieblingsspeisen zu laben, abgehalten hätte, wodurch er sich genöthigt sah, seine Zeit auf becomplimentirende Zurückweisung anderer Gerichte, welche ihm minder anständig waren, zu verwenden. Endlich begann die Mahlzeit allen Ernstes, und das nun herrschende allgemeine Schweigen sprach beredter, als tausend Zungen für Dina's Geschicklichkeit.

Zunächst kam die Reihe an das Anstoßen mit den Damen; und da der Wein ausgezeichnet und die Gläser von ziemlichem Umfang waren, so ertrug der Reiter diese Unterbrechung mit großer Gutmüthigkeit. Ja, er war so besorgt, keinen Anstoß zu geben und die zarteren Punkte des Anstandes zu erfüllen, daß er diese Artigkeitserweisung bei der ihm zunächst sitzenden Dame begann, und so fort fuhr, bis keine seiner schönen Gesellschafterinnen ihm mit Recht den Vorwurf einer Parteilichkeit machen konnte.

Lange Entbehrung von Allem, was mit einem wirklich edeln Rebenblute Aehnlichkeit hatte, mochte hiebei den Capitän Lawton entschuldigen, zumal die gegenwärtige Versuchung gar zu einladend war. Herr Wharton war zu Neu-York einer von jenen Politikern gewesen, die es vor dem Kriege zu ihrem Hauptgeschäft machten, sich in Clubbs zu vereinigen, um sich in weisen Meinungen über die Zeichen der Zeit zu ergehen, wobei sie den begeisternden Einfluß des Saftes einer gewissen Traube nicht verschmähten, die an der Südseite der Insel Madeira wächst, und deren Feuergeist seinen Weg über Westindien, wo er im westlichen Archipel erst seine Tugenden erproben muß, auch nach den nordamerikanischen Kolonien findet. Man hatte einen ziemlichen Vorrath dieser Herzstärkung aus den Kellern der Stadt herausschaffen lassen, und ein Pröbchen davon funkelte aus einer vor dem Capitän stehenden Bouteille in seiner lieblichen Ambrafarbe, deren Glanz durch die schräg einfallenden Strahlen der Sonne noch erhöht wurde.

Die Speisen waren zwar mit der größten Ordnung und Zierlichkeit aufgetragen worden, dagegen hatte die Beseitigung der benützten Schüsseln viele Aehnlichkeit mit der Verwirrung eines militärischen Rückzugs. Der Tisch wurde fast in der Weise der fabelhaften Harpyen geräumt, und unter Kratzen, Stoßen, Zerbrechen und Verschütten verschwanden die Reste des überreichlichen Mahles. Und nun begann eine zweite Reihe von Processionen, mittelst deren die Tafel mit einer hübschen Ladung von Gebäck sammt den üblichen Zuthaten belegt wurde.

Herr Wharton schenkte der Dame, welche zu seiner Rechten saß, ein neues Glas ein, schob die Flasche einem anderen Gaste zu und sprach mit einer tiefen Verbeugung:

»Miß Singleton wird uns die Ehre schenken, einen Toast auszubringen.«

Obgleich in dieser Anmuthung nichts anderes lag, als was bei solchen Gelegenheiten zur Tagesordnung gehörte, so begann doch die Dame zu zittern; sie wurde roth und wieder blaß und schien sich alle Mühe zu geben, ihre Gedanken zu sammeln, so daß ihre Verwirrung die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf sich zog. Endlich sprach Isabella leise und mit einer Anstrengung, als ob sie vergeblich nach einem andern Namen gesucht hätte:

»Major Dunwoodie.«

Diese Gesundheit wurde von Allen mit Freuden getrunken, den Obristen Wellmere ausgenommen, welcher nur die Lippen benetzte und mit etwas verschüttetem Weine Figuren auf den Tisch zeichnete.

Endlich brach Obrist Wellmere sein Schweigen und sagte laut zu Capitän Lawton:

»Ich denke, Sir, dieser Herr Dunwoodie wird für den Vortheil, welchen ihm mein Unglück über mein Commando gab, in der Rebellenarmee vorrücken.«

Der Rittmeister hatte die Bedürfnisse seines Magens in vollem Maaße befriedigt und es mochte wohl, mit Ausnahme Washington's und seines unmittelbaren Vorgesetzten, keinen Sterblichen geben, um dessen Mißfallen er sich im mindesten gekümmert hätte. Er verhalf sich daher zuerst zu einem Bischen von seiner Lieblingsbouteille und antwortete dann mit bewunderungswürdiger Kälte:

»Ich bitte um Verzeihung, Obrist Wellmere – Major Dunwoodie ist den vereinigten Staaten Nordamerika's zur Treue verpflichtet, und gegen wen er Verpflichtungen hat, gegen den hält er sie. Ein solcher Mann kann also kein Rebell genannt werden. Ich hoffe, daß er vorrücken wird, einmal, weil er es verdient und dann, weil ich ihm der nächste im Range bin. Was Sie ein Unglück nennen, weiß ich nicht, Sie müßten denn das Zusammentreffen mit der Virginischen Reiterei darunter verstehen.«

»Wir wollen uns nicht um Worte streiten, mein Herr,« sagte der Obrist hochmüthig. »Ich sprach, wie es mir die Pflicht gegen meinen König gebot; aber nennen Sie es kein Unglück, wenn ein Corps seinen Anführer verliert?«

»Ohne Zweifel,« erwiederte der Reiter mit Nachdruck.

»Miß Peyton, wollen Sie uns mit einem Toast beehren?« rief der Herr des Hauses, ängstlich bemüht, diesen Dialog« abzubrechen.

Die Dame verbeugte sich mit Würde, als sie den Namen »General Montrose« nannte, und ein leichtes, lange vermißtes Roth stahl sich über ihre Züge.

»Kein Wort läßt eine vielfachere Deutung zu, als das Wort Unglück,« sagte der Wundarzt, ohne die schlaue Wendung des Wirthes zu berücksichtigen. »Einige halten dasselbe für ein Unglück, was andere für ein Glück halten. Unglück erzeugt Unglück. Das Leben ist ein Unglück, denn es kann das Mittel zu anhaltendem Unglück werden, und der Tod ist ein Unglück, weil er die Freuden des Lebens abkürzt.«

»Auch ist es ein Unglück, daß unser Tisch nicht immer einen Wein, wie diesen, führt;« fiel der Reiter ein.

»Wir wollen darauf anstoßen, Sir, da er nach Ihrem Geschmack zu seyn scheint,« sagte Herr Wharton.

Lawton füllte sein Glas bis zum Rande und leerte es mit dem Toaste: »baldiger Friede, oder Kampf auf Tod und Leben!«

»Ich thue Bescheid, Capitän Lawton, obgleich mir die Art Eurer Manöver nicht zusagt,« entgegnete der Wundarzt. »Nach meiner einfältigen Meinung sollte die Cavallerie in der Nachhut bleiben, um den Sieg vollständig zu machen, nicht aber vornweg zu Erringung desselben benützt werden. Ersteres sollte man ihre natürliche Beschäftigung nennen, wenn man sich anders eines solchen Ausdrucks bei einem so künstlich zusammengesetzten Körper bedienen kann; denn die ganze Geschichte zeigt, daß die Reiterei stets am meisten geleistet hat, wenn sie gehörig in der Reserve gehalten wurde.«

Das Gespräch, welches nun mehr einen didactischen Charakter annahm, gab der Miß Peyton einen Wink, welchen sie nicht vernachlässigte. Sie erhob sich und verließ mit den jüngeren Damen das Zimmer.

Fast gleichzeitig baten auch Herr Wharton und sein Sohn, ihre Entfernung zu entschuldigen, die wegen des Todes eines nahen Nachbars nöthig geworden fey, und zogen sich gleichfalls zurück.

Der Aufbruch der Damen war für den Wundarzt das Signal, seine Cigarre hervorzuholen, die er dann auch mit einer Umsicht dem Mundwinkel zuführte, welche die Unterhaltung auch nicht die mindeste Unterbrechung erleiden ließ.

»Wenn Wunden und Gefangenschaft durch irgend etwas versüßt werden können, so geschieht es durch das Glück, in der Gesellschaft von Damen zu dulden, wie sie uns eben verlassen haben,« bemerkte der Obrist galant, als er, nachdem sich die Thüre geschlossen hatte, wieder seinen Sitz einnahm.

»Theilnahme und eine gütige Behandlung üben ihren Einfluß auf das menschliche System,« erwiederte der Wundarzt in seinem Adeptentone, indem er mit dem kleinen Finger die Asche von seiner Cigarre drückte. »Es besteht ein sehr inniger Zusammenhang zwischen den moralischen und physischen Empfindungen; doch um eine Kur zu vollenden und die Natur auf die rechte Linie zurückzuführen, von der sie in Folge einer Krankheit oder Zufälligkeit abgewichen ist, bedarf es einer kräftigeren Einwirkung, als die ist, welche eine Theilnahme üben kann, der es an den erforderlichen Kenntnissen fehlt. In solchen Fällen ist das Licht –« Der Chirurg warf zufällig einen Blick auf den Rittmeister und hielt inne. Nach zwei oder drei hastigen Zügen aus seiner Cigarre versuchte er es jedoch, seinen Satz zu endigen – »In solchen Fällen ist die Wissenschaft, welche aus dem Lichte fließt –«

»Sie wollten sagen, Sir –« bemerkte Obrist Wellmere, indem er aus seinem Glase schlürfte –

»Ich wollte sagen,« fuhr Sitgreaves fort, indem er Lawton den Rücken kehrte, »daß ein Breiumschlag nie einen zerbrochenen Arm einrichten wird.«

»Schade,« rief der Dragoner; »denn, das Essen ausgenommen, könnte ein Brei nicht unschuldiger verwendet werden.«

»An Sie, Obrist Wellmere,« fuhr der Chirurg fort, »an Sie, als einen Mann von Erziehung« – der Obrist verbeugte sich – »kann ich mit Sicherheit appelliren. Sie müssen bemerkt haben, welche fürchterliche Verheerung die Reiter unter der Leitung dieses Herrn in Ihren Reihen angerichtet haben;« – der Obrist sah wieder ernst aus – »wie die Hiebe derselben unausbleiblich den Faden des Lebens durchschnitten, ohne einem die Hoffnung zu einer wissenschaftlichen Wiederanknüpfung zu lassen: wie sie Wunden schlugen, welche der Kunst des erfahrensten Praktikers Hohn sprechen. Nun berufe ich mich auf Sie, meines Triumphes gewiß – sagen Sie, wäre Ihr Corps nicht eben so gut geschlagen worden, wenn alle Ihre Leute zum Beispiel den rechten Arm verloren hätten, als so, wo es ihnen an die Köpfe ging?«

»Der Triumph Ihrer Berufung ist etwas voreilig, Herr!« entgegnete Wellmere.

»Wird die Sache der Freiheit nur einen Schritt durch eine solche rücksichtslose Grausamkeit im Felde gefördert?« fuhr der Wundarzt fort, der sich nicht gerne von seinem Lieblingsthema abbringen ließ.

»Ich muß erst noch lernen, ob die Sache der Freiheit überhaupt durch die Dienste eines Mannes in der Rebellenarmee gefördert wird,« versetzte der Obrist.

»Nicht die Sache der Freiheit? Guter Gott, für was kämpfen wir denn?«

»Für die der Sclaverei, Sir; ja, nur für die der Sclaverei. Ihr setzt die Tyrannei eines Pöbels auf den Thron eines gütigen, milden Fürsten. Was hat denn Eure gepriesene Freiheit für einen Halt?«

»Einen Halt?« wiederholte der Wundarzt mit Unwillen, als er eine so absprechende Beschuldigung gegen eine Sache vernahm, die ihm seit Jahren als heilig erschienen war.

»Ja, Herr, was hat sie für einen Halt? Euer wohlweiser Kongreß hat ein Manifest erlassen, in welchem die Gleichheit politischer Rechte proclamirt wird.«

»Das ist wahr, – und 's ist ein ganz schöner Aufsatz.«

»Ich spreche nicht von dem Aufsatz; aber wenn er eine Wahrheit seyn soll, warum setzt Ihr nicht Eure Sclaven in Freiheit?«

Diese Beweisführung, welche des Obristen Landsleute tausend sprechenden Thatsachen als unwiderlegbare Antwort entgegenstellen, verlor durch die Art, wie sie aufgeführt wurde, nichts an ihrem Gewicht.

Jeder Amerikaner fühlt sich gedemüthigt, wenn er sich in die Nothwendigkeit versetzt sieht, sein Vaterland gegen die scheinbare Haltlosigkeit und Ungerechtigkeit seiner Gesetze zu vertheidigen. Seine Gefühle sind in einer solchen Stellung dieselben, wie die eines Ehrenmannes, der sich gezwungen findet, eine entehrende Beschuldigung von sich abzuwälzen, obschon er weiß, daß die Anklage falsch ist. Da Sitgreaves' Verstand nichts weniger als unklar war, so stellte er sich bei diesem Aufruf auf eine würdige Weise zur Wehre.

»Wir halten es für eine Freiheit, eine entscheidende Stimme in dem Rathe zu haben, durch den wir regiert werden. Wir halten es für hart, von dem Könige eines Volkes beherrscht zu werden, welches dreitausend Meilen von uns entfernt lebt und das weder gleiche politische Interessen mit uns hat, noch haben kann. Ich spreche nicht von Unterdrückung. Das Kind war heran gewachsen und konnte seine Majoritätsrechte ansprechen. In solchen Fällen gibt es nur ein Tribunal, vor dem die Völker ihre Rechte geltend machen können – es heißt Gewalt; und an dieses haben wir uns jetzt gewendet.«

»Solche Lehren mögen allerdings Euren gegenwärtigen Zwecken angemessen seyn,« sagte Wellmere mit höhnischem Lächeln, »aber ich fürchte nur, sie sind allen Ansichten und der ganzen Handlungsweise civilisirter Völker zuwider.«

»Sie sind im Einklang mit der Handlungsweise aller Nationen,« versetzte der Chirurg, und erwiederte zugleich das lächelnde Beifallwinken Lawton's, welcher an dem gesunden Verstände seines Kameraden Gefallen fand, so wenig ihm auch sonst dessen medicinisches Gesalbader, wie er es nannte, zusagte. »Wer wird sich wohl beherrschen lassen, wenn er selbst herrschen kann? Es gibt in dieser Beziehung nur einen vernünftigen Grundsatz, nämlich den, daß jede Gemeinschaft das Recht hat, sich selbst zu regieren, und daß sie dabei die göttlichen Gesetze in keiner Weise außer Acht lassen darf.«

»Aber doch hält man im Einklang mit diesen Gesetzen seine Mitmenschen in Banden?« fragte der Obrist mit Nachdruck.

Der Wundarzt griff nach dem Glase, räusperte sich und kehrte zu der Streitfrage zurück.

»Sir,« sagte er; »die Sclaverei ist schon sehr alten Ursprungs und scheint sich auf keine besondere Religion oder Regierungsform zu beschränken. Jede Nation des civilisirten Europa's hält oder hielt ihre Mitmenschen in einer gleichen Art Knechtschaft.«

»Sie werden Großbrittanien ausnehmen, mein Herr,« rief der Obrist stolz.

»Nein, Sir,« fuhr der Chirurg zuversichtlich fort, als er fühlte, daß er im Begriffe war, den Krieg auf das Gebiet des Andern hinüber zu spielen; »auch Großbrittanien kann ich nicht ausnehmen. Englands Kinder, Englands Schiffe und Englands Gesetze haben diese Praxis zuerst nach unsern Staaten gebracht und auf sie fällt daher der ganze Vorwurf. England besitzt keinen Fuß breit Land, wo ein Neger nützlich seyn könnte, ohne daß es Sclaven dort hielte. In England selber sind freilich keine, aber da sind die physischen Kräfte so aufgehäuft, daß es einen großen Theil derselben als Arme erhalten muß. Das Nämliche gilt von Frankreich und den meisten andern Europäischen Staaten. So lange wir damit zufrieden waren, Colonien zu bleiben, hatte man nichts gegen unser Sclavensystem einzuwenden. Jetzt aber, da wir uns entschlossen zeigen, uns so viel Freiheit, als uns das fehlerhafte System des herrschenden Mutterstaates gelassen hat, aufrecht zu erhalten, macht man es uns zum Vorwurf. Will Euer Gebieter die Sclaven seiner Unterthanen befreien, wenn es ihm gelingen sollte, die neuen Staaten zu unterjochen – oder will er etwa die Weißen zu derselben Knechtschaft verdammen, welche er so lange bei den Schwarzen ruhig mit angesehen hat? Es ist wahr, wir setzen den Gebrauch fort; aber dem Uebel läßt sich nur allmählig abhelfen, wenn man nicht dafür ein größeres schaffen will. Doch wird ohne Zweifel seiner Zeit einmal die Freilassung der Sclaven erfolgen, und diese schönen Gegenden werden glücklich seyn, ohne daß ein einziges Ebenbild des Schöpfers sich in einem Zustande befindet, welches ihn unfähig macht, über die Güte dieses Schöpfers zu urtheilen.«

Der Leser, erinnere sich, daß Sitgreaves vor vierzig Jahren sprach und Wellmere also nicht im Stande war, dieser prophetischen Behauptung zu widersprechen.

Als der Engländer fand, daß sich der Gegenstand immer mehr verwickle, zog er sich nach dem Zimmer zurück, wo sich die Damen versammelt hatten. Er setzte sich zu Sara und unterhielt sich hier auf eine angenehmere Weise, indem er Geschichtchen aus dem modernen Leben der Hauptstadt erzählte und tausend kleine Anekdoten aus der Zeit ihrer früheren Bekanntschaft in Erinnerung brachte. Miß Peyton hörte, während sie den Theetisch beschickte, mit Vergnügen zu, und Sara beugte oft das Antlitz auf ihr Nähzeug nieder, wenn ihre Wangen unter den Schmeichelreden ihres Gefährten erglühten.

Das mitgetheilte Gespräch bewirkte einen völligen Waffenstillstand zwischen dem Wundarzt und seinem Kameraden, und nachdem erster noch einen Besuch bei Singleton gemacht hatte, verabschiedeten sie sich von den Damen und bestiegen ihre Pferde, der eine um die Verwundeten im Lager zu besuchen, der andere, um wieder zu seinem Zuge zu stoßen. Beide wurden aber an dem Hofthore durch ein Ereigniß angehalten, welches wir in dem nächsten Kapitel mittheilen wollen.

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