Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 14
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.

In diesem Feenbild lebt eine Seele
So mächtig wie in riesigen Gestalten;
Die zarten Glieder, die wie Espen beben
Im Sommerabendhauch, durchströmt ein Geist,
Der sich erheben kann zu Himmelshöhen
Und seines milden Auges klare Fenster
Erleuchten mit des Aethers Strahlenglanz.

Duo

 

Die Anzahl und die Beschaffenheit der Gäste hatte die häuslichen Sorgen der Miß Jeanette Peyton sehr vermehrt. Der Morgen fand Alle wieder neu belebt, mit Ausnahme des jugendlichen Dragoner-Rittmeisters, an welchem Dunwoodie so tiefen Antheil nahm. Die Wunde dieses Officiers war sehr bedeutend, obgleich der Wundarzt fortwährend versicherte, daß keine Gefahr vorhanden sey. Sein Kamerad Lawton hatte, wie im vorigen Kapitel bemerkt wurde, sein Lager verlassen, und auch Heinrich Wharton erwachte aus seinem Schlafe, welcher durch nichts als durch einen Traum getrübt wurde, in dem der Capitän unter den Händen eines chirurgischen Novizen eine Amputation erleiden zu müssen vermeinte. Als er jedoch entdeckte, daß er nur geträumt hatte, fand sich der Jüngling sehr gestärkt durch den Schlummer, und Doctor Sitgreaves entfernte alle weiteren Besorgnisse durch die bestimmte Versicherung, er werde in vierzehn Tagen wieder ganz hergestellt seyn.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich Wellmere nicht blicken lassen. Er frühstückte auf seinem eigenen Zimmer und erklärte ungeachtet eines gewissen bedeutungsvollen Lächelns, von Seiten des Mannes der Wissenschaft, daß er zu schwach sey, um das Bette verlassen zu können. Der Chirurg überließ ihn daher der Bemühung, seinen Verdruß in der Einsamkeit seines Zimmers zu verbergen, um sich der angenehmeren Aufgabe, eine Stunde an Georg Singleton's Lager zuzubringen, zu unterziehen. Als der Doctor bei Letzterem eintrat, überflammte eine leichte Röthe das Gesicht seines Patienten. Er ging daher rasch auf ihn zu, legte den Finger an den Puls des Jünglings und winkte ihm zu schweigen, während er vor sich hinmurmelte:

»Zunehmende Fiebersymptome, schneller Puls – nein, nein, mein lieber Georg, Sie müssen still und ruhig bleiben, obgleich Ihre Augen besser aussehen und Ihre Haut feucht ist.«

»Ach, mein lieber Sitgreaves,« sagte der Jüngling, indem er die Hand des Arztes ergriff, »Sie sehen, daß ich kein Fieber mehr habe; forschen Sie, ob etwas von Jack Lawton's Reif auf meiner Zunge ist?«

»Nein, in der That,« sagte der Wundarzt, als er, um in den Schlund sehen zu können, den Mund des Kranken mit einem Löffel so weit öffnete, als ob er Willens wäre, das Innere desselben in eigener Person zu besuchen. »Die Zunge ist nicht belegt und der Puls wird wieder ruhiger. Ah, der Aderlaß hat Ihnen gut gethan. Die Venäsection ist ein herrliches Specificum für südliche Constitutionen. Aber dieser tollköpfige Lawton hat sich gestern Nacht hartnäckig gegen das Aderlassen geweigert, obgleich er vom Pferde gestürzt ist. – Ei, Georg, Ihr Fall kömmt mir sonderbar vor,« fuhr der Doctor fort, indem er instinktartig seine Perücke wegwarf; »Ihr Puls ist weich und gleichförmig, Ihre Haut feucht, aber das Auge leuchtet und die Wangen glühen. – Ich muß diese Symptome genauer untersuchen.«

»Ruhig, mein lieber Freund; ruhig,« sagte der Jüngling, auf das Kissen zurücksinkend, indem er alle Röthe, welche seinen Gefährten beunruhigt hatte, wieder verlor. »Ich glaube, Sie haben durch das Herausziehen der Kugel Alles gethan, was mein Zustand bedurfte. Ich versichere Sie, ich bin frei von Schmerzen, nur noch schwach.«

»Capitän Singleton,« sagte der Wundarzt heftig, »es ist sehr anmaßend von Ihnen, Ihrem ärztlichen Beistand sagen zu wollen, daß Sie frei von Schmerzen seyen. Wenn wir nicht fähig wären, in solchen Dingen zu entscheiden, wozu wäre das Licht der Wissenschaft? Schämen Sie sich, Georg, schämen Sie sich; selbst der verkehrte Bursche, John Lawton, könnte sich nicht starrsinniger benehmen.«

Der Patient lächelte, wehrte den Arzt, als er den Verband abnehmen wollte, sanft ab und fragte mit wiederkehrender Gluth der Wangen:

»Sagen Sie mir, Archibald« – eine vertrauliche Anrede, welche selten das Herz des Operateurs zu besänftigen verfehlte – »sagen Sie mir, welcher himmlische Geist durch mein Zimmer glitt, als ich vorhin in halbem Schlummer dalag?«

»Wenn mir Jemand bei meinen Patienten in's Gehege geht,« rief der Doctor hastig, »so will ich ihn – Geist oder nicht Geist – lehren, was es heißt, sich in Anderer Geschäfte zu mischen!«

»Ruhig, mein Freund, es wurde keine Einmischung geübt, nicht einmal beabsichtigt. Sehen Sie« – er zeigte auf den Verband – »es ist Alles, wie Sie es verlassen haben; – aber die Gestalt glitt durch das Zimmer mit der Anmuth einer Fee und der Zartheit eines Engels.«

Nachdem sich der Wundarzt überzeugt hatte, daß sich Alles in dem früheren Zustande befand, nahm er bedächtig seinen Sitz wieder ein, setzte die Perücke auf und fragte mit einer Kürze, welche dem Lieutenant Mason Ehre gemacht haben würde:

»Hatte sie ein Frauenkleid an, Georg?«

»Ich sah nichts, als ihre himmlischen Augen – ihr blühendes Antlitz, ihren majestätischen Schritt – ihre Anmuth,« erwiederte der junge Mann mit mehr Feuer, als der Arzt mit seiner geschwächten Constitution für verträglich hielt. Er legte daher die Hand auf den Mund des Sprechenden, um dem Fluß seiner Rede Einhalt zu thun, indem er selbst fortfuhr:

»Es muß Miß Jeanette Peyton gewesen seyn, eine Dame von herrlichen Eigenschaften, mit – hem – mit einer Art von Gang, wie Sie ihn beschrieben haben – ein sehr einnehmendes Auge; und was ihr blühendes Antlitz betrifft, so darf ich sagen, daß die Pflichten der Menschenliebe ihr Gesicht so lieblich färben können, als die Rosen auf den Wangen ihrer jugendlicheren Nichten.«

»Nichten? Hat sie denn Nichten? Der Engel, welchen ich sah, kann wohl eine Tochter, Schwester oder Nichte, aber nimmermehr eine Tante seyn.«

»Still, Georg, still! Das Sprechen hat Ihren Puls wieder in Aufruhr gebracht. Sie müssen sich ruhig verhalten und sich auf die Ankunft Ihrer Schwester vorbereiten, welche in einer Stunde hier seyn wird.«

»Was? Isabelle? – Und wer hat nach ihr geschickt?«

»Der Major.«

»Aufmerksamer Dunwoodie!« flüsterte der erschöpfte Jüngling und sank wieder auf das Kissen zurück, auf welchem er, nach dem Befehle seines ärztlichen Beistandes, ruhig liegen blieb.

Auch Capitän Lawton war bei seinem ersten Morgenbesuch von allen Gliedern der Familie mit vielen höflichen Fragen über sein Befinden empfangen worden; für die Bequemlichkeit des englischen Obristen jedoch sorgte ein unsichtbarer Geist. Sara hatte absichtlich sein Zimmer nicht betreten; aber sie wußte, wo jedes Glas stand, und hatte mit eigenen Händen den Inhalt jeder Schüssel, welche auf seinen Tisch kam, zubereitet.

Zur Zeit unserer Erzählung waren wir Amerikaner ein gespaltenes Volk, und Sara hielt es nur für ihre Pflicht, die Einrichtungen des Landes zu lieben, an welchem sie, als an dem Vaterlande ihrer Vorfahren, hing. Sie hatte jedoch noch andere, dringlichere Gründe für den Vorzug, welchen sie im Stillen dem Engländer zuerkannte. Sein Bild hatte zuerst die Leere ihrer jugendlichen Phantasie erfüllt – ein Bild, das sich durch viele der anziehenden Eigenschaften, welche ein weibliches Herz fesseln können, auszeichnete! Es ist wahr, daß sich seine persönlichen Vorzüge mit denen von Peyton Dunwoodie nicht messen durften, sie waren aber demungeachtet keineswegs zu verachten. Sara hatte sich diesen Morgen im Hause umgetrieben, indem sie oft sehnsuchtsvolle Blicke nach der Thüre von Wellmere's Gemach warf, ängstlich besorgt, wie es wohl mit seinen Wunden stehen möge, obgleich sie sich scheute, Erkundigung darüber einzuziehen. Die Furcht, ihre Theilnahme zu deutlich an den Tag zu legen, hielt ihre Zunge gebunden, bis endlich die jüngere Schwester mit der Unbefangenheit der Unschuld die ersehnte Frage an Doctor Sitgreaves richtete:

»Obrist Wellmere,« sagte der Chirurg ernsthaft, »ist in einem Zustande, den ich einen freiwilligen nennen möchte. Er ist krank oder gesund, wie es ihm gerade zusagt. Sein Fall, junge Dame, übersteigt die Gränzen meiner Kunst, und ich denke, Sir Henry Clinton wäre der beste Helfer für seine Umstände. Freilich hat Major Dunwoodie den Verkehr mit diesem Arzt etwas schwierig gemacht.«

Franciska lächelte, obgleich mit abgewandtem Gesicht, während Sara mit der Würde einer beleidigten Juno das Zimmer verließ. Ihr eigenes Gemach gab ihr jedoch nur wenig Trost; sie ging daher durch den langen Gang, der zwischen allen Gemächern des Gebäudes hinlief, bei welcher Gelegenheit sie bemerkte, daß die Thüre zu Singletons Zimmer offen stand. Der verwundete Jüngling war allein und schien zu schlafen. Sie wagte es daher, leise einzutreten und beschäftigte sich einige Minuten mit dem Ordnen der Tische und dem Zurechtstellen der für den Kranken bestimmten Erfrischungen, ohne zu wissen, was sie that, indem sie sich vielleicht einbildete, diese wenigen weiblichen Dienstleistungen gälten einem andern. Die natürliche Glut ihrer Wangen war durch den Wink des Wundarztes noch erhöht worden, ohne daß sich das Feuer ihrer Augen im geringsten vermindert hätte. Die Tritte des sich nähernden Doctors veranlaßten sie jedoch, schleunig mittelst einer Nebentreppe an die Seite ihrer Schwester zurückzukehren. Beide Mädchen suchten nun frische Luft in dem Säulengange vor dem Hause und während sie Arm in Arm miteinander auf und ab gingen, entspann sich zwischen ihnen das folgende Gespräch –

»Dieser Wundarzt des Majors Dunwoodie hat etwas Widerliches an sich, so daß ich ihn von Herzen gerne hinweg wünschen möchte,« sagte Sara.

Franciska richtete ihr lachendes Auge auf die Schwester, ohne etwas zu entgegnen; Sara wußte jedoch den Ausdruck desselben zu deuten und fügte hastig bei:

»Doch ich vergesse, daß er zu den berufenen Corps der Virginier gehört und daß man deßhalb nur mit Ehrfurcht von ihm sprechen darf.«

»Mit so viel Achtung, als dir beliebt, liebe Schwester; es ist nicht zu besorgen, daß du hierin mehr thuest, als mit Recht verlangt werden kann.«

»Nach deiner Meinung freilich nicht,« sagte die ältere mit einiger Wärme; »aber es kömmt mir vor, als ob sich Herr Dunwoodie eine Freiheit herausgenommen habe, welche die Rechte der Verwandtschaft übersteigt. Er hat unseres Vaters Haus zu einem Spital gemacht.«

»Wir sollten dankbar dafür seyn, daß es keine Kranken zu beherbergen hat, welche uns näher angehen.«

»Dein Bruder ist einer davon.«

»Wahr, wahr,« fiel Franciska bis an die Schläfen erröthend ein; »aber er kann das Zimmer verlassen und hält das Vergnügen, bei den Seinigen zu weilen, durch seine Wunde nicht für zu theuer erkauft. Wenn nur,« fügte sie mit bebenden Lippen bei, »der schreckliche Verdacht beseitigt wäre, der auf seinem Besuche haftet – ich würde dann seine Verwundung nicht hoch anschlagen.«

»Du hast nun die Früchte der Rebellion in unserem eigenen Hause. Der Bruder verwundet, gefangen, vielleicht ein Schlachtopfer, der Vater in Kummer und Sorge, in seiner häuslichen Ruhe gestört und möglicher Weise sogar seines Besitzthums beraubt, weil er seinem Könige treu ist.«

Franciska setzte ihren Spaziergang schweigend fort. Während sie nach dem nördlichen Eingange zum Thale blickte, waren ihre Augen fest auf den Punkt gerichtet, wo sich der Weg plötzlich hinter einem Bergvorsprung verlor; und vor jeder Wendung, welche ihr die Stelle aus dem Gesichte rückte, zögerte sie, bis eine ungeduldige Bewegung der Schwester sie zur Eile trieb, um mit derselben gleichen Schritt zu halten. Endlich sah man eine Chaise, nur von einem Pferde geführt, langsam und vorsichtig ihren Weg durch die Steine suchen, welche die sich durch's Thal windende Landstraße uneben machten, und gegen das Landhaus her einlenken. Franciska's Farbe wechselte, als der Wagen allmählich näher kam; und wie sie erst eine weibliche Gestalt an der Seite eines schwarzen Bedienten darin erkennen konnte, bebten ihre Glieder von innerer Bewegung, daß sie sich auf Sara stützen mußte. Einige Minuten, später langten die Reisenden am Hofthore an. Es wurde von dem der Kutsche folgenden Dragoner – demselben, welchen Dunwoodie an Capitän Singletons Vater abgesandt hatte – geöffnet. Miß Peyton ging ihrem Gaste entgegen und die Schwestern vereinigten sich mit ihr in der freundlichsten Bewillkommnung, wobei Franciska kaum das Auge von dem Gesichte des neuen Ankömmlings abzuwenden vermochte. Die Dame war jung, von leichtem und zartem Bau, in den schönsten Verhältnissen. Ihr Auge war groß, seelenvoll, schwarz und durchdringend, obschon sich hin und wieder etwas Wildes darin zeigte. Ihr üppiges Haar fiel, frei von dem damals üblichen Puder, in rabenschwarzen Ringeln herunter, indeß einige der Locken ihre Wangen beschatteten und durch ihren Kontrast mit dem blendenden Weiß der Haut der ganzen Erscheinung einen fast geisterhaften Ausdruck gaben. Doctor Sitgreaves half ihr aus dem Wagen und als sie die Vorhalle erreicht hatten, warf sie einen fragenden Blick auf den Arzt.

»Ihr Bruder ist außer Gefahr und wünscht, Sie zu sehen, Miß Singleton,« sagte der Praktiker.

Die Dame brach in einen Strom von Thränen aus. Franciska war mit einer Art unruhiger Bewunderung in das Anschauen von Isabellens Antlitz und Bewegungen verloren da gestanden; nun eilte sie aber mit schwesterlicher Theilnahme an die Seite ihres Gastes, umschlang den Arm derselben liebevoll mit dem ihrigen und führte sie nach einem abgelegenen Zimmer. Diese Bewegung geschah so freimüthig, so rücksichtsvoll und zartfühlend, daß selbst Miß Peyton ihre Einmischung unterließ und dem jungen Pärchen nur mit den Augen und einem wohlgefälligen Lächeln folgte. Ein gleiches Gefühl theilte sich den übrigen Umstehenden mit, die sich nun wieder zu ihren gewöhnlichen Beschäftigungen begaben. Isabella überließ sich dem edeln Einflusse Franciska's ohne Widerstreben und weinte, mit letzterer in dem Zimmer angelangt, stille auf den Schultern des achtsamen Mädchens, welches sie zu beruhigen suchte, bis es Franciska schien, daß ihre Thränen das für den gegenwärtigen Anlaß geeignete Maaß überschritten. Miß Singletons Schluchzen war eine Weile heftig und unbezwinglich, bis sie sich endlich, mit augenscheinlicher Anstrengung, durch die freundlichen Worte ihrer Gefährtin beruhigen ließ und ihre Thränen zu unterdrücken vermochte. Ihren Blick zu Franciska's Augen erhebend, stand sie auf und ein Strahl lieblichen Lächelns überflog ihre Züge. Sie bat wegen des Uebermaaßes ihrer Aufregung um Entschuldigung und wünschte in das Zimmer des Kranken geführt zu werden.

Das Wiedersehen der Geschwister war warm, aber von Isabellens Seite in Folge des Zwanges, den sie sich anthat, gefaßter, als sich nach dem vorangegangenen Gemüthssturme erwarten ließ. Sie fand das Aussehen ihres Bruders besser und die Gefahr geringer, als ihre lebhafte Phantasie sich vorgestellt hatte. Ihre Lebensgeister hoben sich allmälig und gingen aus dem früheren trostlosen Zustande zu einer Art Heiterkeit über. Ihre schönen Augen leuchteten mit erneuertem Glanze und ihr Antlitz stralte von einem so bezaubernden Lächeln, daß Franciska, welche sie auf ihre ausdrückliche Bitte mit in's Krankenzimmer begleitet hatte, mit Staunen die Züge betrachten mußte, welche neben einem ihr unbegreiflichen Zauber eine so wunderbare Biegsamkeit besaßen. Der Jüngling warf, als sich die Schwester seinen Armen entwunden hatte, einen ernsten Blick auf Franciska, und vielleicht genügte dieser erste Blick auf die lieblichen Züge unserer Heldin, um ihn das Auge in getäuschter Erwartung abwenden zu lassen. Er schien verwirrt und rieb sich nachsinnend die Stirne, wie Jemand, der aus einem Traum erwacht.

»Wo ist Dunwoodie, Isabella?« sagte er. »Die herrliche Seele wird nie müde, Liebesdienste zu erweisen. Nach einem so schweren Tag, wie der gestrige, brachte er die Nacht damit zu, mir eine Pflegerin zu verschaffen, deren Gegenwart allein schon im Stande ist, mich dem Krankenlager zu entreißen.«

Der Ausdruck in dem Gesichte der Lady veränderte sich, ihr Auge streifte wild durch das Gemach, so daß Franciska, welche ihre Bewegungen mit ungeminderter Theilnahme beobachtete, ängstlich zurückschrack.

»Dunwoodie? Ist er denn nicht hier? Ich hoffte ihn an der Seite meines Bruders zu finden!«

»Er hat Pflichten, welche seine Gegenwart anderswo verlangen. Die Engländer sollen sich an dem Hudson hinziehen, und da haben unsere leichten Truppen vollauf zu thun. Gewiß würde ihn nichts Anderes so lange von dem Lager eines verwundeten Freundes ferne halten. Aber, Isabella, das Wiedersehen hat dich zu sehr angegriffen; du zitterst.«

Isabella gab keine Antwort; sie streckte die Hand, gegen den Tisch aus, auf welchem die Erfrischungen des Capitäns standen, und die aufmerksame Franciska begriff sogleich ihren Wunsch. Ein Glas Wasser belebte die Schwester wieder einigermaßen, so daß sie zu sagen vermochte:

»Ohne Zweifel fordert es seine Pflicht: man sagt oben, daß eine Abtheilung königlicher Truppen dem Laufe des Flusses folge – und doch bin ich, kaum zwei Meilen von hier, an unserer Reiterei vorbeigekommen.« Der letztere Theil ihrer Rede war kaum hörbar und klang eher wie ein Selbstgespräch, welches nicht für die Ohren ihrer Gefährten bestimmt war.

»Auf dem Marsch, Isabella?« fragte ihr Bruder lebhaft.

»Nein, abgesessen und augenscheinlich Rasttag haltend,« war die Antwort.

Der Dragoner blickte verwundert in das Gesicht seiner Schwester, welche mit zur Erde gesenktem Blicke in völliger Geistesabwesenheit da saß, und vermochte sich ihr Benehmen nicht zu erklären. Dann sah er auf Franciska, welche, durch den Ernst seiner Züge erschreckt, aufstand und hastig fragte, ob er eines Beistandes bedürfe.

»Wenn Sie die Unhöflichkeit verzeihen wollen,« sagte der verwundete Offizier, indem er sich im Bette aufzurichten suchte, »so möchte ich wohl einen Augenblick um Capitän Lawtons Gesellschaft bitten.«

Franciska beeilte sich, diesen Wunsch sogleich dem genannten Herrn mitzutheilen, und kehrte, durch eine Theilnahme getrieben, welche sie nicht zu bewältigen vermochte, wieder zu ihrem Sitz an Miß Singletons Seite zurück.

»Lawton,« sagte der Jüngling ungeduldig, »hast du etwas von dem Major gehört?«

Das Auge der Schwester wandte sich nun zu dem Gesichte des Reiters, welcher sich mit dem Anstand und der Freimüthigkeit eines Soldaten gegen die Dame verbeugte.

»Seine Ordonnanz ist zweimal hier gewesen, um zu fragen, wie es in unserem Lazarethe gehe.«

»Und warum kam er nicht selbst?«

»Das ist eine Frage, welche der Major beantworten muß. Du weißt übrigens, daß die Rothröcke um den Weg sind, und Dunwoodie hat das Commando. Man muß auf die Engländer Acht haben.«

»Wahr,« sagte Singleton langsam, als ob ihm die Gründe des Andern einleuchteten, »aber wie kommt es, daß Du unthätig bist, wenn es zu thun gibt?«

»Mein rechter Arm ist nicht im besten Stande und mein Rothschimmel führt diesen Morgen einen gar schlenkerigen Gang; außerdem gibt es noch einen weiteren Grund, den ich anführen könnte, wenn ich nicht besorgen müßte, Miß Wharton würde ihn mir nimmer vergeben.«

»Ich bitte, sprechen Sie, ohne mein Mißfallen zu befürchten,« sagte Franciska, indem sie das gutmüthige Lächeln des Reiters mit der ihrem lieblichen Gesichte natürlichen Schalkhaftigkeit erwiederte.

»Nun, die Düfte, die aus Ihrer Küche aufsteigen,« rief Lawton derb – »verbieten mir, diese Besitzungen zu verlassen, bis ich im Stande bin, aus eigener Ueberzeugung von der Fruchtbarkeit des Landes ein Zeugniß abzulegen.«

»O, Tante Jeanette gibt sich alle Mühe, der Gastfreundlichkeit meines Vaters Ehre zu machen,« entgegnete das Mädchen lachend, »und da ich ihr von der Arbeit weggelaufen bin, so muß ich wohl, um ihre Gunst wieder zu gewinnen, meinen Beistand anbieten.«

Franciska eilte fort, um ihre Tante aufzusuchen, machte sich aber auf ihrem Wege ernste Gedanken über den Charakter und die außerordentliche Reizbarkeit der neuen Bekannten, welche die Zahl der Bewohner des Landhauses vermehrt hatte.

Der verwundete Officier folgte ihr mit den Augen, als sie sich mit Kindesanmuth nach der Thüre bewegte und bemerkte nach ihrem Verschwinden:

»Solch' eine Tante und solch' eine Nichte sind selten zu finden, Jack. Diese scheint eine Fee; aber die Tante ist ein Engel.«

»Ha, mit Deinem Befinden steht es nicht übel, wie ich sehe, da sich Dein Enthusiasmus für das schöne Geschlecht wieder zu regen beginnt.«

»Ich müßte eben so undankbar als unempfindlich seyn, wenn ich nicht der Liebenswürdigkeit von Miß Peyton das Wort reden würde.«

»Eine gute mütterliche Dame; doch was ihre Liebenswürdigkeit anbelangt – nun das ist Geschmacksache. Einige Jahre weniger, mit aller Achtung vor ihrer Klugheit und Erfahrung, würden mir wenigstens weit besser zusagen.«

»Sie kann noch nicht zwanzig seyn,« erwiederte Singleton schnell.

»Je nachdem man zählt. Wenn Du bei dem Wendepunkt des Lebens anfängst – gut. Wenn Du aber nach der gewöhnlichen Weise rechnest, so mag sie ungefähr ihre vierzig auf dem Rücken haben.«

»Du hältst irriger Weise die ältere Schwester für die Tante,« sagte Isabella, indem sie ihre schöne Hand auf den Mund des Kranken legte; »aber Du mußt dich ruhig verhalten! Deine Gefühle greifen dich zu sehr an.«

Das Erscheinen des Doctor Sitgreaves, welcher mit einiger Unruhe die zunehmenden fieberischen Symptome seines Patienten bemerkte, unterstützte diese Weisung, und Lawton entfernte sich, um seinem Rothschimmel, der bei dem Burzelbaume der letzten Nacht sein Leidensgefährte gewesen war, einen Condolenzbesuch abzustatten.

Zu seiner großen Freude erfuhr er von dem Bedienten, daß das Pferd eben so gut Reconvalescent sey, als sein Herr, und Lawton fand nach mehrstündiger Anwendung von Einreibungen in die Glieder des Thiers, daß es nun wieder im Stande sey, seine Füße in eine systematische Bewegung, wie er es nannte, zu setzen. Es wurde daher Befehl gegeben, das Pferd zu einem Ritt nach den Kreuzwegen bereit zu halten, sobald dessen Gebieter die Wohlthat der nahen Mittagsmahlzeit mitgenossen habe.

Während dieses vorging, besuchte Heinrich Wharton den Obristen Wellmere auf seinem Zimmer, und es gelang ihm, durch die Sympathie ihres Geschicks den Engländer wieder zu guter Laune zu bringen. Letzterer wurde dadurch in den Stand gesetzt, aufzustehen und bereitete sich vor, einem Nebenbuhler zu begegnen, über den er so leichthin, und wie der Erfolg zeigte, so unverständig abgesprochen hatte. Wharton wußte, daß ihr Unfall, wie beide ihre Niederlage nannten, eine notwendige Folge von des Obristen Uebereilung war; aber er unterließ es, von etwas anderem, als von dem unglücklichen Zufall zu sprechen, welcher die Britten ihres Anführers beraubte, und dem er gutmüthiger Weise die ganze nachherige Schlappe zuschrieb.

»Kurz, Wharton,« sagte der Obrist, indem er ein Bein aus dem Bette streckte, »man könnte es einen Zusammenfluß ungünstiger Umstände nennen. Ihr eigenes, unlenksames Pferd verhinderte, daß Sie dem Major meinen Befehl bringen konnten, den Rebellen bei Zeit in die Flanken zu fallen.«

»Sehr wahr,« erwiederte der Capitän, indem er mit dem Fuße einen Pantoffel an's Bett schob; »wäre es uns geglückt, einige tüchtige Seitenfeuer auf sie zu eröffnen, so hätten diese tapferen Virginier wohl rechtsum machen müssen.«

»Ja, und das in vollem Rennen,« schrie der Obrist und ließ das andere Bein seinem Gefährten folgen. »Zudem war es nöthig, die Wegweiser zu verscheuchen, wie Sie ja selber wissen, und diese Bewegung gab ihnen die beste Gelegenheit zum Angriff.«

»Allerdings,« sagte der Andere und rückte den zweiten Pantoffel an's Bett, »und der Major Dunwoodie übersieht nie einen Vortheil.«

»Ich denke, wenn wir die Geschichte noch einmal durchzumachen hätten,« fuhr der Obrist fort, indem er sich auf die Füße half, »so möchte sich der Fall ganz anders gestalten; indeß ist doch die Hauptsache, deren sich die Rebellen rühmen können, meine Gefangenschaft. Sie haben gesehen, wie ihr Versuch, uns aus dem Wald zu treiben, abgeschlagen wurde.«

»Wenigstens würde es geschehen seyn, wenn sie einen Angriff gemacht hätten,« sagte der Capitän und warf dem Obristen die übrigen Kleider zu.

»Ach, das ist ganz dasselbe,« entgegnete Wellmere, indem er sich anzukleiden begann; »es ist die Hauptsache in der Kriegskunst, eine Stellung einzunehmen, daß der Feind eingeschüchtert wird.«

»Ohne Zweifel, auch werden Sie sich erinnern, daß er in einem seiner Angriffe vollständig in Verwirrung gebracht wurde.«

»Allerdings – allerdings,« rief der Obrist lebhaft, »wäre ich nur dabei gewesen, um den Vortheil zu benützen, so hätten wir diesen Yankees wohl den Appetit verderbt.« Während er so sprach und seine Toilette beendigte, kam er noch in größeres Feuer, und bald war er bereit, in der Gesellschaft zu erscheinen, da er sich nun in seiner eigenen guten Meinung völlig wieder hergestellt sah und sich in die volle Ueberzeugung hineingearbeitet hatte, daß seine Gefangennehmung nur eine Folge von Zufällen gewesen sey, welche außer dem Bereiche menschlicher Berechnung lägen.

Die Kunde, daß Obrist Wellmere an der Tafel erscheinen werde, verminderte keineswegs die Vorbereitungen zum Mahle, und Sara, nachdem sie die Begrüßung dieses Ehrenmannes hingenommen und sich teilnehmend nach dem Zustand seiner Beschädigungen erkundigt hatte, entfernte sich, um bei der Auszierung der Gerichte, welche damals auf dem Lande so gewöhnlich war und auch heut zu Tage noch hin und wieder einen wichtigen Theil der Küchenverrichtungen ausmacht, mit ihrem Rathe und ihrem Geschmack an die Hand zu gehen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.