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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 11
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Neuntes Kapitel.

Ein Blick nur in die Thaleskluft,
Ein Athem nur in freier Luft –
Da hört den wilden Ruf der Hetze
Der Arme immer näher – näher;
Doch etliche gewagte Sätze
Entziehen ihn der Macht der Späher;
Und vorwärts eilend frei in's Weite
Sucht er Uam-Vars wilde Heide.

Walter Scott.

 

Die von Capitän Lawton geführte Schaar hatte den nach seinen Booten zurückweichenden Feind mit unablässiger Wachsamkeit beobachtet, ohne irgend eine günstige Gelegenheit zum Angriffe zu finden. Der erfahrene Nachfolger des Obristen Wellmere kannte die Macht seines Feindes zu gut, um die Unebenen des Gebirges zu verlassen, ehe er gegen das Ufer hinunter zu steigen genöthigt war. Bevor er jedoch diese gefährliche Bewegung versuchte, ließ er seine Leute ein geschlossenes Viereck bilden, das nach allen Seiten von Bajonetten starrte. Der ungeduldige Reiterführer erkannte wohl, daß tapfere Soldaten in einer solchen Stellung von der Cavallerie nicht mit Erfolg angegriffen werden könnten, und so sah er sich wider Willen genöthigt, in ihrer Nähe zu bleiben, ohne Gelegenheit zu finden, ihren langsamen und sichern Marsch gegen die Küste zu stören. Ein kleiner Schooner, der dem Feinde von der Stadt zum Schutze beigegeben worden war, lag mit seinen Kanonen an dem Einschiffungsplatze. Lawton war klug genug, die Thorheit, gegen solche Streitkräfte zu kämpfen, anzuerkennen, und so wurde es den Engländern möglich, sich ohne Belästigung einzuschiffen. Die Dragoner blieben an dem Gestade, bis der Feind sich ihren Blicken entzogen hatte, und begannen dann voll Verdruß ihren Rückzug zu dem Hauptcorps.

Der aufsteigende Abendnebel dunkelte bereits durch das Thal, als Lawton's Abtheilung wieder in das südliche Ende desselben gelangte. Die Bewegung ging langsam und, der Bequemlichkeit halber, nicht in geschlossenen Reihen vor sich. An der Spitze ritt der Capitän und ihm zur Seite sein ältester Lieutenant, mit dem er sich eifrig zu besprechen schien, während der Nachtrab von einem jungen Cornet geführt wurde, der ein Liedchen summte und sich die Annehmlichkeiten eines Strohlagers nach der Ermüdung eines harten, Tagesdienstes vergegenwärtigte.

»Es ist Ihnen also auch aufgefallen?« sagte der Rittmeister. »Ich erinnerte mich dieses Gesichtes im Augenblick wieder, als mir zu Augen kam, denn es ist eines von denen, welche man nicht leicht vergißt. Bei meiner Treue, Tom, das Mädchen macht dem Geschmacks des Majors keine Unehre.«

»Sie würde dem ganzen Corps Ehre machen,« antwortete der Lieutenant mit einiger Wärme; »solche blaue Augen können leicht einen Mann für zartere Beschäftigungen gewinnen, als unser rauhes Gewerbe mit sich bringt. In der That, ich glaube, solch ein Mädchen könnte sogar mich in Versuchung bringen, Sattel und Säbel an den Nagel zu hängen und nach der Stopfnadel und dem Nähkissen zu greifen.«

»Meuterei, Sir, Meuterei!« rief der Andere lachend. »Wie können Sie es wagen, mit dem heitern, bewunderten und noch obendrein reichen Major Dunwoodie in der Liebe zu rivalisiren? Sie, ein Lieutenant bei der Reiterei, welcher nichts als ein Pferd besitzt, und dazu erst noch keines von den besten? dessen Capitän so zäh ist wie ein Stricke und so viele Leben hat, als eine Katze.«

»Wahr,« erwiederte der Lieutenant gleichfalls mit Lachen, »aber der Strick kann reißen und Grimalkin ihr Leben verlieren, wenn Sie noch oft so toll darein fahren, wie diesen Morgen. Was halten Sie von mehreren solchen Püffen, als der des schwirrendes Käfers war, welcher Sie heute aus den Rücken legte?«

»Ach, reden Sie nicht davon, mein guter Tom; schon der Gedanke daran macht mir Kopfweh;« versetzte der Andere achselzuckend. »Ich möchte es einen Vorschmack der Nacht nennen.«

»Der Todesnacht?«

»Nein, Sir. – der Nacht, welche dem Tag folgt. Ich sah Myriaden von Sternen, welche doch ihr Antlitz vor der Gegenwart der königlichen Sonne verbergen sollten. Ich glaube, nur diese dicke Mütze hat mich, zu Ihrem Troste, noch etwas länger erhalten, trotz der Katzenleben.«

»Ich habe allen Grund, es der Mütze Dank zu wissen,« sagte Mason trocken; »sie oder der Schädel muß eine ordentliche Dicke gehabt haben, ich gebe es zu.«

»Kommen Sie, kommen Sie, Tom; Sie sind ein privilegirter Spottvogel, und deßhalb will ich es Ihnen hingehen lassen,« erwiederte der Capitän gut gelaunt; »aber Singletons Lieutenant wird, wie ich fürchte, für den Dienst dieses Tages einen bessern Fang machen, als Sie.«

»Ich glaube, man wird uns beiden den Schmerz ersparen, eine Beförderung durch den Tod eines Freundes und Kameraden erkauft zu haben,« bemerkte Mason sanft. Dem Vernehmen nach hält Sitgreaves die Verletzung nicht für tödtlich.«

»Ich hoffe das von ganzer Seele,« rief Lawton; »denn trotz seines bartlosen Kinns hat der Junge das muthigste Herz, das ich je getroffen habe. Es wundert mich aber, daß die Leute sich doch so gut, hielten, obgleich wir beide in dem gleichen Augenblick stürzten.«

»Ich sollte Ihnen für dieses Kompliment danken,« erwiederte der Lieutenant mit Lachen; »aber meine Bescheidenheit erlaubt es nicht. Ich that mein Bestes, sie zum Stehen zu bringen, aber umsonst.«

»Sie zum Stehen zu bringen?« brüllte der Capitän. »Wollten Sie denn die Leute mitten im Angriff Halt machen lassen?«

»Es kam mir so vor, als wollten sie einen schlimmern Weg einschlagen,« antwortete der Lieutenant.

»Ah! unser Fall veranlaßt sie rechtsum zu machen?«

»Vielleicht war es euer Fall, vielleicht auch die Furcht vor dem eigenen. Wir waren, bis uns der Major sammelte, in einer bewunderungswürdigen Unordnung.«

»Dunwoodie? der Major hatte es ja gerade mit dem Deutschen zu thun.«

»Ja, aber er beeilte sich, den Deutschen abzuthun. Er sprengte mit den beiden andern Zügen in kurzem Galopp an, ritt mit der gebieterischen Weise, welche seiner Aufregung im Kampfe eigen ist, zwischen uns und den Feind, und ehe man sich's versah, hatte er uns wieder in Schlachtordnung. Dann« – fügte der Lieutenant mit Feuer bei – »jagten wir John Bull in die Büsche. O, es war ein herrlicher Angriff, Kopf an Kopf, und Schweif an Schweif, bis wir über sie her waren.«

»Zum Teufel! welcher Anblick ist mir entgangen!«

»Sie haben das alles verschlafen.«

»Ja,« erwiederte der Andere mit einem Seufzer; »das ging alles für mich und den armen Singleton verloren. Aber, Tom, was wohl Georg's Schwester zu dem schöngelockten Mädchen in jenem weißen Hause dort sagen wird? –«

»Ach! vielleicht hängt sie sich an ihren Strumpfbändern auf!« sagte der Lieutenant. »Ich habe allen gebührenden Respekt vor meinen Obern, aber zwei solche Engel sind mehr als Einem Manne gebührt, wenn er nicht ein Türke oder ein Hindu ist.«

»Ja, ja,« versetzte der Capitän rasch; »der Major predigt immer den Jüngeren Moral, aber er ist im Grund doch ein schlauer Fuchs. Haben Sie nicht bemerkt, wie sehr er auf die Kreuzwege über dem Thal versessen ist? Nun, wenn ich meine Leute zweimal an demselben Orte Halt machen ließe, so würdet ihr alle darauf schwören, daß ein Weiberrock um den Weg seyn müsse.«

»Man kennt Sie eben bei dem Corps.«

»Nun, Tom, Ihr böses Maul ist unbesserlich – aber,« er beugte den Körper in der Richtung, nach welcher er hinsah, vorwärts, als ob er sich dadurch, das Unterscheiden der Gegenstände in der Dunkelheit erleichtern wolle, »was für ein Thier schleicht rechts von Ihnen durch das Feld?«

»'s ist ein Mensch,« sagte Mason, den verdächtigen Gegenstand aufmerksam betrachtend.

»Seinem Höcker nach ist's ein Dromedar!« fügte der Rittmeister bei, während er schärfer hinblickte. Dann wendete er plötzlich sein Pferd von der Landstraße ab und rief:

»Harvey Birch! – greift ihn – todt oder lebendig!«

Nur Mason und einige der vorderen Dragoner hatten den plötzlichen Ausruf verstanden, obgleich er durch den ganzen Zug, gehört wurde. Ein Dutzend Reiter, den Lieutenant an ihrer Spitze, folgten dem ungestümen Lawton und ihre Eile bedrohte den Gehetzten mit einem schnellen Ende des Wettlaufes.

Birch hatte vorsichtig seine Stellung auf dem Felsen beibehalten, auf welchem er von dem flüchtigen Heinrich Wharton bemerkt worden war, bis der Abend die Gegenstände in Dunkel zu hüllen begann. Von dieser Höhe aus hatte er alle Ereignisse des Tages mit angesehen. Mit klopfendem Herzen erwartete er den Aufbruch von Dunwoodie's Mannschaft und zügelte mit Mühe seine Ungeduld, bis die Nacht seine Bewegungen gefahrlos zu machen versprach. Er hatte jedoch noch nicht den vierten Theil des Weges zu seiner Wohnung zurückgelegt, als sein geübtes Ohr die Tritte der näher kommenden Reiterei unterschied. Auf die zunehmende Dunkelheit vertrauend entschloß er sich übrigens, weiter zu gehen, wobei er, da er sich niederduckte und in dieser Weise rasch das Feld entlang glitt, unentdeckt zu entrinnen hoffte. Capitän Lawton war zu sehr in die vorhin aufgeführte Unterhaltung vertieft, um seine Augen, wie er gewohnt war, nach allen Richtungen hinschweifen zu lassen, und da der Krämer an den Stimmen bemerkte, der Feind, welchen er am meisten fürchtete, sey bereits über ihn hinaus, so gab er seiner Ungeduld nach und richtete sich auf, um größere Schritte nehmen zu können. In dem Augenblick aber, als sich sein Körper über die Schatten der Ebene erhob, wurde er gesehen und die Jagd begann. Birch war unbewaffnet; einen Augenblick starrte ihm das Blut in den Adern ob der hereinbrechenden Gefahr und seine Beine versagten den gewohnten und besonders jetzt so wichtigen Dienst: – aber auch nur einen Augenblick. Schnell warf er seinen Pack bei Seite, schnallte instinktartig den Gurt fester um den Leib und wandte sich zur Flucht. Er wußte, daß seine Gestalt den Verfolgern aus dem Gesicht kommen mußte, sobald er die Linie zwischen ihnen und dem Walde gewann. Dies gelang ihm auch bald und nun spannte er alle Kräfte an, um den Wald selbst zu erreichen, als mehrere Reiter in geringer Entfernung links an ihm vorbeijagten und ihn von diesem Zufluchtsorte abschnitten. Als sie näher kamen, warf sich der Krämer zu Boden und so ritten sie, ohne ihn zu bemerken, weiter. Aber nun wurde ein Verharren in dieser Lage zu gefährlich. Er stand auf, hielt sich unter dem Schatten des Waldes, an dessen Saume die Reiter sich gegenseitig anriefen und zur Wachsamkeit aufforderten, und eilte in paralleler aber entgegengesetzter Richtung mit der Marschlinie der Dragoner mit unglaublicher Hast weiter.

Lawton's Befehle waren nur von denen, welche ihm unmittelbar folgten, deutlich vernommen worden, obgleich auch der übrigen Mannschaft die Verwirrung der Jagd nicht entgehen konnte. Die Leute waren daher im Ungewissen, was sie zu thun hätten, und der obenerwähnte Cornet suchte von dem Reiter neben ihm den Zweck dieser Bewegungen zu erforschen, als nicht weit hinter ihnen ein Mann mit einem gewaltigen Sprunge über den Weg setzte. In demselben Augenblick klang Lawton's Stentorstimme mit dem Rufe durch das Thal:

»Harvey Birch! – fangt ihn, todt oder lebendig!«

Der Blitz von fünfzig Pistolen, erleuchtete die Gegend, und die Kugeln pfiffen in jeder Richtung um den Kopf des unglücklichen Krämers. Das Gefühl, der Verzweiflung erfaßte sein Herz und in der Bitterkeit dieses Augenblicks rief er:

»Gehetzt wie ein Thier des Waldes!«

Das Leben mit seinem Gefolge erschien ihm als eine Last und er war im Begriffe, sich seinen Feinden zu ergeben. Doch die Natur behielt die Oberhand. Wurde er ergriffen, so hatte er allen Grund zu befürchten, daß man bei ihm sich die gerichtlichen Formen ersparen und daß die nächste Morgensonne wahrscheinlich Zeuge seiner schmählichen Hinrichtung seyn werde, weil er bereits zum Tode verurtheilt und nur durch List diesem Schicksale entgangen war. Diese Betrachtungen, in Verbindung mit den näher kommenden Tritten seiner Verfolger, kräftigten ihn zu neuen Anstrengungen. Er floh auf's Neue. Zum Glück lag auf seinem Wege der Theil einer Mauer, welcher der Zerstörung des in dem anliegenden Waldgehege stattgehabten Kampfes widerstanden hatte. Er fand kaum Zeit, seine erschöpften Glieder über dieses Bollwerk wegzuschwingen, als zwanzig seiner Feinde die entgegengesetzte Seite erreichten. Die Pferde sträubten sich in der Dunkelheit über die Mauer wegzusetzen, und mitten in der Verwirrung der sich bäumenden Rosse und der Flüche ihrer Reiter wurde es Birch möglich, einen Bergabhang zu entdecken, auf dessen Höhe er sich vollkommene Sicherheit versprechen durfte. Das Herz des Hausirers klopfte hoch in freudiger Hoffnung, als plötzlich Capitän Lawton's Stimme wieder in seinem Ohr klang, der seinen Leuten zurief, Platz zu machen. Der Befehl wurde befolgt; der furchtlose Reiter sprengte in vollem Gallopp gegen die Mauer, drückte seinem Pferde die Sporen in die Seite und flog wohlbehalten über das Hinderniß weg. Das triumphirende Hurrah der Leute und der donnernde Hufschlag des Pferdes verkündigten dem Hausirer die ganze Größe der Gefahr. Er war beinahe erschöpft und sein Geschick schien nicht länger zweifelhaft.

»Halt, oder stirb!« klang es in furchtbarer Nähe über ihm.

Harvey warf einen hastigen Blick rückwärts und sah, einen Sprung hinter sich, den Mann, welchen er am meisten fürchtete. Im Lichte der Sterne erblickte er den aufgehobenen Arm und den drohenden Säbel. Furcht, Erschöpfung und Verzweiflung bemächtigten sich seiner und das gejagte Opfer fiel vor dem Dragoner nieder. Lawton's Pferd strauchelte über den auf der Erde liegenden Krämer, und beide, Roß und Reiter stürzten mit Macht zu Boden.

Mit Gedankenschnelle war Birch wieder auf seinen Füßen und ergriff den Säbel des gefallenen Dragoners. Rache ist nur zu süß für die Leidenschaft des Menschen. Es gibt wenige, die nie die verführerische Lust gefühlt haben, erhaltene Kränkungen auf das Haupt des Urhebers zurückfallen zu lassen; – und doch wissen auch Manche, wie viel süßer es ist, Böses mit Gutem zu vergelten.

Alles Schlimme, was der Krämer erduldet hatte, blitzte ihm jetzt durch die Seele. Einen Augenblick gewann sein böser Dämon die Oberhand und Birch holte mit der gewaltigen Waffe aus, aber im nächsten fiel sie auch unschädlich an der Seite des wieder auflebenden aber hülflosen Reiters nieder und der Krämer verschwand hinter dem schützenden Felsen.

»Helft dort dem Capitän Lawton!« schrie Mason, der mit einem Dutzend seiner Leute heranritt. »Einige von Euch können mit mir absteigen und diese Felsen durchsuchen. Der Schurke hat sich hier versteckt.«

»Halt!« brüllte der Capitän, indem er sich mit Mühe aufrichtete. »Wer von Euch absitzt, ist des Todes. Tom, mein guter Junge, helfen Sie mir, meinen Rothschimmel wieder auf die Beine zu bringen.«

Der erstaunte Lieutenant willfahrte schweigend, indeß die verwunderten Dragoner so fest in ihren Sätteln sitzen blieben, als ob sie mit ihren Thieren zusammengewachsen wären.

»Ich fürchte, Sie sind schwer verwundet,« sagte Mason mit einiger Theilnahme, als sie wieder in die Landstraße eingebeugt hatten, und biß in Ermanglung besseren Tabaks das Ende einer Cigarre ab.

»Ein wenig, glaube ich,« erwiederte der Capitän nach Luft schnappend, wobei ihm das Reden schwer wurde; »ich wünschte, unser Knocheneinrichter wäre zur Hand, um den Zustand meiner Rippen zu untersuchen.«

»Sitgreaves ist in Herrn Wharton's Hause bei Capitän Singleton zurückgelassen worden.«

»Dann will ich dort mein Nachtquartier aufschlagen, Tom. In so schweren Zeiten kann man nicht viele Umstände machen. Zudem hat der alte Herr, wie Sie sich erinnern werden, einen gewissen Verwandtschaftsrespekt vor dem Corps. Ich kann nicht daran denken, bei einem so guten Freunde vorbeizugehen, ohne Halt zu machen.«

»Und ich will den Zug nach den Kreuzwegen führen; denn wenn wir alle dort abstiegen, würden wir eine Hungersnoth in's Land bringen.«

»Eine Lage, mit der ich nie etwas zu schaffen haben will. Der Gedanke an die Kuchen der holdseligen Jungfrau ist kein schlechter Trost für einen vierundzwanzigstündigen Aufenthalt im Spital.«

»Oh, bei Ihnen geht's noch nicht an's Sterben, wenn Sie schon wieder an's Essen denken können!« rief Mason lachend.

»Sicher wäre es mein Letztes, wenn ich das nicht mehr könnte,« bemerkte der Capitän ernsthaft.

»Capitän Lawton,« sagte die Ordonnanz, welche dem commandirenden Officier zur Seite ritt, »wir kommen nun zu dem Hause des Krämerspions. Ist es Ihr Wunsch, daß wir es anzünden?«

»Nein!« brüllte der Capitän mit einer Stimme, daß der erschrockene Wachtmeister zurückfuhr; »seyd Ihr denn Mordbrenner? Könntet Ihr ein Haus mit kaltem Blute anstecken? Laßt nur einen Funken nahe kommen und die Hand, welche ihn trägt, soll nie wieder einen ähnlichen Dienst thun!«

»Zum Henker!« brummte hinten der schläfrige Cornet, welcher auf seinem Pferde nickte; »es ist noch Leben in dem Rittmeister, trotz seines Sturzes.«

Lawton und Mason ritten schweigend weiter und letzterer stellte Betrachtungen über die wunderbare Veränderung an, welche der Fall in dem Benehmen seines Rittmeisters hervorgebracht hatte, bis sie endlich an dem Gitter des Wharton'schen Hauses anlangten. Die Reiterabtheilung setzte ihren Marsch fort, indeß Lawton mit seinem Lieutenant und seinem Bedienten absaß und langsam auf die Thüre des Landhauses zuging.

Obrist Wellmere hatte sich bereite auf sein Zimmer zurückgezogen; Herr Wharton befand sich allein mit seinem Sohne in einem andern Kabinet, und die Frauenzimmer beschickten den Theetisch für den Wundarzt der Dragoner, welcher eben von dem Besuche seiner Patienten kam und den einen im Bett, den andern unter dem wohlthätigen Einfluß eines ruhigen Schlafes gefunden hatte. Einige gewöhnliche Fragen von Seiten der Miß Peyton hatten des Doctors Herz aufgeschlossen, denn er kannte all Personen ihrer ausgedehnten Verwandtschaft in Virginien und bildete sich sogar ein, er müsse die Lady selbst schon gesehen haben. Die freundliche Dame lächelte, denn es kam ihr unmöglich vor, diesen neuen Bekannten schon sonst wo getroffen zu haben, ohne daß sie sich seiner Eigenthümlichkeiten sollte erinnern können. Doch wurde dadurch die Verlegenheit ihrer gegenseitigen Stellung sehr vermindert und eine Art von Unterhaltung eingeleitet, in welcher der Doctor vorzugsweise das Wort führte, da die Nichten blos zuhörten und die Tante im Grunde auch nicht viel weiter that.

»Wie ich sagte, Miß Peyton, es waren blos die schädlichen Ausdünstungen der Niederung, welche die Pflanzungen Ihres Bruders zu einem unzweckmäßigen Aufenthalt für den Menschen machten; aber die vierfüßigen Thiere waren –«

»Gott sey mit uns, was ist das?« sagte Miß Peyton erblassend, als sie den Knall der auf Birch abgefeuerten Pistolen vernahm.

»Es klingt auf und nieder wie eine Lufterschütterung, wie sie durch die Entladung von Feuergewehren veranlaßt wird,« erwiederte der Wundarzt, indem er mit vieler Gleichgültigkeit seinen Thee schlürfte. »Ich würde glauben, daß Capitän Lawton's Zug auf dem Rückwege begriffen sey, wenn ich nicht wüßte, daß der Rittmeister nie Pistolen gebraucht und daß er den Säbel auf eine furchtbare Weise mißbraucht.«

»Gütige Vorsehung!« rief die bestürzte Jungfrau, »er wird doch nicht jemand ein Leides damit zufügen?«

»Ein Leides zufügen?« wiederholte der Andere schnell; »sicherer Tod ist es, Madame; Hiebe, so wild auf's Ungefähr, als man sich nur denken kann; und was ich ihm auch sagen mag, es ist Alles vergebens.«

»Aber Capitän Lawton ist ja der Officier, der diesen Morgen hier war, und ist gewiß ein Freund von Ihnen« sagte Franciska schnell, als sie bemerkte, daß ihre Tante ernstlich beunruhigt war.

»Ich finde nicht gerade, daß er unfreundlich gegen mich gesinnt ist. Der Mann wäre nicht so übel, wenn er nur wissenschaftlich zuhauen lernen wollte. Man muß doch Jeden von seinem Gewerbe leben lassen, Madame; aber was soll aus einem Chirurgen werden, wenn seine Patienten todt sind, ehe er sie zu Gesicht bekommt?«

Der Doctor fuhr fort, über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, daß die Schüsse von dem zurückkehrenden Reiterhaufen herrührten, eine Rede zu halten, bis ein lauter Schlag an die Thüre den Damen neuen Anlaß zum Schrecken gab. Der Wundarzt griff instinktartig nach einer kleinen Säge, welche den ganzen Tag, in der vergeblichen Hoffnung, bei einer Amputation dienen zu dürfen, seine treue Begleiterin gewesen war, versicherte den Damen mit großer Besonnenheit, daß er sich zwischen sie und die Gefahr stellen wolle und machte sich bereit, der Aufforderung Folge zu leisten.

»Capitän Lawton!« rief der Chirurg, als er den Rittmeister auf den Arm seines Lieutenants gestützt, mühsam über die Schwelle schreiten sah.

»Ah, mein lieber Knocheneinrichter, sind Sie es? Sie sind zur glücklichen Stunde da, um mein Gerippe zu visitiren; aber legen Sie diese lumpige Säge bei Seite.«

Mason erklärte mit wenigen Worten die Art, wie der Rittmeister zu seinen Verletzungen gekommen, und Miß Peyton bewilligte gerne die erforderlichen Bequemlichkeiten. Während man zu diesem Zwecke ein Zimmer einrichtete und der Arzt einige geeignete Vorkehrungen traf, wurde der Capitän eingeladen, in dem Wohnzimmer auszuruhen. Auf dem Tische stand eine Schüssel, welche eine gediegenere Nahrung enthielt, als man gewöhnlich bei einer Abendzwischenmahlzeit aufstellt, und daher bald die Aufmerksamkeit der Dragoner auf sich zog. Miß Peyton erinnerte sich, daß die am Morgen an ihrem eigenen Tische eingenommene Erfrischung wahrscheinlich die einzige gewesen seyn mochte, deren die Reiter sich an diesem Tage zu erfreuen gehabt, und lud sie daher freundlich ein, sich des Vorhandenen zu bedienen. Das Anerbieten bedurfte keines Nöthigens und in wenigen Minuten saßen beide behaglich an einem Geschäfte, welches nur hin und wieder von einer Gesichtsverzerrung des Capitäns unterbrochen wurde, dem augenscheinlich jede Bewegung des Körpers Schmerz verursachte. Diese Unterbrechungen beeinträchtigten jedoch die Hauptverrichtung wenig und der Rittmeister war bereits mit dem Vollzug einer so wichtigen Obliegenheit glücklich zu Ende gekommen, als der Wundarzt zurückkehrte, um ihm anzuzeigen, daß in einem obern Zimmer Alles zu seiner Bequemlichkeit bereit sey.

»Was! Sie essen?« rief der erstaunte Arzt; »Capitän Lawton, wollen Sie sterben?«

»Ich habe kein besonderes Verlangen darnach,« sagte der Dragonerführer, indem er aufstand und den Damen seine Abschiedsverbeugung machte, »und deßhalb habe ich mich zu Fristung meines Lebens mit dem nöthigen Material versehen.«

Der Wundarzt brummte mißbilligend und verließ hinter dem Rittmeister und Mason das Zimmer.

Jedes Hans in Amerika hatte damals ein Gemach, welches man vorzugsweise das beste nannte, und dieses war, nicht ohne den unsichtbaren Einfluß Sara's, dem Obristen Wellmere zugefallen. Eine Daunendecke, wie sie in einer hellen, kalten Nacht so besonders wohlthätig auf zerschlagene Glieder wirkt, bedeckte das Bett des englischen Officiers. Eine schwere silberne Kanne mit dem reichen Basrelief des Wharton'schen Wappens enthielt das Getränk, welches er die Nacht über nehmen sollte, indeß bei den beiden Amerikanischen Rittmeistern hübsche Porcellängefäße diesen Dienst versehen mußten. Sara war sich wohl selbst nicht einmal des stummen Vorzugs, welchen sie in dieser Weise gegen den englischen Officier an den Tag gelegt hatte, bewußt, und für den Capitän Lawton mochten, abgesehen von seinen Verletzungen, Bett, Kanne und alles, das Getränk ausgenommen, sehr gleichgültige Dinge seyn, da er wohl die Hälfte seiner Nächte in den Kleidern, und nicht wenige davon im Sattel zugebracht hatte. Nachdem er von seinem kleinen, aber sehr bequemen Zimmer Besitz genommen hatte, begann Doctor Sitgreaves den Stand seiner Beschädigungen zu untersuchen. Dieser wollte eben mit der Hand über den Körper seines Patienten fahren, als Lawton ungeduldig ausrief:

»Sitgreaves, thun Sie mit den Gefallen und legen Sie mit diese verhenkerte Säge weg, oder ich werde zu meinem Schutz nach dem Säbel greifen müssen; ihr Anblick macht mit das Blut zu Eis.«

»Capitän Lawton, Sie haben für einen Mann, der so oft Glieder und Leben auf's Spiel setzte, eine unbegreifliche Furcht vor einem äußerst nützlichen Instrument.«

»Der Himmel bewahre mich vor seinem Nutzen,« sagte der Reiter mit einem Achselzucken.

»Sie werden doch das Licht der Wissenschaft nicht soweit verachten, daß Sie einen chirurgischen Beistand zurückweisen würden, bei dem diese Säge nothwendig seyn könnte?«

»Allerdings würde ich das!«

»Wie, Sie könnten?«

»Ja, Sie sollen mich nicht wie ein Ochsenviertel zerstücken, so lange noch genug Leben in mit ist, um mich vertheidigen zu können,« rief der entschlossene Dragoner; »aber ich werde schläfrig; – sind einige meiner Rippen zerbrochen?«

»Nein!«

»Einige meiner Knochen?«

»Nein!«

»Tom, ich werde Ihnen dankbar seyn, wenn Sie mir jenen Krug reichen.«

Als er getrunken hatte, wandte er bedächtlich seinen Gefährten den Rücken zu und rief gutmüthig:

»Gute Nacht, Mason – gute Nacht, Galen.«

Capitän Lawton hegte eine hohe Achtung von den chirurgischen Kenntnissen seines Kameraden, aber er war ziemlich ungläubig gegen Wirksamkeit innerlicher Arzneimittel bei körperlichen Leiden. Mit einem vollen Magen, einem muthigen Herzen und einem guten Gewissen, behauptete er oft, könne ein Mann der Welt und allen ihren Wechselfällen Trotz bieten. Die Natur hatte ihn mit dem zweiten ausgestattet, und er gab sich in der That auch alle Mühe, die beiden andern Erfordernisse seines Glaubensbekenntnisses zu bethätigen. Es war ein Lieblingsspruch von ihm, daß die Augen das allerletzte und die Kinnladen das vorletzte seyen, was von dem Tod angegriffen werde, und hieraus folgerte er, daß die Natur sonnenklar habe beweisen wollen, der Mensch solle nach seinem eigenen Gutdünken bestimmen, was in das Heiligthum seines Mundes zugelassen werden dürfe; wenn man daher keinen Appetit mehr habe, so müsse man das blos sich selber zuschreiben. Der Wundarzt, dem diese Ansichten seines Patienten nicht unbekannt waren, betrachtete den Rittmeister, als er ihm und Mason so höflich den Rücken zukehrte, mit einem Blicke mitleidiger Verachtung, steckte die Phiolen, welche er ausgepackt hatte, mit einer Sorgfalt, die fast an Verehrung gränzte, wieder in seine lederne Feldapotheke, schwang, als er fertig war, triumphirend seine Säge und entfernte sich, ohne sich so weit herabzulassen, die Abschiedsbegrüßung des Reiters einer Beachtung zu würdigen. Mason bemerkte an dem Athmen des Capitäns, daß sein eigenes »Gute Nacht« wohl nicht mehr gehört werden dürfte, und beeilte sich, den Damen sein Compliment zu machen, worauf er zu Pferde stieg und seinem Zug in vollem Galopp nachsprengte.

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