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James Fenimore Cooper: Der Spion - Kapitel 10
Quellenangabe
type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Spion
publisherVerlag von S. G. Liesching
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechster Band
year1841
translatorC. Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20120307
projectid6b480bc9
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Achtes Kapitel.

Des Krieges Wuth das Land verheert,
Frißt rings des Bürgers Habe,
Und unter des Soldaten Schwert
Sinkt Mutter hin und Knabe.
Doch Aehnliches – ihr wißt es leider –
Ist jedes großen Siegs Begleiter.

Die letzten Töne der Schlacht verhallten in den Ohren der geängstigten Bewohner des Landhauses und gaben nun der Ruhe des Feierabends Raum. Franciska hatte sich fortwährend bemüht, sich gegen das Getümmel abzuschließen und bot umsonst aller Entschlossenheit auf, um dem gefürchteten Ausgang mit Ruhe entgegen zu sehen. Die Stelle, auf welcher der Angriff gegen die Infanterie stattgefunden hatte, war nur eine kleine Meile von den Locusten entfernt, und ihre Bewohner konnten, wenn das Musketenfeuer schwieg, sogar die Stimmen der Soldaten vernehmen. Herr Wharton hatte sich nach der Flucht seines Sohnes, deren Zeuge er gewesen, nach dem Zufluchtsorte seiner Schwägerin und seiner ältesten Tochter begeben, und alle drei erwarteten hier ängstlich weitere Nachrichten von dem Wahlplatze. Unfähig, länger in der qualvollen Ungewißheit ihrer Lage zu verharren, gesellte sich Franciska bald zu dieser bekümmerten Gruppe, und Cäsar erhielt den Auftrag, den Stand der Dinge außer dem Hause zu untersuchen und Bericht zu erstatten, auf welche Seite sich der Sieg geneigt hätte, indeß der Vater in Kürze seinen bestürzten Kindern die Art und Weise von ihres Bruders Entkommen erzählte. Sie hatten sich jedoch noch nicht von ihrer Ueberraschung erholt, als die Thüre aufging, und Capitän Wharton, begleitet von ein paar Wegweisern, welchen der Schwarze folgte, vor ihnen stand.

»Heinrich – mein Sohn, mein Sohn!« rief der erschrockene Vater, indem er, unfähig vom Stuhle aufzustehen, ihm die Arme entgegen streckte; »was muß ich sehen? Bist Du wieder gefangen und in Lebensgefahr?«

»Das Glück hat diese Rebellen begünstigt,« sagte der Jüngling mit erzwungenem Lächeln und nahm jede seiner trostlosen Schwestern, bei der Hand. »Ich habe ritterlich für meine Freiheit gekämpft, aber der arge Geist der Rebellion ist auch in ihre Pferde gefahren. Die Mähre, welche mich trug, führte mich, ich bekenne es, ganz gegen meinen Willen, gerade in den Mittelpunkt von Dunwoodie's Truppen.«

»Und Du wurdest wieder gefangen?« fuhr der Vater fort, indem er einen furchtsamen Blick auf die bewaffneten Begleiter warf, welche mit in's Zimmer getreten waren.

»Es ist so, lieber Vater. Dieser Herr Lawton, der so weit steht, hatte mich im Augenblick wieder in seinen Klauen.«

»Warum Sie nicht ihn nehmen gefangen, Massa Harry,« rief Cäsar verdrießlich.

»Das,« sagte Wharton lächelnd, »ist leichter gesagt, als gethan, Meister Cäsar, zumal da diese Herren (er blickte dabei auf die Wegweiser) es für geeignet gehalten haben, mich des Gebrauchs meines bessern Armes zu berauben.«

»Verwundet?«, riefen beide Schwestern gleichzeitig.

»Nur eine Schramme, die mich aber im entscheidendsten Augenblicke wehrlos machte,« fuhr der Bruder beruhigend fort, indem er zugleich das beschädigte Glied ausstreckte, um die Wahrheit seiner Worte zu bekräftigen. Cäsar warf einen Blick des bittersten Unwillens, auf die irregulären Soldaten, welche nach seiner Meinung Theil an dieser That hatten, und verließ das Zimmer. Wenige Worte genügten, um Alles mitzutheilen, was Capitän Wharton von dem Schicksale des Tages wußte. Er hielt den Ausgang noch für zweifelhaft, denn als er die Ebene verließ, zogen sich die Virginier gerade von dem Schlachtfelde zurück.

»Sie haben das Eichhörnchen auf den Baum gejagt,« sagte eine der Wachen abgebrochen, »und den Grund nicht verlassen, ohne einen tüchtigen Jagdhund zurückzulassen, wenn es wieder herunter kömmt.«

»Ja,« fügte sein Kamerad trocken bei, »ich denke, Capitän Lawton wird die Nasen derer, welche noch übrig sind, zählen, ehe sie ihre Wallfischboote zu sehen kriegen.«

Franciska hielt sich während dieses Dialogs an einer Stuhllehne und haschte mit athemloser Angst jede Sylbe auf, welche ausgesprochen wurde; ihre Farbe veränderte sich plötzlich, ihre Glieder bebten, bis sie endlich mit verzweifelter Entschlossenheit die Frage hervorbrachte:

»Ist irgend ein Officier verwundet – auf – der – einen – oder andern Seite?«

»Ja,« antwortete der Mann höflich; »diese jungen Leute aus dem Süden sind so voll Feuer, daß es selten zu einem Kampfe kommt, ohne daß einer oder der andere etwas auf's Dach kriegt. Einer der Verwundeten, welcher der Mannschaft vorauseilte, sagte mir, Capitän Singleton sey gefallen und Major Dunwoodie –«

Franciska hörte nichts weiter, sondern fiel leblos auf einen Stuhl zurück. Die Bemühungen ihrer Freunde brachten sie jedoch bald wieder zu sich, und der Capitän wandte sich mit der ängstlichen Frage an den Mann:

»Gewiß ist Major Dunwoodie nicht verletzt?«

»Fürchten Sie nichts für den,« fügte der Wegweiser bei, ohne die Bestürzung der Familie zu beachten. »Es gibt ein Sprüchwort, wer für den Strick geboren ist, ersäuft nicht. Wenn dem Major eine Kugel etwas anhaben könnte, so müßte er schon lange unter den Todten seyn. Ich wollte eben sagen, daß er sehr bekümmert ist wegen Capitän Singleton's Tod: wenn ich aber gewußt hätte, daß die Lady so große Stücke auf ihn hält, so würde ich nicht so frei mit meiner Rede herausgegangen seyn.«

Franciska erhob sich nun schnell von ihrem Stuhle, stützte sich mit Wangen, auf denen sich die Gluth der Verwirrung kund gab, auf ihre Tante und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Dunwoodie selbst erschien. Die erste Regung des ergriffenen Mädchens war die einer ungetrübten Freude; in dem nächsten Augenblicke bebte sie aber erblassend vor dem ungewöhnlichen Ausdrucke, welcher sich auf seinem Gesichte lagerte, zurück. Der Ernst des Kampfes furchte noch seine Stirne und sein Auge blickte starr und strenge. Das zärtliche Lächeln, welches sonst bei dem Anblicke der Geliebten auf seinem sonnverbrannten Gesichte strahlte, war dem trüben Blicke der Sorge gewichen, seine ganze Seele war nur von Einer überwältigenden Erregung ergriffen, und ohne weitere Vorbereitungen ging er zu seinem Zwecke über.

»Herr Wharton,« begann er mit Ernste, »in Zeiten wie die gegenwärtige, dürfen wir uns nicht lange bei leeren Complimenten aufhalten. Einer weinet Officiere ist, wie ich fürchte, auf den Tod verwundet und auf Ihre Gastfreundschaft rechnend habe ich ihn gleich mit hieher gebracht.«

»Es freut mich, mein Herr, daß Sie das gethan haben,« sagte Herr Wharton, welcher wohl begriff, wie wichtig es für ihn war, den amerikanischen Truppen eine Verbindlichkeit aufzulegen; »Der Bedürftige ist immer willkommen, und doppelt, wenn er ein Freund des Major Dunwoodie ist.«

»Ich danke Ihnen, Mein Herr, sowohl in meinem Namen, als in dem Namen dessen, der außer Stand ist, Ihnen seinen Dank abzustatten,« entgegnete der andere schnell. »Wenn Sie es also erlauben, so wollen wir ihn an einen Ort bringen, wo ihn der Wundarzt unverzüglich untersuchen und über seinen Zustand berichten kann.«

Hiegegen ließ sich nichts einwenden, und Franciska fühlte einen Stich durch's Herz, als ihr Verehrer das Zimmer verließ, ohne auch nur einen Blick auf sie geworfen zu haben.

Die hingebende Liebe des Weibes duldet keine Nebenbuhlerschaft. Alle Zärtlichkeit des Herzens, die ganze Macht der Einbildungskraft sind der Herrschaft dieser tyrannischen Leidenschaft unterworfen, und wo Alles gegeben wird, wird auch viel dagegen verlangt. Franciska hatte ängstliche, qualvolle Stunden wegen Dunwoodie erlebt, und er hatte für sie nicht einen Gruß, nicht einmal einen freundlichen Blick. Die Gluth ihrer Gefühle war nicht gemindert, aber die Schwungkraft ihrer Hoffnungen gelähmt. Als die Träger mit dem Körper von Dunwoodie's fast entseeltem Freunde an ihr vorbei kamen, um ihn nach dem zu seiner Aufnahme bereiteten Gemache zu bringen, warf sie einen Blick auf den Mann, mit welchem sie Dunwoodie's Liebe theilen sollte.

Sein bleiches, gespensterartiges Gesicht, das tiefliegende Auge und der röchelnde Athem ließen sie das Bild des Todes in seiner fürchterlichsten Form schauen. Dunwoodie stand ihm zur Seite und hielt seine Hand, wobei er den Männern oft und ernstlich einschärfte, den Kranken mit der größten Behutsamkeit fortzubringen – kurz, er legte alle Sorgfalt an den Tag, welche die zärtlichste Freundschaft bei einer solchen Gelegenheit einzuflößen im Stande ist. Franciska ging ihnen mit leisen Tritten voran und hielt mit abgewandtem Antlitz die Thüre offen, durch welche der Verwundete zu seinem Lager getragen werden mußte; erst, als der Major bei seinem Eintritt in das Zimmer ihr Gewand streifte, wagte sie es, ihr sanftes blaues Auge zu ihm aufzuschlagen. Aber der Blick blieb unerwiedert und ein unwillkührlicher Seufzer, entfuhr ihr, als sie die Einsamkeit ihres Zimmers aufsuchte.

Capitän Wharton unterzog sich freiwillig gegen seine Hüter der Verpflichtung, keinen weiteren Fluchtversuch zu machen und unterstützte seinen Vater in Ausübung der Obliegenheiten der Gastfreundschaft. Als er in dieser Absicht durch den Vorsaal ging, begegnete ihm der Wundarzt, welcher seinen Arm so geschickt verbunden hatte und eben im Begriff war, sich zu dem verwundetem Officier zu begeben.

»Ah!« rief der Schüler des Aeskulap, »ich sehe, es geht Ihnen gut. Aber halt! Haben Sie eine Stecknadel? – Nicht? – hier habe ich eine. – Sie müssen Ihre Wunde gegen den Luftzug schützen, sonst könnten noch einige Jüngere mit Ihnen zu thun bekommen.«

»Behüte Gott,« brummte der Capitän leise, indem er sorgfältig seinen Verband ordnete – als auf einmal Dunwoodie sich in der Thüre zeigte, und mit lauter ungeduldiger Stimme rief:

»Beeilen Sie sich, Sitgreaves, beeilen Sie sich, oder Georg Singleton wird sich zu Tode bluten.«

»Was! Singleton! Gott behüte! Lieber Himmel – ist es Georg – der arme kleine Georg?« rief der Arzt, indem er mit augenscheinlicher Bekümmerniß seinen Schritt beschleunigte, und an die Seite des Krankenbettes eilte. »Er lebt doch noch, und so lange Leben da ist, ist Hoffnung vorhanden. Dieß ist heute der erste ernstliche Fall, wo der Patient nicht schon todt war. Capitän Lawton lehrt seine Leute mit so wenig Schonung zuhauen. Armer Georg – bei Gott, es ist eine Musketenkugel.

Der junge Leidende richtete die Augen auf den Mann der Wissenschaft und mühte sich, ihm mit einem matten Lächeln die Hand entgegenzustrecken. Es lag eine Aufforderung in dem Blick, und der Geberde, welche dem Wundarzt tief zu Herzen ging. Er nahm seine Brille ab, um sich ein ungewohntes Naß aus den Augen zu wischen, und ging dann sorgfältig an die Ausübung seiner Pflicht. Während der nöthigen Vorbereitungen machte er jedoch seinen Gefühlen einigermaaßen durch Worte Luft.

»Wenn es nur eine Kugel ist, so habe ich stets einige Hoffnung; sie trifft nicht immer das Leben; aber, du guter Gott Capitän Lawton's Leute hauen so auf's Ungefähr ein – gewöhnlich durchschlagen sie die Jugularis oder Carotis, oder spalten den Schädel, und alles das ist schwer zu heilen – der Patient ist meistens schon todt, ehe man zu ihm kömmt. Es ist mir nur einmal gelungen, das Hirn eines Menschen mit Erfolg zu reponiren, obgleich ich es heute schon dreimal versucht habe. Man kann leicht sagen, wo Lawton's Leute angegriffen haben, denn sie hauen ganz auf gut Glück zu.«

Die Gruppe um Capitän Singleton's Lager war zu sehr an die Weise ihres Chirurgen gewöhnt, um sein Selbstgespräch zu beachten oder zu erwiedern, und harrte, ruhig des Augenblicks, wo die Untersuchung beginnen sollte. Diese' fand nun statt, und Dunwoodie faßte den Operateur mit einem Ausdruck in's Auge, als ob er in dessen Seele lesen wollte. Der Verwundete zuckte bei dem Einbringen der Sonde, und ein Lächeln stahl sich über die Züge des Wundarztes, als er murmelte:

»Es ist nichts vor ihr in diesem Quartier gewesen.« Er ging nun allen Ernstes an sein Werk, setzte die Brille auf und warf seine Perücke bei Seite. Die ganze Zeit über stand Dunwoodie in fieberischem Schweigen und hielt die eine Hand des Kranken in seiner eigenen, wobei er auf Doctor Sitgreave's Gesicht Acht hatte. Endlich stöhnte Singleton leicht auf und der Wundarzt erhob sich schnell mit den Worten:

»Ah! es ist eine Lust, so eine Kugel zu verfolgen. Man möchte sagen, sie schlängle sich durch den menschlichen Körper, ohne ein zum Leben nöthiges Organ zu beschädigen; aber was Capitän Lawton's Leute anbelangt –«

»Reden Sie,« unterbrach ihn Dunwoodie; »ist Hoffnung vorhanden? – können Sie die Kugel finden?«

»Es ist nicht schwer, etwas zu finden, was man schon in der Hand hat, Major Dunwoodie,« erwiederte der Wundarzt, indem er kaltblütige den Verband vorbereitete; »sie nahm, was der gelehrte Bursche, Kapitän Lawton, einen Circumbendibus nennt, einen Weg, welchen die Säbel seiner Leute nie nehmen, obgleich ich mir alle Mühe gegeben habe ihn zu lehren, wie man wissenschaftlich zuhauen müsse. Erst heute sah ich ein Pferd, welchem der Kopf halb vom Rumpfe getrennt war.«

»Das,«, sagte Dunwoodie, indem ihm das Blut wieder zu den Wangen strömte und seine dunkeln Augen von dem Strahle der Hoffnung blitzten, »das war etwas von meiner Arbeit. Ich selbst habe jenes Pferd getödtet.«

»Sie?« rief der Chirurg, und ließ überrascht seinen Verband fallen. »Sie? – Aber Sie wußten doch, daß es ein Pferd war?«

»Ich gestehe, es kam mir so vor,« sagte der Major lächelnd und brachte einen Trank an die Lippen seines Freundes.

»Solche Hiebe, wenn sie den menschlichen Körper treffen, sind verhängnißvoll,« fuhr der Doctor während seines Geschäftes fort; »sie machen die Wohlthaten, welche aus dem Lichte der Wissenschaft fließen, zu nichts und haben keinen Zweck für den Kampf, da man alles erreicht hat, wenn der Feind unschädlich gemacht ist. Ich saß manche kalte Stunde, Major Dunwoodie, während Capitän Lawton sich schlug, und nach all meinem Harren kam mir auch nicht ein einziger bemerkenswerther Fall zu Händen – nichts als leichte Verletzungen oder tödtliche Wunden! Ach, der Säbel ist eine schlimme Waffe in einer ungeschickten Hand. Ja, Major Dunwoodie, ich habe viele Stunden vergebens aufgewendet, um Capitän Lawton diese Wahrheit zu Gemüthe zu führen.«

Der ungeduldige Major deutete schweigend auf seinen Freund, und der Wundarzt beschleunigte die Arbeit.

»Ach, armer Georg, es war nahe daran, aber –«

Er wurde durch einen Boten unterbrochen, welcher berichtete, daß die Gegenwart des commandirenden Officiers auf dem Felde nöthig sey. Dunwoodie drückte die Hand seines Freundes und winkte dem Doctor, ihm zu folgen.

»Was meinen Sie,« flüsterte er, als sie die Flur erreicht hatten; »wird er davon kommen?«

»Ja!«

»Gott sey Dank!« rief der Jüngling und eilte hinunter. Dunwoodie besuchte einen Augenblick die Familie, welche in dem gewöhnlichen Gesellschaftszimmer versammelt war. Sein Gesicht war nicht mehr finster und seine Begrüßungen trugen, obgleich sie eilig waren, den Ausdruck der Herzlichkeit. Heinrichs Flucht und neue Gefangenschaft berührte er nicht: er schien zu glauben, der junge Mann habe sich immer an dem Orte, wo er ihn vor dem Treffen verlassen hatte, aufgehalten, denn auf dem Schlachtfelde waren sie sich nicht begegnet. Der englische Officier zog sich mit stolzem Schweigen in ein Fenster zurück und ließ den Major ununterbrochen seine Mitteilungen machen.

Der Aufregung, welche die Ereignisse des Tages in den Gefühlen der Schwestern hervorgebracht hatten, war eine Erschlaffung gefolgt, die ihre Zungen band und Dunwoodie besprach sich daher nur mit Miß Peyton.

»Ist Hoffnung vorhanden, Vetter, daß Ihr Freund seine Wunde überleben wird?« fragte die Dame, indem sie mit einem Lächeln wohlwollender Achtung ihrem Verwandten entgegen kam.

»Alle Hoffnung, wertheste Dame, alle Hoffnung,« antwortete der Krieger freudig. »Sitgreaves sagt, er werde davon kommen, und er hat mich nie getäuscht.«

»Ihre Freude kann nicht größer seyn, als die meinige bei dieser Nachricht. Wer dem Major Dunwoodie so theuer ist, muß nothwendig auch in dem Herzen seiner Freunde Theilnahme erregen.«

»Er ist es würdig, daß man an ihm den wärmsten Antheil nimmt, Madame,« erwiederte der Major mit Innigkeit. »Er ist der gute Genius unseres Corps und von uns Allen gleich geliebt – so mild, so gerecht, so edel, sanft wie ein Lamm und arglos wie die Taube. Nur in der Stunde des Kampfes ist Singleton ein Löwe.«

»Sie sprechen von ihm, als ob er Ihre Geliebte wäre, Major Dunwoodie,« bemerkte die Jungfrau lächelnd, indem sie einen Blick auf ihre Nichte warf, welche blaß in einer Ecke des Zimmers saß und zuhorchte.

»Ich liebe ihn nicht weniger,« rief der aufgeregte junge Mann; »aber er braucht Pflege und Wartung, denn alles hängt jetzt von der Sorgfalt ab, die man auf ihn verwendet.«

»Verlassen Sie sich auf mich, Sir; es soll ihm unter diesem Dache an nichts gebrechen.«

»Verzeihen Sie, theuerste Dame; Sie sind das Wohlwollen selbst; aber Singleton bedarf einer Aufmerksamkeit, welche den meisten Männern lästig fallen könnte. In solchen Augenblicken und in einem Zustand, wie der seinige, vermißt der Soldat die zarte Sorge der Frauen am meisten.«

Als er dieses sagte, richtete sich sein Auge mit einem Ausdruck auf Franciska, der wieder zu dem Herzen seiner Geliebten drang. Sie erhob sich mit glühenden Wangen von ihrem Sitze und sprach:

»Alle Aufmerksamkeit, welche schicklicher Weise auf einen Fremden verwendet werden kann, soll Ihrem Freunde mit Freuden zu Theil werden.«

»Ach!« rief der Major kopfschüttelnd, »das kalte Wort Schicklichkeit wird ihn tödten. Er muß mit Liebe gehegt und gepflegt werden.«

»Das sind Dienste für eine Schwester oder Gattin.«

»Eine Schwester?« wiederholte der Krieger, und das Blut strömte ihm ungestüm zu den Wangen; »eine Schwester? er hat eine Schwester, welche morgen bei Zeiten, hier seyn kann.« Er hielt inne und sann eine Weile schweigend nach. Dann warf er einen unruhigen Blick auf Franciska und flüsterte vor sich hin: »Singleton bedarf ihrer, und so muß es geschehen.«

Die Damen hatten den wechselnden Ausdruck seiner Züge, mit Ueberraschung wahrgenommen und Miß Peyton bemerkte nun, daß die Gegenwart einer Schwester des Capitän Singleton, wenn eine solche in der Nähe seyn sollte, ihr selbst und ihren Nichten nur sehr erwünscht seyn würde.

»Es muß geschehen, meine Dame; es läßt sich nicht anders machen,« entgegnete Dunwoodie mit einem Zögern, das mit seinen früheren Erklärungen wenig übereinstimmte. »Ich werde noch in dieser Nacht nach ihr schicken.« Dann näherte er sich, als ob er den Gegenstand abzubrechen wünsche, dem Capitän Wharton und fuhr sanft fort:

»Heinrich Wharton, die Ehre ist mir theurer als das Leben, aber ich weiß, daß ich sie Deinen Händen sicher anvertrauen kann. Du sollst hier unbewacht bleiben, bis wir die Gegend verlassen, was vor ein paar Tagen nicht geschehen wird.«

Alle Abgeschlossenheit in dem Benehmen des englischen Officiers verschwand; er ergriff die dargebotene Hand, des Andern und erwiederte mit Wärme:

»Dein großmüthiges Vertrauen soll nicht mißbraucht werden, Peyton, und sollte auch der Galgen, an welchem Dein Washington den Major André hängen ließ, zu meiner Aufnahme bereit seyn.«

»Heinrich, Heinrich Wharton,« sagte Dunwoodie vorwurfsvoll, »Du kennst den Mann, der an der Spitze unserer Armeen steht, wenig, sonst würdest Du ihn nicht in dieser Weise tadeln. Doch die Pflicht ruft mich hinaus. Ich lasse Dich da, wo ich selbst so gerne weilen möchte und wo Du wenigstens nicht ganz unglücklich seyn kannst.«

Als er an Franciska vorüberging, warf er ihr ein Lächeln der zärtlichsten Liebe, das ihr so theuer war, zu, und sie vergaß eine Weile den schmerzlichen Eindruck, welchen er durch sein Benehmen unmittelbar nach dem Treffen auf sie gemacht hatte.

Unter den Veteranen, welche, durch den Drang der Umstände veranlaßt, die Ruhe des Alters mit dem Dienst für das Vaterland vertauscht hatten, befand sich auch der Obrist Singleton. Er war in Georgien geboren und hatte in frühern Jahren in der Armee gedient. Als der Kampf für die Freiheit begann, bot er dem Vaterlande seine Dienste an, die aus Achtung für seinen Charakter auch angenommen wurden. Seine Jahre und seine leidende Gesundheit hatten ihn jedoch verhindert, selbst zu Felde zu ziehen, weßhalb mehrere bedeutende Posten seinem Befehl anvertraut wurden, wo er durch seine Wachsamkeit und Treue, ohne sich selber wehe zu thun, nützlich werden konnte. In dem letzten Jahre waren ihm die Pässe nach den Hochlanden übertragen worden, und das Quartier, welches er gegenwärtig mit seiner Tochter inne hatte, lag nur eine kurze Tagereise über dem Thale, wo Dunwoodie den Feind getroffen hatte. Von seinen zwei Kindern war das andere der mehrerwähnte verwundete Officier. Dorthin also beabsichtigte der Major einen Boten mit der unglücklichen Kunde von des Capitäns Zustand zu schicken und eine Einladung von den Damen des Hauses mitzusenden, die nicht verfehlen konnte, die Schwester unverzüglich an das Krankenlager ihres Bruders zu bringen.

Als Dunwoodie diesen Dienst mit einem Widerstreben, welches nur dazu beitrug, seine frühere Aengstlichkeit noch auffallender zu machen, in Vollzug gesetzt hatte, eilte er nach dem Lagerplatze seiner Truppen. Der Rest der Engländer wurde bereits über den Gipfeln der Bäume sichtbar, wo sie in geschlossenen Reihen und mit großer Vorsicht längs des Gebirgskammes hinzogen, um zu ihren Booten zu gelangen. Die von Lawton befehligte Dragonerabtheilung blieb ihren Flanken ziemlich nahe und wartete ungeduldig eines günstigen Augenblicks, um einen Streich gegen sie zu führen. Auf diese Weise verlor man beide Parteien bald aus dem Gesichte.

In unbedeutender Entfernung über den Locusten lag ein kleines Dorf, in welchem sich mehrere Wege kreuzten und von wo aus man also leicht in die umliegende Gegend gelangen konnte. Es war ein Lieblingsquartier der Reiterei, und die leichten Truppen der Amerikanischen Armee machten hier oft während ihrer Ausflüge in das untere Land halt. Dunwoodie hatte zuerst die Vortheile, welche der Ort darbot, entdeckt, und da er in der Grafschaft bleiben mußte, bis er aus den Hochlanden weitere Befehle erhielt, so ließ sich nicht erwarten, daß er in dem gegenwärtigen Falle diesen Platz übersehen hätte. Die Truppen erhielten die Weisung, sich hieher zurückzuziehen und ihre Verwundeten mitzunehmen, indeß andere mit der traurigen Pflicht, die Todten zu beerdigen, beschäftigt waren. Während der junge Krieger diese Vorkehrungen traf, bot sich ihm ein neuer Gegenstand der Verlegenheit dar. Während er das Schlachtfeld entlang ritt, traf er auf den Obristen Wellmere, welcher in dumpfem Brüten über sein Mißgeschick da saß, und darin nur hin und wieder durch die flüchtige Höflichkeit der Amerikanischen Officiere unterbrochen wurde. Die Besorgnisse um Singleton hatten Dunwoodie bisher seinen Gefangenen ganz vergessen lassen, und er näherte sich ihm nun mit Entschuldigungen über diese Vernachlässigung. Der Engländer nahm die Höflichkeit kalt auf und klagte über eine Beschädigung, welche er durch einen zufälligen Sturz seines Pferdes erhalten zu haben vorgab. Dunwoodie, welcher gesehen hatte, wie er von seinen Leuten ohne besondere Umstände niedergeritten worden war, lächelte leicht und bot ihm den Beistand des Wundarztes an. Dieser konnte ihm nur in dem Landhause zu Theil werden, und dahin schlugen nun beide den Weg ein.

»Obrist Wellmere?« rief der junge Wharton bestürzt, als sie in das Zimmer traten. »Ist also das Kriegsglück auch gegen Sie so grausam gewesen?. – Doch Sie sind willkommen in dem Hause meines Vaters, obgleich ich wünschen möchte, wir hätten Ihren Besuch günstigeren Umständen zu verdanken.«

Herr Wharton empfing den neuen Gast mit der behutsamen Vorsicht, welche seinem Charakter eigen war, und Dunwoodie verließ das Zimmer, um an das Lager seines Freundes zu eilen. Hier hatte sich alles günstig gestaltet, und der Major theilte dem Wundarzt mit, daß unten ein weiterer Patient seiner Kunst bedürfe. Der Ton dieses Wortes reichte hin, den Doctor in Bewegung zu setzen und, seinen Verbandzeug aufraffend, ging er, um den neuen Klienten aufzusuchen. An der Thüre des Wohnzimmers traf er auf die Damen, welche sich eben entfernten. Miß Peyton hielt ihn einen Augenblick zurück, um sich nach dem Befinden des Capitän Singleton zu erkundigen. Franciska lächelte in ihrer natürlichen schalkhaften Weise, als sie die seltsame Gestalt des kahlköpfigen Practicus erblickte; Sara dagegen war zu bestürzt über das unerwartete Zusammentreffen mit dem englischen Obristen, um ihn zu beachten. Wir haben bereits mitgetheilt, daß Obrist Wellmere ein alter Bekannter der Familie war. Sara war schon so lange von der Stadt entfernt, daß dieser Herr sie gewissermaaßen schon aus dem Gedächtniß verloren hatte, obgleich die Erinnerungen des Mädchens noch ziemlich lebhaft waren. Es gibt eine Periode in dem Leben der Frauen, in welcher man sie für die Liebe vorzugsweise zugänglich nennen kann; es ist das glückliche Alter, wo sich die Kindheit in die sich entfaltende Reife verliert – wo das arglose Herz sich mit Blüthenträumen trägt, welche nie in Erfüllung gehen können, und wo die Phantasie Ideale schafft, welche den eigenen fleckenlosen Traumgestalten nachgebildet sind. In diesem glücklichen Alter hatte Sara die Stadt verlassen und ein Bild der Zukunft mit sich genommen, das, wenn es auch ursprünglich nur oberflächlich haftete, in der Einsamkeit bald tiefer drang, und in diesem träumerischen Gemälde stand Wellmere im Vordergrund. Das Ueberraschende dieser Begegnung hatte sie einigermaaßen überwältigt, und sie war, nachdem sie die Begrüßung des Obristen entgegengenommen hatte, aufgestanden, um, gehorsam dem Winke ihrer achtsamen Tante, sich zu entfernen.

»Wir dürfen uns also –« bemerkte Miß Peyton, nachdem sie den Bericht des Wundarztes über seinen jungen Patienten angehört hatte – »mit der Hoffnung schmeicheln, daß er wieder genesen wird?«

»Gewiß, Madame,« erwiederte der Doctor, indem er sich bemühte, aus Achtung gegen die Damen seine Perücke zurecht zu setzen; »gewiß, wenn ihm die erforderliche Pflege und Wartung zu Theil wird.«

»Hieran soll es ihm nicht fehlen,« sagte die Jungfrau mild. »Alles was wir haben, steht ihm zu Gebot, und Major Dunwoodie hat einen Erpressen nach seiner Schwester abgesendet.«

»Seiner Schwester?« wiederholte der Practiker, mit einem besonders bedeutungsvollen Blicke. »Nun, wenn der Major nach ihr geschickt hat, so wird sie wohl kommen.«

»Man sollte glauben, die Gefahr ihres Bruders wäre ein zureichender Grund, um sie hieher zu bringen.«

»Ohne Zweifel, Madame,« fuhr der Doctor lakonisch fort, verbeugte sich tief und machte den Damen Platz, so daß sie vorbeigehen konnten. Die Worte und das Benehmen dieses Mannes gingen bei der jüngern Schwester nicht verloren, da in ihrer Gegenwart Dunwoodie's Name nie unbeachtet erwähnt werden konnte.

»Mein Herr,« rief Doctor Sitgreaves, indem er sich bei seinem Eintritt an den einzigen im Zimmer befindlichen Scharlachrock wandte – »man hat mir mitgetheilt, daß Sie meiner Hülfe bedürfen. Gott gebe, daß Sie nicht mit dem Capitän Lawton in Berührung gekommen sind, denn in diesem Falle möchte es mit meinen Dienstleistungen wohl zu spät seyn.«

»Da muß ein Mißverständniß vorwalten, mein Herr,« sagte Wellmere stolz. »Major Dunwoodie sollte mir einen Wundarzt schicken und nicht ein altes Weib.«

»Es ist Doctor Sitgreaves,« sagte Heinrich Wharton rasch, obgleich er nur mit Mühe das Lachen unterdrücken konnte. »Der Drang der Geschäfte des heutigen Tags hat ihn verhindert, die gewöhnliche Aufmerksamkeit auf seinen Anzug zu verwenden.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« fügte Wellmere bei, indem er verdrießlich seinen Rock bei Seite legte, um seinen verwundeten Arm, wie er es nannte, zu zeigen.

»Mein Herr,« sagte der Chirurg trocken, »wenn das Diplom von Edinburgh – ein Gang durch Ihre Londoner Spitäler – die Amputation einiger hundert Glieder – das Operiren am menschlichen Körper in jeder Weise, die von dem Lichte der Wissenschaftlichkeit gebilligt wird – ein gutes Gewissen und die Anstellung des Continental-Congresses einen Wundarzt machen können, so bin ich einer.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« wiederholte der Obrist steif. »Capitän Wharton hat den Grund meines Irrthums bereits angegeben.«

»Ich bin dem Capitän Wharton dafür sehr verbunden,« sagte der Chirurg, und begann mit einer Kaltblütigkeit und Förmlichkeit seine Amputationsinstrumente zu ordnen, daß es den Obersten eiskalt durchrieselte. »Wo sind Sie verwundet, mein Herr? Was, ist es nur dieser kleine Riß am Oberarm? Wie mögen Sie zu dieser Wunde gekommen seyn, Sir?«

»Durch den Säbel eines Rebellendragoners,« sagte der Obrist mit Nachdruck.

»Nimmermehr! Nicht einmal der zarte Georg Singleton würde Sie so harmlos angeblasen haben.« Er nahm ein Stückchen Heftpflaster aus seiner Tasche und legte es auf die Beschädigung. »Das, mein Herr, wird vollkommen Ihrem Zwecke entsprechen und ich bin überzeugt, daß Sie nichts Weiteres von mir verlangen.«

»Was halten Sie denn für meinen Zweck, mein Herr?«

»Daß Sie sich in Ihren Berichten als verwundet aufführen können,« versetzte der Doctor mit großer Festigkeit. »Sie können, dann sagen, daß ein altes Weib Sie verbunden habe – oder wenn das auch nicht der Fall war, so hätte eine solche es doch leicht thun können.«

»Eine sehr ungewöhnliche Sprache!« brummte der Engländer.

Jetzt trat Capitän Wharton in's Mittel, erklärte den Verstoß des Obristen für die Wirkung eines aufgeregten Gemüthes und körperlicher Leiden, und es gelang ihm theilweise, den gekränkten Arzt so weit zu besänftigen, daß er sich endlich bereit finden ließ, die weiteren Beschädigungen des Andern zu untersuchen. Sie bestanden hauptsächlich aus Quetschungen, Folgen des Sturzes mit dem Pferde, gegen welche Sitgreaves in der Eile einige Verordnungen gab und sich dann entfernte.

Als die Reiterei die nöthigen Erfrischungen zu sich genommen hatte, schickte sie sich an, sich nach dem bezeichneten Lagerplatze zurückzuziehen, und es lag nun Dunwoodie ob, die geeigneten Verfügungen über die Gefangenen zu treffen. Sitgreaves erhielt den Auftrag, in Herrn Wharten's Hause zu bleiben, um dem Capitän Singleton abzuwarten. Auch erfüllte der Major gerne Heinrich's Bitte, den Obristen Wellmere gegen sein Ehrenwort zurückzulassen, bis sich die Truppen landaufwärts in Bewegung setzten. Alle übrigen Gefangenen waren Gemeine; man brachte sie eilig zusammen und führte sie unter starker Bedeckung in's Innere des Landes. Die Dragoner brachen bald nachher auf, und die Wegweiser vertheilten sich in kleinen, von berittenen Patrouillen begleiteten Haufen durch die Grafschaft, so daß sie von dem Wasser des Sundes bis an den Hudson eine Kette von Wachposten bildeten. Der Schauplatz dieser Erzählung liegt zwischen diesen beiden Gewässern und ist nur einige Meilen breit.

Dunwoodie zögerte noch vor dem Landhause, nachdem er bereits Abschied genommen hatte, und entfernte sich nur ungern – aus Besorgniß für seinen verwundeten Freund, wie er sich selbst glauben machen wollte. Ein Herz, das noch nicht verhärtet ist, leidet bald unter einem Ruhme, der durch das Blut des Mitmenschen erkauft wird. Als Peyton Dunwoodie sich selbst überlassen und nicht mehr durch die Traumbilder, welche ihm die Hitze der Jugend den ganzen Tag über vorgespiegelt hatte, aufgeregt war, begann er zu fühlen, daß es noch andere Bande gäbe, als die, welche den Krieger an die starren Gesetze der Ehre fesseln. Er wankte zwar nicht in seiner Pflicht, aber doch fühlte er, wie mächtig die Versuchung war. Die feurigen Pulse des Kampfes hatten nachgelassen; der ernste Ausdruck seines Auges wich allmählig einem sanfteren Blicke, und die Betrachtungen über den errungenen Sieg hatten nichts Erfreuliches für ihn, wenn er dachte, mit welchen Opfern er erkauft worden war. Als er den letzten zögernden Blick auf die Locusten warf, dachte er nur daran, daß dieses Gebäude Alles, was er am meisten liebte, einschließe. Der Freund seiner Jugend war gefangen und in einer Lage, welche für dessen Ehre und Leben fürchten ließ. Der edle Gefährte seiner Mühen, der unter der rohen Lust des Krieges sich die gefällige Milde des Friedens bewahrte, lag als das blutige Opfer seines Sieges darnieder. Das Bild des Mädchens endlich, welches an diesem Tage nur eine beschränkte Herrschaft in seiner Brust geübt hatte, tauchte wieder in seiner vollen Lieblichkeit vor ihm auf und bannte den Nebenbuhler Ruhm aus seiner Seele.

Der letzte Nachzügler des Corps war bereits hinter den nördlichen Bergen verschwunden, als der Major mit Widerstreben sein Pferd nach derselben Richtung wendete: Franciska, von rastloser Unruhe getrieben, wagte sich nun furchtsam in den Säulengang des Landhauses. Der Tag war mild und heiter und die Sonne strahlte majestätisch an dem wolkenlosen Himmel. Das Getümmel, welches erst kürzlich das Thal durchwühlt hatte, war einer Todtenstille gewichen und die Natur erschien so herrlich, als ob sie nie durch die Leidenschaften der Menschen getrübt worden wäre. Nur eine einzige Wolke – der Pulverdampf, welcher sich gesammelt hatte, hing über der Ebene, und auch dieser zerstreute sich allmählig und ließ keine Spur des Kampfes mehr über den friedlichen Gräbern seiner Opfer. Alle die widerstreitenden Gefühle, alle die stürmischen Ereignisse dieses verhängnißvollen Tages erschienen dem Mädchen nur wie Trugbilder eines ängstlichen Traumes. Dann wandte sie sich; ihr Blick traf auf die enteilende Gestalt des Mannes, welcher auf dieser Bühne eine so ausgezeichnete Rolle gespielt hatte – und die Täuschung war entschwunden. Sie erkannte ihren Geliebten, und mit der Wirklichkeit kehrten alle andern Erinnerungen zurück. Sie eilte auf ihr Zimmer, mit einem Herzen, eben so bekümmert, als das, welches Dunwoodie aus dem Thale mit fort nahm.

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