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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Spieler - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorDostojewski
titleDer Spieler
translatorHermann Röhl
publisherInsel Taschenbuch
firstpub1888
isbn3-4458-33334-7
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050131
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Vierzehntes Kapitel

Ich konnte einen Schrei des Erstaunens nicht unterdrücken.

»Was ist denn? Was ist denn?« fragte sie seltsamerweise. Sie war blaß und hatte ein finsteres Gesicht.

»Wie können Sie so fragen! Sie hier? Hier bei mir?«

»Wenn ich komme, so komme ich auch ganz. Das ist meine Gewohnheit. Sie werden das sogleich selbst sehen. Machen Sie Licht!«

Ich zündete eine Kerze an. Sie stand auf, trat an den Tisch und legte einen geöffneten Brief vor mich hin.

»Lesen Sie!« befahl sie.

»Das ist . . . das ist de Grieux' Handschrift!« rief ich, sobald ich den Brief in die Hand genommen hatte. Die Hände zitterten mir, und die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Ich habe den genaueren Wortlaut des Briefes vergessen; aber hier ist sein Inhalt, wenn auch nicht Wort für Wort, so doch nach der Reihenfolge der Gedanken.

»Mademoiselle«, schrieb de Grieux, »unangenehme Umstände zwingen mich zu sofortiger Abreise. Sie haben gewiß selbst bemerkt, daß ich eine endgültige Aussprache mit Ihnen absichtlich vermied, ehe sich nicht die ganze Lage geklärt haben würde. Die Ankunft Ihrer alten Verwandtin (de la vieille dame) und deren unsinniges Benehmen haben all meinen Zweifeln ein Ende gemacht. Die Zerrüttung meiner eigenen Vermögensverhältnisse verbietet es mir kategorisch, jene süßen Hoffnungen länger zu hegen, an denen ich mich eine Zeitlang so gern berauschte. Ich bedauere das Zurückliegende; aber ich hoffe, daß Sie in meinem Verhalten nichts finden werden, was eines Edelmannes und eines Mannes von Ehre (gentilhomme et honnête homme) unwürdig wäre. Da ich fast mein ganzes Geld Ihrem Stiefvater geliehen habe und jetzt fürchten muß, es zu verlieren, so sehe ich mich gezwungen, auf die verbliebenen Vermögensstücke die Hand zu legen; ich habe daher bereits meine Freunde in Petersburg angewiesen, den Verkauf der mir verpfändeten Besitztümer ungesäumt in die Wege zu leiten. Da ich aber weiß, daß Ihr leichtsinniger Stiefvater auch Ihr eigenes Geld vergeudet hat, so habe ich mich entschlossen, ihm fünfzigtausend Franc zu erlassen, und gebe ihm einige seiner Pfandverschreibungen in diesem Betrag zurück, so daß Sie jetzt in den Stand gesetzt sind, alles, was Sie verloren haben, wieder einzubringen, wenn Sie Ihr Eigentum von ihm auf gerichtlichem Wege zurückfordern. Ich hoffe, Mademoiselle, daß bei dem jetzigen Stand der Dinge mein Verfahren für Sie sehr vorteilhaft sein wird. Und weiter hoffe ich, daß ich durch dieses Verfahren die Pflicht eines anständigen, ehrenhaften Mannes in vollem Maße erfülle. Seien Sie versichert, daß mein Herz die Erinnerung an Sie mein ganzes Leben lang bewahren wird.«

»Nun, das ist ja alles deutlich«, sagte ich, mich zu Polina wendend. »Haben Sie denn auch etwas anderes erwarten können?« fügte ich ingrimmig hinzu.

»Ich habe nichts erwartet«, antwortete sie anscheinend ruhig, aber ihre Stimme klang doch, als ob es in ihrem Innern zuckte, »ich hatte schon längst meinen Entschluß gefaßt; ich las ihm seine Gedanken vom Gesicht ab und wußte, was er glaubte. Er glaubte, mein Streben ginge danach . . . ich würde darauf bestehen . . .« Sie stockte, biß sich, ohne den Satz zu Ende zu bringen, auf die Lippe und schwieg. »Ich habe ihm absichtlich in verstärktem Maße meine Verachtung bezeigt«, begann sie dann wieder; »ich wartete, wie er sich wohl benehmen werde. Wäre das Telegramm über die Erbschaft gekommen, so hätte ich ihm das Geld, das ihm dieser Idiot (der Stiefvater) schuldet, hingeworfen und ihn weggejagt! Er war mir schon lange, schon lange verhaßt. Oh, er war früher ein anderer, ein ganz, ganz anderer; aber jetzt, aber jetzt . . .! Oh, mit was für einem Wonnegefühl würde ich ihm jetzt die fünfzigtausend Franc in sein gemeines Gesicht schleudern und ihn anspeien . . .«

»Aber dieses Schriftstück, diese von ihm zurückgegebene Pfandverschreibung im Betrag von fünfzigtausend Franc, hat doch wohl der General jetzt in Händen? So lassen Sie sie sich doch von ihm geben, und stellen Sie sie diesem de Grieux wieder zu!«

»Nein, nein, das geht nicht, das geht nicht!«

»Sie haben recht, Sie haben recht, das geht nicht. Der General ist ja auch jetzt zu allem unfähig. Aber wie ist's mit der Tante?« rief ich plötzlich.

Polina sah mich zerstreut und ungeduldig an.

»Was soll dabei die Tante?« fragte sie ärgerlich. »Ich kann nicht zu ihr gehen . . . Und ich mag auch niemanden um Verzeihung bitten«, fügte sie gereizt hinzu.

»Was ist dann zu machen?« rief ich. »Aber wie, wie in aller Welt war es nur möglich, daß Sie einen Menschen wie diesen de Grieux liebten! O der Schurke, der Schurke! Wenn Sie wollen, werde ich ihn im Duell töten! Wo ist er jetzt?«

»Er ist in Frankfurt und wird da drei Tage bleiben.«

»Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, so fahre ich hin, morgen, mit dem ersten Zug!« erbot ich mich in einer Art von törichtem Enthusiasmus. Sie lachte auf.

»Nun ja, er wird dann vielleicht gar noch sagen: ›Geben Sie mir zuerst die fünfzigtausend Franc wieder!‹ Und was hätte er für Anlaß sich zu schlagen? . . . Das ist ja Unsinn!«

»Aber wo, wo sollen wir denn diese fünfzigtausend Franc hernehmen?« rief ich zähneknirschend. »Von der Erde können wir sie nicht so ohne weiteres aufheben! Hören Sie mal: Mister Astley?« sagte ich in fragendem Ton zur ihr, da sich eine seltsame Idee in meinem Gehirn zu bilden begann.

Ihre Augen fingen an zu funkeln.

»Wie? Du selbst verlangst, daß ich von dir zu diesem Engländer gehe?« sagte sie, indem sie mir mit einem durchdringenden Blick ins Gesicht sah und bitter lächelte. Es war das erstemal im Leben, daß sie zu mir du sagte.

Es schien sie in diesem Augenblick infolge der starken Aufregung ein Schwindel zu überkommen, und sie setzte sich schnell auf das Sofa, wie wenn ihr schwach würde.

Mir war, als hätte mich ein Blitz getroffen; ich stand da und traute meinen Augen nicht, traute meinen Ohren nicht! Also . . . also sie liebte mich! Zu mir war sie gekommen, nicht zu Mister Astley! Sie, ein junges Mädchen, kam ganz allein zu mir auf mein Zimmer, in einem Hotel, kompromittierte sich also vor allen Leuten – und ich, ich stand vor ihr und begriff noch immer nicht!

Ein toller Gedanke blitzte in meinem Kopfe auf.

»Polina, gib mir nur eine einzige Stunde Zeit! Warte hier nur eine Stunde, und . . . ich komme wieder! Das . . . das ist notwendig! Du wirst sehen! Bleib hier, bleib hier!«

Mit diesen Worten lief ich aus dem Zimmer, ohne auf ihren verwunderten, fragenden Blick zu antworten; sie rief mir etwas nach, aber ich wandte mich nicht mehr um.

Ja, mitunter setzt sich ein ganz toller, anscheinend ganz unmöglicher Gedanke derartig im Kopf fest, daß man ihn schließlich für etwas Wirkliches hält. Und noch mehr: wenn eine solche Idee mit einem starken, leidenschaftlichen Wunsch verbunden ist, so betrachtet man sie manchmal am Ende sogar als etwas vom Schicksal Verhängtes, Unvermeidliches, Vorherbestimmtes, als etwas, was sich gar nicht anders zutragen kann! Es mag sein, daß dabei noch irgend etwas anderes mitwirkt, eine Kombination von Ahnungen, eine außerordentliche Anspannung der Willenskraft, eine Selbstvergiftung durch die eigene Phantasie oder sonst noch etwas – ich weiß es nicht; aber mir begegnete an diesem Abend, den ich in meinem ganzen Leben nie vergessen werde, ein ganz wundersames Erlebnis. Obgleich es sich durch die Regeln der Arithmetik vollständig erklären läßt, bleibt es dennoch für mich bis auf diesen Tag ein Wunder. Und woher kam es, woher kam es, daß diese Überzeugung damals in mir so tief, so fest wurzelte, und zwar schon seit so langer Zeit? Ich wiederhole es: Ich betrachtete das von mir erwartete Ereignis nicht als einen Zufall, der unter der ganzen Menge der übrigen Zufälle eintreten konnte oder somit auch ausbleiben konnte, sondern als etwas, was mit unbedingter Notwendigkeit geschehen mußte.

Es war ein Viertel auf elf. Ich ging nach dem Kurhaus in einer so festen Hoffnung und zugleich in einer so starken Aufregung, wie ich sie noch nie empfunden hatte. In den Spielsälen befanden sich noch ziemlich viel Menschen, wiewohl nur etwa halb so viel wie am Vormittag.

Nach zehn Uhr bleiben an den Spieltischen nur die echten, passionierten Spieler zurück, für die an den Kurorten nichts weiter existiert als das Roulett, die nur um deswillen hingekommen sind, die kaum bemerken, was um sie herum vorgeht, sich während der ganzen Saison für weiter nichts interessieren, sondern nur vom Morgen bis in die Nacht hinein spielen und womöglich auch noch die ganze Nacht über bis zum Morgengrauen würden spielen wollen, wenn es gestattet wäre. Nur ungern und unwillig gehen sie allabendlich weg, wenn um zwölf Uhr das Roulett geschlossen wird. Und wenn der Obercroupier vor dem Schluß des Roulett gegen Mitternacht ruft: »Les trois derniers coups, messieurs!« so setzen sie mitunter bei diesen drei letzten Malen alles, was sie in der Tasche haben, und pflegen tatsächlich gerade dann am meisten zu verlieren. Ich ging zu demselben Tisch, an dem kurz vorher die Tante gesessen hatte. Es war kein übermäßiges Gedränge, so daß ich sehr bald einen Stehplatz erlangte. Gerade vor mir stand auf dem grünen Tuche das Wort passe geschrieben.

Passe, das bedeutet die Gruppe der Zahlen von neunzehn bis sechsunddreißig. Die erste Gruppe, von eins bis achtzehn, heißt manque; aber was kümmerte mich das? Ich rechnete nicht: ich hatte nicht einmal gehört, welche Zahl zuletzt herausgekommen war, und erkundigte mich auch nicht danach, als ich zu spielen begann, wie es doch jeder auch nur ein wenig rechnende Spieler getan hätte. Ich zog alle meine zwanzig Friedrichsdor aus der Tasche und warf sie auf das vor mir stehende passe.

»Vingt-deux!« rief der Croupier.

Ich hatte gewonnen – und setzte wieder alles: was ich gehabt hatte, und was hinzugekommen war.

»Trente et un«, ertönte die Stimme des Croupiers.

Ein neuer Gewinn. Im ganzen besaß ich jetzt also achtzig Friedrichsdor. Ich schob sie alle achtzig auf die Gruppe der zwölf mittleren Zahlen (man erhält zu seinem Einsatz das Doppelte als Gewinn hinzu, hat aber zwei Chancen gegen sich und nur eine für sich); das Rad drehte sich, und es kam Vierundzwanzig. Man legte mir drei Rollen mit je fünfzig Friedrichsdor und zehn einzelne Goldstücke hin; mit dem Früheren zusammen hatte ich jetzt zweihundertvierzig Friedrichsdor.

Ich war wie im Fieber und schob diesen ganzen Haufen Geld auf Rot – und nun kam ich plötzlich zur Besinnung! Nur dieses einzige Mal im Laufe des ganzen Abends, während meines ganzen Spiels, geschah es, daß mir vor Angst ein kalter Schauder über den Rücken lief und mir die Arme und Beine zitterten. Mit Schrecken erkannte und fühlte ich für einen Moment, was es für mich bedeutete, wenn ich jetzt verlor! Mit diesem Einsatz stand mein ganzes Leben auf dem Spiel!

»Rouge!« rief der Croupier – und ich atmete tief auf; ein feuriges Kribbeln ging über meinen ganzen Leib. Die Auszahlung an mich erfolgte in Banknoten; im ganzen hatte ich also jetzt viertausend Gulden und achtzig Friedrichsdor. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch imstande, die einzelnen Rechenexempel auszuführen.

Ich erinnere mich, daß ich dann zweitausend Gulden auf die zwölf mittleren Zahlen setzte und sie verlor; ich setzte mein ganzes Gold, die achtzig Friedrichsdor, und verlor es. Da packte mich die Wut: ich nahm die letzten mir verbliebenen zweitausend Gulden und setzte sie auf die zwölf ersten Zahlen – gedankenlos, aufs Geratewohl, wie es sich gerade traf, ohne jede Berechnung! Aber es trat doch für mich ein Augenblick der Erwartung ein, in welchem meine Empfindung eine gewisse Ähnlichkeit gehabt haben mag mit der Empfindung der Madame Blanchard, als sie in Paris vom Luftballon herabfiel und auf die Erde zustürzte.

»Quatre!« rief der Croupier.

Nun hatte ich mit dem Einsatz wieder sechstausend Gulden. Jetzt fühlte ich mich bereits als Sieger; ich fürchtete nichts, schlechterdings nichts mehr und warf viertausend Gulden auf Schwarz. Ein Dutzend Spieler beeilte sich, meinem Beispiel folgend, gleichfalls auf Schwarz zu setzen. Die Croupiers warfen sich wechselseitig Blicke zu und besprachen sich miteinander. Die Umstehenden redeten von diesem Einsatz und warteten gespannt auf den Ausgang.

Es kam Schwarz. Von da an besinne ich mich weder auf die Höhe noch auf die Reihenfolge meiner Einsätze. Ich habe nur eine traumhafte Erinnerung, daß ich schon stark gewonnen hatte, etwas sechzehntausend Gulden, und auf einmal, durch drei unglückliche Spiele, zwölftausend davon wieder einbüßte; dann schob ich die übrigen viertausend auf passe (aber jetzt hatte ich dabei fast gar keine besondere Empfindung mehr; ich wartete nur sozusagen mechanisch, ohne Gedanken) und gewann wieder; darauf gewann ich noch viermal hintereinander. Ich erinnere mich nur, daß ich das Geld zu Tausenden einheimste; auch besinne ich mich, daß besonders häufig die zwölf mittleren Zahlen herauskamen, an denen ich daher auch vorzugsweise festhielt. Sie erschienen mit einer gewissen Regelmäßigkeit unfehlbar drei-, viermal hintereinander; dann verschwanden sie für zweimal und kehrten darauf wieder für drei- oder viermal nacheinander zurück. Diese wunderbare Regelmäßigkeit kommt mitunter sozusagen strichweise vor – und das ist es gerade, was die eingefleischten Spieler aus dem Konzept bringt, die mit dem Bleistift in der Hand rechnen. Und mit welchem schrecklichen Hohn und Spott behandelt das Schicksal hier nicht selten die Spieler!

Ich glaube, es war seit meiner Ankunft nicht mehr als eine halbe Stunde vergangen, da benachrichtigte mich der Croupier, ich hätte dreißigtausend Gulden gewonnen, und da die Bank bei so hohem einmaligen Verlust zur Fortsetzung des Spieles nicht verpflichtet sei, so werde das Roulett bis morgen früh geschlossen. Ich nahm all mein Gold und schüttete es mir in die Taschen; ich nahm auch alle meine Banknoten und ging an einen anderen Tisch hinüber, in einen anderen Saal, wo sich ein anderes Roulett befand; hinter mir her strömte der ganze Spielerschwarm dorthin. Hier wurde sogleich für mich ein Platz freigemacht, und ich begann wieder zu setzen, blindlings und ohne zu überlegen. Ich begreife nicht, was mich rettete!

Mitunter huschte mir allerdings der Gedanke durch den Kopf, ich müsse doch mit Berechnung setzen. Ich hielt mich dann eine Weile an bestimmte Zahlen und bestimmte andere Arten des Einsatzes, hörte damit aber bald wieder auf und setzte von neuem fast ohne Bewußtsein. Ich mußte wohl sehr zerstreut sein; denn ich erinnere mich, daß die Croupiers mein Spiel mehrfach korrigierten. Ich beging grobe Fehler. Meine Schläfen waren feucht von Schweiß, und die Hände zitterten mir. Auch die Polen wollten sich mir mit ihren Diensten aufdrängen; aber ich hatte für niemand Ohren. Das Glück blieb mir fortwährend treu! Auf einmal erhob sich um mich herum Stimmengeschwirr und Lachen. »Bravo, bravo!« riefen alle, und manche klatschten sogar in die Hände. Ich hatte auch hier dreißigtausend Gulden erbeutet, und auch diese Bank wurde bis zum nächsten Tag geschlossen.

»Gehen Sie fort, gehen Sie fort!« flüsterte mir eine Stimme von rechts zu.

Es war ein Frankfurter Jude; er hatte die ganze Zeit über neben mir gestanden und mir wohl manchmal beim Spiel geholfen.

»Um Gottes willen, gehen Sie fort!« flüsterte eine andere Stimme an meinem linken Ohr.

Ich blickte flüchtig hin. Es war eine sehr bescheiden und anständig gekleidete Dame von etwa dreißig jahren, mit einem krankhaft blassen, müden Gesicht, das aber doch noch ihre frühere wundervolle Schönheit erkennen ließ. Ich stopfte mir in diesem Augenblick gerade die Taschen mit Banknoten voll, die ich achtlos zerknitterte, und suchte das auf dem Tisch liegende Gold zusammen. Als ich die letzte Rolle mit fünfzig Friedrichsdor gefaßt hatte, gelang es mir, sie der blassen Dame ganz unbemerkt in die Hand zu schieben; ich hatte einen unwiderstehlichen Drang gefühlt, dies zu tun, und ich erinnere mich, daß ihre schlanken, mageren Finger sich in festem Druck um meine Hand legten, zum Zeichen tief empfundener Dankbarkeit. All das geschah in einem Augenblick.

Nachdem ich all mein Geld zusammengerafft hatte, begab ich mich zum Trente-et-quarante.

Beim Trente-et-quarante sitzt ein aristokratisches Publikum. Dies ist kein Roulett, sondern ein Kartenspiel. Hier muß die Bank für Gewinne bis zu hunderttausend Talern aufkommen. Der größte Einsatz beträgt gleichfalls viertausend Gulden. Ich verstand von dem Spiel gar nichts und kannte kaum eine der möglichen Arten von Einsätzen, nämlich nur Rot und Schwarz, die es hier ebenfalls gab. An diese Farben hielt ich mich also. Das gesamte Spielerpublikum drängte sich um mich herum. Ich erinnere mich nicht, ob ich die ganze Zeit über auch nur ein einziges Mal an Polina dachte. Es machte mir damals ein unsägliches Vergnügen, immer mehr Banknoten zu fassen und an mich heranzuziehen; sie wuchsen vor mir zu einem ansehnlichen Haufen an.

Es war tatsächlich, als stieße mich das Schicksal immer weiter vorwärts. Wie wenn es gerade auf mich abgesehen wäre, begab sich diesmal etwas, was sich übrigens bei diesem Spiel ziemlich oft wiederholt. Das Glück heftet sich zum Beispiel an Rot und bleibt bei dieser Farbe zehn-, selbst fünfzehnmal. Ich hatte erst vor zwei Tagen gehört, daß Rot in der vorigen Wochen zweiundzwanzigmal hintereinander gekommen sei; beim Roulett weiß sich an dergleichen niemand zu erinnern, und man erzählte es sich mit Erstaunen. Selbstverständlich wenden sich alle Spieler sofort von Rot ab, und zum Beispiel schon nach zehn Malen wagt fast niemand mehr auf diese Farbe zu setzen. Aber auch auf Schwarz, das Gegenstück von Rot, setzt dann kein routinierter Spieler. Der routinierte Spieler weiß, was es mit diesem »Eigensinn des Schicksals« auf sich hat. Man könnte ja zum Beispiel glauben, daß nach sechzehnmal Rot nun beim siebzehnten Male sicher Schwarz kommen werde. Auf diese Farbe stürzen sich daher die Neulinge scharenweis, verdoppeln und verdreifachen ihre Einsätze und verlieren in schrecklicher Weise.

Ich machte es anders. Als ich bemerkte, daß Rot siebenmal hintereinander gekommen war, hielt ich in sonderbarem Eigensinn mich absichtlich gerade an diese Farbe. Ich bin überzeugt, daß das zunächst die Wirkung eines gewissen Ehrgeizes war; ich wollte die Zuschauer durch meine sinnlosen Wagestücke in Staunen versetzen. Dann aber (es war eine seltsame Empfindung, deren ich mich deutlich erinnere) ergriff mich auf einmal wirklich, ohne jede weitere Reizung von seiten des Ehrgeizes, ein gewaltiger Wagemut. Vielleicht wird die Seele, die so viele Empfindungen durchmacht, von diesen nicht gesättigt, sondern nur gereizt und verlangt nach neuen, immer stärkeren und stärkeren Empfindungen bis zur vollständigen Erschöpfung. Und (ich lüge wirklich nicht) wenn es nach dem Spielreglement gestattet wäre, fünfzigtausend Gulden mit einem Male zu setzen, so hätte ich sie sicherlich gesetzt. Als die Umstehenden mich fortdauernd auf Rot setzen sahen, riefen sie, das sei sinnlos; Rot sei schon vierzehnmal gekommen!

»Monsieur a gagné déjà cent mille florins«, hörte ich jemand neben mir sagen.

Auf einmal kam ich zur Besinnung. Wie? Ich hatte an diesem Abend hunderttausend Gulden gewonnen? Wozu brauchte ich noch mehr? Ich griff nach den Banknoten, stopfte sie in die Tasche, ohne sie zu zählen, raffte all mein Gold, Rollen und einzelne Münzen, zusammen und lief aus dem Saal. Um mich herum lachten alle, als ich durch die Säle ging, beim Anblick meiner abstehenden Taschen und meines von der Last des Goldes unsicheren Ganges. Ich glaube, es waren weit über acht Kilo. Mehrere Hände streckten sich mir entgegen; ich gab reichlich, soviel ich gerade zu fassen bekam. Zwei Juden hielten mich am Ausgang an.

»Sie sind kühn, sehr kühn!« sagten sie zu mir. »Aber fahren Sie unter allen Umständen morgen früh weg, so früh wie möglich; sonst werden Sie alles wieder verlieren, alles . . .«

Ich hörte nicht weiter auf sie. Die Allee war so dunkel, daß man nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Bis zum Hotel waren es ungefähr neunhundert Schritte. Ich hatte mich nie vor Dieben oder Räubern gefürchtet, selbst nicht als kleiner Knabe; auch jetzt dachte ich an so etwas nicht. Ich erinnere mich übrigens nicht, woran ich denn eigentlich unterwegs dachte; wirkliche Gedanken waren es nicht. Ich empfand nur eine gewaltige Freude – über das Gelingen meines Planes, über den Sieg, über die erlangte Macht – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Auch Polinas Bild tauchte vor meinem geistigen Blick auf; es kam mir die Erinnerung und das Bewußtsein, daß ich auf dem Weg zu ihr sei, in wenigen Augenblicken bei ihr sein, ihr alles erzählen, ihr das Geld zeigen würde . . . Aber ich konnte mich kaum mehr besinnen, was sie mir eigentlich vorhin gesagt hatte, und warum ich weggegangen war, und alle die Empfindungen, die mich noch vor anderthalb Stunden so stark bewegt hatten, erschienen mir jetzt bereits als etwas längst Vergangenes, Abgetanes, Veraltetes, als etwas, woran wir nun nicht mehr denken würden, weil jetzt alles einen neuen Anfang nehmen werde. Ich war schon fast am Ende der Allee, als mich plötzlich eine Angst überkam: »Wenn ich nun jetzt ermordet und beraubt werde!« Diese Angst wurde mit jedem Schritt ärger. Ich lief fast. Auf einmal stand, als ich am Ende der Allee angelangt war, unser Hotel mit all seinen erleuchteten Fenstern vor mir – Gott sei Dank, ich war zu Hause!

Ich lief nach meiner Etage hinauf und öffnete schnell die Tür zu meinem Zimmer. Polina war da und saß mit verschränkten Armen bei der brennenden Kerze auf meinem Sofa. Erstaunt musterte sie mich, und allerdings mochte ich in diesem Augenblick einen seltsamen Anblick bieten. Ich blieb vor ihr stehen, holte mein ganzes Geld hervor und warf es in einem Haufen auf den Tisch.

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