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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Spieler - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorDostojewski
titleDer Spieler
translatorHermann Röhl
publisherInsel Taschenbuch
firstpub1888
isbn3-4458-33334-7
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050131
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Dreizehntes Kapitel

Beinah ein ganzer Monat ist schon vergangen, seit ich diese meine Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe, die ich damals im Bann unklarer, aber starker Affekte begann. Die Katastrophe, deren Herannahen ich damals vorausfühlte, ist wirklich eingetreten, aber in sehr viel heftigerer Form und anderer Art, als ich es mir gedacht hatte. All diese Vorgänge trugen einen sonderbaren, widerwärtigen, ja tragischen Charakter, wenigstens für mich. Ich habe einzelnes erlebt, was an Wunder grenzt; so sehe ich wenigstens noch immer diese Dinge an, wiewohl sie von einem anderen Standpunkt aus, und namentlich wenn man erwägt, in welchem Wirbel ich damals herumgetrieben wurde, nur als Ereignisse von vielleicht nicht ganz gewöhnlicher Art erscheinen mögen. Aber das Allerwunderbarste ist für mich die Art und Weise, wie ich mich selbst diesen Ereignissen gegenüber verhielt. Noch immer bin ich nicht imstande, mich selbst zu begreifen! Und all das ist dahingeflogen wie ein Traum, sogar meine Leidenschaft, die doch stark und aufrichtig war; aber wo ist die jetzt geblieben? Wirklich: manchmal huscht mir der Gedanke durch den Kopf: habe ich vielleicht damals den Verstand verloren und dann diese ganze Zeit über irgendwo in einem Irrenhaus gesessen, oder sitze ich vielleicht auch jetzt noch in einem solchen und all diese Dinge waren und sind nur Produkte meiner Einbildung?

Ich habe meine Blätter zusammengesucht und wieder durchgelesen; vielleicht habe ich es nur in der Absicht getan, mich zu überzeugen, ob ich sie nicht wirklich in einem Irrenhaus geschrieben habe. Jetzt bin ich allein, mutterseelenallein. Der Herbst rückt heran, das Laub wird gelb. Ich sitze in diesem trostlosen Städtchen (oh, wie trostlos sind die kleinen deutschen Städte!), und statt zu überlegen, was ich nun weiter tun soll, lebe ich in den Empfindungen der jüngsten Vergangenheit, in frischen Erinnerungen und überlasse mich dem Gedanken an jenen Wirbelsturm, der mich damals packte und umherschleuderte und mich nun wieder irgendwohin ausgeworfen hat. Manchmal habe ich die Vorstellung, als drehte ich mich immer noch in diesem Wirbel herum, und als werde im nächsten Augenblick jener Sturm wieder heranbrausen und im Vorbeijagen mich mit seinem Flügel erfassen, und als werde ich wieder aus dem Geleise herausgerissen werden und alles gesunde Urteil verlieren und im Kreise herumgetrieben werden, immer im Kreise, im Kreise . . .

Aber vielleicht komme ich von diesem Zustand des schwindelerregenden Umherkreisens los und gelange wieder zur Ruhe, wenn ich versuche, mir von allem, was in diesem Monat vorgefallen ist, genaue Rechenschaft zu geben. Ich fühle wieder einen Drang, zur Feder zu greifen, und ich habe auch mitunter abends gar nichts zu tun. Sonderbar: um wenigstens eine Beschäftigung zu haben, entnehme ich aus der hiesigen elenden Leihbibliothek als Lektüre Romane von Paul de Kock (in deutscher Übersetzung!), obwohl ich sie nicht leiden kann; aber ich lese sie und wundere mich über mich selbst: es hat fast den Anschein, als fürchtete ich durch die Lektüre eines ernsten Buches oder irgendwelche andere ernste Beschäftigung den Zauberbann zu zerstören, in den mich die letzte Vergangenheit geschmiedet hat. Als wäre mir dieser schreckliche Traum nebst allen von ihm zurückgebliebenen Empfindungen so lieb und teuer, daß ich nicht einmal mit etwas Neuem an ihn rühren möchte, damit er nicht in Rauch verfliege! Ist mir das alles so lieb und teuer, wie? Ja, gewiß, es ist mir lieb und teuer; vielleicht werde ich noch nach vierzig Jahren mich wehmütig daran erinnern . . .

Ich beginne also wieder zu schreiben. Aber ich brauche das Folgende nicht mit der Ausführlichkeit zu erzählen wie das Frühere; waren doch auch meine Gefühle und Empfindungen dabei von ganz anderer Art.

*

Zuerst möchte ich das, was ich von der alten Tante berichtete, zum Abschluß bringen. Am andern Tage verspielte sie alles, was sie mithatte, schlechthin alles. Es konnte nicht anders kommen: gerät ein Mensch von solchem Charakter auf diesen Weg, so ist es, als ob er im Schlitten einen Schneeberg hinabführe: es geht immer schneller und schneller hinunter. Sie spielte den ganzen Tag bis acht Uhr abends. Ich war dabei nicht zugegen; ich weiß davon nur aus Erzählungen.

Potapytsch hielt sich im Kurhaus den ganzen Tag über zu ihrer Verfügung. Die Polen, von denen die Tante sich beim Spiel beraten ließ, wechselten an diesem Tag mehrmals ab. Sie begann damit, daß sie den Polen von gestern, den sie an den Haaren gerissen hatte, wegjagte und einen andern annahm; aber es stellte sich bald heraus, daß dieser andere womöglich noch schlimmer war. Sie jagte also auch diesen weg und nahm den ersten wieder an, der nicht weggegangen war und während der ganzen Zeit, wo er sich in Ungnade befand, sich dicht dabei, hinter ihrem Stuhl, herumgedrückt und alle Augenblicke seinen Kopf zu ihr hindurchgeschoben hatte. Durch all das geriet die Tante schließlich in einen Zustand völliger Verzweiflung. Der weggejagte zweite Pole wollte gleichfalls um keinen Preis weichen; der eine postierte sich rechts vom Stuhl der Tante, der andere links. Die ganze Zeit über stritten und schimpften sie untereinander wegen der Höhe der Einsätze und wegen der Auswahl, worauf zu setzen sei, und belegten einander mit dem Titel »Lajdak«, Strolch, und andern polnischen Schmeichelnamen; dann vertrugen sie sich wieder, warfen mit dem Geld ohne alle Ordnung umher und schalteten und walteten damit ganz leichtfertig. Zu Zeiten, wo sie sich gezankt hatten, setzte ein jeder von ihnen auf seiner Seite, was ihm beliebte, zum Beispiel der eine auf Rot, der andere auf Schwarz. Schließlich machte all dies die Tante ganz schwindlig und denkunfähig, so daß sie zuletzt, dem Weinen nahe, sich an den Obercroupier wandte, mit der Bitte, sie zu beschützen und die beiden Polen wegzujagen. Diese wurden denn auch unverzüglich fortgewiesen, trotz ihres Geschreis und ihrer Proteste: sie schrien beide zugleich und behaupteten, die alte Dame sei vielmehr ihnen Geld schuldig, sie habe sie irgendwie betrogen und sich gegen sie unehrenhaft und gemein benommen.

Der unglückliche Potapytsch erzählte mir alles dies unter Tränen noch an demselben Abend, an dem der Spielverlust stattgefunden hatte, und klagte mir, die beiden hätten sich die Taschen voll Geld gestopft; er habe selbst gesehen, wie sie schamlos gestohlen und sich alle Augenblicke etwas in die Taschen gesteckt hätten. Auch allerlei Kunstgriffe hätten sie angewandt. So habe zum Beispiel der eine die Tante um fünf Friedrichsdor als Belohnung für seine Dienste gebeten und dieses Geld sogleich im Roulett gesetzt, neben den Einsätzen der Tante. Habe nun die Tante gewonnen, so habe er geschrien, der Einsatz, der gewonnen habe, gehöre ihm, der der Tante habe verloren. Als sie fortgewiesen wurden, war dann Potapytsch vorgetreten und hatte der Tante berichtet, daß sie die ganzen Taschen voller Geld hätten. Die Tante hatte sofort den Croupier gebeten, sich der Sache anzunehmen, und obwohl die beiden Polen ein großes Geschrei vollführten (gerade wie zwei Hähne, die man mit den Händen greift), war die Polizei erschienen und hatte ihnen zum Vorteil der Tante die Taschen ausgeleert. Solange die Tante nicht ihr ganzes Geld verspielt hatte, erfreute sie sich an diesem ganzen Tag bei den Croupiers und überhaupt bei allen Beamten des Kurhauses offenkundiger Hochachtung. Allmählich hatte sich eine Kunde von ihr in der ganzen Stadt verbreitet. Alle Kurgäste jeder Nationalität, vornehm und gering, strömten in den Spielsaal, um sich da »une vieille russe, tombée en enfance« anzusehen, die bereits »einige Millionen« verspielt hatte.

Aber es nützte der Tante herzlich wenig, daß man sie von den beiden Polacken befreit hatte. An Stelle derselben erschien sogleich dienstbereit ein dritter Pole; dieser sprach ein vollkommen reines Russisch, war wie ein Gentleman gekleidet, wiewohl er dabei doch wie ein Lakai aussah, trug einen gewaltigen Schnurrbart und kehrte ein großes Ehrgefühl heraus. Er küßte gleichfalls, nach seinem Ausdruck, die Fußspuren der gnädigen Frau und legte sich ihr zu Füßen, benahm sich aber gegen alle, die er um sich hatte, hochmütig, maßte sich eine despotische Herrschaft an, kurz, er trat gleich von vornherein nicht als Diener der Tante, sondern als ihr Gebieter auf. Alle Augenblicke, bei jedem Einsatz, wandte er sich zu ihr und schwor mit den fürchterlichsten Eiden, er sei ein Ehrenmann und nehme nicht eine Kopeke von ihrem Geld. Er wiederholte diese Schwüre so oft, daß die Tante schließlich ganz eingeschüchtert wurde. Aber da dieser Herr tatsächlich anfangs einen günstigen Einfluß auf ihr Spiel auszuüben schien und Gewinne erzielte, so glaubte die Tante selbst, sich nicht von ihm losmachen zu sollen. Eine Stunde später erschienen die beiden früheren Polen, die aus dem Spielsaal heraustransportiert worden waren, von neuem hinter dem Stuhl der Tante und boten ihr wieder ihre Dienste an, wenn auch nur zu Botengängen. Potapytsch beteuerte eidlich, daß der Ehrenmann ihnen heimlich zugeblinzelt und ihnen sogar etwas in die Hand geschoben habe. Da die Tante nichts zu Mittag gegessen hatte und fast gar nicht von ihrem Stuhl weggegangen war, so kam ihr der eine Pole mit seiner Dienstfertigkeit ganz gelegen: er mußte nach dem Restaurant des Kurhauses laufen und ihr eine Tasse Bouillon holen, dann auch eine Tasse Tee. Übrigens liefen die Polen immer beide zugleich. Aber am Ende des Tages, als es schon allen klar war, daß sie ihre letzte Banknote verspielen werde, standen hinter ihrem Stuhl schon ganze sechs Polen, von denen vorher nichts zu sehen und zu hören gewesen war. Und als die Tante wirklich im Begriff stand, ihr letztes Geld zu verlieren, da gehorchte keiner von ihnen mehr ihren Weisungen, ja sie beachteten die Alte gar nicht mehr, drängten sich geradezu neben ihr vorbei an den Tisch, griffen selbst nach dem Geld, verfügten eigenmächtig darüber, setzten, stritten und schrien, wobei sie mit dem Ehrenmann auf dem Duzfuß verkehrten; der Ehrenmann selbst aber hatte die Existenz der Tante beinah überhaupt vergessen. Sogar dann, als die Tante alles verspielt hatte und am Abend gegen acht Uhr ins Hotel zurückkehrte, selbst da konnten sich drei oder vier Polen immer noch nicht entschließen, von ihr abzulassen, sondern liefen rechts und links neben ihrem Stuhl her, schrien aus Leibeskräften und behaupteten in schneller Rede, die alte Dame habe sie irgendwie betrogen und müsse ihnen etwas herausgeben. So kamen sie bis zum Hotel mit, von wo sie schließlich mit Püffen und Stößen weggetrieben wurden.

Nach Potapytschs Berechnung muß die Tante an diesem Tag im ganzen gegen neunzigtausend Rubel verspielt haben, abgesehen von dem Geld, das sie tags zuvor verloren hatte. Alle fünfprozentigen Staatsschuldscheine in inländischen Anleihen, alle Aktien, die sie mithatte, ließ sie, ein Stück nach dem andern, umwechseln. Ich drückte mein Erstaunen darüber aus, wie sie es diese ganzen sieben oder acht Stunden lang habe aushalten können, auf ihrem Stuhl zu sitzen, beinahe ohne jemals vom Tisch fortzugehen; aber Potapytsch erzählte mir, sie habe etwa dreimal wirklich stark zu gewinnen angefangen; durch die wiedererwachte Hoffnung neu belebt, habe sie dann nicht von ihrem Platz weggekonnt. Spieler haben ja Verständnis dafür, wie ein Mensch es fertigbringt, fast vierundzwanzig Stunden lang auf einem Fleck bei den Karten zu sitzen und weder rechts noch links zu blicken.

Unterdes waren im Laufe des Tages bei uns im Hotel gleichfalls sehr wichtige Dinge vorgegangen. Schon am Vormittag, vor elf Uhr, als die Tante noch zu Hause war, entschlossen sich die Unsrigen, das heißt der General und de Grieux, zu einem letzten Schritt. Da sie erfahren hatten, daß die Tante nicht mehr daran dachte, abzureisen, sondern vielmehr im Begriff war, sich nach dem Kurhaus aufzumachen, so begaben sie sich als vollständiges Konklave (mit Ausnahme von Polina) zu ihr, um mit ihr nachdrücklich und sogar offenherzig zu reden. Der General, der angesichts der schrecklichen Folgen, die die Spielwut der Tante für ihn haben mußte, vor Angst verging und am ganzen Leibe zitterte, griff aber dabei zu Mitteln, die gar zu kräftig waren: nachdem er eine halbe Stunde lang gebeten und gefleht und sogar alles offenherzig gestanden hatte, nämlich alle seine Schulden und selbst seine Leidenschaft für Mademoiselle Blanche (er war eben ganz kopflos geworden), schlug er auf einmal einen drohenden Ton an und begann sogar seine Tante anzuschreien und mit den Füßen zu stampfen; er schrie, sie verunehre seine und ihre Familie, verursache in der ganzen Stadt ein skandalöses Aufsehen, und schließlich . . . schließlich sagte er noch: »Sie bringen Schande über unser russisches Vaterland, gnädige Frau!« und deutete darauf hin, daß es dagegen noch eine Polizei gebe! Die Alte jagte ihn endlich mit einem Stock hinaus, mit einem wirklichen Stock.

Der General und de Grieux berieten sich noch ein- oder zweimal im Laufe dieses Vormittags, wobei sie besonders die Frage beschäftigte, ob es denn wirklich ganz unmöglich sei, irgendwie ein Eingreifen der Polizei herbeizuführen. Man könnte ja sagen, diese unglückliche, aber höchst achtungswerte Dame habe den Verstand verloren und sei jetzt dabei, ihr letztes Geld zu verspielen usw. Kurz, ob es nicht möglich sei, eine Art von Aufsicht oder ein Spielverbot zu erwirken. Aber de Grieux zuckte nur mit den Achseln und lachte dem General ins Gesicht, der ohne Aufhören in diesem Sinne redete und im Zimmer auf und ab ging. Endlich verließ de Grieux mit einer wegwerfenden Handbewegung nach dem General hin das Zimmer. Am Abend wurde bekannt, daß er das Hotel mit seinem ganzen Gepäck verlassen habe, nachdem er vorher noch eine sehr ernste, geheimnisvolle Unterredung mit Mademoiselle Blanche gehabt habe. Was Mademoiselle Blanche anlangt, so hatte sie gleich am Vormittag entscheidende Maßregeln ergriffen: sie hatte den General vollständig abgehalftert und ließ ihn überhaupt nicht mehr vor ihre Augen kommen. Als der General ihr nach dem Kurhaus nachlief und sie dort Arm in Arm mit dem kleinen Fürsten traf, kannten Mademoiselle Blanche und Madame veuve Cominges ihn gar nicht mehr. Auch der kleine Fürst grüßte ihn nicht. Diesen ganzen Tag über experimentierte Mademoiselle Blanche an dem Fürsten herum und bearbeitete ihn mit allen möglichen Mitteln, um ihn endlich zu einer entscheidenden Erklärung zu bringen. Aber o weh! In ihren Spekulationen auf den Fürsten sah sie sich grausam getäuscht! Diese kleine Katastrophe trug sich erst gegen Abend zu: Es stellte sich nämlich auf einmal heraus, daß der Fürst kahl wie eine Kirchenmaus war und sogar seinerseits darauf gehofft hatte, von ihr Geld auf einen Wechsel zu bekommen, um dann Roulett spielen zu können. Blanche gab ihm entrüstet den Laufpaß und schloß sich in ihr Zimmer ein.

Am Morgen dieses selben Tages ging ich zu Mister Astley, oder, richtiger gesagt, ich suchte Mister Astley den ganzen Vormittag über, konnte ihn aber nirgends finden. Er war weder bei sich zu Hause noch im Kurhaus oder im Park. Auch am Diner nahm er diesmal in seinem Hotel nicht teil. Zwischen vier und fünf Uhr erblickte ich ihn plötzlich, wie er vom Bahnhof geradewegs nach dem Hotel d'Angleterre ging. Er hatte es eilig und schien seine Sorgen zu haben, wiewohl es schwer war, jemals auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Sorge oder irgendwelcher Verlegenheit zu erkennen. Er streckte mir freudig mit seinem gewöhnlichen Ausruf: »Ah!« die Hand entgegen, blieb aber nicht auf der Straße stehen, sondern setzte seinen Weg ziemlich schnellen Schrittes fort. Ich schloß mich ihm an; aber er verstand es, mir solche Antworten zu geben, daß ich nicht dazu kam, ihn nach etwas Wichtigerem zu fragen. Außerdem war es mir sehr peinlich, das Gespräch auf Polina zu bringen, und er selbst erwähnte sie mit keinem Wort. Ich erzählte ihm von der Tante; er hörte aufmerksam und mit ernster Miene zu und zuckte mit den Achseln.

»Sie wird alles verspielen«, bemerkte ich.

»O ja«, erwiderte er. »Vorhin, als ich wegfahren wollte, traf ich sie auf dem Weg zum Spielsaal, und da sagte ich ihr mit Bestimmtheit, daß sie alles verlieren werde. Wenn ich Zeit habe, will ich nach dem Spielsaal gehen, um zuzusehen; denn so etwas ist interessant.«

»Wo waren Sie denn hingefahren?« fragte ich und wunderte mich selbst darüber, daß ich danach bisher noch nicht gefragt hatte.

»Ich war in Frankfurt.«

»In geschäftlichen Angelegenheiten?«

»Jawohl.«

Wonach konnte ich ihn nun noch weiter fragen? Ich ging immer noch neben ihm her; aber plötzlich bog er in das an unserem Weg stehende Hôtel des quatre saisons ein, nickte mir mit dem Kopf zu und war verschwunden. Nach Hause zurückgekehrt, wurde ich mir allmählich darüber klar, daß ich, selbst wenn ich zwei Stunden lang mit ihm gesprochen hätte, doch schlechterdings nichts erfahren haben würde, weil . . . weil es gar nichts gab, wonach ich ihn hätte fragen können! Ja, es war wirklich so! Ich war jetzt absolut nicht imstande, meine Frage zu formulieren.

Diesen ganzen Tag über ging Polina bald mit den Kindern und der Kinderfrau im Park spazieren, bald saß sie zu Hause. Den General mied sie schon seit längerer Zeit und redete mit ihm fast gar nicht, wenigstens nicht über ernsthafte Dinge. Das hatte ich schon lange bemerkt. Aber da ich wußte, in welcher Situation sich der General heute befand, so sagte ich mir, er würde wohl nicht umhin gekonnt haben mit ihr zu sprechen, das heißt, es müsse wohl mit Notwendigkeit zwischen ihnen zu einer ernsten Aussprache gekommen sein, wie sie bei so wichtigen Angelegenheiten zwischen Familienmitgliedern unerläßlich ist. Als ich jedoch nach meinem Gespräch mit Mister Astley nach dem Hotel zurückging und unterwegs Polina mit den Kindern traf, da lag auf ihrem Gesicht ein Ausdruck ungetrübter Ruhe, als ob all die Stürme, unter denen die Familie litt, nur sie allein verschonten. Meine Verbeugung erwiderte sie mit einem Kopfnicken. Ich ging wütend auf mein Zimmer.

Allerdings hatte ich es seit dem Vorfall mit dem Wurmerhelmschen Ehepaar vermieden, mit ihr zu sprechen, und war seitdem kein einziges Mal mit ihr zusammen gewesen. Das war von mir zum Teil nur Getue und Gehabe gewesen; aber je länger es dauerte, um so heißer glühte in mir eine wirkliche Entrüstung auf. Auch wenn sie mich nicht ein bißchen liebte, durfte sie meiner Ansicht nach dennoch nicht meine Gefühle in dieser Weise mit Füßen treten und meine Geständnisse mit solcher Geringschätzung aufnehmen. Sie wußte ja doch, daß ich sie mit einer wahren, echten Liebe liebte, und hatte mir selbst gestattet und erlaubt, davon zu ihr zu reden! Freilich, diese unsere Beziehungen hatten in eigentümlicher Weise ihren Anfang genommen. Vor geraumer Zeit, schon vor zwei Monaten, hatte ich bemerkt, daß sie mich zu ihrem Freund und Vertrauten zu machen wünschte und mich gelegentlich auch schon als solchen behandelte. Aber ohne daß ich gewußt hätte warum, wollte sich dieses Verhältnis damals nicht weiterentwickeln; statt dessen kam es vielmehr zu unsern jetzigen sonderbaren Beziehungen; und eben deswegen hatte ich angefangen so mit ihr zu reden. Aber wenn ihr meine Liebe zuwider war, warum verbot sie mir dann nicht geradezu, mit ihr davon zu reden?

Sie hatte es mir nicht verboten, mich im Gegenteil manchmal zu einem solchen Gespräch herausgefordert; aber das hatte sie natürlich nur zum Spott getan. Ich hatte deutlich gemerkt und wußte genau, daß es ihr Freude machte, nachdem sie mich angehört und mich auf das äußerste gereizt hatte, dann auf einmal mich durch einen schroffen Ausdruck größter Geringschätzung und Gleichgültigkeit wie mit einem Knüttel über den Kopf zu schlagen. Und sie wußte doch, daß ich ohne sie nicht leben konnte. Jetzt waren nun drei Tage seit der Geschichte mit dem Baron vergangen, und ich konnte unsere »Scheidung« nicht mehr ertragen. Als ich ihr kurz vorher beim Kurhaus begegnet war, da hatte mir das Herz so stark geschlagen, daß ich ganz blaß wurde. Aber auch sie konnte ja ohne mich nicht existieren! Sie hatte mich nötig – ob wirklich nur als Hanswurst, um etwas zum Lachen zu haben?

Sie hatte ein Geheimnis, das war zweifellos! Ihr Gespräch mit der Tante versetzte mir einen schmerzlichen Stich ins Herz. Ich hatte sie doch tausendmal gebeten, mir gegenüber aufrichtig zu sein, und sie wußte doch, daß ich tatsächlich bereit war, meinen Kopf für sie hinzugeben. Aber sie hatte sich immer in beinahe verächtlicher Weise von mir losgemacht oder statt des Opfers meines Lebens, das ich ihr anbot, von mir solche Exzesse verlangt wie damals mit dem Baron! War das nicht empörend? War denn dieser Franzose ihr ein und alles? Und Mister Astley? Aber hier wurde die Sache für mich nun schon vollständig unbegreiflich – und was litt ich dabei für Qualen, mein Gott, mein Gott!

Als ich nach Hause gekommen war, griff ich in heller Wut zur Feder und schrieb an sie folgendes:

»Polina AIexandrowna, ich sehe deutlich, daß die Katastrophe nahe bevorsteht, die jedenfalls auch für Sie bedeutungsvoll sein wird. Zum letzten Male frage ich Sie: können Sie das Opfer meines Lebens gebrauchen oder nicht? Wenn Sie meiner, wozu auch immer, bedürfen, so verfügen Sie über mich; ich werde vorläufig in meinem Zimmer bleiben, wenigstens den größten Teil der Zeit, und nirgends hingehen. Wenn Sie mich nötig haben, so schreiben Sie mir oder lassen Sie mich rufen.«

Ich siegelte den Brief zu und gab ihn dem Kellner zur Beförderung, mit der Weisung, ihn ihr zu eigenen Händen zu übergeben. Eine Antwort erwartete ich nicht; aber nach drei Minuten kam der Kellner zurück und meldete, das Fräulein lasse eine Empfehlung bestellen.

Zwischen sechs und sieben Uhr wurde ich zum General gerufen.

Er befand sich in seinem Zimmer, wie zum Ausgehen angekleidet. Hut und Stock lagen auf dem Sofa. Als ich eintrat, stand er, wie mir vorkam, mit gespreizten Beinen und gesenktem Kopf mitten im Zimmer und redete halblaut mit sich selbst. Aber sowie er mich erblickte, stürzte er ordentlich mit einem Aufschrei auf mich los, so daß ich unwillkürlich zurücktrat und mich schleunigst wieder entfernen wollte; aber er ergriff mich an beiden Händen und zog mich zum Sofa; er selbst setzte sich auf dieses, während er mich auf einen Lehnstuhl ihm gerade gegenüber nötigte. Ohne meine Hände loszulassen, sagte er dann mit zitternden Lippen und unter Tränen, die plötzlich an seinen Wimpern glitzerten, in flehendem Ton zu mir:

»Alexej Iwanowitsch, retten Sie mich, retten Sie mich, haben Sie Erbarmen mit mir!«

Ich begriff lange Zeit nicht, was er eigentlich wollte; er redete und redete immerzu und wiederholte fortwährend: »Haben Sie Erbarmen mit mir, haben Sie Erbarmen mit mir!« Endlich glaubte ich zu erraten, daß er von mir so etwas wie einen Rat erwartete, oder richtiger, daß er, von allen verlassen, in seiner Aufregung und Unruhe sich meiner erinnert und mich hatte rufen lassen, lediglich um reden, reden, reden zu können.

Er war verrückt geworden oder hatte wenigstens im höchsten Grade die Fassung verloren. Er faltete die Hände und war nahe daran, vor mir auf die Knie zu fallen, um mich zu bitten, ich möchte (sollte man es für möglich halten?) sogleich zu Mademoiselle Blanche gehen und sie durch Bitten und Vorstellungen dazu bewegen, zu ihm zurückzukehren und ihn zu heiraten.

»Aber ich bitte Sie, General«, rief ich, »Mademoiselle Blanche hat mich bis jetzt vielleicht überhaupt noch nicht bemerkt! Was kann ich in dieser Sache tun?«

Aber alle Erwiderungen waren nutzlos; er verstand gar nicht, was ich sagte. Auch über die Tante begann er zu reden, aber in einer schrecklich unsinnigen Weise; er konnte immer noch nicht von dem Gedanken loskommen, daß man gut tue, nach der Polizei zu schicken.

»Bei uns, bei uns«, fing er an und kochte auf einmal vor Wut, »mit einem Wort, bei uns in einem wohlgeordneten Staat, in dem es eine Obrigkeit gibt, würde man solche alten Weiber sofort unter Vormundschaft stellen! Jawohl, mein Herr, jawohl«, fuhr er fort, indem er plötzlich in einen scheltenden Ton überging, von seinem Platz aufsprang und im Zimmer hin und her ging. »Das haben Sie wohl noch nicht gewußt, mein Herr«, wandte er sich an einen Herrn, den er sich in der Ecke vorstellte; »nun, dann mögen Sie es jetzt lernen . . . jawohl . . . bei uns werden solche alten Weiber eingesperrt, eingesperrt, eingesperrt, jawohl . . . Ach, hol alles der Teufel!«

Er warf sich wieder auf das Sofa; aber einen Augenblick darauf begann er, beinahe schluchzend und nur mühsam atmend, mir in eiliger Rede zu erzählen, Mademoiselle Blanche wolle ihn deswegen nicht heiraten, weil statt eines Telegramms die Tante selbst angekommen sei und er nun offenbar die Erbschaft nicht bekommen werde. Er hatte die Vorstellung, ich wüßte von alledem noch nichts. Ich wollte von de Grieux zu reden anfangen; aber er winkte geringschätzig ab: »Der ist abgereist! Alles, was ich besitze, ist ihm verpfändet; ich bin arm wie eine Kirchenmaus! Das Geld, das Sie mir geholt haben . . . dieses Geld . . . ich weiß nicht, wieviel davon noch da ist, es mögen wohl noch siebenhundert Franc und ein bißchen übrig sein . . . das ist alles . . . aber dann . . . das weiß ich nicht, das weiß ich nicht . . .!«

»Wie werden Sie denn die Hotelrechnung bezahlen?« rief ich erschrocken. »Und . . . was soll dann weiter werden?«

Er sah aus, als dächte er angestrengt nach, schien aber das, was ich gesagt hatte, nicht verstanden und vielleicht überhaupt nicht gehört zu haben. Ich machte einen Versuch, von Polina Alexandrowna und den Kindern zu reden; aber er antwortete nur hastig: »Ja, ja!« und fing sogleich wieder an von dem Fürsten zu sprechen, und daß Blanche nun mit diesem davongehen werde. »Und dann . . . und dann . . . was soll ich dann anfangen, Alexej Iwanowitsch?« wandte er sich plötzlich zu mir. »Ich bitte Sie um Gottes willen! Was soll ich dann anfangen? Sagen Sie, das ist doch bitterer Undank! Das ist doch bitterer Undank!«

Er weinte, daß ihm die Tränen nur so über die Backen liefen.

Mit einem solchen Menschen war nichts zu machen; aber ihn allein zu lassen war gleichfalls gefährlich; es konnte womöglich etwas mit ihm passieren. Indessen machte ich mich doch von ihm los, so gut es ging, wies aber die Kinderfrau an, möglichst oft nach ihm zu sehen, und sprach außerdem mit dem Kellner, einem sehr verständigen jungen Menschen; dieser versprach mir, seinerseits ebenfalls ein Auge auf den General zu haben.

Kaum hatte ich den General verlassen, als Potapytsch zu mir kam und mich zur Tante rief. Es war acht Uhr, und sie war eben erst nach dem vollständigen Verlust ihres Geldes aus dem Kurhaus zurückgekommen. Ich begab mich zu ihr; die Alte saß auf ihrem Lehnstuhl, ganz erschöpft und offenbar krank. Marfa reichte ihr eine Tasse Tee und nötigte sie fast mit Gewalt, ihn auszutrinken. Ihre Stimme und der ganze Ton, in dem sie sprach, hatten sich gegen früher in auffälliger Weise verändert.

»Guten Abend, lieber Alexej Iwanowitsch«, sagte sie und neigte langsam und würdevoll den Kopf. »Entschuldige, daß ich dich noch einmal belästigt habe; verzeihe einer alten Frau! Ich habe alles dort gelassen, lieber Freund, fast hunderttausend Rubel. Du hattest recht, daß du gestern nicht mit mir mitkamst. Jetzt bin ich ganz ohne Geld; nicht einen Groschen habe ich. Ich will keine Minute länger hierbleiben, als nötig ist; um halb zehn fahre ich ab. Ich habe zu deinem Engländer, diesem Mister Astley, geschickt und will ihn bitten, mir dreitausend Franc auf eine Woche zu leihen. Setze ihm die Sache auseinander, damit er nicht etwa Schlimmes denkt und es mir abschlägt. Ich bin noch reich genug, lieber Freund. Ich habe drei Dörfer und zwei Häuser. Und auch Geld wird sich noch finden; ich habe nicht alles mit auf die Reise genommen. Ich sage das, damit er nicht mißtrauisch wird . . . Ah, da ist er ja selbst! Man sieht doch gleich, was ein guter Mensch ist.«

Mister Astley war, sowie man ihm die Bitte der Tante überbracht hatte, unverzüglich herbeigeeilt. Ohne sich irgendwie zu besinnen oder ein Wort zuviel zu sagen, zahlte er ihr sofort dreitausend Franc auf einen Wechsel aus, den die Tante unterschrieb. Nach Erledigung dieser Angelegenheit empfahl er sich und ging eilig wieder fort.

»Und nun geh auch du, Alexej Iwanowitsch! Ich habe noch etwas über eine Stunde Zeit; da will ich mich noch ein bißchen hinlegen; die Knochen tun mir weh. Geh mit mir alten Närrin nicht zu streng ins Gericht! Jetzt werde ich junge Leute nicht mehr wegen ihres Leichtsinns schelten, und auch dem unglücklichen Menschen, eurem General, habe ich kein Recht mehr Vorwürfe zu machen. Geld werde ich ihm aber trotzdem nicht geben, wie er es gern möchte; denn er ist nach meiner Ansicht doch ein bißchen gar zu dumm; nur daß ich alte Närrin nicht klüger bin als er. Ja, das ist offenbar: Gott sucht einen auch im Alter heim und bestraft uns für unsern Hochmut. Na, dann leb wohl! Marfa, hebe mich auf!«

Ich wollte sie aber gern noch auf die Bahn begleiten. Außerdem befand ich mich in einem Zustand unruhiger Spannung; ich erwartete immer, daß sich im nächsten Augenblick etwas ereignen werde. Es war mir unmöglich, auf meinem Zimmer zu bleiben. Ich ging auf den Korridor hinaus, ja ich verließ sogar für kurze Zeit das Haus und ging in der Allee auf und ab. Mein Brief an Polina war, wie ich mir sagte, deutlich und energisch gewesen, und die jetzige Katastrophe war offenbar endgültig. Im Hotel hatte ich von de Grieux' Abreise gehört. Schließlich, wenn Polina mich auch als Freund verschmähte, vielleicht duldete sie mich als ihren Diener. Sie konnte mich ja gebrauchen, wenn auch nur zu allerlei Besorgungen, und ich konnte ihr gute Dienste leisten, sicherlich, sicherlich!

Zum Abgang des Zuges ging ich nach dem Bahnhof und war der Tante beim Einsteigen behilflich. Sie hatte mit ihrer Begleitung ein besonderes Abteil genommen.

»Ich danke dir, lieber Freund, für deine uneigennützige Teilnahme«, sagte sie beim Abschied zu mir. »Und erinnere Praskowja an das, worüber ich gestern mit ihr gesprochen habe; ich werde sie erwarten.«

Ich ging nach Hause. Als ich an dem Logis des Generals vorbeikam, begegnete ich der Kinderfrau und erkundigte mich nach dem General. »Es geht ihm ja ganz leidlich«, antwortete sie trübe. Ich wollte indessen doch zu ihm gehen; aber an der ein wenig geöffneten Tür seines Zimmers blieb ich starr vor Staunen stehen. Mademoiselle Blanche und der General lachten über irgend etwas um die Wette. Die veuve Cominges war auch dort und saß auf dem Sofa. Der General war offenbar ganz sinnlos vor Freude, schwatzte allen möglichen Unsinn und brach fortwährend in ein nervöses, langdauerndes Lachen aus, bei dem sich auf seinem Gesicht unzählige kleine Fältchen bildeten und die Augen ganz verschwanden. Später habe ich den Hergang von Blanche selbst erfahren: Als sie dem Fürsten den Laufpaß gegeben hatte und von dem jämmerlichen Zustand des Generals hörte, hatte sie den Einfall gehabt, ihn zu trösten, und war auf ein Augenblickchen zu ihm gegangen. Aber der arme General wußte nicht, daß in diesem Augenblick sein Schicksal bereits entschieden war und Mademoiselle Blanche schon angefangen hatte, ihre Sachen zu packen, um am andern Tag mit dem ersten Morgenzug nach Paris davonzurattern.

Nachdem ich ein Weilchen auf der Schwelle des Zimmers gestanden hatte, entschied ich mich dafür, lieber nicht einzutreten, und ging unbemerkt wieder weg. Als ich zu meinem Zimmer kam und die Tür öffnete, bemerkte ich auf einmal im Halbdunkel eine Gestalt, die auf einem Stuhl in der Ecke am Fenster saß. Sie erhob sich bei meinem Erscheinen nicht. Ich trat schnell an sie heran, sah genauer hin, und der Atem stockte mir: es war Polina!

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