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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Spieler - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorDostojewski
titleDer Spieler
translatorHermann Röhl
publisherInsel Taschenbuch
firstpub1888
isbn3-4458-33334-7
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050131
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Elftes Kapitel

Der Stuhl wurde zur Tür nach dem andern Ende des Saales hingerollt. Die Tante strahlte. Die Unsrigen umdrängten sie sogleich alle mit Glückwünschen. Mochte auch das Benehmen der Tante sehr exzentrisch sein, ihr Triumph deckte vieles zu, und der General fürchtete jetzt nicht mehr, sich in der Öffentlichkeit durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu einer so sonderbaren Dame zu kompromittieren. Mit einem leutseligen, vertraulich-heiteren Lächeln, wie wenn er mit einem Kind Scherz triebe, beglückwünschte er seine Tante. Übrigens war er augenscheinlich im höchsten Grade überrascht, wie auch alle andern Zuschauer. Ringsherum sprach man von der Tante und wies auf sie hin. Viele gingen absichtlich an ihr vorbei, um sie aus der Nähe anzusehen. Mister Astley redete in einiger Entfernung mit zwei seiner englischen Bekannten über sie. Einige stolze Damen betrachteten sie mit hochmütiger Verwunderung, wie wenn sie eine Art Wundertier wäre . . . De Grieux leistete Unglaubliches in Komplimenten und stetem Lächeln.

»Quelle victoire!« sagte er.

»Mais, madame, c'etait du feu!« fügte Mademoiselle Blanche mit einem scherzhaften Lächeln hinzu.

»Na ja, ich bin einfach hierhergekommen und habe zwölftausend Gulden gewonnen! Was sage ich, zwölftausend; da ist ja noch das Gold! Mit dem Gold kommen beinah dreizehntausend heraus. Wieviel ist das nach unserem Geld? Es werden etwa sechstausend Rubel sein, nicht wahr?«

Ich bemerkte, daß es sogar siebentausend Rubel übersteige und nach dem jetzigen Kurs vielleicht an achttausend herankommen möge.

»Ein schöner Spaß, achttausend Rubel! Und ihr sitzt hier still, ihr Schlafmützen, und tut nichts! Potapytsch, Marfa, habt ihr es gesehen?«

»Mütterchen, wie haben Sie das nur angefangen? Achttausend Rubel!« rief Marfa und krümmte sich dabei ganz zusammen.

»Da! Hier hat jeder von euch fünf Goldstücke! Da, nehmt!« Potapytsch und Marfa griffen nach den Händen der Tante, um sie stürmisch zu küssen.

»Auch die Dienstmänner sollen jeder einen Friedrichsdor haben. Gib jedem von ihnen ein Goldstück, Alexej Iwanowitsch! Warum verbeugt sich dieser Saaldiener, und der andre auch? Sie gratulieren? Gib ihnen auch jedem einen Friedrichsdor!«

»Madame la princesse . . . un pauvre expatrié . . . malheur continuel . . . les princes russes sont si généreux . . .« Mit diesen Worten scharwenzelte um den Rollstuhl herum ein schnurrbärtiges Subjekt in abgetragenem Oberrock und bunter Weste, die Mütze in der Hand, das Gesicht zu einem kriecherischen Lächeln verziehend.

»Gib ihm auch einen Friedrichsdor! . . . Nein, gib ihm zwei! Nun aber soll's genug sein; sonst nimmt das mit diesen Menschen kein Ende. Hebt an und tragt mich weiter! Praskowja«, wandte sie sich an Polina Alexandrowna, »ich werde dir morgen Stoff zu einem Kleid kaufen, und der hier auch, dieser Mademoiselle, wie heißt sie doch? Mademoiselle Blanche, gut, der werde ich auch Stoff zu einem Kleid kaufen. Übersetze es ihr, Praskowja!«

»Merci, madame«, erwiderte Mademoiselle Blanche mit einem graziösen Knicks und tauschte dann spöttisch lächelnd mit de Grieux und dem General einen Blick aus. Der General wurde einigermaßen verlegen und war sehr froh, als wir endlich die Allee erreicht hatten.

»Da fällt mir Fedosja ein, wie die sich jetzt wundern wird«, sagte die Tante, die gerade an die ihr wohlbekannte Kinderfrau im Haushalt des Generals dachte. »Der muß ich auch Zeug zu einem Kleid schenken. Höre, Alexej Iwanowitsch, Alexej Iwanowitsch, gib diesem Bettler etwas!«

Ein zerlumpter Mensch mit gekrümmtem Rücken ging auf dem Weg an uns vorbei und sah uns an.

»Aber das ist vielleicht gar kein Bettler, Großmütterchen, sondern irgendein Vagabund.«

»Gib nur, gib! Gib ihm einen Gulden!«

Ich trat an ihn heran und gab ihm das Geld. Er sah mich mit scheuer Verwunderung an, nahm aber schweigend den Gulden hin. Er roch stark nach Branntwein.

»Hast du denn noch nicht dein Glück probiert, Alexej Iwanowitsch?«

»Nein, Großmütterchen.«

»Aber die Augen brannten dir am Spieltisch nur so; ich habe es wohl gesehen.«

»Ich werde schon noch mein Glück versuchen, Großmütterchen, ganz bestimmt, ein andermal.«

»Und setze nur geradezu auf zéro! Dann wirst du schon sehen! Wieviel Geld hast du denn?«

»Ich habe im ganzen nur zwanzig Friedrichsdor, Großmütterchen.«

»Das ist wenig. Ich will dir fünfzig Friedrichsdor borgen, wenn du willst. Hier, du kannst gleich diese Rolle nehmen. – Aber du, lieber Freund«, wandte sie sich auf einmal an den General, »mach dir keine Hoffnungen; dir gebe ich nichts!«

Der General zuckte zusammen; aber er schwieg. De Grieux machte ein finsteres Gesicht.

»Que diable, c'est une terrible vieille!« flüsterte er durch die Zähne dem General zu.

»Ein Bettler, ein Bettler, wieder ein Bettler!« rief die Tante. »Alexej Iwanowitsch, gib dem auch einen Gulden!«

Diesmal war derjenige, der uns begegnete, ein grauköpfiger alter Mann mit einem Stelzfuß; er trug einen blauen Rock mit langen Schößen und hatte einen langen Rohrstock in der Hand. Er sah aus wie ein alter Soldat. Aber als ich ihm den Gulden hinhielt, trat er einen Schritt zurück und blickte mich grimmig an.

»Zum Teufel, was soll das vorstellen?« schrie er und fügte dem noch eine Reihe von Schimpfworten hinzu.

»Na, so ein Dummkopf!« rief die Tante. »Dann läßt er's bleiben! Fahrt mich weiter! Ich bin ganz hungrig geworden! Nun wollen wir gleich zu Mittag essen; dann will ich mich ein Weilchen hinlegen und mich dann wieder dorthin begeben.«

»Sie wollen wieder spielen, Großmütterchen?« rief ich.

»Was hast du dir denn gedacht? Weil ihr alle hier still sitzt und die Hände in den Schoß legt, soll ich es euch wohl nachmachen!«

»Mais, madame«, bemerkte nähertretend de Grieux, »les chances peuvent tourner, une seule mauvaise chance et vous perdrez tout . . . surtout avec votre jeu . . . c'était horrible!«

»Vous perdrez absolument«, zwitscherte Mademoiselle Blanche.

»Was geht denn das euch alle an? Wenn ich verliere, verliere ich ja nicht euer Geld, sondern meins! Aber wo ist denn dieser Mister Astley?« fragte sie mich.

»Er ist im Kurhaus geblieben, Großmütterchen.«

»Schade; das ist ein sehr netter Mensch.«

Als wir nach Hause gekommen waren, begegneten wir auf der Treppe dem Oberkellner, und die Tante rief ihn sogleich heran und rühmte sich ihres Spielgewinns; darauf ließ sie Fedosja rufen, schenkte ihr drei Friedrichsdor und befahl, das Mittagessen aufzutragen. Fedosja und Marfa zerrissen sich bei Tisch fast vor Dienstfertigkeit gegen sie.

»Ich sah so nach Ihnen hin, Mütterchen«, schwatzte Marfa, »und da sagte ich zu Potapytsch: ›Was will unser Mütterchen nur da machen?‹ Und auf dem Tisch lag Geld, eine Unmenge Geld, o Gott, o Gott! In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so viel Geld gesehen. Und darum herum saßen Herrschaften, lauter vornehme Herrschaften. Und ich sagte: ›Wo mögen bloß all diese vielen Herrschaften hier herkommen, Potapytsch?‹ Ich dachte bei mir: ›Möge ihr die Mutter Gottes selbst beistehen!‹ Und ich betete für Sie, Mütterchen; aber mein Herz war mir so beklommen, ganz beklommen war es mir, und ich zitterte nur so, am ganzen Leibe zitterte ich. ›Gott gebe ihr alles Gute!‹ dachte ich; na, und sehen Sie, da hat Gott Ihnen denn auch seinen Segen geschickt. Bis diesen Augenblick zittere ich noch, Mütterchen; sehen Sie nur, wie ich am ganzen Leibe zittre!«

»Alexej Iwanowitsch, nach Tisch, so um vier Uhr, dann mach dich fertig; dann wollen wir wieder hin. Jetzt aber, für die Zwischenzeit, adieu! Und vergiß auch nicht, mir so einen Doktor herzuschicken; ich muß doch auch Brunnen trinken. Tu's nur bald, sonst vergißt du es am Ende noch!«

Als ich von der Tante herauskam, war ich wie betäubt. Ich suchte mir eine Vorstellung davon zu machen: was wird jetzt aus den Unsrigen allen werden, und welche Wendung werden die Dinge nehmen? Ich sah klar, daß die Unsrigen, und ganz besonders der General, noch nicht einmal von der ersten Überraschung wieder recht zur Besinnung gekommen waren. Die Tatsache, daß die alte Tante in Person eingetroffen war, statt der von Stunde zu Stunde erwarteten Nachricht von ihrem Tod und damit auch der Nachricht von der Erbschaft, diese Tatsache hatte den ganzen Aufbau ihrer Absichten und Pläne so gründlich zerstört, daß sie nun den Großtaten der Tante am Roulettisch völlig verblüfft, ja gewissermaßen wie von einem Starrkrampf befallen gegenüberstanden. Und doch fiel diese zweite Tatsache, das Glücksspiel der Tante, fast noch schwerer in die Waagschale als die erste. Denn wenn auch die Alte zweimal erklärt hatte, sie werde dem General kein Geld geben – nun, wer weiß, man brauchte darum doch nicht alle Hoffnungen aufzugeben. So gab denn auch de Grieux, der an allen Angelegenheiten des Generals stark beteiligt war, die Hoffnung nicht auf. Und ich war überzeugt, daß auch Mademoiselle Blanche, die gleichfalls bei der Sache höchst interessiert war (na, und ob! wo sie Frau Generalin zu werden und in den Besitz einer bedeutenden Erbschaft zu gelangen hoffte!), daß auch sie die Hoffnung nicht verlieren, sondern der Tante gegenüber alle Künste der Koketterie zur Anwendung bringen würde – ganz im Gegensatz zu der stolzen Polina, die zu ungelehrig war und nicht verstand, sich einzuschmeicheln. Aber jetzt, jetzt, wo die Tante so großartige Erfolge beim Roulett aufzuweisen hatte, jetzt, wo sich deren ganzes Wesen ihnen allen in voller Klarheit und Deutlichkeit als der Typus eines eigensinnigen, herrschsüchtigen, kindisch gewordenen alten Weibes enthüllt hatte, jetzt war vielleicht alles verloren. Sie freute sich ja über ihren Gewinn wie ein kleines Kind, und so war zu erwarten, daß sie, wie das so zu gehen pflegt, alles verspielen werde. »Mein Gott«, dachte ich, und Gott verzeihe mir, daß ich dabei recht schadenfroh lachte, »mein Gott, jeder Friedrichsdor, den die Alte vorhin setzte, hat gewiß dem General einen Stich ins Herz gegeben und diesen Monsieur de Grieux schwer geärgert und Mademoiselle de Cominges in Wut versetzt; dieser letzteren mag zumute gewesen sein, als ob man den vollen Löffel ihr erst gezeigt und dann an dem begehrlich geöffneten Mund vorbeigeführt hätte. Und dann war da noch eine bedenkliche Tatsache: sogar als die Tante den großen Spielgewinn gemacht hatte und voll Freude darüber war und an alle möglichen Leute Geld verteilte und jeden Passanten für einen unterstützungswürdigen Armen ansah, selbst da hatte sie zu dem General schroff gesagt: ›Dir werde ich trotzdem nichts geben!‹ Das hieß doch: ›Ich habe mich auf diesen Gedanken versteift, es mir fest vorgenommen, mir selbst das Wort darauf gegeben.‹ Eine böse, böse Sache!«

Alle diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich von dem Logis der Tante die breite Treppe nach der obersten Etage hinanstieg, in der mein Zimmerchen lag. All diese Vorgänge erregten mein lebhaftes Interesse. Zwar hatte ich schon früher die wichtigsten, stärksten Fäden erraten können, durch die die Akteure des vor meinen Augen sich abspielenden Dramas miteinander verknüpft waren; aber alle Hilfsmittel und Geheimnisses dieses Spieles kannte ich trotzdem noch nicht. Polina war gegen mich nie ganz offenherzig gewesen. Mitunter war es ja allerdings vorgekommen, daß sie mich anscheinend unwillkürlich einen Blick in ihr Herz tun ließ; aber ich hatte bemerkt, daß sie oft, ja fast immer nach solchen Fällen von Offenherzigkeit entweder alles, was sie gesagt hatte, auf das Gebiet des Scherzes hinüberspielte oder es nachträglich wieder verwirrte und allem absichtlich einen falschen Sinn beilegte. Oh, sie verheimlichte mir vieles! Jedenfalls hatte ich das Vorgefühl, daß die letzte Phase dieses ganzen Zustandes geheimnisvoller Spannung herannahte. Noch ein Schlag, und alles war beendet und aufgedeckt. Um mein eigenes Schicksal machte ich mir, obwohl ich an der Entwicklung dieser Dinge ein hohes Interesse hatte, fast keine Sorgen. Ich befand mich in einer sonderbaren Gemütsverfassung: in der Tasche hatte ich nur zwanzig Friedrichsdor; ich befand mich fern von der Heimat in fremdem Lande, ohne Stellung und ohne Existenzmittel, ohne Hoffnung und ohne Pläne – und machte mir darüber keine Sorgen! Wäre nicht der Gedanke an Polina gewesen, so hätte ich einfach mein ganzes Interesse auf die Komik der bevorstehenden Lösung gerichtet und aus vollem Halse gelacht. Aber der Gedanke an sie regte mich auf; ihr Schicksal mußte sich jetzt entscheiden, das ahnte ich; aber, ich bekenne es, ihr Schicksal beunruhigte mich gar nicht. Ich wünschte, in ihre Geheimnisse einzudringen; ich hätte gewünscht, daß sie zu mir gekommen wäre und gesagt hätte: »Ich liebe dich ja«, und wenn das nicht geschah, wenn das eine undenkbare Verrücktheit war, dann . . . ja, was hätte ich dann gewünscht? Wußte ich denn etwa, was ich wünschte? Ich war selbst ganz wirr im Kopf: nur bei ihr sein, in ihrem Strahlenkreis, in dem Glanzschimmer, der sie umgibt, immer, unaufhörlich, das ganze Leben lang! Von weiteren Wünschen wußte ich nichts! War ich denn überhaupt imstande, von ihr fortzugehen?

Als ich in der dritten Etage auf dem Korridor war, an dem die Zimmer der Unsrigen liegen, hatte ich eine Empfindung, als ob mich jemand anstieße. Ich drehte mich um und erblickte in einer Entfernung von zwanzig oder noch mehr Schritten Polina, die aus einer Tür herauskam. Sie schien auf mich gewartet und nach mir Ausschau gehalten zu haben und winkte mich sogleich zu sich heran.

»Polina Alexandrowna . . .«

»Leiser, leiser«, sagte sie in gedämpftem Ton.

»Können Sie sich das vorstellen«, flüsterte ich, »es war mir soeben, als stieße mich jemand von der Seite an; ich drehte mich um – und da stehen Sie! Gerade als wenn eine Art Elektrizität von Ihnen ausginge!«

»Nehmen Sie diesen Brief«, sagte Polina, die eine sorgenvolle düstere Miene zeigte; das, was ich gesagt hatte, hatte sie wahrscheinlich gar nicht ordentlich gehört, »und übergeben Sie ihn persönlich Mister Astley, aber sogleich! So schnell wie irgend möglich; ich bitte Sie darum. Eine Antwort ist nicht nötig. Er wird schon selbst . . .«

Sie sprach den begonnenen Satz nicht zu Ende.

»Mister Astley?« fragte ich erstaunt.

Aber Polina war schon hinter der Tür verschwunden.

»Aha! Also sie haben eine Korrespondenz miteinander!«

Selbstverständlich machte ich mich eiligst auf, um Mister Astley aufzusuchen, zuerst in seinem Hotel, wo ich ihn nicht antraf, dann im Kurhaus, wo ich durch alle Säle lief; als ich endlich ärgerlich und beinahe in Verzweiflung nach Hause zurückging, begegnete ich ihm zufällig: er ritt mit einer Kavalkade von Engländern und Engländerinnen spazieren. Durch Winken mit der Hand veranlagte ich ihn anzuhalten und übergab ihm den Brief. Wir hatten kaum Zeit, einander ordentlich anzusehen; aber ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, daß Mister Astley mit Absicht sein Pferd schnell wieder in Bewegung setzte.

Quälte mich Eifersucht? Ich weiß nicht, ob das der Fall war, aber jedenfalls befand ich mich in sehr gedrückter Stimmung. Es lag mir nicht einmal daran, zu erfahren, worüber sie eigentlich korrespondierten. Also das war ihr Vertrauensmann. »Er ist ihr Freund, ihr Freund«, dachte ich; »das ist klar (nur: wann hat er Zeit gefunden, ihr Freund zu werden?); aber liegt hier auch Liebe vor?« »Nein, gewiß nicht«, flüsterte mir die Vernunft zu. Aber die Vernunft allein vermag in solchen Fällen wenig. Jedenfalls mußte ich auch diesen Punkt klarstellen. Die Angelegenheit komplizierte sich in einer unangenehmen Weise.

Kaum hatte ich das Hotel wieder betreten, als mir der Portier sowie der Oberkellner, der aus seinem Büro herauskam, mitteilten, die Herrschaften wünschten mich zu sprechen, ließen mich suchen und hätten sich schon dreimal erkundigen lassen, wo ich sei; ich würde gebeten, so schnell wie möglich in das Logis des Generals zu kommen. Ich war in der garstigsten Gemütsverfassung. Im Zimmer des Generals fand ich außer dem General selbst Monsieur de Grieux und Mademoiselle Blanche, letztere allein, ohne ihre Mutter. Die Mutter war zweifellos eine erkaufte Person, die nur zu Paradezwecken diente; sobald ernste Angelegenheiten materieller Art vorlagen, handelte Mademoiselle Blanche allein. Und jene hatte von solchen Angelegenheiten ihrer angenommenen Tochter auch kaum irgendwelche Kenntnis.

Sie waren in hitziger Beratung über irgend etwas begriffen und hatten sogar die Zimmertür zugeschlossen, was sonst noch nie geschehen war. Als ich mich der Tür näherte, hörte ich laute Stimmen und unterschied de Grieux' dreiste, boshafte Redeweise, Mademoiselle Blanches zorniges Kreischen und freches Schimpfen und die klägliche Stimme des Generals, der sich offenbar über etwas, was ihm zum Vorwurf gemacht wurde, rechtfertigte. Bei meinem Eintritt suchten alle zu einem maßvollen Benehmen zurückzukehren und ihre Mienen und ihre äußere Erscheinung wieder in Ordnung zu bringen. De Grieux strich sich die Haare zurecht und verwandelte sein Gesicht aus einem zornigen in ein lächelndes; es war jenes widerwärtige, konventionell-höfliche französische Lächeln, das mir so verhaßt ist. Der General, der den Eindruck starker Bedrücktheit und Niedergeschlagenheit gemacht hatte, bemühte sich, sein würdevolles Aussehen wiederzugewinnen, wiewohl nur in mechanischer Weise, als ob er mit seinen Gedanken nicht dabei wäre. Nur Mademoiselle Blanche änderte ihren wütenden Gesichtsausdruck mit den zornig funkelnden Augen fast gar nicht und beschränkte sich darauf, zu verstummen, wobei sie auf mich einen Blick ungeduldiger Erwartung richtete. Beiläufig bemerkt: sie hatte mich bisher mit einer unglaublichen Geringschätzung behandelt, nicht einmal meine Verbeugungen erwidert und mich überhaupt völlig ignoriert.

»Alexej Iwanowitsch«, begann der General im Ton milden Vorwurfs, »gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich Ihr Verhalten gegen mich und meine Familie . . . mit einem Wort, ich finde es sonderbar, im höchsten Grade sonderbar, daß Sie . . . mit einem Wort . . .«

»Eh! ce n'est pas ça«, unterbrach ihn de Grieux ärgerlich und geringschätzig; es war klar, daß er hier das Kommando führte. »Mon cher monsieur, notre cher général« (aber ich will seine Worte auf russisch wiedergeben) »hat sich im Ton vergriffen; aber er wollte Ihnen sagen . . . daß heißt Sie davor warnen oder, richtiger gesagt, Sie inständig bitten, ihn nicht zugrunde zu richten – nun ja, ihn nicht zugrunde zu richten! Ich bediene mich absichtlich dieses Ausdrucks . . .«

»Aber wodurch tue ich denn das? Wodurch?« unterbrach ich ihn.

»Ich bitte Sie, Sie haben das Amt eines Mentors (oder wie soll ich mich ausdrücken?) bei dieser alten Dame, cette pauvre terrible vieille, übernommen« (hier geriet de Grieux selbst in Verwirrung); »aber sie wird ja alles verspielen; sie wird alles verspielen bis auf den letzten Groschen! Sie haben selbst gesehen. Sie waren selbst Zeuge, in welcher Art sie spielte! Wenn sie erst einmal ins Verlieren kommt, wird sie aus Hartnäckigkeit und Ingrimm nicht mehr vom Spieltisch weggehen, und wird immerzu spielen und spielen; aber auf die Art bringt man Spielverluste nie wieder ein, und dann . . . dann . . .«

»Und dann«, fiel der General ein, »dann richten Sie die ganze Familie zugrunde! Ich und meine Familie, wir sind ihre Erben; nähere Verwandte als uns hat sie nicht. Ich will Ihnen offen sagen: meine Vermögensverhältnisse sind zerrüttet, völlig zerrüttet. Zum Teil werden Sie das selbst schon gewußt haben . . . Wenn sie nun eine bedeutende Summe verspielt oder vielleicht am Ende gar ihr ganzes Vermögen (mein Gott, mein Gott!), was soll dann aus . . . aus meinen Kindern werden?« (Der General wendete sich nach de Grieux um.) »Und aus mir selbst?« (Er blickte zu Mademoiselle Blanche, die sich aber mit verächtlicher Miene von ihm abwandte.) »Alexej Iwanowitsch, retten Sie uns, retten Sie uns!«

»Aber wodurch denn? Sagen Sie selbst, General, wodurch kann ich denn . . . Was habe ich denn dabei zu sagen?«

»Weigern Sie sich, ihr weiter beim Spiel behilflich zu sein; machen Sie sich von ihr los . . .!«

»Dann wird sich ein anderer finden!« rief ich.

»Ce n'est pas ça, ce n'est pas ça«, mischte sich wieder de Grieux hinein, »que diable! Nein, machen Sie sich nicht von ihr los; aber versuchen sie wenigstens, ihr Rat zu geben, sie zu überreden, sie zurückzuhalten . . . Kurz gesagt, lassen Sie sie nicht allzuviel verspielen; halten Sie sie auf irgendeine Weise zurück!«

»Aber wie soll ich das anfangen? Vielleicht wäre es das beste, wenn Sie es selbst übernähmen, Monsieur de Grieux«, fügte ich hinzu, mich möglichst naiv stellend.

In diesem Augenblick bemerkte ich, daß Mademoiselle Blanche dem Franzosen einen raschen, funkelnden, fragenden Blick zuwarf. Über dessen eigenes Gesicht huschte ein eigentümlicher Ausdruck, als ob unwillkürlich seine wahre Gesinnung zum Vorschein käme.

»Das ist es ja eben, daß sie mich jetzt nicht an sich herankommen läßt!« rief er, mißmutig den Arm schwenkend. »Ja, wenn . . . dann . . .«

Er blickte Mademoiselle Blanche schnell und bedeutsam an.

»Oh, mon cher monsieur Alexis, soyez si bon!« sagte nun Mademoiselle Blanche selbst, mit einem bezaubernden Lächeln auf mich zutretend, ergriff meine beiden Hände und drückte sie kräftig. Hol's der Teufel! Dieses diabolische Gesicht verstand es, sich in einem Augenblick vollständig zu verändern. Jetzt hatte ich auf einmal ein so inständig bittendes, ein so liebenswürdiges, kindlich lächelndes und sogar schelmisches Gesicht vor mir; und am Ende dieses Satzes zwinkerte sie mir, geheim vor den anderen, in einer ganz spitzbübischen Weise zu: sie legte es darauf an, mich mit einem Schlag zu gewinnen! Und es kam nicht übel heraus, nur allerdings zu derb, gar zu derb.

Nach ihr eilte der General auf mich zu:

»Alexej Iwanowitsch, verzeihen Sie, daß ich zu Ihnen vorhin zuerst nicht in der richtigen Art redete; ich meinte es aber ganz und gar nicht schlimm . . . Ich bitte Sie, ich flehe Sie an, ich verbeuge mich vor Ihnen bis zum Gürtel, wie wir Russen sagen – Sie sind der einzige, der uns retten kann, Sie allein! Ich und Mademoiselle de Cominges bitten Sie inständig – Sie verstehen, Sie verstehen ja wohl?«

So redete er in flehendem Ton und deutete mit den Augen auf Mademoiselle Blanche. Er bot einen überaus kläglichen Anblick.

In diesem Augenblick wurde dreimal leise und respektvoll an die Tür geklopft, und als geöffnet wurde, stand ein Kellner da und einige Schritte hinter ihm Potapytsch. Sie waren von der Tante geschickt und hatten den Auftrag, mich zu suchen und unverzüglich zu ihr zu bringen. »Die gnädige Frau sind schon ärgerlich«, berichtete Potapytsch.

»Aber es ist ja erst halb vier«, sagte ich.

»Die gnädige Frau konnten gar nicht einschlafen, sondern wälzten sich immer umher, standen dann auf einmal auf, verlangten den Rollstuhl und schickten nach Ihnen. Die gnädige Frau sind jetzt schon vor dem Portal . . .«

»Quelle mégère!« rief de Grieux.

In der Tat fand ich die Tante bereits vor dem Portal, außer sich vor Ungeduld darüber, daß ich nicht da war. Sie hatte es nicht bis vier Uhr aushalten können.

»Na, dann schafft mich hin!« rief sie, und wir begaben uns wieder zum Roulett.

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