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Der Sonnenwirt

Hermann Kurz: Der Sonnenwirt - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Sonnenwirt
authorHermann Kurz
year1988
publisherVerlag Das Neue Berlin
addressBerlin
isbn3-360-00157-5
titleDer Sonnenwirt
pages3-396
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Friedrich, der auf den Burschen neugierig geworden war, folgte ihm von weitem nach. Aber erst als sie Ludwigsburg mit seinen vornehmen regelrechten Straßen hinter sich hatten, wagte er, die Gesellschaft des verachteten Zigeuners aufzusuchen. Dieser schien nachlässig vor sich her zu schlendern, und doch hatte Friedrich Mühe, gleichen Schritt zu halten und ihn endlich einzuholen.

»He, wohinaus, Landsmann?« schrie er ihn an.

»Dem Hohenstaufen zu«, antwortete der Zigeuner seitwärts herüber, ohne sich in seinem Gange aufhalten zu lassen.

»Dann haben wir ja schier gar einen Weg«, sagte Friedrich, an seiner Seite gehend. »Der meinige führt nach Ebersbach.«

»Da können wir wenigstens eine Strecke weit zusammenbleiben«, erwiderte der Zigeuner.

Die beiden jungen Burschen gingen nun mit wackeren Schritten durch die Ebene und dann jenseits des Neckars über die Anhöhen hin, welche zwischen diesem und der Rems liegen, und machten nach einer tüchtigen Wanderung bei einem einsamen Wirtshäuschen halt, wo Friedrich seinen Gefährten zu Gaste lud. Eine Flasche vom Saft des Apfels und ein Rettich, der den Sommer überlebt hatte, war alles, was ihm ein paar gesparte Pfennig aufzutischen erlaubten. Die vorgerückte Jahreszeit ließ sich so mild an, daß die beiden Wanderer im Freien auf der verwitterten Bank unter dem alten Apfelbaum ihr Mahl verzehren konnten. Hungrig und durstig griffen sie zu und ließen sich's nach der Weise der Jugend schmecken.

»Wie bist du denn eigentlich«, sagte Friedrich unter dem Einschenken, »in den Gasthof zur Kardätsche geraten? Mit bloßem Vagabundieren hast doch so jung nicht so hoch in die Wolle avancieren können.«

»Nein«, erwiderte der Zigeuner unbefangen, »ich hab krumme Finger gemacht.«

»Pfui«, rief Friedrich. »Stehlen, das ist was Hundsgemeines, heißt das, wenn –«

»Von wegen was seid Ihr hineingekommen?« unterbrach ihn der Zigeuner etwas rasch. »Man wird Euch auch nicht bloß um der Kostbarkeit willen hinter Glas und Rahmen aufgehoben haben.«

»Ich hab einen durchgeprügelt, und das leder-windelweich. Der Heuchler gab dann vor, er könne den Arm nicht mehr gebrauchen. Es war aber erlogen, und so schickten sie mich eben auf ein halb Jahr an das Örtchen, von dem man nicht gern red't.«

Der Zigeuner machte ein unbefriedigtes Gesicht. »Und habt Ihr Euch niemals an fremdem Eigentum vergriffen«, fragte er, »daß Ihr da so auf dem höchsten Gaul sitzen könnt? Seid Ihr niemals einem andern in die Äpfel gegangen oder in die Kirschen? Denn«, setzte er eifrig hinzu, »Stehlen ist Stehlen, das sag ich.«

»Ja, meinem Vater bin ich wohl über die Kirschen gegangen und auch über die Geldlade. Aber das ist was anderes, das geht ja vom eigenen und heißt eben vor der Zeit geerbt. Das ist nicht gestohlen. Stehlen heißt, wenn man fremden Leuten das Ihrige nimmt, und das ist eine Schmählichkeit.«

»Wenn bei uns einer«, versetzte der Zigeuner höhnisch, »seine Eltern bestehlen würde, so könnte seines Bleibens nicht mehr sein; der ärgste Spitzbube würde ihn verachten und anspeien. Bei uns ist es Sitte, daß man die Eltern ehrt und liebt und daß man ihnen eher zubringt, als daß man sie bestiehlt. Dafür lassen sie es aber auch an ihren Kindern nicht fehlen, sie geben ihnen den letzten Bissen vom Munde weg, und deshalb ist es gar nicht möglich, daß so etwas bei uns vorkommt. Ist mir auch eine ganz besondere Lebensart, daß ich einen Fremden schonen soll, der mich nichts angeht, und soll mich dagegen an meinem Vater vergreifen, der mir der Nächste ist in der Welt. Das bring mir ein anderer in den Kopf, mir ist es zu hoch. Kommt mir gerade vor, wie wenn im Krieg einer sich von den Feinden abwenden wollte und auf seine Freunde schießen.«

Friedrich war betroffen. Sein gesunder Verstand sagte ihm, daß etwas Wahres an dieser Ansicht sei, und doch konnte er sie nicht zugeben, da sie den Sitten und Gewohnheiten, unter denen er aufgewachsen, völlig widersprach. Die beiden jungen Leute stritten eifrig und konnten sich lange nicht verständigen. Darin waren sie zwar einer Ansicht, daß auf die »Herrschaft« keine strengen Begriffe von Eigentum anzuwenden, daß die Tiere im Walde, die Fische im Wasser eigentlich Gemeingut seien; aber über den Rest des großen Kapitels von Mein und Dein konnten sie nicht einig werden.

»Stehlen und Stehlen ist zweierlei«, rief Friedrich zuletzt. »Geh du nach Ebersbach und frag von Haus zu Haus, ob die Leut nicht einen Unterschied machen, und die Leut müssen doch auch wissen, was sie tun. Überall gilt's für eine größere Schande, wenn einer einem Fremden was stiehlt, als wenn er's den Eigenen nimmt; denn da bleibt's ja in der Familie.«

»Dann sollte man ihn auch in der Familie abmurxeln«, sagte der hartnäckige Zigeuner, »und jedem davon ein Stück zum Kochen geben, wenn eure Gesetze so schlecht sind, daß sie bloß den einen Diebstahl strafen, den andern aber nicht.«

»Oha«, sagte Friedrich, »umgekehrt ist auch gefahren. Selbiges ist anders. Die Gesetze, die sind so überzwerch wie du, die behaupten auch, Stehlen sei Stehlen. Wie es herauskam, daß ich meinem Vater ein paar hundert Gulden genommen hatte, die er mir nicht gutwillig geben wollte, um in die Fremde zu gehen, da taten sie mich geschwind nach Ludwigsburg zum Wollkardätschen, ob ich gleich erst ein unverständiger vierzehnjähriger Bube war. Damals hab ich auch gelernt, was der Willkomm und Abschied für höfliche Komplimente sind, und hab empfunden, wie es patscht, wenn Haselholz und Hirschleder zusammenkommen.«

Der Zigeuner schlug ein lustiges Gelächter auf. »Aber nicht wahr«, rief er triumphierend, »mit einem solchen Leibschaden noch stundenlang drauflosmarschieren und dann auf einem hölzernen Bänkchen herumrutschen, das könnt auch nicht ein jeder.«

»Nun, nun«, entgegnete Friedrich, »man merkt's dessenungeachtet wohl, wo du dermalen deine schwache Seite hast. Du sitzt ja so windschief da, als wenn das Bänkchen unter dir brennte, die armen Seelen in der Hölle, die auf dem Glufenhäfelein sitzen, können nicht öfter wechseln und nicht possierlicher den Fuß an sich ziehen. Aber das muß man dir lassen: mannlich hast du dich gehalten. Wenn ich nur noch ein paar übrige Kreuzer hätt, so ließ ich dir einen Kirschengeist zum Einreiben kommen.«

»Einreiben! wer wird auch die Gottesgabe so sündlich verschwenden! Den Kirschengeist muß man innerlich brauchen, von innen heraus kuriert er noch einmal so schnell.«

»Das glaub ich dir!« lachte Friedrich. »Überhaupt hab ich schon oft gedacht, ihr Zigeuner müsset ein gutes Fell haben, stich- und kugelfest. Man könnt's, schätz ich wohl, zum Überzug für ein schwaches Gewissen brauchen.«

»Es dient oft auch dazu. Ja, eine gute Haut, die muß der Zigeuner haben, und hartgesotten muß er sein, wenn er solch mühseliges Leben aushalten soll. Frost und Hitze müssen ihm gleichviel gelten. Halbnackt muß er gehen können, wenn ihm der gefrorne Schnee unter den Füßen kracht, und die schwerste Bürde muß ihm wie ein Flaum sein, wenn ihn die Sonne mittags auf die Glieder sticht. Sein Lager ist unter Gottes freiem Himmel, und in böser Nacht hat er's nicht immer so gut, daß er auch nur im Hüterhäuschen unterkriechen kann. Oft hat er nur einen Baum zum Obdach, unter dem schläft er zufrieden, wenn der Sturm durch die Äste fährt und die Blätter schüttelt, daß ihm der kalte Regen auf die Stirne tropft.«

»Herr Gott«, rief Friedrich mit rauher Rührung, »ich kann doch auch was vertragen, aber so ein Leben muß ja den besten Mann umbringen! Mußt du nicht selber sagen, daß es vernünftiger wäre, wenn ihr das Heidenleben aufgäbet, eine christliche Ordnung anfinget und ließet euch mit andern ehrlichen Christenmenschen in Handel und Wandel ein? Wer ein paar tüchtige Arme hat und einen Kopf, der sie regiert, der wird nicht sobald mit leerem Magen ins Bett gehen und nicht im kalten Regen schlafen dürfen.«

»Wir sind so gute Christen wie ihr«, versetzte der junge Zigeuner eifrig, »es mag sich fragen, ob wir nicht besser sind? Aber wie wollten wir denn mit euch leben? Ihr stoßt uns ja aus und wollt keine Gemeinschaft mit uns haben. Wie kann der Zigeuner, dem ihr mit Verachtung die Türe weiset, sein ehrlich Brot bei euch verdienen? Ich bin aus einer Familie, die schon seit zweihundert Jahren hier im Württembergischen, dann im Deutschherrischen drunten und in den beiden Markgrafschaften am Rheine drüben hin und wieder zieht. Nun fehlt es uns zwar dort nicht an Bekanntschaften, aber ich möchte doch auch in all diesen Landen einen einzigen Menschen sehen, wenn unsereiner zum Beispiel käme und ihm sagte: ›Ich will ein ander Leben führen und ein ordentliches Wesen anfangen, da bin ich, nimm mich auf, teile dein Haus und dein Brot mit mir, so viel, als dir meine Dienste wert sein mögen‹ – den Menschen möcht ich sehen, der darauf sagen würde: ›Tritt ein und bleibe bei mir.‹ Auch unter den Unsrigen möcht ich den Menschen sehen, dem es im Schlaf einfallen könnte, eine solche Bitte zu tun. Denn jeder weiß die Antwort im voraus und weiß, wie man beiderseits voneinander denkt. Das ist jetzt eben einmal von Anbeginn so und wird auch nicht mehr anders werden. Man tät's wohlfeiler nehmen, wenn man's haben könnte. Ein paar fette Kapitälchen verzinsen, essen und trinken, was gut schmeckt, mit vier Schweißfuchsen fahren – meint Ihr, der Zigeuner habe zu einem solchen gemächlichen Leben nicht soviel Genie als irgend jemand in der Christenheit?«

»Mir zweifelt's gar nicht!« lachte Friedrich. »Aber jetzt kann ich auch auf einmal begreifen, warum du es für so schandhaft hältst, wenn von euch einer seinem eigenen Vater etwas nehmen würde, und an diesem Beispiel wird mir's klar, daß du eigentlich Ehr im Leibe hast. Denn die Moral ist bei euch im Grund die nämliche wie bei uns, nur daß sie natürlicherweise umgekehrt ist.«

Mit diesen Worten, die zwar keine klare Anschauung des Standpunkts, aber doch eine gewisse Ahnung desselben verrieten, suchte er die schwebende Streitfrage zu lösen. »Aber es wird spät«, fuhr er fort, »und wenn wir die Buttell auch auswinden wie ein Leintuch in der Wäsche, so pressen wir doch keinen Tropfen mehr raus. Weißt was? Komm du mit mir über Ebersbach, ich will dir einen heidenmäßigen Kirschengeist einschenken zur inwendigen Kur. Ob du links am Staufen vorbeigehst oder rechts, das ist gehopft wie gesprungen.«

»Ja, es ist am End ein Ding«, entschied sich der Zigeuner, »und auf eine Stunde soll mir's nicht ankommen.«

Die beiden jungen Burschen erhoben sich und stiegen die gelinden Anhöhen hinab, an deren Fuße das Filstal sich gegen den Neckar öffnet. Wohlgemut schlenderten sie die Straße an dem Flüßchen aufwärts; der Zigeuner pfiff gellende Weisen, Friedrich aber schwieg still, und unter seiner breiten Stirne schien ein mächtiger Gedanke zu arbeiten. Die Worte des Waisenpfarrers gingen ihm im Sinne herum; das Vertrauen des ehrwürdigen alten Mannes hatte ihn stolz gemacht, und es war ihm zumute, als ob er gar nichts nötig hätte als ein bißchen guten Willen, um ein großes Werk zustande zu bringen.

Sie waren wohl eine gute Stunde so zugeschritten, ohne ein Wort miteinander zu reden, als Friedrich auf einmal stehenblieb und seinen Gefährten kräftig am Arme faßte. »Und ich sag dir«, rief er, »du bleibst bei mir! Ich will dir zeigen, daß ich auch ein guter Christ bin. Wenn ich dein armes, verstoßenes Volk in das Erbe einsetzen könnte, das von Gott und Rechts wegen einem so gut gehört wie dem andern – mit einem Schlag wollt ich das tun. Nun kann ich aber weiter nichts, als an einem einzelnen, der mir unter die Hände kommt, ein christlich Werk verrichten. Du gehst mit mir, da ist keine Widerrede, die Sonne von Ebersbach hat Raum für viele! Da wird sich schon ein Plätzlein für dich finden im Haus und ein Stuhl am Tisch und ein Brocken in der Schüssel. Zu tun gibt's auch immer etwas, du dienst meinem Vater als Knecht, wie ich, und sollst es nicht schlechter haben als ich. An Frost und Schneepatschen, an Last und Hitze wird's zwar nicht fehlen, je nachdem die Jahreszeit ist; aber das Schlafen im kalten Regen und alles andere, was dazugehört, das soll und muß ein Ende haben. Komm her, schlag ein.«

Der andere hatte ihn anfangs mit seinem scheelen Auge verwundert angesehen; die Zuversichtlichkeit seiner Rede schien aber jedes Bedenken bei dem Zigeuner verwischt zu haben, und er tat, wie ihn sein Gefährte hieß. Friedrich erwiderte seinen Handschlag mit einem noch kräftigeren, und zufrieden, wie wenn sie einen guten Markthandel abgeschlossen hätten, setzten sie ihren Weg miteinander fort. Der Tag begann sich eben zu zeigen, da breitete sich das Ziel ihrer Reise vor ihnen aus: ein beträchtlicher Flecken, in angenehmer Talweite zwischen den Anhöhen wohlgelegen, freundlich und heimatlich.

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