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Der Sonnenwirt

Hermann Kurz: Der Sonnenwirt - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Sonnenwirt
authorHermann Kurz
year1988
publisherVerlag Das Neue Berlin
addressBerlin
isbn3-360-00157-5
titleDer Sonnenwirt
pages3-396
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Achtes Kapitel

Friedrich hatte traurige Feiertage, obgleich es ihm äußerlich gar nicht übel ging. Sein Vater bedachte ihn am Weihnachtsabend mit einem stattlichen Geldgeschenk, zum sichern Zeichen, daß alles wieder im alten Geleise sei. Er war nie so reich gewesen, aber gerade dies machte ihn unglücklich, denn das Geld erinnerte ihn nur daran, daß er es jetzt nicht mehr zu dem Zwecke brauchen konnte, zu welchem allein es ihm früher erwünscht gewesen wäre, nämlich ,Christinen seine Liebe durch Geschenke zu beweisen.

Er würde sich wohl schnell über die Gesinnung des Mädchens beruhigt haben, wenn er ein Gespräch angehört hätte, das eines Abends zwischen ihr und ihrer Mutter stattfand, während er eben auf dem Wege von Hohenstaufen her, wohin sein Vater ihn geschickt hatte, auf das Haus zugeschritten kam.

»Jetzt hab ich aber die stillen Seufzer überlei«, sagte die Mutter. »Du bist selber schuldig, greifst dein Sach ganz verkehrt an.«

»Mutter, habt Ihr nicht gesagt –?«

»Weiß wohl, was du meinst, aber man muß alles mit einer Art tun, nicht oben naus und nirgends nein. Wenn eine arm ist wie du, so soll sie nicht die hochmütig Jungfer machen, sondern die kluge im Evangelium, die ihre Lampe mit Öl füllt und dem Bräutigam entgegengeht. Sie muß sich runtergeben können und muß sich etwas gefallen lasen, aber freilich mit Maß. Zu lützel und zu viel – verderbt allzu das Spiel. Narr, ich hab deinen Vater am Schnürle geführt, er hat mir nicht weiter gucken dürfen, als ich ihm verstattet hab. Aber du bist eben so ein Zimpferle, weißt dich nicht umzutun, meinst, die gebratenen Tauben müssen dir ins Maul fliegen.«

»Was soll ich denn tun?« fragte Christine.

»Tu, was du willst«, sagte die Mutter zornig, »steck mein'twegen der Katz das Heu auf, dumm genug wärst dazu, nur geh, daß ich das Geseufz und Geheul nicht länger hören muß.«

Christine verließ die Stube und trat schauernd vor das Haus in die Nacht hinaus, wo sie im gleichen Augenblick zu ihrem freudigen Schrecken beim Schein der Sterne, die in der Kälte hell funkelten, den Gegenstand der Unterredung und ihres Kummers auf sich zukommen sah. Sie glaubte, es sei seine Absicht, in ihrer Nähe umherzustreichen und zu spähen, und eine frohe Hoffnung zog in ihr Herz ein. Wie er aber näher kam, so schien es, als ob ihn bloß der Zufall diesen Weg führe, denn er sah sich nicht einmal um. Sie rief ihm einen Gruß zu und fragte, eingedenk der Lehre, die ihr soeben die Mutter gegeben: »Willst nicht auch einmal wieder nach deinem Lamm sehen?« – Da der Schatz, wie sie ihm erlaubt hatte, sich zu nennen, keine Antwort gab, obwohl er unschlüssig stehengeblieben war, so fuhr sie etwas vorschnell fort: »Oder magst's nicht wenigstens holen, wenn du nichts mehr von uns willst?«

Friedrich hörte aus diesen Worten nichts als spöttische Ablehnung heraus. »Es ist schon so gut wie abgestochen!« erwiderte er, indem er den Fuß zum Weitergehen hob.

Dieser starre Trotz verdroß sie, und sie rief ihm nun mit nicht sehr glücklichem Spotte nach: »Da wird man dem Herrn wenigstens das Fell herausgeben müssen und die Wolle.«

Sein Blut kochte, denn er glaubte eine Anspielung zu vernehmen, an die das Mädchen entfernt nicht dachte. Von der Wolle hörte er nun einmal gar nicht gerne reden. »Das Fell behalt Sie, Jungfer«, sagte er, »und die Wolle kann Sie an die vielen Dörner stecken, an denen Sie letzt hangenblieben ist.« Damit ging er fort. Sie lehnte sich an den Türpfosten und blieb noch lange, bitterlich weinend und vor Kälte zitternd, stehen, bis die Tritte ihres Vaters und ihrer Brüder, die von einem Geschäft nach Hause kamen, sie vertrieben.

Mit den beiden letzteren setzte Friedrich den gewohnten Umgang fort. Wie aber zwischen ihm und ihnen von der Herzensangelegenheit nie gesprochen worden war und selbst die Verabredungen, wonach sie ihre Schwester da oder dorthin bringen sollten, immer in gleichgültiger Form gemacht worden waren, so wurde auch der Störung des Verhältnisses nicht erwähnt. Nur einmal sagte Friedrich mit deutlicher Beziehung: »Ich merk's eben wohl, man vergißt mir meine Strafen nicht, man sieht mich für gezeichnet an.« Worauf jene ruhig antworteten: »Wird doch das nicht sein.«

Unmut und Unruhe trieben ihn umher, und auch in ruhigeren Stunden, wenn dann und wann der Schmerz der vermeintlich verschmähten Liebe ihn zu quälen abließ, empfand er eine drückende Leere, und das Leben kam ihm schrecklich arm und öde vor. Er fühlte es, ohne es klar zu erkennen, daß die Menschen um ihn her wie Schatten waren, daß keiner ihm etwas sein konnte, daß niemand in seiner Umgebung seinem schweifenden Gemüt und seinem hungernden Geist eine Heimat und Erquickung zu geben vermochte.

So ging das Jahr zu Ende. Versonnen saß Friedrich am Fenster, blätterte in der Bibel, las von den ritterlichen Taten der Makkabäer, die Freiheit und Gesetz ihres Landes verteidigten. Eben las er, wie sie beschlossen, sich durch Heiligung des Sabbaths nicht vom Kampfe abhalten zu lassen, gleich ihren Brüdern, die sich wehrlos in der Höhle schlachten ließen, da ertönte in der Straße die Schelle des Ausrufers, und er öffnete das Fenster, um zu hören, was es gäbe. Das löbliche Amt ließ durch den Fleckenschützen ausschellen, die jungen Burschen sollen sich bei Strafe nicht beigehen lassen, in der kommenden Neujahrsnacht zu schießen; ein Verbot, das jährlich eingeschärft und übertreten wurde. »Die können nichts als verbieten!« brummte Friedrich, indem er das Fenster zuschlug, »das Schießen ist nun einmal ein alter Brauch, wiewohl, wenn man's dem Ungeschick überließ, die Jugend durch Verlust von je und je ein paar gesunden Fingern zu kurieren, was ja sowieso geschieht, so wär's wahrscheinlich längst mit dem Knallen vorbei. Aber der Reiz des Verbotenen zieht eben viel stärker als die Furcht vor Schaden. Es ist mir, als ob der Schütz beim Ausrufen ein Aug zu mir hätt herauflaufen lassen. Umsonst hat er wohl auch nicht grad vor meinem Haus geschellt. So? Meint ihr? Dein Amtmann und du, ihr habt, scheint's, ein besonderes Zutrauen zu mir? Ich will euch Ehre machen. Wartet einmal, ob ihr mich kriegt.«

Er dachte nicht daran, wie oft er zu sich gesagt, daß er die Knabenschuhe vertreten habe, sondern schlich sich, als es dunkel wurde, zu einem Invaliden, der nicht weit von der »Sonne« auf Leibgeding wohnte und dem er schon manchen Bissen und Trunk gespendet hatte. Von diesem entlehnte er ein altes Schlachtgewehr, das schlecht schoß, aber um so mächtiger knallte, und bald unterschied man aus den Schüssen, die im Flecken und um denselben losgingen, einen, der alle anderen überdonnerte.

Zwischen diesem Geknatter jugendlichen Übermutes ging Friedrich einmal in die »Sonne«, um nachzusehen, ob man seiner nicht bei der Bedienung der Gäste bedürfe. Die Einkehr war diesen Abend nicht so stark wie sonst, weil sich die Neujahrsnachtgäste in die vielen Wirtshäuser des Fleckens verteilten und weil man wußte, daß der Sonnenwirt auf eine zeitige Ruhe mehr hielt als auf eine lange Silvesterfeier. Derselbe war jedoch heute ungewöhnlich aufgeräumt, er trank, schwatzte, lachte und kneipte abwechselnd ein paar junge Weiber, die mit ihren Männern zum Weine gekommen, in die Backen, so daß einer der Anwesenden dem Wirtssohne zuflüsterte: »Du, dein Gestrenger hat'n Sturm.« »Da braucht's keine Brille, um das zu sehen«, erwiderte Friedrich. Die Sonnenwirtin, die vor den Leuten gute Miene zum bösen Spiele machen mußte, suchte ihrem Manne sein Betragen, womit er vielleicht bloß den umlaufenden Gerüchten zu trotzen beabsichtigte, durch Spottreden zu verleiden: »Du bist so alt«, sagte sie, »daß die Männer da nicht einmal mehr eifersüchtig auf dich werden.« – »Es ist auch ziemlich lang her«, entgegnete der Sonnenwirt lachend, »daß du ein junger Drach gewesen bist, und euer Gift ist doch nur süß, solang die Drachen jung sind. Ich weiß nicht«, setzte er, gegen die Gesellschaft gewendet, hinzu, »meine Alte ist das Leben ziemlich gewohnt, sie ist verhärtet, aber wenn sie unser Herrgott oben hielt und ich an den Füßen, ich glaub, ich ließ schnappen und nähm mir eine Junge.« – »Ich wollt auch«, rief die Sonnenwirtin, »unser Herrgott nähm eins von uns beiden zu sich, dann ging ich wieder nach Strümpfelbach.«Das Gelächter, womit diese Reden aufgenommen wurden, bezeugte, daß an und für sich nichts Feindseliges damit gesagt sein sollte, wie man denn auch wußte, daß die Sonnenwirtin nicht von Strümpfelbach gebürtig war: es waren uralte, landläufige Witze, die man im Scherze von den verträglichsten Ehepaaren hören konnte. Hier aber war ihnen doch geheime Galle beigemischt, und Friedrich nahm wahr, daß sich zwischen dem Vater und der Stiefmutter eine Kluft zu öffnen begann. »Jetzt wär's gut Wetter für mich«, dachte er unwillkürlich, »Jetzt würd ich vielleicht meine Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Der Fehler ist nur, daß ich gar keine zu machen habe. Die Hauptnummer, die Glücksnummer will nicht her, die mit den gelben Zöpfen und dem versteckten, trotzigen Herzen; was helfen mir alle Anschläge ohne sie? Drauf! Drein! Schlag an! Feuer! Drunter und drüber!«

Und abermals krachten die schweren Schüsse, in welchen der törichte Knabe seinen Unmut und sein Pulver verschoß.

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