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Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Friedrich Kapp: Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika - Kapitel 10
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authorFriedrich Kapp
titleDer Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
publisherVerlag Lothar Borowsky
correctorJosef Muehlgassner
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Achtes Kapitel

Mangel an Rekruten.
Verrat des Herzogs von Braunschweig an seinen Truppen.
Friedrichs des Großen Politik gegenüber England und den Soldatenlieferanten sowie die Folgen davon

Die in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Verkäufe und Verschiffungen deutscher Soldaten reichen bis zum Frühjahr 1777. Die Zusätze zu den bereits ausführlich besprochenen Verträgen sind im wesentlichen eine Wiederholung der ursprünglichen Bestimmungen; sie beziehen sich nur auf Lieferungen von Rekruten, Jägern und Artilleristen und erfordern darum auch kein näheres Eingehen auf ihren Inhalt.

Was nun insbesondere die Rekrutenlieferungen betrifft, so beweisen sie, daß das Geschäft nicht bloß in Kassel, sondern auch bei den übrigen fünf beteiligten Fürsten eigentlich nur ein Jahr lang in der Blüte stand und daß bereits Anfang 1777 der Markt weniger ergiebig war. Schon jetzt wird es sämtlichen Lieferanten schwer, ihre Verbindlichkeiten zur festgesetzten Zeit zu erfüllen; schon jetzt müssen sie an allen Ecken und Enden ihre Ware zusammenstehlen und das so gestohlene zweibeinige Gut mit großen Kosten und außerordentlicher Vorsicht bewachen lassen. Die Schilderungen, die wir in den Berichten Faucitts und Rainsfords über ihre Rekruteninspektionen finden, würden komisch und erheiternd sein, wenn die Ruchlosigkeit, mit der die armen Teufel auf die Schlachtbank geliefert wurden, für unser Volk nicht gar zu beschämend wäre.

»Am 21. d. M.«, meldet Faucitt am 24. März 1777 aus Bremerlehe an Suffolk, S. P. O. German States, Vol. 107, Nr. 21. »habe ich die 250 Braunschweiger Rekruten in Stade besichtigt und eingeschifft. Der Herzog hatte es für nötig erachtet, sie durch eine starke Infanterieabteilung von einem Hauptmann, zwei Leutnants, vierzehn Unteroffizieren und vierundachtzig Gemeinen zum Hafen transportieren zu lassen. Ich habe 36 der Rekruten wegen Körperschwäche, Alter und Einäugigkeit und sonstiger Gebrechen verworfen; es sind also nur 214 Mann übriggeblieben. Ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben einen solchen Haufen schlechtaussehender Kerle zusammen gesehen zu haben. Kaum diejenigen, die ich passierte, waren diensttüchtig. Die Gräben und die Stadt sind gefroren, es ist also große Gefahr der Desertion vorhanden. Noch größer wird diese Gefahr in Bremerlehe sein, wo die hessischen und waldeckischen Rekruten jeden Augenblick ankommen müssen und wo ich nicht das geringste Zwangsmittel gegen sie habe.«

Nicht viel günstiger als Faucitt über die braunschweigischen spricht sich Rainsford über die von Rheinfels gekommenen hessischen Rekruten aus. »Sie sind«, schreibt er am 28. März 1777 aus s-Gravendeel an Suffolk, S. P. O. German States, Vol. 107, Nr. 9. »äußerst ungleich; viele sehr alt, viele bloße Jungen und andere wieder durchaus unbrauchbar. Es befinden sich fünf bis sechs Einäugige darunter. Wir dürfen aber nicht zu wählerisch sein, weil es so schwer ist, Leute zu bekommen. Ich wies deshalb keinen zurück, bezeichnete aber die Anstößigsten auf der beifolgenden Liste. Die Jäger dagegen sind gut und äußerst brauchbar für den Dienst.« Die Zahl der Rekruten belief sich auf 400; zu ihrer Bewachung wurden ein Offizier, sechs Unteroffiziere und fünfzig Gemeine mitgeschickt.

Auch die Waldecker Rekruten waren nicht viel besser, namentlich zu klein und zu jung. Da der Fürst von Waldeck keine Festung hatte, in der er sie bis zu ihrem Ausmarsch sichern konnte, und da er, laut Bericht seines Ministers Zerbst an den englischen Kommissär, schon viele durch Desertion verloren hatte, so verschaffte ihm dieser die Erlaubnis vom hannöverschen General Hardenberg, sie bis zur Einschiffung in dem damals befestigten Hameln unterzubringen – eine Gunst, die, wie Faucitt schreibt, den Fürsten ganz erleichterte und glücklich machte.

Am empörendsten von allen deutschen Fürsten handelte übrigens der Herzog von Braunschweig, als er die englische Regierung flehentlich bat, seine in Gefangenschaft geratenen Truppen, wenn sie überhaupt ausgewechselt werden sollten, ja nicht in die Heimat zurückkehren zu lassen, damit ihm, dem besorgten Landesvater, das Rekrutierungsgeschäft nicht verdorben werde. Es befanden sich bekanntlich etwa 2000 braunschweigische unter dem braven Riedesel stehende Soldaten bei Bourgogne, als sich dieser leichtfertige und unbedeutende General am 17. Oktober 1777 bei Saratoga dem amerikanischen General Gates ergeben mußte. In dem zwischen diesem und Bourgogne abgeschlossenen Vertrag der Übergabe war bestimmt worden, daß die Truppen baldmöglichst in Boston nach England eingeschifft oder ausgewechselt werden sollten. Gates' Zusicherung wurde jedoch später vom Kongreß nicht genehmigt; infolgedessen blieben die deutschen Gefangenen unter größten Entbehrungen zuerst im Winter auf dem Winterhill bei Boston und wurden später nach Charlotte in Virginia interniert, aber erst Ende 1782 nach mehr als fünfjähriger Gefangenschaft ausgewechselt.

Man hat vielfach den Grund für diese schlechtere Behandlung der Braunschweiger in der englischen Engherzigkeit und Parteilichkeit gesucht. Man tut aber den Engländern Unrecht, denn der eigene Landesherr war es, der seine Untertanen benachteiligte. Als das erste Gerücht von der Gefangennahme bei Saratoga und der baldigen Rückkehr der englischen Truppen – also auch der Braunschweiger – nach Deutschland drang, schrieb nämlich der Minister Feronce am 23. Dezember 1777 an Faucitt: Siehe Anhang XXV.

»Wenn man uns hilft, wie man kann und soll, so werden wir unsere Truppen bald wieder auf den erforderlichen Etat bringen. Soll es geschehen – und darin werden Sie, General, mit mir übereinstimmen –, so dürfen wir unter keiner Bedingung die armen Teufel von Kapitulanten nach Deutschland zurückkehren lassen. Sie werden natürlich mißvergnügt sein, und ihre Übertreibungen werden ebenso natürlich von jeder weiteren Beteiligung an Ihrem amerikanischen Krieg abschrecken. Sie lassen sie besser, wenn sie denn einmal ausgewechselt werden sollen, auf eine Ihrer amerikanischen Inseln oder selbst z. B. auf die Insel Wight schaffen, denn dadurch haben Sie weniger Kosten und verlieren weniger Zeit. Ich bitte Sie also, bester General, über das, was ich Ihnen hier sage, nachzudenken und, wenn Sie sich ebenso dafür interessieren wie wir, meine Ansicht auch Mylord Suffolk zu unterbreiten, der zu viel Einsicht hat, als daß er eine derartige Maßnahme in dieser uns ganz gemeinsamen Sache nicht dem Interesse und Dienst des Königs für entsprechend hielte.«

Als wenn aber Faucitt nicht zuverlässig genug gewesen wäre, schrieb Feronce zwei Monate später, am 23. Februar 1778, noch direkt an Suffolk. »Der Herzog«, sagte er in seinem Brief, »ist zu sehr vom Wohlwollen des Königs und der Klugheit seines Ministeriums überzeugt, als daß er voraussetzte, daß man je daran denken wird, die deutschen Truppen, die bei Saratoga kapituliert haben, nach Deutschland zu schicken, denn ihre Rücksendung würde in ihrem gegenwärtigen zerrütteten Zustand die traurigsten Wirkungen hervorrufen und die schmerzlichste Sensation erregen, uns aber hindern, unsere drei Regimenter in Kanada à 600 Mann zu komplettieren.«

Natürlich wußten die armen in Amerika gefangengehaltenen Braunschweiger nichts von dieser freundlichen Fürsorge ihres Serenissimus, denn sonst würden sie sich wohl nicht so oft über Zurücksetzung hinter die Engländer beschwert oder ihrem Fürsten selbst unter den härtesten Entbehrungen die unverbrüchlichste Treue bewahrt haben. Es ist ein rührendes Bild, wie die mitgefangene deutsche Generalsfrau die Fahnen, um sie zu retten und unverletzt nach Hause zu bringen, bei Nacht in ihre Betten einnäht und wie ein – wenn auch mißverstandenes – Ehr- und Pflichtgefühl die Unglücklichen selbst in der Gefangenschaft zusammenhält; aber es ist eine jeder Charakteristik spottende, selbst in jener Zeit einzig dastehende Infamie, wie der herzlose Braunschweiger Herzog dieselben Soldaten, die ihre Haut für ihn zu Markte trugen und ihn dadurch vor dem Bankrott retteten, jetzt im unverdienten Unglück nicht wiedersehen will, weil sie ihm das Geschäft verderben könnten. Also nicht genug, daß die eigenen Landeskinder verkauft sind; jetzt, nachdem es geschehen ist, dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen, damit ihrer noch mehr verkauft werden können. Und der Braunschweiger Herzog war noch lange nicht der schlimmste unter seinen fürstlichen Zeitgenossen – er galt im Gegenteil als aufgeklärt, liberal und leutselig.

Wie stolz und ehrfurchtgebietend steht diesen kleinen Fürsten der große König von Preußen gegenüber! Friedrich ist fast der einzige deutsche Regent jener Zeit, der, weil er seine persönliche Verantwortlichkeit vor der Welt fühlt, auch persönliche Würde hat; der einzige Regent, der mit klarem Auge große politische Ziele verfolgt und der sich mit wahrhaft erhabener Vorurteilslosigkeit nicht scheut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Man kannte außer beim König kaum eine selbständige Politik mehr in Deutschland; die meisten kleinen deutschen Staaten fristeten ihre klägliche Existenz nur durch geschmeidiges Anklammern an fremde Interessen. Deshalb sind der souveräne Hohn und die kalte Verachtung, die er England und seine Lieferanten überall fühlen läßt, doppelt wohltuend.

Friedrichs Verhältnis zum Soldatenhandel ist vielfach entstellt und übertrieben worden; führen wir es deshalb auf den richtigen Tatbestand zurück: Sowohl der König wie der deutsche Kaiser hatten ein naheliegendes politisches Interesse an den Truppenlieferungen. Einmal verstießen diese gegen die Reichsgesetze, deren Hüter der Kaiser sein sollte; dann aber raubten sie ihm sowie dem König von Preußen bei dem damaligen Werbesystem einen großen Teil der Mittel zur Füllung ihrer eigenen Regimenter, wenn der amerikanische Krieg noch unbestimmte Zeit fortdauerte.

Solange die ersten Verhandlungen schwebten, erwartete man höchstens einige tausend Mann als ihr Ergebnis, denn niemand hatte geglaubt, daß die kleineren Fürsten kaum dreizehn Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg instande sein würden, innerhalb weniger Monate nahe an 20 000 Mann zu liefern. Gleichwohl wurden der Verschiffung der Hauptkorps nicht die mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Erst mit den Sendungen des Jahres 1777 begann sich, wie wir im siebenten Kapitel gesehen haben, auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten unter den rheinischen Fürsten eine vorläufig noch in kleinen Schikanen auftretende Feindseligkeit gegen die Truppenlieferanten zu entwickeln, die gleichwohl diesen und England die ernstlichsten Sorgen einflößte, weil sie für die Folge das Geschäft bedeutend verzögern und dadurch beeinträchtigen konnte. Schlimmstenfalls war aber mit den geistlichen und den Pfälzer Kurfürsten durch diplomatische Vorstellungen und Drohungen, Geschenke, Barzahlungen und sonstige Aufmerksamkeiten an ihren Höfen schon fertigzuwerden. Auch des Kaisers Befehle waren zu umgehen und fielen mehr durch ihr moralisches Gewicht als durch ihre praktische Tragweite in die Waagschale.

Bereits im Oktober 1777 hatte der Wiener Hof allen seinen Gesandten bei den verschiedenen deutschen Fürsten Auftrag gegeben, die Truppenlieferungen an England so gut wie möglich zu verhindern, da sie das Reich entvölkerten und sonstige schlechte Folgen nach sich zögen. »Die Wahrheit ist«, schreibt Cressener am 17. November 1777 aus Bonn an Suffolk, S. P. O. German Princes, Vol. 78, Nr. 41. »daß die österreichischen Werbeoffiziere große Schwierigkeiten beim Rekrutieren fanden, daß die Rekruten den Dienst in Amerika vorzogen und daß selbst die kaiserlichen Regimenter infolgedessen mehr ab gewöhnlich durch Deserteure verloren. Ähnliche Beschwerden brachten die preußischen Werbeoffiziere vor. Namentlich klagten sie darüber, daß seit dem amerikanischen Krieg ihre Rekruten nur noch selten das erforderliche Maß hätten, also bloß Ausschuß wären.«

Ein zur selben Zeit den Direktoren des Westfälischen Kreises vom Kaiser gemachter Vorschlag, innerhalb ihres ganz Westfalen und Niedersachsen umfassenden Gebietes die Truppenaushebungen für England zu verhindern, scheiterte gleichwohl mit am Widerspruch des preußischen Residenten Emminghaus, da der König sich dem Kaiser nicht unterordnen wollte und er selbst möglicherweise unter den Konsequenzen des Verbots zu leiden gehabt haben würde. Übrigens kümmerte sich England in der Folge gar nicht um den Widerspruch von Kaiser und Reich, und diese ließen es auch ruhig gewähren.

Anders dagegen bei Friedrich, der seiner Politik bei Freund und Feind Respekt zu verschaffen wußte. Sein Verhältnis zu England war seit dem Jahre 1761, wo er so schmählich durch Bute im Stich gelassen wurde, sehr lau gewesen und seit der ersten Teilung Polens, wo es seinen Ansprüchen auf Danzig mit entschiedenem Erfolg entgegengetreten war, sogar erbittert geworden. Äußerlich höflich, verachtete Friedrich die damals England beherrschende Aristokratie und sprach sich bei jeder Gelegenheit mit äußerster Geringschätzung gegen sie aus, diese Menschen, bei denen die Liebe zum Geld und der persönliche Vorteil den Sieg über das öffentliche Wohl davontrage. »Dieser Engländer«, hatte er früher einmal von Bute gesagt, »glaubt, er könne mit Geld alles erreichen.« Jetzt war die Gelegenheit gekommen, England empfindlich zu kränken, ohne ihm gerade feindlich gegenüberzutreten – und Friedrich ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Andererseits fürchtete er aber, daß die bedeutenden Truppenlieferungen nach Amerika ihn in seinem eigenen Bedarf kürzen würden, und das zu einer Zeit, wo der drohende Tod des Kurfürsten Maximilian Josef den bei den österreichischen Ansprüchen unvermeidlichen Krieg wegen der bayrischen Erbschaft zum Ausbruch bringen konnte.

»Der König von England«, sagt Friedrich in seinem Anhang zu den »Memoiren seit dem Frieden von Hubertsburg bis zum Ende der Teilung Polens« Siehe »Memoires«, bei Brockhaus, Leipzig 1830, IV, 328 ff., »unterhandelte mit allen Höfen Deutschlands, um die wenigen Leute daraus zu ziehen, die es noch zu liefern vermochte. Deutschland spürte schon die Nachwehen der zahlreichen Menschenlieferungen, die in fremde Weltteile geschickt waren, und der König von Preußen sah mit Sorge, daß im Falle eines neuen Krieges das Reich seiner Verteidiger beraubt sein würde, denn im Jahre 1756 hatten Niedersachsen und Westfalen allein eine Armee auf die Beine gebracht, mit der man die Fortschritte des französischen Heeres aufhalten und vereiteln konnte. Aus diesem Grunde schikanierte er die Truppen der mit England verbündeten deutschen Fürsten, sobald sie Magdeburg, Minden und das Gebiet am Niederrhein, passieren mußten. Es war das eine schwache Rache für das schlechte Verhalten, das der Hof von London ihm gegenüber hinsichtlich der Stadt und des Hafens von Danzig an den Tag gelegt hatte. Der König wollte übrigens die Dinge nicht zu weit treiben, denn eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man immer eine Menge Feinde findet, ohne daß man sie sich aus Übermut auf den Hals zu laden braucht.«

Wenn man sich die damalige deutsche Politik des Königs vergegenwärtigt, so wird man finden, daß er erst dann, als der Krieg mit dem Kaiser gewiß geworden war, ernstliche Maßnahmen gegen England und seine Lieferanten ergriff. Friedrich hat in den obigen Worten ihnen gegenüber ganz genau seinen Standpunkt bezeichnet. Wir werden später sehen, daß jede seiner Handlungen damit übereinstimmt; gleichwohl haben selbst angesehene deutsche Geschichtsschreiber, wie z. B. Schlosser – von den Amerikanern nicht zu reden –, seine Motive und Akte in dieser Beziehung gröblich entstellt. Diese tendenziöse Auffassung der Opposition Friedrichs verrät besonders amerikanischerseits einen ebenso großen Mangel an Einsicht in die Politik jener Zeit als in den Charakter des Königs. Ein Fürst, der, um seine Zwecke zu erreichen, ohne alle Bedenken Hunderttausende von Menschenleben opfert; ein Feldherr, der sich wundert, daß »die Hunde von Grenadiere ewig leben wollen«, wenn sie sich nicht gleich in den Rachen von hundert Tod und Verderben speienden Geschützen stürzen – ein solcher Mann wird, ohne das moralische Ungeheuer zu sein, als das ihn höchst oberflächlicherweise Macaulay karikiert, nie wie ein junger sentimentaler Lyriker für die Sache unterdrückter Untertanen in die Schranken treten und am allerwenigsten ihnen zuliebe seinesgleichen den Krieg erklären. Nichts ist deshalb ungerechtfertigter als die Annahme, daß Friedrich aus Sympathie für die amerikanischen Rebellen dem Landgrafen von Hessen und seinen Kollegen feindselig gegenübergetreten sei.

Um hier nur eine der bekanntesten falschen Geschichten hervorzuheben, so ist es zum Beispiel eine zuerst von Kortüm »Geschichte der nordamerikanischen Revolution«, Zürich 1829, S. 148. Franklin nacherzählte und später von Schlosser wiederholte Anekdote, daß die hessischen Soldaten auf Befehl des Königs bei Minden den Viehzoll hätten entrichten müssen, weil sie ja wie Vieh verkauft worden seien. Franklin schreibt, datiert Paris, 1. Mai 1777, an John Winthrop: »The king of Prussia's humour of obliging those princes to pay him die same toll per head for the men they drive through his dominions as used to be paid him for their cattle, because they were sold as such is generally spoken of with approbation as a just reproof of those tyrants« (Works, VIII, 215). Was hier als Tatsache erzählt wird, ist nichts als eine jener zahllosen tendenziösen Anekdoten, die zu jener Zeit in Holland oder den Pariser Salons fabriziert wurden; Franklin glaubte sie vielleicht, weil sie seinen Wünschen entsprach. Schlosser druckt den Passus sogar mit gesperrter Schrift. »Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts«, III, 463.] Nie hat Friedrich eine derartige Maßnahme angeordnet; er beschränkte sich, wie er das selbst ausdrücklich hervorhebt, auf die Schikane und zwang die Mietstruppen, sein Gebiet bei Magdeburg, Minden und Wesel zu umgehen, oder er besteuerte ihr Gepäck. Zudem haben wir es hier nicht mehr mit dem jugendlich-übermütigen König zu tun, der die hallischen »Fafen« zum Theaterbesuch zwang, sondern mit dem gewiegten Politiker, der nur das Interesse seines Staates im Auge hat und jedes Ereignis in diesem Verhältnis auffaßt und benützt. Sodann darf man nicht übersehen, daß die preußische Armee damals auch noch keine Landwehr hatte, sondern fast in derselben rohen Weise wie jede andere durch Werbungen rekrutiert wurde, und daß der König viel zu klug war, um seine eigenen Soldaten einer ähnlichen Behandlung seitens übelgesinnter oder mächtiger Nachbarn auszusetzen.

Eine ähnlich klingende gelegentliche Äußerung findet sich in einem am 18. Juni 1776 an Voltaire geschriebenen Brief Friedrichs, in dem er diesem gegenüber die Ehre ablehnt, der Lehrer des Landgrafen von Hessen gewesen zu sein, der gerade einen Katechismus für Fürsten geschrieben und ihn Voltaire geschickt hatte. »Wäre der Landgraf«, schrieb Friedrich, »aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Untertanen nicht; verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.« Der König nahm allerdings aus Haß gegen England unbedingte Partei für die Amerikaner und gefiel sich sogar dem englischen Gesandten gegenüber darin, deren Erfolge zu übertreiben oder die den englischen Waffen ungünstigen Berichte gehässig zu erläutern oder geschäftig zu verbreiten. Nur von diesem rein persönlichen Gesichtspunkt aus darf man daher seine Stellung in der Subsidienfrage beurteilen.

Gleichwohl aber liegt in Friedrichs Worten und Maßnahmen eine solche geistige Überlegenheit und eine solche souveräne Verachtung der elenden Bereicherungsmittelchen der kleinen Reichsfürsten ausgedrückt, daß man sich den Jubel der Unterdrückten und die Freude der bei dem schmachvollen Handel Unbeteiligten sehr wohl erklären kann. Das Volk liebt es, seinen Helden seine eigenen besten Gedanken unterzuschieben – es macht sie zu Trägern seiner liebsten Wünsche und Hoffnungen. So wurden denn auch allmählich aufgrund von ein paar scharfen Äußerungen, die der amerikanischen Revolution günstig waren und die geizigen und gierigen Fürsten brandmarkten, in Friedrich der Haß und die Verachtung aller denkenden Zeitgenossen gegen die Seelenverkäuferei verkörpert.

Der König von Preußen hatte, wie wir bereits gesehen haben, den bis zum Herbst 1777 durch sein Gebiet fahrenden und nach Amerika bestimmten Truppen so gut wie keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Den ersten Anstoß dagegen nahm er an 300 Ansbacher Jägern und Rekruten, die am 31. Oktober jenes Jahres mit den neuen Uniformen für das erste Regiment in Steft am Main eingeschifft wurden und den Rhein hinunter nach Dordrecht geschafft werden sollten. Als sie am Rheinfels angekommen waren, hatte Friedrich die freie Passage noch nicht erlaubt, und als sie am 12. November nach Bonn gelangten, wurde ihnen dessen ausdrückliches Verbot eröffnet, angeblich weil im vorigen Jahr unter den Rekruten bedeutende Unordnungen vorgekommen seien. Siehe Anhang sub XXVI. Dieses Verbot klang wie Hohn, weil die Truppen damals gar nicht hatten an Land gehen dürfen; allein es fiel wie eine Bombe unter die von ihm betroffenen englischen Agenten und deutschen Fürsten samt ihren Ministern.

Mit Recht schrieb Sir Joseph Yorke, als er diesen merkwürdigen Vorwand hörte, am 15. November 1777 an Rainsford: »Jedermann hat eine zu heilige Scheu vor Seiner Preußischen Majestät und schwebt vor ihr in zu großer Furcht, Leute auf der Passage durch ihr Gebiet zu verlieren, als daß er es wagen würde, dort irgendeine dem König mißfällige Handlung zu begehen.« Rainsford's Journal (Mskpt.), pag. 269.

Expresse und Kuriere wurden jetzt aber schleunigst von einem Hof zum anderen geschickt, Noten gewechselt und Versuche beim preußischen Minister und beim Kommandanten von Wesel gemacht, damit sie ein Auge zudrückten – aber alles war vergebens.

»Bisher«, ruft Faucitt aus, »war der Rhein der ganzen Welt offen, jetzt wird er unerwartet und plötzlich geschlossen. Es ist zu spät, unsere Route zu ändern. In Minden droht dieselbe Unterbrechung. Ich habe sofort nach Berlin, Hanau, Ansbach und Kassel geschrieben und Schlieffen geraten, die Hessen an der Weser das preußische Gebiet umgehen zu lassen.«

In demselben Ton jammerte Cressener: »Zu Lande können die Truppen nicht marschieren; zudem ist es den Rhein entlang unmöglich, das preußische Gebiet nicht zu berühren, und dann werden die Boote mit den Uniformen doch in Wesel angehalten werden.«

»Wenn Ihr Hof«, wehklagt der ansbachische Oberst Schlammersdorf in seinem Brief an Rainsford, datiert Bendorf, 18. November 1777, »keine Mittel findet, den Entschluß des Königs von Preußen zu ändern, so ist alles verloren, so sind wir ruiniert; denn es ist absolut unmöglich, zu Lande zu marschieren.«

Rainsford selbst, der bereits in Nimwegen auf die neue Zufuhr wartete, fand den Verzug um so unangenehmer, als die Transportschiffe schon in Holland eingetroffen waren, das Wetter ganz prachtvoll war und ein paar Tage hingereicht hätten, die Truppen einzuschiffen. Hier war also guter Rat teuer.

Inzwischen waren auch 200-250 hanauische Rekruten und Jäger von Hanau abgefahren und am 14. November am Rheinfels angekommen, wo sie von dem ihrer Weiterreise in den Weg gelegte Hindernis erfuhren und auf eine günstige Antwort aus Berlin warteten, da die beiden betreffenden Serenissimi sich sofort wegen des Widerrufs des Verbotes an den König gewandt hatten. Aber dieser ließ erst wochenlang gar nichts von sich hören, und als seine Antwort eintraf, war sie ablehnend.

Es gab nur drei Wege, sich aus dieser Verlegenheit zu reißen: Entweder marschierten die Truppen auf dem linken Rheinufer über Aachen und Maastricht nach Holland und wurden hier zu Wasser nach einem dortigen Hafen geschafft, oder sie wandten sich auf dem rechten Rheinufer durch das gegenwärtige Nassau und Hessen bis zur Weser und fuhren von da nach Bremen, oder sie gingen wieder dahin zurück, woher sie gekommen waren. Zunächst aber kam es darauf an, sie vorläufig unterzubringen, bis die Verhandlungen mit den betreffenden Staaten wegen freier Passage durchgeführt waren.

Der Markgraf von Ansbach besaß zu jener Zeit die seinem Vater im Jahre 1741 zugefallene Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit der Stadt Bendorf (am rechten Rheinufer zwischen Neuwied und Ehrenbreitstein), wohin Oberst Schlammersdorf, der keine Unteroffiziere und Bedeckungsmannschaften bei sich hatte und sich deshalb vor der Desertion seiner Soldaten fürchtete, diese zu bringen befahl. Er gab, um dort Platz zu bekommen, dem Gouverneur der Grafschaft Befehl, die in Bendorf stehende Kompanie tiefer ins Land zu legen. Als Schlammersdorf aber selbst nach Bendorf kam, fand er, daß die Stadt keine Wälle hatte, daß er also seine Leute nicht sicher bewachen konnte. Er beschloß deshalb, sie in den Booten zu behalten und diese mit Öfen zu versehen, die Soldaten aber von Zeit zu Zeit truppweise unter Aufsicht an Land zu lassen, damit sie Bewegung machen und sich erholen könnten. So lagen sie hier etwa zwei Wochen lang an der Seite der Hanauer, die vom Rheinfels heruntergekommen waren, Bendorf gegenüber auf dem Rhein.

Inzwischen wurde die Witterung aber kalt und unfreundlich; es war, ohne eine Meuterei heraufzubeschwören, beinahe unmöglich, die armen Teufel in den engen und feuchten Booten zu halten, wo sie auf Stroh schlafen mußten. Schlammersdorf beschloß also, sie auf die Gefahr der Desertion hin nach Bendorf zu führen und dort bis zum Eintreffen der weiteren Marschbefehle zu bewachen. Ehe dies geschah, wurden die Hanauer, die von der beabsichtigten Verbesserung der Lage ihrer Kameraden nichts erfuhren, eine Meile stromabwärts gefahren, damit der Ausbruch einer Meuterei verhindert würde. Ein Versuch, sie in Neuwied unterzubringen, fand zwar keinen Widerspruch an dem dortigen Grafen, aber bei näherer Prüfung der Verhältnisse ergab sich, daß die Stadt zu viele Rekrutierungsoffiziere in sich beherbergte und deshalb für die Hanauer Rekruten ein zu unsicherer Platz war.

Während dieser in die zweite Novemberhälfte fallenden Vorgänge hatten sich die englischen diplomatischen Agenten und Gesandten sowie die betreffenden beiden deutschen Fürsten den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Soldaten am schnellsten und sichersten ans Meer schaffen könnten.

»Der Markgraf von Ansbach-Brandenburg«, meldet Cressener am 26. November 1777, S. P. O. German Princes, Vol. 78, Nr. 43, und Rainsford's Journal. »hat nach Berlin geschrieben und den König um Erlaubnis der ungehinderten Passage für seine Truppen gebeten, da er sonst zu viele verlieren werde. Ich erwarte aber keinen Erfolg von diesem Schritt. Der König von Preußen, der sagt, seine Freundschaft für uns habe sich nicht verändert, aber mittels eines kleinen Umwegs könnten die von uns gemieteten Mannschaften doch an das Ziel ihrer Bestimmung gelangen, gibt uns mit dieser Erklärung einen Fußtritt und bittet dabei mit lächelnder Miene, wir möchten diesen Tritt nicht als einen Bruch seiner Freundschaft betrachten. Wenn er uns nur einen Weg auf der Karte zeigen wollte, wie wir ans Meer kommen können! Es bleibt uns nur übrig, entweder die Truppen zurückzuschicken oder sie über Aachen nach Holland marschieren zu lassen. Der Weg über Lechenich, Düren, Eschweiler und Aachen ist der kürzeste und leichteste; die Truppen brauchen dann nur Kölner, Pfälzer, Aachener und Generalstaatengebiet zu berühren. Von hier über Düren nach Aachen ist nicht über achtzehn Meilen, von Aachen nach Maastricht sieben Meilen, von da nach s-Hertogenbosch zweiundzwanzig Meilen, zusammen also siebenundvierzig Meilen. Eindhoven, das auf dem geraden Weg nach s-Hertogenbosch hegt, gehört zwar der Kaiserin, kann aber leicht umgangen werden. Maastricht ist die einzige Festung, die im Weg liegt. Um Desertion zu verhindern, können der Markgraf und der Erbprinz zur Begleitung und Bewachung der Truppen die erforderliche Anzahl von Subalternoffizieren und Soldaten schicken.«

Schlammersdorf weigerte sich aber entschieden, diesen langen Landweg einzuschlagen, da er bei dem Mangel an Bedeckungsmannschaften und in der gefährlichen Nähe der Festung Maastricht nicht dafür stehen könne, daß er mit fünfzig Mann in Nimwegen ankommen werde. Auch Cressener ließ diesen Plan fallen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gefahr der Desertion in hohem Grad vorhanden sei. »Denn ich weiß«, so schloß er seinen Bericht vom 1. Dezember an Suffolk, »aus was für Volk seine Rekruten bestehen.«

Es handelte sich also zunächst darum, vom rechten Rheinufer bis an die Weser und auf ihr ans Meer zu gelangen. »Ich habe«, berichtete Faucitt aus Hannover am 21. November an Suffolk, S. P. O. German States, Vol. 109, Nr. 7. »die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, daß die Ansbacher und Hanauer von Bendorf nach Münden und von dort, mit Vermeidung des preußischen Gebietes bei Minden, nach Bremerlehe geschafft werden. General von Hardenberg hat mir einen in diesen Dingen sehr erfahrenen Offizier, den Hauptmann von Wangenheim, beigegeben, der sofort nach Bendorf gehen und unterwegs alle Anordnungen für den ungehinderten Durchzug der Truppen treffen wird. Die Transportschiffe müssen also nach Bremerlehe fahren. Ich habe die endgültige Entscheidung über meinen Plan Sir Joseph Yorke überlassen. Der Haupteinwand, der sich dagegen machen läßt, ist die Gefahr der Desertion. Ich glaube ihr dadurch vorgebeugt zu haben, daß ich dem kommandierenden Offizier befohlen habe, aus den besten und sanftesten Rekruten eine Art Eskorte zu bilden, ihnen eine außerordentliche Belohnung für ihre Treue und ihr gutes Verhalten auf dem Marsch zu sichern und sie für den Eifer zu belobigen, den sie zeigen werden, um ihre Kameraden von der Desertion abzuhalten und Unordnungen zu verhindern. Sollte Frost eintreten, so können die Truppen, wenn sie einmal im Kurfürstentum sind, in Nienburg oder Stade untergebracht werden, was mir General Hardenberg auch versprochen hat.«

Faucitt berechnete die Entfernung von Bendorf über Montabaur (Trier), Weilburg (Nassau), Wetzlar (freie Reichsstadt), Marburg (Hessen-Kassel), Jesberg und Fritzlar (Mainz) und Kassel nach Münden auf 26½ Meilen und zwölf Marschtage nebst fünf Ruhetagen, bis Bremerlehe aber auf im ganzen vierzig Marschtage und zehn Ruhetage, während nach seiner Berechnung der Weg über Düren bis s-Hertogenbosch nur sechzehn Tagesmärsche in Anspruch nahm. Diese Entfernungen wären übrigens der geringste Nachteil gewesen; ein viel größerer bestand in der von den betreffenden Fürsten zu erlangenden Erlaubnis zum Durchmarsch durch ihr Gebiet. Nur unter dieser Bedingung und Voraussetzung genehmigte Yorke den Faucittschen Vorschlag.

Anfangs ließen sich die Aussichten gut an. Man hätte glauben sollen, daß der Landgraf von Hessen-Kassel als englischer Soldatenlieferant gar nicht weiter befragt worden wäre; doch er war so eifersüchtig auf seine Rechte, daß sich Faucitt, der sogar ein Verbot des Durchzugs der Hanauer befürchtete, an ihn wie an jeden anderen Fürsten um freie Passage wenden mußte. Es gab hier nämlich noch eine besondere und zwar höchst lächerliche Schwierigkeit: Der Landgraf stand seit 1754 mit seinem Sohn, dem Erbprinzen und Grafen von Hanau, auf gespanntem Fuß und hatte ihn seit dieser Zeit nicht gesehen, ja selbst sein Name wie überhaupt die souveräne Grafschaft Hanau durfte bei Vermeidung des allerhöchsten Mißfallens vor dem Serenissimus nicht genannt werden. Der Landgraf gestattete zwar in einer höflichen Antwort an Faucitt den Durchmarsch der Hanauer und Ansbacher Rekruten und Jäger durch »seine Staaten«, bestand aber ausdrücklich darauf, daß sie unter dem Namen Ansbacher gehen mußten und daß sie Kassel nicht berühren durften. Er erteilte demnach freie Passage für 534 Ansbacher, obgleich sie für 234 Hanauer und 300 Ansbacher verlangt worden war.

Die anderen Souveräne waren aber nicht so gefällig wie der Landgraf: Der Kurfürst von Trier gab die Erlaubnis nicht. Als die von den Hanauern vorausgeschickten Quartiermeister in Montabaur ankamen wurden sie vom Magistrat der Stadt abgewiesen, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Auch die freie Reichsstadt Wetzlar wollte die Rekruten nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen.

Das Wetter wurde inzwischen immer kälter und winterlicher, und es war keine Zeit mehr mit längerem Warten zu verlieren. Yorke hielt es deshalb für das Beste, die Offiziere bis auf weiteres an ihre Höfe, die Trappen aber in ihre Garnisonen zurückzuschicken. Siehe Anhang sub XXVII. Die Hanauer trafen dementsprechend am 16. Dezember wieder in Hanau ein, und der Erbprinz gab auch den Ansbachern hier bis zum Frühjahr Quartier. »Die Stadt«, schrieb Cressener zur Beruhigung an Suffolk, »ist befestigt, so daß die Desertion verhindert werden kann.«

Beide Truppenkörper marschierten Ende Februar an die Weser und trafen, unter Meidung des preußischen Gebietes bei Minden, in der zweiten Marzhälfte in Bremerlehe ein, wo sie nach Amerika eingeschifft wurden.

Natürlich hatte die englische Regierung die Kosten für alle diese unvorhergesehenen Zwischenfälle zu tragen. Suffolk gab auch sofortige Anweisung an Faucitt, alles zu bezahlen, was recht und billig sei, warnte ihn aber zugleich, sich ja nicht für die Zukunft die Hände zu binden. Diese Vorsicht war wohl am Platz, denn die Fürsten von Ansbach und Hanau erhoben bald die maßlosesten Ansprüche. »Die außerordentliche Ängstlichkeit«, schrieb Faucitt am 8. Januar 1778 aus Hannover, S. P. O. German States, Vol. 110, Nr. 17. »womit Gemmingen und Malsburg [die Minister von Ansbach und Hanau] ihre Entschädigungsforderungen bei mir geltend gemacht haben, erschien mir so unanständig und unbegründet, daß ich nicht umhin konnte, ihnen ernstlich den Kopf zu waschen. Seitdem ist der Ton ihrer Briefe anders und atmet nichts als Unterwürfigkeit und Zufriedenheit.« Nach dieser Auseinandersetzung fand sich Faucitt in dieser Sache für die billige Summe von 1600 Pfund Sterling, also 10 600 Taler Preußisch, mit Ansbach und Hanau ab.

Noch lästiger waren übrigens die Nachteile, die das Verbot des Königs von Preußen für die zerbstischen Truppen nach sich zog. Die preußischen Minister, an die sich die Zerbster Behörden um dessen Aufhebung gewandt hatten, erwiderten ihnen am 20. November höhnisch, daß, nachdem Ansbach und Hanau mit ihren Gesuchen um den Durchmarsch durch preußisches Gebiet abgewiesen worden seien, auch Zerbst nicht besser behandelt werden dürfe, und gaben den wohlfeilen Rat, das Zerbster Regiment auf einem kleinen Umweg durch den Harz in das Kurfürstentum Hannover marschieren und von da an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu lassen.

»Da der König von Preußen«, schreibt Faucitt am 27. November 1777 an Suffolk, S. P. O. German States, Vol. 108, Nr. 6. »auf seiner Weigerung besteht, so muß das Zerbster Regiment Stade oder Bremerlehe auf Umwegen durch Sachsen, Braunschweig und Hannover zu erreichen suchen; allein bis es soweit sein wird, haben wir Frost und sind die Flüsse gefroren. Ich weiß nicht, welcher Ursache ich diese plötzliche Maßnahme des Königs zuschreiben soll, es müßte denn die sein, daß seine Werbeoffiziere sich neuerdings vielfach darüber beschweren, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können und daß so viele preußische Soldaten desertieren, um sich für Amerika anwerben zu lassen. Namentlich die Hessen haben viele Deserteure aus Preußen aufgefangen und die Weser hinuntergeschmuggelt. Im ganzen ist aber ihre Zahl zu unbedeutend, als daß sie den Gegenstand ernstlicher Erörterungen bilden könnten, zumal es unter den deutschen Fürsten als erlaubt gilt, einander Untertanen und Soldaten abzufangen und zu verführen.«

Suffolk hielt es unter diesen Umständen für das beste, den Abmarsch der Zerbster bis zum Frühjahr zu verschieben, und wies Faucitt an, sich in diesem Sinne mit der dortigen Regierung zu verständigen. Der Zerbster Fürst mußte sich also in sein Schicksal fügen und gedulden. Er wütete in seinen Briefen barocker denn je; sein Haß gegen Preußen erreichte jetzt die höchste Spitze. Siehe Anhang sub XXVIII. Der Selbstherrscher aller Zerbster wandte sich sogar an die Selbstherrscherin aller Reußen, um sie zur Intervention gegen Friedrich den Großen zu veranlassen, allein Katharina von Rußland erklärte Preußen weder den Krieg, noch erwirkte sie für die Truppen ihres Bruders die Öffnung des preußischen Teils der Elbe. Übrigens war für Friedrich August die Gefahr des Verlustes durch Desertionen größer als bei jedem anderen Soldatenhändler, weil er im eigenen Land so gut wie gar nicht werben konnte und für seine Leute fast ausschließlich auf das deutsche Ausland, bei dem damaligen längst fühlbaren Mangel an tauglichen Subjekten aber vorzugsweise auf Menschenraub und Zwang, List, Betrug und Gewalt angewiesen war. Sobald Serenissimus sein in dieser Weise zusammengebrachtes Regiment unter gehöriger Bewachung direkt bis ans Meer schaffen lassen konnte, erlitt er verhältnismäßig geringe Verluste; ein langes Müßigliegen in offenen, unbefestigten Garnisonsorten drohte ihm aber mit unerhörter Desertion und Widersetzlichkeit.

Noch vor Weihnachten brach denn, auch unter den Soldaten eine Meuterei aus. Es sollten ein paar Dutzend Zerbster Kavalleristen in das nach Amerika bestimmte Infanterieregiment gesteckt werden, um es zu verstärken. Sie faßten aber diese Maßnahme als Beleidigung auf und empörten sich, bei welcher Gelegenheit einige Offiziere verwundet wurden. Die Meuterer flohen, nachdem sie überwältigt waren, zum Teil nach Sachsen, wo ihnen natürlich niemand etwas anhatte. Bei anderer Gelegenheit machte sich sogar ein Leutnant mit seinem ganzen Kommando von fünfzig Mann aus dem Staub und ging ebenfalls nach Sachsen.

Endlich war der Winter überstanden und das zerbstische Regiment trat, 841 Mann stark, am 21. Februar 1778 seinen Marsch durch den Harz und Hannover nach Stade an, wie die preußischen Minister höhnisch geraten hatten. S. P. O. German States, Vol. 110, Nr. 20. Als es am nächsten Tag die Elbe erreicht hatte, ließ der Oberst halten; die Sappeure mußten ihre Äxte in die Brückengeländer einhauen, und das Ganze mußte einen Kreis bilden. Der Kommandeur ließ hierauf die Kriegsartikel noch einmal verlesen und dann beschwören; dann hielt er eine geharnischte Rede und warnte namentlich vor den preußischen Werbern. Er drohte, daß derjenige, der dagegen handle und ertappt werden würde, sofort erschossen werden solle; aber trotzdem desertierten schon am selben Tag der Regimentstambour, ein Feldwebel, ein Korporal und einige Soldaten. Weiterhin wurden deshalb die Orte auf dem Marsch möglichst umgangen, um weitere Desertionen zu verhüten, da die Entwichenen überall Helfershelfer fanden. Um das Betreten des preußischen Gebietes zu vermeiden, ging die Marschroute über Dessau (Anhalt), Merseburg, Laucha, Beichlingen (Kursachsen), Greußen (Sondershausen), Mühlhausen (freie Reichsstadt), Duderstadt (Kurmainz), Einbeck (Hannover) und von da durch das Braunschweigische wieder durch Hannover nach Stade.

Trotz der strengen Überwachung und der angedrohten Todesstrafe kamen noch täglich Desertionen und allerlei Exzesse vor. Im Dorf Zaunrode entsprang ein Mann, der von einem Korporal verfolgt wurde und ins Wirtshaus hineinlief. Ohne weiter erst nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirtsstube hinein, wo die Kugel die ruhig dasitzende Wirtin traf, so daß diese tot zu Boden sank. Durch diese Gewalttätigkeit wurden die Bauern sehr aufgebracht, und als die Bagage mit der Bedeckung nachkam, bei der sich ein Oberleutnant befand, kam es erst zu einem Wortwechsel und dann zu Tätlichkeiten, wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am nächsten Tag in Stadtworbis starb. Die Bauern, durch deren Dörfer der Transport ging, nahmen auch später Anteil am Schicksal der nach Amerika bestimmten Streiter und schafften ihnen überall Gelegenheit zu entkommen. In Greußen kam es mit den preußischen Werbern, die hier Geschäfte machen wollten, zu einer Schlägerei, wobei auf beiden Seiten viel Blut floß. Eelkings »Hilfstruppen«, II, 182.

Am 3. März meldete Oberst Rauschenplatt dem damals in Hannover weilenden Faucitt, S. P. O. German States, Vol. 110, Nr. 24. daß er in den ersten zehn Tagen nach dem Abmarsch durch Desertion nicht weniger als 334 (!) Mann verloren habe. Am 21. März waren sogar nur noch 494 Mann bei der Fahne.

»Was soll ich tun«, fragte Faucitt am 23. März 1778 bei Suffolk an, »wenn die Übrigbleibenden nicht mehr stark genug sind, um ein Bataillon daraus zu bilden? Die Lücken sind zu groß, als daß sie zur rechten Zeit ausgefüllt werden könnten. Ich fürchte, daß der größte Teil des Regiments vor der Ankunft in Stade desertiert sein wird. Ich hoffe, aus den Resten wenigstens noch ein Bataillon bilden zu können. Die Zerbster fanden übrigens überall in Sachsen schlechte Aufnahme, waren täglich von den Werbeoffizieren verschiedener Fürsten umgeben, die in Verbindung mit den Eingeborenen des Landes jedes Mittel benützten, um die Soldaten zu verführen. In ähnlicher Lage würden die besten Truppen gelitten haben.«

Yorke bestätigte im wesentlichen Faucitts Schilderung und nahm sich des Zerbster Fürsten warm an. »Seinen Bemühungen«, schreibt er, datiert Haag, 7. April 1778, S. P. O. Holland, Vol. 606, Nr. 22. »des Königs Schutz und Freundschaft zu verdienen, ist von so vielen Seiten entgegengewirkt, daß ich es meinem persönlichen Verhältnis zu ihm schuldig bin, den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit zu melden. Die Weigerung des Königs von Preußen, die zerbstischen Truppen durch sein Gebiet passieren zu lassen (obgleich rechtlich nichts dagegen gesagt werden kann), veranlaßte den Fürsten, sich an den russischen Hof zu wenden, damit dieser seinen Einfluß in Potsdam geltend mache; aber ich weiß nicht, ob diese Bitte irgendwelchen Erfolg gehabt hat. Inzwischen setzte der Fürst, da es bei der vorgerückten Jahreszeit mit der Einschiffung zu spät geworden sein würde, seine Truppen in Bewegung, ohne ein vorheriges Übereinkommen mit England wegen eventueller Entschädigung getroffen zu haben, und schickte sie durch Kursachsen auf Umwegen nach Hannover. Auf diesem Marsch waren sie jeder Schikane und Schwierigkeit ausgesetzt, sowohl seitens der Preußen als Sachsen, und bei mehr als einer Gelegenheit haben sich seine Offiziere ihren Weg erkämpfen müssen. Sie bewiesen dabei große Entschiedenheit und Tapferkeit. Natürlich war die Desertion sehr stark; ich wundere mich überhaupt, daß nur noch Soldaten beisammen blieben; die übriggebliebenen sind aber wahrlich nicht schlecht. Seit Ankunft im Kurfürstentum Hannover hat die Desertion aufgehört, und mit Hilfe der von Jever geschickten Rekruten ist immer noch ein gutes Bataillon zusammenzubringen. Ich trete für den Prinzen ein und hoffe, daß angenommen werde, was er mit so großer Mühe, Kosten und Gefahr ans Meer geschafft hat. Ich tue es um so mehr, als ich höre, daß die Transportschiffe für die Zerbster zurückbeordert sind; es wäre eine zu große Enttäuschung für den Fürsten, wenn er nicht endlich angenommen werden sollte. Viel Gewinn bleibt doch für ihn nicht übrig.«

Suffolk bedauerte, daß die Zerbster so viele Leute verloren hatten, daß sie kaum noch in Betracht kämen, und befahl Faucitt, sie samt und sonders wieder nach Hause zu schicken, wenn er nicht wenigstens ein Bataillon aus ihnen formieren könne. Die für sie bestimmten Transportschiffe wurden sogar aufbestellt. Indessen gelang es Oberst Rauschenplatt und den mit den seinigen vereinten Bemühungen seines Bruders, des Majors Rauschenplatt, den auf weniger als ein Bataillon zusammengeschmolzenen Bestand seines Regiments in Jever und Nachbarschaft auf 625 Mann, einschließlich der Offiziere, zu erhöhen, so daß Faucitt keinen Anstand nahm, sie in den englischen Dienst einzumustern. Er ließ sie am 22. April in Stade einschiffen. Erst nachdem dies geschehen war, schloß er am 23. April 1778 den Vertrag mit den Bevollmächtigten des Fürsten ab, die sich selbstredend jede von dem englischen Kommissär beliebte Bedingung gefallen ließen.

Dieser Vertrag wurde am 12. Mai 1778 dem englischen Parlament vorgelegt und am 13. Mai von ihm genehmigt. Er stimmt im wesentlichen mit dem Ansbacher überein, so daß wir uns wegen seiner näheren Bestimmungen füglich auf diesen beziehen können. Journal of the House of Commons, Vol. XXXVI, pag. 973 und 979.

»Das Regiment kam nach einer überraschend schnellen und günstigen Fahrt in den letzten Maitagen vor Quebec an. Die große Freude, das ersehnte Ziel so glücklich erreicht zu haben, wurde plötzlich in bitteren Verdruß verwandelt, als dem Regiment das Landen vom Gouverneur untersagt wurde. Durch eine grobe Nachlässigkeit der englischen Behörden, wie sie so häufig vorkam, hatte man vergessen, dem britischen Befehlshaber die Ankunft dieses Regiments zu avisieren, der nicht wenig dadurch überrascht wurde und, so nötig er diese Verstärkung auch hatte, auf diese dennoch so lange verzichten zu müssen glaubte, bis er vom britischen Gouvernement die weiteren Instruktionen erhalten haben würde. Am übelsten war Oberst von Rauschenplatt daran, der auf dieses fatale Intermezzo ebenso unvorbereitet war. Als ihn der Gouverneur trotz aller Versicherungen und Beteuerungen nicht an Land lassen wollte, schickte er endlich mit der nächsten Schiffsgelegenheit seinen Quartiermeister direkt nach London, um über die Vernachlässigung Beschwerde zu führen und die weiteren Weisungen des Ministeriums einzuholen. Erst Anfang August kehrte Pannier wieder zurück. Die armen Zerbster hatten demnach gegen drei Monate nutzlos und untätig und angesichts der Stadt Quebec in den engen und ungesunden Schiffsräumen aushalten müssen.«

»Das Regiment blieb vorläufig in Quebec und wurde, da es in seiner Ausbildung noch gegen die anderen Truppen sehr zurück war, vorzugsweise zu Arbeiten sowie zu Munitions- und Gefangenentransporten benützt.« Eelking a. a. O., S. 183 f.

Empfindlicher als diese Verzögerungen war übrigens für die Ergänzung der englischen Armee in Amerika der Ausfall, den sie durch den infolge des preußischen Verbotes notwendig gewordenen Abbruch der Verhandlungen mit dem Herzog von Württemberg erlitt. So schlecht dessen Armee auch beschaffen sein mochte, so wäre er, selbst nach dem Zeugnis Faucitts, doch mit einiger Nachhilfe an Geld immerhin imstande gewesen, noch 1500-2000 Mann auf die Beine zu bringen. Es war lediglich die Sperrung des Rheins, die die Württemberger zu Hause hielt und den in Amerika kommandierenden englischen General ihrer Hilfe beraubte.

Wenn wir uns die damalige Lage der Dinge auf dem amerikanischen Kriegsschauplatz vergegenwärtigen, so werden wir die bedeutenden, wenn nicht entscheidenden Folgen der Politik Friedrichs des Großen noch besser würdigen können. Washington lag nach dem für ihn unglücklichen Feldzug des Herbstes 1777 von Mitte Dezember bis Mitte Juni 1778 in seinen Winterquartieren in Valley Forge, allen Entbehrungen der Jahreszeit preisgegeben, unter allen Mißbräuchen und Mängeln einer desorganisierten Verwaltung leidend. Nie bis jetzt – selbst nicht nach den Niederlagen auf Long Island – hatte die Sache der jungen Republik so schlecht gestanden, denn nie waren der Geist des Volkes und seine Widerstandskraft so sehr gebeugt und entmutigt gewesen. Die zerlumpten und hungernden armen Teufel, die, kaum mehr als 5000 Mann stark, Anfang 1778 das amerikanische Heer darstellten und damals unter Steuben erst die Anfangsgründe der Disziplin lernten, wären keines ernsten Widerstands fähig gewesen, wenn Howe sie mit einer überlegenen Streitmacht angegriffen hätte. Aber der englische General ließ die ihm günstigste Zeit zum Angriff ungenützt verstreichen und entschuldigte seine Untätigkeit mit dem Mangel an Leuten. Und gerade in diesem entscheidenden Augenblick erlangte er die Kenntnis von Friedrichs Verbot, das ihm vorläufig jede Aussicht auf weitere Verstärkungen abschnitt. Es waren darum nicht so sehr die 2000, höchstens 3000 Mann, deren verzögerte Ankunft oder gänzlicher Ausfall England so empfindlich schadete, sondern es war vielmehr die Ungewißheit für die Zukunft, die jede sichere Berechnung ausschloß und England die Bezugsquellen für seine deutschen Verstärkungen ganz abzuschneiden drohte.

Eben darin hegt die Bedeutung der Politik Friedrichs für den amerikanischen Krieg. Sie war in ihren Folgen für Washington soviel wert wie ein neuer Bundesgenosse: Sie gönnte ihm Zeit zur Erholung und half das Kriegsglück wenden. Ohne es zu wollen, erwies also der große König dem republikanischen Feldherrn einen wesentlichen Dienst.

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