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Der Sohn des Gaucho

Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Im Dominikanerkloster

Die Gefangennahme Aurelios hatte sich ganz so zugetragen, wie Juan Perez nach den Spuren festgestellt hatte. Die Peons, die dem Jungen gefolgt waren, hatten, ihm zuvorkommend, sein Heim ausspioniert und Meldung darüber erstattet. Gomez war in der Nacht erschienen, dessen Lanceros hatten den Jüngling im Schlaf überrascht, ihn trotz kräftiger Gegenwehr durch eine übergeworfene Decke kampfunfähig gemacht, mit Lassos umschnürt und aufs Pferd getragen. Erst in einiger Entfernung befreiten sie den Halberstickten aus seiner Umhüllung. Eilig jagten sie alsdann mit ihm durch die Stadt und überlieferten ihn den Wächtern im Dominikanerkloster.

Der gefährliche Gefangene wurde unter der Erde in einer ehemaligen Strafzelle des Klosters verwahrt, in die nur, wenn die schwere Tür geöffnet wurde, ein Lichtstrahl fiel.

Aurelio war von dem jähen Überfall wie betäubt und fand erst, als er allein gelassen wurde, die Ruhe, über das Geschehene nachzudenken. Was hatte man mit ihm vor? Wollte man ihn verschmachten lassen? Ihn ermorden? Und was war mit dem Vater, mit dem guten Sancho geschehen? Hatte sie derselbe Streich getroffen, der ihn in den Kerker warf? Der Diktator verfolgte sie; hatte sein Arm sie erreicht? Aurelio wußte, Juan Perez war ein Mann von großer Kühnheit und Klugheit; es war schwer vorstellbar, daß er sich überraschen ließ. Aber wußte er denn, welche Mittel angewandt worden waren?

Qualvolle Stunden der Unruhe vergingen. Einmal kamen Schritte draußen auf dem Korridor entlang, die von Waffengeklirr begleitet waren. Eine Zelle in seiner Nähe wurde geöffnet. Er hörte eine flehende, schreiende und schluchzende Stimme, von rauhen Flüchen begleitet. Ihn schauderte. Bald darauf drang der dumpfe Schall einer Gewehrsalve an sein Ohr und sagte ihm, daß in diesem Augenblick neue Opfer des Tyrannen gefallen waren.

Abermals hörte er Schritte draußen; sie nahten sich seiner Zelle. Er faßte sich mit starker Willensanspannung. Zwei Wärter erschienen und führten ihn, dem die Hände gebunden waren, hinaus. Ging es zum Tode? Ein kalter Schauer überlief ihn, aber er folgte in fester Haltung.

Er wurde über einen breiten Korridor geführt, dessen Fenster sich nach dem Hof öffneten. Erblassend sah er blutige Leichname am Boden liegen; eine Gruppe Soldaten stand, auf ihre Gewehre gestützt, in der Nähe. Rasch zog das grauenhafte Bild an ihm vorüber, und doch glaubte er, in einem der Erschossenen den Señor Ramirez erkannt zu haben. Die zornige Leidenschaft seiner Jugend flammte in ihm auf; er biß sich die Lippen blutig.

Man ließ ihn in ein hohes, luftiges Zimmer eintreten. Er war nur mit einem seidenen Hemd bekleidet; eine alte Chiripa hatte man ihm um die Hüfte geschlungen, aber er betrat den Raum in der Haltung eines kastilianischen Granden. Er sah sich einem hochgewachsenen Manne in der Kleidung des vornehmen Argentiniers gegenüber. Das Auge des Mannes ruhte mit einem seltsamen Ausdruck auf ihm, als er hocherhobenen Hauptes vor ihm stand.

Auf einen Wink, den der Hochgewachsene gab, entfernten sich die Gefängniswärter; Aurelio war mit ihm allein. Er wußte von der flüchtigen Begegnung auf der Straße her, wen er vor sich hatte.

De Salis setzte sich an einen Tisch und richtete von neuem den Blick auf Aurelio. »Wie heißt du?« fragte er kurz.

»Warum hat man mich nächtlicherweile überfallen und hierher geschleppt?« fragte der Junge in finsterem Trotz.

Der Klang seiner Stimme ließ den Gobernador zusammenfahren; er blätterte eine Zeitlang in seinen Papieren, dann hob er wieder den Kopf. »Es wäre besser für dich, meine Fragen zu beantworten, statt selbst Fragen zu stellen«, sagte er, »wir haben hier Mittel, jeden Trotz zu brechen.«

Aurelio lächelte verächtlich und schwieg.

»Wie heißt du?«

»Ich bin Aurelio Perez, der Sohn des Capitano Juan Perez vom Rio Quinto.«

»Wie alt?«

»Fast neunzehn Jahre.«

»Es stimmt«, murmelte de Salis leise. Laut fragte er: »Wer war deine Mutter?«

»Ich habe sie nicht gekannt, sie starb früh.«

»Was bist du von Beruf?«

»Ich bin ein Gaucho, Señor, und eines Gaucho Sohn.«

Der Gobernador blickte in das offene; furchtlose Antlitz des Jungen; er fühlte, daß der nichts verhehlte. Täuschte die wunderbare Ähnlichkeit? Wußte er nichts von seiner Abkunft? Don Francisco war ein guter Menschenkenner: er wußte: solche Gesichter lügen nicht.

»Was führte dich nach Buenos Aires?« fragte er.

»Mein Vater wünscht, daß ich die Schulen besuche.«

»Wo ist dein Vater?«

»Im Süden. Am Salado!« war die schnelle, vorher bedachte Antwort.

»Es wäre gut, wenn du die Wahrheit sagtest.«

Aurelio zuckte die Achseln. »Zunächst möchte ich wissen, warum ich hierhergeschleppt wurde und wessen man mich beschuldigt!«

»Des Hochverrates, Bursche, begangen durch Förderung der Flucht des Staatsverbrechers d'Urquiza«, sagte de Salis scharf. »Dein Verbrechen ist durch unwiderlegliches Zeugnis bewiesen, und es bedarf nur eines Winkes, um dich vor die Gewehre der Tiradores zu bringen.«

Aurelio trat einen Schritt näher; sein Antlitz legte sich in hochmütige Falten. »Das heißt, Ihr habt die Macht, mich zu morden«, sagte er, »denn Ihr wißt sehr gut, daß ich an dem Verbrechen, dessen Ihr mich anklagt, unschuldig bin. Aber hütet Euch, Señor de Salis, und seid überzeugt, daß mein Tod nicht ungerächt bliebe.«

»Wagst du es zu drohen?« schrie der Gobernador, und insgeheim wußte er: er ist es! Er ist Fernandos Sohn, es ist gar kein Zweifel! Ich muß die Natter zertreten, bevor sie gefährlich wird. »Man wird euch Räuberbrut hinwegräumen«, schrie er laut, »dich, deinen Vater und den rothaarigen Spießgesellen, den ihr da habt!«

»Versucht's!« sagte Aurelio trotzig, »aber beeilt Euch!«

»Ja«, sagte de Salis mit plötzlich ganz eiskalter Stimme, »ja, das will ich. Ich will mich beeilen.« Er klingelte heftig. Die Tür öffnete sich, ein Offizier und ein Wärter erschienen in ihrem Rahmen.

»Führt den Burschen hinab und laßt ihn erschießen!« befahl de Salis.

Aurelio wurde blaß; einen Augenblick hatte er das Gefühl, ins Wanken zu geraten; er biß die Zähne zusammen und zwang sich zur Haltung. Aus! dachte er, lieber Vater! Lieber Pati! Ich konnte es nicht ändern!

Der Wärter griff nach seinem Arm, der Offizier stand an der Tür, ihn passieren zu lassen, da drängte sich ein Mann in das Zimmer, der ein Papier hielt und es dem Gobernador aushändigte.

Der warf einen Blick darauf, fuhr heftig zusammen, hob den Arm und rief dem Offizier und dem Wärter zu: »Halt! Wartet!« Sie blieben mit dem Gefangenen an der Tür stehen.

»Wer brachte das Papier?« fragte de Salis.

»Ein Gauchoreiter.«

»Wo ist der Mann?«

»Sofort zurückgeritten.«

»Was ist das?« murmelte der Gobernador, den Zettel immer und immer wieder überfliegend. »Es ist Agostinos Hand; er hat in großer Aufregung geschrieben, es ist sein Papier. Was ist da vorgegangen?« Er wandte sich der Tür zu. »Bringt den Gefangenen wieder in seine Zelle«, befahl er, »ich behalte mir weitere Entschlüsse vor. Sorgt dafür, daß ihm nichts Unbilliges widerfährt.«

Der Offizier salutierte, und man brachte Aurelio hinaus. Vom Gangfenster aus erblickte er noch einmal die Leichen der Erschossenen. Man war eben dabei, sie fortzuschaffen. Welch ein Wunder hatte verhindert, daß er ihnen zugesellt wurde?

In seiner Zelle angekommen, ließ er sich auf seine Pritsche nieder. Bilder aus der Heimat stiegen vor ihm auf; er sah vor sich die unendliche Pampa in ihrer eintönigen Größe, die Herden von Rindern und Pferden, die dahineilenden Strauße. Wie schön, wie herrlich das alles war! Und er sollte es verlassen? So jung schon ins Grab steigen? Wieder sah er die blutigen Leichname vor sich. Er konnte nicht verhindern, daß Schauer seinen Leib überliefen.

Der Schließer kam und brachte ihm Maiskuchen und Wasser. Er trank hastig und viel; Appetit zum Essen hatte er nicht. Die Zeit verging, Stunden wahrscheinlich, er wußte nicht mehr, ob es Tag oder schon Nacht war. Dann hörte er Schritte draußen. Leute gingen durch den gewölbten Gang und versicherten sich, daß jede Tür fest verschlossen war. Sie faßten auch an die Tür seiner Zelle. Und wiederum herrschte diese beängstigende Stille, in der er nichts außer den eigenen Atemzügen vernahm. Schließlich begann sein Hirn langsamer zu arbeiten. Erschöpfung kam über ihn; er schloß die Augen, ein Nebel senkte sich, Schleier umwallten ihn.

Da, was war das? Sein in der Pampa geschärftes Ohr vernahm ein leises Geräusch; er schnellte empor, lauschte angestrengt. Schleichende Schritte draußen, kaum wahrnehmbar, hastiges Flüstern. Was bedeutete das? Welche Veranlassung hatten die Henkersknechte, auf leisen Sohlen durch die Gänge zu schleichen?

Näher kamen die Schritte, immer näher; jetzt zögerten, verhielten sie vor seiner Tür. Er stand sprungbereit, als gälte es, erforderlichenfalls ein Äußerstes zu wagen. Ein Schlüssel wurde von außen ins Schloß geführt, leise, sonderbar leise, die Tür ging auf, und eine fast gehauchte Stimme flüsterte: »Aurelio?«

Er hätte schreien mögen; sein Herz ging wie ein Hammer, die Freude drohte ihn zu überwältigen. »Vater«, flüsterte er, »Vater, lieber Vater!« Eine tastende Hand berührte ihn, und er sank an die Brust Juan Perez'. Daß außer diesem auch noch Pati und der Schließer in der Zelle standen, wußte er nicht. Er wußte überhaupt nichts, er war außer sich vor Glück.

Plötzlich – was war das? Draußen dröhnende Schritte, Geklirr. »Welche Zelle ist es? Wo steckt der Schließer, der Hund?« erklang es im Korridor. Um ein Haar hätte Juan aufgeschrien. Das war die Stimme Agostino de Salis'. Wie kam der hierher? Aber es blieb keine Zeit zu irgendwelcher Überlegung, die Schritte draußen kamen näher, kamen heran. Starr standen die vier Männer in der dunklen Zelle. Durch die nicht ganz geschlossene Tür fiel Lichtschein herein, der Spalt erlaubte einen Blick nach draußen. Soldaten mit Gewehren, andere mit Laternen kamen den Gang herauf, allen voran ging Agostino de Salis.

Das war so schreckensvoll überraschend, daß selbst des Gauchos Herz erstarrte. Und da waren sie auch schon.

»Hier muß es sein«, sagte eine Stimme; die Tür wurde aufgerissen, und vor Agostinos Augen stand im Schein der Laternen statt eines Gefangenen eine ganze Gruppe von Männern.

Der junge de Salis wollte schreien, er öffnete auch schon den Mund, aber er bekam keinen Laut mehr heraus. Die ehernen Hände des schwer erregten und zum äußersten entschlossenen Pati hatten schon zugefaßt; sie hoben den Caballero empor und schleuderten ihn mit solcher Gewalt auf die hinter ihm Stehenden, daß sechs bis acht Soldaten zu Boden stürzten.

»Adelante!« brüllte der Rotkopf, ergriff die Muskete eines der gestürzten Tiradores, und schlug wie ein Besessener mit dem Kolben um sich. Und diesen Hieben widerstand nichts; gräßliches Geschrei erhob sich und hallte im Gang wider.

»Adelante!« schrie jetzt auch Juan, der die Erstarrung abgeschüttelt hatte; auch er ergriff ein Gewehr und stürzte vorwärts, dicht hinter ihm lief Aurelio, der sich gleichfalls einer Waffe bemächtigt hatte.

Die durch das völlig Unerwartete entsetzten Soldaten liefen ziellos umher, wie vom Teufel gejagt; ihre Laternen waren großenteils erloschen, es herrschte eine gespenstige Dämmerung, in der nur mehr Schatten erkennbar waren. Das Pfeifen Juans brachte Aurelio und Pati an seine Seite.

»Wo ist der Schließer?« raunte Don Juan.

»Hier«, antwortete die Stimme des Gerufenen, der sich immer im Schatten der Vorstürmenden gehalten hatte.

»Rasch«, zischte Juan, »die Zelle.«

Der Schließer tastete voran, fand die Tür der Zelle, durch die sie in das Kloster gelangt waren; alle vier drangen ein und verschlossen sie hinter sich.

Schon stürmten draußen weitere Mannschaften mit Laternen und Fackeln den Korridor entlang. Pati hob Aurelio empor, der eilig zu dem ausgebrochenen Fenster hinausglitt, ihm folgten Juan und der Schließer. Als letzter zwängte der stämmige Pati seinen Körper hindurch. Auf dem Gang herrschte wilder Lärm; schon donnerten Gewehrkolben an die Tür der Zelle.

Juan hatte, da sie alle im Freien standen, die Bolas gelöst. »Vorwärts, Pati, zu deinem Boot«, befahl er. »Wer nur diesen verwünschten Agostino befreit haben mag?« Pati ging voran, die anderen folgten. Bald waren sie am Ufer des Stromes, dessen Wellen im Schilf rauschten. Es war stockdunkel, und obgleich Pati genaue Merkmale für die Lage des Bootes hatte, fiel es schwer, es zu finden. Während sie am Ufer entlanghasteten, brachen aus der Klosterpforte Reiter heraus, von denen einige mit Fackeln ausgerüstet waren; sie verteilten sich nach links und rechts auf die Straße. »Ihr da, nach dem Wasser hinab!« rief eine befehlsgewohnte Stimme. Einige Berittene schwenkten nach dem La Plata ein. Auch sie führten einige Fackeln mit. Auf Juans Wink verbargen sich die Flüchtlinge hinter einem dichten Busch nahe dem Wasser.

Die Reiter kamen näher; in dem Schein ihrer Fackeln gelang es Pati, die genaue Lage des versteckten Bootes zu bestimmen; es befand sich in unmittelbarer Nähe. Schon schickte Juan sich an, seine Bolas in Bewegung zu setzen, da kehrten die Lanceros um. Pati folgend, stiegen jetzt alle schnell in das Boot. Sie hatten sich aber noch nicht auf dessen Boden niedergelassen, da wandte sich einer der Fackelträger im Sattel um und erblickte das Fahrzeug. »Hier! Hier sind sie!« schrie er gellend und feuerte ein Pistol ab. Der Schuß ging fehl. Aber von verschiedenen Seiten eilten nun Reiter herbei, und man hörte sie am Ufer schwatzen, während der Sohn des La Plata das Kanu bereits gemächlich durch das dichte Uferschilf trieb. Mehrere Schüsse wurden abgefeuert, deren Kugeln ins Wasser klatschten.

Jetzt ertönte der laute Ruf: »In die Lanchas!«

Pati lachte.

»Fürchtest du keine Gefahr?« fragte der Gaucho.

»Ich habe das, was an Lanchas hier lag, mit meinem Beil durchlöchert«, kicherte Pati, »sie werden nicht weit damit kommen.«

»Rotkopf, du bist einer der klügsten Menschen, die ich kenne«, sagte Juan.

Pati ruderte das leichte Gefährt mit kräftigen Schlägen stromauf, von der eingetretenen Flut unterstützt. An eine Verfolgung zu Wasser wäre der Dunkelheit wegen ohnehin nicht zu denken gewesen, selbst wenn Pati die Lanchas nicht durchlöchert hätte.

Juan saß neben Aurelio und hielt seine Hand. »Gott sei Dank, Junge, daß du gerettet bist«, sagte er. Aurelio berichtete ihm von seiner Unterredung mit Don Francisco. »Gott wird ihn strafen«, versetzte der Gaucho, »seine Zeit kommt. Doch wie mag Agostino, die junge Bestie, losgekommen sein?« fragte er sich selbst. Er erzählte Aurelio nun, was man zu seiner Rettung unternommen hatte. »Und doch wären wir alle verloren gewesen, wenn Pati nicht im letzten Augenblick die gewaltige Kraft seiner Arme gebraucht hätte«, schloß er seinen Bericht. Aurelio drückte dem treuen Manne dankbar die Hand. Rasch glitt das Boot auf den Hafen zu.

Das überraschende Erscheinen Don Agostinos war die Folge der energischen Tätigkeit seines Vaters. Als dieser den Sohn in der Stadt nicht traf, kehrte er sofort mit einigen Lanceros um, denn seine Vermutung, daß Agostino in irgendeinen Hinterhalt gefallen sei, schien ihm durch seine Abwesenheit bestätigt. Es kostete ihn viel Zeit und Mühe, bis er auch nur zu ermitteln vermochte, wohin Agostino geritten war. Er erfuhr schließlich, daß ihn Haß und Zorn noch vor der verabredeten Stunde nach dem Kloster hinausgeführt hätten.

Als man später das Gehölz untersuchte, hatten Juan und Pati es schon verlassen. Man fand Agostinos Pferd, aber den unterirdischen Teil der vor vielen Jahren zerstörten Kapelle kannte niemand. Und gewiß hätte man Agostino und Gomez niemals gefunden, wenn nicht ein Spürhund dabei gewesen wäre. Der fand die Gefangenen.

Kaum hatte sich der Sohn des Gobernadors von der ausgestandenen Angst und den Qualen des jämmerlichen Zustandes, in dem er stundenlang verharrt hatte, einigermaßen erholt, als er nach dem Kloster stürmte, um an Aurelio Rache zu nehmen. So war er in eben dem Augenblick aufgetaucht, als Juan dabei war, ihn zu entführen.

Jetzt lag er, von Patis Händen übel zugerichtet, im Kloster, während sein Vater die Verfolgung der Flüchtlinge leitete.

Das Boot, mit dem diese über den La Plata dahinglitten, näherte sich bereits dem Hafen. Der Schließer saß schweigend, mit gefalteten Händen bei den Männern.

»Wie ist Euch zumute, Señor?« fragte Don Juan.

»Wie einem, der aus den Qualen der Hölle erlöst wurde«, antwortete der Mann. »Was ich in diesen Jahren Schreckliches erblickt habe, vermag kein Mund zu erzählen.«

»Wir schulden Euch unendlichen Dank, Señor, und wir werden ihn abtragen.«

»Bringt mich an eine Stelle, wo die Hand des Tyrannen nicht hinreicht, und es ist des Dankes genug«, sagte der Mann.

Schon wurden die Laternen der Uferkaie sichtbar, da ertönte von der Batterie Septiembre ein Schuß, der bald darauf von zwei auf dem Strom ankernden Kriegsschiffen erwidert wurde.

»Das gilt uns«, sagte Pati, »sie wollen uns zu Wasser jagen. Aber sie werden sich täuschen.«

Geräuschlos glitt das Boot an der Batterie vorüber und erreichte ungefährdet die Lancha, die der erfahrene Schiffer für eine Flucht auf dem Strome bereitgehalten hatte. Bald waren alle an Bord und das Kanu am Deck gehißt.

Pati löste die Segel, hob den Anker, brachte die Lancha vor den Wind, und bald segelten sie den gewaltigen Strom hinauf. Aurelio war erschöpft eingeschlafen.

Die Regierung setzte alle Mittel in Bewegung, der Flüchtlinge habhaft zu werden. Die Stadt, die Hafenquartiere und die Schiffe wurden peinlichst durchsucht. Man fahndete auch nach Don Estevan und seiner Mutter; die aber waren dem Rat Don Juans gefolgt und hielten sich bei Freunden auf dem Lande verborgen. An alle Hafenstädte am La Plata und am Parana und weit in das Land hinein ergingen die Suchbefehle, und hohe Preise waren auf die Köpfe der Flüchtlinge, besonders auf den Kopf des entflohenen Schließers, ausgesetzt worden.

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