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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Achtes Kapitel

›Narbengesichts‹ Rache

Langsam glitten die Tage dahin. Nichts ereignete sich, außer daß der wilde Reis in den Sümpfen höher und höher wuchs und die Sumpfhühner in ihren grünen Schilfbehausungen eine ungeheure Geschwätzigkeit entfalteten. Das einzige andere Ereignis war, daß das Rotwild sich den zunehmenden Mond zunutze machte, um bis zur Morgendämmerung zu äsen, während die süßen Düfte von Birke und Balsamtanne die Luft mit stärkerem Wohlgeruch erfüllten, je mehr der Mond wuchs. Die Kundschafter, die ›Sieben Brüder‹ nach beendigtem Kriegsrat ausgesandt, kehrten nacheinander zurück, ohne eine Spur von ›Narbengesicht‹ oder irgendeine andere verdächtige Fährte aufgefunden zu haben. So sank das Dorf mangels jeden äußeren Anzeichens von Gefahr in die gewohnte Eintönigkeit ereignisloser Ruhe zurück.

Trotzdem gab sich Katoya nicht zufrieden. Sie ließ sich nicht durch das müßige Wachstum des wilden Reis und durch das Geplapper der Sumpfhühner in Sicherheit wiegen. Daß die Kundschafter keinerlei Nachricht von dem Feinde heimbrachten, beruhigte sie durchaus nicht. Die Füße der Schlangenindianer waren nicht allzu behende und hatten viele Meilen zurückzulegen. Wenn sie aber kamen, so hatten sie den Tod im Gefolge, so sicher wie der Wandermond die Gänse mit sich führte. Katoya verließ sich nicht auf Gerüchte oder auf das Fehlen von Gerüchten. Sie besaß Kunde von ganz anderer Art, Kunde, die aus Quellen jenseits des Wissens ihres Stammes floß. Tag und Nacht lag Katoyas Geist dem Walde offen. Tag und Nacht belauerte sie mit scharfem Ohr die geheimen Fährten. Längs jener unsichtbaren Pfade kamen die Schritte jener, deren Mokassins noch in der Ferne weilten, denn Katoyas Geist hatte ein Leben lang einer Schwelle geglichen, darüber die Tritte zahlloser Wanderer hin und her gegangen waren. Diese näherten sich jetzt Tag um Tag. Aus den düsteren Schluchten des Westens, durch das nichtendenwollende Dunkel der Tannenwälder, über die uralten Wechsel von Elch und Renntier kamen mit furchtbaren, bedachtsamen Schritten jene, die so wenig säumten, so schwer zur Umkehr zu bewegen waren, wie der zunehmende Mond.

Und nicht allein das Rotwild trieb sich an mondhellen Nächten im Walde herum. Wieder und wieder pflegte ein äsender Hirsch zwischen den süßduftenden Gräsern argwöhnisch den Kopf zu heben und die Nüstern zu blähen, während die Schattengestalt eines alten indianischen Weibes verstohlen zwischen den Baumstämmen dahinhuschte. Danach drehte er sich wohl behutsam windwärts, immer wieder feinfühlig die Luft einsaugend, um die vielen Botschaften zu sichten, die seine Nase ihm vermittelte, und der Gefahr auf die Spur zu kommen, welche ihm von diesem wandelnden Bündel menschlicher Gerüche drohte.

Wieder und wieder warnte Katoya ›Sieben Brüder‹ vor der drohenden Gefahr, deren Nahen sie spürte, da sie ihm aber keinen handgreiflichen Beweis für ihre Behauptungen zu bringen vermochte, neigte er immer mehr dazu, die ganze Geschichte von Thunderboys Abenteuer für den übertriebenen Bericht eines Kindes anzusehen. Außerdem wurde er alt und bequem, wie alt, wußte er selbst nicht, denn sein Totempfahl nahm es mit den Daten nicht so genau. Trotzdem waren zahlreiche interessante Zeichen eingeritzt, die bei sorgfältiger Entzifferung durch viele Monde lange Strecken in die Zeit zurückführten. ›Sieben Brüder‹ saß unendlich viel lieber vor seiner Hüttentür in der Sonne, die Stunden verträumend, als daß er sich über allerlei Vorbereitungen für ein Ereignis aufregte, das vielleicht niemals eintreffen würde.

Soweit ersichtlich, enthielt sich Katoya ebenfalls aller Vorbereitungen. Die einzige bemerkenswerte Änderung in ihrer Lebensweise bestand darin, daß sie sich häufiger als sonst in den Wäldern verlor, und daß sie es ihrem Enkel untersagte, diese überhaupt zu betreten.

Das Überraschendste aber war, daß er ihr gehorchte. Im übrigen war er Erwachsenen gegenüber genau so aufsässig wie alle Indianerknaben seines Alters, aber er besaß einen feineren Instinkt als seine Kameraden. Er folgte Katoya, nicht weil sie seine Großmutter war, sondern wie ein Wolfsjunges der Wölfin folgt – weil sein Instinkt ihm verriet, daß Gehorsam Sicherheit bedeutete.

Über drei Wochen waren seit Thunderboys Zusammentreffen mit ›Narbengesicht‹ verstrichen, als Katoya, die sich weiter als sonst in den Wald hineingewagt hatte, auf das stieß, wovor sie sich die ganze Zeit gefürchtet. Langsam umschritt sie einen Sumpf am nördlichen Abhange des Wolfsrückens, als sie im Schatten einiger mächtiger Schierlingstannen den Schein schwelenden Feuers gewahrte. Sie hielt wie angewurzelt inne und lauschte, doch bis auf das Gequak der Frösche und den wiederholten Ruf einer einsamen grauen Eule am anderen Ende des Sumpflandes blieb alles still. Der Mond stand jetzt in seinem letzten Viertel und warf nur mehr ein trübes Licht. Trotzdem nahmen Katoyas nachtgewohnte Augen die scharfen Umrisse von Gegenständen wahr, welche ein durchschnittliches Sehvermögen kaum erkannt hätte. Ja, von der Stelle aus, wo Katoya jetzt stand, vermochte sie dunkle Gestalten zu unterscheiden, Gestalten, von denen sie wußte, daß es Indianer waren, die, in Decken gehüllt, die Füße zum Feuer hinstreckten.

Mit äußerster Vorsicht schlich sie näher; der Anblick, der sich ihr bot, überzeugte sie, daß sie hier auf ein Lager der ›Schlangen‹ gestoßen sei. War dem so, und wurde ihre Anwesenheit entdeckt, so würde sie der rasche sichere Tod einer Spionin treffen. Trotz dieser Gefahr drang sie weiter vor. Die Indianer lagen anscheinend alle im tiefen Schlafe, allein Katoya war der letzte aller Menschen, der bloßem Schein traute. Als sie obendrein hinter der ersten Gruppe unter den Tannen noch einen zweiten und dritten Trupp Indianer entdeckte, wurde ihr klar, daß sie nicht zufällig an einen Vortrupp von Kundschaftern, sondern an die Hauptmacht des Feindes geraten sei. Jetzt erst erkannte sie voll die ungeheure Gefahr, die ihr drohte. Ein falscher Schritt, das Knacken eines Zweiges – ein Alarmruf und hundert Krieger würden erschreckt auf die Füße schnellen, ehe sie die Möglichkeit zu fliehen hätte. Doch sie kehrte nicht um, sie verfolgte einen bestimmten Zweck. Sie mußte jedes Risiko auf sich nehmen, um bei ihrer Rückkehr ihrem Stamm genaue Angaben über die Stärke des Feindes machen zu können.

Durch tiefen Schatten, durch mattes Dämmerlicht von Mond und flackerndem, sterbendem Lagerfeuer, Kreis um Kreis schlafender Krieger umschreitend, glitt Katoya näher, geräuschlos gleich einem Traumgesicht.

Wer vermag zu sagen, welch geheimnisvolle Warnung den Schläfer aus tiefem Schlafe schreckt, oder weshalb die Botschaft den einen trifft und an dem anderen vorüberschwingt? Katoya enthielt sich jeden Geräusches, das den leichtesten Schläfer hätte wachrütteln können. Die Waldmäuse waren bei ihrem Huschen über das gefallene Laub nicht leiser als sie. Und doch – wiewohl sie sich dem Gehör vollständig verbarg und sich auch nahezu unsichtbar machte, vermochten all ihre geheimnisvollen Kräfte nicht zu verhüten, daß ein Teil ihrer machtvollen Persönlichkeit sich in das Schweigen der Nacht ergoß.

Plötzlich rührte sich einer der Schläfer und erhob sich auf seinen Ellbogen.

Keine zwölf Schritt von ihm entfernt hielt Katoya den Atem an. Die Glut des benachbarten Feuers erhellte klar des Mannes Unterkörper, aber seine Schultern und sein Gesicht befanden sich im Schatten. Noch während sie ihn beobachtete, jede Sekunde auf Entdeckung gefaßt, zerfiel eines der schwelenden Scheite und sank zu Boden. Im nächsten Moment zischte und züngelte eine prasselnde Flamme empor. Der Indianer richtete sich auf, so daß sein Antlitz jetzt voll in den Lichtkreis trat. Er zeigte, vom Mund zum Ohre laufend, eine tiefe Narbe.

Eine Sekunde lang war es Katoya, als stünde ihr Herz still. Sie wußte, es bedeutete für sie das Ende, falls er sie entdeckte. Sie rührte sich auch nicht um den Bruchteil eines Zentimeters, nur ihre Finger tasteten instinktiv nach dem Griff ihres Jagdmessers.

Mit forschenden Augen suchte ›Narbengesicht‹ den Kreis der Dunkelheiten ab. Rechts und links sah er die regungslosen Gestalten seiner Kameraden. Er sah die Birkenstämme sich gleich trübem Silber von dem schwarzen Hintergrunde abzeichnen. Er sah oder glaubte doch den grauen Stumpf eines abgestorbenen Baumes zu sehen, dessen Krone längst niedergebrochen war. ›Narbengesichts‹ vom flackernden Feuerschein getrübte Augen ruhten einen Augenblick auf dem verstümmelten Stamm, glitten dann zu den übrigen Bäumen hinüber, kehrten noch einmal an den gleichen Punkt zurück und verweilten dort, als sei ihm irgend etwas aufgefallen, nahmen dann aber zum Schluß doch wieder argwöhnisch in anderer Richtung die Suche auf. Als sie das nächste Mal zu dem Baumstumpf zurückschweiften, war dieser verschwunden.

Ein untergehender Mond im letzten Viertel warf einen matteren Schein denn je – trübe genug, wahrlich, in dem endlosen Labyrinth, durch das Katoya sich ihren Weg ertasten mußte. Doch wie alle wilden Seelen, ob Mensch oder Tier, verließ sie sich, was ihr Richtungsgefühl betraf, auf andere Kräfte als ihr Sehvermögen. Jener seltsame Ortssinn, mittels dessen Elch, Wolf und primitiver Mensch sich ihren Weg in mondlosen Nächten durch die fährtelose Wildnis bahnen, genau bis an den Punkt zurück, den sie viele Stunden zuvor verlassen haben, leitete auch Katoyas Schritte. Ob ›Narbengesicht‹ nun seinen Fehler entdeckt und Alarm geschlagen, oder ob er sich einfach wieder schlafen gelegt hatte, entzog sich ihrem Wissen. Sie wußte nur, daß ihre Befürchtungen der letzten Wochen sich als nur allzu begründet erwiesen hatten, und daß die Gefahr, deren Nahen sie schon seit langem gespürt, jetzt unmittelbar in ihrer Nähe lauerte, wußte, daß ihr Volk noch vor Ablauf weniger Stunden sich gegen den Angriff seines Todfeindes rüsten mußte.

Trotz des zerrissenen Geländes, über das der kürzeste Weg zu ihrem heimatlichen Dorfe führte, erreichte sie dieses bereits bei Tagesanbruch. Ohne einen Augenblick zu verlieren, berichtete sie ›Sieben Brüder‹ das Vorgefallene. ›Sieben Brüder‹ aber war eben erst aus dem Schlafe geschreckt und liebte es durchaus nicht, so früh am Tage in seiner Ruhe gestört zu werden. Nach allem, was Katoya sagte, lag das Lager der Feinde ja noch eine weite Strecke entfernt; höchstwahrscheinlich würden sie erst am folgenden Tage angreifen, vorausgesetzt, daß sie nicht ihre Pläne änderten und überhaupt auf den Angriff verzichteten.

Als der Tag vorrückte, wuchs Katoyas Unruhe. All ihre Sinne waren in nordwestlicher Richtung dem Walde zugewandt. Sie fühlte, von dort würde die Gefahr kommen, obwohl sie dafür keinen besonderen Grund angeben konnte. Unablässig wanderte sie durch das Dorf und ermahnte immer von neuem die Krieger, ihre Waffen bei der Hand zu haben, denn der Feind befände sich jetzt in unmittelbarer Nähe. So dringend und überzeugend waren ihre Warnungen, daß selbst ›Sieben Brüder‹ aus seiner gewohnten Gleichgültigkeit aufgerüttelt wurde und befahl, sämtliche Zugänge zu dem Dorf scharf zu bewachen und jeden wehrfähigen Mann zum Kampfe auszurüsten. Trotz ihres natürlichen Mutes befand sich Katoya in gedrückter Stimmung. Die ›Schlangen‹ waren eine wilde, blutdürstige Rasse; als Kämpfer hatten sie sich einen furchtbaren Ruhm errungen. Von Kindheit an hatte der Name der ›Schlangen‹, deren Hütten tief in der Wildnis des Westens lagen, Katoya als Bezeichnung für jene große Gefahr in den Ohren geklungen. »Die ›Schlangen‹ werden dich gefangen nehmen!« hatte die Drohung gelautet, mit der ihre Eltern sie eingeschüchtert hatten, wenn sie ungehorsam gewesen oder allein in den Urwald gegangen war. Ihre späteren Erfahrungen hatten ihr dann nur allzu häufig den Beweis geliefert, daß die Furcht vor den ›Schlangen‹ kein leeres Schauermärchen war. Nicht allein die Indianer fürchteten sie, auch in den Siedelungen des weißen Mannes verbreiteten sie den gleichen Schrecken.

Der Nachmittag wurde zum Abend, der Abend begann sich zur Dunkelheit der Nacht zu vertiefen, und über den östlichen Tannen brannte das satte, orangenfarbene Licht eines indianischen Sonnenuntergangs. Noch immer kein Zeichen des Feindes! Noch immer störte nichts das feierliche Schweigen der sich verdichtenden Dämmerung. Da erscholl ganz plötzlich aus der Richtung des Wolfsrückens Fuchsgebell. Der Ruf wurde etwas weiter nach Norden zu aufgenommen, als antwortete eine Füchsin ihrem Männchen. Dann erneutes tiefes Schweigen. Mochte es nun auf den Hängen des Wolfsrückens heute gute oder schlechte Jagd geben, die Sippe der Füchse schwieg sich darüber aus.

Für indianische Ohren besaß der gewohnte Fuchsruf nur geringe Bedeutung. Doch vermochte die häufige Wiederkehr der altvertrauten Laute das an die schärfsten Nuancen gewöhnte Ohr nicht abzustumpfen. Unter jenen, die sorgenvoll dem leisesten Rascheln im Urwald oder in den Lüften lauschten, befand sich auch ein Ohrenpaar, das an diesem besonderen Fuchsgebell irgend etwas Verdächtiges entdeckte. Die Schärfe von Katoyas Ohr übertraf um vieles selbst den sehr hochentwickelten Gehörsinn des Durchschnittsindianers, und Katoya fand jene Laute mehr als zweifelhaft. Sie erkannte, daß sie von keinem Mitglied der Fuchssippe stammten, aber sie hatte sich auf das, was jetzt mit Riesenschritten nahte, vorbereitet. Ohne die sichere Kunde, daß der Urwald nicht länger einen gefahrlosen Aufenthaltsort böte, hätte sie längst das Dorf verlassen. Doch wenn sie auch selbst das Risiko auf sich genommen hätte, schrak sie davor zurück, Thunderboy den lauernden Fährnissen der Wälder auszusetzen. Außerdem hatten ihre Warnungen ja Früchte getragen, selbst ›Sieben Brüder‹ schien gegen die heranrückende Gefahr gewappnet, und da der Stamm über zahlreiche wohlausgerüstete Krieger verfügte, war die Wahrscheinlichkeit einer Überrumpelung gering. Jetzt, da die Gefahr ihnen dicht zu Leibe rückte – so dicht, daß man ihren Atem hinter dem ersten Gürtel der Bäume zu spüren vermeinte – erteilte Katoya ihrem Enkel die letzten Verhaltungsmaßregeln.

Ihre Hütte lag am äußersten Rande des Dorfes in der Nähe des Flusses, der an dieser Stelle einen Bogen beschrieb, welcher die Siedelung von zwei Seiten schirmte. In einer kleinen Bucht unterhalb der überhängenden Böschung, nach der Landseite hin durch riesige Büschel Grases gedeckt, lagen die Kanus des Stammes am Ufer hochgezogen. Falls es zum Allerschlimmsten käme, beabsichtigte Katoya auf dem Wasserwege zu entfliehen. Im Schutze der zunehmenden Dämmerung führte sie Thunderboy nach der Bucht hinunter mit der Anweisung, sich unter der Böschung in ihrem eigenen Kanu zu verbergen; dann verschwand sie, doch nicht bevor sie ihm eingeschärft hatte, sich unter keinen Umständen, was immer er auch hören oder sehen möge, bis zu ihrer Rückkehr vom Flecke zu rühren.

Thunderboy war seiner Großmutter autokratische Neigungen und ihr unerwartetes Verschwinden allzusehr gewohnt, um sich über ihr gegenwärtiges Benehmen zu wundern. Also blieb er still in seinem Verstecke liegen und wartete geduldig die Ereignisse ab. Auf seinem Beobachtungsposten unterhalb der Uferböschung war das Dorf seinen Blicken entzogen, sobald er jedoch das Schilf auseinanderbog, vermochte er einen großen Teil des Flußlaufes bis zu der Stelle hin zu überblicken, wo der Strom nach Süden abzweigte. Trotz der Dunkelheit spiegelte die Wasserfläche noch die leuchtenden Farben des Himmels wieder. Auf beiden Ufern ragte der dunkle Wall des Waldes gleich schwarzen Felsklippen. Thunderboy fürchtete sich sonst nicht, im schwindenden Tageslicht in der Nachbarschaft der Bäume zu weilen; heute abend jedoch herrschte eine drückende Vorahnung drohender Gefahr im Dorf, und diese, verbunden mit der Spannung und Aufregung sämtlicher Einwohner, flößte ihm eine dumpfe Unruhe ein, während er über den schimmernden Strom nach dem fernen Waldufer spähte. Nichts entging ihm. Er sah dort, wo die Stromwirbel kreisten, matte Schattenstreifen. Er bemerkte den Unterschied zwischen der schwarzen Tönung an den tiefen Stellen unterhalb der Böschung und dem bloßen Schatten der überhängenden Bäume. Dabei waren seine Ohren nicht minder wach als seine Augen. Sie vernahmen das fast unhörbare Geflüster der gleitenden Strömung, das dumpfe Plätschern der Wellen, die die Weidenwurzeln des gegenüberliegenden Ufers umspülten; vernahmen das Pfeifen eines Rebhuhnvolkes in dem Erlengestrüpp, durch die Ferne zu einem murmelnden Geschwätz gedämpft und von dem Gurgeln des Wassers kaum unterscheidbar. Aber all das waren Geräusche, wie man sie an jedem ruhigen Abend hörte, sobald kein Luftzug ging. Die Laute, auf die Thunderboy horchte, waren stumm, verschlossen in den Kehlen verstohlen sich nahender Gestalten, deren Füße, wie der Fluß, nahezu geräuschlos dahinglitten. Allmählich verdichteten sich die Schatten der Dämmerung kaum merklich zur Nacht, und der Wald stand, eine undurchdringlich schwarze Mauer, gegen den bleichenden Himmel. Das murmelnde Geschwätz in dem Erlengebüsch erstarb zu einem schläfrigen zeitweisen Glucksen, und tiefe Stille herrschte bis auf den gelegentlichen Sprung eines Fisches oder das Plätschern einer Bisamratte, die im Vorbeischwimmen mit dem Schwanze das Wasser peitschte.

Da zerriß ohne jede vorherige Warnung wildes, durchdringendes Geheul die Luft. Von diesem Augenblicke an tobte ununterbrochen ein Höllenlärm. Das Gekreisch der Weiber und Kinder vermischte sich mit dem Knall der Feuerwaffen und übertönte selbst das Kriegsgeschrei der Männer. Dem Tumulte nach zu schließen war der Kampf an einem halben Dutzend Stellen zugleich entbrannt. Am ganzen Leibe zitternd, duckte sich Thunderboy unter die Uferböschung. So sehr ihn die Angst auch schüttelte, einzig und allein sein der Großmutter gegebenes Versprechen hinderte ihn daran, in die Hütte zurückzustürzen, um sich zu überzeugen, daß die alte Frau sich auch wirklich in Sicherheit befände. Während so die Minuten zerrannen, wuchs seine Furcht. Das Getümmel stieg und verebbte in mörderischen Wogen, die ihm Todesangst einjagten. Noch immer kam sie nicht. Inzwischen war es sehr dunkel geworden, so dunkel, daß auf dem fernen Ufer alles in Finsternis versank und die Kanus nur noch schwarzen Schatten glichen, welche mit der Düsternis der Ferne verschwammen. Allmählich packte ihn die entsetzliche Furcht, seine Großmutter würde vielleicht nie wiederkehren. Wenn man sie nun auf ihrer Flucht gefangen genommen hätte? Wenn man sie gar ... das Entsetzliche dieses Gedankens stach ihm in die Brust und trieb ihm das Blut aus dem Herzen ... wenn man sie gar getötet hätte?

Endlich fühlte er, daß die Ungewißheit seine Kräfte überstieg. Da hörte er das dumpfe Tappen eilender Mokassins und jemand lief die Uferböschung herunter. Sie kam – endlich, endlich!

Atemlos, gedämpft rief sie seinen Namen, während er ihr entgegenstürzte. Gleichzeitig erhob sich erneutes Getöse, – ein Schreien und ein verzweifeltes Kreischen wie von einem großen, herbeistürmenden Menschenhaufen.

»Rasch!« rief Katoya. »Sie kommen!«

Thunderboy bedurfte dieses Befehles nicht. Außer sich vor Furcht, sprang er in das Kanu und half seiner Großmutter, es zu Wasser zu lassen. Der Lärm schwoll an und vertiefte sich. Es war, als schwinge der dunkle Vorhang der Nacht bei diesem Anprall brausender Stimmen.

Als die ersten Indianer die Uferböschung hinabjagten, glitten die schattenhaften Umrisse des Kanus bereits flußabwärts, aufgesogen von der nächtlichen Finsternis.

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