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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Siebentes Kapitel

Wie der ›Kleine Bruder‹ die Situation rettete

Es war im Mond der Rosen, als ›Narbengesicht‹ aus dem Dorfe verschwand. Der Herbst kam, die Gänse kamen, den Gänsen folgte der Schnee, die Bären legten sich für den Winter schlafen, und auch Thunderboy war froh, sich in sein Lager aus den Fellen zahlreicher Bären, die niemals wieder erwachen würden, einkuscheln zu können, während er dem Schneesturm lauschte, der kreischend vom Nordpol daherfegte. Dann kehrte der Frühling zurück, und wieder zogen die Gänse gen Norden, und wieder trieb mit der Hochflut des Sommers der Rosenmond heran, und wieder war die Welt von süßen Düften geschwängert. Aber von ›Narbengesicht‹ und von seinem Verbleib bewegte auch nicht das leiseste Gerücht die lieblichen Luftströmungen.

Während dieser ganzen Zeit – mit Ausnahme der Monate, da der Schnee ihn zurückhielt – ging Thunderboy zur Schule. Das heißt, er hatte zahlreiche Zusammenkünfte mit dem ›Kleinen Bruder‹ und lernte eine Unmenge Dinge, die in ein gewöhnliches Unterrichtsprogramm nicht aufgenommen sind.

Das Schlimme war: der ›Kleine Bruder‹ war eine Art Wanderlehrer, den man nicht immer in der eigentlichen Schule antraf. Dabei waren die Schulräume wirklich recht groß und luftig, um nicht zu sagen zugig, wenn der Wind durch den Cut-bank-Canyon aus dem Norden blies; außerdem boten sie einen umfassenden Überblick über die Geographie des Landes, falls man sich zu überzeugen wünschte, wo die einzelnen Orte und Stätten lägen. Was nun Geschichte betraf, so gab es als Lehrmaterial alte Fichtenstämme und Felsvorsprünge, die einen, soweit man nur irgend wünschte, in die Vergangenheit zurückführten. Im Rechnen – bis zur Zahl sieben – war der ›Kleine Bruder‹ Meister. Von da an verschmolzen die Dinge zu bloßen Pluralbezeichnungen, und der ›Kleine Bruder‹ hatte nicht die leiseste Absicht, sich mit höherer Mathematik zu befassen. Auch Grammatik würde er mit dem größten Vergnügen gelehrt haben, hätte es eine zu lehren gegeben; aber eine Reihe kurzer Bellaute, die in einer Art Geheul endeten, oder die einsilbigen Schreie, welche für ihn Liebe, Haß oder Spiel bedeuteten, bildeten gleichsam Teile seiner Kehle, statt Teile einer Sprache, und bedurften keiner komplizierten Syntax, um dem Sinne nach verstanden zu werden. Was er lehren konnte – und meisterhaft lehrte – war Naturgeschichte. Freilich, wäre ›Gottes Hund‹ so übel beraten gewesen, für diesen Zweig der Wissenschaft einen Lehrstuhl an einer der großen Universitäten anzunehmen, die Behörden hätten sich genötigt gesehen, die Lehrbücher für die gesamte studentische Jugend Amerikas und Europas einer vollständigen Umarbeitung zu unterziehen.

Doch auch der beste Lehrer taugt nichts, wenn er nicht auf seinem Posten zu finden ist, und mehr als die Hälfte der Zeit, da Thunderboy zur Schule ging, trieb der ›Kleine Bruder‹ mit Hilfe von vier Beinen und einem Schwanz auf seinen Streifzügen praktische Geographie.

An einem unvergeßlichen Tage nahm Thunderboy die Gelegenheit wahr und schlich sich unbeobachtet aus dem Dorfe. Das erhöhte nämlich den Reiz seiner Zusammenkünfte mit dem ›Kleinen Bruder‹. Das Ganze mußte furchtbar geheim gehalten werden; niemand – nicht einmal seine Großmutter – durfte wissen, daß er mit ›Gottes Hund‹ auf so intimem Fuße verkehrte, und daß derjenige, der für die meisten Indianer nicht viel mehr als eine Stimme aus der Richtung des Cut-bank-Canyon bedeutete, für Thunderboy nicht nur dem Namen nach, nein auch in Wirklichkeit der ›Kleine Bruder‹ war.

Als Thunderboy den Eingang der Schlucht erreichte, wo gewöhnlich der Unterricht stattfand, war die Stelle leer. Er wußte aus Erfahrung, daß es keinen Zweck hat, einen Coyoten zu suchen; das gescheiteste war, sich auf den Boden zu hocken und zu warten. Das tat er denn auch, und zwar nach Indianerart mit größter Geduld: er wartete und wartete und wartete. Und endlich kam der ›Kleine Bruder‹. Er brachte nicht die geringste Entschuldigung vor, daß er Thunderboy hatte warten lassen, er setzte sich einfach ebenfalls hin, blickte ihn an und grinste. Und aus der Art dieses Grinsens erkannte Thunderboy, daß jener sich trefflich amüsiert hatte und fest entschlossen war, sich in Zukunft noch besser zu amüsieren. Dann aber begann jene Reihe von Fragen und Antworten, von denen jeder wußte, daß der andere sie genau verstünde, obwohl beide sich dabei nicht im eigentlichen Sinne richtiger Worte bedienten.

Ganz plötzlich merkte Thunderboy, daß der ›Kleine Bruder‹ nicht mehr ganz bei der Sache wäre. Er blickte an Thunderboys Kopf vorüber, als habe er hinter ihm irgend etwas Auffälliges entdeckt. Auch hielt er die Ohren gespitzt, als lausche er in weite Ferne, und seine Nase zuckte wohl an die hundert Male in der Minute. Als aber Thunderboy sich umdrehte, vermochte er außer den ragenden Stämmen der Bäume nichts zu sehen. Kein Zweiglein knackte, kein Blatt fiel zur Erde, der Wald sah völlig unverändert aus. Als der Knabe sich wieder umwandte, war der ›Kleine Bruder‹ verschwunden. Thunderboy glaubte, jener würde binnen kurzem zurückkehren, und rührte sich nicht vom Fleck. Aber die Zeit verstrich, und der Coyote ließ sich nicht wieder blicken.

Jetzt begann Thunderboy die Einsamkeit zu spüren, das heißt, wenn er sich auch nicht verlassen fühlte, so hatte er doch das Empfinden, er habe sich jetzt lange genug unter den Bäumen aufgehalten, und es sei an der Zeit, ins Dorf zurückzukehren. Und dann, ganz plötzlich, wußte er, daß er sich umschauen müßte. Dort, keine zwölf Schritt von ihm entfernt, stand ein Indianer mit einer einzelnen Adlerfeder in seiner Skalplocke und in der Tracht eines unbekannten Stammes. Eine dicke Farbschicht bedeckte sein Gesicht, so daß die Züge nur schwer zu erkennen waren. Und doch flößte irgend etwas an diesem Antlitz Thunderboy das Gefühl ein, als habe er es irgendwo schon einmal gesehen. Es war das erstemal, daß er im Walde einem Fremden begegnete, und er wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Daher saß er vollkommen still, aber jeden Muskel zu sofortigem Sprunge gestrafft. Je länger er den Fremden anblickte, um so weniger gefiel ihm dessen Gesicht. Der Mann hatte eine lange, gebogene Nase und eine schmale, fliehende Stirn. Wo diese mit der Nase zusammentraf, hatte sich ein dichtes Netzwerk von Falten gebildet, und unterhalb der Wangen liefen Furchen, tief wie alte Indianerfährten. Aber es waren vor allen Dingen die Augen, die Thunderboy beunruhigten. Die blickten einen an und blickten einen doch wieder nicht an. Es waren verstohlene, rasche, argwöhnische, geheimnisvolle Augen.

Der Mann begann allerlei Fragen zu stellen, viele Fragen, eine nach der andern. Er stellte sie auf ungezwungene Art, wie wenn es ihm ziemlich gleichgültig wäre, ob er darauf eine Antwort erhielt oder nicht. Dennoch wußte Thunderboy ganz genau, daß es durchaus nicht gleichgültig sein würde, wenn er ihm die Antwort verweigerte.

Der Mann war inzwischen sehr nahe gekommen. Thunderboy verstand sich vorzüglich auf Entfernungen. Er wußte ganz genau, wenn man ihm nahe genug zu Leibe gerückt wäre. Er sah, welch dicke Streifen Farbe des anderen Gesicht bedeckten. Aber er sah auch noch etwas anderes, etwas, das kein Farbstreifen war, und das tiefer ging, als eine bloße Bemalung. Dieses Etwas lief von dem linken Ohrläppchen nach dem linken Mundwinkel und besaß eine auffallende Ähnlichkeit mit einer Narbe.

Plötzlich machte der Mann eine eilige Vorwärtsbewegung, aber ein Wiesel hätte nicht behender sein können als Thunderboy, während er sich duckte. Des fremden Indianers Hand glitt in einer Entfernung von einem Viertel Zoll an ihm vorbei. Thunderboy gab Fersengeld. Er war ein rascher Läufer und verstand es, zwischen den Baumstämmen Haken zu schlagen und sich jede Krümmung und Biegung des Weges zunutze zu machen, um seinem Verfolger einen Vorsprung abzugewinnen. Aber er hatte nicht erst Zeit, sich den besten Weg auszusuchen. Sein einziger Gedanke war, in irgendeine Richtung vor dem anderen zu fliehen, um dann so rasch wie möglich nach Hause zu laufen. Er brauchte sich nicht erst umzuschauen, um zu wissen, daß sein Feind ihm dicht auf den Fersen wäre. Das rasche Trapp, Trapp, Trapp der jagenden Mokassins und das Rascheln der Blätter verrieten ihm das zur Genüge, und wiewohl er mit erstaunlicher Schnelligkeit hierhin und dorthin auswich, blieben ihm die furchtbaren Mokassins stets auf der Spur.

Sie befanden sich in einem Teile des Waldes, den Thunderboy sehr gut kannte. Vor ihm lag, deutlich erkennbar, eine Fährte, die fast eine Viertelmeile bergab führte, um sich dann an einem Punkt, wo das Tal sich zu einer Schlucht mit dicht bewaldeten Abhängen verengte, mit einem Bache zu vereinigen. Jenseits der Schlucht dehnte sich offenes Land bis an den Strom und in die Nachbarschaft des Dorfes, wo Thunderboy mit der Wahrscheinlichkeit rechnen durfte, auf Leute seines eigenen Stammes zu stoßen.

Er raffte alle Kraft zusammen, um die Schlucht zu erreichen, doch merkte er bald, daß sein Verfolger das gleiche tat, als sei er mit der hiesigen Gegend genau so vertraut und versuche, ihm vorher noch den Weg abzuschneiden. Die Mokassins jagten jetzt mit ungeheurer Schnelligkeit hinter ihm her. Thunderboy lief wie der Wind, seine fliehenden Füße schienen kaum den Boden zu berühren, und es war ihm, als nähme der Abstand zwischen ihm und seinem Feinde allmählich zu. Da gewahrte er plötzlich zu seinem Schrecken an der Stelle, wo die Fährte, ehe sie sich in das Bachbett senkte, nach Süden abbog, einen mächtigen, vom Winde geknickten Baumstamm mitten in seinem Weg. Das Hindernis war zum Überklettern zu groß, und ein Umgehen auf der einen oder anderen Seite hätte einen Verlust an kostbarer Zeit bedeutet. Rasch wandte sich Thunderboy nach rechts den Berg hinauf. Sein Verfolger aber sah und begriff das Geschehene und stürmte in großen Sprüngen nach dem Bachbett hinunter, um ihm, wenn möglich zuvorzukommen, noch ehe er die Schlucht erreichen konnte.

Kaum hatte Thunderboy das Wurzelende des Baumes umgangen, da sah er den Indianer bereits unten im Bachbett auftauchen und erkannte zu spät, daß er den Ausweg falsch gewählt. Allein er gab immer noch nicht die Hoffnung auf, sondern jagte in verzweifelter Hast den Berg hinunter. Jetzt verwandelte sich die Jagd in ein erbittertes Wettrennen, dessen Ziel die Schlucht war – Thunderboy immer oben auf dem Bergrücken, der Indianer unten in der Tiefe. Dicht vor dem Eingange der Schlucht holte der Feind Thunderboy mit einem letzten Aufwand von Kraft ein. Doch gerade als er triumphierend seine Beute packen wollte, fegte etwas, das einem geschmeidigen Wirbelwind glich, den Abhang hinunter. Als eine Art wirres Traumgesicht erblickte der Mann einen haarigen, grauen Körper, der sich ihm zähnefletschend und knurrend entgegenwarf, und gerade in dem Augenblick, als er Thunderboy an seinem Wildlederhemd festhalten wollte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte der Länge nach zu Boden.

Thunderboy blieb auch nicht eine Sekunde lang stehen. Ihm blieb gerade noch Zeit, in seinem Retter den ›Kleinen Bruder‹ zu erkennen, dann jagte er, den Lärm des Kampfes in seinem Rücken, nach der Schlucht hinab. Er wußte, daß es Wahnsinn gewesen wäre, auch nur den Bruchteil eines Augenblickes innezuhalten, außerdem besaß er volles Vertrauen zu dem Coyoten, daß dieser auch ohne Beistand mit seinem Gegner fertig werden würde.

Völlig außer Atem gelangte Thunderboy in das heimatliche Dorf. Er mußte sich erst eine Weile hinlegen und Kräfte sammeln, ehe er sich in seine Hütte begeben konnte. Als er der Großmutter sein Abenteuer erzählte, blickte sie tiefernst drein. Sie ließ ihn seine Beschreibung des Fremden mehrere Male wiederholen, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß es nichts mehr zu erzählen gab, suchte sie ohne jeden Zeitverlust ›Sieben Brüder‹ auf.

Dieser saß, wie gewöhnlich, in Gedanken versunken vor seinem Wigwam.

»›Narbengesicht‹ ist zurückgekehrt,« berichtete Katoya ohne überflüssige Worte.

›Sieben Brüder‹ wandte den leeren Blick in ihre Richtung.

»Ich habe keine Kunde davon erhalten,« entgegnete er in seiner schwerfälligen Art.

»Ich bringe dir die Kunde,« lautete Katoyas scharfe Widerlegung.

Aufgeschreckt durch ihren Ton, blickte ›Sieben Brüder‹ sie unruhig an.

»Wo ist er, falls er wirklich wiedergekehrt ist?« forschte er.

Katoya deutete mit dem Kopf nach dem Walde hin.

Statt einer Antwort grunzte ›Sieben Brüder‹. Das Grunzen sollte besagen, er wisse ganz genau, daß der Urwald manche Dinge verberge, unter denen eines möglicherweise auch ›Narbengesicht‹ sein könne.

Katoya sah, daß er sich nicht von der Wahrheit überzeugen lassen wollte, daher berichtete sie ihm Thunderboys Abenteuer. Am liebsten hätte ›Sieben Brüder‹ auch jetzt noch an seiner Ungläubigkeit festgehalten, aber Katoya hatte so eine gewisse Art, Geschehnisse darzustellen, die einen zwang, ihr zu glauben, ob man es nun wollte oder nicht. Es war wirklich sehr ärgerlich, daß dieses unheimliche alte Indianerweib gerade in dem Augenblick, da ›Sieben Brüder‹ sich in einer Art tiefen Friedens, der fast einem Nebel glich, zum Rauchen hingesetzt hatte, mit beunruhigenden Geschichten von der Wiederkehr eines Menschen daherkam, der so vollständig dem heimatlichen Gesichtskreis entschwunden war, daß er eigentlich hätte tot sein sollen. Die Zeiten waren keine guten. Es schwebten allerlei Gerüchte in der Luft. Es hieß, der alte Erbfeind, die Schlangenindianer, hätten sich in den endlosen Gebieten westlich des Wolfsrückens in Bewegung gesetzt, und wo immer sich die ›Schlangen‹ bewegten, dort folgte ihnen nach ausgiebigem, geziemendem Kriegstanz und Trommelschlagen der Mord. Um das Maß voll zu machen, war an der Grenze der Friedensfluß-Niederlassung ein weißer Mann getötet worden, und zwar unter Umständen, die Zweifel zuließen, ob nicht ein Indianer dabei die Hand im Spiele gehabt hätte. Es war wirklich sehr beklagenswert, daß die Leute vom Friedensfluß zu jenen gehörten, die die feste Überzeugung hegten, man müsse, wenn man den Frieden wollte, sich nachts bis zu den Zähnen bewaffnet schlafen legen. Jetzt hatten sie jeder einzelnen Rothaut, ganz gleich welchen Stammes, Rache geschworen und hatten den Kommandanten von Fort George davon in Kenntnis gesetzt. In dieser Lage, zwischen den blutdürstigen ›Schlangen‹ einerseits und den kaum minder blutdürstigen Weißen auf der anderen Seite, fühlte ›Sieben Brüder‹, daß er jederzeit in eine verteufelt brenzlige Sache hineingezogen werden könnte, in eine Sache, so heiß wie ein Mus aus kochenden Sarvisbeeren, aber ohne daß der Geschmack der Früchte ihm dabei den Gaumen kitzelte. War ›Narbengesicht‹ in der Tat zurückgekehrt, so hätte er sich keinen unpassenderen Moment dazu ausersehen können.

Also berief ›Sieben Brüder‹ eine Versammlung seiner Krieger, wie er das stets in Zeiten der Gefahr zu tun pflegte. Außerdem lud er Katoya vor den Rat mit der Anweisung, Thunderboy gleich mitzubringen.

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