Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Olaf Baker >

Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
Schließen

Navigation:
Fünftes Kapitel

Wie Thunderboy heranwuchs

Thunderboys Großwerden bildete ein seltsames Gemisch aus mancherlei Dingen. Was seine Erziehung betraf, so konnte man mit Recht behaupten, daß man ihn über Nacht dem weißen Manne entrissen hatte, um ihn in eine um tausend Jahre zurückgebliebene Kultur zu verpflanzen. All das wußte er selbst natürlich nicht. Ihm erschien das spezifisch Indianische seiner Welt als etwas von der Natur Gegebenes, ähnlich dem Aufgehen des Mondes oder der Richtung des Flußlaufes. Er fand das Leben, wie es sich ihm langsam entfaltete, wunderbar, nicht weil es sich von allem, was er früher kannte, unterschied, sondern weil es ihm neu war. In den Wigwams wurde man nicht in Zuckerkisten von Dingen, welche knisterten, erwärmt, und obwohl auch hier das Feuer seine Stimmen hatte, raunten diese doch nicht geheimnisvoll in eisernen Käfigen, vollgepfropft mit Licht und Hitze. Die Lagerfeuer waren Thunderboy eine endlose Freude. Die frischen, harzigen Kiefernhölzer prasselten und zischten und schwatzten in der Sprache des Waldes so rasch, daß man ihnen gar nicht folgen konnte. Das einzige, was man dabei begriff, war, daß sie eine kräftige, scharfe, gepfefferte Sprache redeten und daß sie es sehr eilig hatten; über kurz oder lang sah man dann bis tief in den Rachen des Feuers hinein ihre Zungen als gelbe flackernde Flammen aufschießen.

Wie die Flammen hüpften und tanzten und ihren Schein über den Kreis brauner Gesichter warfen und über die rauchgekrönten Hütten! Ja, selbst auf dem Flusse bis zu den ersten Bäumen hin führten sie einen wilden Lichter- und Schattentanz auf! Wunderbar war das Dorf bei Tage, wunderbarer noch bei Nacht, denn dann pflegten hohe, in Decken gehüllte Gestalten mit Federn im Haar aus dem Nichts in den Kreis des Feuers zu treten, nur um wieder in das Nichts zu entschwinden, während der Lichtschein über ihre Rücken huschte. Allmählich begann Thunderboy diese flammenerhellten Personen an ihren Gesichtern und Namen zu erkennen. Da war Pomiskah, der schwerste Mann im ganzen Dorf, der sich niemals anstrengte, wenn er es vermeiden konnte. Daher war es auch nicht weiter erstaunlich, daß der Feuerschein, wenn er über ihn hinwegtanzte, über große, schwere Fettmassen glitt, die im Gehen wackelten. Ferner war da Kioneska, der Flußmensch, der im Schwimmen und Tauchen Ungeheures leistete, und der ein Kanu, gleich einem lebenden Wesen, durch das Wasser tanzen ließ. Und ›Drei Bären‹ – so genannt, weil er unten in Montana eigenhändig drei Grizzlybären getötet hatte, und der immer lauernd und vorsichtig umherstrich, als stelle er einem vierten nach. Und dann kam unsicheren schlängelnden Schrittes ›Kleines Kleid‹ geschritten, dessen Verstand seinem Gang glich, und den – nach dem mitleidigen Indianerglauben – ›der Große Geist berührt hatte‹; ›Kleines Kleid‹ konnte daher auch nicht sein wie andere Menschen. Ihn betrachtete Thunderboy stets mit ehrfürchtigem Staunen als ein höheres Wesen, vertraut mit den Dingen, die jenseits der Bäume lagen. Und endlich kam und ging, ein stumpfes Licht in den scheelen Augen, eine hohe, etwas gebeugte Gestalt: ›Narbengesicht‹, der mit der Zunge weiche Worte sprach und mit den Händen harte Dinge verrichtete. Und wo immer jene dunkle Maske von einem Gesicht in den Feuerschein trat, kam Thunderboy das unheimliche Gefühl, als flamme das Licht bei der Berührung mit des anderen Narben auf.

So vertraut all diese verschiedenen Gestalten Thunderboy bei Tage auch erschienen, bei Nacht war es ihm, als verschmölze jede einzelne von ihnen mit einem fremden Menschen, der in dem unruhigen Feuerschein allerlei Gesichter schnitt. Selbst wenn Thunderboy zu Bett gegangen war, konnte er noch durch den Eingang der Hütte jene vermischten Gestalten, die er kannte und doch auch wieder nicht kannte, und deren hell erleuchtete Gesichter die Schatten der Nacht kreuzten, geräuschlos hin und her ziehen sehen.

Und dann waren da Geräusche: Geräusche aus dem Dorf, Geräusche der Außenwelt und Geräusche, die auf dunklen Luftströmungen aus weiter Ferne sein Ohr trafen. Die Dorfgeräusche lernte er bald unterscheiden: das Weinen eines neugeborenen Indianersäuglings, der, ohne es je gelernt zu haben, den schrillen Kriegsruf sämtlicher Indianerbabys, die eine Beschwerde vorzubringen haben, ausstieß, Beschwerden, so alt wie die Welt, die meist mit dem Magen oder Zähnen zusammenhingen: das Gebell oder Kampfgeheul indianischer Hunde, gleichfalls von der Natur gelehrt, weil auch die Welt der Hunde, wie die der Säuglinge, vom Hunger beherrscht wird und ihr Leben gewissermaßen ein Dasein des Zupackens und Verschlingens ist, wo alles vom Kopf bis zum Schwanz um das nackte Leben kämpfen und so zäh und fest wie die Haut eines alten Elchbullens sein muß; ferner das hohle Geräusch der Medizintrommel, bald langsam, bald rasch, bald leise, bald laut geschlagen, je nach der Beschaffenheit von des Patienten Krankheit, die das Trommeln kurieren soll; und so scharf und empfänglich war Thunderboys Ohr in der Auseinanderhaltung von Rhythmus und Umfang jedes Geräusches, daß er sehr bald des einen Medizinmannes Trommeln von dem des anderen zu unterscheiden vermochte. Besonders die Vorführungsweise des ›Rennenden Wiesels‹ war leicht zu erkennen, denn der hub stets sehr langsam und leise und in unregelmäßigen Zwischenräumen zu trommeln an, wie um des Kranken Puls, den man deutlich klopfen hörte, nachzuahmen; dann aber schwollen die Töne an, lauter und rascher, bis sie einem ununterbrochenen Brausen und Donnern glichen wie bei dem großen Gewitter, währenddessen Thunderboy zur Welt gekommen war, und dem er seinen Namen verdankte. Manchmal war da auch ein Singen – Frauen sangen die alten Volksweisen von Krieg und Liebe und Jagd, von Sonne, Mond und Sternen – mit langausgedehnten Tönen, die in die klagende Molltonart von Wolf und Fuchs übergingen; oder aber es waren scharfe Laute gleich dem Gebell des Coyoten, und mitunter auch, wenn das Singen aus weiter Ferne kam, ähnelte es dem leisen, stoßweisen Sausen des Windes in den Baumwipfeln, wann in unruhigen Nächten der Kalbsledervorhang gegen die Wände der Hütte klatschte.

Bestanden die Nächte aus Flammen und Schatten von Flammen, aus Trommeln und Gesängen, so setzten sich die Tage aus gewaltigem Sonnenlicht und brausendem Wasser zusammen, aus Hineinpurzeln in den Fluß und aus Wieder-herausgefischt-Werden; aus Raufereien mit ›Weißschwanz‹, des ›Rennenden Wiesels‹ siebenjährigem Sohne, der Thunderboy zu tyrannisieren versuchte, und der für all seine Bemühungen ein blaues Auge davontrug; aus geheimnisvollen Verschwörungen und Streichen in Gemeinschaft mit ›Weißschwanz‹, nachdem sie sich versöhnt und Freundschaft geschlossen hatten, Streichen zur Bekämpfung und Vernichtung von ›Fettschmelzerin‹, welche von Müttern mit großen Familien als eine Art Allerweltstante oder Privatpolizei zur Unterdrückung ungezogener Bengels betrachtet wurde. Später kamen dann noch Ausflüge hinzu, die er flußabwärts in Kioneskas Kanu unternahm, und auf denen er Rudern, Schwimmen, Tauchen und Fischen lernte, bis er sich allmählich im Wasser ebenso zu Hause fühlte wie an Land.

Während so ein Mond in den anderen hinüberglitt und mit ihnen Thunderboy vom Kinde zum Knaben heranwuchs, entwickelte er sich zu einer kleinen unverfälschten Rothaut, und allmählich vergaß der Stamm, daß er in Wahrheit zur Hälfte ein Bleichgesicht wäre; ja, sein vermeintlicher weißer Vater verblaßte allmählich immer mehr, bis er endlich ganz hinter den Bäumen verschwand.

Es war ein rasches Wachstum, dieses Heranreifen in der kräftigen Waldluft mit ihrem würzigen Harzgeruch. Aber nicht allein der starke Tannenduft schulte Thunderboys Sinne, sondern sämtliche Düfte des Waldes – der Hauch von Zeder, Tamariske und Balsamtanne – drangen ihm ins Blut und trugen die Seele der Wildnis in seine eigenste innerste Seele hinein. So lernte er im Heranwachsen nicht nur die Lehren von Indianerdorf und Fluß, sondern gleichzeitig zahlreiche Geheimnisse des unerforschten Waldes, und das auf eine Weise, die selbst seine Großmutter nicht ahnte, und deren Geheimnisse er nur mit dem ›Kleinen Bruder‹ teilte.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.