Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Olaf Baker >

Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
Schließen

Navigation:
Viertes Kapitel

Der ›Kleine Bruder‹

Die Monde schwanden dahin. Es war der Mond, da die Gänse nordwärts ziehen, als der ›Kleine Bruder‹ zuerst die Ohren spitzte; das heißt, als ihm eine ganz besondere Sache auffiel. Sie fiel ihm das erstemal auf, sie fiel ihm ein zweites Mal auf, und das dritte Mal war sie so auffallend, daß er beinah niesen mußte.

Das erstemal schwebte dieses Etwas hauchdünn über den Boden dahin – ein Gespenst von einem Geruch. Doch des ›Kleinen Bruders‹ Nase war fein, unerhört fein und durch eine endlose Reihe von Vorfahren auf ihn überkommen; ja, so scharf war sein Geruchssinn, daß man den ›Kleinen Bruder‹ fast als eine Nase auf vier Beinen hätte bezeichnen können. Zwar verlor er die Spur, nachdem er sie eine kurze Strecke verfolgt hatte, aber das nur, weil das Geschöpf, von dem die Spur stammte, bereits vor längerer Zeit hier vorübergegangen war. Das drittemal war der Geruch so stark und traf den ›Kleinen Bruder‹ so überraschend, daß er, wie gesagt, beinah geniest hätte. Und indem er dem Geruch nachging, stieß er auf eine Fährte.

Nun war aber ›Kleiner Bruder‹ ein großer Kenner von Fährten. Da war zum Beispiel die Fährte des wandernden Renntiers, die auf ausgetretenen Pfaden, welche tiefer als die Schnitzereien der Totempfähle in die Geschichte einschnitten, über den halben Erdteil führte. Dann waren da Spuren weichgepolsterter Sohlen von Luchs oder Silberlöwe, Spuren, denen man nur mit größter Vorsicht nachgehen durfte, im Falle ein lautloser Schritt des Weges daherkäme. Daneben gab es winzige Fährten von Hase, Nerz und Marder, und diese schlängelten sich durch dämmrige Tunnels nach allen möglichen geheimnisvollen Unterschlupfen im Gras. Die allerkleinsten aber waren die Fährten der Waldmäuse, wahre Elfenfährten und, wie diese, kaum wahrnehmbar. Jene besondere Fährte jedoch mit dem in der Nase kitzelnden Geruch unterschied sich von allen übrigen. Sie stammte von kleinen Mokassins, in denen ein Paar unverfälschter Indianerfüße staken.

Der ›Kleine Bruder‹ hatte nichts gegen Indianer einzuwenden, solange sie ihm nicht zu nahe kamen. Seit dem Tode seines Weibchens, das durch einen Tritt von dem Vorderhuf eines wütenden Elchs gestorben war, hatte er sich keine zweite Frau genommen und lebte, fern aller Familiensorgen, in einer alten Höhle am Südabhang des Cut-bank, von wo aus er mit scharfen Augen die Welt beobachtete. Diese Höhle besaß nicht weniger als drei Ausgänge, so daß der ›Kleine Bruder‹, sobald unliebsame Gäste erschienen, sich in überraschend kurzer Zeit ›auf Reisen‹ melden konnte. Da jeder dieser drei Ausgänge außerdem noch einen Landstrich, so lang und so breit wie ein ganzes Kirchspiel, beherrschte, hatte der ›Kleine Bruder‹ jede Möglichkeit, zu beobachten, was für Geschöpfe dort draußen in der Welt ihr Wesen trieben.

Er folgte jener Spur in einem losen, schlenkernden Trabe, denn sie war dem Geruch und dem Gesicht nach leicht zu unterscheiden, und sein Gang war der Gang aller Coyoten. Lose baumelte ihm der Schwanz zwischen den Beinen, die so locker in ihren Gelenken saßen, daß sie scheinbar dauernd durcheinandergerieten und man das eine nicht vom andern zu unterscheiden vermochte. Ja, so leichtfertig und oberflächlich schienen seine Glieder zusammengefügt, daß man fürchten mußte, sie würden eines schönen Tages beim Laufen auseinanderfallen. Und doch konnte ›Gottes Hund‹ – auch einer seiner Indianernamen – jagen wie der Wind und erreichte jedes Ziel, wie manche schnellfüßige Antilope zu ihrem Schaden bezeugen konnte.

Plötzlich blieb der ›Kleine Bruder‹ stehen. Dort, mitten auf der Spur saß ein ganz kleiner Indianerjunge und hantierte auf geheimnisvolle Weise mit einem Stock.

Der ›Kleine Bruder‹ fürchtete sich nicht – oh nein, durchaus nicht! Der Junge war ja noch sehr klein und sein Stock auch nicht allzu lang. Obendrein besaß der ›Kleine Bruder‹ in seinem Inneren ein, zwei Stahlfedern, die seinen Körper durch die Luft und über jede Gefahrzone hinausschnellen konnten, gleich einem Gummiball, ehe man noch mit der Wimper zuckte. Daher duckte er sich nur zur Erde, bis sein Bauch den Boden berührte, und sog mit gerunzelter Nase den starken indianischen Körpergeruch ein.

Lange Zeit fuhr Thunderboy fort, mit dem Stocke zu spielen; er merkte nicht, daß ein Paar schlaue, funkelnde Augen, leuchtend wie Käferflügel im Grase, ihn beobachteten. Da warnte ihn der sechste Sinn der wilden Tiere und Völker, daß er nicht allein wäre, und rasch drehte er sich um.

Er war ein wenig erschrocken, als er, halb im Grase versteckt, den langen, grauen Körper eines großen Coyoten sah, aber er war ein echter Indianer und glaubte daher nicht, daß das Geschöpf ihm übel wollte. Außerdem wußte er, daß man, um herauszufinden, wie ein Geschöpf der Wildnis sich benehmen würde, nur ganz still zu sitzen brauchte. Er zuckte daher auch nicht mit einer Muskel seines Körpers oder Gesichtes, sondern blickte nur den Coyoten fest an, und der Coyote erwiderte den Blick mit gleicher Festigkeit. Dieses wortlose Bekanntwerden hatte schon eine ganze Weile gedauert, als Thunderboy einige Bemerkungen machte. Er sprach mit leiser, weicher, zärtlicher Stimme, wie um auszudrücken: Ich will dich nicht erschrecken, du wirst mich nicht erschrecken. Ich bin nur ein kleiner Indianerjunge, du bist nur ein Coyote; und in uns beiden lebt nichts Böses, das uns hindern könnte, Freundschaft zu schließen.

Versteht mich nicht falsch. Als Thunderboy das sagte, sagte er es nicht wirklich, das heißt, er bediente sich nicht dieser einzelnen Worte. In Wahrheit goß er lediglich sein Inneres in die Form jener Worte und schoß diese gleich einem Pfeil in des ›Kleinen Bruders‹ Hirn, so daß ihr gesamter Inhalt in diesen strömte. Und der ›Kleine Bruder‹, statt sich zu wundern, nahm die Sache als eine Art Selbstverständlichkeit hin und setzte sich auf die Hinterschenkel und grinste. Wenn aber der ›Kleine Bruder‹ grinste, so ließ er seinen Unterkiefer seinem Oberkiefer Lebewohl sagen, bis es eine wahre Lust war, die lange Reihe scharfer, funkelnder Zähne zu sehen, die er meist so geschickt in der weiten Höhle seines Rachens zu verbergen wußte.

Thunderboy gewahrte diese Zähne und bemerkte plötzlich:

»Du bist die Stimme!«

Der ›Kleine Bruder‹ erhob dagegen keinen Widerspruch, da er ganz genau wußte, daß seine Zähne zwar einen wichtigen Teil seiner Person bildeten, seine Stimme aber einen anderen nicht minder wichtigen Teil. In der Kunst, sich seiner Stimme zu bedienen, war der ›Kleine Bruder‹ ein vollendeter Meister. Angefangen bei kurzen Kläfflauten, die anschwollen, bis sie in einem schrillen Geheul ausklangen – einem Geheul, mit dem der Coyote nach Coyotenart bei Sonnenuntergang die Luft schwängert – – bis zu dem schallenden, lang ausgezogenen und tönenden Gesang, der die vibrierende Stille unmittelbar vor Tagesanbruch zu durchzittern pflegt, vermochte der ›Kleine Bruder‹ in seiner wilden Wolfskehle ein ganzes Orchester des Grauens in Bewegung zu setzen. Auf Thunderboys Erklärung antwortete er daher lediglich durch ein Nasenrunzeln, das jeder verständige Mensch als ein ›Und du bist der Geruch‹ erkannt hätte.

Thunderboy hatte hiergegen ebenfalls nichts einzuwenden, denn er wußte, welcher schlauen Streiche ein Coyote fähig sein mag, und so sehr seine Augen und seine Ohren ihn auch in die Irre führen können: sein Geruchssinn ist das einzige, was ihn niemals täuscht und was immer die Wahrheit redet. Zwar lebte Thunderboy gewissermaßen in allzu enger Gemeinschaft mit sich selbst, um seinen eigenen Körpergeruch zu spüren, allein die Erfahrung sagte ihm, daß nichts Lebendes die Wildfährten hinauf und hinunter zu wandern vermag, ohne einen Teil seiner Ausdünstungen in die Luft zu ergießen und sich dadurch dem übrigen Waldvolk zu verraten. Nachdem also die wahrheitsliebende Nase des Coyoten über einen Teil von Thunderboys Ich den objektiven Tatbestand ermittelt hatte, setzte sich die Unterhaltung zwischen den beiden als ein Gespräch zwischen einer Stimme und einem Geruche fort.

»Du bist weit weg von dem ›Großen Geruch‹,« bemerkte die Stimme mit erneutem Nasenrunzeln. Unter dem ›Großen Geruch‹ verstand sie natürlich das Indianerdorf mit seinen fortwährenden Ausdünstungen von Feuer und Nahrung und menschlichem Leben, welche die Nasen des Waldvolkes auf lange Entfernungen hin mit dem Winde wittern.

Das entsprach durchaus der Wahrheit. Nie zuvor hatte sich Thunderboy so weit in die Wildnis gewagt, und er war nicht ganz sicher, ob er den Weg zurückfinden würde. Freilich hätte er hierauf erwidern können, daß ein Coyote sich stets weit weg von überall befände, da er sich niemals lange an einem Orte aufzuhalten pflegte. Statt dessen fragte er den Coyoten, wie er ›Es‹ nur fertig brächte und ob er ›Es‹ ihm nicht einmal vormachen möchte?

Da nun der ›Kleine Bruder‹ den ›Kleinen Geruch‹ plötzlich ins Herz geschlossen hatte, ließ er sich nicht erst lange bitten, sondern warf den Kopf zurück, ließ seinen Unterkiefer herabsinken und sandte ein so überraschend durchdringendes Geheul zum Himmel empor, daß die hohen Felsen auf dem Wolfsrücken sich gleichfalls in lauter heulende Stimmen verwandelten.

Nach dieser Probe seines Könnens grinste er seinen neuen Freund an, als wolle er ihn fragen: »Nun, wie gefällt dir das?«

Die Höflichkeit verbot Thunderboy in diesem Falle, seine aufrichtige Meinung zu äußern, denn die nackte Wahrheit war, daß der ›Kleine Bruder‹ eine von jenen Stimmen besaß, die besser wirkten, wenn sie erst durch die Gipfel der Balsamtannen hindurchsickerten, und die Reibung mit der Luft ihnen etwas von ihrer Schärfe genommen hatte. Aber er konnte aus voller Überzeugung bestätigen, daß es eine kräftige, weittragende Stimme wäre, ein wunderbares Blasinstrument, um die Stille zu durchdringen, bis überall Echos den Laut zurückwürfen.

Danach hatten sie einander nicht mehr viel zu sagen ... doch streckte jeder von ihnen mittels drei seiner Sinne unter Ausschaltung von Geschmack und Gefühl alle möglichen feinen Fühler aus, und jene beiden fehlenden Sinne wurden durch einen wunderbaren sechsten Sinn ersetzt, wie ihn nur die wilden oder halbwilden Geschöpfe besitzen, einen Sinn, der weder sieht noch hört noch riecht noch schmeckt noch tastet, sondern der nur Bescheid weiß.

Nachdem also ein jeder sich überzeugt hatte, daß dem anderen zu trauen sei, trennten sie sich in bestem Einvernehmen und gingen ihrer Wege.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.