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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Drittes Kapitel.

Die Beratung

In dem Wigwam des Medizinmannes, auf der geheiligten Matte, den allerheiligsten Medizinbeutel zu Häupten und vor sich die versammelten Krieger, öffnete ›Sieben Brüder‹ endlich nach langem, tiefem Schweigen seinen Mund.

Abgesehen von der Tatsache, daß ›Sieben Brüder‹ der oberste aller Häuptlinge war, erfreute er sich auch eines achtunggebietenden Alters, und wiewohl seine Reden wie seine Zähne knapp und lückenhaft waren, mit schicklichen Unterbrechungen und Pausen, wurden sie doch von seinen Zuhörern sehr geschätzt.

»Tonesta ist zu uns zurückgekehrt,« sagte er mit seiner heiseren Indianerstimme. »Sie hat in den Hütten der Bleichgesichter gelebt, weit im Nordosten.«

Diese Tatsachen waren sämtlichen Anwesenden zur Genüge bekannt, daher schien es kaum notwendig, sie mit solcher Feierlichkeit zu verkünden.

»Sie kommt nicht allein,« fuhr er fort. »Sie bringt ein Kind mit.«

Auch das wußte ein jeder bereits, aber sie liebten es, die Neuigkeit aus dem Munde von ›Sieben Brüder‹ noch einmal zu vernehmen.

»Das Kind hat ein Bleichgesicht zum Vater,« fuhr er fort. »Da nun Tonesta ein Bleichgesicht geheiratet hat, kann sie nicht länger als eine Tochter unseres Stammes angesehen werden.«

Nachdem ›Sieben Brüder‹ also seine Erklärung abgegeben hatte, blickte er feierlich zu dem Medizinbeutel empor, wie um sich das Gesagte noch bestätigen zu lassen.

Es war sehr still in der Hütte des Medizinmannes; keiner sprach oder rührte sich, außer wenn der ›Rennende Büffel‹ eine Handvoll getrockneter, wohlriechender Kräuter, die einen angenehmen Duft verbreiteten, in das Feuer warf. Außerdem lag draußen in einem Umkreis von tausend Meilen haushoher Schnee, welcher der Welt ihre Stimme raubte.

»Weshalb ist sie zurückgekehrt?« fragte ›Narbengesicht‹ nach einer angemessenen Pause.

Seine Frage machte tiefen Eindruck, denn eben das wollten sämtliche Anwesenden wissen, und dann galt ›Narbengesicht‹ auch bei allen als ein Mensch, der bei den zweifelhaftesten Anlässen die schlauesten Fragen zu stellen pflegte, war er doch selbst schlau wie ein Fuchs.

Daher blickte jeder einzelne ›Sieben Brüder‹ an, um zu sehen, was er wohl für eine Antwort erteilen würde. Und ›Sieben Brüder‹ seinerseits blickte den Medizinbeutel an, ehe er den Mund auftat. Und weit weg in der fernsten Ferne konnte man den ›Kleinen Bruder‹ bellen hören. Aber der ›Kleine Bruder‹ war nur der Coyote, der drüben in der Richtung von Cut-bank seine Höhle hatte, daher achtete auch niemand auf ihn.

»Tonesta ist zurückgekehrt, weil das Bleichgesicht, das ihr Gatte war, von dem Volk der Schlangenindianer jenseits der Berge gefangen genommen wurde,« lautete ›Sieben Brüders‹ Entgegnung.

Wieder herrschte tiefes Schweigen, und wieder wurde es von ›Narbengesicht‹ gebrochen.

»Aber die ›Schlangen‹ haben vor zahlreichen Monden bereits von den Bleichgesichtern ihre Skalpe genommen,« sagte er. »Weshalb ist Tonesta bei den Bleichgesichtern geblieben, wenn es wirklich ihr Wunsch war, zu uns zurückzukehren?«

Alle fühlten, daß dies eine äußerst schlaue Frage ›Narbengesichts‹ war, und zollten ihr uneingeschränkten Beifall.

»Sie sagt,« antwortete ›Sieben Brüder‹ langsam, »die Bleichgesichter hätten sie gefangen gehalten, damit das Kind als ein Krieger der Bleichgesichter aufwachse und deren Stamm mehre.«

Diesmal war es Kanabiki, einer der ältesten Häuptlinge, der den Mund auftat, und gerade weil er nicht häufig sprach, lauschte man aufmerksam seinen Worten.

»Die Bleichgesichter sind nicht unsere Freunde, und seit der Zeit, da die ›Schlangen‹ Krieg gegen sie führten, fürchten und hassen sie uns, obwohl die ›Schlangen‹ auch unsere Feinde sind und wir gegenseitig unsere Skalpe genommen haben, lange bevor der weiße Mann in unser Land kam. Und jetzt, da Tonesta uns das Kind gebracht hat, das sie einem Bleichgesicht gebar, werden sie diese Dinge aufzeichnen und uns Schaden zuzufügen suchen.«

Die Versammlung begriff, daß an diesen Worten viel Wahres sei, und begann leise unruhig zu werden. Alle fühlten, Tonesta wäre besser mit ihrem Kind dort geblieben, wo sie gewesen. Ein junger Krieger namens Mupo schlug sogar vor, man solle das Kind zurücksenden. Dagegen wandte der ›Rennende Büffel‹ ein, die Kälte sei so groß, daß das Kind ohne Tonesta vielleicht nicht am Leben bleiben würde, Tonesta aber wäre zu schwach für die Reise, selbst wenn sie sich bereit fände, diese zu unternehmen.

»Da ist auch noch der Silberne Löwe,« bemerkte eine Stimme plötzlich. »Ihr habt den Silbernen Löwen vergessen.«

Jedermann blickte den Sprecher an. Es war Mowaki, der alte Medizinmann, von dem man glaubte, daß er eine mächtige Medizin besäße, doch er war nur selten dazu zu bewegen, von ihr Gebrauch zu machen, und lebte meist als Einsiedler, getrennt von dem übrigen Stamm. Auch sein Wigwam stand abseits von allen im Schatten der Bäume und war mit allerlei seltsamen Zeichen bemalt, die nur Mowaki selbst zu lesen vermochte.

»Ist der Silberne Löwe erschienen, so hat das was zu bedeuten,« fuhr er fort. »Er hat die Wölfe vertrieben, weil er eine Medizin besitzt. Die Medizin des Löwen ist sehr stark. Der Große Geist hat sie ihm am Anfang der Welt verliehen, als er auch dem Donnervogel seine Schwingen gab, und Tonesta und ihr Kind stehen unter dem Schutz des Silbernen Löwen. Wir sollten vorsichtig sein in allem, was wir tun.«

Diese Rede war von starker Wirkung. Was immer sie auch glaubten oder nicht glaubten, ihr Glaube an ›Medizin‹ oder an eine übernatürliche Macht war sehr stark. Traf das zu, was Mowaki sagte, dann war ein Zurückschicken von Tonesta und ihrem Kinde zu dem Stamme der Bleichgesichter vielleicht gleichbedeutend mit einer Zurückweisung der ›Medizin‹ und mit einer Beleidigung des Großen Geistes. Sandten sie Tonesta aber nicht zurück, so konnte das die Bleichgesichter tödlich kränken. Es war eine schwierige Frage, und alle Krieger befanden sich gerade in jener unsicheren Gemütsverfassung, da ein listiger Redner, der ihre Befürchtungen nach Belieben zu lenken wußte, sie leicht zu beeinflussen vermochte. ›Narbengesicht‹ war dieser Redner.

»Tonesta und ihr Kind werden Böses über den Stamm bringen,« erklärte er. »Ich kenne die Bleichgesichter. Gar oft habe ich zwischen ihren Hütten geweilt. Sie mißtrauen allen denen, die sich Rothäute nennen – ob ›Schlange‹ oder ›Schoschone‹ – ihnen gilt alles gleich. Wenn Tonesta die Wahrheit spricht, wünschen sie das Kind zu einem weißen Manne, zu ihrem Ebenbilde zu erziehen. Falls wir ihnen daher das Kind nicht zurücksenden, werden sie ihre Krieger versammeln, uns mit ihren rauchenden Stöcken angreifen und viele Tote unter uns zurücklassen. Und wer weiß, ob der Silberne Löwe wirklich eine Medizin besitzt? Der Löwe ist wild und sehr stark und hat keine Gemeinschaft mit den Wölfen. Aber er greift uns nicht an. Er wird zornig gewesen sein, daß die Wölfe töten wollten, was er selbst verschonte. Es bedarf keiner Medizin, damit der Löwe den Wolf hasse. Und weshalb sollten wir Tonesta als eine der Unsrigen ansehen? Tonesta war keine treue Tochter unseres Volkes, als sie zu den Blaßgesichtern ging und eines ihrer Weiber wurde. Und deshalb sage ich ...«

Was ›Narbengesicht‹ zu sagen hatte, wurde niemals offenbar, denn noch während die Worte auf seinen Lippen schwebten, glitt die Gestalt einer Frau geräuschlos durch den Eingang der Hütte.

Hätte des Redners dunkles Antlitz sich noch dunkler zu färben vermocht, so würde der unerwartete Anblick dieser Gestalt eine solche Wirkung hervorgerufen haben. So aber blieben seine schlauen Züge unbeweglich, und was immer er auch fühlen mochte, nichts erschütterte die narbenreiche Maske, der er seinen Namen verdankte.

Von Antlitz und Gestalt war die Eingetretene so beschaffen, daß jeder, der sie einmal gesehen, sie nicht so leicht zu vergessen vermochte. Sie war mittelgroß, wirkte aber dank ihrer Magerkeit und der Art, wie sie die Decke, in die sie gekleidet war, eng um ihren Körper schlang, weit größer. Sie hielt sich so gerade wie eine Lärche und hätte für eine Frau mittleren Alters gelten können. Ihr Antlitz jedoch war das eines alten Menschen, über dessen Haupt zahlreiche Monde hinweggegangen sind. Unter ihren Augen hingen kleine Säcke runzliger Haut, und auch die Wangen waren eingefallen und schlaff, gleich Beuteln voller Sarvisbeeren, und tiefe Furchen liefen von der Nase bis zu ihren Mundwinkeln. Vor allem aber waren es die Augen selbst, die dem Antlitz eine außergewöhnliche Macht verliehen. Düster und ernst schwelte ihr Blick, der fest und kühn jeden Gegenstand maß, und mitunter glomm ein Funkeln in ihm auf, das bereits mehr als einem dieser unerschrockenen Krieger Unbehagen eingeflößt hatte. Man fühlte, in jenen Augen brannte Leben, ja etwas mehr als bloßes Leben: ein Feuer aus jener uralten indianischen Welt, entzündet von dem Großen Geiste in dem Zwielicht jenseits der Berge.

Einige Augenblicke lang herrschte beklommenes Schweigen. Die Krieger fühlten, daß man sie bei ihrer Beratung überrumpelt hatte, und jeder der Redner fragte sich im stillen, wieviel die Indianerin wohl draußen vor dem Wigwam erlauscht haben mochte, ehe sie es vorgezogen hatte, ihre Anwesenheit zu verraten. Die Peinlichkeit des Schweigens wuchs, als sie auch fernerhin stumm blieb, ohne sich zu rühren, und sich damit begnügte, ihren durchdringenden Blick über die ganze Versammlung schweifen zu lassen. Endlich richtete sie die Augen auf ›Narbengesicht‹, als erwarte sie, daß er zu reden fortfahre. Aber das lag nicht in ›Narbengesichts‹ Absicht. Er wußte, was er wußte, und zu seinem Leidwesen wußte er auch, daß sie vieles wußte; er hätte manches darum gegeben zu erfahren, wieviel das war. Unruhig rückte er auf seinem Platze hin und her und gab sich die größte Mühe, möglichst unbefangen dreinzuschauen.

Da augenscheinlich niemand Lust zu sprechen hatte, räusperte sich ›Sieben Brüder‹ und sagte:

»Wir haben von deiner Tochter gesprochen, Katoya. Wir halten es nicht für gut, daß sie den Bleichgesichtern das Kind stahl. Ja, etliche unter uns sind der Meinung, daß diese ihren Zorn an uns auslassen und sich rächen werden, falls Tonesta ihnen das Kind nicht zurückbringt.«

Er schwieg und schaute sie an, als erwarte er von ihr eine Antwort. Aber sie entgegnete nichts, sondern blickte nur jeden der Anwesenden scharf ins Antlitz und heftete zum Schluß ihre Augen wieder auf ›Narbengesicht‹, als hielte sie ihn für den Gefährlichsten in der Versammlung, der ihre Interessen am meisten zu schädigen vermöchte.

Da offenbar niemand sonst das Wort zu ergreifen wünschte und auch Katoya hartnäckig schwieg, hub ›Sieben Brüder‹ von neuem an:

»Daher wird es vielleicht gut sein, wenn Tonesta in dem Mond, da der Schnee geschmolzen ist, mit dem Kinde zu den Bleichgesichtern zurückkehrt.«

Langsam, mit einem Gesicht wie aus Stein, wandte Katoya den Kopf in des Sprechers Richtung. Plötzlich rief sie mit lauter, klarer Stimme, die gellend durch den Raum drang:

»Niemals wird meine Tochter zu den Bleichgesichtern zurückkehren ... Tonesta ist tot.« Und nach einer Pause, während der sie die Versammlung mit grenzenloser Verachtung musterte, fügte sie hinzu: »Aber ihr könnt ja weiterschwatzen.«

Mit diesen Worten lüftete sie den Vorhang aus Kalbsleder, der den Eingang verdeckte, und verschwand, so lautlos, wie sie gekommen war.

Unruhig, ohne zu sprechen, blickten die Anwesenden einander an, während weit weg durch das endlose Schweigen des Schnees der ›Kleine Bruder‹, der Coyote, seinen einsamen Ruf ertönen ließ.

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