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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Was der ›Kleine Bruder‹ sah

Wieder war es Frühling geworden und wieder saß der ›Kleine Bruder‹, der Coyote von Cut-bank, vor seiner Höhle, um sich zu sonnen. Hinter ihm lag ein harter Winter, und all seiner Schläue und Kunst zum Trotz war die Jagdbeute nur rar gewesen. ›Gottes Hund‹ hatte es durchaus nicht leicht gefunden, zu verhindern, daß die fleischigen Stellen über seinen Knochen sich immer mehr und mehr abnutzten. Da jedoch ein hagerer Leib und ein standhaftes Herz häufig zusammengehen, hatte auch des ›Kleinen Bruders‹ Mut, gleich seiner Stimme, der Jahreszeit getrotzt und stand noch so unerschütterlich fest wie immer, als endlich das Tauwetter einsetzte. Insbesondere seine Stimme befand sich vollkommen auf der Höhe und war in ihren oberen Registern zu einer Fülle herangereift, die allen Kaninchen weit und breit im Umkreise Schauer der Todesangst das Rückgrat entlang sandte.

Der ›Kleine Bruder‹ liebte es, die Sonne auf seinen Pelz scheinen zu lassen und zu beobachten, wie die Landschaft, die länger als ein Drittel des Jahres in haushohem, blendendem Weiß erglänzt hatte, jetzt in allen möglichen Schattierungen von Grün leuchtete, als habe ein Zauberstab sie berührt. Fern im Westen sah er die Wälder. Er sah die rollenden Hügelketten im Osten am Horizont mit den endlosen Prärien verschmelzen. Mit einem Wort, er sah die unabsehbaren Wogen von Wildnis über Wildnis inmitten der überquellenden Fülle des Frühlings ihre Häupter erheben.

Zu guter Letzt sah er auch noch etwas, bei dessen Anblick jeder Muskel seines Körpers in Aufmerksamkeit erstarrte. Er sah eine hohe Gestalt auf zwei Beinen nach Art der Indianer daherschreiten, gefolgt von einer zweiten langgestreckten Gestalt auf vier Beinen, und diese hatte den Gang eines Silberlöwen.

Seit Thunderboys Abreise und der Auflösung des Stammes hatte es in jener Gegend nur wenige Indianer gegeben, was dem ›Kleinen Bruder‹ bei seiner Jagd trefflich zustatten kam. Er musterte daher die Ankömmlinge eingehend aus seinen schwarzen, funkelnden Augen, indem er sich flach auf den Bauch hinkauerte, bis er für jeden, der zufällig in seine Richtung blickte, nur mehr einer kleinen Warze auf dem Angesichte der Landschaft glich; und als schließlich die beiden Wanderer in den Manzanitadickichten am Fuße der Anhöhe verschwanden, raffte er seine lockeren Gliedmaßen zusammen und eilte in losen Sätzen den Hügel hinunter, ihnen nach.

*

Auch für Katoya, wie für alle von steigenden Säften oder warmem rotem Blut belebten Lebewesen war der Frühling gekommen. Welche Art von dumpfer Unruhe er ihren alten Knochen brachte, das freilich wußte niemand außer ihr selbst zu sagen. Und doch regte sich irgend etwas in ihr. Weit unten in den dunklen indianischen Tiefen, jenseits des Wahrnehmungsvermögens der Bleichgesichter, waren die Wasser aufgerührt, und ihre Seele vernahm einen Ruf.

Den ganzen Winter über hatte sie in der Siedelung der Weißen ausgehalten und – was auch nicht so ganz unwichtig war – die Siedelung hatte Katoya ausgehalten. Die Einwohner waren zwar durchaus bereit, Thunderboy seinem Vater zuliebe in ihre Mitte aufzunehmen, trotz des Makels seines Blutes; als es sich jedoch darum handelte, eine Großmutter zu adoptieren, deren Vorfahren das Verbrechen begangen hatten, seit unzähligen Generationen unverfälschte Rothäute zu sein, fühlten alle klar: das hieße die Gastfreundschaft der Weißen bis zur Unerträglichkeit mißbrauchen. Und Katoya mit ihrem fein entwickelten Empfinden für das, was in anderen Leuten vorging, wartete den kritischen Moment nicht erst ab. Eines schönen Morgens in aller Frühe packte sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen – die zweite Indianerin in der Geschichte der Siedelung, die sich, während die anderen noch schliefen, aus ihr hinwegstahl – und machte sich, ohne irgend jemand Lebewohl zu sagen, im Morgengrauen auf und davon. Und zwischen diesem Aufbruch und dem ihrer verstorbenen Tochter herrschte in zwei Punkten eine starke Ähnlichkeit. In beiden Fällen wurde ein Bündel auf dem Rücken getragen, doch während das erste Bündel recht schwer gewesen war und ziemlich viel Aufmerksamkeit erfordert hatte, beanspruchte das zweite gar keine Pflege und war auch verhältnismäßig leicht.

Und obwohl die Trägerin des ersten Bündels bereits vor geraumer Zeit all ihre irdischen Lasten abgeschüttelt und sich zur ewigen Ruhe begeben hatte, lag der inzwischen erheblich gewachsene Inhalt ihrer Bürde im Augenblick von Katoyas Aufbruch in der nämlichen alten Hütte, wo er vor so zahlreichen Jahren in einer mit Opossumfell gefütterten Zuckerkiste dem Ofen zugekräht hatte, in sorglosem Schlafe.

Die zweite Ähnlichkeit war geradezu überwältigend.

Sehr bald merkte Katoya, daß auch ihr irgendein Tier zwischen den Bäumen nachschlich. Sie war daher nicht besonders erstaunt, als nach einiger Zeit ein großer Silberlöwe, in dem sie niemand anders als Manu erkannte, sie, des Anschleichspieles müde, in freudigen Sätzen umsprang. Manu hatte es im Gegensatz zu seiner Herrin überhaupt nicht in der Siedelung ausgehalten, obwohl er fortwährend in ihrer Nachbarschaft geisterte, sobald seine Jagdzüge ihn nicht in entlegenere Gebiete führten. Als dann der Frühlingstrieb die Gänse nach dem Norden und Katoya in die Wälder zurücksandte, geriet er außer sich vor Freude, sie wieder einmal auf der Wanderung begleiten zu können. So kam es, daß Katoya, sobald sie den ehemaligen Siedlungsplatz ihres Stammes erreicht und an dem Ufer des Susquehah ihr Lagerfeuer entzündet hatte, in dieser weltverlorenen Gegend zwei Gefährten besaß, von denen einer allerdings nur ein Coyote war.

*

Wieder saß der ›Kleine Bruder‹ in der Sonne, und wieder bewunderte er die wellige Unendlichkeit unter dem weiten, hellen Tageshimmel, und wieder sah er ein Wesen auf zwei Beinen näherkommen. Und augenblicks hörte er auf, ein auf seinem Schwanze hockender Coyote zu sein und verwandelte sich in eine Warze mitten auf dem ausgedehnten Antlitz der Landschaft. Diesmal aber hatte es ganz den Anschein, als wolle sein alter schlauer Jagdtrick nicht recht funktionieren, denn das zweibeinige indianische Wesen sprang in gerader Richtung auf ihn zu den Berg hinauf. Fürs erste ließ der ›Kleine Bruder‹ den Fremdling noch ein paar Meter auf sich zukommen, ohne sich zu rühren. Kein Grund, sich aufzuregen, denn der dritte Eingang zu seinem Bau lag nur zwei tüchtige Sprünge entfernt. Der Indianer näherte sich rasch, als wäre er mit der hiesigen Gegend völlig vertraut, während die Warze, die der ›Kleine Bruder‹ war, ihre Ohren weit zurücklegte. Und gerade, als er beschlossen hatte, daß es nun aber ernstlich an der Zeit sei, den Sprung nach Hause zu wagen, kam eine leichte Brise den Hügel hinaufgeweht.

Es war eine von der Sonne erwärmte kleine Brise, deren jedes winzige Partikelchen die scharfen, beißenden Gerüche des Waldes mit sich führte. Allein jenes Teilchen von ihr, das dem ›Kleinen Bruder‹ mittels seiner Nase einen Schauer durch den Leib jagte, überschwemmte mit seinem rein indianischen Körpergeruch sämtliche übrigen Düfte. In der gleichen Sekunde richtete der ›Kleine Bruder‹ sich im Grase auf und verwandelte sich wieder in einen Coyoten, und da das nicht genügte, um das Übermaß seiner Gefühle auszudrücken, streckte er ekstatisch die Schnauze in die Luft und explodierte vermittels einer Reihe von Kakophonien, für die es keinen regelrechten Namen gibt, in ein Kläffen, Heulen und Niesen.

Als Thunderboy an dem Crescendo dieser letzten gellenden Kehllaute merkte, daß sein alter Freund und Lehrer ihn wieder erkannt hatte, hub er sogleich zu laufen an. Oben auf dem Hügel angelangt, war er dann so außer Atem, daß er sich nicht einmal höflich zu erkundigen vermochte:

»Nun, wie geht es dir?«

Die Frage wäre auch ziemlich überflüssig gewesen; jeder sah auf den ersten Blick, daß der ›Kleine Bruder‹ sich bei bester Gesundheit befand und durchaus bereit war, auf die leiseste Aufforderung hin ein zweites, ohrenzerreißendes Geheul zum Himmel emporzusenden. Aber Thunderboy hatte wichtigere Dinge zu tun, als irgendwelchen neuen überraschenden Leistungen des ›Kleinen Bruders‹ auf dem Gebiete der Gesangskunst nachzugehen. Er beeilte sich vielmehr, ihm in der althergebrachten stummen Art eine Frage direkt in das Gehirn zu schießen, und als Antwort schnupperte der ›Kleine Bruder‹ ganz deutlich in südöstlicher Richtung, was nach Thunderboys durchaus korrekter Auffassung besagen wollte: Falls ein gewisser Jemand eines anderen Jemand Höhle aufzuspüren wünsche, so brauche er nur immer des ›Kleinen Bruders‹ Nase nachzugehen.

»Bist wohl seit unserem letzten Zusammentreffen ziemlich weit herumgekommen?« bemerkte Thunderboy.

Hierauf hätte der ›Kleine Bruder‹ erwidern sollen:

»Das Reisen erweitert den Horizont und entwickelt die Muskeln.«

In Wirklichkeit entgegnete er wortlos:

»Jeder Hansnarr kann seine Beine gebrauchen.«

Dies sagte er jedoch sehr höflich und mit einem echten Coyotengrinsen, so daß Thunderboy keineswegs beleidigt war.

»Viel auf Jagd gewesen?« lautete die nächste Frage.

Der ›Kleine Bruder‹ umfaßte die ausgedehnte Landschaft mit einem weiten höhnisch grinsenden Blick aus den Winkeln seiner Augen, als wolle er damit sagen, er möchte die Quadratmeter in der Umgebung hier sehen, die er noch nicht gründlich erforscht hätte.

»Weit bessere Jagd dort draußen im Westen, wo ich gewesen bin!« meinte Thunderboy. »Du solltest dein Revier wechseln.«

Des ›Kleinen Bruders‹ Grinsen erweiterte sich von einem Schlitz zu einem Schlunde, wo allerlei verloren gehen konnte, aber er gab keine Antwort.

»Hab' in letzter Zeit manches dazu gelernt,« fuhr Thunderboy fort, fügte jedoch rasch hinzu für den Fall, daß der ›Kleine Bruder‹ sich gekränkt fühlen sollte: »aber ich habe nicht vergessen, was du mich alles gelehrt hast.«

»Hast also einen neuen Lehrer gefunden?« fragte der ›Kleine Bruder‹ unschuldig.

Und er blickte wirklich derart unschuldig drein, daß Thunderboy ein wenig unbehaglich zumute wurde. Konnte der Coyote etwa Wind von Manu bekommen haben?

»Da drüben gab es keine Coyoten als Lehrer,« lautete die recht zahme Entschuldigung.

»So, so, keine Coyoten, dort, wo du warst!« wiederholte der ›Kleine Bruder‹, immer noch grinsend. Und dann schweiften seine Augen ganz plötzlich in die Leere über die sonnbeschienenen Tannenwipfel.

Mit einem Male änderte sich sein Ausdruck, als habe er irgend etwas Ungewöhnliches erblickt.

Und jetzt funkelten seine Augen in so wildem Zorn, daß Thunderboy sich hastig umdrehte, um zu sehen, was denn eigentlich los wäre. Und wirklich – dort sprang Manu in großen Sätzen den Berg herauf!

So eilig kam er herbeigelaufen, daß Thunderboy keine Zeit zur Überlegung blieb. Seine Lage war wirklich sehr peinlich, um nicht zu sagen kritisch, denn noch nie hatte er darüber nachgedacht, was wohl geschehen würde, falls seine beiden Freunde zusammenträfen.

Er blickte ängstlich nach dem ›Kleinen Bruder‹ hin. Verschwunden war das Grinsen! Der Schlund hatte sich in einen mörderischen Rachen verwandelt, aus dem eine Doppelreihe furchteinflößender Zähne bleckte. Er hatte die Ohren flach zurückgelegt und sträubte sämtliche Haare seines Körpers. Nein – der Coyote ähnelte durchaus nicht einem liebenswürdigen Wirt, der im Begriff steht, vor seiner Haustür einen Gast zu begrüßen!

Und was gar Manu betraf – oder vielmehr die leibhaftige, flammende Eifersucht und Wut in Gestalt Manus – so war Thunderboy viel zu gut mit all seinen wechselnden Stimmungen vertraut, um nicht in jenem rotbraunen Körper, der so eilig den Berg heraufstürmte, alle Anzeichen von Kampfeslust wiederzuerkennen.

Ein, zwei Minuten sah es ganz so aus, als habe der ›Kleine Bruder‹ trotz seiner weit geringeren Größe und Kraft allen Ernstes beschlossen, sich zur Wehr zu setzen. Wenn dem so war, so genügte jedenfalls eine eingehendere Musterung des rotbraunen Schreckens, der jetzt aus den Tannenwäldern zu seinen Füßen auftauchte, um ihn eines Besseren zu belehren. Als daher der Silberlöwe, fauchend und zähnefletschend, seinen Körper in einem einzigen riesigen Satz durch die Luft schleuderte, landete er, statt auf dem ›Kleinen Bruder‹ nur auf einem Stück Fels, das sich indes keineswegs kalt anfühlte, aus dem einfachen Grunde, weil der ›Kleine Bruder‹ es in der letzten halben Stunde mit seinem Körper erwärmt hatte. Und als dann Manu rasend vor Enttäuschung sich noch einmal zum Sprunge duckte, verschwand jenes Körpers Schwanz mit dem Rest von des ›Kleinen Bruders‹ Person in aller Eile gleich einem buschigen Blitzstrahl in dem nächstgelegenen Eingang seiner Höhle.

*

Unerwartet in Begleitung des höchst mißgestimmten, mürrischen Manu sah Katoya ihren Enkel vor sich auftauchen, und so groß war ihre Freude, daß sie alle Kraft zusammennehmen mußte, damit nicht ein Teil ihrer Gefühle durch die Öffnungen in der Ledermaske ihres Gesichtes hindurchsickerten. Im Verlauf eines längeren Gesprächs stellte es sich dann heraus, daß Thunderboy fest entschlossen sei, hier draußen an ihrer Seite sein Heim aufzuschlagen, falls sie nicht einwilligte, ihn in die Siedelung der Weißen zurückzubegleiten; und da glaubte sie, ihr Vorsatz, sich von ihm zu trennen, würde ihr noch das Herz brechen.

»Liebst du denn deinen weißen Vater nicht?« fragte sie ihn, nachdem er seinen Entschluß, sie nie mehr zu verlassen, mehrmals mit aller Energie betont hatte.

»Ja, aber er ist ein neuer Vater,« antwortete er eigensinnig. »Und du bist schon viel, viel länger meine Großmutter, als er mein Vater ist!« Auf diese ein wenig seltsame Weise sagte er Katoya deutlich, wie ihm zumute war.

Ihre angeborene Überredungskunst ließ sie auch jetzt nicht im Stich. Sie kannte ihren Enkel ganz genau und wußte, nie würde sie ihn zur Rückkehr bewegen können, falls sie jetzt auch nur das leiseste Zeichen von Unsicherheit verriet.

»Je länger du bei ihm lebst, um so weniger neu wird er dir sein,« entgegnete sie sanft. »Er ist ein guter Vater und wird für dich sorgen, wenn die alte Katoya die Wolfsfährte aufgenommen hat.«

»Die Wolfsfährte? Noch lange nicht!« beteuerte Thunderboy und blickte sie forschend an, denn er wußte, ihre Worte bezogen sich auf den Tag ihres Todes.

»Nein, nein; einstweilen noch nicht!« beschwichtigte sie ihn rasch. »Ich werde vorher noch vielen Fährten folgen.«

»Aber weshalb willst du neuen Fährten folgen?« erkundigte er sich. »Weshalb willst du nicht bei mir unter den Bleichgesichtern bleiben, jetzt, da mein weißer Vater wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist?«

»Weil die Bleichgesichter nicht mein Volk sind,« entgegnete Katoya fest. »Ich will mein Volk dort unten im Süden suchen gehen.«

»Dann werde ich dich begleiten,« erwiderte Thunderboy mit gleicher Festigkeit. »Du sollst nicht allein gehen.«

Im Augenblick redete Katoya nicht weiter. Doch später am Abend, als sie vor dem Schlafengehen an dem Lagerfeuer saßen, nahm sie die Unterhaltung an der nämlichen Stelle wieder auf, als hätte nichts sie unterbrochen.

»Ich werde nicht allein sein,« sagte sie mit leiser Stimme. »Der Große Geist wandert mit denen, welche die Fährte aufnehmen.«

Für Thunderboy bezogen sich ihre Worte auf die Reise nach dem Süden. Allein im Reden hafteten Katoyas Augen dort, wo zwischen den Sternen die Wolfsfährte erglänzte.

*

Am folgenden Morgen stand Thunderboy schon zeitig auf, aber er fand, daß Katoya sich, wie gewöhnlich, vor ihm erhoben hatte, um das Feuer zu bereiten. So vortrefflich war seine Laune, daß er Lust zum Singen und zu einem Wettlauf mit Manu spürte. Jetzt, da er und seine Großmutter wieder beisammen waren, glaubte er fest, die alten glücklichen Tage der Wildnis seien zurückgekehrt. Nach dem Frühstück fragte er sie vergnügt, ob sie heute schon nach dem Süden aufbrechen würden, aber Katoya schüttelte nur müde ihr Haupt und fuhr fort, schweigend neben dem Feuer zu sitzen. Also stürmte Thunderboy, ein indianisches Jagdlied schmetternd, den Fluß entlang, indem er Manu an seine Seite rief.

Als er eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatte, drehte er sich um und sah seine Großmutter immer noch regungslos in der Sonne sitzen. Und plötzlich war es ihm, als riefe irgend etwas ihn zu ihr zurück. Allein der Fluß glänzte, die Sonne schien strahlend und warm, und der Frühling war in sein Herz gezogen. Ja, so sehr erfüllten ihn Freude und Lebenskraft, daß seine Füße im Singen zu tanzen anfingen.

Katoya gewahrte in der sonnigen Ferne die biegsame wirbelnde Gestalt am Flußufer und fing auch Bruchstücke seines Liedes auf. Und dann verblaßten Fluß und Gesang und Tanz in ihrem Bewußtsein, und ihre Augen blickten in starrer Entrücktheit.

*

Kurz vor Mittag stürzte Thunderboy mit Manu in das Lager zurück.

»Großmutter, Großmutter!« rief er aufgeregt. »Mein weißer Vater kommt! Er wird gleich hier sein! Er hat meine Fährte gefunden!«

Katoya gab keine Antwort. Ja, obwohl er dicht an sie herantrat und seine Worte laut wiederholte, blickten ihre Augen starr wie zuvor, und ihr Körper rührte sich nicht. Auch sie hatte eine Fährte aufgenommen.

Tief jenseits jeder irdischen Verzückung und jedes Sterblichen Hoffnung auf Erwachen war der Frühling endlich in sie eingezogen und hatte sie in weite Fernen abgerufen.

Jenseits aller ziehenden Stimmen, jenseits aller wandernden Flüsse, weiter als der Wildgans und des Reihers schweifende Schwingen fliegen, lag Katoyas letztes Reiseziel: die Sternenfährte. Und die Worte, die sie vergangenen Abend zu Thunderboy gesprochen, hatten nicht getrogen: ein Geist schritt ihr zur Seite längs der leuchtenden Bahn.

 

Ende

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