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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

›Narbengesicht‹ erleidet seine Strafe

Nach Thunderboys und Manus Flucht hinaus in das Dunkel blieb Katoya mit halb gelösten Fesseln auf der nämlichen Stelle sitzen, ohne sich zu rühren. Selbst als man ihr die Hände von neuem zusammenband, so fest, daß die Riemen ihr Fleisch zu versengen schienen, und jemand zu ihrer Bewachung aufstellte, um jeden weiteren Befreiungsversuch zu vereiteln, zuckte sie auch nicht mit der Wimper und äußerte kein Wort. Doch als die fernen Geräusche von Manus Kampf mit den Hunden in das Dorf hinüberklangen und ihr berichteten, was im Gange war, umspielte ein grimmiges Lächeln ihren Mund, der einzige Beweis, daß sie an der ganzen Angelegenheit überhaupt irgendwelchen Anteil nähme. Die Tage verstrichen, und noch immer vernahm sie keine Kunde von ihres Enkels Gefangennahme oder Rettung; aber ein inneres Gefühl, das nichts mit ihren Sinnen zu tun hatte, verriet ihr, daß seine Feinde ihn nicht eingeholt hätten und daß er sich in Sicherheit befände. Von Manu jedoch erhielt sie direkte Nachrichten, die keinem geheimen Wissen, sondern der Tatsache entstammten, daß die Hütte zwar ihren Gesichtskreis einengte, ihr Gehör aber nicht abstumpfen konnte. Geraume Zeit, nachdem das heisere Gebell der Hunde verstummt war, hörte sie nichts mehr. Erst lange nach Tagesanbruch erzählte das Aufheulen und Winseln dieses oder jenes verwundeten Köters, der sich mühsam in das Dorf zurückschleppte, von Manus Arbeit und erwärmte ihr das Herz. Dann hörte man in der folgenden Nacht das Echo eines langen, furchtbaren Schreies die einsame Schlucht im Norden der Niederlassung hinauf- und hinabtönen. Der Ruf wurde bis zum Morgen von Zeit zu Zeit wiederholt, bis sämtlicher Dorfköter Nerven bis zum Zerreißen gespannt waren und die Hunde die ganze Nacht unruhig in der Niederlassung herumstrichen. Spät am folgenden Abend vernahm Katoya dann ein lautes Schnuppern und Kratzen am Boden der Hütte und wußte, daß sie nicht verlassen sei.

Die Tage schleppten sich hin. ›Narbengesicht‹ kehrte, wenn möglich, in noch schlechterer Laune als vor Beginn der Jagd in das Dorf zurück. Katoya ertrug seine niederträchtige Behandlung mit einem stoischen Gleichmut, der ihn bis auf das äußerste reizte. Und jetzt erfuhr das ganze Dorf – sie selber nicht ausgenommen – daß er ihr Leben nur schonte, um sie später um so vollständiger seiner Rache zu opfern, indem er für sie die furchtbarste Folter, die er in seinem grausamen Herzen ersinnen konnte, aufsparte.

Der Sommer nahte sich seinem Ende, und die Nächte wurden kälter. Während Katoya dort in der feuchtkalten Hütte saß, vernahm sie Rufe und Schreie, wie sie diese seit zahllosen Wintern gekannt. Aus ihnen folgerte sie, daß die endlosen Einöden des Nordens ihre gefiederten Bewohner ausspien und daß der große Zug nach Süden eingesetzt hätte. Der Ahorn wandelte sich zu Gold und der Sumach in eine lebendige, auf den Höhen emporlodernde Flamme, während der Herbst sich in die leuchtenden Prachtgewänder kleidete, die das Totenhemd des Jahres sind. Doch weder Bewegung noch Farbe erhellten das schwere Schweigen der dämmrigen Hütte, wo Katoya, in sich selbst versunken, das Anbrechen des Tages erwartete, an dem auch sie, dem sterbenden Jahre gleich, ein Kleid aus Flammen tragen würde.

›Narbengesicht‹ hatte beschlossen, ihren Tod zur nämlichen Zeit wie das jetzt bevorstehende große Fest des Wolfstanzes stattfinden zu lassen. Dieses Zusammentreffen würde es ihm ermöglichen, seinen eigenen unerbittlichen Rachedurst zu befriedigen und gleichzeitig dem Stamme ein aufregendes Schauspiel zu bieten, das die Feierlichkeit des Festes noch wesentlich erhöhen mußte. Er versäumte daher keine Gelegenheit, um die ›Schlangen‹ auf den ungeheuren Vorteil hinzuweisen, der ihnen aus der Vernichtung des mächtigen Medizinweibes erwachsen würde, dessen unermüdlich gegen ihre Todfeinde angewandte Medizin zahllose Mißgeschicke über sie heraufbeschworen hatte. War Katoya selbst erst einmal aus dem Wege geräumt und ihr Enkel endlich gefangen genommen, so konnte man die Medizingewalt, die sie ihm verliehen, zum eigenen Vorteil gegen die nämlichen Feinde, denen sie vordem gehört hatte, anwenden; um jedoch diesen herrlichen Sieg zu erringen, brauchte es noch einer bestimmten Sache; sonst war und blieb es nur ein Teilsieg.

Unglücklicherweise beruhte Katoyas Macht nicht nur auf einer zweibeinigen Medizin, die man in einem Wigwam einsperren und später durch Feuer vernichten konnte. Ein Teil ihres Zaubers – und zwar der am meisten zu fürchtende Teil – bestand aus einer wandernden Medizin, die auf vier Füßen lief und eine furchtbare Stimme besaß. Und bis nicht diese vier Füße ihre Wanderungen aufgegeben hatten und die drohende Stimme verstummt war, würden die unheimlichen, verderblichen, nächtlichen Heimsuchungen kein Ende nehmen.

Denn wirklich wurde das Dorf jetzt nächtlich heimgesucht; im ganzen weiten Umkreis der Siedelung spukte ein schrecklicher Schatten, der, sobald die Hunde ihn witterten, das ganze Dorf in Aufruhr versetzte, ohne daß auch nur einer der Einwohner gewagt hätte, ihn anzugreifen. Mitunter, wenn die Krieger vor der Schwelle ihrer Hütten an den Lagerfeuern saßen, pflegte dieser Schatten den äußersten Rand des Feuerscheins zu kreuzen, um in der nächsten Sekunde von der Finsternis aufgesogen zu werden. Dann wieder glich er mehr einer Stimme als einer Erscheinung, einer schrillen, wilden Stimme, die durch die Täler gellte, und deren Lager sich irgendwo in der schwarzen Schlucht des Nordens befand, welche auch der tapferste Krieger selbst im Sommer nicht aufzusuchen wagte, und durch die der Schneesturm im Winter mit einem Gebrüll, gleich dem eines wilden Elchbullen, daherbrauste. Ja, selbst bei hellichtem Tage erhaschten ausziehende oder heimkehrende Jäger mitunter den flüchtigen Anblick eines langgliedrigen Tieres, das höchstens eine Sekunde lang am Rande irgendeines Dickichts auftauchte und dann gleich wieder verschwand.

Sehr bald wurde das ganze Dorf von Unruhe und unbestimmter Angst gepackt, besonders nachdem sich alle Versuche, die Bestie zu jagen oder abzuschrecken, als nutzlos erwiesen hatten; ja, selbst diejenigen, die den Mut aufbrachten, die Fährte des mächtigen Silberlöwen aufzunehmen, der überall in der Umgebung unverkennbare Spuren hinterließ, verloren sie unfehlbar wieder in den Tiefen der nördlichen Schluchten, in denen nach dem indianischen Volksglauben die bösen Geister hausten.

Endlich kam der Tag, da das Wolfsfest gefeiert werden sollte, und mit ihm auch Katoyas Todestag. Schon seit dem frühesten Morgengrauen war das ganze Dorf auf den Beinen. Zwischen den einzelnen Hütten herrschte ein unermüdliches Kommen und Gehen. Alle diejenigen, die heute eine größere Rolle übernehmen sollten, waren damit beschäftigt, ihre Gesichter in der althergebrachten Art anzumalen und sich mit Glasperlen und dem Kriegskopfputz zu schmücken. ›Narbengesicht‹ erstrahlte in ganz besonderer Pracht, da er sich als einen berühmten Häuptling und Medizinmann aus dem Osten ausgegeben hatte, der jetzt in aller Öffentlichkeit seine große Macht durch Bestrafung eines Opfers in der Person eines ihm seit Jahren verfeindeten, uralten Weibes beweisen wollte.

Das Opfer selbst blieb allem Anscheine nach vollkommen ungerührt. Sämtliche Geschehnisse, die sich vor oder innerhalb ihrer Hütte abspielten, selbst das aufreibende Treiben dieses Tages – des letzten ihres Lebens –, vermochten keine sichtbare Änderung in ihr zu bewirken. Dem äußeren Scheine nach war sie das nämliche uralte Weib mit einer Haut gleich runzligem Leder, das unablässig ohne Geräusch oder Bewegung, ja, fast schien es, ohne Atem, im Hintergrunde der Hütte kauerte.

Und während sie so in sich zusammengesunken dasaß, ohne sich zu rühren und ohne zu sprechen, erweckte es den Eindruck, als habe der Tod sie nahezu ereilt, und als sei es der reine Hohn, ihren Körper noch hinaus auf den Scheiterhaufen zu schleppen.

Kurz vor Mittag kam man, sie zu holen. Ihre Fesseln waren ihr bereits früh am Tage gelöst worden, so daß sie gehen konnte, obwohl ihre Fußgelenke angeschwollen waren und schmerzten. Sie trat aus dem dunklen Inneren der Hütte hinaus in den strahlenden Sonnenschein und stand ein paar Augenblicke geblendet. Dann zerrte irgend jemand an dem Riemen um ihre Handgelenke und führte sie mitten durch das Dorf nach dem Schauplatz ihrer Hinrichtung. Erst dort gewann sie ihre volle Sehkraft wieder und erkannte deutlich ihre Umgebung.

Ein großer Menschenhaufe war zusammengekommen, zahlreicher noch, als sie erwartet hatte. Da waren die Häuptlinge in ihren Staatsgewändern, jeder mit einem hohen, mit Roßhaar verbrämten Kopfputz aus Adlerfedern geschmückt; die Krieger, mit den Kriegsfarben bemalt; die Medizinmänner mit ihren verhängnisvollen Trommeln; die Medizinweiber, in die geheiligten, mit den überlieferten Mustern geschmückten Decken gehüllt. Letztere waren sogar noch eifriger als die Männer auf den qualvollen Tod ihrer verhaßten Schwester erpicht, die sie insgeheim ebensosehr verabscheuten, wie sie sie öffentlich fürchteten.

Würde ihre berühmte Medizin sie jetzt noch retten? Ihr zweibeiniger Leib sollte bald zerstört werden. Aber würde ihr vierfüßiger Leib ihr zu Hilfe eilen, ehe es zu spät wäre?

Noch während man diese Fragen stellte, setzte sich die ›Medizin‹, allen Augen verborgen, in Bewegung und schlich unaufhaltsam näher.

Wußte Katoya Bescheid? Sah sie jenes verborgene Etwas, das auf verstohlenen Sohlen, ohne sich zu verraten, näher und näher kroch? Vorbei an dem Gold des Ahorns, vorbei an des Sumachs scharlachroter Flamme, vorbei an den Schatten des Waldes, wo die grauen Baumflechten gleich Strähnen Geisterhaars von den Ästen herabhingen, schlich die ›Medizin‹, und bewegte im Näherkommen auch nicht die leiseste Falte von des Sommers Totengewand.

Und jetzt begannen die Trommeln zu schlagen, während die Hauptakteure in dem Drama sich auf den ersten Auftritt der einleitenden Zeremonie vorbereiteten.

Katoya wurde, wieder an Händen und Füßen gefesselt, an den Stumpf einer jungen Pechtanne gebunden, deren obere Zweige man entfernt und zu einem dichten, bis zu Katoyas Taille reichenden Haufen aufgeschichtet hatte. Und während dieser ganzen Zeit stand ›Narbengesicht‹, unerbittlich in seiner Rache, in vollem Farben- und Federnschmuck triumphierend an ihrer Seite.

Dennoch blickte sie ihn nicht einmal an und verriet auch nicht durch das leiseste Anzeichen, daß sie sich seiner Gegenwart bewußt wäre.

Gefesselt, hilflos, im Begriff unter furchtbaren Qualen geopfert zu werden, war ihr Geist ungebrochen wie zuvor, während ihr Blick voll unerschütterlicher Ruhe in der Ferne an unsichtbaren Horizonten außerhalb des Bereiches des Todes haftete.

Lauter dröhnten die Trommeln, und die Aufregung der Menge stieg, denn jetzt sollte der Wolfstanz beginnen, in dessen Verlauf man den Scheiterhaufen anzünden würde. Der Wolfstanz war einer der ältesten indianischen Tänze und reichte bis in die Vorzeit hinauf, jenseits der ältesten Totempfähle, da des roten Mannes Füße sich noch nach einem Takte bewegten, den er von den Wölfen selbst gelernt hatte, und sein Körper sich in einer Welt, wo die Menschen selber wölfisch und die Wölfe halbe Menschen waren, kraft einer zweiten Natur dem Wolfsrhythmus neigte.

Rings um die Pechtanne als Mittelpunkt schritten die Tänzer, Kreis um Kreis, am Anfang langsam, dann immer schneller, tief sich zu Boden duckend und mit plötzlichen raschen Seitensprüngen die Wölfe nachahmend. Um den Tanz noch suggestiver zu gestalten, hatten zahlreiche Tänzer vollständige Wolfsfelle mit Köpfen und Ohren angelegt und sie so befestigt, daß einzelne Gesichter gänzlich bedeckt waren und die Menschenaugen durch die Augenöffnungen der Tierhaut blickten.

Mit dem Rhythmus der Trommeln beschleunigte sich auch der Rhythmus des Tanzes. Der anfänglich leise Wolfsgesang wurde von Geheul und Gebell unterbrochen. Und während dieser schrillen, das Singen und die dumpfen Trommelschläge übertönenden Schreie bemächtigte sich die Aufregung des Tanzes auch der Zuschauer, bis selbst ihre Körper sich im Takte wiegten und der eine oder andere den Kopf zurückwarf und den gellenden Wolfsschrei ausstieß. Jetzt brauchte nur noch der Scheiterhaufen um Katoya angezündet zu werden, denn der Tanz hatte sich zu einer einzigen tollen Bewegung gesteigert, welche die ganze große Menschenmenge mit fortriß.

Doch während all jene barbarischen Gestalten sie mit immer wilderen Gebärden umringten und das Wolfsgeheul gleich dem Geheul eines einkreisenden Packs die Luft zerriß, hielt Katoya mit der nämlichen unerschütterlichen Ruhe Ausschau in die Ferne nach Dingen weit jenseits dieses Tanzes.

Es kommt, es kommt! Jetzt ist es ganz nahe! Das Gold des Ahorns färbt sich satter und tiefer. Des Sumachs scharlachrote Flamme brennt rot wie Blut. Aus den schwarzen Schluchten des Nordens, auf den Wasserstraßen des Südens, aus den düsteren Tannenwäldern im Osten und Westen rückt die ›Medizin‹ heran, eilig engere, immer engere Kreise ziehend. Die ›Medizin‹ hat vier Füße. Die ›Medizin‹ hat fünfzig Füße, die ›Medizin‹ hat ihrer hundert, die ›Medizin‹ kommt in solchen Scharen, daß kein Auge, trunken von einem Tanz, dessen älteste Takte bereits durch die Urzeit ihre Fährten zogen, sie mehr zählen kann.

Und jetzt ist der Augenblick gekommen, da das Feuer entzündet werden soll, denn der Tanz hat seinen Höhepunkt erreicht. Schon hat ›Narbengesicht‹ triumphierend ein brennendes Scheit aus einem der Lagerfeuer gerissen und nähert sich dem Tannenstumpf.

Doch was sind das für Schreie, die hoch und schrill selbst den Aufruhr des Tanzes übertönen? ›Narbengesicht‹ hält vornübergebeugt inne, und das Funkeln erstirbt in seinen Augen. Auch der Tanz bricht ab, als seien sämtliche Leiber zu plötzlicher Stille erstarrt, und aller Augen wenden sich dem Walde zu.

Der Wald scheint lebendig geworden. Hinter jedem Baum springt ein bis zu den Zähnen bewaffneter Indianer hervor, und wieder zerreißt ein gelles Kriegsgeschrei die Luft.

Die ›Medizin‹ ist da!

Und jetzt fliehen die ›Schlangen‹ in das Dorf zu ihren in den Wigwams zurückgelassenen Waffen. Wer noch rechtzeitig entkommt, der muß entdecken, daß das Dorf selbst umzingelt und jede Rückzugsmöglichkeit abgeschnitten ist.

›Narbengesicht‹ läßt den brennenden Holzspan fallen, aber er wendet sich nicht zur Flucht. Er sieht noch etwas anderes als den heranrückenden Feind. Kaum haben sich seine Augen dem Walde zugewendet, als sie eine Gestalt erblicken, die trotz ihrer indianischen Tracht keinem Roten angehört, und ihr zur Seite schreitet Thunderboy.

Im nämlichen Augenblick begreift ›Narbengesicht‹, daß dieser Knabe zum dritten Male seine Pläne zu durchkreuzen droht! Da fletscht er mit so inbrünstiger Wut die Zähne, daß man meint, die alte Narbe müßte noch einmal aufbrechen. Jetzt ist es vorbei mit der Verbrennung! Aber etwas bleibt ihm noch. Er will sich seine Rache nicht entreißen lassen, und sollte sie auch eine raschere und mildere Form annehmen. Er zückt sein Kriegsbeil und stürzt auf die alte Indianerin. Aber noch während er zum Sprung ansetzt, schmettert ihn ein mächtiger, hohlflankiger Donnerkeil zu Boden.

Jetzt hole zum Hiebe aus, ›Narbengesicht‹! Wehre dich blindlings gegen diese fauchende, kreischende Masse rotbraunen Pelzes! Schlag zu mit dem letzten Hauch deines Leibes und der letzten Unze deiner Kraft! Denn eine größere Kraft als die deine ist jetzt über dir, und eine Rache, so mitleidlos wie du selbst, hält dich an der Kehle gepackt; und die vierfüßige ›Medizin‹, deren Höhle in einer der schwarzen Schluchten des Nordens liegt, erdrückt dich unter dem Wirbelwind ihres Zorns.

*

Thunderboy und sein Vater sprangen herbei, um Katoya zu retten, aber Manu hatte bereits sein Werk verrichtet. Nie wieder würde der dunkle Geist, der hinter jenem narbenreichen Antlitz in der indianischen Welt spukte, seine verräterischen und boshaften Rachepläne schmieden. Nie wieder würde sein heimlicher Schritt die kleinen Sippen des Waldes aufschrecken, welche funkelnden Auges neben den Wildwechseln wachen. Er lebte noch lange genug, um Katoyas Fesseln gelöst zu sehen und zu erkennen, daß seine alte Feindin aufgehört hatte, sein Opfer zu sein; dann machte der Tod, barmherziger als er selbst sich im Leben je erwiesen hatte, seinen Leiden ein Ende, und seine dunkle Seele floh den Geisterweg entlang, um fürder nicht mehr das Sonnenlicht zu trüben.

*

Nach Ablauf eines Mondes wurde die Niederlassung der Weißen eines schönen Morgens durch das plötzliche Erscheinen einer seltsam bunten Gruppe aufgeschreckt, die langsam bis in die Mitte des Dorfes vorrückte. Einige der Ansiedler vermochten sich noch der alten Indianerin zu erinnern, allein Thunderboy hatte sich in den zwei Jahren seit seiner Flucht derart verändert, daß der hochgewachsene Jüngling, der jetzt so stolz seinen Namen trug, nur mehr geringe Ähnlichkeit mit dem zu Tode erschrockenen Knaben besaß, welcher eines Nachts den Fluß hinab geflohen war, um im Westen zu verschwinden. Ihn erkannten sie daher nicht wieder. Auch der stattliche Mann, der in indianischer Tracht an seiner Seite schritt und dessen Haut nur um weniges lichter schimmerte als die eines echten Indianers, war für sie ein Fremder. Und was gar den mächtigen Silberlöwen betraf, der mit argwöhnischen Blicken den Nachtrab der kleinen Gruppe bildete, so erschien er ihnen sogleich als eine drohende Gefahr, die sie bei erstbester Gelegenheit in den Wald zurückzujagen beschlossen.

Doch in einem der Einwohner rüttelte der Anblick jenes Trupps blitzartig eine schreckliche Erinnerung wach. Kennedy hatte an jenem Morgen länger als sonst geschlafen und war eben erst aufgestanden. Der schwere Schlummer nach dem gestrigen Zechgelage hatte ihn nur wenig erfrischt, und das Schauspiel, das sich ihm bot, als er seine Haustür öffnete, um im Flusse Wasser zu schöpfen, wirkte auf ihn wie ein Alpdruck. War es möglich, träumte er noch immer? ... Konnte das Furchtbare Wirklichkeit geworden sein? Sogleich zog er sich wieder in die Blockhütte zurück in der Hoffnung, man möge ihn nicht gesehen haben. Ebensogut könnte ein aus schützender Deckung zwischen den Kiefern vorbrechender Hirsch hoffen, unbemerkt zu bleiben, wenn er sich plötzlich von Angesicht zu Angesicht Manu gegenüber befände.

Lautes Klopfen an der Tür. Kennedy, der sich in den entlegensten Winkel der Hütte hinter dem Ofen verkrochen hatte, beantwortete es unwillkürlich mit einem andersartigen Klopfen unter seinen Rippen. Vielleicht würden sie wieder abziehen, wenn er sich nicht rührte. Vielleicht würde auch Manu nicht zuspringen, wenn der Hirsch sich ganz still verhielt. Abermaliges Klopfen – diesmal lauter als zuvor, und Kennedy querte, trotz eines gewaltigen Versuchs zur Selbstbeherrschung an allen Gliedern zitternd, den Raum, um zu öffnen. Ein einziger Blick in die drohenden Augen des kräftigen, so sehr einem Indianer ähnelnden Mannes vor ihm, und sie erkannten sich gegenseitig.

Sein Bruder, von den Toten zurückgekehrt! – Ja, schlimmer noch als das – er hatte seinen Sohn mitgebracht! Und um das Unglück voll zu machen, war auch Katoya, der böse Geist des Ganzen, wieder erschienen, und hinter ihren dürren Lippen lauerte, tödlicher noch als Mord, die Wahrheit.

Ein, zwei Minuten lang sprach niemand ein Wort. Kennedys Augen schweiften unruhig von einem Gesicht zum anderen. Dann räusperte er sich und fragte mit einem Versuch, sein polterndes, herrisches Wesen zurückzugewinnen, grob nach ihrem Begehr.

Sein Bruder ließ sich nicht herab, eine derartige Frage zu beantworten. Statt dessen antwortete er Kennedy, dem Menschen. Er sprach in hartem, beißendem Tone, und obwohl seine Rede sich fast überstürzte, enthielt sie auch nicht ein einziges überflüssiges Wort. Mit wenigen knappen Sätzen enthüllte er Kennedys ganze Niedertracht und schleuderte ihm sein verlogenes, verräterisches Leben ins Gesicht.

Als er geendet hatte, stand Kennedy stumm vor Wut und Furcht mit totenblassen Lippen.

»Ich wußte nicht,« stammelte er. »Ich wußte nicht ...«

Aber ein rascher Blick aus seines Bruders Augen brachte ihn zum Schweigen, und die Lüge klemmte sich in seiner Kehle fest.

Er sah, wie sein Bruder sich mit einer Gebärde unaussprechlicher Verachtung von ihm abwandte, und blickte dann der Gruppe nach, die langsam ihren Weg fortsetzte.

*

Die Nachricht, daß Thunderboy und sein Vater zurückgekehrt seien, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Siedelung. Alle diejenigen, die dem Sohne keine besondere Freundlichkeit erwiesen und die bereitwillig genug die Kunde von des Vaters Tod aufgenommen hatten, traten jetzt mit großer Herzlichkeit und wortreichen Freundschaftsversicherungen vor. Dagegen hielten die anderen, die den Tod des einen angezweifelt und sein Verschwinden aufrichtig beklagt und den hilflos auf Gnade und Ungnade seinem Onkel ausgelieferten Knaben aufrichtig bedauert hatten, mit ihren Glückwünschen ein wenig zurück. Allein Thunderboy besaß ein weitreichendes, vorzügliches Gedächtnis, das selbst die zwei Jahre in der Wildnis nicht abgestumpft hatten, und auch sein Vater, der wohl wußte, wie wenig man sich Mühe gegeben hatte, nach seinem Verbleib zu forschen und die hartnäckigen Gerüchte von seinem Tode nachzuprüfen, ließ sich durch diese vermeintliche überschwengliche Begeisterung nicht völlig hinter das Licht führen. Trotzdem waren er und Thunderboy unleugbar die Helden das Tages.

Selbst Katoya erhielt ihren Anteil an dem lärmenden Beifall.

Aber auch Katoya besaß ein weitreichendes Gedächtnis. Und in diesem Gedächtnis lebte allerlei, das sie gegenüber des weißen Mannes Lob und Tadel kalt ließ. Daher beobachtete sie die Siedelung nur argwöhnisch aus ihren tiefen Urwaldaugen, ohne auf das Entgegenkommen zu antworten. Und was gar Manu betraf, so hielt er sich vollständig zurück und schlich sich, sobald er sich überzeugt hatte, daß weder Thunderboy noch Katoya irgendeine Gefahr drohte, in den Wald, von wo aus er sämtliche Vorgänge vorsichtig aus der Ferne beobachtete.

Da nun aber ein derartiger Ausbruch allgemeiner Popularität zugunsten irgendeines Helden für gewöhnlich einen ebenso heftigen Ausbruch des Hasses gegen irgendeinen anderen aufrichtig verabscheuten Menschen im Gefolge hat, damit die menschliche Natur ihr wundervoll ausbalanciertes Gleichgewicht nicht verliere – begann sehr bald eine Welle volkstümlicher Empörung gegen Kennedy, den Onkel, zu strömen und zu einer Flut anzuschwellen, die ihn in ihre Tiefen zu reißen drohte.

Bereits nach erstaunlich kurzer Zeit wartete eine Schar Einwohner Kennedy auf – oder vielmehr, sie wartete ihm nicht auf, sondern stürmte unter Racheschwüren seine Blockhütte.

Doch Kennedy hatte den Kurs, den die öffentliche Meinung steuern würde, sobald seine Gemeinheit vollauf an den Tag gekommen wäre, nur allzugut erraten. Außerdem hatte er das drohende Unwetter am Horizonte aufziehen sehen: er wartete nicht erst ab, bis das Unwetter ihn erreichte, sondern raffte eiligst seine Büchse und ein paar andere notwendige Habseligkeiten zusammen und verschwand für immer verstohlen im Schatten der Bäume.

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