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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Wie sich Thunderboy als echter Donnerer erwies

Kaum sah er die Wigwams auftauchen, kaum gewahrte er die weite Ausdehnung der Elchbullenniederlassung, da verlor er auch schon jeglichen Mut. All diesen Fremden mußte er mit einer Erzählung entgegentreten, die sie vielleicht gänzlich ungerührt lassen würde. Selbst der Gedanke an seinen weißen Vater vermochte ihn jetzt, da er ihm von Angesicht zu Angesicht begegnen sollte, nicht länger zu trösten. Bisher hatte er mit den Bleichgesichtern keine sehr glücklichen Erfahrungen gemacht, ja, die Vorstellung eines ihrer Rasse zugehörigen Vaters war fast ebenso unbestimmt wie die des Donnervogels selbst, der den Menschen doch jeden Augenblick ohne vorherige Warnung mit seinen Flügelschlägen betäuben konnte. Aber es mußte sein, und zwar ganz ungeachtet seiner Gefühle und ohne weiteren Aufschub, falls er seine Mission zu Ende führen und seine Großmutter retten wollte. Daher raffte er seinen Mut zusammen, wagte sich aus dem Schutze des Waldes hinaus ins Freie und betrat mit klopfendem Herzen das Dorf.

Ein Indianer, der vor einem Wigwam am äußeren Rande des Dorfes stand, ging auf ihn zu und fragte ihn nach seinem Begehr.

»Ich wünsche mit dem Bleichgesicht zu sprechen,« lautete Thunderboys kühne Antwort.

Der Mann blickte ihn überrascht an. »Du willst mit ›Weißer Medizin‹ sprechen?« fragte er.

»Weiß nicht, wie er genannt wird,« entgegnete der Knabe. »Aber ich will mit dem weißen Manne sprechen, der mit seinen Augen lächelt.«

»Woher weißt du, womit er lächelt?« forschte der Indianer.

Ohne es zu wollen, hatte der Mann durch seine beiden Fragen die Anwesenheit einer solchen Persönlichkeit in der Niederlassung zugegeben.

Mit unendlicher Erleichterung klammerte sich Thunderboy an dieses Geständnis.

»Ich habe ihn im Walde gesehen,« erwiderte er schlicht und deutete nach den Bäumen in seinem Rücken.

Inzwischen war Thunderboys Ankunft auch noch von weiteren Indianern bemerkt worden, die jetzt näher kamen, und sehr bald sah er sich von einer neugierigen Gruppe von Menschen umringt, die alle wissen wollten, was ihn hierher führte. Auf sämtliche Fragen antwortete er lediglich, er wünsche das Bleichgesicht zu sprechen, ›das mit seinen Augen lächelte‹.

Da er hartnäckig jede weitere Auskunft verweigerte, erbot sich der Indianer, der ihn als erster angeredet, seinen Wünschen zu entsprechen. Also wurde der Knabe, begleitet von der ganzen Schar, bis in die Mitte des Dorfes vor einen der vornehmsten Wigwams geführt.

Kaum hatte Thunderboy den hochgewachsenen Mann vor dem Eingang der Hütte erblickt, da erfüllte tiefe Freude sein Herz, denn jetzt wußte er: sein Suchen hatte ein Ende. Trotzdem verließ ihn wieder der Mut, als er diesem unbekannten, weißen Vater gegenüberstand, und er kehrte ihm selbst dann nicht wieder, als er dem anderen tief in die Augen schaute. Sie blickten so ernst wie die eines Indianers, und das Lächeln war daraus verschwunden.

Aber sprechen mußte er mit ihm, koste es, was es wolle. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Ohne jede Vorbereitung und ohne in seiner Angst und Verlegenheit zu wissen, wie anfangen, stieß er hervor:

»Ich bin gekommen, dich zu suchen, weil du mein weißer Vater bist.«

Verwundert starrte der Mann ihn an, dann fragte er ihn auf Indianisch, was er damit sagen wolle.

Jetzt hatte Thunderboy die Sprache wiedergefunden; eilig redete er drauflos und mühte sich redlich, alles klarzulegen, und jede seiner Behauptungen endete mit den Worten: »Ich bin Thunderboy, dein Sohn.«

»Und wie soll ich wissen, daß du wirklich mein Sohn bist?« fragte der weiße Mann und warf dem Knaben einen durchdringenden Blick zu.

»Weil ich dir sage, daß ich es bin,« lautete die schlichte Antwort.

»Doch woher weißt du, daß du es bist?«

Diese Frage stürzte Thunderboy in derartige Verwirrung, daß er im Augenblick nichts zu antworten vermochte. Falls dieses furchtbare Bleichgesicht darauf bestand, daß er Beweise für seine Behauptungen vorbringe, hatte er ihm nichts außer der Tatsache zu bieten, daß seine Großmutter es ihm gesagt habe.

»Katoya, meine Großmutter, erklärt, dem wäre so.«

»Katoya, deine Großmutter, mag mancherlei erklären,« entgegnete der Weiße, »wie soll ich aber wissen, ich, der ich Katoya nicht kenne, ob sie die Wahrheit spricht?«

Daß irgend jemand, Bleichgesicht oder Indianer, Katoya nicht kennen sollte – Katoya, das große Medizinweib, dessen Ruhm so grenzenlos war wie der Westen selbst, erschien Thunderboy kaum glaublich; ja, das Befremdende eines solchen Gedankens stürzte ihn vollends in Verwirrung.

»Man hat mir gesagt, mein Sohn sei vor sehr langer Zeit gestorben, als auch mein Weib starb,« fügte der Weiße hinzu. »Das geschah, kurz nachdem ich von den ›Elchbullen‹ gefangen genommen wurde.«

Ein, zwei Minuten lang musterte Thunderboy seinen Vater, ohne zu sprechen.

»Meine Mutter ist gestorben, das stimmt,« sagte er mit langsamer Betonung, »aber ich bin nicht gestorben. Du mußt glauben, daß ich am Leben bin, weil ... weil ... weil du ja siehst, daß ich nicht tot bin!« fügte er triumphierend hinzu.

Und jetzt trat das Lächeln, das bisher ebenfalls gestorben zu sein schien, wieder in des Bleichgesichts Augen, ganz wie das erstemal, als Thunderboy ihn gesehen hatte, und glitt aus seinen Lidern die tiefen Furchen seiner Wangen hinunter, bis es sich zwischen den Zähnen verlor.

»Ich sehe, daß du sogar höchst lebendig bist,« erwiderte das Bleichgesicht und mühte sich, das Lächeln zu unterdrücken. »Das macht aber meinen Sohn nicht wieder lebendig. Man sagte mir, er sei als kleines Kind vor vielen Monden gestorben.«

Das Lächeln erstarb auf seinem Gesicht, und selbst seine Augen blickten ernst.

»Wer hat dir das gesagt?« fragte Thunderboy.

Seine rasche Art, Fragen zu stellen, machte den Leuten Eindruck und bewegte sie zum Nachdenken, ehe sie antworteten. Das Bleichgesicht stutzte einen Augenblick.

»Weshalb wünschst du das zu erfahren? Genügt es dir nicht, daß ich die Nachricht erhielt?«

»Nein,« entgegnete Thunderboy mit der nämlichen raschen Bestimmtheit. »Das genügt mir nicht.«

Diesmal blickte ihn der Mann mit unverkennbarem Erstaunen an und sagte: »Die Botschaft wurde mir von einem Indianer überbracht, der einer Jagdfährte aus dem Osten folgte.«

»Es gibt Botschaften, die nicht wahr sind,« fuhr der Knabe eilig fort. »Hat er dir gesagt, wer sie ihm auftrug? Nannte er dir seinen Stamm?«

Während so eine dringliche Frage der anderen folgte, musterte das Bleichgesicht den Knaben mit wachsendem Erstaunen. Er ertappte sich dabei, daß er auf alles antwortete, als wäre der Fragesteller ein reifer Mann, statt ein kaum dem Knabenalter entwachsener Jüngling.

»Ich habe ihn nicht nach seinem Stamme gefragt. Doch wurde die Botschaft ihm von meinem Bruder aufgetragen, der weit weg im Osten bei den Bleichgesichtern haust.«

Diese letzten Worte erweckten den Eindruck, als lägen jene fernen östlichen Ortschaften und Menschen noch weiter östlich in des Mannes Gedanken, bis sie nur Schatten glichen, geworfen von einem Geiste, der sich anschickte, weit unten im Westen unter dem Horizont zu versinken.

»Er war groß, sehr groß. Seine Augen waren tiefer eingesunken, als das bei einem Indianer gewöhnlich der Fall ist. Und dann fiel mir noch irgendeine Eigentümlichkeit an ihm auf, die ich vergessen habe ...« stirnrunzelnd hielt er inne, wie bemüht, sich zu erinnern ... »Ah, jetzt fällt sie mir ein – eine Narbe lief quer über sein Gesicht.«

Thunderboys Augen leuchteten auf.

»Dann war seine Botschaft eine Lüge!«

Diese Worte wurden in einem so überzeugenden Tone gesprochen, daß der Mann zusammenschrak. Zum erstenmal während dieser Unterredung fragte er sich unwillkürlich, ob an des Knaben unglaubwürdiger Geschichte nicht doch mehr Wahrheit sei, als er anfänglich angenommen. Er begann, ihn jetzt genau auszufragen, und während der ganze Bericht sich allmählich Stück für Stück aneinanderreihte, bemächtigte sich seiner die Überzeugung, daß der Knabe tatsächlich die Wahrheit redete. Und während dieser Glaube sich in ihm befestigte, begannen Dinge, die er längst für tot gehalten, sich in ihm zu rühren und in seinem Geiste eine seltsame Unruhe zu erzeugen. Seit zehn Jahren lebte er bereits bei diesem Stamme, zuerst als Gefangener, später, nachdem er die Kunde von dem Tode seiner Frau und seines Kindes erhalten, aus freien Stücken. Indianische Sitten und Gebräuche, die indianische Sprache, ja selbst des roten Mannes Gedanken und Gewohnheiten hatte er sich unbewußt und allmählich angeeignet, bis er fast mehr einem Indianer als einem Weißen glich und endlich der Bleichgesichter Zivilisation so vollständig abgeworfen hatte, wie eine Schlange ihre Haut. Und jetzt war ganz plötzlich und ohne vorherige Warnung ein Kind aufgetaucht, das dem Aussehen nach mehr noch einem Indianer glich als er selbst, aufgetaucht aus dem Osten, von dem er sich seit langem schon losgelöst, ein Kind, das in ihm alte Erinnerungen erweckte, Erinnerungen, die er seit Jahren verscharrt im Grabe einer toten Vergangenheit geglaubt.

Nach einer Weile hörte er auf, Fragen zu stellen, und lauschte wie im Traume des Knaben Erzählung. Seine verstorbene Frau, Katoya, ›Sieben Brüder‹, ›Narbengesicht‹, der ›Rennende Wolf‹, Manu – selbst sein eigener Bruder, dessen Porträt, so wie es sich ihm in Erinnerung darstellte, unangenehm genug schien, um wahr zu sein: sie alle glichen Namen aus alten indianischen Volksmärchen, wie sie an langen Winterabenden im Schatten der Wigwams erzählt wurden.

Doch mochte ihm dies alles wie ein Traum erscheinen und die tönenden indianischen Namen ihm noch so wild in den Ohren klingen: Thunderboy war durchaus kein Traum, sondern ein so lebendiges Stück Fleisch und Blut, wie man es nur irgendwo, im Osten oder Westen, anzutreffen pflegte.

Als dann endlich alles vorbei war und es kaum noch etwas zu erzählen gab, machte Thunderboy es allen klar, daß er keineswegs in einer Traummission zu ihnen gekommen sei, und daß alles, was er auf der Stelle zu unternehmen wünschte, alles andere, nur kein Traum wäre. Mit einem Wort, er verlangte, daß man unverzüglich zu Katoyas Befreiung aufbrechen möge.

Das war eben der Haken. Sein Vater glaubte nicht, daß sich irgend etwas tun ließe; die ›Schlangen‹ hatten sich zu einer großen Streitmacht vereinigt. Er für seinen Teil bezweifelte, ob die ›Elchbullen‹ sich für genügend zahlreich hielten, um zum Angriffe gegen sie vorzugehen. Selbst sein an sich beträchtlicher Einfluß würde wohl nicht stark genug sein, um die ›Elchbullen‹ zu überreden, den Kriegspfad zu beschreiten, zumal es sich nur darum handelte, ein altes Medizinweib zu retten, das obendrein einem fremden Stamme angehörte und das sie nie in ihrem Leben gesehen hatten.

Thunderboy lauschte diesen Einwänden mit feuriger Ungeduld, die selbst seine indianische Erziehung nicht zu bändigen vermochte. Katoya – eine Gefangene! Katoyas Leben bedroht und in den Händen ihrer mitleidlosen Feinde! Katoya, die in sich alles Wunderbare, was es auf der Welt gab, verkörperte – und die hier behandelt wurde, als wäre sie irgendeine beliebige Großmutter, statt eine Persönlichkeit, mächtig genug, um – davon war er fest überzeugt – selbst des Donnervogels Großmutter zu sein! Es war unfaßbar, eine Nichtswürdigkeit, eine unerträgliche Schmach!

Er richtete sich auf, stocksteif und gerade wie eine junge Lärche, und blickte seinem Vater fest in die Augen.

»Ich bin gekommen, um meinen weißen Vater zu finden, von dem ich glaubte, er wäre ein starker Krieger und ein mächtiger Medizinmann, der große Dinge verrichten könnte. Wenn er sich aber weigert, sein Volk zu Katoyas Rettung anzuführen, so werde ich wissen, daß meines Vaters Herz vor vielen Monden in den Hütten der Indianer gestorben ist, und daß ich nur noch seinen Leib, der ebenfalls auf den Tod wartet, gefunden habe.«

Der Mann warf dem Knaben einen hastigen, durchbohrenden Blick zu. Er war stumm vor grenzenlosem Erstaunen. Wie kam es nur, daß des Knaben Worte ihm tief ins Bewußtsein drangen und ihn plötzlich aus dem Schlafe aufzurütteln schienen? Seine Rede traf ihn bis in sein innerstes Herz, und er schrak zusammen unter der feinen Peitsche der Verachtung, die aus ihr hervorzuckte. Welche Macht hatte diesen Knaben so urplötzlich das Geheimnis von eines Mannes Zorn und beißender Geringschätzung gelehrt? Wer war überhaupt jenes Geschöpf, das trotzig und mit all dem Stolze eines jungen Wilden dort vor ihm stand, während ein seltsames Feuer in seinen Augen funkelte und ein Echo vergangener Dinge aus seiner Stimme klang? ... Und ganz plötzlich, als kehre sein Geist von einer langen Reise zu ihm zurück, schüttelte er die indianische Lethargie zahlloser Monde von sich, sandte einen zweiten forschenden Blick tief in seines Sohnes Augen – und sah!

Und mit diesem plötzlichen Erwachen ward auch der Mensch neu geboren, der er einstmals gewesen, und wieder sah er die Welt von eines weißen Mannes Gesichtspunkt.

»Komm,« sagte er. »Wir wollen mit dem Häuptling reden. Wir wollen ihm unsere Wünsche unterbreiten.«

Thunderboys Blut glühte. Wenn dieser weiße Mann mit der gleichen Kraft handelte, wie er sprach, dann war er in Wahrheit sein Vater! Ohne ein weiteres Wort folgte er ihm nach der Hütte des Häuptlings.

Akitopa, der Häuptling, war ein Mann mit einem Gesicht, das groß und erhaben nach den indianischen Linien geschnitten war, als hätten die mächtigen Gebirgszüge seiner Heimat als Vorbild gedient. Und auch sein Geist war rauh und erhaben wie sein Antlitz. Kleinliche Mittel oder niedrige Gefühle fanden in ihm kein Echo. Aber er hatte bereits allzuviel von der Welt, der roten wie der weißen, gesehen, um sich durch sie täuschen zu lassen.

Während er den Worten seines weißen Medizinmannes lauschte, wandte er auch nicht eine Sekunde lang seinen bohrenden Blick von Thunderboys Antlitz. Und obgleich der Knabe im Reden vornehmlich seinen Vater anschaute, begegnete er doch den Augen des Häuptlings mit gleicher Festigkeit, sobald dieser sich an ihn wandte.

Kaum hatte der weiße Mann seine Rede beendet, da stellte Akitopa Thunderboy eine Reihe Fragen, die dieser in dem gleichen bestimmten Tone beantwortete, den er seinem Vater gegenüber angeschlagen, und dieser Ton überraschte den Häuptling nicht minder als des Knaben Worte; beide hinterließen einen tiefen Eindruck. Ja, so tief war dieser Eindruck, daß er auf der Stelle seine Krieger zusammenrief, um ihnen die ganze Angelegenheit zu unterbreiten, ehe er selbst seine Entscheidung träfe.

Nachdem Thunderboys Vater geredet hatte, wurde der Knabe von Akitopa wie von dessen Kriegern einem scharfen Kreuzverhör unterzogen. Er mußte seine ganze Geschichte, die er bereits seinem Vater erzählt hatte, noch einmal wiederholen. Jener Teil, der von ›Narbengesicht‹ und seiner Verräterei handelte, erregte ganz besonderes Interesse, trotzdem wurde es Thunderboy sehr bald klar, daß sie durchaus nicht geneigt schienen, einen Kriegszug anzutreten, nur um Katoya zu befreien. Akitopa selbst überließ nach dem Kreuzverhör, und nachdem die Beratung im vollen Gange war, die Debatte in der Hauptsache seinen Kriegern. Was immer auch seine persönliche Ansicht sein mochte, er behielt seine Meinung für sich, als wünsche er seine Leute in keiner Hinsicht zu beeinflussen. Selbst als des Knaben Vater noch einmal energisch für Katoyas Befreiung eintrat, wobei er diesen Männern gegenüber, die ihn als ein Mitglied ihres Stammes angenommen hatten, seine ganze Überredungskunst ins Treffen führte, gaben sie ihren hartnäckigen Widerstand gegen den Plan nicht auf. Thunderboy wurde das Herz schwer. Wenn selbst seines Vaters großer Einfluß den Kriegern gegenüber versagte und auch Akitopa, den er doch zum mindesten zur Einberufung dieser Versammlung vermocht hatte, sich plötzlich abseits hielt, mußte ja jede Hoffnung auf die Rettung seiner Großmutter ersterben. Verzweifelt blickte er erst seinen Vater und dann den Häuptling an; endlich schweifte sein Blick über den Kreis harter, unfreundlicher, indianischer Gesichter, die ihn gleich erbarmungslosen Richtern, welche bereits das Urteil gesprochen haben, anstarrten. Nirgends gewahrte er auch nur das geringste Zeichen der Ermutigung. Selbst seines Vaters Ausdruck glich dem eines Mannes, der zu hoffen aufgehört hat.

Niemand wollte ihm helfen. Niemand war übriggeblieben – außer Manu. Doch, da war noch ein anderer Mensch, jemand, der seine Großmutter in jenen letzten furchtbaren Minuten gesehen hatte, da sie als hilflose Gefangene in der Hütte gesessen und auf Manus Warnung hin, ohne ein Jota ihres prachtvollen Mutes einzubüßen, ihm zugeredet hatte, sich durch sofortige Flucht zu retten und sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Dieser Mensch war er selbst!

Und ganz allein – ein Knabe gegen hundert Erwachsene – trat er ihnen entgegen, unerschrocken, voll plötzlicher Leidenschaft, die ihn wie ein Sturm durchbrauste.

»Feiglinge! Feiglinge! – Ihr alle miteinander!« rief er laut und seine Stimme stieg, während er diese Worte wiederholte, zu einem gellenden Schrei an.

Alle Krieger, ohne jede Ausnahme, starrten ihn in grenzenlosem Erstaunen an. Das war für sie eine neue Erfahrung – von einem Knirps von einem Jungen herausgefordert zu werden! Und doch bildeten diese Worte erst den Anfang der erstaunlichen Dinge, die Thunderboy ihnen aus der Tiefe seines Herzens vorhielt. Noch nie hatten sie eine solche Sprache gehört, noch nie einen derartigen Sturzbach der Leidenschaft über sich ergehen lassen müssen. Woher die Worte ihm kamen, das wußte er selbst nicht. Sie sprangen ihm auf die Zunge gleich Scharen von Vögeln, die plötzlich aus dem Nichts emporschießen und mit ihren stürmischen Flügelschlägen die Luft verdunkeln. Er wußte kaum, was er sagte, jedenfalls fragte er auch nicht danach. Er hatte aufgehört, nach irgend etwas zu fragen. Seine Leidenschaft trug ihn bis zu einem Gipfel verächtlicher Beredtsamkeit empor, über den er sich selbst gewundert haben würde, hätte er die Zeit dazu gehabt. Doch auch die Zeit hatte aufgehört. Alle Unterschiede hatten aufgehört. Alter, Rang, Erfahrung, sie alle wurden beiseite gefegt, vernichtet. Nichts blieb übrig als sein Herz, weißglühend vor Leidenschaft, aufflammend in brennenden Worten, die gleich Flocken lebendigen Feuers auf seine entgeisterte Zuhörerschaft niederregneten. Und wo dieses Feuer hintraf, da zündete es. Anfänglich hatten die Krieger sich gegen einen derartigen Ausbruch, den sie als eine unerhörte Vermessenheit empfanden, aufgelehnt. Aber als Thunderboy von Geringschätzung und Zorn zu glühenden Bitten überging und sie erkannten, daß, mochten seine Worte sie auch wie Feuer brennen, das Gefühl, welches sie ihm eingab, sein Herzblut selber war, schmolz ihre Empörung wie Schnee unter der Sonne. Und als zum Schluß seine Stimme in einem einzigen zitternden Schrei gipfelte: »Katoya sagte mir, die ›Elchbullen‹ wären der größte Stamm des Westens. Mögen die ›Elchbullen‹ jetzt ihre Größe erweisen. Oder wollen sie ihren Namen in ›Elchkälber‹ verwandeln und ihre Skalplocken den ›Schlangen‹ anbieten?« da ging eine Welle gewaltiger Begeisterung durch die ganze Versammlung, bis jeder einzelne, in Rufe der Bewunderung ausbrechend, auf die Füße sprang.

In der nächsten Sekunde riß der weiße Mann Thunderboy in seine Arme, und der Knabe hörte, wie jener mit klarer Stimme, die jedem zu Ohren dringen mußte, triumphierend ausrief: »Ob dieses Jünglings Mutter mein Weib war oder nicht: ich begrüße ihn als meinen indianischen Sohn!«

Als Thunderboy wieder zur Besinnung kam, lag er schluchzend an seines Vaters Herzen.

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