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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Thunderboy geht seinen Vater suchen

Aus weiter Ferne vernahm Thunderboy den Tumult und erriet daraus, was im Gange war. Da er jedoch wußte, daß er durch seine Umkehr dem Silberlöwen nicht im geringsten helfen konnte und daß Manu höchstwahrscheinlich, nur um ihm Zeit zur Flucht zu geben, sich von dem Pack einkreisen ließ, lief er unentwegt weiter. Allmählich wurde der Lärm matter und matter, je mehr er selber in den Wald vordrang. Bald erstarb er vollends, und als Thunderboy endlich stehen blieb, um zu lauschen, hörte er nichts in dem tiefen Schweigen der Nacht, als das Klopfen seines eigenen Herzens.

Bislang war es sein einziges Ziel gewesen, eine möglichst große Entfernung zwischen sich und seine Verfolger zu legen, jetzt aber, da ihm Zeit zur Besinnung blieb, begann er sich die Richtung seiner Flucht zu überlegen. Er wußte, die Morgendämmerung stand dicht bevor. Mit Tagesanbruch würden die Indianer, die jetzt lediglich von der Dunkelheit gehemmt wurden, sofort seine Spur aufnehmen; hatten sie diese aber erst einmal entdeckt, so würden sie ihr Stunde um Stunde, ja wenn nötig Tag um Tag unermüdlich wie die Wölfe folgen. Falls er daher nicht irgendeinen Plan ersänne, um ihnen ganz und gar zu entrinnen, mußte er über kurz oder lang unfehlbar in ihre Hände fallen, womit jede Hoffnung auf Rettung für seine Großmutter für immer dahin war.

Zu diesem Zwecke galt es, koste es, was es wolle, das Dorf der Elchbullenindianer zu erreichen, wo nach allem, was seine Großmutter ihm erzählt hatte, sein Vater gefangen saß. War dieser wirklich der mächtige Medizinmann, für den die ›Elchbullen‹ ihn hielten, so würde er, Thunderboy, mit seiner Hilfe doch ohne Zweifel Mittel und Wege finden, um Katoya zu retten, ehe es zu spät wäre.

Bisher war er auf gut Glück in östlicher Richtung gewandert, als aber die ersten Streifen der Morgenröte den Himmel zu lichten begannen, änderte er seinen Kurs und bog nach Südwesten ab. Nach seiner Großmutter Schilderung war er ziemlich genau über die Lage der Elchbullenniederlassung orientiert, und er glaubte, er würde, falls er die gegenwärtige Richtung beibehielte und auf keine unüberwindlichen Hindernisse stieße, deren Nachbarschaft noch in der gleichen Nacht erreichen, selbst wenn er erst am folgenden Tage bis in das Dorf selbst vordringen könnte. Doch die beträchtliche Strecke, die er bereits nach Osten zurückgelegt hatte, bewirkte, daß die bevorstehende Reise weit länger war, als er es ursprünglich berechnet hatte, daher befand er sich um die Mittagszeit erst etwas nördlich von seinem alten Wigwam, während der größere Teil der Wanderung noch vor ihm lag. Er hatte einen Augenblick innegehalten, um die genaue Richtung des großen Sees festzustellen, als er zwischen den Bäumen plötzlich einen Indianer auftauchen sah. Dieser war im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden, aber Thunderboy hatte genug gesehen. Da waren sie also! Sie hatten ihm bis hierher nachgespürt.

Er lief sogleich in Richtung des Sees weiter. Er wußte, es würde Wahnsinn sein, seinen ersten Plan ausführen zu wollen und direkt nach der Elchbullenniederlassung zu fliehen. Dazu waren seine Verfolger ihm schon allzu nahe; wahrscheinlich würden sie ihn überholen, ehe er noch die Hälfte der Entfernung zurückgelegt hätte.

Ah! Was war das? Ein zweiter Schlangenindianer, dort zu seiner Rechten, weit näher noch als der erste? Nichts hatte sich gerührt, bis auf ein paar Blätter an den unteren Zweigen eines jungen Ahorns. Vielleicht stammte die Bewegung auch nur von einem aufgeschreckten Reh, aber sie genügte Thunderboy. Augenblicks änderte er die Richtung. Und jetzt vernahm er ein leises Rascheln im Gebüsch zu seiner Linken, als liefe jemand in großen Sprüngen durch das Dickicht. Bestanden seine Befürchtungen zu Recht, so deutete dies auf einen dritten Indianer; in diesem Falle waren ihm seine Verfolger näher, als er geglaubt hatte, und setzten nun alles daran, ihm den Weg abzuschneiden, noch ehe er den See erreichen konnte.

Er lief jetzt aus Leibeskräften in möglichst gerader Richtung, denn er wagte es nicht, nach rechts oder nach links auszubiegen. Hier kannte er jeden Zollbreit des Weges. Er wußte, er befand sich ganz in der Nähe des Sumpfes. Das Herz blieb ihm vor Schreck stehen. Vor ihm der Sumpf, hinter ihm, mit jedem Schritte näher kommend, die Verfolger – seine Aussichten zu entrinnen waren wahrhaft gering!

Und jetzt brachen sie aus dem Walde hervor – hinter ihm, rechts und links von ihm – fünf auf einmal und alle ihr wildes, triumphierendes Kriegsgeheul ausstoßend, denn sie waren ihrem Feinde ja dicht auf den Fersen. Vorbei war es mit der Möglichkeit, umzukehren oder auszuweichen. Und vor ihm, mit seiner verräterischen Oberfläche und seinen schwarzen Pfützen grundlosen Schlamms, erstreckte sich als unüberwindliches Hindernis der Sumpf!

*

Der Sumpf! ... Erinnerung, rascher noch als all die eiligen Füße dieser furchtbaren Jäger, trug ihn in die Vergangenheit zurück und ließ eine letzte verzweifelte Hoffnung aufleuchten ... Der Weg aus Torfmoos! – Die Fährte des flüchtigen Rehs!

Sie konnte nicht weit sein. Wenn er sie nur fände! Ja, er irrte sich nicht! Auf der Höhe jenes Hügels hatte das aufgeschreckte Tier gestanden, das ihm den Weg gezeigt.

Kein Zweifel, da war er ja! Ein kaum merklicher dunkler Strang in dem leuchtend roten Teppich des Mooses! Die kunstvolle Brücke aus Fasern über dem uralten Schlamm, gewoben von der Hand der Jahrhunderte!

Er schoß den Abhang hinunter und betrat den Sumpf. Die erstaunten Indianer blieben wie angewurzelt stehen in der Erwartung, ihn jeden Augenblick in dem Morast versinken zu sehen, während er über die schwankende Oberfläche dahineilte. Aber wo der eine Mensch hingeht, da kann ihm der andere folgen! Und mit Indianeraugen ist auch die matteste Fährte so deutlich sichtbar, wie eine wohlausgetretene Heerstraße. Der dünne braune Strich, der durch das Rot hinführte, war für sie Wegzeichen genug, und einer der fünf Krieger – der kühnste unter ihnen – jagte Thunderboy nach, während die vier anderen sich trennten und dem Rande des Sumpfes in verschiedenen Richtungen folgten.

Thunderboy warf einen Blick über die Schulter und sah zu seinem Schrecken, daß einer seiner Verfolger die Überquerung wagte und sich bereits auf halbem Wege über dem Sumpf befand. Wieder tauchte in ihm die Erinnerung und sandte ihm blitzschnell eine Botschaft aus der Vergangenheit. Der doppelte Pfad – der sichere und der heimtückische! Der alte und der neue! Er durfte den Punkt, wo die Fährte sich gabelte, nicht übersehen! Sein Leben hing buchstäblich an einem Faden – an einer Faser Torfmooses! Besorgt heftete er seine Blicke auf den Weg zu seinen Füßen.

Ah, da war er schon – unmittelbar vor ihm! Fast wäre er über ihn hinausgeschossen. Er blieb abrupt stehen, als zögere er, ungewiß in der Wahl der Wege, damit sein Verfolger ihn einholen konnte. Der Indianer stürmte heran. Jetzt nach links, die alte Fährte hinunter! Nur noch wenige Schritte trennten die beiden Laufenden. Der Indianer beschleunigte seinen Schritt, verringerte die Entfernung zwischen ihnen. Es sah ganz so aus, als solle die Gefangennahme mitten im Sumpfe erfolgen. Und jetzt sinkt der Pfad, jetzt gibt er unter dem doppelten Gewicht in furchterregender Weise nach, während das schwarze Wasser zwischen dem Moose hervorsickert. Trotzdem läuft Thunderboy immer weiter. Jetzt dehnt sich unmittelbar vor seinen Füßen ein verdächtig aussehender Tümpel, in dem der Weg sich verliert, obwohl er am anderen Ende wieder matt hindurchschimmert. Sein Verfolger ist ihm so dicht auf den Fersen, daß er bereits seinen keuchenden Atem vernimmt. Da verrichtet Thunderboy das Wunder, das er schon einmal vollbracht. Als sein Mokassin den Saum des dunklen Wassers berührt, schnellt er sich plötzlich hoch, scheint seinen Körper mitten in der Luft aus seiner Richtung zu reißen und landet in Sicherheit, wo die Moosfasern halten. Ein zweiter Sprung und er steht auf dem neuen Pfad, über den er mit der Schnelligkeit eines Vogels hinfliegt.

Das Weitere wartete er nicht erst ab. Er hörte einen Sprung, ein lautes Plantschen und einen erstickten Schrei. Ungefährdet erreichte er das Ufer, tauchte im Walde unter und stürmte eine ihm wohlbekannte Fährte entlang, die in gerader Richtung zu dem See hinunterführte. Er wußte, ihm blieb nur eine einzige Rettungsmöglichkeit: das Kanu. Falls er das Lager noch rechtzeitig zu erreichen vermochte, um das Kanu zu Wasser zu lassen, ehe seine Feinde ihn eingeholt hätten, konnte er ihnen vielleicht doch noch entrinnen. Im Laufen horchte er scharf auf jedes Geräusch. Er hatte durch Überquerung des Sumpfes einen Vorsprung gewonnen; seine Verfolger würden gezwungen sein, bis zum See einen weiten Umweg zu machen, und falls sie nicht irgendeinen Abschneider wußten, hatte er jede Aussicht, noch rechtzeitig das Lager zu gewinnen. Aber er hatte die Rechnung ohne ›Narbengesicht‹ gemacht; der zeigte den Verfolgern den Weg und hatte nicht umsonst bei seinen früheren Besuchen genau die Gegend untersucht. Ja, es war ›Narbengesicht‹ selbst, der, als Thunderboy in das verödete Lager eilte, fast gleichzeitig am gegenüberliegenden Ufer des winzigen Seeeinschnittes auftauchte und diesen mit einem einzigen Satz überquerte.

Jetzt liefen sie beide um die Wette nach dem Kanu. Als ›Narbengesicht‹ den Knaben in dem Ellerngestrüpp verschwinden sah, erriet er auf der Stelle seine Absicht und eilte im Sturmschritt vorwärts, sie zu vereiteln. Doch Thunderboy kannte sich in dem Ellerndickicht aus, ›Narbengesicht‹ aber nicht, trotz seiner sorgfältigen Erkundung der Umgebung. Während daher der Indianer gleich einem wütenden Elch durch die dichten Ellernbüsche brach, schob Thunderboy geräuschlos das Kanu den verborgenen Wasserarm hinauf, und als ›Narbengesicht‹ ihn wieder zu Gesicht bekam, war er bereits eine ganze Strecke in den See hinausgerudert.

Die Behauptung, daß ›Narbengesicht‹ sich ärgerte, gibt nur schwach seine Gefühle wieder. Daß der Knabe nach seiner Gefangennahme ihnen wieder entkommen war, erschien an sich schon schlimm genug; daß er ihm aber unmittelbar vor Augen noch einmal durch die Finger schlüpfte, peitschte seinen Zorn zur Raserei auf.

Thunderboy ruderte aus Leibeskräften, denn sein rascher Verstand hatte bereits einen neuen Plan erdacht. Er war mit dem anderen Ufer am Ausgang des Sees genügend vertraut, um zu wissen, daß der See dort einen Abfluß hatte, der ihn mit einem zweiten See verband, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach lediglich ein Glied einer langen Kette bildete, zu der auch ihr eigener See gehörte. Thunderboy hoffte nun nach Überquerung dieser zweiten Wasserfläche irgendwo an einem versteckten Ort landen zu können und das Gebiet der Elchbullenindianer in nördlicher Richtung über den Wald zu erreichen. Mit diesem Plan vor Augen ruderte er immer weiter bis an einen Punkt, von wo aus er den Abfluß des Sees klar überblicken konnte. Während dieser ganzen Zeit hatte er nichts von seinen Verfolgern gesehen oder gehört, und er hoffte, sie hätten entweder fürs erste die Hatz aufgegeben, oder sich für den Fall seiner Rückkehr in der Nachbarschaft des Lagers aufgehalten. Trotzdem ruderte er kräftig weiter, denn er war ein allzu unverfälschter Indianer, um sich lediglich auf den Schein zu verlassen, und war fest entschlossen, auf seiner Flucht kein Risiko einzugehen. Daran tat er wahrhaftig recht, denn als er einen Blick auf das ferne Ufer zu seiner Rechten warf, sah er plötzlich einen Trupp Indianer über eine Lichtung rennen und zwischen den Bäumen untertauchen.

Augenblicks erkannte Thunderboy die Gefahr. Falls seine Feinde den Abfluß des Sees vor ihm erreichten, würden sie ihm die Flucht in jene Richtung abschneiden.

Alles hing davon ab, wer zuerst dorthin gelangte. Hatte er bisher rasch gerudert, so verdoppelte er jetzt seine Anstrengungen, bis das Kanu förmlich über das Wasser schoß, das sich gurgelnd bei jedem Eintauchen seines Ruders an den Bordwänden brach. Etwa eine halbe Meile vor dem Abfluß war das Ufer eine größere Strecke lang felsig und mit Geröll bedeckt. Diesen Punkt hatte er jetzt erreicht und bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als er einen Indianer auf das Ufer zustürmen und eilig über die Kiesel laufen sah. Diesem folgten noch drei weitere Krieger.

Sich zu verstecken, war ausgeschlossen. Es gab nur eine Möglichkeit: ohne auch nur eine Sekunde Zeitverlust den Abfluß zu gewinnen. Sein Tempo zu beschleunigen, erschien unmöglich. Dennoch tat er es, und zwar mit einer Aufwallung von Kraft, die seine Verfolger überraschte, und die ihn selbst überrascht haben würde, hätte er Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Er hatte schon mehr als einmal um sein Leben gerudert. Auch als er mit Katoya vor Kennedy und dessen Leuten flüchten mußte, hatte er seine ganze Kraft eingesetzt. Jetzt jedoch übertraf er selbst seine damalige Leistung, denn jetzt wie damals trieb ihn das Bewußtsein, daß Katoyas Sicherheit mit der seinen verknüpft sei, und daß ihr Schicksal besiegelt wäre, falls ihm seine Flucht mißlänge.

Er war inzwischen auch stärker geworden, und seine Muskeln hatten sich gehärtet. Das Leben in der Wildnis mit Katoya und Manu hatte seinen Körper über seine Jahre hinaus entwickelt. Es war, als sei dank ihres vereinten Einflusses der starke Saft der Wildnis in ihn übergegangen, um jetzt im Augenblicke höchster Not mächtig in ihm emporzuquellen.

Er war jetzt dem Abfluß sehr nahe, aber seine Verfolger waren das nicht minder. Ja, bei jedem Eintauchen seines Ruders konnte er das Geröll unter ihren fliehenden Schritten knirschen hören. Das Wettrennen wurde immer erbitterter. Es wuchs sich zu einem Kampf um die letzten wenigen Sekunden, die letzten paar Meter aus. Sekunden würden die Entscheidung herbeiführen.

Als die Indianer sahen, daß ihre Beute ihnen zum zweitenmal entrinnen würde, stießen sie einen ohrenzerreißenden Schrei aus. Es war ein Laut, der jedem Todesangst eingejagt hätte, aber Thunderboy ließ sich nicht so leicht einschüchtern. Der Schrei schreckte ihn, aber er lähmte ihn nicht. Er war für ihn lediglich ein etwas weittragenderer Laut als das Rasseln der Kieselsteine oder das Plätschern der Wellen. Er peitschte seine Nerven zu letzter verzweifelter Anstrengung auf. Und gerade als die keuchenden Indianer ihr Ziel erreichten, sahen sie zu ihrem grenzenlosen Erstaunen das Kanu direkt unter ihren Händen davongleiten, als sei irgendeine übermenschliche Kraft plötzlich in Thunderboy gefahren.

Sie hätten ihn ohne weiteres erschießen können, allein ›Narbengesicht‹ hatte den Befehl erhalten, ihn unter allen Umständen lebendig gefangen zu nehmen. Seine Abmachung mit Kennedy lautete: er solle zuvor Katoya töten und ihm dann seinen Neffen ausliefern. Und selbst wenn er diesen Pakt bräche, hing doch die Erfüllung des Versprechens, das Kennedy den Schlangenindianern gegeben, mehr von Thunderboys springlebendiger Medizin als von seinem mausetoten Körper ab. Doch die Tatsache, daß er ihnen jetzt zum drittenmal entkam, stellte die Geduld der ›Schlangen‹ auf eine gar zu harte Probe. Gerade als sie versuchen wollten, seine Flucht durch eine Verwundung zu verhindern, sahen sie ›Narbengesicht‹ sich von einem Felsen an der Flußmündung in das Wasser stürzen.

So plötzlich war diese Handlung und ihre Ausführung dank des Zornes, der ›Narbengesicht‹ bewegte, so ungeheuer schnell, daß er im Moment des Untertauchens bereits um ein paar Meter dem Kanu vorangeeilt war.

Das Ganze kam auch Thunderboy völlig überraschend. Er erkannte die Gefahr erst, da es bereits zu spät war. ›Narbengesicht‹ war ein kräftiger Schwimmer. Noch ehe der Knabe dem Kanu eine andere Richtung geben konnte, tauchte der Indianer neben ihm aus dem Wasser auf. Und als das mörderische Haupt an der Oberfläche erschien und das Wasser aus seinen Augen schüttelte, gewahrte Thunderboy zwischen den zusammengebissenen Zähnen ein Messer.

Er fuhr jetzt mitten in der Strömung. Sie riß ihn, selbst ohne Hilfe seinerseits, eilig mit sich fort. Allein ›Narbengesicht‹ war ein viel zu gewandter Schwimmer und befand sich obendrein dem Kanu zu nahe, als daß Thunderboy eine Wettfahrt mit ihm wagen konnte. Er vermochte nur das eine zu tun, und das ohne zu zögern, denn er wußte, in der nächsten Sekunde wäre sein Schicksal besiegelt. Jetzt oder nie!

Schon hatte ›Narbengesicht‹ die Hand auf das Kanu gelegt. Entweder wollte er es zum Kentern bringen oder es mit dem Messer zwischen seinen Zähnen aufschlitzen. Thunderboy wartete nicht erst ab, was der Gegner zu tun beabsichtigte. Er schwang sein Ruder hoch in die Luft und ließ es mit voller Kraft auf des Indianers Haupt niedersausen. ›Narbengesicht‹ wich um den Bruchteil einer Sekunde zu spät dem Hiebe aus. Das Ruder fuhr gleich einem mächtigen Holzmesser mit der Kante auf ihn hernieder und traf ihn voll an der linken Schläfe. Geblendet und halb betäubt ließ er das Kanu fahren. Thunderboy hörte ihn aufstöhnen, sah, wie das Wasser um seinen zuckenden Körper wirbelte, tauchte jedoch, ohne das Weitere abzuwarten, sein Ruder wieder tief in die Strömung und schoß mit ihr flußabwärts. Hinter sich vernahm er ein wildes indianisches Geheul, während rechts und links von ihm eine Anzahl Kugeln flogen. Die eine schlug über der Wasserlinie in das Kanu ein, die anderen fielen, ohne Schaden anzurichten, in den Fluß. Zum Glück befand er sich im nächsten Augenblick in der Mitte des Stromes, und einige kräftige Ruderschläge entführten ihn sogleich außerhalb der Reichweite der Gewehre.

Wie erwartet, mündete der Fluß etwas weiter unten in den zweiten See.

Nachdem er auch diesen gekreuzt und eine beträchtliche Strecke hinter sich gelegt hatte, hielt er es für richtig, zu landen, für den Fall, daß seine Feinde dem Flußlauf bis an das nördliche Ufer gefolgt wären. Er war jetzt weit genug nach Westen vorgedrungen und glaubte, nach einem Marsch durch die Wälder in nördlicher Richtung das Dorf der Elchbullenindianer erreichen zu können, ohne von seinen Verfolgern eingeholt zu werden, selbst wenn sie das Gebiet an der Mündung des Sees bereits erreicht hätten. Er glaubte indes nicht, daß sie ihm so weit nachgehen würden, auch wenn sie seine Fährte aufgespürt hätten, da sie alsdann die Jagdgebiete ihrer Todfeinde, der ›Elchbullen‹, betreten müßten.

Er landete an einer Stelle, wo das Kanu vor allen spähenden Augen geschützt war und tauchte sogleich im Walde unter. Trotz seiner körperlichen Ermüdung marschierte er bis zum Abend weiter und wählte sich ein von dichtem Unterholz geschütztes kleines Tal zum Übernachten. Er war von all den Strapazen so erschöpft und sank in so tiefen Schlaf, daß er erst aufwachte, als über den Lichtungen bereits das helle Tageslicht lag und der Morgen selbst die tiefsten Dickichte erhellte. Er war außer sich über diesen Verlust an kostbarer Zeit, ganz zu schweigen von dem Risiko einer Gefangennahme, falls seine Feinde wirklich seine Fährte entdeckt hätten. Da er jedoch gleich den Tieren des Waldes das Geheimnis der Entspannung von Körper und Seele in tiefstem Schlafe gelernt hatte, fand er seinen Zeitverlust durch erhöhte Energie wieder wettgemacht. Und als gar im Moment des Aufbruches der zarte, kleine Sperling, den die Indianer Killulit oder Klein-Schönkehlchen nennen, von dem Zweige eines Sassafrasbaumes hoch zu seinen Häupten sein klares Lied pfeilgerade in das Sonnenlicht emporsandte, nahm er dies als ein günstiges Vorzeichen und setzte sich, erfüllt von neuem Mute, eiligst wieder in Marsch.

Mittag war gekommen, bevor er auf irgend etwas traf, das ihm auch nur die ungefähre Lage seines Zieles verraten hätte. Dann jedoch stieß er auf einen in nordwestlicher Richtung laufenden Pfad. Offenbar war dieser in letzter Zeit des öfteren begangen worden, und sehr bald begegnete er Spuren, die unverkennbar auf die Nachbarschaft irgendeiner größeren Niederlassung deuteten. Er verlangsamte jetzt seinen Schritt, um eventuell unterwegs befindliche Indianer beobachten zu können, ohne selbst entdeckt zu werden, denn falls er sich geirrt hatte und an ein falsches Dorf geraten war, konnte er sich plötzlich erneut als Gefangener wiederfinden, mit geringerer Möglichkeit denn je, seine Großmutter zu befreien.

Es währte nicht lange, da wurde seine Vorsicht belohnt. Er sah einen Trupp Jäger in das Dorf zurückkehren und hatte gerade noch Zeit, sich im Unterholze zu verstecken, ehe die Leute ganz in seiner Nähe vorbeizogen. Jetzt erkannte er zu seiner unaussprechlichen Erleichterung, daß sie dem gleichen Stamme angehörten wie jene, die er zuerst in Gesellschaft des weißen Mannes erblickt hatte; sie mußten daher nach dem Bericht seiner Großmutter den ›Elchbullen‹, einem der größten und mächtigsten Stämme des Westens, angehören. Also wartete er, bis sie wieder verschwunden waren, und folgte ihnen nach dem Dorf.

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