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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Manu gebraucht seine Zähne

Man frage den jagenden Wolf, wie er nach einer Jagd über ein ausgedehntes Gebiet weiß, wo er des Nachts das Pack wiederfinden wird. Man frage den Rutengänger, weshalb die Weidenrute in seiner Hand aufzuckt, sobald sie auf eine tief in der Erde verborgene Quelle stößt. Man frage, wen man will, aber man erwarte keine Erklärung jenes wunderbaren Instinktes zu erhalten, der dort, wo die Augen versagen, wo der Geruch sich verflüchtigt und wo der Schall selbst nicht mehr trägt, ein Geschöpf der Wildnis durch die weglose Einöde schnurstracks zu seinem Lager und zu seiner Sippe zurückführt. Mehr als dieses kann nicht gesagt werden, aber es geschieht wirklich. Als Manu von seinem langen Jagdausflug heimkehrte und das Lager verödet fand, verschwendete er keine Zeit mit Nachdenken. Sein Instinkt verriet ihm, daß Katoya und Thunderboy nicht wiederkehren würden. Sein Instinkt sagte ihm auch, welche Richtung sie eingeschlagen hatten. Ihre Spur war viel zu alt, als daß noch irgendwo ein menschlicher Geruch geschwebt hätte, aber dann und wann stieß Manu auf das schwächste aller Anzeichen, daß hier menschliche Füße vorübergewandert wären. Eilig trabte er vorwärts, als warne ihn irgend etwas, daß er keine Zeit verlieren dürfe. Endlich erreichte er die Schlucht, wo die Gefangennahme erfolgt war, und fand sogar Katoyas Felsversteck. Doch die von der Hitze versengte Oberfläche des Gesteins war längst von jeder menschlichen Berührung gereinigt und bot Manus suchender Nase keinen Aufschluß.

Trotzdem blieb er längere Zeit an diesem Flecke sitzen; er konnte keinen Entschluß fassen und wurde, je länger er säumte, von einer unbestimmten Unruhe gequält. Endlich ließ er sich genau an der Stelle nieder, wo Katoya gefangen genommen worden war, und seine wilden Augen schweiften unablässig die Schlucht hinauf und hinunter, wie auf der Suche nach irgend etwas, das jeden Moment eintreffen könnte. Er sah eine Hindin ihr Kälbchen zur Tränke in das Bachbett hinabführen, sah, wie sie sich ängstlich umschaute, als fühle sie, ohne zu sehen, die kalten, funkelnden Augen, die sie so mitleidlos anstarrten, sah, wie sie wieder und immer wieder mit dem Fuß aufstampfte, als fordere sie die unsichtbare Gefahr heraus, sich zu offenbaren, und beobachtete endlich, wie sie sich ohne jede sichtbare Warnung wieder in das Waldesdickicht flüchtete. Er sah einen Hasen in langen behenden Sprüngen nach der nämlichen Tränke hinuntereilen und einen Marder ihm vom Fels bis ins Gestrüpp und vom Gestrüpp bis an den Wildbach nachschleichen. Allein all diese Dinge, die zu anderer Zeit Manus schärfstes Interesse erregt haben würden, waren für ihn nichts als treibende, gleichgültige Schatten. Nur das eine Mal, als er ganz flüchtig seinen entfernten, aber verhaßten Verwandten, einen Luchs, erspähte, verriet er eine Spur von Anteilnahme, und auch die äußerte sich lediglich in ein paar Schlägen seines Schwanzes und durch ein gedämpftes Knurren aus tiefster Kehle, welches besagen sollte: »Geh mir aus dem Wege!«

Während dieser ganzen Zeit hatte er sich mit Augen, Ohren und Nase bemüht, sich die ersehnte Kunde zu verschaffen. Kurz vor Sonnenuntergang wurde ein weiterer Sinn in ihm wach. Es war der Sinn, für den es keinen Namen gibt. Er entlieh seine Tätigkeit keinem der anderen fünf Sinne und stützte sich auch nicht auf diese. Das einzige, was man von ihm zu sagen vermochte – ja, das einzige, was Manu selbst über ihn hätte verraten können – war, daß er Bescheid wußte. Ohne einen Augenblick zu zweifeln, ohne unterwegs anzuhalten, um zu schnuppern und zu suchen und das Heer der ungewissen Gerüche in sich aufzunehmen, brach Manu so rasch und so sicher nach Nordosten auf, als folge er einer ganz frischen Spur.

An der Grenze der Niederlassung der ›Schlangen‹angelangt, war er seiner Sache so sicher, daß er kaum abwartete, bis alles sich zur Ruhe begeben hatte, um sich vorsichtig ins Dorf zu schleichen. Dann kroch er – ein langer, hagerer Schatten im klaren Mondlicht – von Wigwam zu Wigwam. Daß er von all den verschiedenen Hütten diejenige ausfindig machte, in der Thunderboy lag, war wieder dem gleichen, geheimnisvollen sechsten Sinn zuzuschreiben, der ihn hierher gebracht. Danach tat seine Nase das übrige.

Nun, da er glücklich in die Hütte gelangt war und seinen indianischen Kameraden wohlbehalten wiedergefunden hatte, kannte seine Freude keine Grenzen. Er würde auf der Stelle eines ihrer Spiele angefangen haben, hätte Thunderboy ihn nicht zurückgehalten und ihm klar gemacht, daß etwas Ernstes unternommen werden müßte. Manu erfaßte sehr bald die ganze Lage. Sein Spielgefährte war ein Gefangener. Er konnte die Hütte nicht verlassen und mit ihm ins Freie kommen, selbst als Manu ihn in nicht mißzuverstehender Weise dazu aufforderte. Manu mißtraute der Hütte auf das tiefste. Sie strömte einen allzu indianischen Geruch aus und erinnerte ihn lebhaft an die Vergangenheit. Zwar bestand dieser Geruch zum großen Teil aus Thunderboys Körperausdünstungen und war daher durchaus angenehm, aber darein mischte sich noch etwas anderes, das nichts mit Thunderboy zu tun hatte, und das dem Kuguar gar nicht behagte. Sehr bald hatte er auch den eigentlichen Grund entdeckt, weshalb sein Kamerad die Hütte nicht verlassen konnte. Der hirschlederne Riemen, mit dem er gefesselt war, erweckte viel zu viele bittere Erinnerungen, um nicht auf der Stelle erkannt zu werden. Ebenso begriff Manu, daß es nur ein Mittel gäbe, um sich eines solchen Riemens zu entledigen, und der einzige Unterschied zwischen diesem hier und dem alten, den er in so böser Erinnerung hatte, war, daß der neue ihm ein wenig stärker erschien. Allein was hat ein starker Riemen zu bedeuten, wenn ein so mächtiges Gebiß, wie das Manus, ihn mit wilder Entschlossenheit benagt? Außerdem – mochte der neue auch dicker als der alte sein – des Silberlöwen Zähne waren jetzt weit besser für ihr Werk gerüstet. Also kauerte sich Manu auf den Boden hin, um die ganze Kraft seiner Muskeln zu entfalten, pflanzte seine Vorderpranken fest auf den Riemen und machte sich an die Aufgabe, Thunderboy zu befreien.

Geduld und der Mond bringen auch die längste Nacht hinter sich. Geduld und eines Silberlöwen Zähne nagen auch den kräftigsten Riemen durch. Der Schatten der Hütte war im Mondlicht nur um wenige Zoll gewachsen, da hatte Manu seine Aufgabe gelöst, und Thunderboy war frei.

Er kroch durch die von Manu gemachte Öffnung in der Hüttenwand mit dem einzigen Gedanken, koste es, was es wolle, zu seiner Großmutter vorzudringen und sie gleichfalls zu befreien. Zwar wußte er nicht, in welcher Hütte sie untergebracht war, da man sie seit ihrer Gefangennahme nicht hatte ins Freie treten lassen, aber er wußte ungefähr, wo ihr Gefängnis lag, da er von der Stelle aus, an der seine Wärter ihn zurückgehalten hatten, ihre Ankunft und die Richtung, in die man sie abgeführt, beobachtet hatte. Daneben mußte er sich in der Hauptsache auf Manus findige Nase verlassen.

Von Wigwam zu Wigwam kroch er so geräuschlos wie der Silberlöwe selbst. Er brauchte Manu nicht erst den Zweck ihres heimlichen Suchens zu erklären, da an allen Ecken und Enden Gefahr drohte und man nie wissen konnte, was für scharfe Augen einen aus dem Schatten der düsteren Behausungen belauerten. Während Manu von einer monderhellten Stelle zur anderen glitt, schien sein schmaler sehniger Körper kaum kompakter zu sein als die Schatten selbst, aus denen er auftauchte. Und vor jeder Hütte sogen seine zuckenden Nüstern die so verhaßten Gerüche ein, unermüdlich suchend nach dem einen, der ihm verraten würde, daß sie ihr Ziel erreicht hätten.

Endlich hielt er vor einem etwas abseits gelegenen Wigwam an, und sein Schnuppern sowie die aufgeregte Art, in der sich sein Körper straffte, sagten es Thunderboy klar: sie waren am Ziele angelangt.

Mit vor Aufregung zitternden Fingern schnürte Thunderboy den Kalbsledervorhang auf, der den Eingang verdeckte. Er konnte ja nicht wissen, ob seine Großmutter allein wäre, oder ob irgend jemand zu ihrer Bewachung des Nachts in der Hütte schlief. Zudem letzteren Falle lief er ein ungeheures Risiko. Trotzdem blieb ihm keine Wahl; er mußte es ungeachtet der eventuellen Folgen auf sich nehmen.

Inzwischen lauschte er in qualvoller Ungewißheit. Nichts rührte sich. In dem Innern der Hütte wie auch draußen im Dorf herrschte tiefes Schweigen. Langsam, ganz langsam zog er den Vorhang zurück und äugte, voller Furcht, was er dort wohl sehen würde, hinein.

Dort in der Hütte des Raumes saß kerzengerade seine Großmutter – – allein!

Ihr Erstaunen bei Thunderboys und Manus Anblick war grenzenlos. Aber sie hatten beide keine Zeit mit Erklärungen zu verlieren. Es war eine Frage von Leben oder Tod, Katoya zu befreien. Im Gegensatz zu ihrem Enkel hatte man sie nicht nur mit einem Riemen an einen Pfahl angebunden, sondern auch ihre Füße und Hände so fest zusammengeschnürt, daß sie sich nur kriechend unter Schmerzen weiterzubewegen vermochte. Diese grausame und barbarische Behandlung verdankte sie ausschließlich ›Narbengesicht‹, der keine Gelegenheit versäumte, ihr seine Macht zu zeigen. Thunderboys Blut kochte vor Empörung, als er sah, wie fest sie gefesselt war. Aber weder er noch Katoya hatten ihre Messer behalten, daher besaß er nichts, um die Riemen zu durchschneiden, und mußte versuchen, sie, so gut er eben konnte, aufzuknüpfen.

Er zog und zerrte aus Leibeskräften, aber noch immer hielten die Riemen stand und die Knoten weigerten sich, nachzugeben. Eine furchtbar lange Zeit schien verflossen, als er endlich Katoyas Handgelenke befreit hatte. Dann machte er sich daran, die Riemen um ihre Knöchel zu lösen. Derweil horchte er unablässig ängstlich auf jedes Geräusch aus den benachbarten Hütten.

Plötzlich stieß Manu, der während dieser Arbeit am Hütteneingang Wache hielt, ein leises Knurren aus. Thunderboy lauschte, sein Herz schlug wild vor Angst, aber alles blieb still. Mit fiebernder Hast setzte er sein Werk fort, aber seine bereits schmerzenden und wunden Finger schienen aus lauter plumpen Daumen zu bestehen. Endlich jedoch gaben die Knoten ein wenig nach. Wenn er nur noch ein paar Minuten ungestört Weiterarbeiten durfte, konnte er auf einen glücklichen Ausgang hoffen.

Wieder knurrte Manu, diesmal lauter als zuvor. Aus einem der benachbarten Wigwams erklang ein leises Geräusch, als hätte sich jemand dort gerührt. Thunderboy blickte auf. Schwarz und steif vor Erwartung, zeichnete sich Manus Gestalt gegen das Mondlicht ab. Thunderboy schlich nach dem Eingang. Gleichzeitig sah er einen Mann aus einer der nächstgelegenen Hütten treten und wie lauschend stillstehen. Ein Hund bellte. Die Gestalt bewegte sich. Thunderboy stürzte zu seiner Großmutter zurück und begann verzweifelt an den Riemen zu zerren.

War es nun der heimliche Tritt von sich nähernden Mokassins oder nur das kaum wahrnehmbare Flüstern des Nachtwindes im Grase? Manus Warnungslaut nahm einen neuen Klang an und endete mit einem hörbaren zähnefletschenden Knurren.

»Sie kommen,« sagte Katoya. »Es ist zu spät. Rasch! Rasch! Sie dürfen uns nicht beide festhalten.«

Thunderboy wußte, jeder Widerspruch und jedes Zaudern mußten verhängnisvoll werden. Er wußte auch, daß jede künftige Möglichkeit, seine Großmutter zu retten, von seiner Flucht abhing.

Dem Indianer, der sich inzwischen der Hütte genähert hatte, bot sich ein überraschender Anblick. Gerade als er den Eingang erreichte, schien unmittelbar zu seinen Füßen die Gestalt eines Knaben aus dem Boden zu wachsen. Der Mann schoß auf ihn zu und hätte ihn beinahe gepackt, als ein Etwas ihn von hinten ansprang und kopfüber zu Boden riß. Kaum hatte er erkannt, daß er mit einem großen Silberlöwen ringe, da schnellte sich dieser auch schon hinweg. Doch der Indianer hatte bereits eine gehörige Züchtigung erhalten, und als er sich endlich aufraffte, sah er, wie das Tier dem Knaben nacheilte, und wie beide in schnellstem Laufe im Walde verschwanden.

Er stürzte in die Hütte, wo er Katoya ruhig auf dem Boden sitzend fand, als wäre nichts geschehen, und eilte dann wieder hinaus, um Alarm zu schlagen. Im Handumdrehen schien die ganze Niederlassung hellwach. Die Männer rannten aus den Hütten und rafften die erstbesten Waffen auf, die ihnen zur Hand lagen. Ihnen folgten die erschrockenen Weiber, welche glaubten, das Dorf würde angegriffen. Auch die indianischen Hunde waren durch den Lärm wachgerüttelt und begannen wie gewöhnlich sofort zu bellen und zu raufen; als sie gar die Spur des Silberlöwen entdeckten, brachen sie in wildes Gekläffe aus und nahmen gleich einem Rudel Wölfe die Fährte auf. Jetzt setzte allen Ernstes die Jagd ein. Die Indianer folgten dem lautgebenden Pack und tauchten in den Wäldern unter. Zwischen den Bäumen kamen sie jedoch nur schlecht vorwärts, denn trotz des hellen Mondscheins führten die Schatten sie in die Irre, während die dichtbewaldeten Stellen ganz ohne Licht waren.

Inzwischen hatten Thunderboy und Manu ihren Vorsprung reichlich ausgenutzt. Der Lärm des Dorfes, das jetzt bereits weit hinter ihnen lag, erreichte sie in abgerissenen Stößen, solange die Hunde die Kreuz und Quer rannten, dann schwoll er zu einem wilden Geheul an, als das Pack im Walde die Spur aufnahm. Trotz der Dunkelheit und der Unmöglichkeit, einen Pfad zu erkennen, flohen die beiden unaufhaltsam weiter. Anfangs lief Manu voran, als jedoch die Hunde sie einzuholen begannen, blieb er unauffällig zurück. Näher und näher kam das heiser bellende Pack und erfüllte die monderhellten Gründe mit seinen wüsten Stimmen. Die größte Gefahr drohte von den Hunden, denn ihnen hart auf der Spur folgten ihre Herren, die ohne ihre Führung früh oder später die Jagd als aussichtslos bis zum Morgen hätten hinausschieben müssen.

Thunderboy und Manu hatten keine Zeit, erst eine besondere Richtung zu wählen. Sie mußten, koste es, was es wolle, ihren Vorsprung einhalten. Blindlings, allen Hindernissen mehr instinktiv als mit Hilfe seiner Augen ausweichend, stürmte Thunderboy voran, und wie durch ein Wunder gelang es ihm, sich auf den Füßen zu halten. Die Hunde waren ihnen jetzt sehr nahe. Noch eine weitere Minute, und das Pack mußte sie einholen und ihr Schicksal wäre besiegelt. Thunderboys Mut begann zu sinken. Inmitten des tollen Packs und umringt von den Indianern, war jede Hoffnung auf Flucht aussichtslos, und wenn er seinen Feinden noch einmal in die Hände fiele, durften weder er noch seine Großmutter auf irgendwelche Gnade hoffen. Und zwischen ihm und diesem furchtbaren Schicksal stand nur eine einzige schmächtige Schranke – Manu.

Der Silberlöwe blieb immer mehr zurück. Er hatte nur den einen Gedanken, das Pack in Schach zu halten, damit sein Kamerad Zeit zur Flucht gewönne. Sollte der kommende Kampf sein letzter werden, so würde er sein Fell jedenfalls so teuer wie nur möglich verkaufen, wenn nur sein Ziel erreicht würde.

Die Hunde stürmten heran im Vertrauen auf einen leichten Sieg. Ein Silberlöwe war der Erbfeind dieser halbwilden Köter wie auch des gesamten Wolfsgeschlechts. Unter ihnen allen befand sich auch nicht einer, der es gewagt hätte, allein dem Feinde entgegenzutreten; jetzt aber, da sie überzeugt waren, gemeinsam ihren verhaßten Gegner vernichten zu können, heulten sie, wie manch ein anderer Mob, einander Mut zu.

Doch immer noch ihnen voran sprang in langen, weichen Sätzen ein großer, schlanker Körper durch die monderhellte Dämmerung oder die undurchdringlichen Schatten: selbst ein gehetzter Schatten, der zwischen den Schatten floh.

Jetzt hatten sie ihn erreicht, tollwütig, triumphierend, mit schäumenden Lefzen und heiser brüllenden Kehlen.

Geräuschlos wie treibende Distelwolle im Wind machte der Schatten blitzschnell kehrt und bot ihnen die Front.

Und nun begann ein Ringen, desgleichen an tödlicher Wut der Wald nur selten erlebt hatte. Der Lärm davon drang weit bis in die entlegensten Dickichte, wo das Rotwild sich in Todesangst zu Boden duckte. Die Höhen jenseits des Tales widerhallten, während das Kläffen und Heulen sich weiter von Klippe zu Klippe schwang; ja, er wuchs und wuchs, bis es schien, der gellende Ton müsse die Himmel selber erstürmen, als habe das Rudel der Sterne sich kläffend an die silbernen Fersen des Mondes geheftet.

*

Die ersten paar Hunde, die mit den furchtbaren Fängen des Silberlöwen in Berührung kamen, erlagen auf der Stelle ihrem Schicksal und wurden sterbend beiseite geschleudert. In einer Reihe von Einzelkämpfen wäre Manu ohne Schwierigkeit Sieger geblieben, doch der Ansturm wolfsähnlicher Leiber, der jetzt gleich einer Flutwelle über ihn hereinbrach, überwältigte ihn schon durch das reine Übergewicht. Ein weniger beherztes Tier würde seine Unterlegenheit erkannt haben und hätte alles drangesetzt, sich von dieser reißenden, beißenden Meute loszulösen, um zu fliehen, bevor man ihm den Atem aus dem Leibe gepreßt hätte. Allein Manu besaß den Mut von zwanzig indianischen Kötern und die Atemreserve von ihrer sechs. Außerdem war seine Kampfeslust entfesselt, und in diesem Falle vermochten sämtliche Hunde in sämtlichen Indianerdörfern des Westens ihn nicht zu zwingen, klein beizugeben. Und schließlich und endlich hinderte ihn auch keine ererbte Vorliebe oder Achtung, seinen Angreifern an die Gurgel zu springen. Was immer der Große Geist ihm an Anhänglichkeit an den Menschen ins Herz gelegt hatte, wurde durch Haß gegen die gesamte Hunderasse – Köter, Wölfe, Coyoten – wettgemacht; sie alle verabscheute er aus tiefster Seele, und jetzt gar durch ein Pack gemeiner Dorfhunde gestellt zu werden, erweckte seine schlimmsten Leidenschaften, bis er nur noch rot sah.

Hier unter den Bäumen war es so dunkel, daß weder die Angreifer noch die Angegriffenen einander wahrzunehmen vermochten. Das Pack riß, biß und schnappte zu, wo immer es glaubte, einen Teil von Manu erwischt zu haben. Da aber diese Teile sich streng auf Manus vereinzelten Körper beschränkten, und dieser Körper, selbst wenn er sich mühte, an die Spitze jener Woge von Hundeleibern zu kommen, stets unter einer schweren See begraben war, konnte er nur in besonders günstigen Momenten von denen, die ihm am nächsten kamen, gebissen werden. Die Folge war, daß manch ein ursprünglich für den Kuguar bestimmter Biß ein ganz anderes Ziel fand, und daß mehr als ein Hund sich sehr bald in einen wütenden Kampf mit einem seiner Genossen verstrickt sah.

Kurz darauf erreichten die Indianer, von dem Lärm geleitet, den Kampfplatz. Dieser aber war so von Bäumen überschattet, daß sie nichts als eine unklare wogende Masse unterscheiden konnten, welche sich wie eine schwere Dünung hob und senkte, sobald der Silberlöwe sich an die Oberfläche durchrang oder wieder in die Tiefe versank.

Doch ob er nun stieg oder fiel, sein mächtiges Gebiß verrichtete unentwegt seine Arbeit, wie manch ein aufheulender Köter zu seinem Schaden erfahren mußte.

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