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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

In die Hände des Feindes

Katoya kehrte weder am nächsten noch am darauffolgenden Tage zurück. Auch der dritte Tag kam, ohne daß sie sich in dem Lager eingefunden hatte. Dieser letzte Morgen brachte ein Stückchen golddurchtränkten Indianersommers, der den Herbst wie eine prangende Fata Morgana erscheinen ließ, von der man unmöglich glauben konnte, daß sie unter ihrem gelben Gewande heimtückisch die Schneestürme verbärge.

Als der Tag zur Neige ging, wurde Thunderboy von Unruhe gepackt. Allerdings hatte Katoya ihm gesagt, er möge sich nicht sorgen, falls sie auch am vierten Tage nicht heimkehrte; ihre Abwesenheit würde nur bedeuten, daß sie einer sehr weiten Fährte folge. Trotzdem drückte ihn eine Ahnung kommender Gefahr, die wuchs, je mehr der Tag sich seinem Ende nahte. Rückte diese Gefahr in Wahrheit heran, so verriet sie sich jedenfalls auch nicht durch das leiseste Geräusch oder sonstige Anzeichen. Ja, selbst als das Ellernlaub an der östlichen Seite der Bucht sich leise hin und her bewegte und ein dunkles Antlitz durch die auseinandergebogenen Zweige spähte, wurde Thunderboy, der zur Zeit in eine andere Richtung blickte, nicht gewarnt, und obwohl auch Manu sonst so scharf auf seiner Hut war, daß selbst ein Blatt sich ohne sein Wissen kaum zur Erde senken konnte, sonnte er sich jetzt in der gelben Glut der Nachmittagssonne mit schläfrigen, halb geschlossenen Augen.

Plötzlich sprang er auf und starrte auf einen gewissen Punkt in der ungeheuer grünen Mauer der Bäume. Dann erst tauchte wenige Augenblicke später Katoya zwischen den Stämmen auf.

Sie brachte große Neuigkeiten. Sie hatte das Dorf der Indianer aufgespürt, die sie zu suchen ausgezogen war. Diese gehörten dem mächtigen und im ganzen Westen berühmten Stamm der ›Elchbullen‹ an. Außerdem hatte sie in ihrer Mitte das Bleichgesicht erkannt und war jetzt überzeugt, daß es Thunderboys seit vielen Jahren verschollener Vater wäre. Morgen, erklärte sie dem Knaben, würde sie sich zu den ›Elchbullen‹ begeben und Thunderboy mitnehmen, denn es sei ganz klar, sein Vater gelte bei den Indianern als ein großer Medizinmann und übe daher auf den Stamm einen mächtigen Einfluß aus.

Der Gedanke, ein Bleichgesicht zum Vater zu haben und sich am folgenden Tag auf die Wanderung zu ihm zu begeben, war so ungemein aufregend, daß Thunderboy geraume Zeit nicht einzuschlafen vermochte. Als er es dennoch tat, kamen ihm allerlei seltsame Träume von seinem Vater. Dieser hatte ein ganz bleiches Gesicht, so bleich, daß es nur mehr einer monderhellten Wolke glich, und er saß in eines Medizinmannes Hütte mit hölzernen Wänden gleich denen in Kennedys Hause. Ja, Kennedy war ebenfalls anwesend und lauerte irgendwo in einer Ecke unter der Uhr, auf dem Sprunge zu einer heimtückischen Tat, und Thunderboys Vater weigerte sich hartnäckig, von ihm die geringste Notiz zu nehmen, obwohl Thunderboy sich verzweifelt bemühte, ihn auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen.

Auch Katoya war tief beunruhigt. Jetzt, da sie des Knaben Vater aufgespürt hatte und im Begriff war, ihm seinen Sohn zuzuführen und ihn von dessen Identität zu überzeugen, quälten sie Zweifel, ob sie diesen Schritt später auch nicht bereuen würde. Wer konnte wissen, ob der weiße Mann, nachdem er seinen Sohn erst anerkannt hätte, ihn nicht ganz zu sich nehmen würde, ohne es ihr zu gestatten, auch fernerhin für ihn zu sorgen? Oder wenn nun die Indianer, die den weißen Medizinmann solange bei sich behalten hatten, sich weigerten, ihn zu seinem Volke zurückkehren zu lassen und seinen Sohn ebenfalls gefangen setzten? Sich jetzt, nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten, von dem Knaben trennen zu müssen, würde ihr das Herz brechen. Trotz ihrer äußerlichen Strenge und ihrer rauhen, zähen Natur liebte Katoya ihren Enkel mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Sie waren hier in der Wildnis sehr glücklich gewesen, fern von den Augen der Welt, in Gesellschaft der Vierfüßler, Vögel und Bäume. Das würde sich jetzt alles ändern. Die Welt – die weiße wie die rote – würde von ihnen Besitz ergreifen und nichts mehr beim alten bleiben. Sie überlegte, daß es immer noch nicht zu spät wäre, ihren Entschluß zu ändern. Sie könnte ja mit dem Knaben noch tiefer in die Wildnis hineinflüchten und ihn dort – allen Vätern zum Trotz – auf immer für sich behalten. Und während sie so ihr Hirn mit vielen unklaren Gedanken quälte und dabei von ihrer Lagerstatt aus Tannenzweigen hinaus in die monderhellte Nacht blickte, sah sie eine Gestalt eilig von einem Baum zum andern huschen.

Wäre Katoya nicht so hellwach gewesen, sie hätte die Gestalt für ein Traumgebilde halten können. Aber sie war ihrer Sinne vollauf mächtig, und der Mond schien viel zu klar, um auch nur einen momentanen Zweifel an dem zuzulassen, was ihre Augen ihr bezeugten.

Leise erhob sie sich, um Thunderboy nicht zu stören, und kauerte sich am Hütteneingang nieder. Dort wartete sie. Die Zeit verstrich, ohne daß sich etwas ereignete. Aber Katoya ließ auch nicht um ein Jota in ihrer Wachsamkeit nach. Sie hatte die Gestalt eines Indianers gesehen; das genügte. Wenn nötig, würde sie bis zur Morgendämmerung wachen.

Sie hörte das Gackern der Sumpfhühner in dem Schilfdickicht jenseits der Bucht, während hoch am Himmel der gelegentliche Pfiff eines Nachtschwalbenpaares ertönte, das mit gewandten Schwingen die unsichtbaren Harfensaiten der Luft schlug.

Vor ihr wimmelte es von Schatten und halb erhellten Dunkelheiten, wo ungewisses Dämmer lauerte, das Leben bergen oder auch nicht bergen konnten. Katoya sichtete mit einer Indianerin Auge für Licht und Dunkel diese verschiedenen Gebilde. Plötzlich tauchte an einer bisher leeren Stelle ein neuer Schatten auf. Er fiel ganz in ihrer Nähe von irgendwo zur Rechten der Hütte. Da Katoya aber auf der nämlichen Seite kauerte, vermochte sie den Gegenstand selber nicht zu sehen. Doch sie gewahrte etwas nicht minder Wichtiges: sie sah, daß der Schatten sich bewegte. Verstohlen, wenige Zoll auf einmal, rückte er vor. Auch nicht das matteste Geräusch begleitete dieses Heranschleichen. Wer immer auch der Urheber sein mochte, er war beschuht mit den Mokassins tödlichen Schweigens. Ganz plötzlich erscholl das gedehnte, dämonische Gelächter eines Eistauchers, das geisterhaft die Stille über den monderhellten Weiten des Sees aufschreckte. Nach dieser Unterbrechung verharrte der Schatten längere Zeit regungslos und kroch dann von neuem langsam näher. Als er endlich die volle Länge von eines Mannes Gestalt angenommen hatte, stand diese Gestalt selbst bereits so dicht am Hütteneingang, daß sie diesen fast mit der Hand erreichen konnte.

Katoya zuckte auch nicht mit einem Muskel; sie wagte kaum zu atmen. Die Stille war so tief, daß Thunderboys ruhiges Atemholen die ganze Hütte mit Geräusch anzufüllen schien. Die Spannung steigerte sich bis zum Äußersten, aber die ganze Zeit über verhielt sich die Gestalt am Hütteneingang so regungslos wie Katoya selbst.

Die Minuten verstrichen. Die Gestalt schien schon seit langem dort zu stehen. Dann – hatte sie sich wirklich einen Fingerbreit der Hütte genähert? Katoya wußte nicht genau, ob ihre Augen ihr das verraten hatten; sie wußte einfach kraft ihrer sämtlichen fünf Sinne Bescheid.

Aus alter Gewohnheit trug Katoya auch diesmal eine Waffe. Ob sie nun schlief oder wachte, stets hing die mit Elchzähnen geschmückte, lederne Scheide an ihrem Gürtel, und in jener Scheide ruhte, gleich einem Wolf in seiner Höhle, die lange, von manchem Blutflecken verdunkelte Klinge ihres Jagdmessers.

Katoya beobachtete, wie die Gestalt wuchs, bis sie zur Hälfte den Hütteneingang ausfüllte. Dann beugte der Mann sich nieder, um in die Hütte hineinzuspähen, und jetzt fiel das Mondlicht voll auf sein Gesicht.

Blitzschnell erkannte die Indianerin ihren Todfeind, und er befand sich ihr so nahe, daß sie ihn mit der Hand berühren konnte.

Jetzt streckte er den Kopf ein wenig vor, sein Gesicht schwebte wieder im Dunkeln. Statt dessen erglänzte ein Mondstrahl auf dem Kriegsbeil in seiner rechten Hand.

Die Waffe zerstörte jeden Zweifel über seine mörderischen Absichten.

Er wollte Katoya zuvor töten und dann den Knaben lebendig gefangennehmen. Sein Zaudern verriet, daß er sich jetzt mühte, herauszufinden, in welchem Teile der Hütte ihre Schlafstelle lag. Wieder trat er ein wenig näher, jetzt stand er tatsächlich dicht an ihrer Seite und musterte den dunklen Raum, bis er undeutlich das Lager mit dem schlafenden Knaben erkannte. Mit erhobenem Kriegsbeil bewegte er sich einen Schritt darauf zu.

Es gibt wilde Tiere, die aufkreischend zum letzten tödlichen Sprung ansetzen, andere wieder verrichten ihr Werk in mörderischem Schweigen. In diesem letzten höchsten Augenblick ihres Daseins erwachten sämtliche wilden Tiere in Katoyas Natur kampfbereit zum Leben. Es war, als seien alle brutalen Instinkte ihrer längst begrabenen, halb tierischen Ahnen aufgerüttelt, um jetzt aufheulend, gleich einem jagenden Wolfspack auf den Fersen der Beute, über sie hereinzubrechen. Katoya vermochte auch zu ihrem eigenen Schutz eine tüchtige Klinge zu führen und bedeutete selbst für einen ausgewachsenen Krieger einen nicht zu verachtenden Feind. Demjenigen aber, der es wagte, ihren Enkel zu bedrohen, dieses Kind, dessen Liebe der Lebensodem ihrer Seele war, würde sie mit der Kraft von tausend Furien treffen, mochte auch das Aufheulen des Wolfspacks in ihrer Kehle sich zu einem Geräusch zwischen einem Knurren und einem Röcheln dämpfen.

›Narbengesicht‹ vernahm hinter sich jenes leise Knurren und wandte sich mit einem raschen Hieb um. Doch während er blindlings drauflos schlug, stach Katoya mit Vorbedacht zu. Ohne seine rasche Bewegung hätte es keines weiteren Stiches bedurft. Auch so würde der Indianer bis zu seinem Todestage eine zweite Narbe tragen. Des alten Weibes Angriff kam ihm so völlig überraschend, daß er mit einem abermaligen wilden Hieb zur Hütte hinausschnellte und aus Leibeskräften in den Wald rannte.

Zum Glück für Katoya hatte ›Narbengesichts‹ erster Streich ihr nur eine unbedeutende Wunde beigebracht, während er das zweitemal so blindlings drauflos geschlagen hatte, daß er sie gänzlich verfehlte.

Der Kampf – falls man ihn überhaupt so nennen konnte – hatte nur ganz kurze Zeit gewährt; noch ehe Thunderboy sich den Schlaf aus den Augen reiben konnte, war alles bereits vorbei und ›Narbengesicht‹ gründlich in die Flucht geschlagen. Auf die Frage, was denn geschehen sei, antwortete seine Großmutter lediglich: »Ein Besuch hat soeben vorgesprochen, um sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen. Er weiß jetzt, daß meine Gesundheit vortrefflich ist, daß ich aber nicht immer fest schlafe. Es ist nichts Beunruhigendes vorgefallen. Das beste ist, du legst dich gleich wieder hin!«

Weiter sagte sie nichts; aber der Knabe wußte recht gut, ihre scherzhafte Sprache diente nur dazu, ihm eine große Gefahr, der sie beide eben erst entronnen waren, zu verbergen. Seine Aussichten auf Schlaf waren demnach nur recht gering. Schon allein die Tatsache, daß seine Großmutter die Wahrheit vor ihm verschleierte, deutete mit um so größerer Sicherheit auf die Nähe einer Gefahr. Trotzdem legte er sich ruhig wieder nieder, da er hier doch nicht zu helfen vermochte. Katoya dagegen blieb am Hütteneingang sitzen, und keiner von beiden sprach ein Wort ... Thunderboy sah die schwarzen Umrisse ihrer Gestalt sich gegen das Mondlicht abheben. Langsam versank der Mond im Westen, und die Schatten krochen östlich. Die Luft wurde kälter, je mehr die Nacht zur Neige ging. Doch immer noch harrte Katoya an ihrem Posten aus und sichtete diese verschiedenen Schatten, bis der Osten sich mit der Dämmerung grau verfärbte. Und in der wachsenden Helligkeit trug der Mann mit der doppelten Narbe in seinem Gesicht die Kunde von dem verhaßten Medizinweib den ›Schlangen‹, ihren Feinden, zu.

Die Sonne war bereits über die östlichen Hügel gestiegen, als Katoya und Thunderboy ihre Wanderung antraten. In der alten Indianerin Seele herrschten nicht länger Zweifel über die Handlungsweise, die sie zu wählen hatte. Der Vorfall der vergangenen Nacht hatte die Entscheidung herbeigeführt. Sie kannte ›Narbengesicht‹ nur allzu gut und wußte genau, er würde nicht rasten noch ruhen, bis er sich gerächt hätte. Ja, die Niederlage, die er erlitten, würde seinen Rachedurst nur noch mehr aufpeitschen. Solange seine boshaften Füße im Verfolg einer Missetat die Wanderfährten befleckten, vermochte nichts als der Tod sie von dieser Gefahr zu befreien. So wurde sie zum zweiten Male widerstrebend genötigt, für ihren Enkel einen noch mächtigeren Schutz als ihren eigenen zu suchen.

Zu Thunderboys Kummer mußten sie ohne Manu aufbrechen. Der Silberlöwe hatte das Lager unmittelbar nach Katoyas Rückkehr verlassen, um zu jagen, und da seine Jagdlust ihn oft über weite Strecken trieb, konnte man seine Ankunft unmöglich voraussagen. Katoya tröstete den Knaben mit der Versicherung, Manu würde ihnen ohne Zweifel folgen, sobald er ihre Fährte gefunden hätte. Damit mußte sich Thunderboy zufriedengeben, obwohl er sich voller Unruhe fragte, wie Manu sie wohl finden würde, falls er die Spur erst aufnähme, nachdem der Geruch sich bereits abgeschwächt und an manchen Stellen gänzlich verflüchtigt hätte.

Nach einer Weile ließen sie das ihnen so vertraute Land in der Nachbarschaft des Lagers hinter sich und wandten sich in westlicher Richtung den Bergen zu. Sie wanderten ohne Unterbrechung bis zum Mittag weiter, dann erst hielten sie neben einem kleinen Fluß an, um ihren Durst zu löschen und zu rasten. Während dieser ganzen Zeit waren sie auf keine Spur von Manu gestoßen. Immer wieder hatte sich Thunderboy umgeschaut in der verzweifelten Hoffnung, des Kuguars biegsamen Körper irgendwo in eiligen Sätzen herbeispringen zu sehen. Doch stets traf sein besorgter Blick nur die schweren Schatten unter den Bäumen.

Der Weg, den Katoya wählte, führte über einen alten indianischen Kriegspfad, den zahllose Generationen von Kriegern auf ihren Kriegs- oder Jagdexpeditionen nach östlicher oder westlicher Richtung hinabgewandert waren. Zu Häupten ließen kleine Lichtschächte durch unabsehbare Tiefen düsteren Nadelholzes den Himmel hindurchschimmern – zu beiden Seiten umdrängten sie Kiefern, Fichten und Rottannen, durch deren niedrigste Zweige Trupp über Trupp von Wanderern mit der Axt einen Weg gebahnt hatte. Zu ihren Füßen wuchsen Gras und Moos stellenweise so dicht, daß sie im Gehen tief einsanken, und dort, wo die Kiefernadeln sich während der Jahrhunderte aufgeschichtet hatten, schritten sie wie über einen Teppich, elastisch von der Unzahl toter Jahre.

Gegen Abend erreichten sie ein sumpfiges Gebiet am Ausgang eines kleinen Sees; hier verloren sie eine beträchtliche Zeit durch Suchen nach einem Pfad, der sie unter Vermeidung einer Umgehung sicher hinüberführen konnte. Dieses eine Mal versagte selbst Katoyas meisterhafte Pfadfinderkunst, denn, um einem dichtbewaldeten Gebiet im Norden auszuweichen, wo alle Wege zugewachsen waren, hatte sie eine südlichere Richtung als bei ihrer ersten Wanderung eingeschlagen. Diese Zeitversäumnis beunruhigte sie stärker, als es sonst der Fall gewesen wäre, da von Stunde zu Stunde ein schweres Angstgefühl in ihr erwuchs, welches ihren dringenden Wunsch, das Gebiet des Elchbullenstammes so rasch wie nur möglich zu erreichen, noch steigerte. Trotz ihrer fast unbegrenzten Fähigkeit, auch in den kritischsten Situationen stets den Kopf oben zu behalten, hatte das Treffen mit ›Narbengesicht‹ vergangene Nacht selbst ihre eisernen Nerven erschüttert. Als sie dann gar nach einer glücklichen Überquerung des Sumpfes bei einsetzender Dämmerung einen geeigneten Lagerplatz fanden, legte sie sich sofort zu unruhigem Schlummer nieder, doch nur, um die Hälfte der Nacht zu wachen. Hier in dem neblichten Schweigen der Moore schreckte sie selbst das leiseste Geräusch auf. Mochte es sich nun um einen verfaulten Zweig handeln, den das Gewicht des Nebels knickte, oder um das Fallen eines Wassertropfens in einen Tümpel: Katoyas scharfes Gehör nahm das eine und das andere genau so wahr wie auch den zarten Schritt eines Rehs in dem seichten Wasser zwischen dem Riedgras.

Trotz ihrer Unrast verging die Nacht ohne Störung, und bei Sonnenaufgang hatten sie bereits eine beträchtliche Strecke Weges zurückgelegt. Kaum hatten sie dem niedrigen Marschland mit seiner Feuchtigkeit Lebewohl gesagt, da wurde der Morgen frisch und von Sonne durchduftet, selbst unter den Bäumen. Späte Blumen eines verspäteten Sommers hoben in den Lichtungen ihre seltsam gefleckten Kelche über das hohe Gras, und die Kolibris leuchteten gleich zitternden Lämpchen, während sie von Blüte zu Blüte schwebten. Trotzdem war Thunderboys Herz schwer, denn Manu war nicht gekommen. Insgeheim hatte er sich über den unfreiwilligen Aufenthalt am Sumpfe gefreut, da dieser die Möglichkeiten, daß Manu sie einholen würde, vermehrte; schlauerweise jedoch behielt er seine Genugtuung für sich, denn er wußte, seiner Großmutter einzige Sorge galt einem möglichst eiligen Vorwärtskommen; Manus Verbleib machte ihr nicht weiter Kopfzerbrechen.

Etwa um die Mitte des Morgens erreichten sie ein zerklüftetes Gebiet am Rande des Vorgebirges. Die Frische des frühen Morgens war einer drückenden Schwüle gewichen, die das Wandern über die Ebene ungemein ermüdend gestaltete. Der größere Teil ihrer Reise lag jedoch bereits hinter ihnen, und sie würden, falls nichts dazwischen käme, noch vor Anbruch der Nacht ihr Ziel erreichen; Katoya beschloß daher zu halten und sich durch eine Mahlzeit und eine Rast für den Weitermarsch zu stählen. Sie spürte um so größere Lust, sich hier auszuruhen, als die Stelle, an der sie sich jetzt befanden, an drei Seiten durch Felsen, die eine Art flache Höhle bildeten, von der Sonne geschützt war und außerdem noch eine enge, aber tiefe Schlucht beherrschte, auf deren Grund ein jetzt zu einer Reihe Wasserlöcher zusammengeschrumpfter Gießbach rann. Außer für einen Menschen, der die gegenüberliegende Seite der Schlucht erkletterte, war der Ort durch die umgebenden Felsen vollständig von der Außenwelt verborgen. Also schickte sie Thunderboy nach dem nächstbesten Wasserloch, um in dem Zinnbecher für sie Wasser zu schöpfen und setzte sich bis zu seiner Rückkehr in den Schatten. Unendliche Müdigkeit überkam sie. Die Schwere kroch durch all ihre Glieder und sie verlor jede Lust, sich zu bewegen. Ihre scharfen Sinne wurden nacheinander ausgelöscht, bis nur mehr ein halbes Bewußtsein sie umfing. Träge starrte sie in die Tiefe auf eine einsame Föhre, die aus irgendeinem Grunde in einem Felsspalt Fuß gefaßt hatte, jetzt aber, von dem letzten Unwetter entwurzelt, eine Brücke über den engen Ausgang der Schlucht bildete; doch wiewohl ihre Augen den Stamm so deutlich sahen, daß sie selbst die langen, zottigen Baumflechten an seinen unteren Ästen zu unterscheiden vermochte, blickten sie tausend Jahre über ihn hinaus, bis seine sturmgebleichten Äste nur noch ein Gerippe waren, um das sich Katoyas Visionen sammelten, schwankten und von neuem sich verdichteten. Selbst als nach einer Zeitspanne, die Katoya ein Jahrhundert dünkte, eine Gestalt, offenbar auf der Flucht, eilig über den Baumstamm rannte und allmählich die Züge ihres Enkels annahm, setzte Katoya sie nicht mit der Gegenwart in Beziehung, sondern blickte ihr nach, bis sie gleich den vielen anderen Gestalten, die in dem Chaos ihrer Entrücktheit mit so verwirrender Schnelligkeit einander jagten, verschwunden war. Allein im Hintergrund all dieser Gesichte rang ihr ohnmächtiges Gehirn blindlings mit der dunklen Vorahnung einer unbekannten Gefahr, die langsam näherkroch, und der sie trotz ihres heftigen Widerstandes unmöglich entrinnen konnte. Jetzt war die Gefahr sehr nahe, jetzt hatte sie sie fast erreicht; näher und näher schlich sie, während Katoyas Geist auf den endlosen Fährten der nimmerrastenden Toten säumte.

*

Als Thunderboy in die Schlucht hinabstieg, um für seine Großmutter in dem zinnernen Becher Wasser zu schöpfen, löschte er zuerst einmal seinen eigenen Durst an dem Bache, ehe er das Gefäß füllte, um es zu ihr zurückzutragen. Da, gerade als er wieder gehen wollte, sah er einen Indianer etwa hundert Meter entfernt hinter einem der Felswände auftauchen.

Er wußte, es war zu spät, sich zu verstecken, denn der Mann blickte gerade in seiner Richtung und mußte ihn sogleich gesehen haben. Thunderboys erster Impuls war, seine Großmutter zu warnen. Als er zum zweitenmal aufblickte, war der Mann bereits verschwunden. Eilig begann Thunderboy die Böschung zu erklettern, wobei er von Schritt zu Schritt mehr Wasser aus seinem Becher verschüttete, aber er wagte es nicht, langsamer zu gehen. Und mochte auch seine Großmutter vor Durst zusammenschrumpfen, alles war tausendmal besser, als wenn sie in die Hände ihrer Feinde fiele!

Er hatte knapp die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Indianer zum zweiten Male auftauchte, diesmal aber viel näher als zuvor, indem er eilig den oberen Rand der Schlucht entlang lief. Ihm unmittelbar auf dem Fuße folgten ein zweiter und ein dritter Indianer. Thunderboy wartete nicht erst ab, ob noch andere nachkämen; seiner Großmutter Sicherheit hing von der Raschheit seines Handelns ab. Das eine war ganz klar: er wurde verfolgt. Er wußte, wenn er die gegenwärtige Richtung beibehielt, würde er seine Verfolger unfehlbar zu Katoyas Versteck hinführen; dann aber wäre jede Warnung zu spät und eine Flucht unmöglich.

Eine Strecke weiter oben, doch in geraumer Entfernung von dem Felsversteck gewahrte er den gestürzten Baumstamm. Sogleich stand sein Entschluß fest. Statt weiterzuklettern, lief er in gerader Richtung auf den Baum zu.

Der Weg war gefährlich steil, so steil, daß allein eine Bergziege ohne Gefahr, in die Schlucht hinabzustürzen, hier hätte Fuß fassen können. Allein die Indianer waren ihm dicht auf den Fersen, und seiner Großmutter Leben hing in der Schwebe; da schienen seine Füße wie von selber die einzigen sicheren Stützpunkte auszuwählen, fast als arbeiteten sie mit einem eigenen Gehirn. Er erreichte den Baum und begann die Überquerung. Auch hier mußte er mit größter Sorgfalt darauf achten, sein Gleichgewicht zu wahren, denn der Stamm war glatt und schlüpfrig, und überall ragten die Stümpfe verfaulter Äste hervor. Zweihundert Fuß unter ihm erfüllte der Wildbach in seinem felsbestreuten Bett die Schlucht mit dumpfem Brausen. Doch weder das schäumende Wasser noch das hohle Dunkel, noch der gefährliche Steig, der beide überbrückte, vermochten Thunderboys Mut zu dämpfen oder seine Schritte aufzuhalten. Den Indianern, die ihn von oben her beobachteten, erschien es fast, als überquere er den Stamm in vollem Lauf. Selbst der kühnste unter diesen ausgewachsenen Männern hätte es nicht gewagt, dem Knaben auch nur mit der halben Schnelligkeit zu folgen. Sie blickten ihm nach, bis er in dem Gestrüpp der gegenüberliegenden Böschung verschwand, und hielten dann einen Kriegsrat. Es war ›Narbengesicht‹ – denn er war der Anführer der Schar – welcher entschied, sich zu trennen und die Schlucht unten in dem Bachbett eine geraume Strecke sowohl oberhalb wie unterhalb des Baumstammes zu überqueren. So mußten sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit den Pfad der alten Indianerin und des Jungen kreuzen, falls diese sich jetzt auf der Flucht befänden, statt in ihrem Verstecke zu bleiben. Die übrigen stimmten ›Narbengesichts‹ Vorschlag zu, und er selbst setzte seinen Weg an dem Rande der Schlucht, wo er zuerst auf Thunderboy gestoßen war, fort, und zwar in beträchtlicher Höhe über dem gefallenen Baumstamm.

Kaum hatte Thunderboy den Baum überschritten, als er sogleich in dem dichten Gebüsch auf der anderen Seite der Schlucht untertauchte und seinen Anstieg fortsetzte, wobei er sich, so gut er konnte, vor jedem spähenden Auge auf der gegenüberliegenden Böschung verbarg. Er wollte es den Indianern verheimlichen, daß er allein sei, falls sie sein Bemühen, sie von dem Versteck seiner Großmutter abzubringen, errieten.

Er hatte bereits eine geraume Strecke Weges zurückgelegt, ohne irgend etwas von seinen Verfolgern zu hören oder zu sehen, als er im großen Bogen den Rückweg nach der Schlucht antrat. Er durchquerte die Schlucht weit oberhalb des gefallenen Baumstammes und pirschte sich mit diesem als Wegzeichen ungemein vorsichtig an die Stelle heran, wo er seine Großmutter zurückgelassen.

Endlich erreichte er das Versteck, sah jedoch zu seinem Erstaunen, daß es leer war. Indes lagen überall verschiedene Habseligkeiten von Katoya herum. Der Anblick dieser Sachen beruhigte ihn ein wenig. Sie mußte irgendwo in der Nähe sein. Vermutlich war sie ihn suchen gegangen und würde jeden Augenblick wiederkehren. Vorsichtig spähte er die Schlucht hinauf und hinunter – vergebens! Dann machte er es sich bequem und wartete geduldig auf ihre Rückkehr.

Es war noch früh am Nachmittag, und die Sonne brannte erbarmungslos auf jede baumlose Stelle. Der einzige schattige Platz auf dieser Seite der Schlucht war die höhlengleiche Vertiefung zwischen den Felsen, wo Thunderboy sich zur Zeit aufhielt.

Nach einer Weile vernahm er aus der Richtung des losen Gerölls dicht vor dem Höhleneingang ein leises Geräusch. Da war sie endlich ... sie? ... Er erkannte seinen Irrtum, als es bereits zu spät war. Plötzlich tauchten um die Ecke herum zwei Indianer auf.

Thunderboy war ungemein gewandt. Ja, mitunter konnte er sich mit fast übermenschlicher Raschheit bewegen. Zwischen den Indianern und dem Höhleneingang war ein freier Spielraum, und ganz Nordamerika schien ihm zu winken: »Ergreife die Flucht! Ergreife die Flucht!« Aber selbst seine überraschende Gewandtheit vermochte ihm nicht länger zu helfen. Verzweifelt stürzte er auf den Eingang zu, und sogleich schlossen sich um ihn ›Narbengesichts‹ kräftige Arme.

Auch jetzt wehrte er sich noch mit Händen, Füßen und Zähnen; die einzige Folge war, daß ›Narbengesicht‹ ihn noch fester packte, bis der zweite Indianer einen hirschledernen Riemen über seine Schultern warf und ihn kunstgerecht fesselte.

Jetzt erst gab er den Widerstand auf; er kannte nur allzugut der Indianer Methoden, um widerspenstige Gefangene zu bändigen; so ließ er sich ins Freie hinausschleifen und abführen.

Trotz des unebenen Geländes und der Schwierigkeit einer raschen Fortbewegung mit fest zusammengeschnürten Armen, erwiesen seine Gefangenenwärter ihm keine Gnade, sondern trieben ihn im eiligen Lauf vorwärts. Insbesondere ›Narbengesicht‹ fand eine boshafte Freude daran, ihn weiter zu hetzen, und pflegte ihn, sobald er stolperte oder dank seines hilflosen Zustandes zu Boden fiel, mit brutalen Fußtritten wieder auf die Beine zu bringen, wobei er ihm beleidigende indianische Schimpfnamen an den Kopf warf.

Auf diese Weise folgten sie schleunigst – das erkannte er an unverkennbaren Anzeichen – der Fährte eines zweiten, ihnen vorangeeilten Trupps, und kaum hatten sie diesen eingeholt, da entdeckte Thunderboy zu seinem Entsetzen, daß sich unter seinen Mitgliedern, hilflos und gefangen wie er selbst, auch seine Großmutter befand.

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