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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Sechzehntes Kapitel

Das Kommen von Manu

Die Tage vergingen, die Nächte schwanden dahin. Die Geheimnisse des mächtigen Sees und seiner ernsten Ufer schlossen sich, eines nach dem anderen von neuem, und alle jene, welche es hartnäckig abgelehnt hatten, sich überhaupt zu offenbaren, würden vermutlich ihrer Erlösung harren, bis das gesamte Menschengeschlecht, das weiße wie das rote, in den Urschlamm, aus dem es sich erhoben, zurückversunken wäre. Doch diese spröde Weigerung blieb nicht ohne Reiz; sie verlieh der Landschaft einen geheimnisvoll lockenden Zauber, den Zauber einer Gegend, deren Geister die Finsternis flohen und in leuchtende Lichtschleier gehüllt unsichtbar dahinschwebten.

Wohl war das alte indianische Leben frei gewesen und hatte Thunderboy nur selten eine Fessel auferlegt, hier aber herrschte eine unermeßlich viel größere Freiheit. Es war, als habe er mit Katoya die Grenzen der menschlichen Freiheit und der menschlichen Gesetze überschritten, um in eine ältere Welt überzugehen, darin alle Lebewesen seit Anbeginn in Freiheit wandelten.

Und doch waren hier nicht alle Geschöpfe frei. Keine Tagereise entfernt lebte ein Wesen in Fesseln, ohne daß Thunderboy und Katoya von seiner Existenz wußten. Es war noch jung, doch pochte auch in seinem kleinen Körper der Puls der großen Freiheit, einer Freiheit, die es von zahlreichen Generationen, so vielzählig wie die einzelnen Haare seines Pelzkleides, geerbt hatte. Dieses kleine Geschöpf war mit einem hirschledernen, etwa zweieinhalb Meter langen Riemen gefesselt, dessen Stärke rund ein Viertel Zoll betrug. Dennoch kam es bei dem Riemen nicht so sehr auf die Länge wie auf die Stärke an. Ein hirschlederner Riemen von einem Viertel Zoll Durchmesser bietet einem jugendlichen Raubtiergebiß ein ziemlich schwer zu lösendes Problem, selbst dem ungewöhnlich scharfen Gebiß eines zwei Monate alten Kuguars. So aber glichen seine verzweifelten Bemühungen, den Riemen durchzunagen, dem wütenden Angriff einer Krabbe auf das Kabel eines Schlachtschiffes. Zwar weiß ich nicht, was ein New Yorker Zahnarzt über das Kauwerkzeug einer Krabbe zu sagen hätte, aber ich weiß recht gut, daß die Zähne des kleinen Raubtieres einfach erstklassig waren und daß es sich an jeder Krabbe weit gründlicher gerächt hätte, als jetzt an dem hirschledernen Riemen. Trotzdem rissen und zerrten und bissen seine Zähne an dem Riemen herum und versuchten ihm Stunde für Stunde und Tag um Tag bis tief in die Nacht hinein die allerschlimmsten Dinge zuzufügen, bis des jungen Silberlöwen Kiefer förmlich schmerzten und die kleinen Augen sich vor Ermüdung schlossen. Doch selbst nach beendeter Tätigkeit, als der Riemen bereits so zerkaut und zerbissen, so gezaust und mißhandelt war, daß man hätte meinen können, er müsse in hundert kleinen Stücken und Fetzen daliegen, gelangte man nach sorgfältiger Untersuchung nur zu dem Resultat, irgend jemand hätte sich die Zeit damit vertrieben, mittels einer sehr scharfen Nadel ein Muster auf des Riemens Oberfläche zu zeichnen.

So kam es, daß der kleine Manu, wiewohl ihn Kreis um Kreis die gewaltige Freiheit der Wildnis umgab, weiter mit seinem Schicksal rang und wohl das unglücklichste kleine Lebewesen zwischen den sieben Weltmeeren darstellte.

Dabei war der Riemen nicht das einzige, was ihn quälte. Außerdem gab es noch Tritte von riesigen Füßen in hirschledernen Mokassins – kein Wunder, daß Manu die gesamte Hirschfamilie haßte und in Zukunft für all ihre Mitglieder, ob mit oder ohne Geweih, ein tödlicher Schrecken zu werden versprach – und Schläge von groben, indianischen Fäusten und wilde Laute, die aus gewaltiger Höhe, wo die Götter ihre Häupter erhoben und ihre Mäuler mit Rauch vollstopften, auf ihn herniederdonnerten.

Alle Götter rauchten, aber nicht alle schlugen ihn. Der am meisten zu fürchtende Gott war der Mann, der Manus Mutter getötet, seine Geschwister umgebracht und ihn selbst verschont hatte, nur um ihn als Trophäe in das Dorf der Schlangenindianer zu schleppen. Der Mann hatte den Kriegern erzählt, der junge Silberlöwe würde, wenn er erst erwachsen wäre, für den Stamm eine gute Medizin bedeuten; ein ausgewachsener Kuguar besäße eine gewaltige Medizin, welche die ›Schlangen‹ vor feindlichen Angriffen bewahren und ihnen, sobald sie selbst zum Angriff vorgingen, einen mühelosen Sieg bescheren würde. Die Krieger aber waren durchaus bereit, eine Medizin aufzunehmen, die ihre Kräfte zu mehren versprach. Dieser Fremde aus dem Osten, der ihnen wohlwollende Grüße von den gefürchteten Weißen überbrachte und seinen eigenen Stamm mit tödlichem Hasse verfolgte, weil er von ihm ausgestoßen, war den ›Schlangen‹ aus einem doppelten Grunde willkommen: erstens als Überbringer einer wirksamen Medizin und zweitens als Spion, der sie auf dem Kriegspfade zu unfehlbarem Siege führen würde, war er doch bereit, ihnen aus Rache sein eigenes Volk, ihre Erzfeinde, zu verraten.

Was nun den kleinen Manu betraf, so gab sich niemand die geringste Mühe, ihn in diesem Punkte um seine Ansicht zu befragen. In einem Alter von zwei Monaten besitzt man noch kein Recht auf eine eigene Ansicht. Falls man zufällig doch eine hatte, wurde sie einem am besten aus dem Leibe herausgeprügelt und -getreten, bis man alt und gescheit genug wäre, um zu wissen, daß man gut daran täte, auf jede Ansicht zu verzichten, es sei denn, daß sie zufällig mit der Ansicht von aller Welt übereinstimmt.

Um daher des kleinen Manu Erziehung in dieser Hinsicht zu vervollständigen, prügelte und ohrfeigte und trat ihn sein Herr aus Leibeskräften, denn das ist die alleinige Art, ein an sich zutrauliches Tier in eine ungemein blutdürstige Medizin zu verwandeln. Das einzige, was der kleine Manu als Erwiderung hierauf zu tun vermochte, war, seinen Quäler so wild, wie er es nur irgend verstand, anzuknurren und seine ganze Wut an dem hirschledernen Riemen auszulassen.

Doch trotz aller Fußtritte und Püffe von der Welt wurden seine Zähne im Heranwachsen immer kräftiger, obwohl er es sehr bald aufgab, an dem Riemen zu nagen. Das war, wie sein Herr behauptete, auch nur eine seiner vielen schlechten Gewohnheiten gewesen, die man ihm durch Prügel hatte austreiben müssen. Ja, fast wäre es Manus Quäler gelungen, noch eine andere Sache aus ihm herauszuprügeln: jene seltsame Liebe zu den Menschen, welche des Kuguars Ahnen seit dem Bestehen ihres Geschlechts auf ihren jungen Sprößling vererbt hatten. Fast – aber doch nicht ganz. Allein wiewohl Manus Glaube an die Tradition einen argen Stoß erhielt, klammerte er sich doch fest an den Instinkt seiner Vorfahren, und selbst die ärgste Mißhandlung vermochte ihn nicht zu dem Niveau des Mannes hinabzuziehen, der sein Herr war.

Aber auch die unerschütterliche Geduld versagt mitunter. Eines Tages – Manu war ein Jahr alt – hetzte sein Herr, der eigenen Brutalität müde, einen starken indianischen Hund gegen den jungen Silberlöwen, der den Hund zwar sehr bald erledigte, seine Ahnen aber insofern vergaß, als er auch nach dem Menschen schnappte. Zum Dank dafür erhielt Manu die brutalste Tracht Prügel seines Lebens, nach welcher ihn der Indianer für tot liegen ließ. Aber Manu starb nicht. Mochte sein Körper auch vom Schwanz bis zur Nasenspitze eine einzige schmerzhafte Beule sein, sein Geist blieb ungebrochen. In jener Nacht verfiel er wieder in die alte Gewohnheit des Kauens. Seine Zähne aber waren inzwischen zu Raubtierfängen herangereift, und selbst ein hirschlederner Riemen von einem halben Zoll Durchmesser vermochten ihren verzweifelten Bemühungen nicht zu widerstehen. Bei Sonnenaufgang war Manu frei.

Die Wildnis nahm ihn auf, jene Wildnis, die er seit seiner frühesten Kinderzeit nur als eine aufreizende Lockung zwischen den hohen Wigwams gekannt hatte; sie nahm ihn auf mit ausgebreiteten Armen und barg ihn für immer an ihrem geheimnisvollen Herzen.

Wohl magst du suchen, Fremdling aus dem Osten! Führe getrost die ganze List deiner indianischen Weidmannskunst ins Treffen, um den ›Medizinlöwen‹ einzufangen und ihn von neuem in das Bereich deines Hasses zu ziehen. Ein seltsameres Wesen noch, als du, streift heute in der Wildnis umher; eine mächtigere ›Medizin‹ als jene, die dein Aberglaube zu brauen vermag, wandert frei zwischen den Bäumen.

*

Manu brauchte einige Zeit, um sich von seinen Wunden zu erholen. Er brauchte noch längere Zeit, um das Gesetz der Wildnis zu erlernen und sich dort heimisch zu fühlen. Aber was er nicht instinktiv bereits wußte, das lernte er aus Erfahrung; und ehe viele Monde verstrichen waren, hatten die Sippen der Wildnis begriffen, daß eine neue, zu fürchtende Macht sich auf den Jagdfährten bewegte.

Zuvor aber mußte Manu um seine Jagdgründe kämpfen.

Eines Silberlöwen Revier ist weit und ragt mitunter in dasjenige eines anderen hinein, so daß Kämpfe und Blutvergießen sich nicht vermeiden lassen, bis die Grenzen genau abgesteckt sind. Sehr bald entdeckte Manu, daß er zwar einen ganzen Tag, ja selbst einen zweiten in Frieden jagen konnte, daß er am dritten und vierten jedoch meist jemand anderem schwer ins Gehege kam und entweder sich schleunigst aus dem Staube machen oder kämpfen mußte. Anfänglich befolgte Manu die Politik der Höflichkeit und drückte sich, sobald er die Aufforderung dazu erhielt. Das geschah jedoch nur so lange, als er noch nicht ausgewachsen war, während alle diejenigen Geschöpfe, die ihm die Wahl zwischen dem Auskneifen und einer Tracht Prügel boten, ihr Wachstum längst hinter sich hatten und zu mächtigen Herren von Tatze und Zahn herangereift waren, die anzugreifen für ein halb erwachsenes Löwenjunges nicht ratsam erschien. Also mußte sich Manu in jenem Herbst und auch noch im folgenden Winter des öfteren zurückziehen, fuhr aber geduldig die ganze Zeit zu wachsen fort. Jener Winter war hart gewesen, jener Winter, in dem es nur spärliche Jagdbeute gab, und die wenige war obendrein knochig und mager. Manu entwickelte große Gewandtheit im Laufen und große Schläue, stärker noch als seine Muskeln. Und wiewohl ein großer Teil seiner Jagd in fremden Revieren stattfand, schnitt er doch nicht so schlecht ab, wie man es hätte erwarten sollen; im Gegenteil, es gelang ihm trotz Schneestürmen, Hunger, Heimatlosigkeit und häufigen Befehlen, sich aus dem Staube zu machen, ein paar Fetzen Fleisch auf seinen Knochen zu bewahren.

Endlich kam der Frühling, und mit ihm erneuerte sich die Hoffnung und die Zähigkeit der Urwaldsippen, groß und klein. Und obwohl alle mager und manche abgezehrter noch als die übrigen waren und etliche unter ihnen, wie zum Beispiel die Bären, sich fett und wohlgepolstert vor Nahrung schlafen gelegt hatten, um jetzt nach viermonatlicher Winterzeit ohne das Polster und mit einem Gefühl gähnender Leere an Stelle des Fettes wieder aufzuwachen: – Manu seinerseits hatte zu keiner Zeit allzuviel Speck besessen und war infolgedessen noch lange keine solche Vogelscheuche wie manche seiner Vettern.

*

Während des ganzen nun folgenden Sommers ging Manu fleißig auf Jagd und erwarb sich einen glatten, schönen Pelz. Als es wiederum Herbst wurde, hatte er derart an Gewicht zugenommen, daß er, statt Ankündigungen, sich aus der Gegend zu trollen, entgegenzunehmen, andere Geschöpfe verjagen konnte. Ja, mehr als ein Raubtier, das Manus Herausforderung annahm, wurde von des Kuguars furchtbaren Fängen und Tatzen derart zugerichtet, daß es sich glücklich preisen konnte, mit dem Leben davonzukommen.

Eine der letzten Kündigungen, die Manu selbst erhielt, stammte von Okonupo, dem großen Grizzly, dessen Jagdgebiet sich über den Tanukberg erstreckte und der in mürrischem Hagestolzentum den ganzen südlichen Gebirgsstock beherrschte.

Die beiden Tiere waren spät an einem schwülen Nachmittage aufeinandergestoßen. Zufällig befand sich Okonupo in ziemlich schlechter Laune, und der Anblick eines Eindringlings in seinem Revier brachte ihn vollends in Wut.

Als Okonupo seine Kampfansage herausschmetterte, wartete Manu nicht erst den höflichen Austausch von Kriegserklärungen ab, sondern antwortete mit einem blitzschnellen Sprung und einem ohrenzerreißenden Fauchen und Kreischen.

Das Ringen war kurz und scharf. Okonupo war so lange daran gewöhnt, jedes einzelne Lebewesen mit eingekniffenem Schwanz davonlaufen zu sehen, daß des Silberlöwen unverschämte Frechheit ihn völlig überrumpelte. Er hatte in seinem Leben bereits zahlreiche Schlachten ausgekämpft und war mit wenigen Ausnahmen immer als Sieger daraus hervorgegangen. In dem gegenwärtigen Falle jedoch entdeckte er zu seiner Überraschung, daß er sich einem ebenbürtigen Gegner gegenüber befände; er sah sich daher nach einem unentschiedenen Kampf, in dessen Verlauf er einige tüchtige Abfuhren erhielt, genötigt, die ›Kündigung‹ widerstrebend zurückzuziehen; und obgleich er von nun an jedes Mal, wenn ihre Wege sich kreuzten, die fürchterlichsten Drohungen, was er Manu alles antun würde, ausstieß, falls dieser das Feld nicht räumte, mußte er sich damit abfinden, den verhaßten Fremden auch fernerhin in der Gegend zu dulden. Von jetzt an ward ihm seine Oberherrschaft über Tanuk von einem Schrecken strittig gemacht, dessen Gegenwart ihm bei Tage die Seelenruhe raubte und des Nachts seinen Schlaf störte.

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