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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Vierzehntes Kapitel

Die Stimme in der Schierlingstanne

In der großen Schierlingstanne lebte ein Geräusch. Es war ein heiseres, krächzendes Geräusch, das sich in weite Fernen schwang. Seit Hunderten von Jahren hatte die Tanne geschwiegen. Dieses Schweigen war mit den dunklen Schatten des Baumes Jahr um Jahr gewachsen, und nichts hatte es gestört bis auf die Winde, die den dichten Tannennadeln ein Raunen entlockten, und die Schneestürme, welche kreischend aus dem gefrorenen Grauen des Nordens daherfegten und die Äste zausten.

Das Geräusch gemahnte an die Stimmen von allerlei Leben, das noch hungrig, aber doch entschlossen war, komme, was da wolle, nicht unbemerkt zu verhungern. Es sandte in die Wildnis die Botschaft junger, wehrloser Lebewesen, die mehr als einem hungrigen Wanderer, der lautlos in räuberischer Absicht die Wälder durchstreifte, appetitliche Leckerbissen geboten hätten. Die Nerzmutter vernahm diese Botschaft von der Schwelle ihres Unterschlupfes unter einer großen Zedernwurzel. Da sie selbst Mutter war mit einer zahlreichen jugendlichen Familie, hätte man meinen sollen, sie würde den Schrei fremder Jungen respektieren. Doch die Mutterschaft hatte ihre Feindschaft gegenüber der Welt außerhalb ihres Baues anscheinend noch verschärft, statt ihre wilde Natur zu sänftigen. Wehe dem kleinen Pelztier oder Vogel, die in ihre erbarmungslosen Klauen fielen! Sie würde sie töten, nicht nur um ihrer nimmersatten Familie unter der Zedernwurzel Nahrung zu bringen, nein, aus reiner blutdürstiger Freude am Morden. Die Nerzmutter steckte ihre spitze Nase in jedes Dickicht hinein, und sobald ihr länglicher, niedriger Körper sich durch das Gras schlängelte, mußte das kleine Volk in Pelz- und Federkleid sich mehr noch auf seinen Witz als auf seine Muskelkraft verlassen, um ihr beizeiten aus dem Wege zu gehen. Allein sämtlichen grausamen Nerzweibchen des amerikanischen Kontinents zum Trotz setzte die Stimme in der Schierlingstanne Tag um Tag ihr mißtönendes Gekrächze fort.

Der Lärm störte den Fischer, der ein Vetter ersten Grades des Nerzes war, und der trotz seiner Jagdkenntnisse und seines Wissens, was zu tun und was nicht zu tun sei, sich Gewalt antun mußte, um nicht in die Tanne hinaufzuklettern und das Geräusch des näheren zu untersuchen. Mochten die gelehrten Herren in Washington ihm getrost einen achtunggebietenden lateinischen Namen verleihen und den übrigen gelehrten Naturforschern in Europa mitteilen, daß er ein in Amerika weitverbreitetes Mitglied der Marderfamilie sei, zweckmäßiger wäre es gewesen, wenn sie in unverblümtem Englisch bekannt hätten, er sei wohl der hartgesottenste und erbittertste Kämpfer außerhalb des amerikanischen Kongresses und habe bereits den Geschmack der Hälfte aller rohen Fleischsorten des amerikanischen Kontinents ergründet, tausend Jahre, ehe Kolumbus auch nur die Existenz jenes Erdteils ahnte. Doch das Achtunggebietende seines lateinischen Namens – Mustela Pennanti – war milde und harmlos, verglichen mit seinem achtunggebietenden Magen, der mit unparteiischer Genugtuung Eichhörnchen, Kaninchen, Vögel, Eier, Kröten, Frösche, Schlangen und tote Fische in sich aufnahm.

Es gab nur sehr wenige Bäume, die er nicht erklettern konnte, und die Schierlingstanne mit ihren breiten Ästen wäre für ihn das reinste Kinderspiel gewesen. Nicht die Angst hinaufzusteigen, sondern die Furcht, wen er wohl dort oben zu Hause antreffen könnte, hinderte ihn daran, eine Nachmittagsvisite abzustatten, die sehr gut die letzte in seinem Dasein hätte werden können. Also hielt er sich möglichst nah am Boden auf, sobald er sich in der Nähe der Schierlingstanne befand, obwohl die Stimme in ihrem Gipfel seinen Appetit reizte.

Das Geräusch stieg und sank mit dem Winde, der es mit sich forttrug, oder es in die leeren Ecken und Winkel der Welt ausschüttete. Größere und gefährlichere Tiere noch als Nerz oder Fischer fingen seine heiseren Schwingungen auf. Okonupo zum Beispiel, der berühmte Grizzly, der durch sein einsames Leben ein so eingefleischter alter Junggeselle geworden war, daß keine Seele sich freiwillig auf eine Meile im Umkreis seiner Höhle näherte, hörte es, während er zwischen den hohen Felsen des Tanukberges auf seinen Hinterschenkeln hockte und finster auf die Welt hinabblickte. Und noch weiter oben, auf den entlegeneren Felsen spitzte Manu, der Kuguar, seine runden Ohren, sobald das matte Krächzen in seinen gebirgigen Versteck hinaufschwebte. Doch keines von diesen Geschöpfen, ob groß oder klein, wagte es, den Haushalt in der Schierlingstanne zu stören.

Der Vater dieses Krächzens war zur Zeit damit beschäftigt, Frösche aufzuspießen. Er war eine ungewöhnlich große Erscheinung, auf langen Stelzen und mit einem blaugrauen Federkleid, hocherhaben über der übrigen Welt, und er pflegte mit so mächtigen Schritten daherzuspazieren, daß es fast den Anschein hatte, als habe er seine Beine von jemand entliehen, und als gäbe sich sein Körper die größte Mühe, diese Beine einzuholen, ehe er gezwungen wäre, sie nach beendeter Tagesarbeit dem Eigentümer zurückzuerstatten. Selbst sein Schnabel, der gleichzeitig einem Schwerte, einem Speer und einem Dolche glich, war so ungeheuer lang, daß er ihn nur für das Fröscheaufspießen angelegt zu haben schien, um ihn später, wenn es Zeit zum Schlafengehen wäre, wieder abzuschnallen und auseinanderzuschrauben. Doch trotz seiner scheinbaren Ungelenkigkeit und trotz der Tatsache, daß er Teile seiner Person nur geborgt zu haben schien, vermochte er seinen Schnabel mit so erstaunlicher Geschicklichkeit zu gebrauchen, daß ein Frosch schon ungemein behende sein mußte, um ihm zu entgehen.

Nachdem der Froschjäger seinen Bedarf an Fröschen reichlich gedeckt hatte, raffte er sie alle zusammen in einem Bündel an den Beinen auf, spreitete seine mächtigen Schwingen und schwang sich schwerfällig vom See zu den Baumwipfeln empor, wobei die Frösche gleich Fransen zu beiden Seiten seines Schnabels herunterbaumelten. Wenn er dann über den Baumwipfeln in den Gesichtskreis des aus Zweigen gebauten Hauses in der Schierlingstanne trat, hätte man erst das aufgeregte Gekrächz hören sollen, das in heiserem Chor zum Himmel aufstieg!

Vier kleine krächzende Stimmen – vier junge Fischreiher stahlen dem alten Baum sein Jahrhunderte altes Schweigen. Die vier Nestküken waren so grotesk und unproportioniert wie nur möglich, mit so lächerlich langen Schnäbeln, daß ihnen jeden Augenblick die Gefahr drohte, das Gleichgewicht zu verlieren und kopfüber aus dem Nest zu purzeln. Trotzdem waren Vater und Mutter Reiher lächerlich stolz auf ihre Kinder, wie alle zärtlichen Eltern, und hielten sie für Schönheiten ersten Ranges. Wehe dem Marder oder Nerz, dem Luchs oder der Wildkatze, die es wagen sollten, den geheiligten Baum, der den Jungen als Wohnung diente, zu erklettern! Ein blitzschneller, stets nach den Augen gerichteter Stoß des elterlichen Schnabels, und der tollkühne Eindringling konnte von Glück reden, wenn er mit nichts Schlimmerem als einem ausgehackten Auge, aus dem er nie wieder sehen würde, davonkam.

Nach beendeter Mahlzeit, als die jungen Reiher ihre kleinen Magen so vollgestopft hatten, daß sie zu platzen drohten, schwieg der heisere Chor, und die Nestküken machten es sich bequem unter dem warmen Federdache, das nichts anderes als ihre Mutter war, die ihre langen Beine so geschickt wie nur möglich unter sich zusammenfaltete, um ja niemand im Wege zu sein. Zwar stießen und drängten sich die Jungen anfänglich noch um die besten Plätze und schimpften weidlich aufeinander ein, nachdem aber diese kleinen Meinungsverschiedenheiten beigelegt waren und nur noch gelegentlich ein leises, schläfriges Krächzen ertönte, während das eine oder das andere sich im Schlafe zurechtrückte, herrschte endlich wieder Schweigen, und die große Stille, die im Herzen des Baumes ruhte, stieg von neuem aus zahllosen toten Monden der Vergangenheit in seine Krone empor. Die einzigen Geräusche, die man jetzt noch hörte, waren das weiche Plätschern der Wellen gegen das schilfreiche Ufer oder der gelegentliche Sprung eines Fisches weit draußen im See. Oh, diese guten stillen Nächte in dem Kinderzimmer hoch oben in der Schierlingstanne, während die Sterne am hohen Wigwam des Himmels funkelten und die kleinen Luftströmungen sich gleich Wellen an einem Elfenstrand an dem Geäst des uralten Stammes brachen! Die gute, tröstende Wärme jenes Federdaches, das die Nacht dort draußen fest aussperrte! Diese behagliche Sicherheit hoch über den Baumwipfeln, fern von jenen gewundenen Dunkelheiten, in denen große Raubtiere lautlos über geheime Fährten strichen; fern von der trügerischen Welt in dem geliebten Haus aus Zweigen!

Und während dieser ganzen Zeit saß Vater Reiher zur vermehrten Sicherheit auf einem der höchsten toten Äste dicht unter der Baumkrone, einer Schildwache gleich, die kampfbereit selbst im Schlafe noch das lange Schwert ihres Schnabels zückt.

So vergingen die Nächte und die Tage – mit Fischen und Füttern, mit Wachen und Schlafen, sämtlichen boshaften, nimmersatten Zähnen und Klauen des Urwaldes zum Trotz.

Endlich aber entdeckten Vater Reihers wieselscharfe Ohren irgendwo am anderen Ende des Sees das Geräusch aufspritzenden Wassers. Er hatte soeben seine kräftigen Schwingen entfaltet und seine Stelzen schnurgerade hinter sich ausgestreckt, um langsam über den Tannenwipfeln zu verschwinden. Mit einer raschen Schwenkung seiner starken Flügel bog er nach rechts hinüber, um seinen Gesichtskreis zu erweitern, und erspähte dicht am nördlichen Ufer einen länglichen, dunklen Gegenstand mit zwei Gestalten auf seinem Rücken, welche ihre Pfoten in das Wasser steckten und jenes beunruhigende Geräusch verursachten.

Laut krächzend, um Mutter Reiher zu warnen, daß Fremde in der Nähe seien, stieg Vater Reiher in mächtigen Spiralen zum Himmel auf, bis er sich unmittelbar über dem seltsamen Gegenstand befand und über seinen eigenen Körper hinweg auf ihn hinabblicken konnte. Und was er dort unten sah, beunruhigte ihn tief. Kein Zweifel, es war ein indianisches Kanu mit zwei Indianern an Bord. Daß der eine von ihnen eine alte Frau und der andere ein Knabe war, machte die Sache nicht weniger bedenklich. Vater Reiher war schon des öfteren Indianern begegnet. Wo immer sie sich aufhielten, da gab es über kurz oder lang Unruhe. Anscheinend brachten sie es nicht fertig, die Welt ihren geordneten Gang gehen zu lassen. Sie waren überall im Wege, tötend oder jagend, jagend oder tötend, und ein gemütliches Fischen durch Umherfahren auf den Seen zur Unmöglichkeit machend. Und jetzt ließen sie nicht einmal diesen See in Ruhe, sondern störten seine Stille durch eines ihrer verwünschten Kanus, indem sie seine Wasser mit irgend etwas, das sie in ihren Pfoten hielten, aufrührten!

Das schlimmste aber war, daß sie das Nordufer entlang fuhren und einen Kurs einhielten, der sie in Schußweite des Hauses aus Zweigen bringen mußte, falls sie nicht früher abschwenkten.

Was sollte er nur tun? Dort oben in der gewaltigen Höhe bei der klaren, sonndurchwärmten Luft arbeitete sein Gehirn leicht und mühelos. Unmöglich konnte er schnurgerade nach dem Nest zurückfliegen; das würde den Eindringlingen die Richtung verraten. Er wußte, er konnte sich auf Mutter Reiher verlassen; jetzt, nachdem er ihr das Alarmsignal gegeben, würde sie den Jungen Schweigen gebieten. Falls die Indianer die Anwesenheit des Nestes nicht errieten, würden sie vielleicht ruhig ihre Reise fortsetzen, ohne zu ahnen, daß ein derartiger Gegenstand sich überhaupt in der Nähe befände. Von seiner Stellung aus vermochte Vater Reiher die dunklen Nadeln der Schierlingstanne deutlich zwischen dem sie umgebenden helleren Laub zu unterscheiden ... Ja, man erkannte sogar sein Ehegespons, das jetzt am Rande des Nestes seinen Wachposten bezogen hatte und scharf nach dem ersten Anzeichen der Gefahr ausspähte. Noch einmal stieß er einen heiseren Schrei aus, um sie zu warnen, daß die Gefahr näher rücke, dann ließ er sich eine lange, schräge Luftschicht in der entgegengesetzten Richtung hinabgleiten, bis er das dicke Weidengestrüpp am südlichen Ufer erreicht hatte. Hier verwandelte er sich aus einem Paar mächtiger Flügel in ein Paar langer Beine, oder besser noch in einen graublauen Schatten auf Stelzen, der dort, wo die Weiden ihn von der Außenwelt am sichersten verbargen, regungslos aus dem Wasser emporragte. Doch obwohl er selbst nicht zu sehen war, überblickten seine scharfen Augen die ganze Seefläche. Nichts in jenem weiten Umkreise entging seinem durchdringenden Blick, bei der sanftesten Welle zwischen den Binsen angefangen bis zu der gleitenden Bewegung des fernen Kanus.

Des Reihers Augen waren aber nicht die einzigen, welche die langsame Fahrt der Eindringlinge des nördlichen Ufers länger verfolgten. Das Weibchen des Strandläufers, das in dem flüchtig gepolsterten Nest in einer Sandkuhle über ihren großen, braungefleckten Eiern saß, beobachtete erschrocken das Nahen der Fremden. Im Gegensatz zu dem Reiher war es mit Indianern und deren Gewohnheiten nicht vertraut. Noch nie hatte es so etwas Seltsames wie ein Kanu erblickt! Zuerst, aus weiter Ferne, hatte es das Fahrzeug für eine Elchkuh gehalten, im Begriff über den See zu schwimmen. Nun – falls die Kuh nicht ausgerechnet auf dem sandigen Vorsprung landete, würde die Strandläuferin sich nicht weiter den Kopf zerbrechen. Zwar konnte eine Elchkuh ungeheuer lästig sein, wenn sie anfing, die Wasserrosen mit den Wurzeln auszureißen, und anderer Leute Wohnungen überschwemmte – der Strandläuferin wasserliebende Base, das Rohrhuhn, hatte sich häufig darüber beschwert – aber die nächstgelegene Stelle, an der es Wasserrosen gab, war gut und gern eine halbe Meile entfernt; falls die Kuh sich also auf der Jagd nach Wasserrosen befand, war die Lage nicht weiter besorgniserregend. Als die angebliche Kuh jedoch sich als ein Ungeheuer entpuppte, das nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Elche besaß, als ein Ungeheuer mit zwei weiteren Ungeheuern auf seinem Rücken – ja, als dieses Ungeheuer obendrein in gefährlich gerader Richtung auf die Landzunge zugesteuert kam, sank der Strandläuferin der Mut, wiewohl sie tapfer beschloß, bis zum allerletzten Augenblick auf ihren Eiern auszuharren.

Jetzt begann das gesamte Marschvolk plötzlich auf die Sache aufmerksam zu werden, die die Strandläuferin längst entdeckt hatte. Es war immer schrecklich beschäftigt, dieses Marschvolk, und schwatzte unausgesetzt über nichts und wieder nichts. Die Sumpfhühner waren darin die ärgsten Sünder – Klatschbasen bis ins letzte Glied! Auch die Sumpfzaunkönige zeigten ein unheilbares Interesse an dem Tun und Lassen ihrer Nachbarn; sobald irgend etwas des Weges daherkam, das ihr Mißfallen erregte, pflegten sie zu schimpfen und zu schwatzen, gleich einem Haufen alter Weiber. Kaum hatten sie das Kanu erblickt, da fingen sie auch schon an, zwischen den Binsen hin und her zu rennen und die Fremden mit jedem Schmähwort des Marschvokabulariums zu überhäufen. Die Strandläuferin geriet ziemlich außer sich. Ebenso gut hätten die Sumpfzaunkönige keifen können: »Kommt nicht hierher! Kommt nicht hierher! Hier sitzen alle möglichen Leute auf Eiern!« Das mußte ja die unwillkommenen Fremden direkt zum Landen zwingen, schon um zu sehen, woher der Spektakel eigentlich käme! Aber die Sumpfhühner vermochten nie längere Zeit den Schnabel zu halten, und nun gar die Sumpfzaunkönige! Ebensogut hätte man erwarten können, eine angezündete Mine würde nicht explodieren, wie hoffen, die Zaunkönige würden sich still verhalten, sobald sie sich über irgend etwas aufregten.

Allein trotz dieses Aufruhrs ereignete sich nichts; das Kanu umfuhr den Sandstreifen und verschwand hinter den Ellern der nächsten Uferkrümmung. Die Sumpfzaunkönige folgten ihm eine Strecke weit, ständig drauflos schimpfend, aber weder die alte Indianerin noch der Knabe, die das Ruder führten, schenkten ihnen die geringste Beachtung; daher gaben die Sumpfzaunkönige endlich in lärmendem Triumph die Sache auf, als sei es lediglich seine volle Aufmerksamkeit und sog mit Wohlbehagen ihren Atem ein.

Etwa eine Meile von dem Sandstreifen entfernt lag ein kleines Vorgebirge, bis an den Uferrand von Ellern beschattet und fast einer Insel gleich. Katoya, die Inseln über alles liebte, beschloß sogleich, hier ihr Heim aufzuschlagen. Am westlichen Ausgange befand sich eine kleine Bucht, ein winziger Schlupfhafen, gegen den See zu durch ein felsiges, dicht mit Brombeergestrüpp überwuchertes Ufer vor spähenden Augen geschützt. Ein paar große Weiden ermöglichten es, das Kanu unter ihren Zweigen zu verbergen, und auch auf der gegenüberliegenden Böschung standen die Sträucher so dicht, daß man das kleine Fahrzeug ohne Schwierigkeit über die schmale, ein, zwei Meter breite Wasserfläche von einer Deckung unter die andere zu bringen vermochte.

Es war, als habe kein Menschenauge seit Anbeginn der Welt den See erblickt. Hinab bis an den Ufersaum ragten die mächtigen Bäume: Schierlingstanne, Wasseresche und Tamariske, in gewaltiger Höhe und eisgrauer Majestät. Wahrlich, wenn überhaupt, so war hier ein sicherer Unterschlupf vor feindlichen Bleichgesichtern und Indianern gefunden, wo eine Hütte sich erbauen ließ, deren Frieden niemand stören würde.

Katoya verlor keine Zeit mit Nachdenken. Sie steuerte das Kanu unter die überhängenden Weiden des kleinen Seearmes und begann sogleich ihre Vorbereitungen für eine dauernde Niederlassung. Mit der Axt, die sie fürsorglich mitgebracht hatte, schlug sie eine Reihe starker Äste, welche der zu erbauenden Hütte als Rahmen dienen sollten, und diese wurden so angelegt, daß ein überhängender Felsblock in der Nähe des Ufers ihre eine Seite bildete. Dann hieß Katoya Thunderboy Ellern- und Weidenruten schneiden, mit denen sie die Stämme verflocht, bis sie eine dichte Wand bildeten, welche sie später mit Lehm zu verschmieren gedachte, um gegen Kälte und Regen geschützt zu sein. Als sie ihr Werk beendet hatte, begann es bereits zu dunkeln. Das geschah sehr rasch, denn das große nördliche Zwielicht hat es stets eilig und gleicht in keiner Hinsicht der trägen Dämmerung des Ostens. Hier wurde sein Anfang wie sein Ende von Stimmen begleitet, die auch in der Dunkelheit nicht schwiegen und sie mit unsichtbarem Leben erfüllten. Mitunter waren die Stimmen laut, mitunter leise: ein Fuchs rief seinem Weibchen, eine Eule schrie von fern am Rande eines Sumpfes. Mitunter klangen die Stimmen matt und aus großer Entfernung, so daß nur das geschulte Ohr sie aufzufangen und zu unterscheiden vermochte. Und ob sie nun laut oder leise riefen, das Plätschern und Flüstern des Wassers bildete eine ständige, leise murmelnde Begleitung.

Noch ehe es völlig Nacht wurde, errichtete Katoya ein Feuer, indem sie wenige dürre Äste so kunstvoll übereinanderlegte, daß sie in sehr kurzer Zeit zur Flamme emporloderten. Das war für Thunderboy ein guter – ein durchaus wohlgefälliger Anblick, dem auch seine Ohren und seine Nase ihren Beifall zollten. Genau wie vor langer Zeit in seinen frühesten Kindertagen die kleinen, schwatzhaften Stimmen des Holzes in dem Ofen ihm Gesellschaft geleistet hatten, so zischten und knisterten jetzt die frisch gesammelten Zweige vertraulich in dem matten Dämmerlicht der Bäume. Thunderboy aber schenkte ihnen seine volle Aufmerksamkeit und sog mit Wohlbehagen ihren Atem ein.

Als das Feuer munter drauflos brannte, hing Katoya den Kochtopf geschickt in der Gabel eines Astes auf und warf ein paar Brocken Dörrfleisch in das Wasser, um ein indianisches Ragout zu bereiten, und als dieser Geruch Thunderboys Nase kitzelte, wurde er hungrig wie ein Wolf.

Nach beendeter Abendmahlzeit, als der Wolf in ihm befriedigt war, spürte Thunderboy die größte Lust, allerlei Nahrung in seinen zweiten, ewig hungrigen Magen aufzunehmen, in den Magen, den der weiße Mann das Gehirn nennt ... Wo befanden sie sich eigentlich? Wie hieß dieses große Gewässer? War es möglich, mit dem Kanu bis jenseits der Bergkette vorzudringen? – Unablässig quälte Thunderboy die Sehnsucht, die Berge zu ersteigen bis hinauf zu dem Horst des Donnervogels und den Anfängen des Himmels.

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