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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Dreizehntes Kapitel

Wie sie um ihr Leben ruderten

Als Thunderboy mit seinem Kopf gegen seines Onkels Magengrube rannte, hatte er nur den einen klaren Gedanken, koste es, was es wolle, aus der Hütte zu entfliehen und auf schnellstem Wege den Strom zu erreichen. Also lief er wie ein Hirsch in Richtung des Flusses. Gelänge es ihm, nur ein Kanu aufzutreiben, noch ehe die Verfolgung einsetzte, so glaubte er, glücklich entfliehen zu können. Er kannte jeden Zollbreit des Bodens und baute auf Dunkelheit und Nebel als Deckung. Noch während er über die Lichtung fegte, glaubte er zu seiner Linken die Gestalt eines Mannes zu sehen, aber er befand sich in allzu verzweifelter Eile, um auch nur eine Sekunde lang seinen Lauf zu verlangsamen und sich von der Richtigkeit seiner Wahrnehmung zu überzeugen.

Er gelangte an den Fluß, ließ das erstbeste Kanu zu Wasser, packte ein Ruder und war bereits unterwegs, bevor Kennedys erster Wutschrei das Schweigen zerriß. Dank des Knaben kräftigen Schlägen machte das Fahrzeug gute Fahrt, zumal er es bald mitten in die Strömung hineinschwang. Als Kennedys letzter brüllender Ruf sein Ohr traf, befand er sich schon auf halbem Wege nach dem See. Nach einer Weile hielt er inne, um zu lauschen. Außer dem Plätschern des Wassers unter dem Kanu und dem Tropfen des hocherhobenen Ruders blieb alles still. Zu beiden Seiten ragte der Wald in gigantischer Schwärze, doch begann sich über den östlichen Wipfeln der Himmel zu lichten, und er erkannte, sehr bald würde der Mond aufgehen ... Horch, was war das? Er hielt den Atem an und lauschte. Ja, kein Zweifel, es war das Eintauchen von Rudern, die aus der Richtung der Siedelung näherkamen. Noch klang das Geräusch so fern, daß es nur mehr einem matten Pochen glich, gleich dem Pulse der Nacht, allein der Fluß beschrieb hier einen Bogen, und die dazwischenliegenden Bäume dämpften den Laut. Wie dem auch sein mochte, der Ton jagte Thunderboy einen Schauer durch den Leib, und er nahm das Rudern mit aller Kraft wieder auf.

Nach einer Weile erreichte er die Stelle, wo der Fluß in den See mündete, an dem seine Großmutter sich niedergelassen haben mußte. Sie hatte von dem großen See im Süden gesprochen, und ihr Lager mußte sich nach allen ihren Schilderungen im Westen an dessen nördlichen Ufer befinden. Dank seiner frühen Schulung inmitten der Unendlichkeiten von Wald und Wasser besaß Thunderboy einen ausgesprochenen Richtungssinn. Als er jedoch den See erreichte, war der Nebel so dicht geworden, daß er schon geraume Zeit über die weite Wasserfläche dahinfuhr, bevor er entdeckte; daß der Fluß ihm bereits im Rücken lag. Rings wogten die Nebelschleier, unmöglich konnte man die Lage der Ufer unterscheiden. Wenn er seine Fahrt fortsetzte, konnte er sich sehr leicht verirren, und finden, daß er weit außer Kurs geraten wäre, sobald der Dunst sich gelichtet hätte. Es blieb ihm daher nichts anderes übrig, als still zu liegen und den Morgen abzuwarten. Er lauschte angespannt, vernahm aber nichts als das weiche Plätschern des Wassers gegen sein Kanu. Endlich hörte er aus weiter Ferne wiederum das schwache Geräusch von Rudern. Es wurde immer vernehmlicher. Sie waren ihm also doch gefolgt und rückten dort aus dem Nebel heran! Sein erster Impuls war, sich von neuem in Fahrt zu setzen, aber er wußte, er könnte auf diese Weise der Gefahr direkt in die Arme laufen, statt ihr auszuweichen und seine Gegenwart durch das Rudern verraten. Also meisterte er den Trieb der Angst und blieb, wo er war. Das erforderte einen ziemlichen Mut, denn das Geräusch der Verfolgung wurde mit jeder Minute deutlicher. Trotzdem ließ Thunderboy sein Kanu aufs Geratewohl treiben, ohne sich zu rühren, und hielt nur das Ruder zu sofortigem Handeln fest in der Hand. Das Geräusch kam ihm endlich so nahe, daß er jeden Moment erwartete, die dunklen Umrisse eines Kanus aus dem Nebel auftauchen zu sehen. Inzwischen war der Mond aufgegangen und warf ein so starkes Licht, daß, falls der Nebel sich hob, die Entdeckung unvermeidlich war. Thunderboy wartete, dicht an den Boden seines Fahrzeuges hingekauert. Näher und näher kam das andere, so nahe, daß der Knabe das Plätschern der Wellen gegen die Seiten des vorbeifahrenden Kanus vernahm. Er hielt den Atem an, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren. So, keine drei Bootslängen entfernt, glitt Kennedy an der zusammengeduckten Gestalt vorbei, ohne daß irgendein Zeichen sie ihm verraten hätte.

Endlich erstarb das Geräusch der Ruder, und die ganze Wasserwelt lag stumm wie zuvor unter ihrer Nebeldecke. Regungslos, eingehüllt in jenem monderhellten Dunstschleier, hielt Thunderboy seine Nachtwache. Als der erste Schein der Morgensonne den Osten lichtete, ruderte er noch dichter an das Ufer heran, um sich hinter den niederhängenden Weiden zu verbergen. Mit dem wachsenden Licht spähte er sorgenvoll nach jenem fremden Kanu aus, da aber nichts in der neblichten Ferne sich rührte, stieß er mit seinem Fahrzeug wieder aus seinem Unterschlupf ab und ruderte möglichst geräuschlos und so dicht wie möglich am Ufer weiter. Lange Zeit kroch er so die Böschung entlang, ohne eine Spur von seiner Großmutter Lager zu entdecken, und allmählich überwältigte ihn die Furcht, sie könnte inzwischen ihren Aufenthaltsort gewechselt haben, oder aber dieser läge so tief zwischen den Bäumen, daß er bereits an ihm vorbeigefahren wäre. Je weiter der Tag vorrückte, ohne daß er auf irgendeine Spur traf, um so ängstlicher wurde er. Wenn es ihm nun überhaupt nicht gelänge, Katoya zu finden? In diesem Falle war seine Lage in Wahrheit fürchterlich, denn er hatte keine Gnade zu erhoffen, wenn er seinen Verfolgern in die Hände fiel und als Gefangener in die gefürchtete Niederlassung zurückgeschleppt würde. Obendrein würde er seine Großmutter dann nicht mehr warnen können, und alles wäre verloren.

Gerade als er jede Hoffnung aufgegeben hatte, stieß er hinter einer kleinen Bucht auf ihr Lager.

Katoya war eben dabei, ein Feuer zu bereiten. Ihres Enkels Ankunft traf sie vollkommen überraschend. Als er ihr jedoch das Vorgefallene berichtete, erkannte sie sogleich die tödliche Gefahr ihrer Lage, und daß sie keinen Augenblick zu verlieren hätten. Sie begann daher sofort ihr eigenes Kanu mit allem notwendigen Gerät zu beladen, um an irgendeinem entlegenen Ort, fern von feindlicher Einmischung seitens der Bleichgesichter oder Rothäute, ein neues Lager aufschlagen zu können. Wo dieser Ort läge, das wußte sie freilich nicht. Vor ihr dehnte sich die weite Wildnis mit ihren zahllosen Wasserstraßen, und frei konnte sie umherstreifen, wo immer es genügend Wasser gab, um ihr Kanu flott zu halten. Das einzige, worauf es jetzt ankam, war, sich in Marsch zu setzen, noch ehe man ihnen den Rückzug abgeschnitten hätte.

Kaum hatte sie ihre Vorbereitungen beendet, als Thunderboy hinter einem fernen Felsvorsprung ein Kanu auftauchen sah. Er hatte gerade noch Zeit, seine Großmutter darauf aufmerksam zu machen, da verschwand es auch schon wieder im Schatten der Uferböschung.

»Sie kommen!« rief Katoya.

Aus dem harten Klang ihrer Stimme erkannte er, daß das große Ringen bevorstände. Noch während beide in die Ferne starrten, sahen sie ein zweites Kanu die Landzunge umschiffen. Katoya stieß einen seltsamen, heiseren Laut aus.

»Rasch! Spring in mein Kanu. Wir müssen das andere zurücklassen. Nimm dein Ruder mit. Sie werden uns einholen, wenn wir beide Kanus mitzunehmen versuchen.«

Thunderboy kam seiner Großmutter Befehl mit Windeseile nach. Hastig stieg Katoya ein, schob das Kanu mit einem kräftigen Stoß vom Ufer ab und begann aus Leibeskräften zu rudern.

Thunderboy bedurfte keiner Aufforderung, ihrem Beispiele zu folgen. Es war nicht das erstemal, daß sie zusammen ein Kanu steuerten, und sie kamen rasch vorwärts, wobei sie sich so nahe wie möglich am Ufer hielten, um der Entdeckung zu entgehen.

Es war jetzt heller Tag, der Frühnebel lichtete sich. Hier und dort trieben noch zerrissene Dunstschleier, welche die weitesten Fernen häufig ihren Blicken entzogen. Von Zeit zu Zeit warf der eine oder der andere mit innerlicher Angst vor dem Anblick, der sich ihnen bieten könnte, einen Blick über die Schulter, aber der Kurs, den Katoya einhielt, verbarg sie zwischen den Uferkrümmungen, und es dauerte eine ganze Weile, ehe sie ihre Verfolger wieder zu Gesichte bekamen.

Plötzlich hörten sie hinter sich einen Schrei, und jetzt gewahrten sie das, wovor sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatten – ein Kanu bog ziemlich dicht hinter ihnen um eine vorspringende Böschung: Man hatte sie bereits entdeckt!

Wieder stieß Katoya einen knurrenden Laut aus und tauchte mit wilder Energie ihr Ruder in das Wasser.

Jetzt, da das unregelmäßige Ufer sie nicht länger dem Feinde verbarg, blieb ihnen die Wahl zwischen zwei Wegen: entweder mußten sie sich in das offene Wasser hinauswagen, um in möglichst gerader Richtung den Punkt, auf den Katoya zustrebte, zu erreichen, oder es galt, ihr Fahrzeug unter den Weiden zu verbergen und im Urwalde unterzutauchen, falls man ihr Versteck aufspürte. Aber gegenüber dem zweiten Auswege bestand das Bedenken, daß sie höchstwahrscheinlich ihr Kanu verlieren und genötigt sein würden, auf ungeheure Strecken hin durch ein fast unbekanntes Gebiet zu wandern. Augenblicks stand Katoyas Entschluß fest: sie würde die Wettfahrt auf sich nehmen.

Thunderboy hatte nicht die leiseste Ahnung, weshalb Großmutter jetzt auf den offenen See hinaussteuerte. In seinen Augen erhöhte das die Gefahr einer Gefangennahme. Aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß Katoyas Weisheit sie bei einer kritischen Entscheidung nur selten im Stiche ließ, und so folgte er, ohne eine Frage zu stellen, ihrem Beispiel und schwang mit aller Kraft sein Ruder. Von Zeit zu Zeit jedoch blickte er sich um, und seine Angst wuchs, als er zu seinem Schrecken bemerkte, daß ihre Verfolger in zwei Kanus sie langsam, aber sicher einholten.

Was hatte seine Großmutter nur vor? Es war doch der reinste Wahnsinn, hinaus ins Freie zu rudern, wo ihre Gefangennahme nur eine Frage der Zeit sein konnte? Zu ihrer Rechten lag eine sandige Landzunge. Sicher beabsichtigte sie, dort mit ihrem Kanu aufzulaufen und in den Wald zu fliehen. Aber als sie in Höhe der kleinen Halbinsel angelangt waren, erkannte er zu seiner wachsenden Verwirrung, daß sie keine Landung plante.

Das Kanu schoß jetzt mit Windeseile vorwärts. Den Verfolgern mußte es ein Rätsel sein, wie ein altes Weib und ein unreifer Knabe es fertigbrächten, in diesem schier unglaublichen Tempo das Wasser zu durchfurchen. Doch die Last an Jahren hatte Katoyas Körper nichts von seiner Sehnigkeit und Zähe geraubt, und die Muskeln ihrer dürren Arme bargen eine Kraft, die selbst ein starker Mann nicht verachtet haben würde. Und wiewohl Thunderboy so jung war wie seine Großmutter alt, hatte das Leben draußen in der Natur und die eigene Vitalität doch seinen Muskeln eine Stärke verliehen, welche man in seinen Jahren gar nicht erwerben konnte. Allein trotz äußerster Kraftentfaltung verringerte sich die Strecke zwischen ihnen und ihren Verfolgern unaufhaltsam.

Sie näherten sich jetzt dem Ende des Sees, der sich hier zu einem Flusse verengte, in den er seine überflüssigen Wasser ergoß. Deutlich vernahmen sie das Plätschern der sich nahenden Fahrzeuge, die von ihren Insassen mit aller Kraft vorwärtsgetrieben wurden. Aber noch ein zweites Geräusch schlug an ihre Ohren, ein Geräusch, das langsam an Umfang zunahm, je mehr sie sich dem Flusse näherten, ein Geräusch, in welchem Thunderboy das Brausen eines Wasserfalles zu erkennen glaubte. Täuschte er sich nicht, so würde seine Großmutter ohne Zweifel landen, noch ehe die Strömung sie überwältigte, – vorausgesetzt, daß sie vor ihren Verfolgern das Ufer zu erreichen vermöchten.

Ihre Lage war jetzt so verzweifelt, daß die Jagd sich zu einer Wettfahrt mit dem Flusse als Ziel entwickelte. Thunderboy warf einen raschen Blick über seine Schulter. Die Kanus der Bleichgesichter befanden sich jetzt dicht hinter ihnen. Kein halbes Dutzend Bootslängen trennte das vorderste Fahrzeug von dem ihren. In dem Bug saß Kennedy mit einem Gesicht wie eine Gewitterwolke.

Näher, immer näher! Jetzt war es nur noch vier Bootslängen entfernt. Unmöglich würden sie ihnen entrinnen können, selbst wenn sie als erste das Ufer erreichten.

Über Kennedys Antlitz huschte ein Siegesleuchten! Endlich hatte er sie in seiner Macht! Noch eine weitere Minute, und das Weib würde gezwungen sein, das Ufer anzulaufen, um nicht in den Strudel des Wasserfalls hineingerissen zu werden. Thunderboy sank der Mut. Jetzt vermochte nichts mehr sie zu retten. Er sah sich bereits wieder in seines Onkels Gewalt, erbarmungslos in die Siedelung und zu einem Leben zurückgeschleppt, dem er nicht ins Auge zu sehen wagte.

»Rudere! Rudere!« schrie Katoya wild, ja fast kreischend.

Er hatte die ganze Zeit über aus Leibeskräften gerudert. Es schien unmöglich, das Tempo noch zu beschleunigen. Aber der gellende Ton in seiner Großmutter Stimme jagte ihm einen Schauer das Rückgrat entlang und peitschte seinen Mut auf, zumal er sah, daß Katoya nicht zu landen beabsichtigte.

Das Brausen der Wasserfälle war jetzt so stark, daß es das Geräusch der Verfolgung erstickte. Das Kanu raste die Strömung entlang. Kennedy stieß einen Schrei aus, um das Weib zu warnen. Als Antwort steuerte sie, immer noch aus Leibeskräften rudernd, mitten in die Strömung hinein. Mit jedem verzweifelten Ruderschlag sprang das kleine Fahrzeug vorwärts gleich einem lebenden Wesen, das ihrem herrischen Willen gehorchte, und mit jedem Sprung beugte sich die alte Indianerin tiefer über ihr tödliches Werk und schlug so wild auf das Wasser ein, als steche sie es mit einem Messer. Wilder Triumph erglänzte auf ihrem Antlitz und in ihren leuchtenden Augen. Sie war nicht länger die alte indianische Großmutter, gebeugt von der Last unzählbarer Monde, sie war Katoya, die mächtige Medizinmacherin, die Seherin seltsamer Gesichte, die Träumerin furchtbarer Träume. Sie hörte die kochenden Wirbel und beantwortete deren Herausforderung mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Das war kein Chaos blinder Strömungen mehr, keine sausende Wucht wäßrigen Aufruhrs; das war der klare, gewaltige Ruf verständlicher Stimmen, die in der mächtigen Sprache der indianischen Toten zu ihr redeten. Dort tanzten die Geister – die Seelen ihrer Ahnen, die über dieser Wasserwelt des Westens geherrscht hatten, lange bevor man die Kunde von dem weißen Manne vernommen.

Katoya kannte genau die Gefahr, die sie lief. Sie setzte alles auf diesen letzten verzweifelten Wurf, um sich und ihren Enkel vor dem Haß der Bleichgesichter zu retten. Glückte er ihr, so war alles gut. Scheiterte sie, so war es ebenfalls gut. Besser in den Wassern umkommen, als der Rache ihrer Feinde zum Opfer zu fallen.

Vor ihnen zischten und sprudelten die Wirbel. Hinter ihnen gellten Stimmen. Sie antwortete mit einem schrillen, klingenden Gelächter, das trotzig das Brausen der Fälle übertönte.

Und während Thunderboy aufhorchte und sich umblickte, wobei er ums liebe Leben ruderte, sprang die wild ausgelassene Stimmung seiner Großmutter auf ihn über.

Er sah zu beiden Seiten die Flußufer vorbeijagen; er sah den dunklen Saum des Waldes dort, wo der Fluß scheinbar endete; darüber hinaus verschwammen die Umrisse von Fels und Baum in Gischtschleiern, und vor sich sah er die aufrechte Gestalt Katoyas mit hocherhobenem regungslosem Ruder.

Sie hatte zu rudern aufgehört, denn die Kraft der Strömung trieb sie mit furchtbarer Gewalt vorwärts, und Katoya brauchte ihre ganze Energie, um zu verhüten, daß das Fahrzeug in dem Wirbelstrom der Fälle kenterte. Ein einziges Mal warf Thunderboy einen Blick zurück über seine Schulter. Er sah die beiden Kanus ihrer Verfolger am linken Flußufer festgerammt, während ihre Insassen gebannt stromabwärts blickten.

Betäubt sahen die Zuschauer der alten Indianerin Kanu über den Rand der Fälle vorwärtsschießen, sahen eine Sekunde lang das Heck gen Himmel ragen und dann in das Nichts versinken.

*

Thunderboys erster Eindruck war, daß das Kanu in einen brüllenden Nebel stürze, der sie von allen Seiten umwogte. Dann kam ein Aufklatschen, ein Regen von Gischt und das Ersticken und Blenden großer Wassermassen. Im Augenblick sah er nichts als ein Chaos von Nebel und kochendem Wellenschaum, überragt von den trüben Umrissen der Bäume. Dann tauchte vor ihm die Gestalt seiner Großmutter auf, aufrecht wie zuvor, aber mit beiden Händen sich an den Bordwänden des Kanus anklammernd. Sie wandte den Kopf und öffnete den Mund, als riefe sie ihm irgend etwas zu, aber ihre Stimme ging in dem betäubenden Lärm der Fälle unter. Das Kanu war zur Hälfte mit Wasser gefüllt, allein es kenterte nicht, sondern schoß weiter vorwärts. Vielleicht war ein Wunder geschehen, und da Thunderboy sich immer noch über den Wirbeln statt unter den Fluten begraben fand, hämmerte sich dieses Wunder mit Gewalt in sein Bewußtsein.

Allmählich klärte sich das Chaos. Zwar umgab sie noch Gischt und das Brausen von Wasser, aber die Verwirrung war jetzt weniger groß. Katoya gebrauchte wieder mit kraftvollen Schlägen ihr Ruder, das eine Mal auf dieser, das andere Mal auf jener Seite, je nach dem Laufe der Strömung. Hier zwischen diesen Schnellen war das Fahrzeug jeden Augenblick dem Kentern nahe. Aber die alte Indianerin saß so ruhig inmitten des Tumults, als glitte ihr Kanu über die spiegelglatte Fläche eines Sees. Plötzlich türmten sich direkt in der Mitte des rasenden Stromlaufs eine Reihe mächtiger Felsblöcke auf, und der Fluß stürzte sich ungestüm durch schmale Kanäle zwischen zackige Klippen. Gelang es Katoya, durch geschicktes Steuern dem einen Felsblock auszuweichen, so mußte sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gegen den nächsten geschleudert werden. Wenn auch die eine schäumende Wasserrinne das Kanu ungefährdet vorbeitreiben ließ, so konnte doch die folgende es in der nächsten Minute in Trümmer schlagen. Am besten war es noch, sich auf den Zufall zu verlassen, falls man mit den Fahrtmöglichkeiten nicht genau vertraut war. Blitzschnell umfaßte Katoya in einem einzigen Rundblick die zwei Hauptwasserstraßen. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckten ihre Augenlider unentschlossen, dann lenkte sie das Kanu mit ein paar kräftigen Stößen in den Kanal zu ihrer Rechten. Noch einmal begünstigte sie ihr schier unfaßbares Glück. Das Kanu raste, ohne Schiffbruch zu erleiden, durch die enge Wasserstraße, doch kaum hatte es deren Ausgang erreicht, als Thunderboy zu seinem Entsetzen eine dunkle, schäumende Masse gewahrte. Kein Zweifel, an diesem halb im Wasser versunkenen Felsen würden sie zerschellen, sobald die furchtbaren Stromschnellen hinter ihnen lägen.

Auch Katoya gewahrte den versunkenen Fels und erkannte augenblicks die Gefahr. Jetzt hatten sie den Fels nahezu erreicht, jetzt beugte sie sich vor und stieß mit aller Kraft ihr Ruder auf den Grund. Fast wäre das Kanu gekentert; es erbebte vom Bug bis zum Stern. Einen furchtbaren Augenblick lang glaubte Thunderboy, sie wären auf Grund gelaufen. Statt dessen aber sah er den zur Hälfte aus dem Wasser aufragenden Fels unter ihrem Heck versinken, während ihr gebrechliches Fahrzeug das Gleichgewicht zurückgewann und ungefährdet weiterraste.

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