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Der Sohn des Donners

Olaf Baker: Der Sohn des Donners - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorOlaf Baker
titleDer Sohn des Donners
publisherGrethlein & Co.
yearo.J.
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160411
projectid1a481446
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Neuntes Kapitel

Die hölzernen Wigwams

Flußabwärts kam das Kanu gut voran, denn es fuhr mit der Strömung, und die Insassen ruderten rasch. Je weiter die kräftigen Ruderschläge es dem Bereiche des Dorfes entführten, desto matter erklang der Tumult, bis er endlich ganz erstarb. Trotzdem horchte Katoya auf jedes Geräusch, das auf eine Verfolgung des Feindes hindeutete. Sie hatte, solange sie es nur irgend wagte, in ihrem Heimatdorf ausgehalten, und war erst geflohen, als sie fürchten mußte, ein weiterer Aufschub könnte ihren Plan zur Errettung ihres Enkels vereiteln, für den Fall, daß ihr Stamm eine Niederlage erlitte. Selbst jetzt wußte sie nicht mit Sicherheit, ob man nicht ihre Flucht entdeckt hätte. Im Grunde genommen glaubte sie kaum, daß die ›Schlangen‹ von sich aus die Mühe einer Verfolgung auf sich nehmen würden, doch sie fürchtete sich vor ›Narbengesicht‹ – vor dessen Schläue und Tücke, die so erbarmungslos waren wie die Wölfe in dem mageren Hungermond.

Sie hörte erst zu rudern auf, als sie halbwegs über den Strom waren, und sie an dessen westlichem Ufer eine Weidengruppe entdeckte, die für das Kanu ein sicheres Versteck bot. Dort stieg sie an Land, hieß Thunderboy ihr folgen und tauchte, nachdem sie das Kanu befestigt hatte, im Walde unter. Während dieser ganzen Zeit ahnte der Knabe nicht, welchen Plan seine Großmutter mit solcher Energie verfolgte. Daß sie einen Plan hatte, davon war er überzeugt, denn er wußte aus Erfahrung: mochten ihre Bewegungen auch noch so unberechenbar erscheinen, stets strebte ihr Geist einem festen Ziele zu, das sie niemals aus den Augen verlor, bis sie es erreicht hatte. Er wußte, es war seine Pflicht, ihr zu folgen, was immer sie auch tun mochte, und zwar, ohne eine Frage zu stellen, selbst wenn ihre Reise dort enden sollte, wo am äußersten, barbarischen Rande der Welt das Nordlicht tanzt, und wo auch der kühnste Jäger den Schritt anhält und selbst das Renntier umkehrt.

Weiter ging es, immer weiter; mit blinden Augen tasteten sie sich die Hochwildfährten und Wanderwege entlang, die scheinbar nirgends hinführten, und die sie zum Schluß nur immer tiefer in das endlose Labyrinth des Urwaldes verstrickten. Im Nordosten ging der Hundsstern auf, und die ›verirrten Kinder‹, wie die Indianer die Plejaden nennen, funkelten zwischen den hohen Föhrenwipfeln, während all die mächtigen Konstellationen des weiten arktischen Himmels, zitternden Flammen gleich, zu ihren Häupten brannten. Immer tiefer wurde das Dunkel. Formlose Schatten hefteten sich an ihre Fersen, Leben, atmend und raschelnd im Unterholz, bewegte die unheimliche Finsternis. Doch unbeirrt verfolgte Katoya ihren Weg, wiewohl niemand, am wenigsten sie selbst, zu sagen vermochte, welcher Sinn sie durch diese lichtlose Wildnis leitete. Ebensogut hätte man die Schwalbe, den goldfiedrigen Regenpfeifer oder den Eistaucher fragen können, mittels welchen Kompasses sie ihren Flug von Strich zu Strich durch die weglosen Wüsten des mittleren Himmels steuern. Oder fragt Elch und Renntier, welcher Instinkt sie durch die baumlosen nördlichen Eisfelder leitet, hoch auf dem windgepeitschten Dache der Welt, wo nur die wilde Kreatur ihr Wesen treibt? Fragt die Geschöpfe und Völker entlegenster Zonen – alle jene, die diesen seltsamen Richtungssinn besitzen – woher und weshalb sie ihn haben, und ihre unergründlichen Augen werden euch aus den Tiefen eines Jahrtausende alten Instinktes verwundert anblicken, doch keiner wird euch den Aufschluß über ein Geheimnis geben, das zu kennen die fortgeschrittene Zivilisation viel zu fortgeschritten ist.

Das erste matte Tageslicht erhellte bereits die Baumwipfel, als Katoya endlich innehielt. Obwohl sie keine vertrauten Wegzeichen erblickte, wußte sie doch, daß ihre Wanderung dem Ziele nahe sei. Sie hatte Thunderboy nicht mitgeteilt, wohin sie gingen. Dazu war es noch Zeit genug, wenn sie erst angekommen wären. Sie machte nur so lange Rast, bis beide sich von ihrer nächtlichen Wanderung erholt hatten, und setzte sich dann gleich wieder in Marsch.

Als sie kurz darauf durch eine Waldlichtung die Dächer einer weißen Siedelung auftauchen sahen, blickte Thunderboy seine Großmutter mit grenzenlosem Erstaunen an.

»Das sind die Hütten der Bleichgesichter,« entgegnete sie in sachlichem Tone. »Ich habe dich hierher gebracht, damit du dort, wo die Bleichgesichter hausen, gleichfalls hausen mögest und unter ihnen zu einem mächtigen Medizinmanne aufwächst.«

Thunderboy schüttelte den Kopf.

»Ich will nicht in den hölzernen Wigwams wohnen. Sie gefallen mir nicht. Es sind keine guten Wigwams.«

»Das sagst du nur, weil du dich ihrer nicht mehr erinnern kannst,« entgegnete Katoya mit unerschütterlicher Ruhe. »Du hast bereits in ihnen gewohnt, und damals waren sie dir nicht fremd.«

»In jenen dort habe ich niemals gewohnt,« erwiderte er fest. »Jene Hütten haben keine Hüttenpfähle. Und wie soll man sie zusammenfalten und in Kanus unterbringen?«

»Die Bleichgesichter reisen nicht mit ihren Hütten,« lautete seiner Großmutter Antwort. »Wenn sie reisen, dann bleiben ihre Hütten dort, wo sie einmal aufgeschlagen sind, bis zu ihrer Rückkehr.«

»Aber wenn sie nun auf eine lange Reise gehen und nie wiederkehren wollen, falten sie sie dann nicht zusammen?«

»Die Hütten der Bleichgesichter lassen sich nicht zusammenfalten. Sie sind so gebaut, daß sie fest in der Erde wurzeln.«

»Ich will nicht in einer Hütte wohnen, die sich nicht zusammenlegen läßt,« erklärte Thunderboy mit wachsender Entschlossenheit.

Katoya blickte ihn überrascht an. Nie zuvor hatte sie ihn mit solcher Energie erklären hören, daß er etwas tun oder nicht tun wollte.

»Es ist notwendig, daß du eine Zeitlang unter den Bleichgesichtern hausest,« entgegnete sie streng. »Nur bei ihnen wirst du in Sicherheit sein, denn sie sind schlau und mächtig.«

Thunderboy erwiderte erstaunt seiner Großmutter Blick. Der Ausdruck ihres Antlitzes erfüllte ihn mit Unruhe; Katoyas Miene, mehr noch als ihre eigentlichen Worte, überzeugten ihn, daß sie die Wahrheit redete. Es hatte keinen Zweck, ihr zu widersprechen, wenn sie ihn so anschaute. Die Medizin, die in ihr lebte, verlieh ihr dann die Macht, einem kraft ihrer Augen Dinge ins Gehirn zu schießen. Mehr als ein berühmter Krieger war vor jenem Blicke zusammengezuckt.

»Komm,« sagte sie, ihr Antlitz wieder den hölzernen Wigwams zuwendend. »Es ist Zeit, daß wir gehen.«

*

Die Siedlung war noch nicht lange auf den Beinen und hatte sich kaum den Schlaf gründlich aus den Augen gerieben, als sich ihr ein Anblick bot, der sie eigentlich mit vollem Recht veranlassen mußte, sich noch einmal die Augen zu reiben, um ganz sicher zu sein, daß die Nacht nicht ein, zwei Träume unterwegs verloren hätte, als sie ihr Wigwam zusammenfaltete, um im Westen zu verschwinden. Die Siedelung sah oder glaubte zu sehen, wie ein uraltes Weib mit einem Knaben, beide von den Scheiteln bis zu den Sohlen ihrer Mokassins unverfälschte Indianer, aus dem Walde auftauchten und langsam mit dem geschmeidigen, typischen Gang der Rothäute aus dem atemlosen Schweigen der Wildnis näher und näher kamen.

Die Nachricht von ihrer Ankunft verbreitete sich mit Windeseile. Zum Unglück für die fremden Gäste pflegte doch das einfache Wort›Indianer‹ in den entlegenen Siedelungen der Weißen, deren spärliche Einwohner in ständiger Furcht vor einem Aufstand der Rothäute leben, und wo die Ermordung eines einzelnen Trappers genügte, einen ganzen Landstrich in Brand zu stecken, bereits Argwohn einzuflößen. Die Folge war, daß die beiden sehr bald den Mittelpunkt einer erregten und neugierigen Gruppe von Männern und Frauen bildeten, welche jede Einzelheit ihrer Erscheinung einer eingehenden Prüfung unterzogen. Trotz der Tatsache, daß die Indianerin offenbar sehr alt war, machte sie den Eindruck eines zähen Menschen, dessen lederharter Körper den Jahren zu trotzen und eine ewige Lebensdauer zu besitzen scheint. Obwohl ihr Körpermaß den Durchschnitt nur um weniges übertraf, zeigte ihre Haltung eine Würde, die überall, wo sie stand und ging, einen tiefen Eindruck hinterließ. Auch jetzt fühlten alle, noch ehe sie mit einem Wort ihr Kommen erklärt hatte, daß eine wichtige Persönlichkeit vor ihnen stünde, und daß es geboten wäre, auf sie zu hören, ehe man sie wieder von dannen scheuchte. Thunderboy erregte ebenfalls beträchtliches Aufsehen. Obgleich seine Gesichtszüge einen ausgesprochenen indianischen Schnitt aufwiesen, besaß er doch wieder manches, was an ein Bleichgesicht erinnerte, manches, was, verbunden mit seinem lichteren Teint, den aufmerksameren Beobachtern auffiel. Aber ganz abgesehen von all diesen Dingen, umgab das sonderbare Paar jene dunkle, indianische Atmosphäre des Geheimnisvollen, eine Atmosphäre von verborgenen Plätzen und Dingen, die in diese nüchterne amerikanische Niederlassung einen Hauch aus einer schattenhaften, fremden Welt trug, deren Wesen und Weben der weiße Mann im Dunkel der nächtigen Urwälder nur von ferne ahnt.

Während dieser Untersuchung glitt Katoyas bohrender Blick eilig von Gesicht zu Gesicht, als suche sie denjenigen ausfindig zu machen, an den sie ihre Worte zu richten hätte.

»Was für Augen,« flüsterte eine Frau. »Sie gehen einem durch und durch; man bekommt die reinste Gänsehaut!«

»Indianische Augen,« entgegnete ihre Nachbarin. »Die Rothäute bedienen sich ihrer, um Worte zu sparen. Das ist so ihre heimtückische Art. Sieh doch nur, wie sie sie auf Ezer Kennedy heftet! Wahrscheinlich hat sie ihn zum Verhandeln sich auserwählt.«

»Sie muß schon tüchtig gerissen sein, um den alten Ezer zu nasführen,« bemerkte eine dritte. »Er ist nicht umsonst hier im Osten aufgewachsen.«

Während dieser ganzen Zeit waren Thunderboys Augen nicht minder geschäftig. Wer – fragte er sich selber – waren nur diese seltsamen Leute, die aussahen, als sei ein Schneesturm nach dem anderen über sie hinweggegangen, ohne daß ihre Gesichter mit dem Frühlingstauwetter ihre richtige dunkle Farbe wiedergewonnen hätten? Dabei war ihre Kleidung ebenso farblos wie ihre Gesichter, ohne eine einzige Glasperle oder Stachelschweinsborste als Schmuck. Auch er musterte forschend den Kreis von Menschen, als suche er in jenen neugierigen Augen, die in seinen Körper förmlich Löcher brannten, einen Teil der geheimnisvollen Seele der Bleichgesichter zu ergründen. Besonders zu einem Gesicht kehrte sein schweifender Blick immer wieder zurück. Es war ein brutales Antlitz mit einem quadratischen Kinn und einem schwarzen, acht Tage alten Bart. Zwischen den dicken, bläulichen Lippen schimmerten die Zähne hervor, aus den quellenden grauen Fischaugen mit den buschigen Brauen funkelte ein harter Glanz, wie von poliertem Stein. Es war ein Gesicht, das seinen Eigentümer auf den ersten Blick von der Menge abhob. Thunderboy betrachtete es um so eingehender, als auch seine Großmutter augenscheinlich die Bedeutung dieses Menschen erkannt hatte und ihre Worte offenbar an ihn zu richten wünschte. Er fragte sich gespannt, was Großmutter wohl sagen würde. Er war überzeugt, ihre Rede würde ihm über die gemeinsame Wanderung nach diesen hölzernen Wigwams, die sich nicht Zusammenlegen und mitnehmen ließen, Aufschluß geben ... Ah, jetzt hub sie zu sprechen an! Er lauschte aufgeregt und mit dem Gefühl, daß eine wichtige Enthüllung bevorstünde. Aber was redete sie da nur? Machte sie Medizin, oder erzählte sie eine merkwürdige Geschichte, die er nicht verstehen konnte? Die Tatsache, daß sie mit ihrer Zunge allerlei Geräusche machte, die durchaus keine indianischen Geräusche waren, die aber einen ihm vollständig unverständlichen Sinn zu enthalten schienen, flößte ihm tiefes Unbehagen ein. Es war ganz so, als höre er eine Elchkuh in der wässrigen Stimme des Eistauchers mit ihrem Kalbe reden.

Besorgt blickte er in das Gesicht des weißen Mannes, mit dem sie sprach, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten, doch des anderen plumpe Züge blieben so ausdruckslos, als wären sie aus Zedernrinde geschnitzt. Plötzlich sah er des Mannes Blick von seiner Großmutter Antlitz abschweifen und sich fest auf ihn selber heften ... Katoya hatte aufgehört, in einer fremden Zunge Medizin zu machen. Auch sie beobachtete gespannt die Wirkung ihrer Worte.

Was immer Ezer auch fühlen mochte, er war nicht der Mann, seine Empfindungen an die Oberfläche sickern zu lassen, gleich Wasser aus einem undichten Eimer. Mit knappen Handbewegungen und wenigen barschen Worten gab er Katoya zu verstehen, er beabsichtige, die Unterredung zu Ende zu führen, wo niemand sie belauschen könnte. Also schritt er ihnen voran auf ein Blockhaus am anderen Ende der Lichtung zu, und da Katoya ihm folgte, tat Thunderboy das gleiche.

Als sie das Haus erreicht hatten und er seine Großmutter hinter Kennedy durch den Eingang verschwinden sah, packten ihn schwere Bedenken. Der hölzerne Wigwam flößte ihm Angst ein. Das dunkle Innere hinter der Tür hatte starke Ähnlichkeit mit einer Höhle. Er aber mißtraute Höhlen. Ehe man ihn bewegen konnte, einen derartigen Unterschlupf zu betreten, pflegte er den Boden im Umkreis stets mit peinlicher Sorgfalt zu untersuchen. War der Erdboden sehr ausgetreten, oder deuteten irgendwelche andere Anzeichen darauf hin, daß die Höhle bewohnt sei, so ging Thunderboy ihr stets als der Behausung irgendeines großen Raubtieres aus dem Wege. Draußen im Walde, wo das Betreten aller Fährten erlaubt war, fürchtete er sich nicht vor Raubtieren, doch eine Spur, die zu einem Höhleneingang führte, führte gleichzeitig zu irgendeiner Gefahr: es war durchaus nicht ausgeschlossen, daß man bei ihrer Verfolgung durch die erstickende Umarmung eines Grizzlys oder den tödlichen Biß einer Mutterwölfin mit einer Schar neugeborener Wolfsjungen begrüßt wurde. Hier sah er sich einer neuen Art von Unterschlupf gegenüber: die Umgebung, so ausgetreten sie auch war, verriet durch keinerlei Spur – keinerlei Federn, nicht durch Knochen oder Abfall – was für ein Geschöpf dort drinnen hauste. Anfänglich blieb er zwölf Schritte davon entfernt stehen, angespannt lauschend und beobachtend, allein, obwohl er seiner Großmutter Stimme und mitunter auch die des Fremden hörte, stand er nicht nahe genug, um die Worte unterscheiden zu können. Als sich dann immer noch nichts Gefährliches auf der Schwelle zeigte, schlich er langsam näher, argwöhnisch das gedämpfte Gemurmel der Stimmen belauschend, verwundert, was sich wohl als nächstes ereignen würde, und ohne auch nur einen Augenblick den Blick von der Siedelung zu wenden, damit niemand sich unbemerkt an ihn heranschleichen könnte.

Katoya betrat die Hütte. Es war nicht das erstemal, daß sie in eines weißen Mannes Behausung weilte. Viele, viele Monde waren vergangen, seit die unbesieglichen Bleichgesichter zum ersten Male in ihr Leben getreten waren. Einmal, als sie sehr krank gelegen hatte und die Wolfsfährte sich bereits in leuchtender Klarheit vor ihren Augen am Himmel abzeichnete, – so klar, daß ihre Mokassins auf dem besten Wege waren, ihre bleiche Spur darauf zu hinterlassen – hatte einer der Schwarzröcke, der Medizinmann der Bleichgesichter, ihr auf seltsame Weise Heilung verschafft und ihre Wanderung längs der Wolfsfährte um nahezu vierzig Jahre hinausgeschoben. Von da an hatte sie ständig in ihrem Herzen eine gewisse Schwäche für die Bleichgesichter gehegt, trotz der klaren Erkenntnis, daß deren Wege nicht immer zum Vorteil ihres eigenen Volkes führten, und daß der weiße Mann mit seinem geraden Schießrohr manch krummen Zweck verfolgte. So kam es, daß hier in der Blockhütte Gestalten, Farben und Gerüche längst entschwundener Zeiten auf Katoya eindrangen. Wieder fühlte sie: sie hatte der Bleichgesichter Kreis betreten, und während sie mit raschem Blick das Innere des Raumes umfaßte und die einst so wohlbekannte und doch so fremdartige Einrichtung musterte, fühlte sie den Schatten der hölzernen Wände sich tiefer und tiefer auf ihr Leben niedersenken.

Kennedy hub als erster zu reden an.

»Wie soll ich wissen, daß es wirklich das Kind ist, das man uns gestohlen hat?« fragte er grob und deutete mit dem Daumen in Thunderboys Richtung.

Zorn funkelte in Katoyas tiefliegenden Augen, nur um sofort wieder zu verflackern. Nichts störte den gemessenen Klang jener eintönigen Stimme, als sie antwortete:

»Du sehen ihn ... sehen seinen Vater!«

Kennedy begriff, was sie damit sagen wollte.

»Vater!« wiederholte er verächtlich. »Er gleicht der Mutter so sehr, wie das Wolfsjunge der Wölfin.«

»Sein Vater – er ebenfalls Wolf,« erwiderte Katoya.

Kennedy runzelte die Stirn.

»Wie dem auch sei – können Indianer hier nicht brauchen,« knurrte er. »Viele Indianer. Viele Wölfe. Nicht gut. Gar nicht gut.«

Er murmelte eine Bemerkung, die für Indianerohren eine schwere Beleidigung bedeutete.

Wieder kam und ging das Flackern in Katoyas Augen, aber sie antwortete mit unerschütterlicher Ruhe:

»Ich dir ihn bringen ... er hier sicher, bis sein Vater wiederkommen.«

Kennedy warf ihr einen hastigen Blick zu.

»Sein Vater ist tot! Indianer – sie ihn töten,« sagte er mit heftiger Betonung.

Katoya schüttelte ihr Haupt.

»Nicht töten. Lebendig gefangen nehmen. Weißer Mann, er gehen mit Indianern lange Fährte nach Westen.«

»Ich sage dir, er wurde getötet,« stieß Kennedy wütend hervor. »Die ›Schlangenindianer‹ haben ihn in dem großen Kampfe getötet.«

Eigensinnig widersprechend, schüttelte Katoya den Kopf.

»Ich weiß es!« war alles, was sie sagte.

Diese drei Worte wurden mit solcher Überzeugungskraft gesprochen, daß Kennedy offensichtlich unruhig zu werden begann. Er hatte die Kunde von seines Bruders Ableben nur allzu bereitwillig geglaubt. Er wünschte, daß der andere tot wäre und tot bliebe. Sonst konnte er selber sich nicht in Sicherheit des kleinen Besitzes erfreuen, den sein Bruder ihm hinterlassen hatte, und ohne fremde Einmischung nach Belieben damit schalten und walten ... Die Nachricht, daß sein Bruder keineswegs tot sei, sondern im Gegenteil jederzeit leibhaftig wiederkehren könnte, um sein Eigentum von ihm zurückzufordern, paßte ihm ganz und gar nicht. War obendrein dieser Indianerbub wirklich seines Bruders Sohn, wie das alte Weib steif und fest erklärte – eine Behauptung, die er nur höchst ungern wahrhaben wollte – so war das noch ein weiterer Grund, um die ganze Angelegenheit möglichst geheimzuhalten. Kennedy verabscheute Katoya. Er haßte bereits das Kind. Was nun gar den Gedanken betraf, sein Bruder könne nicht gestorben sein, so war er ihm in der Seele zuwider. Wenn es ihm nur gelänge, das alte Weib durch Schmeichelei oder Einschüchterungen zu überreden, das Kind wieder mitzunehmen, so würden beide vielleicht doch ihren Feinden in die Hände fallen und das unwillkommene Geheimnis mit in den Tod nehmen. Er beschloß zu tun, was in seinen Kräften stand.

Geduldig, aber ohne sich im geringsten beeinflussen zu lassen, lauschte Katoya seinen Worten. Als Kennedy jedoch merkte, daß all seine Überredungskünste versagten, und zu Drohungen seine Zuflucht nahm, flammte ihr Zorn empor. Mochte er tausendmal ein Bleichgesicht, ein Mitglied der Siegerrasse sein, er war doch nichts weiter als ein Eindringling aus jenen Ländern, über deren Wälder und Gewässer ihre Ahnen von der Zeit an geherrscht hatten, da der Donnervogel zum erstenmal seine Schwingen rührte. Doch um des Knaben willen wollte sie ihren Zorn meistern. Trotzdem erkannte Kennedy ihre veränderte Stimmung, als sie von neuem zu reden anfing.

»Ich kehre um,« sagte sie, »aber er nicht. Wenn du ihn nicht haben wollen, ich ihn lassen bei anderen.«

Bei Erwähnung dieser »Anderen« schlug auch Kennedys Stimmung um. Mehr als alles andere fürchtete er, die übrigen Ansiedler könnten in Erfahrung bringen, was Katoya ihm soeben offenbart hatte. Katoya aber begriff dies auf der Stelle, dank ihrer unheimlichen Gabe, in den Gedanken ihrer Umwelt zu lesen. Von diesem Augenblicke an wußte sie, daß der Seelenfrieden jenes arroganten Weißen ihr auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert wäre. Sie verschwendete daher keine weiteren Worte, sondern wandte sich zum Gehen. Da versperrte ihr Kennedy mit seinem klobigen Körper eilig den Weg.

Katoya straffte sich zu ihrer vollen Höhe und blickte ihm fest in die Augen, und Kennedy las aus jenem einen Blick ›den Willen der Sterne‹.

Was er bisher nur unklar geahnt hatte, war für ihn jetzt zur Gewißheit geworden. In Gegenwart dieser alten Indianerin, der runzligen Vertreterin einer halbbesiegten und doch so gefürchteten Rasse, sah er sich gleichzeitig einer Persönlichkeit und einer Macht gegenüber, stärker noch als die seine, einer Macht, deren rätselhaftes und nur geahntes Wesen ihn bereits mit sonderbarem Grauen erfüllte.

»Wenn du ihnen nichts sagst,« bemerkte er mit einem Fingerzeig auf die Tür, um auf die übrigen Ansiedler zu deuten, »werde ich den Jungen behalten. Es ist gut, daß sie glauben, sein Vater sei tot. Aber wenn du mich verrätst, behalte ich ihn nicht, dann sage ich ihnen, du lögest.«

Katoya neigte das Haupt. Es war ihr gleichgültig, was irgend jemand sagte oder nicht sagte, vorausgesetzt, daß alles dem hohen Zwecke diente, den sie ins Auge gefaßt. Wenn sie ihres Enkels Sicherheit durch Schweigen erkaufen konnte, war sie bereit, bis an ihr Lebensende stumm wie das Grab zu sein. Kam aber sein Vater zurück, um ihn als Sohn anzuerkennen, so würde das von Kennedy gefürchtete Geheimnis sich von selbst enthüllen. In jedem Falle mußte die Zukunft die Entscheidung herbeiführen.

Aber Kennedy stellte noch eine weitere Bedingung. Sie mußte ihm versprechen, sich nicht in der Nachbarschaft aufzuhalten, sobald sie sich von ihrem Enkel verabschiedet hätte, sondern auf immer in der Wildnis zu verschwinden, aus der sie so plötzlich aufgetaucht.

Wieder neigte Katoya das Haupt. Diese zweite Bedingung war unendlich viel härter als die erste. Ihr Enkel war der Stolz und die Freude ihres Daseins. Es war schon schwer genug, ihn der Obhut von Fremden anvertrauen zu müssen, waren sie auch die Stammesgenossen seines Vaters; aber ihn jetzt allein zu lassen, ohne ihn je wieder zu sehen, – auf immer und ewig aus seinem Gesichtskreis zu entschwinden – das war so furchtbar bitter, daß es ihr fast das Herz brach. Doch ihr Herz war indianisch bis in seine tiefsten Tiefen, stark und unergründlich wie die mächtigen Ströme ihres Landes, wetterhart in seiner Kraft, gleich den knorrigen amerikanischen Lärchen, die selbst dem Blitze trotzen und sich im Ungewitter krümmen, ohne zu zerbrechen. So leidenschaftlich sie auch wünschte, ihr Enkel möchte bis auf den Grund seiner Seele ein Indianer bleiben, besaß sie doch Lebensklugheit genug, um zu begreifen, daß sein künftiges Wohlergehen zum größten Teil von seinen Beziehungen zu der weißen Sippe seines Vaters abhinge. Wohl waren die Bleichgesichter Eindringlinge und Störenfriede, allein sie waren gekommen und würden bleiben. Sie waren zu stark und hatten allzu tief schon Wurzeln geschlagen, als daß man sie hätte vertreiben können. Wenn man eine einzelne Siedlung vernichtete, so hieß das nur eine furchtbare Rache über das ganze Volk heraufbeschwören, und eine frische Niederlassung würde sofort an der alten Stätte erblühen. Katoyas klarer Blick drang weit in die Zukunft und erkannte: falls ihr Enkel nicht des weißen Mannes ›Medizin‹ meistern lernte, so waren seine Aussichten, eine gesicherte Existenz zu führen, nur sehr gering. Ohne daher an Kennedy noch ein weiteres Wort zu richten, verließ sie das Blockhaus und ging zu der Stelle hin, wo Thunderboy ihrer harrte.

Dieser spürte ein unendliches Gefühl der Erleichterung, als er seine Großmutter wohlbehalten aus dem hölzernen Wigwam wieder herauskommen sah. Nun, da ihr geheimnisvolles Geschäft, was immer dieses auch sein mochte, beendet war, würden sie natürlich sofort in ihren Wald zurückeilen und des weißen Mannes bedenkliche Behausungen weit hinter sich lassen. Als daher Katoya ihm zu seiner Bestürzung und Überraschung in wenigen knappen Sätzen die soeben getroffene Vereinbarung auseinandersetzte, gab er sich keine Mühe, sein rückhaltloses Mißfallen zu verbergen. Ja, anfänglich erklärte er eigensinnig, nichts würde ihn dazu bewegen, hier zu bleiben, es sei denn, daß man ihm einen Tomahawk an den Kopf würfe. Erst nachdem seine Großmutter ihm zu wiederholten Malen klargemacht hatte, daß seine Sicherheit und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihr eigenes Leben von seinem Gehorsam abhingen, versprach er widerwillig, sich ihren Wünschen zu fügen. Katoyas Abschiedsworte waren sehr bezeichnend:

»Ich folge einer Fährte, die du nicht aufnehmen darfst. Ich begebe mich außer Sehweite deiner Augen und jenseits der Reichweite deiner Stimme. Aber wenn du in Not gerätst, dann sollst du Katoya eine Botschaft senden: du sollst deine Seele ausgießen weit über alle Bäume, bis diese Katoya erreicht. Und Katoya wird dir antworten. Sie wird zu dir eilen, und mögen auch Feinde, so zahlreich wie die dürren Blätter des Herbstes, ihren Weg belauern. Trage kein Feiglingsherz zur Schau vor dem weißen Manne. Zeige ihm, daß ein Indianer sich nicht vor einem Bleichgesicht fürchtet. Und vergiß niemals: sobald du des weißen Mannes Medizin erlernt hast, kehrt Katoya wieder, um dich zu holen.«

Als sie geendet hatte, riß sie ihn fest in ihre Arme, dann schob sie ihn von sich, beide Hände auf seine Schultern gelegt, und schaute ihn lange an. Und aus jenem tiefen, in die Seele dringenden Blick las Thunderboy seiner Großmutter Gedanken besser, als ihre leidenschaftlichen Worte sie ihm einzugeben vermochten. Er fühlte, wie eine seltsame Macht in ihn überging, als stärke ein Teil ihrer ungeheuren Willenskraft seinen eigenen Willen und stähle ihn gegen die Prüfung, die ihm jetzt bevorstand. Er erwiderte ihren Blick mit gleicher Festigkeit. Aus jenen bekümmerten Knabenaugen schaute ihr bereits ein echter Krieger entgegen. Katoyas große indianische Seele schwoll ihr vor Stolz in der Brust, denn sie erkannte, ihr Enkel würde sich den besten Überlieferungen ihrer Rasse nicht unwert erweisen. Dann wandte sie sich wortlos ab und ging langsamen Schrittes auf den Wald zu. Nur ein einziges Mal blickte sie zurück. Am äußersten Rande der Lichtung, wo die bleichen Baumstümpfe sich gleich grauen Wächtern gegen die dunkle Mauer des Waldes abhoben, sah Thunderboy ihre aufrechte Gestalt eine Minute lang verharren, regungslos wie die Bäume selbst. Dann glitt sie zwischen den Stämmen hindurch und entschwand seinen Blicken.

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