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Der Sohn der Hagar

Paul Keller: Der Sohn der Hagar - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleDer Sohn der Hagar
publisherBergstadtverlag
addressBreslau und Leipzig
printrun185. - 204. Auflage
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060912
projectid5d034561
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Erstes Kapitel

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin,
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.«

Die Lore sang schön. Und sie selbst war schön. Die Abendsonne, die durchs geöffnete Fenster schien, bestrahlte ihren blonden Kopf, bestrahlte das Nähzeug, das sie in den kleinen Händen hielt, und überzog selbst die blanke Nadel mit einem leichten Goldschimmer.

»Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein,
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.«

Der Rhein war dieser schleichen Flur fern; aber das Wasser des großen Teiches funkelte rotgolden auf, das tiefe Leuchten ging über seine stille Fläche und stieg am jenseitigen Ufer den kleinen Berg hinauf, wo der vereinzelte wilde Kirschbaum stand, den die Leute den »Wächter« nannten.

Der »Wächter« stand auf einer kleinen Anhöhe wie auf einem Auslugposten und sah übers ganze Dorf weg und übers ganze Tal. Wenn ein Wetter kam, dann wehrte der »Wächter« mit ausgestreckten Zweigen die Blitze ab, daß sie den Häusern nicht zu nahe kämen.

Seit Menschengedenken hatte es in Teichau nicht eingeschlagen; dagegen zeigten sich gelegentlich die Leute mit leiser Furcht und großem Respekt die kleinen Schmarren und Risse wie auch die tiefe Wunde, die der tapfere, treue Baum durch die Wetterstrahlen erlitten hatte. Und wie ein Vorposten war er, den der Wald ausgestellt hatte, der Wald, der ruhig wie ein schlummerndes Heer den Hügel hinauf im ersten Herbsttraume lag.

»Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar –«

»Sing' nich immerfort! Näh' lieber! Bei dem ewigen Gedudele wird nischt fertig!«

Lore erschrak und stach sich leicht in den Finger. Sie sah ihre Tante, die Frau Gastwirt Anna Hartmann, die so plötzlich in die Wirtsstube getreten war, an und sagte leise, aber mit leichtem Trotz:

»Ich näh' ja!«

Ihr Onkel, der Gastwirt Wilhelm Hartmann, der im hohen Schanksims sanft eingeschlummert gewesen war, war durch das Erscheinen seiner Frau jählings erwacht und tat nun, als ob er eifrig Gläser ausspüle. Seine Frau warf einen Blick in seine hölzerne Burg und sagte mürrisch:

»Du könntest lieber amal in a Pferdestall sehn. Es is Zeit zum Füttern, und der Gottlieb wüstet mit 'm Haber, als wenn a gar nischt kostete.«

Darauf verschwand sie. Lore seufzte und zog dann ein schnippisches Mäulchen, Hartmann hörte auf zu spülen, trocknete sich die Hände ab und kam aus dem Schanksims heraus.

»Lore, du kannst singen! Aber sing' leise«, sagte er.

Nach diesem tapferen Ausspruch verließ er das Zimmer, um zu Gottlieb, dem alten Großknecht, in den Pferdestall zugehen.

Einen Augenblick blieb's still in der großen Wirtsstube, dann tönte leise wieder des Mädchens Gesang:

»Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.«

Sie hat ganz zu nähen aufgehört. Im Glase des offenstehenden Fensterflügels betrachtet sie ihr Bild. O, sie ist schön! Hat auch goldene Haare. Und heißt auch Lore. Wenn sie auf dem Felsen am Rheine säße und die Schiffer zögen vorbei und sähen alle voll Liebe und Bewunderung zu ihr hinauf, das wäre herrlich! Es wären viele: der Bernert Bruno, der Postassistent aus der Stadt, der jeden Sonntag kam, der neue Adjuvant aus der Schule, der Forsteleve, sogar der Gendarm, der Witwer war und fünf Kinder hatte. Lore lachte leise. Dann fast alle Bauernburschen und am Schluß der Berthold – Berthold Hartmann, ihr Vetter. Aber der müßte auf einem Schweinetrog fahren, wie er in Ermangelung eines Bootes draußen auf dem Teich manchmal im Schweinetrog ruderte, wenn er das Bedürfnis hatte, ein kaltes Bad zu nehmen. Denn der Trog kippte immer um.

Lore schrie plötzlich auf. Ein großer dunkler Gegenstand sauste durch das breite Fenster herein, und ehe sie noch feststellen konnte, daß es ein gefüllter Bettstrohsack war, kam schon ein zweiter dunkler Gegenstand durchs Fenster, und dieser zweite war Berthold.

»Berthold – du bist ja – du bist ja ganz verdreht – du erschrickst einen –«

Berthold, der auf dem Strohsack hockte, sagte stolz:

»Ja, Lore, das is so! Das is so a feiner Witz, den ich mir ausgedacht hab'! Denn siehste, erst kummt der Sack und dann kommt der Esel.«

Lore mußte lachen.

»Haste dir das wirklich alleine ausgedacht? Das glaub' ich nich«, sagte sie freundlich.

»Nu je, der Gottlieb hat mir a bissel gehulfen beim Ausdenken. Aber daß ich a Strohsack hier reinschmeißen wullte, das is mir ganz alleine eingefallen.«

»Wo kommst'n eigentlich jetz mit dem Strohsack her?«

Berthold zog ein mürrisches Gesicht.

»Ach, die Christel! Die schimpft ja immerfurt uff mir rum. Alle sechs Wuchen muß ich mir a Strohsack neu stuppen. Und jetz, da sind sechs Wuchen reichlich rum. 's hat doch aber keenen Zweck, wo ich jetz zu a Soldaten kumm. Aber wart' ock, wenn ich vum Militär zurück bin, da muck ich uff! Da laß ich mir von der Christel nischt mehr sagen, wo sie doch bloß meine Schwester is. Da stupp ich mir a Strohsack 's ganze Jahr nich.«

»Nu, da wärste ja a recht feiner Schweinigel!«

Berthold versank ins Nachdenken.

»Weeßte Lore, später da wird alles viel feiner. Wenn ich amal heirat', da koof' ich Madratzen. Die fein'n Leute haben überhaupt keene Strohsäcke. Da gibt's nischt zu stuppen. Denkste, der Kaiser stuppt sich 'n Strohsack? Denkt nich dran! 'ne Madratze hat a. Und weeßte, Lore, wen ich mit meiner feinen Ausstattung heirat'?«

Lore wiegte kokett den Kopf.

»Die Hillner Liese, die hat zehntausend Taler.«

Berthold schüttelte sich heftig:

»Nee, die nich, die hat mir zu a schiefes Maul.«

»Nu, dann vielleichte die Mitguden. Die hat gar fünfzehntausend.«

»Fünfzehntausend hat se, und sechzehn Jahr is se älter als ich. Ich mag se nich«, sagte Berthold.

»Na, da wirste die Fischer Selma nehmen. Die hat zwar bloß sechstausend, aber sie is hübsch und jung.«

»Die Fischer Selma nehm' ich auch nich. Denn die hat schon ein'n andern, und das paßt mir nich. Nee, ich werd' dir's sagen. Du mußt's aber ganz für dich behalten.«

Er legte den Mund dicht an das Ohr des Mädchens. »Dich Heirat' ich!«

»O je, Berthold, mit meinen zweitausend Talern! Was würd' da deine Mutter sagen?«

»Wenn ich vom Militär zurück bin, muck' ich uff. Stupp keen Strohsack nich mehr und heirat', wen ich will. Laß mir nischt mehr gefall'n. Ich nehm' dich, Lore, da paß nur mal uff!«

Da in diesem Augenblick draußen Frau Hartmanns scharfe, herrische Stimme hörbar wurde, warf Berthold seinen Strohsack wieder zum Fenster hinaus und setzte ihm eilig nach.

Lore seufzte. Der Berthold war ein starker, hübsch gebauter Bursche. Nur dumm war er. Und seine Mutter würde auch eine Heirat mit ihr nicht zugeben. Die wollte viel Geld.

So kam das Mädchen wieder ins Träumen, schaute ins Fensterglas und betrachtete ihr blondes Bild. Da zogen wieder alle, die in sie verliebt waren, an ihrem geistigen Auge vorüber. Nur der Gendarm mit seinen fünf Kindern war ausgeschaltet.

»Ich sage Ihnen, Hartmann, nischt wie Ärger!« Mit dem zurückkehrenden Gastwirt trat ein Mann ein: Dr. Friedlieb, Gutsbesitzer, praktischer Arzt, Amtsvorsteher und Dorfreformer. Er war Mitte der vierziger Jahre, hatte ein offenes Gesicht, gutmütige, etwas unter den Brauen versteckt liegende Augen und zeigte in seinem Äußern die ganze Vielgestaltigkeit seines Berufes: Er hatte eine blasse Stirn, aber ein robust rotes Gesicht, trug eine goldene Brille und einen Stock mit silberner Krücke, hatte aber langschäftige Stiefel und einen dicken Bauernanzug an, seine Wäsche war tadellos, aber auf seinem Kopfe saß eine filzige Tuchmütze. Verdrossen warf er die Mütze auf einen Stuhl.

»Nischt wie Ärger, nischt wie Borniertheit!«

»Der Herr Dokter ärgern sich ooch gleich immer zu sehr«, sagte Hartmann.

»Soll man sich da nich ärgern? Gleichgültig sein, schlafmützig, tranig? Was? Meine ganze Dokterei bringt mir n'Quark! Weil ich eben nich wie manche von meinen Kollegen 'n Interesse dran Hab', daß die Leute krank sind, nee, daß sie gesund bleiben. Verflucht noch eins, wozu hab' ich denn den Gesundheitsverein gegründet? Wozu halt' ich jeden Sonnabend hier 'n populär-wissenschaftlichen Vortrag? Wozu verbreit' ich nützliche Bücher? Daß so 'ne alte Schwarte, wie die Scherwenken, bei sechzehn Grad Celsius 's Fenster zu hat? In einer Pestluft sitzt? Rausschmeißen müßte man so 'ne alte Schachtel aus 'm Gesundheitsverein. »Jes, jes, Herr Dukter, ich hab' doch a so sehr Zahnreißen!« »Renommieren Sie nich, olle Lichtscheuche!« sagte ich, »Sie haben doch gar keene Zähne mehr!« »Nee, nee, Herr Dukter, aber Wurzeln hab' ich – Wurzeln! – – Sehn Sie, Hartmann, und weil das alte Weib Wurzeln hat, macht sie kein Fenster auf, läßt sie keine Luft rein!«

Hartmann ging nach dem Schanksims.

»Woll'n Sie nich vielleichte 'n Gilka, Herr Dokter?«

»Nee – 'n Mampe! Mir is ganz schlecht um 'n Magen von dieser scherwenkischen Luft. Sagen Sie mal, Hartmann, wie steht's denn jetzt mit 'm Winkler-Maurer?«

»Ach, da fragen der Herr Doktor lieber gar nich erst!«

»Natürlich frag' ich! Sauft er noch so? Hartmann, Sie haben doch aber auch immer gewissenhaft die Chemikalien, die ich Ihnen gegeben hab', in die Flasche getan, aus der Sie dem Winkler einschenken? Wir woll'n ihn retten, ohne daß er's merkt. Verekeln müssen wir ihm den Fusel.«

Hartmann kam aus dem Schanksims heraus.

»Bitte, ein Mampe! Herr Dokter, mit dem Winkler is es schrecklich. Ich hab' immer Ihre Medizin, die ihm's Saufen verekeln soll, in eene Fünfliterflasche getan und ihm daraus eingeschenkt. Eenmal hab' ich mich vergriffen und eene Flasche mit reinem Kornbranntwein erwischt und ihm ein Liter verkauft.«

»Verdammt ja, das wird ihm wieder geschadet haben!«

»Nee, den reinen Schnaps hat a zurückgebracht und gesagt: von seiner Sorte wollt' a haben, die schmeckt ihm viel besser.«

Dr. Friedlieb trank empört seinen Mampe aus.

»Noch 'n Mampe, Hartmann, noch einen – das sind ja – das sind ja – Viecher! Die – die saufen schließlich auch Petroleum! Hartmann, ich geb's auf! Da is ja mit dem allerbesten Willen nischt anzufangen.«

Hartmann zuckte die Achseln.

»Ja, der Winkler-Maurer is undankbar. Ihre Schwester, die Fräul'n Jettel, hat erst jetzt wieder seinen fünf Kindern Winterstrümpfe gestrickt.«

Der schon sehr verärgerte Dr. Friedlieb fuhr auf.

»Meine Schwester, die is – die is – o Hartmann, wenn sie nich meine Schwester wär', würd' ich sagen, sie is 'ne Gans. Eine Riesen-Patent-Ausstellungs-Fettgans! Strümpfe strickt sie! Für Winkler-Maurers Kinder! Damit nur ja dem Kerl die Sorge für seine Familie ganz abgenommen wird, damit er den letzten Heller für Ihren Giftfusel übrig hat. Herrgott ja, die Jettel! Die Frauenzimmer haben ja alle keinen Verstand, aber gar die Jettel – von Verstand, Einsicht, nich die Spur! Ihre Lieblingskatze füttern, die ›Christliche Jungfrau‹ lesen und für die Winklerkinder Strümpfe stricken, das is so ihr Fall, das is so ihr ganzes Menschentum.«

»Sie meint's eben gut, Herr Dokter, mit ihren Almosen.«

»Gut? Almosen sind Mumpitz, mein Lieber! Das müßten Sie doch endlich einsehen. Sind ein ganz elendes Flickwerk! Was ist denn einer Familie damit gedient, daß sie neue Strümpfe bekommt? Bleibt sie nich auch mit neuen Strümpfen im Elend? Nee, mein Bester, Almosen sind 'ne faule Ausrede, sind 'ne Gewissensbeschwichtigung, sind 'ne Bemogelei unserer selbst. Gesunde Lebensbedingungen schaffen, Verhältnisse gestalten, daß niemand 'n Almosen nötig hat, das is das Richtige! Zum Beispiel in diesem Falle dem Manne das Saufen abgewöhnen.«

»Das hat aber eben seine gewissen Schwierigkeiten!«

»Stimmt! Aber das Schwierige allein lohnt sich zu tun. Na sehn Se mal, Strümpfe stricken kann jedes, das is keine soziale Fürsorge. Und was unser Landrat tut, Verfügungen erlassen und uff sozialen Kongressen lange Reden halten, oder blecherne Zeitungsartikel loslassen, das steht noch unterm Strümpfestricken. Das erfüllt keinen andern Zweck, als daß der Landrat endlich mal 'n Adlerorden vierter kriegt. Nee, Hartmann, jeder muß selber eingreifen, jeder in seinem Kreise. Aber nich immer ausflicken, zukleistern oder gar andern die Faulheit und Liederlichkeit stärken, Wege zeigen, Fundamente bauen. Bring'« Se mir jetzt 'n Gilka!«

»Mir scheint, es is Musik im Dorfe«, warf Lore dazwischen.

Dr. Friedlieb wandte sich um:

»Ach, Lore, Sie sind auch da? 'n Abend! Hab' Sie gar nich gesehn. Musik meinen Sie? Warten Sie mal! Ich hör' nischt. Seit ich die verfluchten Polypen im Ohre hab' –«

»Ja, ich hör's auch,« meinte Hartmann, »das werd'n Bettelmusikanten sein.«

»Lore! Lore! Lore! Es sind Bettelmusikanten im Dorfe«, schrie Berthold Hartmann draußen im Hofe und trabte nach der Straße.

Im gleichen Augenblicke öffnete sich die Stubentüre und Christel Hartmann, ein etwa vierundzwanzigjähriges Mädchen, trat kurz ein:

»Vater, es scheinen Bettelmusikanten zu kommen.«

Gleich darauf erschien durch eine zweite Tür Frau Hartmann.

»Mach' endlich, daß du fertig wirst, Lore, 's scheinen Bettelmusikanten zu kommen.«

»Ach nee!« sagte Dr. Friedlieb, »das is unser Neuestes.«

Zum Überfluß kam Gottlieb, der alte Großknecht, aufgeregt herein und wollte etwas vermelden, aber Dr. Friedlieb schnitt ihm die Rede ab:

»Schweigen Sie, Gottlieb, man sieht's Ihnen an. Ihnen scheint, es kommen Bettelmusikanten.«

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