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Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 9
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typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
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8. Kapitel.

Das Glück heftet sich an Werners Fersen. Es wird sprichwörtlich im Klub. Aus der Masse der Mitglieder hebt sich der elegante junge Mann mit den nonchalanten Manieren. Man wird aufmerksam auf ihn. Der Platz des Bankhalters wird jetzt in regelmäßigen Abständen von ihm eingenommen, und wenn er sich mit jener an Arroganz streifenden Miene, mit der der geübte Fechter dem Gegner entgegentritt, an den Tisch setzt, packt ein unbehagliches Gefühl der Ohnmacht die Spieler. Sie wissen, daß sie diesem Mann gegenüber, der zwischen jedem Kartenzug seine Zigarette raucht und sie dann mit seinen langen feingliedrigen Fingern lässig in die Schale vor sich wirft, nicht standhalten werden. Und doch versuchen sie es immer wieder. Aber Werner bezwingt sie. Ungeheure Summen holt er aus ihnen heraus. Hunderttausend, Zweimalhunderttausend, mehr noch. Fast eine halbe Million bringt ihm in kurzen Wochen das Glück der Karten.

Ein Leben in Saus und Braus führt er. Jeder Tag verschlingt hunderte, tausende Mark, die in Geschenken für Mia, in Autofahrten, in Soupers und Barbesuchen, in allem möglichen vergeudet werden. Werner mißachtet das Geld. Am grünen Tisch scheffelt sein Croupier die Banknoten für ihn und er selbst zaubert den Gewinn aus dem kleinen Holzkasten, aus dem er die Karten herausflattern läßt, ganz als ob er sie kommandiert.

Mia bewundert ihn. Im Glanz seines Reichtums sonnt sie sich, wird ein Stern am Nachthimmel der Gesellschaft, die sich nicht langweilt. Ihre Toiletten, deren Pracht und Geschmack im Verhältnis zu Werners Freigebigkeit stehen, fallen auf. Ihre Liebe steigt ins Unermeßliche. Ledig aller Sorgen lebt sie nur dieser Liebe und ihrem Werner.

Der alte Sandhofer schüttelte zwar manches Mal den Kopf, wenn Mia dem Vater im Ueberschwang ihres Herzens von ihrem großen Glück erzählt. Die Mutter ärgerte sich über den Vater. Er hätte auch gar kein Verständnis für die Bedürfnisse von Leuten, die wie Werner und Mia doch in andere Kreise kämen, wo es vornehmer zuginge, als hier in der Pestalozzistraße.

Der alte Sandhofer dachte an den Ursprung des vielen Geldes, dem sein Mariechen das Glück verdankte und meinte, daß ehrlich immer am längsten währt. Aber das sagte er nicht laut, denn er wollte seinem Mariechen nicht wehe tun. Das Kind sollte es niemals erfahren. Es war nur gut, daß es nicht schlimmer geworden – damals! Der Alte hatte sich abgefunden mit der Sache und tat seinen Dienst weiter. Wer er hütete sich, wieder mit der Geldtasche leichtsinnig umzugehen. Gegen das Verbot war er über Mittag nach Haus gegangen und hatte das Geld mitgenommen. Noch ein Mal sollte das nicht geschehen. Er sah sich vor. Wenn man nicht mal in seiner eigenen Wohnung vor Dieben sicher war ...

Dieb?

Sein zukünftiger Schwiegersohn war also ein Dieb ...

Es wollte dem alten Beamten nicht in den Sinn, daß ein Mensch das Schicksal so herausfordern konnte, wie dieser junge Herr Werner. Nun, da dieser so viel Geld mit den gestohlenen Tausendmarkscheinen gemacht, fing der alte Sandhofer allmählich an, die Geschichte zu vergessen und das Unmoralische derselben in einem anderen Sinne zu betrachten.

Werner versuchte sich den alten Leuten erkenntlich zu zeigen. Außer kleinen Aufmerksamkeiten, die er der Mutter zuwandte, nahm man nichts an. Der Vater wies jedes Geschenk zurück. So daß Mia einen schweren Stand mit ihm hatte.

»Laß nur, Kind,« sagte er, »behalte Deine paar Groschen, Ihr wißt nicht, ob Ihr sie nicht noch mal nötiger gebrauchen könnt als ich ...«

Mia hatte jetzt große Pläne. Sie wollte auch in der Kunst weiterkommen. Ihr alter Impresario hatte die Idee, die Konjunktur auszunutzen und Mia, von der ganz Berlin sprach, auf dem Varieté in großem Stil herauszubringen. Er ließ von einem bekannten Modeschriftsteller einen Sketch verfassen, einen sensationellen Einakter, in dem Mia alle Reize ihres Talentes zur Geltung bringen konnte.

Und vor allem sollte sie das Publikum durch eine unerhörte Pracht der Kostüme blenden. Die großen Kosten für die Inszenierung übernahm Werner. Einen Teil zahlte er Herrn Wilhelmi, dem Impresario, sofort an, während er sich verpflichtete, die Restsumme vor dem Antritt des ersten Engagements zu erledigen.

Mia ging mit Feuereifer an das Studium ihrer Rolle. Herr Wilhelmi tutete in die Reklametrompete und kündigte das baldige Auftreten der berühmten Kinodiva an.

Werner oblag seinem täglichen Dienst im Tempel der Fortuna. Ein Tag verlies wie der andere. Nach dem Mittagessen fuhr ihn sein Auto zur weißen Villa im Tiergarten. Dort erwartete man ihn mit Spannung. Mit resigniertem Gleichmut mischte er die Karten, schlug die Schläge, raffte das Geld zusammen. Verzog keine Miene, ob er gewann oder verlor. Denn es gab jetzt auch Tage, an denen sein Glück wankte, an denen der Croupier nicht mit der erbarmungslosen Harke über die grüne Fläche fahren konnte, sondern wo er die Einsätze verdoppeln mußte.

Werners Mienen blieben marmorgleich kalt und unberührt. Er hatte sich immer in der Gewalt und keiner sollte die Genugtuung haben, ihn zittern zu sehen.

Denn das Zittern überfiel ihn jetzt manchmal. Sein Guthaben auf der Bank schwand. In den letzten Tagen hatte ihn ein blödes Pech verfolgt. Die Spieler hatten von ihm einen Teil von dem zückgeholt, was sie gegen ihn verloren.

Noch war er ihnen über. Wenn es heute nicht ging, dann morgen – – –

Aber morgen versagte das Glück wieder. In wenigen Tagen hatte er fast den ganzen großen Gewinn eingebüßt.

Nun war er bald am Letzten.

Diese Zwanzigtausend Mark, die er bei sich in der Brieftasche trug, stellten das Kapital dar, das ihm geblieben.

Es dauerte nicht lange, bis er den letzten Hundertmarkschein auf das Tableau warf. Das Pech riß auch diesen an sich. Im Klub hatte er Kredit. Man wollte den »großen« Spieler halten. Aber dieser Kredit war auch bald erschöpft.

Dann kam es, wie es bei seinem wagemutigen Draufgehen kommen mußte: eines Nachts kehrte er nach Haus zurück ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, ohne Hilfsquellen, ohne jede Aussichten.

Sein Onkel hätte ihm helfen können.

Nur einen Augenblick dachte er an den Generalkonsul.

Er gab es auf. Wußte im Vorhinein, daß er eine Absage bekäme.

Es wurde eine schlaflose Nacht.

Die Karten tanzten vor seinen Augen. Wenn er glaubte; ein wenig eingeschlummert zu sein, spielte er satanische Spiele im Traum, sah Haufen von Banknoten und Chips vor sich türmen.

Dann jagten sich seine Gedanken wie gehetzte Rehe. Suchten nach einem Schlupfwinkel, in den sie sich verkriechen hätten können.

Gegen Morgen verfiel er in einen totenähnlichen bleiernen Schlaf.

Die schrille Glocke der Eingangstür weckte ihn. Er hörte Mias lachendes Zwiegespräch mit seinem Diener.

Wie ein Wirbelwind stob sie in sein Schlafzimmer hinein. Umarmte den wie von einem Albdruck befreiten Geliebten.

»Langschläfer! ... Draußen scheint die herrlichste Sonne und Du verschläfst den Tag!«

Sie setzte sich auf sein Bett. Wie ein lustiges Geplätscher klang ihr Plaudern. Wieviel hatte sie ihm zu erzählen! Das Engagement wäre perfekt und schon in den nächsten Wochen das Debüt. Von der Pracht der Kostüme erzählte sie, die sie soeben gesehen: fix und fertig ... Uebrigens könnte er heute die Restrechnung erledigen, die paar Tausender, sie glaubte, es wären ungefähr 18 000 Mark. Sie hatte sich in den letzten Monaten an den Riesenverbrauch und die großen Summen, die Werner im Spiel umsetzte, so gewöhnt, daß sie den Wert des Geldes nicht mehr schätzte.

Mit einem Ruck erhob sich Werner im Bett.

Teufel auch! Jetzt noch die Verpflichtungen gegen Mia?

Er zwang sich mit aller Gewalt zur Herrschaft über sich selbst. Nur ein gequältes, müdes Verlegenheitslächeln hätte das Gewissen seiner Seele verraten können.

Aber Mias frohe Laune ließ sie auch bei ihren Mitmenschen nur das Schöne und Gute sehen. Ahnungslos war sie zu ihrem Freund gekommen, mit einem Ueberschuß an Lebensfreude, an der jeder teilnehmen sollte, der in ihren Weg träte.

Während Mia dem Diener Anweisungen für das Frühstück gab, überlegte Werner noch einmal seine Lage. Er machte sorgfältige Morgentoilette, denn er kannte keine Situation im Leben, auch nicht die prekärste, die er wenigstens äußerlich nicht als vollendeter Kulturmensch beherrschte. Aber sein Sinnen kam immer wieder auf den toten Punkt. Nichts, woran er sich klammern konnte.

Wie ein Blitz schoß ihm die Erinnerung an den alten Sandhofer durch das Gehirn.

Die Geldtasche – – –

Schon einmal zwang er das Glück.

Er fühlte die Kraft, es von neuem zu versuchen.

Verbrecher?

Er stand vor dem Spiegel, der in dem Kleiderschrank eingelassen war, und band kunstvoll die seidene Krawatte ...

Die Gesellschaft kennt die Moral des Nichtertapptwerdens.

Er blickte in den Spiegel und betrachtete aufmerksam seine totenbleichen Züge. Lächelte gezwungen sein Ebenbild aus dem Quecksilber an.

Warum sollte er ertappt werden?

Dieses Mal wollte er die Geschichte nicht so naiv anfangen, wie damals. Die lumpigen beiden Tausender!

Auf dem Gesicht vor sich im Spiegel zog sich ein überlegener Zug von der Nasenwurzel bis über die Mundwinkel.

Bagatelle! ...

Er wollte einen ordentlichen Griff tun. Die ganze Tasche mit dem Inhalt der Hunderttausende an sich reißen – – –

Als die Krawatte gebunden war und er die kleine Perlnadel hineingesteckt hatte, war der Plan fertig geboren. Bis auf alle Einzelheiten fertig. Und ruhig, mit dem Gefühl der Sicherheit des Gelingens ging er in das Speisezimmer, wo Mia ihn erwartete.

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