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Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
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7. Kapitel.

Werner wirft dem Garderobier Hut und Stock zu. Nimmt die Marke. Blickt flüchtig auf die Nummer: Gerade. Also doch gerade. Alles hing davon ab, ob diese Nummer gerade sein würde. Ehre, Zukunft, Leben und Tod waren in diesen drei Ziffern enthalten, die da schwarz gedruckt auf dem kleinen Stückchen rosa Papier standen.

Aberglauben.

Jeder Spieler hat seinen eigenen Glauben. Jeder stolpert über irgendeinen anderen vernünftig denkenden und handelnden Menschen. Kindisch erscheinende Ursache. Ein Spieler glaubt an das Fatum. An die unbestimmte Bestimmung. Eine Katze, die über den Weg läuft, bringt Unglück. Und eine falsch erratene Zahl nimmt den Mut der Unternehmung. Mut ist alles ... An dem Feigen schreitet das Glück vorüber, hohnlächelnd ...

Im Auto war es Werner, als wenn er auf einem schwarzen Roß dahinflöge, gepeitscht von tausend Teufeln.

Alles stand jetzt auf dem Spiel: Mias Leben und sein eigenes. Wenn die Garderobennummer gerade ist, die ihm Schulz, der Diener, geben wird, würde er mit den gestohlenen beiden Tausendern gewinnen.

Gestohlen?

Er schüttelte sich, als wenn er auf eine Kröte getreten wäre.

In einer Stunde würde er das Geld dem alten Sandhofer zurückgeben. Er zweifelte nicht, daß er Erfolg hätte. Er mußte gewinnen ...

Als er in den großen Saal trat, war das Spiel im Gang. Ein großer, langer, grüner Tisch stand in der Mitte, auf dem mit gelben Linien die Felder geteilt waren. Je sechs Herren saßen zu beiden Seiten, hinter denen viele andere Spieler standen oder auf hohen Stühlen saßen, teilweise nur um zuzuschauen, zu »kiebitzen«. In der Mitte saß der Bankhalter und ihm gegenüber der Croupier, die Hand am Stiel der langen Harke.

»Ich bitte die Herren das Spiel zu machen« sagte der Bankhalter in monotonem Singsang, und nachdem die Chips auf die Tableaus geworfen, fuhr er fort:

»Wenn das Spiel gemacht ist, geht nichts mehr ... Ab dafür!«

Werner stand beobachtend am Tisch. Noch wollte er nicht setzen. Er mußte den richtigen Coup abwarten.

Der Bankhalter zog aus dem kleinen Holzkasten, dem »Schlitten«, der vor ihm stand, eine Karte nach der anderen. Nach jeder Seite gab er zwei Stück aus, sich selber ebenfalls soviel.

»Die Bank hat neun!« sagte der Bankhalter mit demselben gleichgültigen Tonfall, mit dem er die ganze Prozedur des Spiels vollführte. Seine Gesichtszüge schienen unbeweglich, nur einen Augenblick, als er seine Karten umdrehte und den »großen Schlag«, die neun, sah, zeigte sich ein kleines süffisantes Lächeln der Befriedigung in seinen Mundwinkeln.

Der Croupier raffte mit der Harke die Chips und die Geldscheine, die auf dem Tisch waren, zu sich heran und das Spiel ging weiter.

Wieder sagte der Bankhalter:

»Ich bitte die Herren das Spiel zu machen – – –«

Werner überlegte, zögerte. Er hatte die beiden Tausendmarkscheine in der Hand. Sie brannten wie Feuer auf seiner Haut.

Jetzt, da der Bankhalter eben seine Litanei zum Schluß bringen wollte und die letzten Sätze gemacht waren, rief Werner:

»Tausend Mark à cheval

»Ein Ruf von tausend Mark – ich bitte sehr ... erwiderte der Bankhalter höflich.

Werner warf die Banknote auf den Tisch, die der Croupier auf den Strich setzte, so daß sie beide Seiten des Tisches spielte.

»Ab dafür! ...«

Die rechte Seite bat um eine Karte und die linke Seite dankte. Der Bankhalter gab rechts ein Bild aus. Er selbst hatte in seinen Karten ein Bild und eine Zwei, also im ganzen zwei Punkte. Werner stand auf der linken Seite und hatte bei dem Pointeur die Sieben gesehen. Also war keine große Gefahr für seinen Tausender vorhanden. Im schlimmsten Falle hatte er nichts gewonnen. Der Bankhalter zog aus dem Schlitten seine Karte: eine Sechs.

»Die Bank hat Acht!«

Die Bank hatte auf beiden Seiten gewonnen.

Werner zitterte. Eine rasende Angst ergriff ihn. Der eine der Scheine war weg. Nun wußte er nicht mehr, was er tat. Er warf die andere Banknote auf die Seite, an der er stand. Nun sollte sein Schicksal den Weg gehen, den es wollte. Die nächste Minute würde über ihn entscheiden, hol's der Geier!

Während der übliche Vorgang des Spiels vonstatten ging, zündete er eine Zigarette an, die er fast zwischen den Zähnen zerkaute. Nervös paffte er den Rauch in dichten Wolken aus.

Seine Seite hatte den kleinen Schlag, die Acht, und gewann.

Aber Werner hatte allen Halt verloren. Nun wagte er den Doppelcoup. Auch der gewann. Immer weiter ließ er den Satz stehen, gewann zum dritten Mal. Die Bank mußte bereits neuen Einsatz ausschütten.

Achttausend Mark hatte Werner aus seinem Anlagekapital gemacht. Die Hälfte setzte er auf den vierten Coup. Auch dieser schlug für die Pointeure.

Dann verlor Werner wieder. Aber nach einer halben Stunde hatte er fast fünfzehntausend Mark gewonnen.

Als eine neue Bank ausgeboten wurde, beteiligte er sich an der Versteigerung und erhielt den Zuschlag.

Er schob zehntausend Mark dem Croupier hinüber und nahm den Platz des Bankhalters ein. Seine Nerven hatten sich beruhigt. Mit eisernem Willen, dabei die bei ihm gewohnte müde Blasiertheit zur Schau tragend, mischte er die Karten. Er wollte gewinnen. Er mußte ...

Das Glück trug ihn.

Er gewann das Banko und der Croupier konnte nicht schnell genug mit der Harke die großen und kleinen Spielmarken zusammenraffen. Denn jede Karte schlug für die Bank.

Werner hatte ein kleines Vermögen gewonnen. Fast fünfzigtausend Mark. Als er die vielen Banknoten in seine Brieftasche steckte, atmete er auf: Der Reiter über dem Bodensee war am Ziel ...

Der alte Sandhofer fiel ihm ein.

Schnell fuhr er in die Stadt zum Bankgebäude.

Der Bote Sandhofer wäre gerade zurückgekommen, sagte ihm der Kastellan.

Man führte Werner in das Botenzimmer, wo er Sandhofer antraf.

Er bat den alten Mann auf ein Wort unter vier Augen.

Sandhofer begriff nicht. Fragte: wegen Mariechen?

Werner schüttelte den Kopf. Aber er machte die Unterredung dringend.

Draußen in einem entlegenen Winkel des Korridors entdeckte sich Werner. Sandhofer erschrak.

So eine Sünde.

Nein, er habe noch keine Abrechnung gemacht.

Gott sei Dank, alles wäre gerettet.

Der Herr Werner wäre ein furchtbar leichtsinniger Mensch.

Ja, ja, er wußte es – – aber wenn einem das Messer an der Kehle säße ...

Sie flüsterten, damit keiner, der vorüberginge, etwas verstehen könnte.

Werner drückte dem alten Mann die beiden Banknoten in die Hand, die dieser schnell wegsteckte. Als ihm Werner einen dritten Schein als Belohnung geben wollte, wies er ihn zurück.

»Ich nehme kein Sündengeld, Herr Werner!«

Aber er verzieh dem jungen Mann den Fehltritt. Er habe wohl nicht bedacht, wie er ihn, den Sandhofer, seine Frau und das Mariechen ins Verderben hätte bringen können. Er wollte nichts davon zu Haus erzählen. Für alles in der Welt nicht. Die Weibsleute halten keinen reinen Mund und er freue sich, daß noch alles so gut abgelaufen sei.

Dann ging der alte Mann schnell wieder zum Botenzimmer zurück. Aber innerlich kam er noch lange nicht darüber zur Ruhe, daß er, ohne es zu wissen, in großer Gefahr gewesen war ...

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