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Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
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6. Kapitel

Werners Situation, seine Lebensmöglichkeit wurde immer schwieriger. Haltlos schwankte er von einem Tag in den anderen. Im Spiel wechselte das Glück. Es gab Wochen, in denen er im Gelde schwamm, dann wieder erwischte ihn das Pech und er wußte nicht, wie er Mias kleine Bedürfnisse, das gewohnte gemeinschaftliche Abendessen, seine eigenen Rechnungen bezahlen sollte. Er lebte eigentlich nur vom Spiel. Ein richtiges Abenteurerleben, der Gunst der Minute ausgesetzt. In trüben Stunden, wenn seine Lage ihm zum Bewußtsein kam, ekelte ihn dieser Zustand an, und er sehnte sich nach der Führung seines Onkels, der ihm mit guten Ratschlägen immer beiseite gestanden. Im Kern seines Wesens war Werner ein Mensch mit gutem Willen. Die Lässigkeit des gewohnten Hin und Her, das er durch Jahre geführt, hatte ihn schwach gemacht und ihn jetzt, da er den Halt der Familie verloren, noch tiefer auf die Rutschbahn des Lebens gebracht.

Er wollte mit aller Gewalt wieder in die Höhe.

Machte den Versuch einer Annäherung an den Onkel Generalkonsul. Er telephonierte an das alte Faktotum Fritz und fragte ihn nach der Stimmung des Onkels aus. Der Diener, der mit großer Liebe an Werner hing, ging schüchtern zum Onkel in das Herrenzimmer.

»Herr Generalkonsul verzeihen – – Herr Werner ist am Telephon und möchten den Herrn Generalkonsul so arg gern sprechen ...?« Aber Kunzmann, der seit dem Abgang seines Neffen ein weltfeindlicher Mann geworden, fauchte den guten alten Fritz wie ein bissiger Tiger an:

»Daß sich der Bengel noch erfrecht, mich anzurufen! – – – für den Kerl bin ich nicht zu Haus! ... ein für alle Mal – – verstanden!«

Der alte Diener fuhr zurück. Wollte noch ein gutes Wort einlegen. Aber Kunzmann verließ das Zimmer und warf mit lautem Krach die Tür hinter sich zu.

Also war dieser Versuch gescheitert.

Am selben Abend hatte Werner ein verteufeltes Pech beim Baccarat. Jeder Coup, den er setzte, ging fehl. Bis er den letzten Fünfzigmarkchip wagte, den die Harke des Einkassierers dann ebenfalls vom Tisch holte.

Am anderen Mittag ging er zu Mia, bei deren Eltern er als rechtmäßiger Bräutigam schon längst beglaubigt war. Mia hatte mit kindlicher Naivität ihrer Mutter ihr Herz ausgeschüttet, ihr alles erzählt. Und man sprach bei Sandhofers von einer zukünftigen Heirat der beiden Liebenden. Werner ließ das Thema unbeantwortet, wenn darauf die Rede kam. In der Tat dachte er nicht so weit, aber er wollte Mias Eltern nicht betrüben und ließ sie bei ihren bürgerlichen Ansichten von Heirat und Kindersegen.

Als er die Treppen hinaufstieg in diesem Haus der kleinen Leute, wo der Geruch sauber gescheuerter Flure sich mit den an den Tapeten und in den Gardinen sitzen gebliebenen Ausdünstungen von Wirsingkohl und anderen Kochprodukten mischte, kam ihm die ganze Schiefheit seiner Lage wie eine Magenverstimmung vor. Einen ordentlichen Kognak darauf – – oder ein tüchtiges Abführmittel – weiß der Teufel! Wenn man nur einmal den richtigen Anschluß an das Glück fände?

Ja, das Glück?

Das suchte er nun Tag für Tag in dem Tempel, wo auf den grünen Tischen die Spielteufelchen hin und her hüpfen, vor ihren Lieblingen das Geld aufschütteten und denen, die sie nicht leiden konnten, die Brieftaschen leerten. Wenn er so ein garstiges Spielteufelchen einmal erwischen könnte – es sich ihm dienstbar zu machen? Er dachte, daß er von Mia sich ein paar Hunderter borgen müßte (schon manchmal hatte sie ihm aus der Patsche geholfen). Dann würde er das Geld auf das Tableau werfen: einmal durchstehen lassen, zweimal, dreimal, viermal ... endlich müßte er doch die Serie erwischen, diesen Traum des glückhaften Bacspielers.

Oben in der Wohnung mußte er im Wohnzimmer warten. Die Mutter sagte, daß der Vater auf einen Sprung mit herangekommen wäre, da er am Savignyplatz in der Filiale der Bank zu tun hatte. Mia steckte aus ihrem Zimmer das unfrisierte Wuschelköpfchen heraus, begrüßte ihren Freund und bat ihn, einige Minuten zu warten.

»Pfui! Wie kannst Du auch so früh kommen – und ohne erst anzurufen?«

Werner setzte sich in den großen strohgeflochtenen Sessel am Fenster, vor dem der Mutter Nähtischchen stand. Er blickte zerstreut im Zimmer umher. Er dachte an das Spiel. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf die Art, wie er heute Nachmittag, gleich wenn er von hier wegginge, operieren wollte. Er ist so sehr mit seinen Spielproblemen beschäftigt, daß ihm jede andere Beziehung zu den Abwechselungen des Lebens ermangelt. Nicht einmal seine Liebe kann ihn von seinem Gedankengang abziehen. Ihm ist wie dem Ertrinkenden, der schwimmend mit allen Kräften den rettenden Balken zu erreichen sucht.

Wenn er eine größere Summe hätte? Ein paar Tausender ... Die beiden Blauen, mit denen Mia wahrscheinlich ihm unter die Arme greifen würde ...? Zum Lachen!

Plötzlich weiten sich seine Augen.

Er steht leise vom Sessel auf und geht an den großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers steht.

Da liegt Vater Sandhofers Ledertasche, in der der Kassenbote die großen Vermögen umherschleppt, von der Reichs-Bank zum Kassenverein und zu den Filialen der Großbank. Ein Vermögen liegt wahrscheinlich da drinnen zwischen den dünnen Lederwänden?

Ein seltsames Gefühl packt Werner.

Er geht am Rande des Abgrundes wie ein Mondsüchtiger. Das Bewußtsein von Schrecklichem steigt ihm in den Hals, drückt ihm die Kehle zu.

... Bist Du so nahe dem Verbrechen?

Irgendein Dämon flüstert ihm ins Ohr:

»Versuche!«

Von einem ihm selbst sich nicht klar werdenden Entschluß gepackt, beugt er sich über die Tasche. Lauscht. Im Nebenzimmer hört er Mias Stimme, die ein lustiges Kabarettliedchen singt. Hinter der anderen Tür ist der Korridor, an dem die Küche liegt, wo der alte Sandhofer sein Mittagsmahl zu sich nimmt.

Die Gelegenheit.

Immer ist es die Gelegenheit, die uns verführt.

Die Tasche ist offen. Werner hat das Schloß versucht, das nur eingeknipst war.

Wie ein Wunder starrt er die dicken Pakete der Geldscheine an.

Nein – den alten Mann unglücklich machen will er nicht. Er denkt an Mia und das Gefühl inniger Zuneigung zu dem jungen lebensfrohen Geschöpf läßt ihn erzittern.

Wenn er zwei Scheine aus einem der Tausendmarkbündel entnehmen würde, könnte das Fehlen nicht gleich bemerkt werden. Und bis der Kassenbote am Spätnachmittag abgerechnet hätte, würde er mit diesen beiden Tausendern vielleicht schon sein Glück gemacht haben.

Jetzt ist es halb zwei. In einer halben Stunde wird die erste Bank im Klub gezogen ...

Mit schnellem Griff entnimmt er zwei dünne braune Scheine dem Bündel, legt alles wieder ordentlich in die Tasche, knipst das Schloß zu.

Dann klopft er bei Mia an.

»Puppchen! ... ich verlasse Dich jetzt, ich klingele um 4 Uhr an – ich habe etwas sehr wichtiges vor!«

Mia öffnet die Tür. Bereits frisiert lacht sie ihn mit dem Sonnenschein ihrer großen Augen an. Küßt ihn, indem sie die aus dem Morgengewand nackt herausragenden schönen Arme um seinen Hals legt.

»Geh, Du Bösewicht, wenn Du keine Zeit für mich hast!«

Sie will schmollen, aber Werner, von innerlicher Angst um das Glück geplagt, entwindet sich der Umarmung und fast frostig sagt er, eilig seinen Hut nehmend:

»Entschuldige mich, Puppchen – aber ich habe Eile.«

Das Auto saust in den Tiergarten. Nach einer Viertelstunde hält der Wagen vor der weißen Villa, dem Heim des Victoria-Klubs.

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