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Der Skandal im Viktoria-Klub

Edmund Edel: Der Skandal im Viktoria-Klub - Kapitel 14
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typefiction
authorEdmund Edel
titleDer Skandal im Viktoria-Klub
publisherKurt Ehrlich, Verlag
printrun25. Tausend
year1919
firstpub1919
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13. Kapitel.

Der Polizeipräsident sagte:

»Sehr gut, lieber Kimbell ... also Sie haben meinem alten Freund Kunzmann die Geschichte schonend beigebracht? ... Uebrigens, unter uns, ich halte den Assessor nicht für den Täter.«

»Ich auch nicht ... Die neue Spur, die ich entdeckt habe, bestätigt meine Annahme – Hier sehen Sie, Herr Präsident – –«

Der Detektiv zog ein paar kleine weiße Damenhandschuhe aus der Brieftasche und wendete den einen Handschuh um:

»Der Handschuh ist chemisch gereinigt – da steht die Nummer, die die Waschanstalt hineingeschrieben. Ich bin im Begriff, diese Waschanstalt ausfindig zu machen. Wenn ich soweit bin, werde ich weitersehen und die Besitzerin der Handschuhe wissen – –«

»Famos! – – Es wäre mir jedenfalls auch persönlich sehr angenehm, wenn wir den lästigen Verdacht, der auf dem Assessor ruht, aus der Welt schaffen können. – Eine peinliche Affäre, die meinen alten Freund Kunzmann das Leben kosten kann – – Na, über die kleine Entgleisung damals, die sich der junge Mann geleistet hat, ist ja Gott sei Dank Gras gewachsen.«

Der Detektiv Kimbell nickte bestätigend mit dem Kopf und erwiderte:

»Wenn der alte Sandhofer nicht plaudert, erfährt keine Katze davon – –«

»Uebrigens gratuliere ich Ihnen noch zu der vorzüglichen Rolle, die Sie da durchgeführt haben – als Doktor Winninger gelang es Ihnen, den alten Kassenboten auszuforschen?«

Der Detektiv verbeugte sich geschmeichelt.

Der Präsident fuhr fort:

»Aeh – ja – wissen Sie, man hat mir erzählt, daß der Assessor Kunzmann ein verteufeltes Glück im Klub gehabt hat– – – Apropos Viktoria-Klub! Wir haben da eine Mitteilung aus Budapest bekommen, auf einen berüchtigten Falschspieler Obacht zu geben, der die Gewohnheit hat, unter einem aristokratischen Namen in den ersten Kreisen der Gesellschaft zu verkehren. Hier sein Signalement und Photo – –«

Der Präsident reichte dem Detektiv ein Aktenbündel herüber.

Kimbell blätterte darin und entnahm das Photo, das er in die Tasche steckte.

»Gehen Sie doch unter irgendeinem Vorwand in den Viktoria-Klub und sehen Sie mal nach, ob der Gentleman vielleicht dort arbeitet – – aber erwischen Sie ihn, bitte, das sind Sie Ihrem und unserem Ruf schuldig!«

Der Präsident war sehr guter Laune und entließ den Detektiv mit gnädigem Lächeln. Er freute sich, daß die ominöse Angelegenheit Werner Kunzmanns Aussicht hatte, im Verborgenen zu bleiben, denn er liebte es nicht, die Hand im Spiel zu haben, wenn in der »Gesellschaft« irgendetwas faul war – – man mußte Rücksichten nehmen. Und es war nicht nötig, die unteren Klassen auf die Schäden der oberen Zehntausend aufmerksam zu machen ...

Ein neuer Diener stand im Ecartézimmer des Viktoria-Klubs an der Breitseite des langen schmalen Tisches, den Winken der Spieler gewärtig. Er notierte die Höhe der Einsätze und schrieb das Kartengeld auf die an der Wand hängende schwarze Tafel.

Das Spiel war im Gang. Aber die Beteiligung noch nicht groß. Man wartete auf den gewohnten Chouetteur, den Bankhalter beim Ecarté, den Baron Ralsky, dessen Kartenglück und forsches Draufgängerspiel ihn in der kurzen Zeit, da er dem Klub angehörte, sprichwörtlich geworden war. Man hielt ihn für den besten Beherrscher des Ecartés, dieses Handspieles, zu dessen Meisterung neben guten Karten auch kühle Berechnung und Ueberlegung gehört. Ecarté ist nicht ein ausgesprochenes Glücksspiel, denn es unterliegt scharfer Kombination und richtiger Beurteilung des Gegenspielers.

Baron Ralsky war zugleich ein glücklicher als auch geschickter Ecartéspieler. Seine Art, die Karte des Gegners zu erraten und sie auszunutzen, erregte Staunen und Verblüffung. Er gewann fast immer und die Spieler, die sich jeden Tag von Neuem schworen, nicht mehr gegen ihn zu setzen, versuchten doch immer wieder ihr Glück gegen ihn, wie die Motten, die gegen die Flamme fliegen, von der sie wissen, daß es sie unbarmherzig verbrennen wird.

Der neue Klubdiener merkte auf, als der Baron an den Tisch trat.

»Ich bitte die Herren, ihre Sätze zu machen,« sagte der Baron Ralsky. Er sprach bestimmt, sicher, mit leisem fremdländischen Akzent.

Er nahm an der Längsseite des Tisches Platz, an der Wand. Bat die Zuschauer, von seiner Seite sich zu entfernen. Man wußte, daß er es liebte, allein die Sätze zu halten und daß er keinen Berater, wie sonst üblich, neben sich duldete.

Die Spieler setzten auf das in kleine Nummernfelder eingeteilte Brett die Wettbeträge. Der Baron zählte schnell die Anzahl der Chips zusammen.

»12 750 Mark – also ab dafür!«

»Ich bitte um Ruhe!« rief der Spielleiter, da sich die Herren ziemlich laut unterhielten.

»Herr Assessor Kunzmann, darf ich Sie ersuchen, Ihre gewiß sehr interessanten Mitteilungen nach Beendigung der Partie zu machen,« wiederholte der Spielleiter.

Der neue Klubdiener warf einen Blick auf Werner, der lächelnd unter die Gruppe der Zuschauer trat und aufmerksam dem Gang des Spiels folgte.

Die Karten wurden verteilt.

Der Baron schlug den König als Atout um und legte einen Punkt an. Den ersten Gang gewann er ebenfalls mit einem Punkt. Beim zweiten Gang hatte der Gegenspieler einen schweren Stand. Die beteiligten Spieler, die »Ponte«, war sich nicht darüber einig, ob man die Karte in der Autorität, das heißt ohne neue Karten zu kaufen, spielen sollte.

»Was meinen Sie, Kunzmann?« fragte der kleine Rechtsanwalt Müller.

Werner zuckte mit den Schultern.

»Bedaure – ich bin nicht auf dem Brett, meine Herren, ich spiele nicht mit und darf daher nicht beraten – –«

Der Baron saß in gelassener Ruhe an der Wand und schaute eindringlich seine Gegenspieler an.

Der neue Klubdiener beobachtete. Die Herren waren in erregter Debatte. Der Diener drehte sich gegen die schwarze Tafel und zog schnell ein Photo aus der Tasche, auf das er einen flüchtigen Blick warf.

Es stimmte. Der sogenannte Baron Ralsky dort an der Wand war der aus Budapest avisierte Falschspieler.

Aber es war schwer, ihm auf die Schliche zu kommen. Der Detektiv Kimbell dachte, daß beim Ecarté die Möglichkeit des Falschspielens nicht sehr groß wäre. Vielleicht könnte man den höchsten Punkt, den König, im Wege der Volte aufschlagen. Aber Kimbell, der als Klubdiener fungierte, hatte den festen Willen, den Baron auf frischer Tat zu ertappen.

Man entschied sich, zu proponieren, das heißt Karten zu verlangen. Der Baron aber verweigerte das Propos und spielte aus der Hand. Gewann, legte einen weiteren Punkt an.

Man wunderte sich darüber, daß der Baron mit seiner verhältnismäßig schlechten Karte den Punkt gewinnen konnte.

»Ein Reißer, der Herr Baron,« sagte Rechtsanwalt Müller, »er wagt die ganze Miete –«

Der Baron gewann die Partie und zog das Geld ein.

Der Detektiv stand auf seinem Posten und konnte nicht auf den Trick kommen, den der Baron anwendete, um seine Spiele mit Sicherheit zu gewinnen. Er beobachtete ihn scharf, er rief sich alle Schliche ins Gedächtnis zurück, die beim Falschspielen beobachtet worden waren, aber dieser Baron mußte ein Erzgauner sein, der ein ganz neues System erfunden hatte.

Werner spielte nicht. Nur ein einziges Mal setzte er 100 Mark. Und diese Partie wurde von der Ponte gewonnen. Werner schien mit großem Interesse das Spiel zu verfolgen und stand dicht hinter dem Stuhl des Gegenspielers.

Kimbell dachte, daß irgendein Zusammenhang vielleicht bestände zwischen dem Baron und einem der Gegenspieler. Aber er hatte die Liste der Mitglieder des Klubs durchgesehen, die alle von einwandfreiem Rufe waren und den ersten Gesellschaftsschichten der Stadt angehörten, über jeden Zweifel erhaben.

Nach einer Stunde hörte der Baron Ralsky auf. Er schickte die Chips zum Einwechseln an die Kasse, steckte die Kassenscheine in seine Brieftasche und empfahl sich mit kühlem Gruß.

Die Spieler waren in deprimierter Stimmung.

»Das geht nun jeden Tag so,« sagte der Rechtsanwalt Müller, »immer dieselbe Ausmistung! ... Na, denn man ran, meine Herrschaften, ich biete 1000 Mark! ...«

Er übernahm den Platz des Barons und das Spiel setzte sich fort.

»Mir setzen Sie nichts an,« jammerte der kleine Mann an der Wand, als das Wettbrett nur sehr mager gepflastert wurde.

»Wenn man in der Brenne gelassen ist ...!« meckerte Direktor Schönhardt, »rufen Sie doch Ralsky, vielleicht gibt er Ihnen was zurück!«

Der neue Klubdiener schrieb den Namen des Rechtsanwalts Müller an die Tafel und notierte das Kartengeld. Dann winkte er einen anderen Diener und ging.

Am Abend berichtete Kimbell dem Polizeipräsidenten:

»Der Falschspieler nennt sich Baron Ralsky. Ich habe ihn beobachtet, aber bin noch nicht hinter seinen Trick gekommen. Als er den Klub verließ, fuhr er direkt in seine Wohnung ...«

»Na und weiter – – ist das Alles?« fragte der Präsident.

Zögernd setzte Kimbell fort:

»Eine halbe Stunde, nachdem der Baron zu Hause angekommen, hielt ein Auto vor der Haustür des Barons, aus dem der Assessor Kunzmann stieg. Er blieb kurze Zeit oben und kehrte dann mit demselben Auto in den Klub zurück.«

Der Präsident schlug mit der Faust auf den Tisch:

»Donnerwetter! Sollten die Kerls unter einer Decke stehen?«

Kimbell zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Ich glaube, jetzt werde ich den Zusammenhang finden,« sagte er.

Der Präsident schien nicht sehr angenehm von Kimbells Entdeckung berührt zu werden.

»Wenn da etwas mit dem jungen Kunzmann nicht stimmen sollte, könnte man den Baron vielleicht lieber sang- und klanglos abschieben – Sie wissen doch, meines Freundes, des Generalkonsuls, wegen ...«

Eine schöne Patsche, in die man durch diesen leichtsinnigen Burschen hineingerät, dachte der Präsident und trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch.

Dann sagte er laut:

»Ich werde mit dem Generalkonsul sprechen. Er muß seinen Neffen wieder standesgemäß unterhalten, damit die Dummheiten aufhören ... Mit diesem sogenannten Baron werden wir ein Wörtchen unter vier Augen sprechen und ihn über die Grenze spedieren – – –«

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